Kategorie: Alltag

  • 26-08-02  You two are the only foot passengers (Klaipėda-Ostsee)

    26-08-02 You two are the only foot passengers (Klaipėda-Ostsee)

    Zum Wachwerden die Möwen, zum Aufstehen die Mauersegler.

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    Die litauischen Chips mit Pfifferlingen-in-Sahne-Arome schmeckten erstaunlich überzeugend nach Pfifferlingen in Sahnesauce.

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    Das leichte Schaukeln eines großen Schiffs ist, im Gegensatz zum Ratter-Ratter des Nachtzugs, erfreulich einschlaffördernd.

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    Aufgrund von Verzögerungen im Betriebsablauf hängt das Blog deutlich hinterher. Das Lebens-Ich ist 18 Tage und knapp 1000 Kilometer voraus. Es ereignete sich am 24. Juli.

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    Es war ein Treppensteigeschiffahrfreitag mit Sendung-mit-der-Maus-Vibes.

    Deutsch im Frühstücksraum

    Wie prophezeit: Auch in unserem kleinen Hotel saß am dritten Tag niemand mehr im Frühstücksraum, den wir vom ersten Tag an wiedererkannt hätten. Klaipėda, Stadt des Durchgangs und des Übergangs. Weiterhin war Deutsch die vorherrschende Sprache im Frühstücksraum.

    Wir trödelten rum, packten, deponierten unsere Koffer an der Rezeption und warfen einen fast-letzten Blick auf’s Dangė-Hotel. Faszinierend: Ein Hotel, das fast keine Dauergäste hat und sich so viel Mühe gibt, alles richtig gut und schön zu machen. Lohnt das für die Betreiber den Aufwand? Oder gibt es so viele Stammgäste, die halt immer wieder die Fähre nehmen und alle eins, zwei Jahre kurz wiederkommen?

    Der Aufwand, ein besonderes Hotel in einem ehemaligen Wohnhaus zu erschaffen, war mindestens so groß wie im Boheme in Kaunas. Beide haben keinen Fahrstuhl, bei beiden wohnten wir im ausgebauten Dachboden. Aber im Boheme war der letzte Anstieg eine steile Betontreppe mit wackligem Geländer – hier war es ein breites Treppenhaus und die Damen an der Rezeption boten gleich von sich aus an, mit den Koffern zu helfen. Die Attitüde war doch eine andere.

    Gerne jederzeit wieder. Vielleicht sollten wir Stammgäste werden.

    Dangė-Hotel Klaipėda

    Meeresfestival „Jūros šventė“

    Wir mussten das Zimmer um 12 räumen und wollten uns gegen 14:30h auf den Weg zum Bus zur Fähre machen. Wir dachten, wir laufen nochmal kurz zur Danė, setzen uns an das Ufer an dem wir noch nicht waren und lesen ein wenig.

    Und dann kam das Meeresfest Jūros šventė. Wir hatten am Abend vorher ja schon den Aufbau von ein paar Bierbänken gesehen, während wir uns auf einer Bühne vor dem Regen in Sicherheit brachten.

    Litauischer Baumkuchen. Hier in der Markt-Show-Version

    Nicht ahnten wir, dass es Stände geben würde. Und mehr Stände. Und noch mehr Stände: Leinen, Keramik, Baumkuchen, Fisch, andere Keramik, Schmuck, andere Leinen, Mützen, Apfelmark, frisch selbst gemachte Kartoffelchips am Spieß und und.. die Stände liefen den ganzen Weg entlang vom Hotel bis zum alten Fähranleger. Und dann über die Brücke Richtung Altstadt. Und dann quer durch die Altstadt. Und dann wieder aus der Stadt raus Richtung Einkaufszentrum Akropolis. Und nach jeder Kurve kamen mehr. Dazwischen immer mal Nebelduschen, eine leere Bühne, Insta-Fotomotive und Stände zwischen Ständen.

    Šaltibarščiai/Pink Soup ist ein Thema. Hier als Hüpfburg.

    Zum Glück erzog uns der Gedanke an die übervollen Koffer und mögliche weitere Treppenbezwungen zur Disziplin. Ich besorgte mir einzig noch eine Mütze als Sonnenschutz für das Schiff, widerstand der Versuchung eine Seemannsmütze zu nehmen (nicht dass jemand denkt, ich bin Besatzung..) habe aber jetzt eine mit hübschen Fischmotiven.

    Irgendwann trieb uns nur noch die Neugier vorwärts, ob dieser Markt überhaupt je ein Ende haben wird. Und als wir erreichten, und auf die Uhr schauten, war es doch ganz gut spät. Also den ganzen Weg zurück zum Bus.

    Goodbye, Soviet style apartment blocks

    Offensichtlich gibt es zwei Arten von Schiffsreisenden: Kreuzfahrtreisende kommen und gehen zu Fuß an Bord, das Terminal liegt zentral. Fährreisende kommen mit dem Auto. Das Terminal liegt hinter den sieben Bergen bei den sieben Güterkränen, bzw. im unseren Fall: Wir fuhren erst mit dem einen Bus ganz um den Markt herum und weit aus der Innenstadt heraus bis ans Ende der „Soviet style apartments blocks“, dann steigen wir in einen anderen Bus und fahren bis an dessen Endhaltestelle im Industriegebiet.

    Neue Markthalle – gefühlt schon weit draußen, aber anscheinend immer noch Innenstadt

    Nachdem wir seit Kaunas keine echten Unterführungen mehr gesehen hatten, schenkte uns Klaipėda zum Ende noch ein Maximuster der Stadtplanung irgendwo inmitten der Aprtment blocks. Wir fuhren mit dem Bus durch einen großen Kreisverkehr (Berliner dürfen jetzt Siegessäule oder Ernst-Reuter-Platz denken), der komplett ampfelfrei war. Jeweils an den Seiten der Zugang zu Unterführungen.

    Und diese führten auf die Mittelinsel. Diese war eine Etage tiefergelegt, so dass die Menschen unter freiem Himmel aber quasi im Keller über den Platz laufen und auf der anderen Seite wieder hinaufsteigen konnten. Faszinierend.

    Aber auch wenn wir den Kreisverkehr jetzt nur mit dem Bus überquerten, Koffer-die-Treppe hochtragen blieb ein Thema des Urlaubs.

    Exklusivität

    Klaipėda zieht sich erstaunlich in die Länge. Noch sehr lange stiegen erstaunlich viele Menschen Richtung stadtauswärts in den Bus – die lebten anscheinend noch weiter draußen.

    Nach einer Dreiviertelstunde standen wir auf einem Weg vor einem Zaun. Zum Glück hatten wir schon aus dem Bus heraus den kleinen Wegweiser zum Terminal von TT-Lines gesehen.

    Die nicht allzu beschäftigte Dame am Empfang verwies uns zum Eincheckterminal und sah interessiert zu, wie wir Ticket uns Ausweise am Terminal scannten. Dann druckte sie selber die Boarding-Tickets aus, sagte „You two are the only foot passengers“, und kündigte an, dass der Shuttle Bus zum Schiff sofort käme.

    Der war eine Art eingelaufener amerikanischer Schulbus für 10 Personen und null Gepäck. Ich konnte meinen Koffer nicht einmal durch den Gang schieben, weil der Gang zu schmal war. Aber da wir die einzigen waren, war das dann auch egal.

    Es folgte eine Labyrinthrunde um Hallen herum, an Lager von Stahlarmierungen vorbei und quer durch die LKWs – halb erwartete ich, Deutsche Wohnmobile zu sehen, die seit Tagen in diesem Wirrwarr die Fähre suchen, aber es gab keine. Wir kamen direkt zum Schiff.

    Allein zu Haus

    Bei der Wahl genau dieser der Fähre war ein Argument, dass sie möglichst wenig nach Casino und möglichst stark nach „Down-to-earth/ Frachtschiff“ wirkte. Die Marco Polo transportiert vor allem LKW-Hänger über die Ostsee und ein paar Passagierkabinen hat sie auch noch.

    Beim Thema down-to-earth hatten wir etwas übersehen, das wir erst am Tag vor der Abreise bemerkten. „Das Schiff hat keinen Fahrstuhl und schiffstypische Treppen. Bitte bedenken sie dies wenn sie ihr Gepäck packen. Ihre Kabine befindet sich auf Deck 7.“ Skeptisch schauten wir auf unsere beiden 30-Kilo-Köffer.

    „Wir könnten es ja im Auto.. ach Moment, da war was.“

    Es blieb die Hoffnung, dass der Shuttlebus uns auf das höchste Autodeck bringt und wir dann nur noch zwei Decks die Köffer die Schiffstreppen hochwuchten mussten.

    Vorspulen, einen Tag später: Der Shuttle Bus setzte uns nicht auf dem höchsten Deck ab. Eigentlich nicht mal auf einem Deck. Der hielt an Land, und wir dürfen als komplett unterdimensionierte Menschlein über die große LKW Rampe an Bord gehen. Zum Glück wird gerade keine Ladung verladen, die Besatzung ist nett zu uns. Bis Deck 5 können wir weiter die LKW-Rampen mit weniger Steigung und mehr Platz nutzen, nur für die letzten beiden erklimmen wir dann diese Mischung aus Treppe und Leiter, die für Frachtschiffe so üblich ist.

    Und dann sind wir allein zu Haus. WoMos und PKWs durften noch nicht an Bord, die Rezeption/Shop/Cafeteria ist noch geschlossen und wir haben das Schiff fast für uns allein! Welch Luxus!

    Hafenwinken beim Kwas-Trinken

    Ein echter Vorteil dieser down-to-earth-Frachtfähren ist aber, dass sie besser als jede Hafenrundfahrt sind. Denn sie liegen irgendwo weit hinten in den Güterterminals, wir sahen schon vom Shuttle-Bus und jetzt auch an Bord blickten wir auf Hafengelände, in das mensch sonst nur mit großem Aufwand kommt.

    Hallo Hafen

    Direkt neben uns wurde ein Schüttgutfrachter entladen. Irgendwas staubiges kam mit großen Hafenbagger in eine Art Trichter/Sieb. Unten standen Hafenarbeiter, füllten das Gut in Säcke, sackten ab, und dann hängte die Absacker je zwei solcher Säcke an einen Gabelstapler, der sie weiter nach hinten brachte. Einmal waren sie zu optimistisch mit der Menge, da konnte der Sack sie nicht halten, musste aufwendig geleert und sein Gut in einen anderen Sack umgeschüttet werden.

    Zum Ende hob der große Bagger einen kleinen Bagger in das Schiff, der dort offenbar die Schüttgutreste zusammenschob, auf dass der große Bagger sie noch entnehmen konnten.

    Kurz bevor wir abfuhren, wurde der kleine Bagger wieder vom großen Bagger aus dem Schiff gehoben. Die Absacker fegten den Quay wieder frei und wir konnten endlich einmal die Aufschrift auf einem Sack halb lesen, halb mit Hilfe der Zahlcodes und der abgebildeten Ähre erraten: Triple Superphosphate (TSP), ein weit verbreitetes Düngemittel.

    Abgesacktes Triple Superphosphate (TSP)

    Besser als die Sendung mit der Maus!

    Nach dem wir ablegten fuhren wir den Weg zurück zur Mündung des Kurischen Haffs, die wir zuvor mit dem Bus zurück gelegt hatten. Wir sahen große leere Terminals, die Fährterminals, eine Superyacht, die Containerbrücken (mit Schiff, aber ohne bewegte Kräne) und am Ende wieder das Hafenfest. Wir verstanden auch, warum keine Kreuzfahrtschiffe mehr kamen diese Tage: Der Anleger wurde für einen Traditionssegler und zwei historische Militärboote benötigt.

    Ein letzter Blick nach Litauen offenbarte 50 Kilometer Sandstrand im Süden (Kurische Nehrung) beziehungsweise ähnliche viel Sandstrand im Norden (Richtung Palanga) und dann waren wir bald auf dem Meer.

    Blick Richtung Palanga

    Auf der hohen See

    Das Land verschwand, das Internet auch. Das Essen war down-to-earth: eine kleine Essensausgabe, wir durften ein „three course meal“ nehmen: einmal Hauptgericht, das auf den Teller getischt wurde (bestehend nach Wahl aus Pasta, Reis, Hühnerkeulen, brauner Sauce, Bolognese und Gemüsemischung), dann Salatbuffet, Suppe oder Nachtisch in Form von halb geschmolzenem Speiseeeis.

    Insgesamt hatten wir eher das Gefühl, uns in einer schwimmenden Jugendherberge aufzuhalten als in einem schwimmenden Casinoresort. Hätten wir noch Geschirr abwaschen müssen, hätte uns das nicht gewundert. Aber so hatten wir es gewollt.

    Die Attraktionen an Bord waren das Außendeck oben (super Sicht, super Meerfeeling, aber so wenig, dass ich sofort die Mütze absetzte und Angst um meine Brille bekam), das Außen/Raucherdeck auf der Seite und die „PanoramaLounge“ – halt Sitze, Sofas und Bänke mit Blick nach vorne, in der sich ein Großteil der Reisenden traf; ohne Internet zu haben.

    Abgesehen von der einen Teen, die so genervt schaute, wie es nur Teens können, herrschte sonst gute Stimmung. Es wurde viel gespielt (vor allem kartenbasierte Gesellschaftsspiele, eine gemeinsame Reisegruppe spielte mit großem Hallo auch etwas was nach Doppelkopf oder ähnlichem Aussah, es wurden Bücher gelesen und ein Pärchen klärte im routiniert-unaufgeregten Paarstreit, was während ihres Urlaubs alles schief gegangen war und wer schuld war).

    Mit der Sonne gingen wir auch in die Kabine, auf zum Aufwachen auf der Ostsee am Samstag.

    Die Reise

    11. Juli Berlin -> Frankfurt(Oder)

    12. Juli Frankfurt(Oder) -> Warschau

    13. Juli Warschau

    14. Juli Warschau -> Mockava -> Kaunas

    15. Juli: Kaunas 1 (Art Deco, Stadtgebiet)

    16. Juli: Kaunas 2 (Essen, Kloster)

    17. Juli: Kaunas 3 (Kino, Altstadt, Parks)

    18. Juli: Kaunas->Vilnius

    19. Juli: Vilnius 1 (Jewish Vilnius, Užupis)

    20. Juli: Vilnius 2 (Peterpaul, Litvak-Museum)

    22. Juli: Vilnius 3 (Samuel Bak, Back to the 90s)

    23. Juli: Vilnius 4 (Akropolis, Sowjettour)

    25. Juli: Vilnius->Klaipėda

    26. Juli: Klaipėda/ Kurische Nehrung

    27. Juli: Klaipėda

    Tschüss Danė

    Verkehrsmittel

    Stand auf der Ostsee: 5 Fernzüge, 1 Regiozug, 1 Regioboot, 1 Hopserfähre, 2 S-Bahnen (Berlin), 2 Metros (Warschau) 5 Trams (2 Ffo, 3 Warschau), 1 Regiobus (Klaipėda), 7 O-Busse (5 Vilnius, 2 Kaunas), 1 Expressbus (Vilnius), 14 Busse (5 Vilnius, 3 Warschau, 3 Kaunas, 3 Klaipėda), 1 Minibus (Klaipėda), 1 Shuttlebus (Kleipėda); hinzugekommen: 2 Busse (Hotel-Fährterminal), 1 Shuttlebus (Terminal-Fähre)

    Autofährterminal zur Kurischen Nehrung
  • 26-07-27 Ännchen von Backsteinbrutalismus (Klaipėda)

    26-07-27 Ännchen von Backsteinbrutalismus (Klaipėda)

    Dieses Blog wurde gehackt. Das war reichlich unerfreulich, lehr- und folgenreich. Eine der Folgen ist, dass einige Texte verloren gingen bzw. noch jenseits des Backups waren. Diese werden unter dem damaligen Datum nachgereicht. Hier ist einer davon.

    Mehr zum Hack kommt an den Stellen an denen es in der Chronik des geschrieben Textes hingehört. Das Blog-ich hat den Hack schon mitbekommen, unterschätzt aber noch dramatisch dessen Ausmaß.

    §§§§§

    Die Rätsel-Wespen von Klaipėda. Offensichtlich hatten sie in der Verschalung unseres Hotelbalkons ein Nest, waren aber nicht im geringsten davon beeindruckt, dass wir 30 Zentimeter neben ihrem Ein- und Ausstieg saßen. Das kenne ich aus Deutschland nicht. Es können keine gängigen Wespen gewesen sein. Aber sie sahen genau so aus.

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    Bei Rimi-Express kauften wir neuen Instantkaffee. Fast wäre es auch der gestreifte Wackelpudding geworden, aber wie transportiert mensch den im Koffer ohne Kühlung?

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    In other news: Eine Ex-Blog-Wordpress-Site von mir wurde gehackt. Plötzlich stand da eine Anleitung zu „starten sie cmd+r auf ihrem Rechner und dann geben sie Code ein.“ Zufällig merkte ich es. Jetzt habe ich hoffentlich alles platt gemacht, was ich platt machen konnte und alle in Frage kommenden Passwörter geändert, mich beim Hoster gemeldet und werde schauen, was der Hoster jetzt noch sagt.1

    Aber das betrifft das inzwischen zu Hause angekommene Reise ich. Das Blog-ich ist noch 72 Stunden und 1200 Kilometer hinterher.2

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    Es war ein koppheisterischer Bummeldonnerstag.

    Repräsentation ohne Menschen

    Die Wettervorhersage war wenig aussagekräftig. Wir einigten uns darauf, dass es vormittags wohl regnen würde, danach wäre es zumindest trocken, vielleicht sogar sonnig. Also schliefen wir lange, frühstückten spät und trödelten durch die Gegend, in der Hoffnung jedem Regen ausgewichen zu sein.

    Am letzten Tag war kein Programm mehr auf dem Programm, sondern Stadtbummel. Von der Liepų gatvė aus gingen wir in die anderen Richtung als sonst und standen vor einem Denkmal von: Kristijonas Donelaitis/Christian Donalitius, das ihn einerseits als Schöpfer des Klassikers Metai (Jahreszeiten) der litauischen Sprache würdigte, andererseits – unausgesprochen – gleich in die Untiefen deutsch-litauisch-polnisch-russischer Geschichte führte: Denn Donelaitis sprach offensichtlich litauisch, gehörte aber anscheinend eigentlich eher zur deutschsprachigen Bevölkerung der Gegend, war aber irgendwie auch konsensfähig genug, dass selbst zu UdSSR-Zeiten, die den Deutschen gegenüber nicht aufgeschlossen waren, sein Denkmal errichtet werden durfte.

    Kristijonas Donelaitis

    Denn Klaipėda hat wie Gdansk/Danzig das Problem, dass die komplette Stadtbevölkerung 1945 verschwand. „Die Deutschen“ waren Kriegsgegner, mit denen von den Verbliebenen niemand etwas zu tun haben wollte. Die Stadt musste sich danach neu erfinden. Historisch ist es in dieser Gegend schwer, historische Referenzpunkte und -personen zu finden, die keinen deutschen Bezug haben, aber sie sollten halt auch einen Bezug zur heutigen Stadt haben.

    Klaipėda war sicher die sperrigste Stadt der drei litauischen Städte, die wir besuchten. Wir liefen durch die Neustadt, gebaut irgendwo im 20. Jahrhundert und fanden eine Fußgängerzone. Diese war offenbar vor kurzem neu gestaltet, hatte lauter Skulpturen, Sitzplätze und Kleinkunstwerke mit Bezug zur litauischen Literatur. Die war spannend, aber irritierend, weil sie abseits von allem liegt: die Flaniermeile ist am Hafen/Danė, die Tourist*innen zielen alle durch die Altstadt. Die Fußgängerzone lag im Nichts – vielleicht war die Stadt vor 20 Jahren noch anders gruppiert.

    Am Ende der Fußgängerzone lag ein Komplex, bei dem ich zuerst dachte „Kirche“ und dazu Pfarrbüro und Altenheim: ein großer Zentralbau mit Türmchen, daneben ein direkt angeschlossener Bürotrakt und ein größeres Wohnhaus. Stil: Backsteinbrutalismus.

    Oder anders gesagt: eine brutalistische Formgebung, aber mit Backsteinfassade, vielleicht 1970er, wahrscheinlicher ein Bau der 1980er. Nur konnte ich mir kein Szenario vorstellen, indem in der Sowjetunion in den 1980ern eine derart repräsentative Kirche entstanden wäre.

    Zumal Kirchen bekanntermaßen mit Kreuzen geschmückt sind und nicht mit Hufeisen.

    So entdeckten wir den Hochzeitspalast – repräsentative Bauten, die seit 1959 (Leningrad) im Einflussbereich der UdSSR entstanden, vermutlich um das verloren geglaubte Ritual im Alltag wieder zu bringen. Leider war dieser Hochzeitspalast geschlossen, ich hätte ihn gerne vor innen gesehen.

    Aber später. Und der Palast in Vilnius (Link) natürlich auch.

    Danach wieder ein Denkmal eines deutschtümelnden Litauenfreundes von 1900, der zugleich auch noch ein früher Buddhist war – sperrige Stadt.

    Hochzeitspalast

    Die Wimpel wurden gehängt

    Wir gingen am traurig aussehenden Haus der Simon-Dach-Gesellschaft vorbei, der Heimat des Memelländerveins in Litauen, am immer noch schwer zugänglichen Hafen entlang und in die Altstadt. Oder in das, was davon übrig blieb oder wieder aufgebaut wurde.

    Im Gegensatz zu Kaunas oder Vilnius wurde Klaipėda im Zweiten Weltkrieg nur einmal erobert. 1939 erspresste Deutschland, noch vor Kriegsausbruch, Litauen, um die Stadt und das Memelgebiet an Deutschland zu geben. Der einzige gewaltsame Übergang fand im Januar 1945 statt als die Rote Armee die Stadt eroberte. Hier allerdings nach starken Gefechten, und nachdem die Wehrmacht im Abzug zerstörte was sie konnte.

    Als die Rote Armee in die leere Stadt einrückte, fand sie insgesamt sechs Personen vor. In den nächsten Tagen tauchte noch insgesamt eine mittlerweile zweistellige Zahl auf – viele davon Kriegsgefangene oder andere versprengte in die Stadt. Der komplette Austausch von Bausubstanz und Bevölkerung war so ausgeprägt selbst für den zweiten Weltkrieg ungewöhnlich.

    Die Rote Armee zerstörte die Reste, die nach deutscher Kultur aussahen, und es blieb wenig. Die Altstadt ist ein kleines Carré unklarer historischer Akkuratesse, aber dennoch Touri-Hochburg, denn als Touri geht mensch natürlich in die Altstadt.

    Wie wir auch.

    Wir sahen endlich eines der Leinen-(der Stoff)-Geschäfte, die mir Madame seit 2017 für Litauen versprochen hatte. Die alte Markthalle war schon so gut wie zu leider. Wir passierten den Wilden Mann, schon von Stadtfestwimpelchen überdacht.

    Der Wilde Mann

    Am Theaterplatz, der bei aller Liebe nur als öde zu bezeichnen ist, stand immerhin das stadthistorisch bedeutsame Ännchen von Tharau. Die Wieder-Errichtung der Statue im November 1989 – noch zu Zeiten der Sowjetunion – war das erste Mal seit 1945, dass die memeldeutsche Kultur als solche irgendwie positiv im Stadtbild auftauchen durfte. Insofern ein bedeutsamer Moment für die Stadtgeschichte und den Umgang der Stadt mit ihrer solchen.

    Wenn man den Hintergrund nicht kennt, ist der Ort aber nicht weiter besuchenswert.

    Wir gingen durch netteres, kleinere Straßen voller Kopfsteinpflaster und Cafés. Madame kämpfte gegen das litauische Cafébestreben alle Bestellungen brav und sauber in großer Umständlichkeit nacheinander zuzubereiten. Aber dafür sah sie wirklich hingebungsvoll zurechtgerührte Matcha Lattes.

    Ich beobachte derweil auf der Straße die Handwerker, die mit dem Aufbau des Stadtfestes (Jūros Šventė) beschäftigt waren. Beinahe dramatische Szenen, wenn der eine White Van, der gerade etwas aufbaute, dem anderen White Van, der woanders etwas aufbauen wollte, im Weg stand. Getränke, eine Bühne, eine andere Bühne und Standausstattungen musste aneinander vorbei balancieren.

    Ännchen

    Im Trommelschlag der Galeeren

    Nach dem Kaffee wurde es Zeit zum Ausruhen. Wir beschlossen, wieder einmal an das Ufer der Danė zu gehen, uns auf eine der zahlreichen Bänke zu setzen und zu lesen. Ich las mich weiter mittelbegeistert durch “Touch: The Science of Hand, Heart and Mind“, Madame beendete ihren aktuellen Joan-Aiken-Roman.

    Menschen zogen vorbei. Wir entdeckten, dass es anscheinend einen ÖPNV-Wasserbus entlang der Danė gibt, der das Flüsslein hoch und runter fuhr. Feierabendbummler*innen, Jugendlich, auf der Brücke sahen wir weiteres Aufspannen von Stadtfestfähnchen.

    Dann regnete es. Tretboote sammelten sich unter der Brücke.

    Wir retteten uns unter ein Bühnenzelt, das auch schon für das Seefest stand. Mit zwei jugendlichen Pärchen, einem telefonierfreudigen Litauer und einer Kleinfamilie mit Pudel bildeten wir eine lustige Wartegemeinschaft. Erst saßen wir am Rand der Bühne, später rückten wir immer enger zusammen.

    Ab und an ertönten Trommelschläge vom Fluss. Boote, auf halber Strecke zwischen Drachenboot und Galeere zogen vorbei. Dann wendeten sie und dann fuhren sie davon. Dann kamen sie wieder. Vermutlich übten sie für eine Art Drachenbootrennen. Aber so sehr wie sie jetzt durch den strämenden Regen hin- und herrudern mussten, erinnerte es doch etwas an Galeerensklaven.

    Das Regenradar zeigte, dass das Regengebiet am äußersten Ende von Klaipėda lag und gleich vorbei wäre. Das Regenradar zeigt dieses „der-Regen-ist-gleich-vorbei“ für mindestens eine dreiviertel Stunde an. Wir gaben auf, gingen durch den Regen auf die Suche nach etwas zu Essen.

    IPA und Hard Kombucha

    Das Feuerwehrhaus von gestern hatte zwar zahlreiche Sonnenschirme auf seiner Aussichtsterrasse, aber kaum wasserfeste Sitzplätze. Also gingen wir dahinter ins Dock, Hipsterbar, die uns aber wegen gutem Bier und gutem Burger empfohlen wurde und praktischerweise auf der Rückseite der Feuerwachen-Bar lag.

    Ich ging bummelig koppheister, stolperte leicht über ein Stuhlbein, beim Versuch mich mit einem leichten Ausfallschritt zu retten, kamen wir weitere Stuhlbeine in den Weg, und ins Zeitlupe fiel ich. Den Reaktionen der Anwesenden nach, sah das spektakulärer aus, als es sich anfühlte, ich konnte mich vor Hilfsangeboten kaum retten, fühlte mich aber selbst komplett unbeeindruckt.

    Ich wollte nur eines der schicken Craft Biere, die sie on tap hatten (12 Sorten bot die Zapfanlage), dazu die internetweit gerühmten selbstgemachten Kartoffelchips und den Chorizo-Burger, für die fünf Garstufen zur Auswahl boten.

    Und selbst an diesem Ort an diesem Platz gab es keine englische Getränkekarte. Ich staunte wieder, wie litauisch selbst dieser Touristenhotspot ist.

    Essen und Bier waren ausgezeichnet, wir zahlten wieder per QR-Code auf dem Tisch, es gelang mir, die Bar aufrecht zu verlassen.

    Wir kamen nach Hause und sahen Sonne auf den Balkon. Leider regnete es auch.

    Die Reise

    Verkehrsmittel

    Stand Klaipėda nach dem letzten ganzen Tag: 5 Fernzüge, 1 Regiozug, 1 Regioboot, 1 Hopserfähre, 2 S-Bahnen (Berlin), 2 Metros (Warschau) 5 Trams (2 Ffo, 3 Warschau), 1 Regiobus (Klaipėda), 7 O-Busse (5 Vilnius, 2 Kaunas), 1 Expressbus (Vilnius), 12 Busse (5 Vilnius, 3 Warschau, 3 Kaunas, 1 Klaipėda), 1 Minibus (Klaipėda); hinzugekommen: Nix. Alles gelaufen.

    ÖPNV-Wasserbus. Leider zu spät gefunden. um ihn noch zu benutzen.

    Anmerkungen

    1. Joah, das hat wohl nicht gereicht bzw. es waren einige Umdrehungen zu wenig. ↩︎
    2. Und weil eben der Hack alles verzögert hat, hängt das Blog-ich dem Lebens-ich aktuell sogar 18 Tage und 1200 Kilometer nach. ↩︎
  • 26-07-26 Kurische Nehrung, russische Näherung (Klaipėda-Nida-Klaipėda)

    26-07-26 Kurische Nehrung, russische Näherung (Klaipėda-Nida-Klaipėda)

    Dieses Blog wurde gehackt. Das war reichlich unerfreulich, lehr- und folgenreich. Eine der Folgen ist, dass einige Texte verloren gingen bzw. noch jenseits des Backups waren. Diese werden unter dem damaligen Datum nachgereicht. Hier ist einer davon.

    Mehr zum Hack kommt an den Stellen an denen es in der Chronik des geschrieben Textes hingehört. Noch ist das Blog-ich in Litauen, wurde schon gehackt, weiß aber noch nichts davon.

    §§§§§

    Klaipėda präsentierte sich als Möwen-Mauersegler-Stadt. Geweckt werden von den Möwen, nur um dann im Fenster die Mauersegler kreisen zu sehen.

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    Wenn jemand in einen englischen Text das deutsche Wort „Tankstelle“ einbaut1, kann er entweder besser deutsch als englisch oder er hat zumindest mal als LKW-Fahrer in Deutschland gearbeitet.

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    Vilnius datumsverwirrte mich. Meine Blogposts sind ja normalerweise mit Jahr-Monat-Tag gekennzeichnet, sollten also während der Reise alle mit 26-07.. beginnen. Mit dem ersten Vilnius-Post wechselte ich auf 27-07.. mit dem letzten Vilnius-Post hörte ich damit auf. Ich schwöre, es war keine Absicht.

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    Nur noch wenige Tage bis zum Ende der Reise. Langsam näherte ich mich der spannenden Frage: Kann ich bis 16 zählen? Werden Unterhosen und Socken wohl reichen?

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    Das Reise-ich ist zurück in Berlin, hat aber noch einen Tag Urlaub. Es hat derzeit 96 Stunden und 1200 Kilometer Vorsprung vor dem Blog-ich.2

    Es war ein Sandmittwoch mit touristischen Beiklängen.

    Ein bißchen New York

    Das Dangė-Hotel konnte seine Vortrefflichkeit auch beim Frühstück beweisen. Ein Haus mit vielleicht 20 Zimmer kann kein so vielfältiges Buffet anbieten, wie die großen Hotelpötte in denen wir waren. Aber es war alles vorhanden und das in guter Qualität.

    Am großen Fernsehen liefen sehr langsame Drohnenaufnahmen, mal von New York, mal von Reykjavik, die überraschend gut als Urlaubs-Fernweh-Stimmung-induzierend funktionierten. Das hätte ich nicht vorher gedacht,

    Sehr gewöhnungsbedürftig war es wieder, fast nur Deutsch im Speisesaal zu hören. Klaipėda ist Startort von Fähren nach Kiel, Travemünde und Rostock. Noch mehr Menschen kamen auf die Idee, hier vorher zu übernachten.

    Die einen versuchen in der Menge unterzugehen, die anderen tragen abwechseln Rammstein-Slogans und deutsche Nationaltrikots. Wir erwarteten, wirklich niemand der jetzt Anwesenden noch zwei Tage später zu sehen.

    Wobei das in Klaipėda schon spannend ist. Die Stadt selber ist kaum ein touristisches Ziel. Aber direkt südlich liegt mit der Kurischen Nehrung eine Riesen-Attraktion für naturnahen Strandurlaub mit Wandern und Radfahren; nördlich liegt mit Palanga das Zentrum des litauischen Party-Ausgeh-Strandurlaubs. Jeden zweiten Tag spült ein Kreuzfahrtschiff eine Welle von Tourist*innen in die Stadt, die wie eine Welle auch, sich abends wieder auf das Schiff zurückziehen. Die Fähren nach Deutschland und Skandinavien bringen jede Menge Durchreisende.

    Die Stadt ist voller Tourist*innen, aber fast niemand von ihnen ist wegen der Stadt selber gekommen. So faszinierend.

    Nun ja, wir wollten an diesem Mittwoch auch nicht Klaipėda sehen, sondern die kurische Nehrung. Direkt neben dem heutigen Kreuzfahrtschiff (Norwegian Sun, ein Stück kleiner als die gestrige Saphire Princess) lag unser Boot, das noch ein viel größeren Stück kleiner war.

    Norwegian Sun

    Not like new Mercedes

    Über das Boot erfuhren wir dank Sprecher Aurelio einiges. Dessen Vorträge waren zwar auf litauisch immer viermal so lang wie auf englisch, aber wir lernten vieles. Das Boot zum Beispiel wurde 1975 zusammen mit 600 Schwesterbooten dafür gebaut, sibirische Flüsse zu befahren. Es hat dementsprechend nur 40 cm Tiefgang und „is the only one in the EU“ von dem Typ.

    Aber „good like old Mercedes. Not like new one. Like old one. Nothing breaks. And if it breaks, we can simply fix it. Just wires right below the floor.“ Wir saßen in Zweier- und Dreierreihen wie in einem alten Reisebus, schauten aus dem Fenster, und wenn Aurelio nicht redete, legten die drei Panflötisten los, die sie irgendwo in den 40cm Tiefgang versteckt haben mussten.

    Aber wie er auch sagte: die zweistünde Fahrt entlang der kurischen Nehrung (die 100 Kilometer lang ist! Davon 50 Kilometer auf litauscher Seite) verging schnell.

    Der Einstieg war allerdings eher like in old Unimog. Die letzte Stufe hatte einen guten halben Meter Höhenunterschied, das war nicht für alle was.3

    Dünenschauen

    Zuerst sahen wir den Hafen von Klaipėda mit modernen Containerschiffen und den verlassenen Belarus-Dock („Because we have war“). Nach einiger Zeit kamen wir an der Independence vorbei – ein Schiff als Flüssiggasterminal dient und Litauen auch in dieser Hinsicht Unabhängigkeit von Russland bringen sollte.

    Inzwischen sind diese Terminals auch in Deutschland bekannt, in Litauen allerdings wurden sie seit 2007 geplant und 2014 in Dienst gestellt. „Here goes all Lithuanian gas“. Im Umfeld der Indepence lag ein Schlauchboot (ein von den großen, schnellen, im amerikanischen heißen die Zodiac) auf dem dunkel gekleidete bewaffnete Herren saßen, die deutlich den Anschein von Armee erweckten.

    Auch im Hafenbecken, vage in der Nähe der Indepence, waren diverse Angler auf Booten unterwegs, und ich würde wetten, die eine Hälfte davon gehörte zum russischen Geheimdienst, die andere Hälfte zu NATO-Geheimdiensten und mindestens einer zu beiden.

    Irgendwann aber hatten wir das hinter uns gelassen und schauten auf Dünen. Sehr lange, überraschend hohe und insgesamt spektakuläre Dünen. Ich begann zu verstehen, was zum Beispiel Thomas Mann immer in diese Landschaft zog.

    Bis kurz vor Nida, es kam die Ansage „If we go left, in 5 Minutes we are in russia“, wir aber wollten nach Nida, dem litauischen Hauptort der Nehrung.

    Von Helgoland..

    Vielen Menschen, die auf die Nehrung fahren, landen im kleinen Städtchen Nida. Dort im Zentrum, mit Boots- und Schiffsanlegern, Geschäften und Cafés fühlten wir uns ein wenig wie in Helgoland. Es ballte sich auf kleinem Raum und viele Menschen strebten irgendwohin.

    Dort sahen wir auch die beiden Niederländer von der Soviet-Vilnius-Führung wieder. Insgesamt scheint die Zahl der Touristen in Litauen doch überschaubar. Wir kauften noch schnell eine Rückfahrkarte für den Bus und machten uns daran, den Ort zu verlassen.

    Als erstes geht man dort zur Parnidis-Düne. So auch wir. Die Düne heißt so, weil sie einst wanderte, und über (Par) die Stadt Nida (Nidis) hinwegzog. Würde mensch sie umbuddeln ließe sich in ihrem Inneren noch Alt-Nida finden. Zum Glück allerdings konnten sie dann preußische Düneninspektoren durch Kiefernpflanzungen und andere befestigen, so dass sie jetzt eine stationäre Düne geworden ist.

    Damit die Düne nicht wieder anfängt zu wandern (ein Schild hatte den wunderbaren Ausdruck „free roaming dunes“), wurden Wege hinauf und hinab befestigt, insgesamt geht es auf relativ kurzer Strecke 55 Meter nach oben, einen wunderbar waldigen, von uns sonst nie begegnenden Blumen umgeben, Aussichtspunkt zu.

    ..nach Sylt

    Dort war eine Plattform. Wir trafen viele Menschen. Eine deutsch-christliche Reisegruppe, die plötzlich in den Kanon „Der Himmel geht über allen auf„ ausbruch, ihn zu Madames großer Irritation aber nicht als Kanon sang; Radfahrer*innen, die die Straße die Düne hinauf genommen hatte, Kreuzfahrergruppen, die von ihren Bus auch dort hingefahren wurden, Influencer*innen die über das „betreten verboten“ Schild kletterten, damit sie ja im Sand in freier Natur fotografiert werden, nicht etwa auf einer Holzplattform.

    Sowas kenne ich normalerweise nicht, fand es hochspannend. Vor allem aber war die Sicht wirklich eine Wucht. Hier zu sehen das Kurische Haff, knapp rechts davon die Ostsee.


    Zuerst das Bild..

    Etwas gewöhnungsbedürftig aber auch, wie nah wir an Russland waren. Mit bloßen Auge war kaum eine Grenze auszumachen. Wir hatten auch schon gehört, dass diese in der Landschaft nicht zu sehen ist; was aber nicht heißt, dass nicht Grenzposten vorhanden sind, die jeden Meter überwachen – und es ist nicht ratsam auf Versehen auf die russische Seite zu gelangen. Zum Glück existiert auch eine Bildtafel.

    Und dann die Legende. Der Anfang vom Wald und die Landzunge sind ganz gut wiederzuerkennen.

    Wir aber liefen erst einmal zur Ostsee – Schauen, ob der Strand wirklich so eindrucksvoll ist wie versprochen. Erst einmal sahen wir denselben Kreuzfahrt-Busfahrer zum dritten Mal in zwei Tagen, der uns schon fröhlich zuwinkte, dann eine tolle Art-Deco-Tankstelle, einen Campingplatz, die Schilder zum Nudisten- und zum Frauenstrand und schließlich den Strand selber.

    So stelle ich mir Karibik vor, zumindest was den weißen und feinen Sand angeht. Und er geht einfach 50 Kilometer entlang der Dünen weiter, wird dementsprechend einsam – es erinnerte an Sylt, nur viel größer, noch düniger, noch einsamer.

    Vielleicht sollten wir doch einmal dort übernachten, uns irgendwo an diesem riesigen Traumstrand ein Plätzchen suchen und einen Tag lang schwelgen. Ich konnte Thomas Mann immer besser verstehen.

    Leider war es an diesem Tag aber eher kalt, schon spät geworden, und ich hatte auch keine Lust mehr die ganze Umkleide-Litanei zu unternehmen nur um einmal 5 Minuten im Wasser zu sein. Nächstes Mal..

    Zurück

    Zurück nahmen wir die Fußgängerautobahn, die neben der Straße verlief. Auf der anderen Seite die Radfahrautobahn, die ähnlich luxuriös ausgestattet war.

    Ein litauischer Brötchenknast in Verbindung mit einer schwer zu bedienden Selbstbedienungskasse sorgte dafür, dass wir eher knapp zum Bus kamen und ich damit den letzten freien Sitzplatz, den Platz in der Mitte der Rückbank gewann. Es war kuschlig. Der Bus ist so halb ÖPNV (Stundentakt, fährt jedes kleine Dorf ab), halb auch nicht (der Bus selber war ein Reisebus, der Preis auch jenseits normaler ÖPNV-Preise), und „von innen“ sah diese Dünenlandschaft noch viel eindrucksvoller aus als vom Haff her.

    Dann nach Smiltynė ganz am anderen litauischen Ende, dort wo das Kurische Haff ins Meer mündet, Madame musste lange mit der Bezahl-App kämpfen, es gelang ihr aber noch kurz bevor wir das andere Ufer erreicht hatten.

    Feuerwehrburger

    Nach dem Hotel, wieder los. Diesmal gewann deutlich der Sitzplatz. Wir sicherten uns einen Draußenplatz direkt an der Danė, dort wo die beleuchteten Bötchen sind, der Pseudo-Dreimaster liegt und ganz Klaipėda bummelt, saßen wir im Feuerwehrhaus bzw. im Restaurant Gaisrinė, wo wir mal wieder Fried Bread bestellten (When in Lithunia do as the lithuanians..), einen Feuerwehrburger und wie immer in diesem Land ziemlich gutes Bier.

    Dann schlafen. Inzwischen 14 Tage Reise oder so, hatten doch langsam an meinem Unternehmungsgeist gezehrt.

    Die Reise

    Verkehrsmittel

    Stand Klaipėda nach dem Ausflug zur Kurischen Nehrung: 5 Fernzüge, 1 Regiozug, 1 Regioboot, 1 Hopserfähre, 2 S-Bahnen (Berlin), 2 Metros (Warschau) 5 Trams (2 Ffo, 3 Warschau), 1 Regiobus (Klaipėda), 7 O-Busse (5 Vilnius, 2 Kaunas), 1 Expressbus (Vilnius), 12 Busse (5 Vilnius, 3 Warschau, 3 Kaunas, 1 Klaipėda), 1 Minibus (Klaipėda); hinzugekommen: 1 Regioboot (Klaipėda-Nida), 1 Regiobus (Nida-Smiltynė), 1 Hopserfähre (Smiltynė-Klaipėda)

    Die Marco Polo. Zwei Tage später unser Schiff zurück.

    Anmerkungen

    1. „We don’t go to Tankstelle. Tankstelle comes to us.“ ↩︎
    2. Das Reise-ich existiert nicht mehr. Das Lebens-ich hat inzwischen (am 10.8.26) den Rekordvorsprung von 19 Tagen und 1200 Kilometern. ↩︎
    3. Leider ging auch Karens Kommentar verloren, der darauf hinwies, dass das Boot offensichtlich in Zusammenarbeit mit einer sowjetischen Lokomotivenfabrik entstand. ↩︎
  • 26-07-25 Waldwege kreuzen (Vilnius – Klaipėda)

    26-07-25 Waldwege kreuzen (Vilnius – Klaipėda)

    Dieses Blog wurde gehackt. Das war reichlich unerfreulich, lehr- und folgenreich. Eine der Folgen ist, dass einige Texte verloren gingen bzw. noch jenseits des Backups waren. Diese werden unter dem damaligen Datum nachgereicht. Hier ist einer davon.

    Mehr zum Hack kommt an den Stellen an denen es in der Chronik des geschrieben Textes hingehört. Noch ist das Blog-ich in Litauen, wurde schon gehackt, weiß aber noch nichts davon.

    §§§§§

    Madame roch Seeluft.

    *

    Wir glauben, wir waren in Vilnius nicht nur im selben Hotel wie vor zwei Jahren, sondern sogar im selben Zimmer: Flur, Wandbild und Raumschnitt waren auf jeden Fall identisch. Die Aussicht mindestens sehr ähnlich.

    *

    Bisher ignoriere ich die Berliner Wettervorhersage für die nächste Woche und die News-Meldungen der Berliner S-Bahn eisern.

    *

    Denn ich bin zwar wieder in Deutschland, aber noch ein ganzes Stück entfernt von Berlin. Das Reise-ich reist noch, das Blog-ich hat aber dennoch 96 Stunden und 780 Kilometer Vorsprung.1

    Es war In-den-Wald-Guck-und-Such-den-Anleger-Dienstag.

    Goodbye Vilnius

    Zug 781 von Vilnius nach Klaipėda sollte um 10:23h abfahren. Ab in die Hafenstadt: Die drittgrößte Stadt Litauens wartete, „Tor zur Welt“ bzw für uns, Startpunkt für die Fähre nach Travemünde, und wieder eine ganz andere Stadt. Die kleinste der „3 Großen“ Litauens, mit einer komplett anderen Geschichte: Waren die anderen Städte Litauens vor allem zwischen Litauern, Polen und Russen umkämpft über die Jahrhunderte, gehörte Klaipėda, erst zum Deutschen Orden, dann zu Preußen und bis 1919 zum Deutschen Reich. Erst danach reihte es sich in die deutsch-sowjetischen Überfälle des 20. Jahrhunderts ein.

    Aber erst galt es dorthin zu kommen. Unser Hotel in Vilnius war vielleicht 10 Minuten zu Fuß bzw. eine Bushaltestelle und sehr wenig Fußwenig vom Bahnhof entfernt. Es bot sich einfach an, (fast) auszuschlafen, gemütlich zu frühstücken und zu beobachten, wie die ganzen Intrepid-Reisenden ihre Reisebusse bestiegen.

    Denn obwohl wir zwei Abende zuvor nur 10 Intrepid-Leute plus Guide Algita im Restaurant getroffen hatten, fühlten sie nun zwei Busse (wir erkannten die zehn und Algita wieder die einstiegen). Entweder das werden jetzt parallel-Individualtouren bei denen Logistik, die niemand wirklich interessiert (Bus/Hotel) für große Gruppen gebucht werden, während der inhaltliche Teil zwar im Ablauf parallel für alle, in der Ausgestaltung aber Kleingruppen läuft; oder sie haben wirklich verschiedenen Touren durch das Baltikum, die sich mal im Hotel und Bus treffen und dann mal wieder auseinanderlaufen.

    Wir liefen allein, verließen kurz nach ihnen den Bahnhof. Aber auf uns wartete noch niemand. Wir beschlossen, zu faul zu sein, um die Köffer den Hügel hochzuziehen.

    Wir gingen zur Bushaltestelle Aguonų gatvė („Mohnstraße“) und nahmen für eine Station einen kleinen Trolleybus, der ungelogen, das Busmodell Trollino 12 war. (Der kleine, ungehorsame Trollino möchte bitte..)

    Im Sofa zum Zug

    Im Bahnhof Vilnius entdeckte Madame den Bahnhofsflügel, ich die VIP Lounge für die 1. Klasse. Mit Hilfe einer Bahnangestellten gelang es sogar, die elektrische Einlasssperre mit dem Spezial-VIP-Lounge-QR-Code zu überwinden.

    Es war nicht plüschig, aber business-cozy. Bequeme Sofas, bequeme Sessel, mehr Meeting-Spaces als „mein“ normalen Büro. Nachdem wir eine herrliche Viertelstunden alles für uns allein hatten, kamen weitere Reisende. Niemand sprach litauisch.

    Denn, das ist das spannende: Obwohl das Preisniveau in Vilnius, Kaunas und Klaipėda (Großstadt-Innenstadt) durchaus deutsches Niveau hatte und die durchweg ehrgeizig bepreisten Restaurants trotzdem immer mit Litauern gefüllt waren, auch mitten in der Woche, also auch bei den Litauer*innen Geld zum Ausgeben vorhanden ist, war die 1. Klasse LTG fast eine reise Auslands-Veranstaltung. Meine Arbeitshypothese:

    Alle Litauer*innen, die in der Lage und Willens wäre, die 1. Klasse zu benutzen, nehmen für die Strecken lieber ihren Audi/Lexus/BMW. Bahn in Litauen ist für Leute, die keine andere Wahl haben, und die fahren dann 2. Klasse.

    Irgendwann, kurz bevor es mit unserem Zug spannend wurde, kam jemand von LTG werkelte an der (kostenpflichten) VIP-Lounge-Kaffeemaschine, und nachdem er ging, fiel in der gesamten Lounge der Strom aus. Nach der vortätigen Toilettenerfahrung hatte ich Sorgen, ob wir sie überhaupt je verlassen könnten. Aber indem ich den Türöffner betätigte ging der Strom wieder an.

    Selbst der sandigste Waldweg allerdings bekam einen beschrankten Bahnübergang

    Unsere Plätze warteten auf uns. Nicht warteten die Gepäckablagen, denn die waren anscheinend schon in Vilnius-Airport, dem Startpunkt des Zuges gefüllt worden. Die Zugchefing machte tapfer eine Ansage auf litauisch, die vermutlich bei uns im Wagen 2 von 20 Anwesenden verstanden, sie kramte dann aber bei Überraschung des (kostenlosen) Heißgetränks, Wassers und Brownies doch noch etwas englisch hervor.

    Wir fuhren zurück bis fast nach Kaunas und dann einmal quer durch Litauen nach Norden. Wir sahen Wälder und Wege, Pisten, Wiesen, Seen und Hügel. Wie ich inzwischen erfuhr hat das ländliche Litauen eine Bevölkerungsdichte wie die entlegensten Teile Brandenburgs (~ Prignitz) und dementsprechend spärlich ist Infrastruktur. Die hohe Dichte an SUVs im Allgemeinen und Subarus als no-Schmock-komplett-Waldpistentauglichem Modell ergab noch mehr Sinn.

    Ab und an kam eine halbverfallene sowjetische Industrieanlage vorbei, ab und an Streckenbau-Arbeiten. Staunend hatten wir schon gelernt, dass Litauen zwar keine natürlichen Bodenschätze hat, aber 5% der Wirtschaft daraus besteht, Öl zu raffinieren – vermutlich ehemals aus Russland gekommen, was nicht mehr geht, haben die Raffinerien den Wandel überstanden.

    Hunderte und aberhunderte Tankwagen, die wir immer wieder trafen, bestätigten, wie groß und wichtig der Wirtschaftszweig anscheinend ist.

    Mohn zu Linden

    In Kretinge verloren wir viele Mitreisende, denn dort fährt der Bus nach Palanga, das Ostsee-Mallorca der Litauern. Als wir eine halbe Stunde vor Plan schon im Großraum Klaipėda waren, staunte ich, was wir noch machen würden. Nachdem uns 20 Minuten später gemütliche Freizeitradler überholten, staunte ich ein wenig und verstand ein wenig.

    Nachträglich recherchierte ich: Baustelle, Langsamfahrstelle. Um 15:33h kamen wir pünktlich nach Fahrplan an. Im Nieselregen zogen wir die Köffer vom Bahnhof weg durch den Skulpturenpark/Ex-Friedhof der Stadt in die Liepų gatvė zum Dangė Hotel.

    Bitte hier tröten!

    Zimmer 44

    Das Dangė Hotel erinnerte an das Boheme von Kaunas. Auch hier ein umgebautes Wohnhaus. Auch hier privat geführt und bis an die Zähne designt. Aber sonst würde ich gerne das Bohme einmal zur Fortbildung schicken. Dort war eigentlich immer „Ich bin Design! Beachte mich!“, hier war die Einstellung „Du musst gar nicht wissen, warum und wie, Hauptsache du hast das Gefühl alles ist toll.“ Vor allem aber dienste hier das Design der Nutzbarkeit.

    Die Menge an Raum, die sie aus ihrem Dachboden gewonnen hatten, beeindruckte uns. Das Badezimmer hatte ein Oberlicht, und dadurch soviel Licht, dass wir quasi dauernd kurz davor waren, den Lichtschalter zu drücken, weil es uns so beleuchtet vorkam. Der Schreibtisch war riesig, der Stuhl bequem, und der Balkon riesig.

    Und als wir auf dem Balkon saßen, sah ich am Ende der Straße plötzlich Container durch das Bild schieben. Ein kurzes Stutzen, ein Zögern, ein Nachdenken: Tatsächlich, dort am Ende der Straßen schauten wir auf die Hafen-Ausfahrt, konnten zumindest die großen Pötte über den Bäumen vorbeigleiten sehen.

    Ein Hotel. mindestens so schön wie das Boheme und mindestens so funktionierend-großzügig wie das Comfort-Hotel. Anfang (Polonia Palace) und Ende (Dangė) der eigentlichen Reise hatten die besten Hotels.

    Sapphire Princess

    Und währned das Hotel selbst an einer eher unspektakulären Wohn/Verkehrsstraße lag, Madame freute sich sehr am Fliesengeschäft und ein Lunch-Lokal für die Bewohner drumherum, waren wir doch nur einen Block vom Fluss Danė (ehemals Dange) entfernt, der bei Klaipėda in das Kurische Haff/das Memel-Delta fließt.

    Wir liefen am Fluss entlang, stellten schnell fest, dass es die Haupt-Ausgehmeile der Klaipėdianer*innen ist und offenbar in den letzten Jahren einmal nach allen Maßstäben und Trends moderner Ausgehmeilengestaltung am Fluss umgebaut wurde. Das war sehr beeindruckend.

    Wir aber suchten vor allem den Anleger. Madame hatte Boots-Fahrkarten auf die Kurische Nehrung nach Nida gebucht, und wir hatten wenig Lust morgens unter Zeitdruck durch das Hafengebiet zu irren auf der Suche nach dem Boot.

    Vor diesem fanden wir aber das Kreuzfahrtschiff. Das war auch größe, die Sapphire Princess – die war mit 300 Metern Länge, knapp 40 Meter Höhe und Platz für 2670 Passagiere auch ziemlich unübersehbar. Während wir noch standen und schauten, kamen einzelne Kreuzfahrer*innen zum Schiff zurück, gingen durch eine erstaunliche kleine Tür im Bauch des Schiffes wieder an Bord. Ich sah keine Kontrollen, war kurz versucht es ihnen einfach gleich zu tun, war aber dann doch zu feige.

    Vor allem aber rollten die Reisebusse an: „Purple 5, Brown 13, Black 11 – Best of Curian Split“ und noch viele andere. Sie waren ausgeschwärmt, hatten die Kreuzfahrer quer durch die Gegend verteilt und holten sie nun wieder zurück.

    Gestreifter Wackelpudding zum Abschluss

    Auch wir fuhren Bus, Minibus, eine ehemalige Marschrutka, ein Sammeltaxi/Kleinbus, der auf bestimmten Linien fährt, aber dort auf Handzeichen irgendwo auf der Strecke hält. In Klaipėda sind diese mittlerweile komplett in den ÖPNV integriert, fahren aber auch durch Nebenstraßen, haben feste Haltestellen, aber auch hier muss man den Arm ausstrecken, um sie zum halten zu bewegen.

    Bis zum dritten M-Bus hatten wir das auch gelernt,

    Wieder ging es zur Akropolis. Denn auch in der Akropolis Klaipėda gab es, wie in der Akropolis Vilnius, ein Delano-Restaurant. Ein Buffet-Restaurant, einst beliebt im ganzen Ex-Kommunistischen Ostblock, in Litauen, schon fast am Aussterben – eine Art gehobenes Selbstbedienungsrestaurant, an der eine große Auswahl „gutbürgerlicher Küche“ live gekocht wird – also ähnlich wie das Karstadt/Galeria-Restaurant, aber mit größeren Angebot und fokussiert auf litauisches Essen.

    Für uns hatte es den großen Vorteil, dass wir einmal eine ganze Bandbreite an Gerichten live, in echt sehen konnten, teilweise auch direkt die Zubereitung sahen, und uns noch einmal quer durch die ganzen Kartoffelvariationen essen.

    Dazu, natürlich, wir waren im Akropolis, wieder Eishockey-Training.

    Es ging früh zurück ins Hotel. Der nächste Tag sollte einen ganzen Tagesausflug bringen.

    Die Reise

    Am Ende der Straße die Containerschiffe

    Verkehrsmittel

    Stand Ankunft Klaipėda: 5 Fernzüge, 1 Regio, 2 S-Bahnen (Berlin), 2 Metros (Warschau) 5 Trams (2 Ffo, 3 Warschau), 7 O-Busse (5 Vilnius, 2 Kaunas), 1 Expressbus (Vilnius), 12 Busse (5 Vilnius, 3 Warschau, 3 Kaunas, 1 Klaipėda), 1 Minibus (Klaipėda); hinzugekommen: 1 Fernzug (Vilnius-Klaipėda), 1 Trolleybus (Hotel Vilnius-Bahnhof), 1 Minibus (Klaipėda Hafen-Akropolis), 1 Bus (Akropolis Klaipėda-Hotel)

    Anmerkungen

    1. Durch Hack und Blog-Verzögerung hat das Lebens-ich sogar aktuell 20 Tage und 1200 Kilometer Vorsprung vor dem Blog-Ich. ↩︎
  • 27-02-22 Malen, Zeichnen, Sprühen (Vilnius)

    27-02-22 Malen, Zeichnen, Sprühen (Vilnius)

    Madame erlangte ein frisches Frühstücks-Spiegelei. Es war der letzte Tag des Hotelfrühstücks-Paradieses. Denn die Bio-Olympiade hatte entweder Stunden vor uns oder gar nicht gefrühstück, wir kamen immer an ein leer(Raum)volles(Speisen)Buffet. Das sollte ich ändern.

    Dafür kam Intrepid ins Hotel. Anscheinend ein Edel-Reisegruppen-Veranstalter, der relativ individuelle, eng betraute Touren mit Selbstanreise anbietet. Am nächsten Morgen war das Hotel von lauter Wanderengländerinnen und Outdooramerikanern besetzt.

    *

    Wir stellten fest, wie haben zu viele Ideen für zu wenig Tage.

    *

    Noch nie sah ich so oft und so stolz das NATO-Symbol in einer Stadt wie in Vilnius.


    *

    Ich recherchierte, welche Städte die größten Städte Europas ohne Metro/U-Bahn/Tram/Light Railway sind, und es zeichneten sich zwei Gruppen ab: (1) Ex-Sowjetunion, wie Woronesch, Tojatti, Vilnius, Chișinău – diese haben ein Trolleybusnetz. Oder Städte in Nordengland (Leeds, Liverpool) – diese haben, ähm..

    *

    Es war ein malerischer Problemviertelsonntag.

    Das Reise-ich hat heute den ganzen Tag auf die Ostsee und das kurische Haff geblickt, während das Blog-ich sich noch an die Großstadt er erinnern versucht. Es liegt 300 Kilometer und 72 Stunden zurück.

    BAK

    Das Jewish Gaon Museum Vilnius hatte weitere Außenstellen. Und nachdem die Betreuung am Identity-Litvak-Museum so derart gut gewesen war, nutzten wir das erworbene Kombiticket, um ins Samuel-Bak-Museum zu gehen. Uns wurde ein Kunstmuseum versprochen, das war bestenfalls ein Drittel des Ganzen.

    Wir fanden: Eine eher seltsame Ausstellung zum ersten Besuch eines litauischen Präsidenten in Israel nach der Unabhängigkeit. Schwieriges Thema, weil die Litauer, im Gegensatz zu den Österreichern, ganz zweifellos Opfer des Zweiten Weltkriegs waren, aber auch deutlich mehr als die Nachbarländer Täter des Holocausts. Die Ausstellung selbst war strange, aber interessant zu sehen, in welche Richtung sie argumentiert und was die (damaligen) Gegenargumente gegen eine Entschuldigung an Israel sind (waren).

    Versteckt in einer Ecke: Die Geschichte von Kindern, die den Holocaust überlebten, indem sie aus dem Ghetto geschmuggelt wurden und deren Rettern. Eindrucksvoll, aber viel zu viel, viel zu gedrängt für den kleinen Museumsflügel. Eigentlich hätte allein das genug Stoff für ein eigenes Museum gegeben.

    Eine Sonderausstellung zum Bildhauer Jacques Lipchitz (geboren als Chaim Jakoff Lipschitz, der in Vilnius Kunst studierte und dabei auch alle Kirchen vielfach besuchte. Bei mir blieb hängen, dass ich mit seinen kleineren Skulpturen (vor Ort) wenig anfangen kann, mit den großen (im Foto zu sehen) vermutlich mehr. Und dass er in seiner Jugend dachte, alle Skulpturen sollten weiß sein – kein Wunder, er kannte Peterpaul in Vilnius.

    Es gab Skizzen von Gerardas Bogdanovičius, der Anfang des 20. Jahrhunderts große Teile Litauens bereiste, unter anderem Zeichnungen zahlreicher Synagogen anfertigte – inzwischen zerstört.

    Und es gab die Bilder von Samuel Bak, geboren in Vilnius, als Kind aus dem Ghetto geschmuggelt und später Maler geworden, der sich seit Jahrzehnten mit dem Untergang des jiddischen Wilne auseinandersetzt. Das Museum hat zahlreiche Originale von Bak – angefangen von der Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, noch relativ eng am Aussehen des Ghettos gehalten und den damaligen modernen Kunstströmungen entsprechend, bis zu fast aktuellen Werken – abstrakter, aber thematisch weiter unverkennbar und auch deutlicher in Baks eigenem farbkräftigen Stil, der einerseits konkret scheint – in den Figuren und Motiven auf den Bildern – die gesamte Zusammensetzung und erzählte Geschichte aber hochabstrakt ist.

    Nichts, was ich immer sehen wollte, dafür sind sie auch thematisch zu anstrengend, aber Bilder, die ich mit großem Gewinn gesehen habe.

    Reuben

    Danach ging es Richtung Markthalle. Dort würden wie Šarūnas treffen würde. Madame wollte die Tage ausnutzen, ich wollte endlich mal die Gegend um unser Hotel näher in Augenschein nehmen – die Tour „Vilnius 1990er bis heute“ schien beides zu ermöglichen. Diese traf sich vor der Markthalle. Wie schon 2024 hatten wir mit ihr kein Glück. Die spannenden Sachen sahen spannend aus, aber wir hatten keine Zeit – wir konnten gerade noch sehen was uns interessieren würde (u.a. der großartige Pastrami/Reuben-Sandwich-Laden, der sich aus die ausgewanderten Litvaken berief, die dieses in New York erfunden hatten), aber die Zeit war aus. Und an unserem letzten Tag, Montag, war die Markthalle geschlossen.

    Back to the 1990s

    Madame wollte die Zeit ausnutzen. Ich wollte endlich einmal die Gegend um das Hotel sehen. Die Führung „Vilnius since the 1990s“ schien beides zu versprechen. Auch diese kam von „Vilnius with Locals“, war als „Free Walking Tour“ angekündigt (man gibt soviel wie man will am Ende) und der Lokal der uns entgegenwinkte war schon wieder Šarūnas – das war in dem Fall unerwartet, aber nicht unerfreut.

    Ich war schon vorher von seinen Qualitäten überzeugt. Aber als er die Führung in der ramschigen Ecke der Markthalle begann, dort wo die seltsamen Klamotten verkauft werden, hatte er mein Herz gewonnen. Er erläuterte, dass es diese Märkte in allen Staaten des Ex-Ostblocks gab (außer der DDR), weil ein Großteil des Staates plötzlich vor dem Nichts stand, und einige versuchten, billig in der Türkei Kleidung einzukaufen, und wieder zu verkaufen. Und wir sahen nicht nur einen komischen Markt sondern eine historische Schicht der Stadt.

    Nächster Stop: das Migrantion-Graffitti zwischen Markthalle und Bahnhof; gefertigt von zwei Brasilianern mit litauischen Vorfahren – denn nicht nur stand ein ganzer Staat vor dem Nichts, auch verlor er seit 1990 knapp ein Drittel seiner Bewohner*innen.

    Er arbeitete sich so über passende Orte zu den entsprechenden Jahren vor.

    Oslonaimas

    Und nicht nur sah ich die Gegend um das Hotel, denn das Viertel Naujamiestis, das Ex-Industrieviertel beim Bahnhof, galt einst als das verrufenste der Stadt, hier lässt sich auch viel zeitgemäße Umgestaltung, Aufbau und Getrifizierung sehen. Hier stehen alte Wohnblocks fragwürdiger Substanz neben Neubauten, ist das Straßenbild heterogener als in vielen anderen Stadtvierteln.

    Ich lernte: unser Hotel gehört zu einem ganzen Großprojekt Oslonaimas, das in den 2010ern einen kompletten Block überbaute, dabei an skandinavisches Design (Oslo) erinnern sollte. Hier wohnen Litauer, die Erfolg hatten.

    Den Umbruch sehen konnten wir nebenan: die Open Gallery, eine ehemalige sowjetische Radiofabrik, einerseits immer noch für Büros und Gewerbeflächen aller Art genutzt, andererseits mit einem Parkplatz/Innenhof, der uns sofort verständlich machte, warum halb Litauen Subaru fährt, und vor allem mit vielen Graffiti der Open Yard Gallery – die natürlich auch alle etwas über die Geschichte der Stadt erzählen – von der Bedeutung des Basketballs über die Stimmung der Jugend in den 1990ern bis zur Kritik an den ewig ausfallenden alten Trolleybussen.

    Es endete bei den erfolgreichen. Wir lernten, dass Litauen einerseits eine heftige soziale Spaltung hat, andererseits dank relativ großer wirtschaftlcher Differenzierung (etwas Industrie, etwas Optik, etwas IT) seit den 2010ern einen großen Aufschwung erlebt, wirtschaftlich Estland überholt und vom Ende aller Eurostat-Vergleiche („The only thing we were good at was suicides“) mittlerweile solide im europäischen Mittelfeld liegt.

    Manchmal werden sowjetische Radiofabriken zu Streetart-Gallerien, manchmal werden Sockenfabriken komplett abgerissen und das Sockenmuster soll ich dann nur in der Fassade des Neubaus finden:

    Hier wohnt NordVPN im Sockenmustercampus. Vinted ist gleich im die Ecke.

    Pellkartoffel-Erleuchtung

    Wer auf Reisen geht, steht beim Essen ja oft vor einer Grundsatzentscheidung. In diesem Fall: „Litauische Klassiker essen“ oder „Essen wie die Litauer jetzt gerade vor Ort“, die halt auch oft lieber Pommes und Steak haben als Pilz-Kartoffelgerichte. Nachdem wir beiden Tage vorher „Essen wie die Litauer“ praktizierten und das so Schaschlik im London Grill führte, entschieden wir uns mal wieder für „Litauisch essen.“

    Das Žemaičių Ąsotis war uns aus mehreren Richtungen empfohlen worden (Šarūnas, Websuche, Haselant), lag zudem in der Nähe vom Hotel – also hin. Von außen sah es gut aus – wie ich mir ein gepflegtes litauisches Wirthaus auf dem Dorf vorstelle, von drinnen sogar wie ein sehr gepflegtes. Also eher nicht wie Bahnhofsviertel Vilnius 2026 – aber das war auch nicht das Ziel.

    Handwerklich-Kulinarisch war es nach dem Fine-Dining-Nüman das beste Essen der Reise. Unser Tischnachbarn war aber die aus dem Hotel schon bekannte Intrepid-Reisegruppe, die ihr Kennenlernabendessen mit ihrer lettischen Individualbetreuerin für zehn Tage Balktikum hatte. Andererseits: Selbes Hotel, selbes Restaurant – der Anbieter hat Geschmack.

    Das Restaurant. Wir hatten eine Pellkartoffeln-mit-Quark-Erleuchtung. Wobei es eher Quark-mit-Pellkartoffeln war. Und auch nicht wirklich Quark.

    Auf der Karte stand Kastinys mit Beilage Kartoffeln – meine Güte war der gut. Wie ich inzwischen nachlas eine gewürzte Mischung aus Butter und Sauerrahm, welch Cremetraum mit Geschmack.

    Danach Kartoffeln, Pilze, und weil es ja mal sein musste: Cepelinai. Nur Kugelis fehlt mir noch bei den großen litauischen Klassikern.

    Doch wie die Einheimischen

    Danach durch das übliche Vilniuser Hinterhoflabyringt – so faszinierend diese Stadt – schafften wir noch einen Supermarktbesuch bei Iki.

    Wir lernten, warum Iki so viele Artikel der österreichischen Billa-Märkte im Angebot hat (Billa und Iki gehöre beide zu REWE) und wir fanden das Regal mit sūreliai – Quarkriegel, die mit Schokolade überzogen sind. In Berliner Supermärkten gibt es davon auch immer einen oder zwei – aber Regalweise nur hier. Wir kauften eine Auswahl und aßen dann doch noch litauisch wie die Litauer 2026.

    Teile des Quarkriegel-Regals

    Die Reise

    Inside NordVPN-Campus

    Verkehrsmittel

    Stand Vilnius Sonntagabend: 4 Fernzüge, 1 Regio, 2 S-Bahnen (Berlin), 2 Metros (Warschau) 5 Trams (2, Ffo, 3 Warschau), 5 O-Busse (3 Vilnius, 2 Kaunas), 9 Busse (3 Warschau, 3 Kaunas, 3 Vilnius); hinzugekommen: Nix. Alles zu Fuß gelaufen.

  • 27-07-21 Seeluftsmüdigkeit (-)

    27-07-21 Seeluftsmüdigkeit (-)

    Es waren nur 300 Kilometer. Aber die Szenerie in der ich mich heute bewegte ist so verschieden vom Bisherigen, dass mein Schreib-ich aus dem Takt geriet.

    Damit hat das Reise-ich nun 300 Kilometer und 72 Stunden Vorsprung vor dem Blog-ich.

    Vielleicht dann morgen über Gerardas Bogdanovičius, die verrückten 1990er in Litauen, die schlechten Orte der Stadt, Cepelinai und Quarkriegel.

    Die Reise bisher

  • 27-07-19 Jeden Tag 200 (Vilnius)

    27-07-19 Jeden Tag 200 (Vilnius)

    Wir stellten fest: wenn zwei Menschen zusammenkommen, die hebräisch lesen und deutsch hören können, können sie zusammen jiddisch.

    Nachfahren litauischer Juden haben prinzipiell ein Anrecht auf die litauische Staatsbürgerschaft; allerdings wird diese nicht im Rahmen einer Stadtführung vergeben.

    *

    Madame testet den Jiddisch-Kurs von Duolingo.

    *

    Inzwischen fand ich heraus, wofür das T im Kürzel der litauischen Eisenbahngesellschaft LTG steht. Das L ist ein offensichtliches Litauen, das G ein geležinkeliai für Eisenbahn und das T ein enttäuschendes t für ebenfalls LiTauen. Pfff.

    *

    Im Gegensatz zu Kaunas versucht Vilnius das immerhin mit der Verkehrswende: Aufgemalte Radwege auf Kopfsteinpflaster haben Verbesserungspotenzial, aber zeigen Bemühen.

    *

    Es war ein 500-Jahre-Vilnius-in-acht-Stunden-Freitag. Das Reise-ich ist dem Blog ich weiterhin 48 Stunden voraus.

    ווילנע (Wilne)

    Die Wettervorhersage für Vilnius war wechselhaft. Und unsere Erfahrungen mit Regen hier waren unerfreulich aber eindrücklich. Also wollten wir am letzten sicher trockenen Tag durch die Stadt. Madame fand Führungen bei Vilnius with Locals und buchte uns für die Jewish Vilnius Tour. Die Erfahrung sagte, dass deutsche Vernichtung und sowjetisches Desinteresse vermutlich wenige Spuren übrig ließen, die wir von alleine sehen würden.

    Da es um das gesamte jüdische Vilnius und seine 500 jährige Geschichte gehen würde, wäre der Eindruck vielleicht auch nicht ganz so zerschmetternd wie bei der Tour zum Warschauer Ghetto. Es stellte sich heraus: Die echten Spuren waren für ehemals 70.000 jüdische Bewohner*innen wenig. Aber immerhin waren sie überhaupt vorhanden.

    Wir trafen uns um 11 am Markt. Die 26 Interessierten wurden in zwei Gruppen aufgeteilt, wir kamen zu Šarūnas, Mitte 30, gebürtiger Vilniusser und studierter Historiker. Schon früh merkte ich, dass er anscheinend mal irgendwie bewusst „gute Führungen machen“ gelernt hat (das war schon jenseits von Naturtalent), erfreut stellte ich im weiteren Verlauf fest, dass er auch viel inhaltliche Substanz hat und immer deutlich mehr hätte sagen können.

    Elijah Ben Salomon Salman, genannt der Gaon von Wilna (jiddisch: der Goen fun Wilne)

    Es begann mit dem Gaon. Der Gaon von Vilnius war ein Gelehrter des 18. Jahrhunderts, dessen Ruhm weit über Vilnius oder Litauen hinausging. Auf den Gaon und die litauische Schule geht eine der beiden Strömungen des orthodoxen Judentums zurück: ernsthafte Schriftgelehrten; Gegenkraft zu den singenden und tanzen Chassiden aus dem Gebiet der heutigen Ukraine oder Polens.

    Tatsächlich erwähnte Šarūnas, dass der Gaon quasi alle seine Tage allein in einer Kammer bei geschlossenen Fensterläden verbrachte, mit einer Kerze und voller Konzentration auf ein Buch – kurz wurde ich neidisch, sehe aber auch gewisse Probleme mit dem Lebensstil.

    Immerhin ist dem Gaon eine Straße und ein Denkmal gewidmet, das jüdische Museum der Stadt heißt Jüdisches Gaon-von-Vilnius-Museum.

    Yivo Strashun

    Ein Schwerpunkt der Führung war das Vilnius des frühen 20. Jahrhunderts. Einerseits ein Ort, dem viele Juden vor der Repression durch das Russische Reich entfliehen wollten. Andererseits ein Ort an dem die Haskala, die jüdische Aufklärung aktiv war, sich Zionisten und Bundisten organisierten, das Junge Vilne aktiv war und mit dem Yivo (Yidisher visnshaftlekher institut) der Versuch entstand, wissenschaftlich fundierte höhere Bildung und yiddische Geisteswissenschaften zu etablieren. Die Straschun-Bibliothek war ein Zentrum geistig jüdischen Lebens in der Stadt.

    In der Stadt existieren einige Aufschriften aus dieser Zeit, Erinnerungstafeln, die Große Synagoge (im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen zerstört, nach dem Krieg von der Sowjetunion abgetragen und mit einem sozialistischen Kindergarten überbaut) ist inzwischen wieder eine archälogische Ausgrabungsstätte.

    Beim geschilderten Konflikt zwischen Bundisten (die ein reiches, fortschrittliches, zukunftsweisendes jüdisches Leben in Osteuropa aufbauen wollten) und den Zionisten (die nach Palästina auswandern wollten), wollte mein Herz mit den Bundisten schlagen; wurde aber natürlich vom Geist gebremst, der schon wusste wie alles ausging.

    Jahrzehntelang übermalt – jetzt wieder sichtbar: Laden-Beschriftung in polnisch und yiddisch.

    Der Wald bei Ponary

    Der andere Schwerpunkt war zwangsweise das Ende. Erzählt im Keller des Jewish Cultural Centers, ein Ort, der außer, dass er ein historischer Keller in den Grenzen des ehemaligen Großen Ghettos ist, keine besondere Bedeutung hat, aber in seiner dunklen feuchten Kälte passte.

    Als Deutscher habe ich ja gelernt, dass der Holocaust in etwas so stattfand, dass die Nazis an die Macht kamen, dann langsam die Gesetze immer weiter anschraubten. Manche Jüd*innen konnten aus Deutschland flohen, andere nicht. Manche versteckten sich, sie kamen in Lager wie Bergen-Belsen und dann in die Vernichtungslager.

    In Vilnius marschierte die Wehrmacht im Juni 1941, Anfang September 1941 etablierte sie das Große Ghetto („nützliche Arbeitskräfte“) und das kleine Ghetto (Kranke, Alte, „unnütze“). Von Anfang September bis Ende Oktober 1941 ließen Wehrmacht und litauische Helfer fast täglich je 200 Menschen aus dem Kleinen Ghetto in den Wald bei Ponary marschieren, stellte sie dort in eine Grube und erschoss sie. Bis Ende Oktober waren die 11.000 Menschen des Kleinen Ghettos tot.

    Die Menschen im Großen Ghetto durften sich bis 1943 „nützlich“ machen. Nachdem absehbar war, dass der Weg der Deutschen Wehrmacht wieder rückwärts nach Westen führen würde, wurde das Große Ghetto ähnlich brutal und effektiv exekutiert.

    500 Jahre jüdische Geschichte, 70.000 Einwohner*innen der Stadt, knapp 40% der Stadtbevölkerung1, umstandslos erschossen. Eine Welt verschwand.

    Mint Vinetu

    Derweil hatte es 30 Grad, wie waren zweieinhalb Stunden gelaufen und gestanden, und wir waren am Ende. Es bedurfte einer Notration in Form von Kaffee und Buch.

    Glücklicherweise gab es beides zusammen in der Altstadt: Mint Vinetu – ein modernes Antiquaritat mit Café oder auch ein Café mit Buchverkauf. Die Bücherregale bogen sich, die Sortierung war eher sporadisch, die Möbel ein eklektisches Sortiment – also ein perfekter Ort.

    Wir und einige vermutlich litauische Jungerwachsene tranken Kaffee. Ein englischsprachiger Gast wurde informiert wo die englisschsprachigen Bücher sind („da hinten in der Ecke, aber ziemlich unsortiert“) und so verließn wir gestärkt zusammen mit Gebrauchtausgaben von Tejo Coles „Open City“, Eligija Volodkevičiūtės „The Grains of Miracha, the Mouse and Their Friend the Cat“ und Annie Murrays „Chocolate Girls“ die Buchhandlung. Ich habe zwar den Eindruck, dass unsere beiden Köffer je 30 Kilo wiegen. Aber Bücher gehen immer.

    Zumal wenn das Buchhandlungscafé eine solche Wanddekoration hat;

    Wandbemaling: der Beginn des litauiscen Johannes-Gutenberg-Wikipedia-Artiels im Wikipedia-Design.

    Šventoji Onos

    Unsere Entdeckungskraft war erlahmt, der Drang noch nicht ganz. Zwischen uns und dem schattigen Park lag eine der Hauptattraktionen der Stadt. St. Anna beziehungsweise auf litauisch Sv. Onos – ein weiteres Hauptwerk der Backsteingotik in der Stadt der vielen Kirchen; immerhin ahnte ich vorweg, dass sie wieder katholisch-barock eingerichtet sein würde.

    Hier etwas dezenter – auch im Innenraum waren noch backsteingothische Elemente erkennbar, was die Vorstellung leichter machte, sich die Lübecker/Stralsunder/Hannoveraner Kirchen mit barocker Innenraumgestaltung vorzustellen.

    Užupis und Vilnia

    Neben der Kirche der Park, das Grün, die Ruhe und die Vilnia. Der Fluss fließt in Schleifen durch das Vilniusser Zentrum. Auf der einen Seite der Bernhards-Park mit dem Bernhards-Brunnen, auf der anderen Seite das Viertel Užupis auf der „falschen Seite“ der Vilnia. Einst recht verfallen, in den Umbrüchen der 1990er Jahre Zentrum von Kreativen, Künstler*innen und Alternativen, inzwischen in jedem Stadtführer als solche angepriesen.

    Ich erwartete eine Art Partymeile Friedrichshainer Art in der sich vielleicht noch das ein oder andere wilde Artifakt der 1990er fand. Wir fanden eine sehr ruhiges Viertel mit relativ vielen ruhigen Cafés, vergleichsweise vielen englischen Beschriftungen vor Läden und Cafés, vor allem aber idyllische, schöne Wohnstraßen.

    Kein Ort, an dem Mensch als spontaner Tourist den alternativen Genus loci entdecken kann, aber es sah gut lebbar aus.

    Gurken und Pilze und Kartoffeln

    Mit letzter Kraft retteten wir uns in etwas, das als Kneipe für Einheimische geschildert worden war: das Būsi Trečias. Es war eine solche, eine überraschend beliebte. Trotz großem Biergarten und zwei Stockwerken um Gebäude fanden wir nur mit Not und Mühe einen Platz; um uns herum fröhliche litauische Gruppen.

    Das Essen entpuppte sich als Bierbegleitessen. Die eingelegten Gurken zum Auftakt – so frisch schmeckend, so knackig, so lecker – retteten uns erst einmal.

    Das eigentliche Essen (wir blieben bei Pilzen – einmal „Village Pan mit einer Art selbstgemachter Karoffelchips, Speck und Pilzsauce sowie Kartoffelpuffer mit Pilzen) war schmackhaft und in einer pilzigen Kartoffeligkeit sehr litauischer Alltag – dennoch eine Wucht.

    Irgendwie mussten wir noch ins Hotel.

    Mit dem Bus nach Hause. Noch müssen wir lernen, dass die Trafi-App war eventuell die Bushaltestelle anzeigt, die gerade die kürzeste Luftlinie zum Hotel hat, aber leider Höhenmeter nicht kann. In dieser Stadt bei immer noch 27 Grad am Abend kann das unerfreulich sein. Geschafft kauften wir in der Hotellobby an der Barception zwei Mangoeis und wankten zurück in Zimmer 538 auf dem Louis-Armstrong-Flur.

    Die Reise

    Verkehrsmittel

    Stand Vilnius vor Beginn der Jewish Vilnius Tour (Freitag Vormittag): 4 Fernzüge, 1 Regio, 2 S-Bahnen (Berlin), 2 Metros (Warschau) 5 Trams (2, Ffo, 3 Warschau), 2 O-Busse (Kaunas), 8 Busse (3 Warschau, 3 Kaunas, 2 Vilnius); hinzugekommen: 1 Bus (Restaurant-Hotel)

    Links

    Zu müde. Zu viel erlebt.

    Anmerkungen

    1. Zum Vergleich: in Berlin waren es 5% der Bevölkerung. ↩︎