Schlagwort: Museum

  • 25-12-28 Teatime mit Lemon Drizzle Cake und Eiersandwich (Baden/Basel)

    25-12-28 Teatime mit Lemon Drizzle Cake und Eiersandwich (Baden/Basel)

    Ein Krähenschwarm wohnt in Lörrach-Zentrum. Falls mensch sie ausnahmsweise nicht sieht, dann sind sie zu hören. Fast schon möchte ich in Hitchcock-Anleihen Die Krähen schreiben.

    Beim Zähneputzen aus dem Fenster geschaut. Dabei eine Amsel, eine Kohlmeise und einen Grünfink gesehen, so wie den Vogel der aussah wie ein Eichelhäher, nur dass er halt braun war.

    Es war die zweite Weihnachtshälfte im Markgräflerland.

    In der Badischen Zeitung stand ein Silvestertipp „Türen und Fenster geschlossen halten, damit keine Rakete ins Zimmer fliegt“ und ich kann nur sagen „Ha!“. Wie wir letztes Jahr bewiesen bekamen, kann eine Rakete auch ein geschlossenes Fenster durchschlagen, um dann neben dem Geschenkpapierstapel zu explodieren. Gerade an Silvester freuen wir uns sehr, zwei Kilometer Abstand zwischen uns und die Kugelbombengegend gebracht zu haben.

    Madame hatte Klassentreffen, und sie erfuhr: Es gibt die Mittwochs-Wandergruppe der ehemaligen Lateinlehrer ihres Gymnasiums. Außerdem erhöhten wir die Zahl der persönlichen Kontakte ins Dota-Umfeld auf zwei.

    Steak Diane und Krabbencocktail

    Ausgelesen: Nigel Slaters Toast. Ein wirklich großes Buch. Slater erzählt in Episoden, verankert in Mahlzeiten und Essen von Süßigkeiten bis zu Steak Diane die Geschichte seines schwierigen Aufwachsens. Ich bin beeindruckt, wie die Erzählperspektive wechselt vom episodischen, unverbundenen Erzählen der Kindheitserinnerungen bis zum stärker analytischen und durchdrungeneren der Episoden als jugendlicher und Jungerwachsener.

    Ich war gerührt. Ich lernte viel über britisches Essen der 1960er und 1970er. Und ich begann beim Essen einen inneren Nigel Slater und dessen Meinung zum Essen zu hören.

    Wortspiel mit Herleitung

    In Dänischen ist das Wort für Vater far und das Wort für Mutter mor. Die Großeltern beziehungsweise ihre Bezeichnungen lassen sich dann wie Lego zusammensetzen. Die farmor ist die Vater-Mutter, also die Großmutter väterlicherseits, der morfar der Mutter-Vater, also der Großvater mütterlicherseits. Farfar und mormor gibt es natürlich auch.

    Leider lässt sich das in korrektem Dänisch nicht immer so weiterführen. Aber niemand hier spricht Dänisch, also ist das auch egal. Wissend, dass die Nichte die niece ist (zwei Nichten sind niecer) ist und die Gattin die hustru

    • trafen wir am ersten Weihnachtstag zwei Hustrumorniecer
    • und am zweiten Weihnachtstag eine Hustrufarniece

    oder anders gesagt: verschiedenen Cousinen von Madame.

    Creme fraiche als clotted-cream-Ersatz

    Am Zweiten Weihnachtstag (Freitag) kamen Hustrafarniece und ihr Mann, der Hustrufarnieceaegtemand. Sie waren zum Kaffee angesagt. Aber Madame fiel rechtzeitig auf, dass die beiden gar keinen Kaffee trinken. Dann gab es Tee, und wo wir schon dabei waren, eine kleine britische Tea Time:

    • Scones in süß und mit Käse
    • Eier- Gurken- und Krabbensandwiches
    • Lemon Drizzle Cake

    Und natürlich jede Menge Tee. Neben des üblichen Rundgangs durch alle Verwandten und das im März geplante Familienfest, ging es auch um buddhistische koreanische Beerdigungen („ich hab einfach immer gemacht, was mir gesagt wurde, was ich machen soll“) und die Frage, was die Unterscheidung zwischen Schweizer Käse, Bergkäse und Alpkäse ist und wann ein Rösti sich von einem Rösti in einen Backofen-Kürbisbratling verwandelt.

    Auch erfahren: in Baden (Schweiz) und Ennetbaden (da-drüben-Baden) bei Baden existieren jeweils Bagni populare, zum Baden geeignete öffentliche Brunnen, die durch die örtlichen Thermalquellen gefüllt werden. („Ach, und die werden im Winter geheizt?“ – „Gefkühlt! Das Wasser hat 47 Grad.“).

    Wie immer ein sehr schöner bereichernder intellektueller Rundgang mit den beiden durch die Welt.

    Ennetbasel

    Damit waren alle vor Ort erreichbaren Verwandten durchgetroffen. Ein halber Tag zum individuellen Entertainment blieb. Dieser führte fast zu Besuch bei einer bekannten bayerisch-schweizer Bloggerin, soweit ich weiss landeten wir auf dem Roche-Werksgelände. Aber erst ging mit der S6 zum Badischen Bahnhof, und dann eine faszinierende Gegend entlang der Schwarzwaldallee durch Kleinbasel / Ennetbasel – also das Basel auf der „falschen Seite“ des Rheins.

    Eine Ecke zwischen Bahnhof, Rheinufer und Stadtautobahn, eigentlich so urban und voll wie nur irgend sein kann, und trotzdem hießen Orte Sandgrube, Vogelsangweglein oder Ziegeleihof. Die Gebäude waren entweder ziemlich neu, große Wände, die das dahinter gegen die Autobahn abschirmten oder sie sahen aus wie Siedlungen in London oder in Berlin, die Anfang des 20. Jahrhunderts in den besseren Gegend als bürgerlicher Wohngegend im Grünen angelegt wurden. Nur dass „das Grüne“ selbst damals eigentlich nicht zwischen Bahnhof und Industriehäfen lag.

    Ein wenig Recherche erbrachte die Landgüter Sandgrube und Solitude, ehemals landwirtschaftlich genutzte Flächen außerhalb Kleinbasels, die im 18. Jahrhundert in herrschaftliche Landsitze umgebaut wurden. Und es ist spannend. Denn selbst jetzt inmitten von Autobahn, Bahnhof und Chemieindustrie sieht die Gegend so aus, dass ich in 10 Minuten denke „Landsitz im Grünen“.

    Solitude gehörte der Familie Hoffmann, die in die Familie La Roche heiratete, woraus der Pharmaziekonzern Hoffmann-La Roche hervorging. Heute heißt er Roche, hat zwei bekannte Türme in Basel gebaut, in denen einen bekannte Bloggerin arbeitet. Und am Rande des Solitude/Roche-Geländes wiederum steht das Ziel unserer Reise: das Museum Tinguely – a cultural commitment of Roche

    Es rauscht und knattert

    Der Bildhauer/Aktionskünstler/Bastler/Schrottkünstler Jean Tinguely begleitet uns durch dieses Jahr. Letztes Jahr zu Silvester unbewusst, denn Niki de Sant Phalle, deren Grotte wir sahen, und Tinguely gehören eng zusammen. Im März sahen wir einen Film über Niki, nicht ohne lange Auftritte von Tinguely. Im Oktober schließlich waren wir in der Pontus Hulten/Niki de Sant Phalle/Jean Tinguely-Ausstellung im Pariser Grand Palais – und nun der Basler heimatberechtigte Tinguely fast alleine.

    Verkürzt zusammengefasst: Tinguely baute Maschinen. Maschinen, die „frei“ waren, weil sie keine Arbeit verrichteten, sondern sich einfach bewegten. Oft knattern, scheppern und klingeln sie. Manchmal zerstören sie sich selber. Manchmal machen sie Musik, manchmal malen sie. Oft machen sie gar nichts.

    Das Museum sammelt diese Maschinen, stellt sie aus und bringt sie – Alptaum jedes Museums-Konservators – in Bewegung. Von frühen kleinen Werken, bewegter Abstraktion auf kleinem Raum, bis zu zur 17 Meter langen Grosse Méta-Maxi-Maxi-Utopia. Mir komplett neu war seine Faszination für den Autorennsport, einschließlich des Tryptichons Lola T. 180 – Mémorial pour Joakim B. aus zwei Lola-Rennwagen, Schädeln, Knochen und Reifenteilen.

    Das Museum bietet zwei Möglichkeiten: Einfach nur die Maschinen anstaunen. Oder in den kabinettartigen Teilen noch viel zur Geschichte und Theorie dahinter lernen.

    Schädel, Möhren und ein kleines Krönchen

    Tinguelys Tryptichon in Aktion

    Bester Weihnachtsbaum bei Nic.

    Auch Thermomix bietet seinen Nutzern einen Jahresrückblick an. Christian zum Beispiel hat 71 verschiedene Rezepte mit 299 Zutaten gekocht. Lieblingszutat: Möhren.

    Seit Wochen schleiche ich um Sehnsucht in Sangerhausen herum, überlege ich drei Stunden (mit drumherum) meines Lebens in diesen Film investieren soll. André hilft bei der Entscheidungsfindung: Kinotagebuch: Sehnsucht in Sangerhausen (2025) – Bresson, Kiarostami, Novalis, Radlmeier

    Legende oder Geschichte: Der Lauch-Schlitzer!

    Es gibt nämlich seit einer Weile schon eine Frau, die meistens ein kleine Krone trägt, die sich heimlich in die Theater schleicht. Sie ist inzwischen bekannt in der Region, denn sie hat es schon in Nancy, in Metz bis hin nach Straßburg versucht. Sie gibt sich als bekannte Opernsängerin aus und sie müsste unbedingt auf der Bühne proben. Sie hat es in Luxemburg sogar geschafft, dass sie eine ganze Nacht in einer Loge verbrachte und dort auf dem Sofa schlief.

  • 24-11-23 Teamtag isst Blutwurst

    24-11-23 Teamtag isst Blutwurst

    Ihr kennt die Filmszenen, in denen Menschen von einem Feuer wegrennen, gerade mal weit genug um der Explosion zu entkommen? In ihrem Rücken die Explosion, sie werden in Zeitlupe von der Schockwelle nach vorne geschleudert? Am Ende liegen die Menschen staubverschmutzt am Boden, hinter ihnen Verwüstung.

    So ähnlich ging es Madame. Nur ging es nicht um Feuer sondern um Schnee. Hinter ihr keine Verwüstung, sondern eine Schneelandschaft mit Verkehrschaos. Und sie hatte nicht wenige Sekunden Vorsprung, sondern mehrere Stunden. Madame stieg Donnerstagmorgen bei Trockenheit um 11:14h in Basel in den ICE74. Donnerstagabend versanken Basel und Südschwarzwald im Schnee.

    Während sie in trockener Kälte in Berlin ankam, sah es in Basel so aus wie Frau Brüllen schildert.

    Vor der Abfahrt zog sie auf einen neuen Blog um. Nach der Ankunft in Berlin überreichte sie mir Mostarda di Frutta aus Schweizer Einzelhandel. Und das erfreute mich sehr.

    Die zentrale Aussage meiner Seminararbeit steht: Würden noch 30 Menschen mehr Nuggets kaufen wollen, sollte man sich als Imbissbetreiberin nicht mit Pommes bevorraten. Die Nuggetsensivtivität der Pommes beträgt 30 Stück.

    Oder anders:

    \[x_p = 30 – (1*y) <=> y \leq 30 \]

    Außerdem wanderte die Aussage inzwischen vom Schmierzettel in ein LaTeX-Dokument. Okay, es steht genauso unvermittelt und ohne Erklärung auf einer Dreiviertelseite Dokument. Aber ich habe jetzt das zentrale Gerüst.

    Ein bißchen geisteswissenschaftliche Fassadendeko und mathematische Ausschmückung werde ich ja wohl in einer Woche hinbekommen. Zumal ich noch ein Dreiviertelwochenende ohne weitere Planungen habe.

    Nicht wie in der Woche, wo andauernd Seminararbeitsstörendes wie Erwerbsarbeit stattfand. Immerhin bestand diese am Freitag aus Moon-Patrol-Spielen und Blutwurst essen.

    Freitagvormittag: Treffen an der Karl-Marx-Allee vor dem Computerspielemuseum. Die IT hatte Teamtag.

    Freitagmittag: Umzug 780 Meter Richtung Süden ins Jäger & lustig. Als ich das lokal aussuchte, sprach mich an, dass es einen veganen Kartenabschnitt hatte, der gedankenvoll wirkte. Gleichzeitig war es ein Ambiente in dem sich auch die Mettbrötchenfraktion wohl fühlen würde.

    Der Plan ging auf. Die Speisen reichten von gefüllter Paprika über Blutwurst (moi) bis zum Gänseteller. Die Kollegen äußerten sich begeistert. Selbst zu Mittag war die Lokalität gut gefüllt (Glück dass wir noch Plätze hatten reservieren können). Die Ü55-Fraktion empfand alles als ausreichend urig.

    Gelernt: Es gibt eine Dienstvereinbarung, die vorschreibt, dass Jubilare zum 25. Dienstjubiläum genau einen Blumenstrauß im Wert von 25 Euro bekommen müssen. Und so geschah es. Ob ich mich zum dritten Dienstjubiläum auf einen 3-Euro-Blumenstrauß freuen darf? Ich habe Zweifel.

    Nachmittags: Zeit verbringen zwischen Teamtag und Abendversammlung. Die Zwischenzeit blieb zu lang, um direkt zum Ort zu fahren, zu kurz für den Heimweg. Also ein wenig Innenstadt: Aussteigen an der U-Bahn-Station Museumsinsel, Vorbeiflanieren an noch-geschlossenen-Weihnachtsmärkten.

    Von links und rechts und von vorne nach hinten durch das Erdgeschoss des Humboldtforums – immer wieder fasziniert wie sehr erzkonservative Gebäudebauer*innen und progressive Museumsmacher*innen in diesem Gebäude gegeneinander arbeiten.

    Hätte ich länger Zeit gehabt, hätte ich einer Gesprächsrunde zum Palast der Republik lauschen können. Aber ich musste weiter entlang des Spreekanals am Auswärtigen Amt vorbei Richtung Axel-Springer-Hochhaus.

    Es ging zu einer Abendversammlung. Hochunterhaltsam und erkenntnisreich. Aber dazu vielleicht später mehr.

    Sophien

    Madame sang im Chor auf der Trauerfeier für Thomas Noll; Kantor, Freigeist, ungewöhnlicher Mensch. Die Sophienkirche in Mitte war brechend voll, das Publikum erwartungsgemäß musikfreudig. Eine komplette Kirche, die sich in Nolls Herzenstücke von „Wo wohnt der liebe Gott“ bis John Cage hineinwarf.

    Passende Reden über einen Mensch, der nicht immer einfach, aber immer bereichernd war. Nach der Feier zog die Trauergemeinde auf den Sophien-II-Friedhof um. Noll, der stets blaue Haare trug und den (fast verwirklichten) Plan hatte, auf jeder Orgel Berlins zu spielen, bekam eine Urne aus einer alten hölzernen Orgelpfeife mit blauem Deckel.

    Hirschjagd Polyplay

    Das Computerspielemuseum ist ein privates Museum an der Berliner Karl-Marx-Allee. Ausgestellt wird die Geschichte von Spacewar! (Programmiert 1961 am MIT für einen PDP-1) bis zu aktuellen Spielen. Viele Spiele werden als Videoausschnitt präsentiert, einige können auch selber gespielt werden. Die selbst-spielbaren Spiele bewegen sich vor allem im klassischen Zeitalter der Arcade-Maschinen und frühen Konsolen.

    Wir begannen mit einer gut halbstündigen Führung. Der junge Mann, der uns führte (grob geschätzt Abiturient/Frühsemester) war extrem nett. Museumsführungen allerdings sind definitiv nicht seine wahre Bestimmung. Aber okay – dann noch anderthalb Stunden freie Zeit. Exponate schauen: Die ersten Auflagen der Dungeons & Dragons-Regelbücher, Indie-Games, reden mit ELIZA oder verschiedene Varianten der Wii betrachten und spielen.

    Verstörend: das Video eines Augmented-Reality-Shooters, in dem ein Mensch mit entsprechender Brille und entsprechender Pistole shooterlike durch einen australischen Vorort läuft, Don’t try this at home, es sein denn ihr wollt ein bis fünf SEKs näher kennenlernen.

    Und natürlich selber spielen. Niemand wollte Pain Station mit mir spielen (wie Pong, aber wer einen Ball ins Aus gehen lässt, kriegt Stromschläge / Hitzeimpulse / Schläge mit einer Miniaturpeitschen – erst ab 18 und man muss vorher das Kassenpersonal um Freigabe des Geräts bitten.) So spielte ich in einem schön nachgebauten End-1970er-Jugendzimmer Moon Patrol; an einem alten Arcadeautomaten Frogger und die schönen Spiele Wasserrohrbruch und Hirschjagd auf der Polyplay.

    Vielleicht mein Höhepunkt: die Polyplay, die einzige DDR-Arcade. Inhaltlich nicht soweit weg von westlichen Spielen der damaligen Zeit. Die Spiele waren im Ablauf üblich. Aber bei Spieltiteln wie eben Hirschjagd oder Hase und Wolf wird gleich klar aus welchem Kulturkreis die Maschine stammt. Im Aussehen blieb sie rustikal, aber laut Machern ist es die robusteste Arcade, die im Museum steht – „Fast 40 Jahre alt und noch nie repariert“.

    Passend: Heimat der Polyplay war das SEZ in Ostberlin. Das Sport- und Erholungszentrum; der vielleicht letzte Versuch der DDR mit geborgtem Westgeld und Beauftragung von West-Unternehmen ihre Bevölkerung für sich zu gewinnen. Es gab Wellenbad, Restaurant, Kegelbahnen und eine Arcade mit 40 Maschinen.

    Der Kreis schließt sich: Viele der alten Berliner-Bäder-Kollegen, die gerade in Rente gehen, begannen ihre Berufslaufbahn in ebenjener SEZ.

    Entspannend

    Poupou besuchte die Matisse-Ausstellung in der Foundation Beyeler: Riehen/Basel: Fondation Beyeler: Matisse. Einladung zur Reise

    Frau Herzbruch über Aqua Grill and Chill und den Aquarienwettbewerb – ich liebe einfach alles an dem Post.

    Heise über Informatik per Fernstudium. Beim Satz „So bildet man sich bequem von zu Hause weiter“ musste ich laut lachen. Leider kam ich nicht weiter, denn ich scheiterte an der Paywall. Falls jemand dahinter kommt, bin ich über Hinweise dankbar: Informatik per Fernstudium: Wie es sich vom Lernen mit Udemy & Co. unterscheidet

  • 24-08-01 So sonnig war Suwałki (Vilnius-Warschau)

    24-08-01 So sonnig war Suwałki (Vilnius-Warschau)

    Der Körper ist zurück in Berlin. Die Seele aber kommt mit diesem Schnellzugtempo nicht hinterher. Die ist gerade erst mühsam mit LTG Link 23 / PKP Intercity 143 von Vilnius über Mockava nach Warschau gelangt. Eigentlich hängt die Seele noch weiter hinterher, möchte nicht mehr als Bummelzugtempo einlegen.

    Also Stand, Warschau Ankunft Hotel: zwei Fernfähren, sieben Fernzüge, 2 Hopserfähren, 1 S-Bahn, 1 U-Bahn, 11 Trams (8 Helsinki, 3 Riga), zwei Diesel-Linienbusse (Travemünde, Helsinki), 2 Trolley-Linienbusse (Vilnius), zwei Shuttle-Busse.

    Vilnius: Es kam anders.

    Ka Kanalisation

    Regenrinnen von Häusern in Vilnius laufen nicht in die Kanalisation, sondern das Regenrohr endet auf dem Bürgersteig. Auch war die Stadt sparsam mit Gullideckeln.

    Das funktioniert. Denn Vilnius ist eine ausgesprochen hügelige Stadt: keine großen Anhöhen, aber jede Straße, jeder Weg hat Gefälle. Das Regenwasser kann in Bächen und Flüssen die Straßen hinabfließen, bis irgendwann ein Gulli oder ein echter Fluss kommt.

    All‘ dies wäre uns nicht aufgefallen, hätten wir es nicht im Einsatz gesehen. Denn manchmal kommt es anders.

    Unsere Reisewetterplanung lautete grob: Fähre, Helsinki, Tallinn, Riga liegen in oder an der Ostsee. Das wird vergleichsweise angenehm. Vilnius und Warschau liegen im Wald, mit Kontinentalklima kann das heiß und stickig werden.

    Was passierte: Helsinki, Tallinn, Riga blieben unter 30 Grad, aber auch schwül mit gelegentlichen Unwettern. Und Vilnius. Ja, Vilnius.

    Wir kamen gegen 18 Uhr am Bahnhof an, es war schon gräulich und recht windig. Später tranken wir in der Hotellobby an der Barception australischen Rotwein und Švyturys Extra, sahen Menschen zur Tür hereinkommen, die eher nass wirkten. Über Nacht sauste es und brauste es vor dem Fenster, es rüttelte und schüttelte.

    Anscheinend war über Nacht ein Sturm herniedergegangen. Ein Sturm der Gerüste und Absperrungen bedrängt hatte, Äste von Bäumen abbrechen ließ und ganze Bäume umstürzte.

    Gegen Morgen hatte es sich beruhigt, es blieb windig. Und es regnete und regnete. Eine Art Sturzregen; nur kenne ich Sturzregen als Ereignis, das einige Minuten, vielleicht auch eine knappe Stunde dauert. In meiner Welt ist Sturzregen nicht etwas, das Morgens beginnt und bis Spätabends andauert. In Vilnius war das anders.

    Nach dem Frühstück schaute ich aus der Hoteltür und dachte spontan „Shelter in place.“

    Den Tag über zeigte uns das Regenradar einen nahezu stationären Wirbel mit Zentrum über Smolensk. Eine wasserreiche Wirbelschleppe nahm Wasser auf der Ostsee auf und zog dann ebenfalls stationär herunter von Riga nach Vilnius. So viel Wasser.

    Was blöd ist, wenn man nur 1 1/4 Tage Aufenthalt hat. Aber naja, dann retten wir uns in nächste Museum und verbringen dort einen schönen Montag.

    Genau Montag.. Museum.. da war was. Der universelle Museumsschließtag gilt auch in Litauen. Plan B: In die Altstadt. Dort stehen jede Menge historische katholische Kirchen.. wir machen Kirchenhopping.

    Bis wir in der ersten Kirche waren, hätte man unsere Kleidung auswringen können. Also im Schutz der jesuitischen Kasimirkirche Plan C – Madame identifizierte ein geöffnetes Museum: Die Ausstellung im Großfürstlichen Schloss.

    Regenschirmständer

    Im Schloss fiel auf: Im Eingangsbereich ist die schickste Regenschirmaufbewahrung, die ich je sah. Sie werden wissen warum.

    Das Schloss an sich ist so etwas wie das Berliner Humboltdforum, nur noch viel bedeutungsaufgeladener.

    Nie lernte ich in der Schule, dass Polen-Litauen vom Mittelalter über die Renaissance bis in die Frühe Neuzeit eine Großmacht war. Zeitweise reichte es von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, umfasste das heutige Baltikum, Polen, große Teile des heutigen Weissrusslands bis ins heutige Russland und der Ukraine. Insgesamt lebten dort 10 Millionen Einwohner*innen. Zentrum des Fürstentums war Krakau, wichtigstes Nebenzentrum Vilnius – und dort der Palast.

    Der Palast wurde 1655 durch eine russische Invasion zerstört und 1801 nach endgültiger Eroberung Litauens durch Russland komplett abgetragen. Seit Ende der 1980er begannen archäoligische Arbeiten zum Palast, die bis 2018 zum kompletten Wiederaufbau führten.

    Wie uns diverse Schautafeln versichtern, nach bester und umfassendster historischer Forschung so originalgetrau wie möglich, aber auch mit Freiheiten wo sinnvoll. Die erhaltenen Grundmauern wurde in Glas verpackt und sichtbar.

    In den Palast kam eine Ausstellung zum Palast und zur litauischen Geschichte.

    Und da muss irgendwas schief gegangen sein. Oder sie hatten ihre Kräfte erschöpft oder der Praktikant war dran, wir wissen es nicht.

    Es sah alles schick und neu aus – war es ja auch. Aber ich kann mich nicht erinnern, je in einem Museum eine derart nicht-intuitive, verwirrende Wegeführung gesehen zu haben. Irgendwie gab es vier Routen, die aber eigentlich nur zwei waren, gerne in Absperrungen oder Sackgassen endeten und sich woanders fortsetzten. Warum man ein dezidiert barriefreudiges Wegekonzept mit Treppenstufen an passenden und unpassenden Stellen wählte? Wir fanden es nicht heraus.

    Die eigentliche Ausstellung blieb unbeleckt von jeglicher Museumspädagigik. Vitrinen mit unerklärten Schaustücken. Daneben lange Texte zu den einzelnen litauischen Großfürsten und Bona Sforza, konsequent im Stil Wikipedia-Artikel geschrieben.

    Egal, ab und an erhaschten wir Blicke in den Regen. Dann betrachteten wir doch noch eine Route mehr. Vermutlich hatte das Museum nur selten so intensiv betrachtende und ausdauernde Besucher*innen wie die versprengten Tourist*innen dieses Tages.

    Danach Kaffee und Šaltibarščiai-Kalte Rote-Beete-Supper mit Kefir (Auswahl einfach: die Gastronomie mit der kürzesten Wegstrecke zum Palast) und dann der Heimweg. Endlich Trolleybus fahren! Wir stellten fest: Bleibt ein Trolleybus stecken, kommen die anderen nicht vorbei. Nach 300 Metern standen wir in einem Trolleybusstau unahnbarer Dauer. Also noch mal durch den Regen, lateral fahrende Trolleybusroute nehmen.

    Der für Vilnius geplante Souvenir- und Mitbringselkauf fiel damit auch ins Wasser. Unsere Reisesouvenirs beschränken sich auf einen litauischen Regenschirm und zwei Packungen finnische Fischbouillon.

    Dann RocknRoll-Hotel (sehr gemütlich, mit riesigen Zimmern, gutem Bett, angenehme Atmosphäre) – das abendliche Ausgehen führte nur zum Iki-Supermarkt direkt gegenüber des Hotels: Erdbeeren, Kefir, Kekse, Wurst.

    Panzer auf Zug

    Zwischen Frühstück und Abfahrt des Zuges gelang uns immerhin noch ein Kurzbummel schnellen Schrittes durch die getrocknete Altstadt. Wir beide sind entschlossen: Nächstes Jahr nach Litauen. Uns entging etwas.

    Dann aber zum Bahnhof. Dort wartete mein neuer Lieblingszug, der Pesa 730M der Lietuvos geležinkeliai (LTG), der uns auch schon von Riga nach Vilnius befördert hatte. Er brachte uns wie üblich entspannt über Kaunas (da wollen wir auch noch hin) nach Mockava (ausgesprochen: Moskava, nicht Mokkava).

    Dort wartete der Intercity der Polskie Koleje Państwowe (PKP) bereits am Nebengleis desselben Bahnsteigs. Passagiere beider Züge tauschten. Den polnischen IC kennen wir schon – wir hatten im Zweite-Klasse-Großraumwagen gebucht, problemlos, aber auch ein merkbarer Komforteinbruch gegenüber dem litauischen Zug.

    Mir war bewusst, dass wir gerade durch die Suwałki-Lücke fahren, eines der „labilsten Gebiete der NATO“, da hier die Landbrücke zwischen Polen und Litauen nur 100 Kilometer breit ist, von Weissrussland und Kaliningrad in die Zange genommen wird.

    Ich fragte mich, ob es aus Fenster Militär in der Landschaft zu sehen gäbe. Vermutlich fuhren wir gerade durch eine der am stärksten befestigten Regionen Europas (sans Ukraine..). In der Landschaft nicht. Aber am Bahnhof Mockava, und wenige Kilometer zuvor am Bahnhof Šeštokai standen Güterzüge mit Bundeswehr: LKWs, Kräne, Pionierfahrzeuge und Panzer. Offenbar die Litauenbrigade auf dem Weg zum Einsatzort.

    Von Suwałki selbst sah ich mehr als gewünscht. Der Ort hat einen Miniaturkopfbahnhof. Die Lok musste etwa 20 Minuten von einem Ende des Zuges zum anderen Ende wechseln. Der Zug stand in praller Sonne, und da die Lok abweste, funktionierte auch keine Lüftung. #Fensterauf noch viel weniger, denn es war ja ein moderner Zug.

    Während wir so durch Ostpolen Richtung Białystok zuckelten, noch eine Entdeckung: Augustów. Noch ein Bahnhof im Nichts, an dem aber jede Menge Menschen in Freizeit- und Wanderkleidung, mit Fahrrädern und anderen Sportgeräten den Zug bestiegen. Aus Wikipedia lernte ich: Ein Kurort in der Woiwodschaft Podlachien. Der Ort ist heute bekannt für Wassersportmöglichkeiten.

    Ein polnischer Mitreisender erklärt noch, dass wir den Kulturpalast ignorieren sollen. Der ist Zeichen kommunistisch-russischer Besetzung. Viele Polen würden den Palast gerne los werden. Aber ein 237 Meter hohes Gebäude mit über 3000 Räumen lässt sich nicht so leicht abreißen. Leider ist er auch zu gut gebaut, um von selber zu verschwinden. Und so bleibt nur: Vorbeikucken.

    Amkunft Warszawa Centralna um 20:10h. Aus dem letzten Warschau-Aufenthalt hatten wir gelernt: Unser Hotelsituation hat sich deutlichst verbessert.

  • 24-05-21 Chop chop szczeciński (Toccata und Fuge)

    24-05-21 Chop chop szczeciński (Toccata und Fuge)

    Madame wollte vom Topfpflanzenmarkt Päonien mitbringen. Bis wir allerdings beim Markt waren, war der Päonienstand verschwunden. Stattdessen: Buchweizenhonig.

    Ein Kellner wollte sagen, dass ein bestimmter Bereich des Restaurants nicht bedient wird: „This area is out of order.“

    Montag (Feiertag in Deutschland, nicht in Polen). Wir hatten uns vor dem Gewitter in einen Pavillon der Hakenterrasse geflüchtet. Von dort schauten wir Milchkaffee trinkend auf die Nawigator XXI, das Schulschiff der Politechnika Morska (Fachhochschule des Meeres).

    Plötzlich sammelten sich 30 kleine Menschen (aus der Entfernung) mit Köffern in Matrosenanzug, die das Schiff bestiegen. Es ging auf große Schulfahrt!

    Irgendwie war ich auf der falschen Uni. Die Unis Leipzig und Hamburg boten keine Sea-going programs an.

    Hotelentdeckung: Eine Glaskaraffe im Zimmer und ein Wassersprudelspender auf dem Gang statt Flaschenwasser. Bitte mehr davon.

    Die Stadtgeographie Stettins blieb weiter spannend. Stettin ist wie jede von uns bereiste polnische Großstadt eine moderne, weltgewandte, energetische Stadt. „Wir wollen Zukunft“ strömen die Menschen aus.

    Nur ihr geograophisches und historisches Zentrum, die Altstadt ist eine eigentümlich leblose Energiefalle. Es gibt ein Hotel, einige Restaurants mit touristischer Ausrichtung und viele Wohnhäusern deren Bewohner*innen lieber nicht rausgehen.

    Für Touristen zur Erstorientierung durchaus verstörend; für Entdeckernaturen aber spannend.

    Die Wikipedia beschreibt es als:

    Nach 1945 übernahm die gründerzeitliche Neustadt mit ihrer überwiegend gut erhaltenen Blockrandbebauung anstelle der fast völlig zerstörten Altstadt die meisten Zentrumsfunktionen. Ein dominierender Stadtmittelpunkt ist in der Neustadt nicht erkennbar.

    Deckschrubben, Matrose

    Neben der diversen Zentren der Neustadt versucht die Stadt ein weiteres Zentrum zu etablieren: den Innenstadthafen. Was London, Rotterdam, Hamburg und Danzig schon konnten, kann Stettin schließlich auch. Nicht-mehr-benötigtes-Hafengelände zu Hipsterinnenstadt. Wichtiges Bauwerk dabei: das vor einem Jahr im Mai 2023 eröffnete nautische Meeresmuseum (Morskie Centrum Nauki).

    In prominenter Lage, auf der noch „falschen“ Oderseite, in einem Gebäude, das aussieht wie ein großes Schiff. Das Museumszentrum erstreckt sich über mehrere Stockwerke. Es ist ein Mittmachzentrum. Jede Station weist einen Erklärteil auf und einen „mach selber etwas.“

    Die Stationen sind verschieden: Mal ist es eine Rudermaschine, mal ein kleines Segelboot mit Windmaschine auf dem man „gegen den Wind“ segeln kann, mal Morsegeräte.

    Es gibt aber auch Aufgaben wie „Deck schrubben“, den Vergleich zwischen Bett/Hängematte auf einem schaukelnden Schiff und Physik-Simulatoren (eindrucksvoll: wie viel stabiler liegt ein Katamaran im Wasser als ein Standardsegelboot).

    Wer es bis in den dritten Stock schafft, darf sich als Matros*in bzw. Kapitän*in verkleiden.

    Ein großer Spaß das Zentrum.

    Kathedralenfahrstuhl

    Um weitere Stadtzentren zu finden folgten wir dem roten Faden, einer Stadttour, die ganz wortwörtlich als sieben Kilometer langer roter Strich auf die Bürgersteige gemalt ist

    Durch die Uptown-Downtown-Aufteilung der Stadt in ein „unten“ auf Meeresspiegel (Altstadt, Hafen) und ein „oben“ (Neustadt, Modernes Stettin) ergibt sich die natürliche 1A-Lage Stettins: Direkt am Hang – oben mit Blick nach unten. Dort liegen alle Regierungsgebäude seit dem Schloss der Pommerschen Herzöge aber auch die Hauptkirche, die Jakobikirche/-kathedrale. .

    Das backsteingothische Gebäude weist im Wesentlichen das Baujahr 1971 auf. Die Zerstörungen der Stettiner Innenstadt ließen selbst von so einem imposanten Kirche wenig übrig. Die katholische Kirche baute das einst evangelische Gotteshaus nach.

    Im Innern fällt das Baujahr zum Beispiel dadurch auf, wie gleichmäßig die industriell gefertigten Backsteine sind. Noch auffallender: der Personenfahrstuhl im Kirchturm, der auf eine echte verglaste Aussichtsplattform führt. Das fühlt sich mehr nach Fernsehturm Berlin als nach gotischer Kathedrale an.

    Blick vom Turm der Jakobikirche. Im Vordergrund Kirchendach mit Laterne, im Hintergrund Hafen und Altstadt. Wilde Wolken am Himmel.
    Blick vom Kirchturm auf Altstadt, Palast der Pommerschen Herzöge (weiß), Hafen und im Hintergrund der Dammsche See.

    Eindeutig kathedral war aber das Orgelkonzert. Etwas gleichzeitig mit uns betrat eine polnische Schulklasse das Gebäude. Die bekamen eine kurze Einführung zur Kirche, direkt danach eine Orgeldemonstration. Von den höchsten Pfeifen zu den tiefsten Tönen; verschiedenen Soundeffekte. Und am Ende ein kleines Konzert der Orgelklassiker mit Ave Maria, the Prince of Denmark’s March und die Toccata und Fuge d-Moll BWV 565.

    Wie Kirchenorgeln funktionieren: wenn eine Gruppe die Orgel hört, hören sie alle. Wir durften überraschend und ungeplant dem Konzert lauschen. Juhu!

    Sozialistischer Dosenfisch zu Stadtspezialität

    Bestes Essen: die Deska Szczecińska, die Stettiner Fischplatte in einem Brauereirestaurant. Sie bestand aus frittierten Sardinen, einem Hüttenkäse-Makrelen-Aufstrich (überhaupt Makrelen: Große Thema in der Stadt), Hering und der lokalen Spezialität hausgemachter Paprykarz szczeciński.

    Die mag ich: Fisch, Reis, Tomatenmark, Zwiebeln und viele (scharfe) Gewürze trifft all meine Essensfreuden. Auch mag ich die Entstehungsgeschichte des Gerichts:

    Es waren die 1960er. Kommunistische Arbeiter sollten satt werden. Kommunistischen Staaten schickten ihre Fischfangflotten in die weite Welt, um Essen heran zu schiffen, das zu Konservenfisch wurde.

    Es entsteht bei der Umwandlung von ganzem frischen Fisch in filettierten Konservenfisch Verschnitt. Ein Direktor der Konservenfabrik Greif in Stettin suchte eine Möglichkeit, seinen Arbeitern auch Fischverschnittkonserven schmackhaft zu machen.

    Da die polnische Fischereiflotte zu dieser Zeit vor allem vor Westafrika fischte, entdeckte er angeblich ein westafrikanisches Rezept Chop Chop – das aus Zutaten nachgebaut wurde, die im Stettin der 1960er verlässlich vorhanden waren.

    An dieser Geschichte mag ich alles: Sie erfindet keine ewige Tradition; sie ist offen damit, dass sie auf Imitation und Adaption beruht; prosaischer als „Konserve für Reste“ kann ein Ursprung nicht sein. Ich mag, dass sich das Gericht von der billigen Konserve zur hausgemachten Spezialität teurer Restaurants entwickelte. Und als i-Tüpfelchen kennt mein Internet kein afrikanisches Gericht namens Chop chop.

  • 23-12-10 Let’s talk about Faxgeräte

    23-12-10 Let’s talk about Faxgeräte

    Elite Kickboxing zieht um. Was schade ist. Elite Kickboxing ist entgegen seines Namens immer Kinder- und Jugendsport gewesen, mit vielen Mädchen und jungen Frauen im Kickboxring. Elite Kickboxing spülte mitsamt der Eltern ein angenehmes Laufpublikum in diese hallodrihafte Geschäftsgegend.

    Neulich beim Gang durch die Straßen: Eine Apotheke, die groß im Schaufenster „Lösungen“ gegen Wlan, 5G und andere Strahlungen anbietet. Ich frage mich dann immer: Innere Überzeugung oder zynischer Kundenfang im Schwurbelmillieu? Und was von Beidem ist schlimmer?

    Im Supermarkt entdeckt: Navel negra. Dunkelgrün-beige Orangen. Farblich mal was anderes, vielleicht keine Verbesserung. Im Innenleben entdeckten wir noch keinen Unterschied zu Normalorangen.

    Die Jahres-Stromabrechnung kam. 2,5% gespart. Zwei neue Verbraucher (das Spielzeug, Rombitombi), zweimal effizienter geworden (Waschmaschine ersetzt, die letzten Energiesparbirnen alter Prägung durch LEDs ersetzt). Vermutlich bestand der entscheidende Unterschied in den 10 Tagen Urlaub, die wir gar nicht in der Wohnung waren.

    Überhaupt: 2023 bot den ersten gemeinsamen Urlaub, der über ein verlängertes Wochenende hinausging, seit 2019.

    Ich lese Jahresrückblickaufforderungen „Welches Ziel hast Du dir gesetzt und nicht erreicht?“ Ich war ehrlich gesagt so eingebunden in „im Job komplett ankommen“ und „Fernstudienmodule“, dass ich nichtmal dazu kam, mir andere Ziele zu setzen. Also schon am Ziel gescheitert, mir Ziele zu setzen.

    Weihnachtspakete abgeholt. Dieses Jahr nicht so sehr über die Nachbarschaft verteilt, sondern größtenteils bei einem Späti. Immer mit der Frage: wie viele Pakete von uns liegen beim Späti? Übersehen wir wieder eines, dass dann zurück geht als nicht-abgeholt? Aber wir sind fast vollständig.

    Madame musste eine längere Exkursion machen. „Pano Bakery“ in der Monumentenstraße verkauft keinerlei Backwaren. Es handelt sich um den ungünstigst gelegenen Späti, der dafür den nettesten und zuvorkommensten Späti-Betreiber südlich der Spree behaust.

    Weihnachtsbücher bestellt und abgeholt. Vom Hammett-Buchhändler gelobt worden für die schöne Bestellung. Leider kann ich keine Titel nennen. Spion*innen lesen mit.

    Nach Hammett der Versuch mit dem 248er nach Hause zu fahren. Der Bus fuhr durch enge Straßen im Fliegerviertel und dann war es passiert. Vor uns blockierte ein Rettungswagen im Einsatz die Straße. PKWs konnten sich vorbeiquetschen. Für einen Linienbus allerdings war die Lücke zu schmal. Der Bus kam nicht vor und nicht zurück. Viele Fahrgäst*innen stiegen aus.

    Ich hatte keine Lust, 192 Euro Buch durch Tempelhof zu tragen und blieb. Fahrgäste rauchten. Durch die Tür beschwerten sich gescheiterte Fahrgäste, die von weiter entfernt liegenden Haltstellen herbeigelaufen waren. Die Busfahrerin versuchte den Abstand auszumessen, ob es vielleicht doch geht. Als sich nach 30 MInuten ein 248er-Bus-Stau an dieser Stelle zu bilden begann, gab ich auf.

    Direkt gegenüber vom Bus sah ich eine Kneipe. Name. „Keine Eile.“

    Nasenadapter

    Zwei Advents-Essen. Die Team-Weihnachtsfeier am Freitag, das traditionelle Cousin/Cousinen-Essen am Samstag, dieses Jahr mit Gastzugängen. Das Samstag-Essen (Sauerteigbrot mit veganem Schmalz, geräucherte Selleriesuppe, Sicilian Style Citrus Fruit Salad, als Hauptgang, Linsen Stroganoff, Käseplatte, selbstgebackener Stolle) war kulinarisch das überlegene Erlebnis gegenüber Freitag (Gänsekeule mit Sparbeilage).

    Beide Abende sehr schön. Spannend der Unterschied zwischen einer Gruppe aus Fachinformatikern und einer der Gruppe der Akademiker*innen des Wortes. Themen über die beiden Abende verteilt: Kann man lernen lernen? Umlaufmappen. Besuch aus den USA. Wer ist zuständig für’s Kassenwesen? Unterwegs in Georgien und Armenien. Kirchenfunk. DECT-Telefone.

    Bei beiden Veranstaltungen gingen die Gespräche unter anderem um Verwaltungsdigitalisierung. Einmal mehr aus Sicht der Digitalisierer, einmal mehr aus Sicht der Verwaltung und Nutzenden.

    Eines der spannenderen Erkenntnisse des Wirtschaftsinformatik-Studiums: Mein Bauchgefühl trügt nicht. Es gibt umfangreiche Forschung zum „Produktivitätsparadoxon der Digitalisierung“. Und der Frage: „In vielen Organisationen wurde massiv in Digitalisierung investiert. Aber die Organisationen werden dadurch nicht produktiver. Warum?“ Nachdem Unternehmen die Erkenntnis in den 1980ern und 1990ern gewannen, kommt sie so langsam auch in Behörden an. Nur weil etwas digital läuft, läuft es noch nicht besser. Gerade in den ersten Jahren werden massive Umstellungsschmerzen auftreten.

    Kunsthandwerker

    Die erwähnte Frankfurter Holbein-Ausstellung findet statt als Kooperation zwischen dem Frankfurter Städel (Fachmuseum für Hans Holbein d.Ä.) und dem Kunsthistorischen Museum Wien (Fachmuseum für Hans Burgkmair d.Ä.). Beide Künstler waren im 15./16. Jahrhundert in der damaligen Weltmetropole Augsburg tätig. Die war eine der wichtigsten Handelsstädte der damaligen Zeit, was auch Künstler anzog.

    Holbein d.Ä. und Burgkmair d.Ä. waren zwei der renommiertesten Künstler, fertigten sowohl Porträts wie religiöse Kunst. Die Ausstellung vertritt die These: Holbein der Ältere war durch die realistische niederländische Landschaftsmalerei geprägt. Burgkmair prägte die auftrebende italienische Renaissancemalerei. Sie beide vertraten in Augsburg ihren jeweiligen Stil. Holbein der Jüngere wuchs in diesem Kunstklima auf, verstand es daher beide Stilwelten zu verknüpfen und zu transzendieren.

    Die Ausstellung ist umfangreich. Sie lebt davon, dass Augsburg zu dieser Zeit Kunstmekka war und bietet weitere Werke anderer Künstler der Zeit. Sie geht in die Tiefe und lässt einen in die Renaissance nördlich der Alpen einsteigen.

    Wieder in Erinnerung gerufen: Diejenigen Künstler, die auch nach 500 Jahren noch im Museum hängen, teilweise als Genies verehrt werden, waren damals (reiche, angesehene) Handwerker; die in der Handwerkszunft organisiert waren und natürlich im Standesgefüge der damaligen Stadtgesellschaft die Handwerkerrolle ausfüllten. Welch Unterschied zum künstlerischen Selbstbild 2023.

    Ergänzt werden die zahlreichen Bilder mit umfangreiches digitales Begleitmaterial und einen empfehlenswerten Audio-Guide. (der ebenso wie das Begleitmaterial auch ohne Ausstellungsbesuch nutzbar ist).

    Hans Holbein d.Ä.: Katharina Schwarz als Hl. Katharina.

    BSR-Orange und Hertha-Blau

    Kellerkind geht ins Kloster

    Frau Catonique zwischen Dunkelheit und Konzert.

    Wer „Silver Spinning“ mochte, mag vielleicht auch diese Bücher. Cory Doctorows Buch-Jahresrückblick.

    Wichtiges Wissen für Berliner*innen: Wo gibt es Wolle in den Farben BSR-Orange und Hertha-Blau?

    Spannendes Wissen für Berliner*innen: Wie funktioniert die Fahrdienstleitung der S-Bahn?

    Für eventuell mitlesende Journalist*innen: die Berliner Bäder suchen eine Leitung Kommunikation/Pressesprecher*in. Erfahrungen in der Krisenkommunikation sind wünschenswert.

  • 23-12-07 Dinierende Philosophen

    23-12-07 Dinierende Philosophen

    Dreh dich nicht um. Das Virus geht rum. Wer sich umdreht oder lacht, wird vom Virus plattgemacht. Der Krankenstand im Umfeld scheint dieses Jahr noch höher als Ende 2022. Hier im Haushalt sind wir im Status „leichte Erkältungssymptome bzw. umfassende Heiserkeit“ und gehören damit zum gesündesten Quartil, das ich gerade kenne.

    Madame klingt, als plane sie eine Karriere als glamouröse Gastgeberin in einem fragwürdigen Nachtlokal.

    Mal schauen, wer sich trotz Viruswelle und S-Bahn-Streik zur Team-Weihnachtsfeier durchschlägt. Noch spannender: Wie viele der Weihnachtsfeier-Teilnehmer*innen werden wir nach dem Wochenende noch wiedersehen.

    Der Matrose telefonierte besorgte mit Boltes Berliner Steakhaus, ob sie trotz mangelndem Weihnachtsmenüs auch Gans anbieten. (Haben sie – sowohl Weihnachtsmenü wie auch Gäsenkeule – nur nicht im Internet)

    Madame kennt mich. Wenn ich bitte „Kannst du noch Brokkoli mitbringen?“ meine ich eigentlich „Kannst Du Cavolo nero oder Grünkohl mitbringen und wenn es das nicht gibt, dann halt Brokkoli?“ Sie brachte Cavolo nero.

    Ich lernte, dass Bildungsurlaub inzwischen Bildungszeit heißt. Vielleicht sollte ich nach dem Begriff suchen – vielleicht gibt es dann auch Angebote, die mehr nach Bildung und weniger nach schlechtem Pauschalurlaub klingen.

    In der Mittelpunktbibliothek Schöneberg Bücher abgeholt (Menschen im Hotel, Theoretische Informatik). Voller Neugier warf ich einen Blick ins Regal „EDV“. Entweder die technische Entwicklung verlangsamt sich, oder die Bibliotheken werden schneller als in meiner Jugend. Ich würde behaupten, dort standen nur Bücher, die für aktuelle Technik von Relevanz sind.

    Don’t talk about Darmstadt

    Der eigentliche Grund unseres letztwöchenentlichen Frankfurt-Besuches hing im Städel: die Darmstädter Madonna. Eines der Hauptwerke von Hans Holbein d.J. und damit ein Hauptwerk der nordeuropäischen Renaissance. Deutlich mehr steht im Wikipedia-Artikel, den einst eine gewisse Poupou l’quourouce geschrieben hat – was natürlich ein anderer Grund ist, das Gemälde in echt anzusehen.

    Die Madonna hing 150 Jahre (von 1852 bis 2003) in Darmstadt bei den Großherzögen von Hessen. Später kam sie als Leihgabe in das Städel, wo Madame und ich es mehr als einmal sahen. Und dann fragte sich die Kunstwelt mal wieder, warum man den deutschen Adel nicht 1918 ernstlich von seinen Raubgütern getrennt hat.

    Die Großherzöge von Hessen verkauften das Bild für 40 Millionen Euro an einen Fabrikanten. Der ließ es aus dem Städel entfernen und verschaffte es in seine Privatsammlung. Seitdem kämpfen die neuen Besitzer gegen den traditionellen Namen „Darmstädter Madonna.“

    Madonna is coming home – aber anscheinend unter der Bedingung, dass nirgends erwähnt werden darf, dass es die Darmstädter Madonna ist. Während friedlich direkt daneben die Solothurner Madonna (auch Holbein d.J.) und die Lucca-Madonna (Jan van Eyck) hängen, sehen wir nur „Die Madonna des Bürgermeisters Meyer.“

    Großartiges Bild.

    Obwohl Holbein d.J. und die Madonna der publikumswirksame Aufhänger sind, geht die Sonderausstellung „Holbein und die Renaissance im Norden“ eher um Hans Holbein d.Ä. und Hans Burgkmair d.Ä. sowie die Renaissance in Augsburg. Aber dazu später mehr.

    Da hängt sie.

    Schlafender Friseur

    Leichte Matschbirnigkeit in der Woche hielt mich davon ab, mich auf das Mathe-Skript zu stürzen. Selbst wenn ich gewollt hätte, wäre nichts hängengeblieben. „Auf Lücke lernen“ ist nicht ratsam, weil zu viel direkt aufeinander aufbaut.

    Zum Glück bietet dieses Semester auch andere Angebote. Der Lehrstuhl „Kooperative Systeme“ bietet seinen Kurs „Betriebssysteme und Rechnernetze“ als Video-Vorlesung an. Ich schaue Bildungsfernsehen in einem Tempo, das mir gerade recht erscheint. Dabei vorkommend die Probleme der dinierenden Philosophen und des schlafenden Friseurs. Beides Teilprobleme von: Ich habe ein oder mehrere kritische Systeme und mehrere Prozesse, die zeitweise darauf zugreifen wollen. Wie verteile ich die Systeme so, dass die Prozesse sich nicht gegenseitig sabotieren, nicht gegenseitig blockieren und trotzdem alle Prozesse das System nutzen können.

    Während ich noch mitten im Wintersemester hänge, steht schon die Planung für den Sommer an. Kursbelegung SoSe24. Ich ging zu Planungszwecken davon aus, dass ich alles Klausuren dieses Semester bestehe und belegte:

    • Modul 63017 Datenbanken und Sicherheit im Internet (10 ECTS)- eine einfache Wahl. Das letzte Informatik-Pflichtmodul und eine notwendige Voraussetzung, um Informatik-Wahlpflicht/Seminare et cetera überhaupt belegen zu dürfen.
    • Modul 63915 Einführung in die wissenschaftliche Methodik der Informatik (5 ECTS)- falls ich die Bachelorarbeit in Informatik schreiben will, ist das auch ein Pflichtmodul. Auf jeden Fall ist es glaube ich relevantes Wissen, was die Informatiker jenseits der Klausuren an Methodik gerne hätten. Der Wirtschaftsinfo-Bachelor wird aber wohl nicht in Informatik sein. Dank DES MASTERPLANS werde ich an anderer Stelle genug Informatik abbekommen.
    • Modul 31801 Problemlösen in graphischen Strukturen (10 ECTS) – mein erstes Wahlpflichtmodul. Und ein Anwärter auf spätere Bachelorarbeit. Eigentlich habe ich noch verschiedene Pflichtmodule offen. Da es sinnvoll ist, Wahlplichtmodul, Seminar und Arbeit nacheinander am selben Lehrstuhl zu schreiben, manövriert man sicht leicht in einen Flaschenhals wenn man zu spät den richtigen Pfad einschlägt. Das hier ist ein Mathekurs, der sich als Wirtschaftswissenschaftliches Modul tarnt.
    • Modul 61113 Elementare Zahlentheorie mit MAPLE (5 ECTS) – ein kleiner 5-ECTS-Kurs nur für den Masterplan.

    Wieder vier Kurse wie in diesem Semester. Aber 30 ECTS statt 40 ECTS – das sollte die Lage etwas entspannen. Zumal die „wissenschaftliche Methodik“ ohne Klausur auskommt, ich dementsprechend auch nur 3 Klausuren schreiben wollen werde.

    Eine Tram als Volksheldin

    Ich versuche, deutsch-politischer Großdiskussion aus dem Wege zu gehen. Aber bei so manch einem, der wild von „Gesellschaftlich wertvolle Arbeit statt Bürgergeld“ oder „Bildungsmisere“ tönt, denke ich „Glashaus-Steine.“

    Grünkohl mit Linsen und Ziegenkäse klingt nachahmenswert.

    Ilka stopfte an der Ostsee.

    Claudia genoß das Nachtleben in Kobe.

    Herr Rau kämpfte sich durch den Schnee. Währenddessen eine Tram von 1926 zur Münchner Volksheldin wird (via Kaltmamsell).

    Lila über die freigelassenen israelischen Geiseln.

    Wie mann Krähen nicht portraitieren sollte.

    Fuck Web 2.0, 3.0 und alle anderen. Wenn du Informatik-Professor und Autor mehrere Standardwerke bist und Deine Website so aussieht. Lieblingssatz „Somebody went to the trouble of making me a page on WikipediaIch feiere.

    Zweitbester Satz „Ken Brown visited me and informed me that Linus Torvalds stole Linux from me. I begged to disagree“ Hinter dem „disagree-Link“: Geschichte(n) aus der Urzeit des persönlichen Computers.

  • 23-12-05 Fourteen words: Blumenladen

    23-12-05 Fourteen words: Blumenladen

    Die Tage werden kurz. Menschen tragen Stehlampen durch die Straßen.

    Berlin bleibt stabil. Während die Fahrbahn auch der letzten Nebenstraße geräumt ist, schlittern wir zur Staatsoper. Unter den Linden. An der Oper. Gegenüber der Neuen Wache und damit „Repräsentativ as repräsentativer Prachtboulevard can be.“ Warum auch sollte man dort Fußwege räumen?

    Von den Radwegen, die derzeit auch mal aus blankem Eis bestehen können, will ich gar nicht reden.

    Das Geräusch des Wochenendes: Madames Telefon pingt mit überraschenden Zusagen. Wir sind erfreut aber auch etwas überfordert. Madame erwarb vorsichtshalber vier Kissen.

    In vorhersehbareren Bahnen verläuft das Studium: Zurück am Schreibtisch, konnte ich Entscheidungen treffen, welche Module ich nächstes Semester belege. Aber dazu später mehr. Später die Meldung, dass ich Einsendeaufgabe 1 („Modellierung betrieblicher Informationssysteme“) bestanden habe. Damit darf ich an der entsprechenden Prüfung teilnehmen.

    Frau Dr. S. unternahm eine Vitalprobe. Zusammen fanden wir Leben. Langsam wird der 106er mein Stammbus.

    Das Wochenende war so inhaltsreich. Ich bewege mich von hinten nach vorne: MMK -> Städel -> Médée.

    Door. Open now! Look left! Right! Back! Leaving door behind.

    Das MMK Frankfurt. Eröffnet 1991. Das Museum für die Moderne Kunst.

    Meinem Verständnis nach sagt keine andere Museumsart so sehr „Jetzt!“ und „Gegenwart!“.

    Die Museumsbauer sahen es offensichtlich anders: Das Gebäude ist um zwei Kunstwerke herum gebaut, die sich ohne Teilabriss des Museums nicht mehr entfernen lassen. Nichts sagt so sehr „Ewigkeit!“.

    Beide Kunstwerke stammen natürlich von repräsentativen Vertretern der Gruppe „Alter weißer Mann mit Geniestatus“. Dazu muss man sich als Kultureinrichtung im Jahr 2023 verhalten.

    Channeling“ die aktuelle Ausstellung im Museum verhält sich. „Klassische Objekte“ aus der Sammlung in je einem Raum mit relativen Neuanschaffungen. Zum Beispiel minimalistische Objekte (von 1986/1989) von Donald Judd („Denke: Leeres quadratisches Wandregal, ohne Inhalt) zusammen mit der Skulptur „Polyurethane Foam“ von Park McArthur: ein mehrere Meter großer Block schwarz-graues Polyurethan für Industriekunden. Einerseits genauso minimalistisch, ein millionfach reproduzierbares Industrieprodukt, in seiner Anmutung aber unwirklich, massiv, aus der Welt gefallen – die Führerin verglich zurecht mit dem Objekt in 2001: Space Odyssee.

    Andere neue Ausstellungsstücke. Ins Museum gekommen durch die Beschäftigung mit dem NSU. Eindrucksvoll: The Murder of Halit Yozgat von Forensic Architecture. Auch unwirklich: Henrike Naumann „14 words.“ Die leere ehemalige 1990er-Jahre-Einrichtung eines sächsischen Blumenladens erinnert sowohl an die direkte Nachwende-DDR, in der der NSU groß wurde und sich sozialisierte als auch die oftmals verlassenen Ladengeschäfte der NSU-Opfer. Geisterland. Das Objekt unter einem Titel, der auf einen bekannten Schwur von Neonazis anspielt.

    Maxie Eisen is gone

    In Frankfurt des Nachts auf der Straße vor dem Hotel. Ein Mann singt laut und stockbetrunken „Deutschland Deutschland über alles!“ In einer Gegend, in der der Anteil biodeutsch aussehender Passanten auf der Straße unter einem Viertel liegen dürfte. Aber ich bin zu sehr im Halbschlaf, um nachzusehen.

    Als Madame noch in Frankfurt wohnte, und auch noch während unseres letzten Besuchs knapp vor Corona, hieß es „das Bahnhofsviertel gentrifiziert sich“. Die Zahl schicker Läden nahm zu, die Mieten stiegen. Die alte Szene verschwand aus dem Sichtfeld.

    No more. Vielleicht steigen die Mieten weiterhin. Aber „die Szene“ ist in voller Wucht zurück. Schicke Läden verschwanden. Der Stadtteil wirkt wie erfunden von Sozialdramareportagen-Regisseuren bei Spiegel.tv. Dass wir beim letzten Besuch kurz vor Abfahrt noch vor einem arg hisperesken aber kompetenten Pastrami-Reuben-Sandwich-Laden einkehrten, scheint wie aus einer anderen Zeit.

    Madame erinnert sich an Gespräche mit Polizisten noch vor ihrem Wegzug: Crack. Die Droge, die Verrückte schafft. Gefährlich für sich selbst und für die Umwelt. Die Droge, die anscheinend eine komplette Innenstadt-Gentrifizierungsdynamik aufhalten kann.

    Postkartenfotovorratshaltung

    Poupou sitzt in einem Zoom-Hintergrundbild.

    Lila über einen verlorenen Traum von friedlicher Koexistenz zwischen Israel und Gaza.

    Die Kaltmamsell postet Postkartenbilder en masse aus München, Karen welche aus Finnland. In Norwegen ist es vor allem kalt.

    Einmal so durch eine Fahrkartenkontrolle wie Frau Novemberregen.

    Der Neugier halber suchte ich nach den PISA-Mathefragen. So trivial sind die gar nicht. (Und haben sich seit meiner Schulzeit doch deutlich verändert, auch in den Themengebieten). Nebenfund: Bei PISA 2018 Beispiel Lesekompetenz/Feldtest ging um es um Beiträge aus einem Hühnergesundheitsforum.