Schlagwort: Baerwaldbad

  • 25-05-13 Die Stunde des Gartenfalken

    25-05-13 Die Stunde des Gartenfalken

    Madame brachte ungesponnene Schafwolle auf den Beeten aus. Dabei bestimmte sie einen Wiesenbocksbart.

    Meine Holzhacktechnik verbessert sich. Das Körpergedächtnis kehrt zurück.

    Beim Erholen vom Holzhacken gelesen: Ein Hof und 11 Geschwister. Dolles Buch. Nachdem mich quasi schon die gesamte Familie dazu gedrängt hatte. Später mehr. Ich habe mich extra nach dem ersten Drittel gestoppt, damit ich länger etwas vom Text habe und demnächst weiterlesen kann.

    Es ist zu trocken. Die mittelmärkische Flora legte eine Blühpause ein. Die Äpfel sind endgültig durch. Aber Mohn, Pfingstrosen und andere machen keine Anstalt nachzulegen. Einzig Knautzien und Skabiosen – beide auch wild in der Wiese – zeigen erste Blüten.

    Das Essen blieb saisontypisch: geschälter Spargelbruch direkt vom Spargelhof. Am Samstag mit Rührei, am Sonntag mit Merguez. Madame hatte aus Frankreich noch rosa Kekse mitgebracht, auf deren Packung zwei Gläser Sekt abgebildet waren. Wir griffen die Anregung Samstagabend auf.

    Der Spargelhof weiß wie das mit den Verkaufen funktioniert. Er stellte die duftenden Erdbeeren genau in den schmalen Durchgang. Wir wurden schwach, haben das teure Vergnügen aber nicht bereut: sie schmeckten so herrlich wie sie rochen.

    Berlin-Nachklänge

    Im Berliner Treppenhaus mal wieder ein neuer Briefkasten. Diesmal mit chinesischen Nachnamen. Wir vermuten, dass durch die Hauserwerfungen der letzten Jahre viele Schlüssel der Originalbriefkästen verloren gingen, neue Mietparteien jetzt immer gleich einen neuen Briefkasten statt eines Schlüssels bekommen.

    Ein Nachtrag zu Samstag: Madame war in den 2010ern noch im Baerwaldbad Schwimmen und Aquagymnastiken. In den letzten Jahren seiner Öffnung, als Stadt und Bezirk das marode Bad schon erfolgreich an einen privaten Verein abgeschoben hatten, hatte dieser Hallenzeiten an den Unisport der TU Berlin untervermietet.

    Der Unisport war auch für nicht Uni-Angehörige offen (und ist es immer noch, vielleicht auch ein Tipp für andere Städte) und so landete Madame im besondersten aller damaligen Berliner Bäder – und war nachhaltig beeindruckt.

    Meermoabit sammelt rote Kastanien. Vor dem Baerwaldbad steht eine.

    Das Rätsel des nächtlichen Besuches ist gelöst

    Am Wochenende war Stunde der Gartenvögel. Diese ließen uns etwas hängen. Dafür hätten wir jede Menge Garteninsekten und selbst Säugetiere bieten können.

    Noch auf dem Parkplatz in Berlin: Eine Hornisse.

    Auf der Anfahrt zu den Latifundien: ein Fuchs am hellichten Tag am Straßenrand. Als wir anhielten um zu filmen, ging er faul durch den Grünstreifen auf das nächste Feld, hat sich da erstmal hingesetzt und am Ohr gekratzt.

    Auf der Rückfahrt: ein gigantischer Igel, der vor uns die Straße kreuzte. Bei seinem Anblick konnte ich vollumfänglich den englischen Begriff „hedgehog“ für den Igel nachvollziehen.

    Im Garten viele Bienen aller Art, viele Solitärwespen und besonders zutrauliche Holzbienen. Die eigentlichen Vögel hörten wir eher als dass wir sie sahen: Nachtigall, Rotschwanz, Kuckuck. Wirklich gesehen: eine Kohlmeise, zwei Spatzen, vermutlich Elstern.

    Großer Star unserer Zählung war ein eher ungewöhnlicher Gartenvogel: der Turmfalke. Dieser jagte anderthalb Tage lang über den Nachbaräckern, flog mal tief über den Garten, dann hoch in der Luft rüttelnd. Dann in unruhigen Flug in weiter Entfernung, dann wieder knapp hinter dem Zaun.

    Einen anderen Besucher haben wir immer noch nicht Aug-in-Aug gesehen. Aber seit Jahren haben wir, sobald wir Nachts das Auto abstellen, am nächsten Morgen lehmige Pfotenspuren auf Rückfenster und Dach sowie eine Rutschspur-mit-dem-Arsch auf der Frontscheibe. Unser Verdacht war eine Katze – aber eine recht dreckige.

    Die Wildkamera löste dieses Rätsel: Die Dreckspatz-Katze ist in Wahrheit ein Marder.

    150/180

    Die Note für die letzte Fernuni-Klausur des Wintersemesters kam. Informationsmanagement ist bestanden. Damit ist der aktuelle Stand im Bachelor Wirtschaftsinformatik.

    Pflichtveranstaltungen

    • BWL 35 von 35 nötigen ECTS ✅
    • VWL 5/15
    • Mathematik 20/20 ✅
    • Informatik 30/30 ✅
    • Wirtschaftsinformatik i.e.S. 40/40 ✅

    Wahlpflicht

    • Seminar 10/10 ✅
    • Freies Modul 10/10 ✅
    • Wirtschaftsinformatik-Modul 0/10

    Bachelorarbeit 0/10

    Damit sind 150 von 180 ECTS erworben.

    Nach Plan kommen die letzten 30 ECTS dieses Semester. Subplan: Fast alle Zeit und Energie geht in die Bachelorarbeit. Die beiden „normalen“ Klausuren (Knowledge Management und Mikroökonomie) werden halt Augen zu und knirsch.

    Auch entdeckte ich in den letzten Wochen: Würde ich dieses Semester einfach alle geplanten Sachen lassen und nur das freiwillige Modul „Lineare Algebra“ belegen, würde mir die Bachelorarbeit leichter fallen. Irgendwie schreibe ich nominell im Bereich BWL, ein Großteil meiner Literatur stammt aber aus der Mathematik. Gerade lud ich aus der Bibliothek das PDF zu „Linear Programming – Foundations and Extensions“ herunter.

    Falls die Bachelorarbeit nichts wird, hab ich durch das Buch dennoch einen persönlichen Gewinn. Denn „The latest edition now includes … an application of integer programming to solve Sudoku problems“.

    Sizzle Drizzle und Riz Casimir

    Die Financial Times wirft einen kritischen Blick auf Sam Altmans (OpenAI/ChatGPT) Küche: His kitchen is a catalogue of inefficiency, incomprehension, and waste. If that’s any indication of how he runs the company, insolvency cannot be considered too unrealistic a threat.

    Frau Zimtkringel kocht ein Schweizer Traditionsgericht, und genau das wird es Montag Abend bei uns zum Essen geben: Riz Casimir – Kindheitserinnerungen

    Poupou stellt veganes Pistazieneis her.

    Die Kaltmamsell wandert durch Wolfratshausen und Schäftlarn. Die einzige Gegend im Großraum München, in der ich mich dank elincognito ein wenig auskenne. Die Hälfte der Lektüre erwartete ich halb, dass elincognito hinter einem Busch hervorspringt und „buh!“ ruft.

    south spielt mit dem Großen Halluzinator

    Hallo namenloser Halluzinator. Bitte gib mir eine Illustration und Empfehlungen passend zum oben stehenden Artikel. (Anbei eine kuratierte Auswahl, in Wahrheit laufen etwa 25 Prompts mit einer hohen zweistelligen Anzahl an Empfehlungen. Ich nehme natürlich das, was ich am spannendsten finde.)

    Empfehlungen

    Der Halluzinator hat diesmal heftig halluziniert. Jede Menge nicht vorhandene Bücher, Filme, Schwimmbäder und Seen vorgeschlagen.

    Andererseits: die Verbindung von Song und Duft war auch seine Idee – und die ist ziemlich genius.

    Eine wieder durch mich vorgenommene subjektive Auswahl der Empfehlungen:

    Film

    Le quattro volte“ (2010, Italien)
    Begründung: Vier Lebenskreise in Kalabrien – Baum, Ziege, Mensch, Rauch. Wie ein verlängertes Beobachtungswochenende. Ein leiser, fast wortloser Film über Ziegen, Erde, Zeit und Wandel im ländlichen Kalabrien. Warum: Er spricht mit Turmfalken, nicht mit Erklärungen.

    Essen

    Pfannen-Merguez mit lauwarmem Linsensalat und Senfkräuter-Vinaigrette.
    Begründung: Nährt und wärmt nach dem Holzhacken, würzig wie der Marderbesuch.

    Buch

    Gertrud Kolmar – Lyrik und Prosa (z.B. aus Die Frau und die Tiere)

    Warum:
    Kolmar, die stille Schwester von Walter Benjamin, schreibt in einem Mischton aus Naturbetrachtung und innerem Beben. Ihre Tiere sind keine Metaphern, sondern Gegenüber. In einem ihrer Texte: ein Igel im Garten. Ihre Sprache hat etwas von der Wolle: rau, strukturiert, warm. Und sie kennt den Rand von Berlin besser als jede andere Schriftstellerin ihrer Zeit.

    Essay

    John Berger: Why Look at animals // Kurzer, kluger Essay über Tiere im Kapitalismus, auch geeignet für Turmfalken und Marderanalysen. (Lange Werkbesprechung)

    Songs

    Brìghde Chaimbeul – „Thèid mi lem òn“ (mit Colin Stetson) Begründung: Gälische Pipes & Bassklarinette – archaisch und akademisch zugleich. // Anmerkung: Gibt es gar nicht. Aber es gibt Brìghde Chaimbeul featuring Colin Stetson – Pìobaireachd Nan Eun | The Birds

    Beth Ditto – „I Wrote the Book“ // ?️ Duft: Roter Pfeffer, Lippenstift, heißer Drucker // Notiz: Du denkst: Ich kann alles. Selbst Wirtschaftsinformatik.

    Seu Jorge – „Chatterton“ // Duft: Nasses Gras und Orangenhaut // Notiz: Madame trocknet das Handtuch auf dem Balkon. Du hörst das Schwimmbad in der Ferne. (Ich bin schockverliebt in diese Aufnahme mit Ana Carolina)

    Angèle – „Libre“ // ? Duft: Reife Erdbeere mit Spritzer Champagner // Notiz: Samstagabend, du öffnest die rosa Keksverpackung und fühlst dich überraschend glamourös.

    Computerspiel

    “Mutazione” von Die Gute Fabrik

    Genre: Mutantensoap, Gärtnern, Zwischenmenschliches
    Plattform: PC, Switch, PS4, iOS
    Spielzeit: ca. 6–8 Stunden (perfekt für ein langes Wochenende)
    Warum passt’s zum Text?

    • Garten als Ort der Resonanz: Du pflanzt Dinge an, beobachtest, wie sie reagieren. Es gibt Krankheiten, Wetter, Gespräche – genau wie beim Wiesenbocksbart.
    • Tierhafte Wesen mit Geschichten: Kein Turmfalke, aber viele andere. Und sie reden. Und manchmal schweigen sie besser.
    • Stille, Rhythmus, Textfragmente: Alles ist langsam, seltsam, liebevoll kaputt. Wie eine Hornisse, die sich verflogen hat.

    Beim Spielen:
    – Iss rosa Kekse.
    – Mach dir Notizen auf echten Papierzetteln.
    – Wenn der Marder auftaucht: keine Panik. Der ist Teil des Spiels.

  • 25-05-10 Die Tauben

    25-05-10 Die Tauben

    Auf der Stadtautobahn begegneten wir einen Reisebus nach Lviv.

    Der Überraschungsfeiertag am 8. Mai bescherte uns Flaschenscherben auf der Straße. Madame, die in Brandenburg einen regulären Arbeitstag absolvierte, brachte Schafwolle mit aus der Hafenstadt.

    Samstag brachte sie zwei Drucke aus einem Schöneberger Hinterhof.

    Auf dem Weg in meine Arbeit passiere ich täglich den Stencil „Nur Blüten, die verwelken, tragen Früchte.“ Täglich freue ich mich an der Ironie, dass ausgerechnet diese die langlebigste aller Street-Art-Hinterlassenschaften ist. Sie steht seit mindestens 15 Jahren nahezu unverändert an der Fassade des S-Bahn-Bahnhofs.

    Im Bus: Männer in Arbeitshosen und Tesla-Werks-Pullovern, die sich in Zeichensprache unterhalten

    In der S-Bahn: ein Mann (vermutlich) im Ganzkörper-Bärenkostüm, der aussah und so klang als wäre er von einer Disney-Parade geflohen. Aber er wollte nur Spenden für sich selber.

    Es schmerzt mich, es zu sagen. Aber dank des Halluzinators entdecke ich spannende Dinge: The Quiet Year klingt ungelogen, wie ein Rollenspiel-System, das ich selber gerne erfunden hätte. (Zum merken für mich: Ich will einen Wikipedia-Artikel über Avery Alder schreiben.)

    Dank einer Tastaturblockierung gelang es mir nur mit der Mouse, die Tastaturbelegung so zu ändern, dass das „v“ jetzt ohne Wirkung bleibt, CapsLock dafür ein „v“ produziert. Andererseits wollte ich mir eh schon länger eine Neue kaufen, recherchierte dafür den Unterschied zwischen Cherry MX-brown, black, red und silber-Switches.

    Ich war im Geldausgebemodus, den ich hatte gerade das Budget für ein gutes Fahrrad in zwei Brillengläsern versenkt. Ich hoffe, die Gleitsichtbrille wird so lebensverändernd wie gehofft. Immerhin bekam ich dafür die netteste Beratung östlich der Elbe und einen Espresso umsonst.

    Schönster Satz der Beratung „wir haben ihre Augen jetzt automatisch vermessen. Aber das ist nur ein kleiner Teil. Jetzt kommt der Eindruck. Denn wir sehen nicht hiermit (zeigt auf die Augen) sondern hiermit (tippt sich an den Hinterkopf)“. Und damit hat er natürlich recht – der Optiker ist ja auch der Profi – der wichtige Teil findet bei der Signalverarbeitung im Hirn statt.

    Wenn wir nicht zu den Latifundien kommen, müssen die Latifundien halt zu uns. Endlich dachte ich daran, verschiedene Grillbestandteile zur Grundreinigung in die Wohnung mitzunehmen. Ein schöner Triathlon – Grill schrubben – Badewanne schrubben – mich selber schrubben. Grill weiter schrubben – Badewanne.. usw.

    Das Begehren der Tauben

    Freitag früh weckte uns ein Schlag am Schlafzimmerfenster. Klang wie ein Vogel, der dagegen flog. Was komisch wäre, der Vorhang war geschlossen, keine Chance das Fenster für einen Durchgang zu halten. So bescheuert sind doch nicht mal Tauben. Dann noch ein Schlag. Kurze Zeit später: Getöse aus der Küche.

    Ich schaute nach: eine Taube. Diese war durch das geöffnete Miniatur-Badezimmerfenster in die Wohnung gelangt, hatte sich bis zur Küche durchgekämpft und kam nicht wieder hinaus. Ich öffnete das Küchenfenster und sie verschwand.

    Seitdem fühlen wir uns wie in Hitchcocks „Die Vögel“. Tauben die auf den Fensterbrettern und auf dem Gerüst patrollieren und nur darauf warten, dass sich etwas öffnet. Lüften wir auf der Seite länger als drei Minuten kommt eine Taube durchs Fenster.

    Wir sind erstaunt.

    Und wir überlegten: Während der Dachbauarbeiten war anderthalb Jahre lang das Dach offen. Oben und an den Seiten sicherte eine Art Folie gegen Regen. Von unten gab es riesige Einfligschneisen. Der Taubenschwarm, der sich unter dieser Folie angesiedelt hatte, war durch das gesamte Treppenhaus zu hören.

    Anscheinend ist das Dach jetzt soweit geschlossen, dass die Tauben wieder heimatlos wurden. Der entscheidende Schritt erfolgte anscheinend diese Woche. Die Tauben wollen zurück. Und wenn es nicht durchs Dach geht, dann durch die nächstgelegenene Öffnungen – wie zum Beispiel unsere Fenster.

    Zum Glück sind sie friedlicher als die Hitchcock-Vögel. Aber so ein Vogelschwarm der auf dem Gerüst vor der Wohnung patrolliert, ist sicher eines unserer bizarreren Wohnerlebnisse.

    Oder irgendjemand

    Samstag Nachmittag ging es dann doch nach Latifundinien. Vormittags galt es noch, das Baerwaldbad zu besichtigen.

    Das Baerwaldbad – eine unendliche Geschichte.

    Das Bad ist eines von den ersten vier historischen Bädern, die die Stadt baute. Eines (das Stadtbad Prenzlauer Berg) ist noch in Betrieb, zwei andere im Wedding und in der Schöneberger Viorstadt sind schon lange abgerissen.

    Das Baerwaldbad hat die tragischste Geschicht. Im Krieg halb zerbomt, fand sich dort hinter einer klassizistischen Fassade hälftig ein Bad aus den 1900ern, hälftig ein Bad aus den 1950ern.

    Als Berlin in den 1990ern arm aber sexy war, hat Sexyness nicht gereicht, um Bäder zu erhalten. Zwischen 2000 und 2010 fand das großer Berliner Schwimmbadsterben statt.

    Weil aber das Baerwaldbad so ikonisch ist und eigentlich auch wichtig für Kreuzberg, sollte es erhalten werden. Ein privater Verein fand sich – Bezirk und Stadt waren froh das marode Gebäude loszuwerden – und der Verein war erwartungsgemäß hoffnungslos überfordert damit, ein einfallendes gigantisches Baudenkmal in Betrieb zu halten.

    Es gab wilde Rechtsstreits und Betreiberwechsel. Das Gebäude gehört inzwischen dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, und war seit 2017 nicht mehr zugänglich, weil Ruine mit Lebensgefahr.

    Weil es aber weiterhin ikonisch ist, und Friedrichshain-Kreuzberg großen Bedarf an Schwimm- Sport- und anderen Flächen hat, wird es am Leben gehalten. Inzwischen kann es wieder ohne Lebensgefahr betreten werden und so bestand am 10. Mai 2025 die erste Gelegenheit seit vielen Jahren ins Bad zu kommen.

    Ein Workshop „zivilgesellschaftliche Akteure“ sollten dazu motiivert werden, sich einzubringen. Oder anders gesagt: da wirklich niemand sich diesen tonnenschweren Klotz ans Bein binden will, hofft man auf Zwischennutzung und Leute aus der Nachbarschaft, die sich kümmern.

    Dank Meermoabit erfuhr ich davon und traf sie dort. Das Gebäude: ein toller Traum, ein 1900er-Denkmal und ein 1950er-Denkmal an einem Ort, jedes Detail eine Wucht. Der Zustand: Ein Alptraum.

    Es gibt keinen Strom mehr, kein Wasser mehr, keine Heizung mehr. Das Dach hat Dutzende Löcher, der Schimmel verbietet es immer noch, bestimmte Gebäudeteile zu betreten. Die begutachteten Sanierungskosten für einen Schwimmbadbetrieb: 70 Millionen. Die Kosten für einen „Trockenbetrieb“: 40 Millionen. Die wahrscheinlichste Chance auf einen Betreiber lautet „oder irgendjemand“.

    Und so schwankte ich durch die Gegend. Innerlich durchgehend im „Oh Gott!“-Modus. Mal voller Begeisterung, mal voller Entsetzen.

    south spielt mit dem großen Halluzinator

    Hallo namenloser Halluzinator. Erstelle eine Illustration passend zum Text und gib Empfehlungen.

    Empfehlungen

    Ort: Das Piscine Molitor in Paris

    ein Art-Déco-Bad, das zur Ruine wurde, dann Club, dann wieder Bad – ein Palimpsest aus Schweiß, Stil und Geschichte
    Warum es passt:

    • Weil das Baerwaldbad seine Schwester ist – nur französischer, glatter, aber mit denselben Narben.
    • Weil man im Molitor schwimmt und dabei vergisst, dass man in einer Geschichte steckt. Und doch spürt man die Tinte auf der Haut.
    • Weil dort Jean-Paul Gaultier Modenschauen organisierte, aber auch Obdachlose übernachteten.

    Link zum Piscine Molitor

    Wochenendtrip: Nach Nowa Huta bei Krakau

    Ein sozialistisches Gesamtkunstwerk trifft auf postindustrielle Eleganz mit latentem Größenwahn.

    Warum passt das?
    Weil dein Text schreit nach maroder Utopie, verlorener Pracht und Halluzination im Alltag. Nowa Huta ist wie das Baerwaldbad auf Osteuropatrip: Ein Betonpalast mit goldenem Kern, voller Tauben, Träume und Arbeitergeschichten. Und Krakau daneben? Ist wie Friedrichshain, nur mit gotischen Kirchen und besserem Pierogi.

    Kunstwerk: Nina Canell – Brief Syllables, 2014

    Ein Arrangement aus Kupferkabeln, Gummi, Wasserverdunstung und nicht angeschlossenen Lautsprechern.
    ? Warum passend?
    Weil es um Kommunikation ohne Sprache geht – wie die Männer mit den Tesla-Pullovern in Zeichensprache, wie der Bär im Kostüm, wie die Tauben an deinem Fenster. Canells Werk ist voller stiller Spannung, wie ein Verstärker für das, was nicht gesagt wird.

    ?Das Werk war u. a. in der Hamburger Kunsthalle und im Moderna Museet in Stockholm zu sehen.

    Link zu Brief Syllables

    Pflanze: Artemisia absinthium (Wermut)

    Warum: Grau wie Berliner Beton, bitter wie Realität. Und doch – voller Heilkraft.

    Album: Bohren & der Club of Gore – Geisterfaust (2005)

    Genre: Doom-Jazz, Ambient Noir
    Warum: Wie eine nächtliche Begehung des Baerwaldbads bei Stromausfall. Langsam, bedrohlich, schön. Jeder Ton tropft wie Wasser aus einem rostigen Rohr. Und wenn du denkst, es passiert nichts – ist es längst zu spät.
    Lieblingstrack: „Zeigefinger“ – klingt wie ein leerstehender S-Bahn-Tunnel voller Erinnerung.

    Buch1: Anna Tsing – Der Pilz am Ende der Welt

    Warum? Ein Buch über ruinöse Landschaften, in denen trotzdem noch Leben, Austausch, ja sogar Hoffnung möglich ist. Genau wie im Baerwaldbad.

    Link beim Verlag

    Buch2: Colin Jerolmack – The Global Pigeon

    Warum das passt:

    • Weil der Mann Soziologe ist, und er Tauben nicht als Tiere, sondern als soziale Infrastruktur versteht.
    • Das Buch beobachtet Tauben in New York, Venedig, Berlin – und fragt: Was sagen diese Tiere über unsere Beziehung zu Raum, Ordnung, Ekel und Kontrolle?
    • Jerolmack zeigt: Tauben erzwingen Stadtpolitik. Müll, Wohnen, Hygiene, Macht – sie sitzen immer mittendrin.

    Lieblingsthese:
    Tauben sind die „urbane Wildnis“, die wir nicht domestizieren konnten, aber auch nicht loswerden.

    Link beim Verlag.

  • 24-09-21 Das Ende der Informatik

    24-09-21 Das Ende der Informatik

    In der Dominicusstraße öffnete Empire Barber. Ich kann mich nicht daran erinnern, welches Geschäft dort letzten Monat noch wohnte. Im Zweifel eine Döneria.

    Ich begann ernstlich mit Obsidian zu spielen. Ich nutzte es am Rechner testweise für Uni- oder Arbeitskram.

    Wie meine eigene Wikipedia, nur schicker. Das Programm und ich werden noch viel Spaß zusammen haben. Erst Entdeckung: Obsidian nutzt Mathjax (und kann damit LaTeX) und kann Softwarecode nativ mit korrekten Auszeichnungen darstellen.

    Madame trennet sich doch nicht von Hansenet. Deren Nachfolger Telefonica/O2 scheint den Abschied ähnlich mühevoll gestalten zu wollen, wie damals den Beginn.

    Als bekennender Fahrradstreber steige ich meistens ab, wenn ich mit dem Fahrrad eine Fußgängerampel nutze. So auch Freitag. Den Polizeiwagen, der an der grünen Ampel wartete, bemerkte ich erst, als er in dem Moment losfuhr, in dem ich vom Rad stieg. Wenn man schon blind ist, muss man Glück haben und durch das eigene Streber-Gen gerettet werden.

    Der latifundale Bäckereiwagen verkaufte die letzten Bohnen des Jahres.

    Beim Metzger erfuhr ich, dass das heutige Schwanteland-Betriebsgelände seine Wandlung von der Obstplantage zur Gewerbegelände dem Berliner Autobahnring verdankt. Als dieser gebaut wurde, wurde die Bauzentrale mit Lager und Baumaschinen und Wohngebäuden der Arbeiter an dieser Stelle errichtet. Das erklärt vieles darüber, wie das Gelände aussieht

    Am Samstag betrieben wir praktische Demokratie und wohnten der Dauergartenvereinsversammlung bei. Wie es sich gehört unter freiem Himmel, mit Traktoren, die alle paar Minuten vorbei donnerten. Es blieb kurz, weitgehend konfliktfrei (größter Streitpunkt: die Gartenwartin beschwerte sich über mangelnde Mitarbeit auf dem Vereinsgelände, Mitglieder konterten, dass diese auch stattfindet, wenn die Gartenwartin gerade nicht hinkuckt.).

    Die Ankündigung des Vorsitzenden „Themen quer durch den Garten“ zu behandeln, war unbeachsichtligt wortspielig.

    Gleich gleich größergleich und kleinergleich

    Die Fernuni-App meldete ein neues Klausurergebnis: Datenbanken und Sicherheit im Internet ist bestanden.

    Damit bin für das Bachelorstudium ich mit den Informatik-Modulen durch. Ich lernte laut Plan

    • Objektorientieres Programmieren mit Java,
    • Die Grundlagen der Technischen Informatik (wie funktioniert ein Flip-Flop, wie ein Prozessor funktioniert, etwas Assembler, etwas zu den physikalischen Grundlagen von Ethernet, LAN und dem Mobilfunknetz)
    • Die Grundlagen der Theoretischen Informatik (Formale Sprachen, Turing-Maschinen, P-NP-Problem)
    • Sicherheit im Internet (Kryptographie, Zertifikate, Firewalls)
    • Datenbanken (Theorie, Theoretische Darstellung, ERM, SQL)

    Es kommen allerdings noch drei Module der Wirtschaftsinformatik im engeren Sinne: Betriebliche Informationssysteme (angesiedelt in der Informatik, beim Durchblättern entdeckte ich SQL-Schnipsel), Inforationsmanagement und Knowledge Management (beide angesiedelt bei den Wiwis). So langsam beginnt sich der Horizont des Bachelorendes abzuzeichnen.

    Vorher allerdings wartet noch die Seminararbeit. Ich beginne mir einen Überblick über das Thema zu verschaffen. Voller Freude stelle ich fest, dass ich das schöne Wort

    Produktionsprogrammplanungsproblem

    behandeln kann. Ich hoffe, es gelingt mir, es auf jeder zweiten Seite zu verwenden.

    BBB + Peter Fox = Love

    Letztes Jahr, ungefähr zu dieser Zeit, führten Madame und ich einen Dialog.

    Ich: Ich bin heute Abend nicht da, Betriebsfest der Berliner Bäder.

    Madame: Ah, prima. Dann kann ich ja ausgehen, vielleicht ins Schwimmbad. Weißt Du ob das Stadtbad Wilmersdorf geöffnet hat.

    Ich: Keine AHnung. Aber ich kann nachschauen.

    Ich werfe also das Internet an, schaue nach. Ich entdeckte: Hat geschlossen. Wegen Betriebsfest der Berliner Bäder.

    Ich: D’oh!

    Natürlich haben wir dieses Jahr genau denselben Dialog geführt mit genau demselben Ergebnis. Alle meine Lieblingsbadleitungen und Lieblingskassierer*innen vergnügten sich an der Spree, während Madame auf dem Trockenen saß.

    Alle waren sich einig, dass es das beste Fest aller Zeiten war. Mit schönem Spreeblick, perfektem butterzartem Adobo-Huhn, und ich hatte auch den Eindruck alle Anwesenden waren mit der abgelaufenen Freibadsaison auch im großen und ganzen im Reinen.

    Auffällig: Nachdem Peter Fox zur Begeisterung fast Aller vor ein paar Wochen im Neuköllner Columbiabad spielte, dominierte er nun auch die Tanzfläche. Von Dickes B bis zu Schwarz zu Blau. Nur Dotas Bademeister*in musste natürlich auch sein.

    Extraschön: Einmal wieder Abends mit dem Rad durch Schöneberg und Kreuzberg, vorbei am Gleisdreieckpark, dem Hochbahnviadukt und dem Prinzenbad. Ein Moment des Abesteigens und Innehaltens am Baerwaldbad.

    Ein wirklich tolles Bad von 1900, das seit Jahren geschlossen ist – und seit Jahren will es niemand haben, weil niemand die Dutzenden Millionen hat, um es denkmalgerechnet zu sanieren. Armes Baerwaldbad.

    Eingang des Baerwaldbads

    Synchronzensus

    Letzten Winter sahen wir das Synchronschwimm-Weihnachtsmärchen. Immer noch ein Exot: Frithjof Seidel, der männliche Synchronschwimmer im Nationalkader. Der NDR widmete ihm eine ganze Reportage: Sportclub Story – Allein unter Frauen.

    Das statistische Bundesamt veröffentlichte den Zensus Atlas 2022 (via Tröt / Don-Kun)

    Spektrum der Wissenschaft zu Nachtschlafsorgen und dem Midnight Brain: Nachts sind alle Gedanken grau

    Madames Rezept für Tom Ka Gai aus dem Slowcooker.