Schlagwort: Brutalismus

  • 25-10-01 Stadtbäume. Und eine Tram. (Paris)

    25-10-01 Stadtbäume. Und eine Tram. (Paris)

    Haltung besitzen Menschen, die in der Pariser Metro stehend zweihändig ein Hardcover lesen können, sich dementsprechend nirgends festhalten, aber auf der wilden Fahrt auch nicht einmal wackeln. Ein neues Lebensziel für mich.

    Diese Zeilen entstehen an Tag anderthalb in Tübingen und ich schreibe über Paris. Wir reisen schneller als ich schreiben kann. Der Blog geht nach. Vielleicht gehe ich auch selber nach. Soviel Input.

    Montag war ein Tag des Laufens in Paris.

    Am Sonntag war noch der Weg der Weg und das Ziel das Ziel gewesen. Hätten wir uns direkt zu den Tres riches heures, dem Spectale du Pferd und der Hulten/Tinguely/de Saint Phalle-Ausstellung beamen können, hätten wir es ernstlich in Erwägung gezogen – allein um den Stress zu reduzieren.

    Am Montag sollte es anders sein: Wir hatten ein paar Punkte auf der Route (Parc des Buttes-Chaumont / Parc Belleville / Rue Oberkampf / Bibliothèque nationale de France (Site François-Mitterrand)). Aber der Weg war mindestens genauso das Ziel. Paris-Bummel war angesagt. Er führte uns durch das 20., 19. und 11. Arrondissement, umfasste die Rue Belleville, den Boulevard Belleville, die Rue Oberkampf, den Boulevard du Temple und den Place de la République.

    Lustigerweise hatten wir trotz arg verschiedener Herangehensweise an beiden Tagen ähnlich viele Schritte auf dem Handy. Aber ich werde am Beginn beginnen

    7bis – Kasperltheater

    Es war ein Teig der Steinbrüche.

    Der Park von Buttes Chaumont wurde 1867 auf dem Gelände eines ehemaligen Steinbruchs angelegt.

    Der Untergrund ist felsig. Allein der Weg mit der Metro bis zum Park ein kleines Abenteuer. Der Weg spannend, den die Metrolinie 7bis fährt – ich vermute aufgrund des Bodens – nur einspurig ausgeführt, fährt im kleinen Kreis bis zum Park. Wie ich lernte, wurde sie 1967 von der großen Linie 7 abgetrennt und seitdem offensichtlich museal genau im Zustand von 1967 bewahrt. Der Aufstieg von der Station in den Park geht hoch genug, dass ein Fahrstuhl der Standard-Transport weg ist.

    Er weist für Paris beträchtliche Höhenunterschiede auf. Zentraler Punkt ist die Île du Belvédère, ein Einzelfelsen mit Aussichtstempel darauf. Um ihn herum der See, weitere Hügel, aufwendig gepflegte Blumenbeete, ein pittoreskes Kasperltheater (wegen Herbst geschlossen) und eine pittoreske Kinder-Schiffsschaukel alter Schule (also für zwei Personen, die schon selbst Schaukeln müssen).

    Die große Kaskade wird gelegentlich angeschaltet, sie versorgt einen sich malerisch schlängelnden Felsen-„Wildbach“, der im See um die Île du Belvédère endet. Die kleine Kaskade läuft dauerhaft.

    Im Park sind Pariser*innen, unterwegs, die Tai Chi betreiben, Hunde ausführen, Joggen, Picknicken – die Menschen fast so picturesque wie der Park selber. Und wenn in Paris die Revolution ausbricht, werden im Park immer noch schöne Menschen Tai Chi betreiben.

    Flöten und Pinkeln

    Buttes-Chaumont hatte starkes Die-zauberhafte-Welt-der-Amelie-Feeling. Menschen machen schöne Sachen in malerischer Umgebung. Nicht weit entfernt lag aber Belleville und der Parc Belleville.

    Belleville war als wildes, urbanes, migrantisches Paris versprochen worden. Ich würde sagen, wenn man die Schöneberger Hauptstraße und die Neuköllner Sonnenallee kennt, gab es wenig Überraschungen. Aber der Park war schon anders als der Parc des Buttes-Chaumont. Der Parc Belleville wurde 1988 auf dem Hanggelände eines ehemaligen Steinbruchs angelegt – dementsprechend steil geht er bergab.

    Er ist terrassiert, die einzelnen Terrassen immer nur wenige Meter breit, und überwiegend neben den Wegen dicht mit Bäumen und Sträuchern bewachsen. Abgesehen von einigen Aussichtspunkten (mit Blick auf den Eiffelturm) ist er also eher unübersichtlich.

    Und so betraten wir den Park an einer engen Stelle, links und rechts lagen noch Privatgrundstücke, und der erste Parkbesucher, der uns begegnete, war ein Mann der an einem Baum pinkelte. Das war nicht mehr Amelie-Land.

    Etwas weiter im Park, wir hatten mittlerweile verschiedene picknickende Studentinnengruppen passiert, fanden wir ein Bänkchen vor uns, aßen in Belleville gekaufte Pastilla-Pastetchen, und konnten beobachten, wir gut solche Hänge Klang transportieren. Wir hörten ein Doppelkonzert aus Ukulele (vermutlich eher oben am Hang) und Flöte (eher unten am Hang).

    Einen Abstieg weiter am Vertikalspielplatz folgte ein schlafender Obdachloser, der seine spärliche Kleidung am Zaun zum Trocknen aufgehängt hatte.

    Von Neukölln nach Prenzlberg

    Die Rue Oberkampf bot mir zwei Attraktionen. Das älteste Schwimmbad von Paris, die Piscine Oberkampf und eine städtische Duschanstalt/Badeanstalt . Diese in Oberkampf war leider geschlossen, aber weitere scheinen weiterhin in Betrieb.

    Vor allem aber war die Rue Oberkampf als Zentrum des Pariser Nachtlebens angepriesen. Und weil wir alt und langweilig sind, wollten wir dieses lieber am frühen Nachmittag inspizieren. Wir entdeckten zwei Zentren:

    Ein Zentrum östlich der Avenue de la Republique – eine enge Straße, die schmalen Bürgersteige vollgestellt mit Kaffeeplätzen, alles im Zustand, der sagte „bitte gib mir frische Farbe“ – das Neukölln-Feeling aus Belleville blieb präsent.

    Nach der Rue weiter im Westen waren wir plötzlich in einer Fußgängerzone im Prenzlauer Berg angelegt – reichlich Platz, die lokale dreimal so teuer, schicken Läden und Bäckereien, die unsere Großeltern schon nicht mehr als solche erkennen würden.

    Zum Abschluss der Rue tranken wir sehr teuren sehr guten Kaffee („inspiriert aus Kyoto“) und entdeckten Rougier&Pie. Der Laden, der ungefähr so eine normale Papeterie/Bastelgeschäft ist wie der Eiffelturm ein normaler Aussichstturm ist.

    Es gelang uns erfreulicherweise nicht das komplette Reisebudget dort auszugeben, nach harter Schlacht zogen wir nur mit einer handvoll französischer Schulhefte (die guten Großen mit den tollen Karos) und einem Notizbuch von dannen.

    Es folgte die Metro, mal wieder über Chatelet, in den Süden.

    Collette non

    Die letzte Etappe brachte uns aus dem Nordosten der Stadt auf die falsche Seite der Seine. Die Bibliothèque nationale de France (Site François-Mitterrand) liegt zwar fast direkt am Fluss, aber am falschen Ufer. Und so bemühten wir die Metro genau der Devise „Alle Wege führen nach Châtelet“ und wieder hatten wir einen lustigen Wandertag durch die verschiedenen Bereiche der Station.

    An der BNF angekommen, waren wir in einem komplett neuen Stadtviertel: Anscheinend um 1990/2000 komplett neu gebaut, viele Hochhäuser, viele Büros, so ein wenig Potsdamer-Platz-Vibes-in-gepflegter.

    Die BNF selber: Ein Prunkbau irgendwo zwischen Brutalismus und Postmoderne – wir beiden mussten spontan an das Londoner Barbican Centre denken.

    Wir den Collette-Ausstellungsbesuch waren wir beide zu erschöpft. Aber wir merkten uns immerhin: ab 17 Uhr ist der Eintritt frei. Das zur Bibliothek gehörige Kino führt aktuelle Filme in der Originalversion auf. Und der Eintritt auf die schicke Aussichtsterrasse mit den schicken Luxembourg-Liegestühlen und den Blick auf den Wald im Innenhof ist ganztägig möglich.

    Lauter Gründe zum Wiederkehren.

    Letzte Erforschung: Paris hat eine Straßenbahn. Madame entdeckte diese zufällig, als ihr die Navigo-App eine Straßenbahnfahrkarte zum Kauf anbot.

    Wir suchten sie auf dem Netzplan, fanden sie schließlich. Die Linien 3a und 3b führen als Dreiviertelring einmal weit um die Pariser Innenstadt und ein Zweig kam bei uns vorbei. Wir ließen uns in ganz unbekannte Gegenden bringen, südlich der Seine, noch ein ganzes Stück südlich des Quartiert Latin bis zum Gelände um die Université Paris Cité. Auch spannend.

    Aber nicht mehr für uns. Nicht an diesem Tag.

  • 24-12-05 Merken: Unfallkasse Berlin

    24-12-05 Merken: Unfallkasse Berlin

    Ob mensch 300 Hongkong-Dollar in Scheinen in Berlin in Euro wechseln kann ohne Aufwand für 500 Hongkong-Dollar dafür treiben zu müssen? Was ist mit den 100 mexikanischen Peso, die in derselben Kiste lagen?

    Auf der jährlichen Arbeitsschutzunterweisung lernte ich: Der klassische Unfall auf dem Weg zur Arbeit ist der Alleinunfall mit dem Fahrrad. Das kann ich bestätigen: Mein einziger Arbeitsunfall war 2019 (?) ein Alleinunfall mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit. Es war im Winter fünf Uhr morgens, um die Null Grad, auf den meisten Straßen stand Wasser – nur auf dieser einen befand sich eine kleine Eisfläche.

    Passiert ist außer einer Prellung nichts. Aber eine schadhafte Hinzuziehung des Ellbogens stand kurz im Raum. Ich lernte die Segnungen des Wortes „Berufsunfall“ in Arztpraxen kennen. So schnell und ausführlich wurde ich spontan nie wieder behandelt. Aber ich lernte auch: das Zauberwort muss begleitet werden von der Nennung der zuständigen Berufsgenossenschaft.

    Nachdem ich diese über das Jahr zwischen den Unterweisungen vergaß, werde ich sie mir nun merken: Es ist die Unfallkasse Berlin.

    Auch gelernt. „Rauchen ist keine betriebliche Tätigkeit.“

    Ich frage mich, ob die IT-Personen-Unterscheidung in Team Lötkolben und Team Tastatur nicht nahezu identisch ist mit Team-im-Zweifel-behalten und Team-im-Zweifel-wegwerfen.

    Als kleines Nikolausgeschenk bekamen wir eine API-Schulung bei unserem Ticketsystem-Anbieter. Die entpuppte sich überraschend schnell als komplex, klingt aber generell nach viel Spaß.

    Gelernt: die Steigerungsform vom Adventskalender ist der Weihnachtswichtel, der sich jede Nacht noch ein lustiges Programm überlegt. Du meine Güte. Why?

    Madame unternahm eine Tour durch West-West-West-Berlin und kam dabei auch am U-Bahnhof-Schlossstraße in Steglitz vorbei. Sie war beeindruckt von „Brutalismus in quietschbunt.“

    Von ihren Exkursionen brachte sie eine Zitronenpresse und Crowdfarming-Cacciocarvallo mit. Da ihr Weg am Recyclinghof begann, brachte ihr Ausflug dennoch einen Netto-Masse-Verlust an Haushaltmasse.

    Endlich ist der Trump-Sieg auch in unserem Briefkasten angekommen. Langsam können wir das New York Magazine1 wieder lesen. Das benötigt in seiner Papierversion immer ein paar Wochen bevor es von New York in den Briefkasten gelangt. Und in den letzten Wochen wussten wir natürlich wie die US-Wahl ausgeht. Das Magazin war aber noch voll großer Hoffnung auf Kamala Harris und in bang-freudiger Erwartung. Hart zu lesen.

    Besser: Wieder ein paar hundert Seiten in den Jakobsbüchern geschafft. Die sind genauso ausschweifend erzählt wie ich es mir für ein Werk der sehr frühen Neuzeit vorstelle. Am Ende ist es eine ähnliche Reise wie durch die Don-Quixote-Lektüre. Es will überhaupt nicht mehr aufhören, zeitweise wird es arg anstrengend. Gerade bei den Jakobsbüchern kämpfe ich auch nach 600 Seiten noch darum, den ganzen ausfernden Cast auseinanderzuhalten. Am Ende aber freue ich mich über jede Seite.

    Fasziniert bin ich von der Musk-Milei-Taktik der FDP. Offensichtlich wurde die These von Elon Musk zu lernen nur in die Welt gebracht, um von Pyramiden und offenen Feldschlachten abzulenken. Es funktioniert erschreckend gut.

    Abgestoßen bin ich, weil die FDP die klassische AfD-Methode anwendet: „Wir sagen irgendwas was inhaltlich komplett jenseits von Gut und Böse und der Realität ist. Menschen, die uns eh nicht wählen, wird es auf die Palme bringen und sie werden es empört breit thematisieren. Menschen, die uns vielleicht wählen, werden denken, dass es überspitzt und übertrieben ist, aber die Richtung stimmt.“

    Der andere Techniker

    Vor gar nicht so langer Zeit unterschrieben wir einen Termin für Glasfaser. Angekündigter Umstellungstermin: Februar 2025. Also noch weit hinter Weihnachten. Soweit ich verstand war Kabel weder im Keller noch vom Keller auf unserer Etage gezogen.

    Deshalb erstmal ignorieren. Ist noch lange hin.

    Die Telekom sah das anders, schickte gefühlt täglich Mails und SMS zur Umschaltung und drängelte auf einen baldigen Termin, damit wir den Wohnungsteil fertig bekamen. Wir ließen uns zum 4.12. drängeln.

    Wohnungstermin bedeutet Zugang zum Hausanschluss. Das ist nicht ganz trivial. Denn die Kommunikation läuft Telekom-Technik -> Telekom-Dispo -> Telekom-Callcenter -> wir -> Vermieter -> Hausverwaltung -> Hausmeisterservice -> Hausmeister oder umgekehrt. Detailabsprachen sind schwierig.

    Und so rief mich am 4.12. im 12 der Hausmeister an:

    Hausmeister: „Ich bin jetzt da. Wo ist der Techniker?“

    Ich: „AB 12 Uhr. Nicht UM 12 Uhr. Keine Ahnung; genauere Infos habe ich nicht.“

    H: „Öh“

    I: „Hm“

    H: (wegsprechend vom Telefon) „Sind Sie hier wegen der Glasfaser?“ (zu mir): „Wir haben Glück gehabt!“

    H: (fünf Minuten später): Ne, das war ein anderer Telekom-Techniker der aus anderen Glasfaser-Gründen an den Hausanschluss musste. Wann kommt denn ihrer?
    I: ?!?

    „Unser“ Techniker kam natürlich drei Minuten nachdem das eine wichtige Home-Office-Meeting des Tages angefangen hatte, bei dem ich als alleiniger Vorturner vorgesehen war. Wie man es sich wünscht. Entgegen allen Widrigkeiten funktioniert am Ende alles. Jetzt wartet der Anschluss nur noch darauf, dass wir unsere Nachbarn antreffen, um bei ihnen das Paket mit dem Modem auszulösen.

    Godot ist kein Dezemberkind

    Vielleicht doch Silvester auf Föhr? ZOLL-HH: 150 Kilogramm Kokain an Nordseestränden angespült/ Staatsanwaltschaft und Zoll ermitteln wegen illegaler Einfuhr

    Der rbb mit den Basisdaten unseres Bundestagswahlkreises 80: Bundestagswahl 2025 | Wahlkreis 80 Berlin-Tempelhof-Schöneberg (ergänzend: WK 58 – Latifundien: Oberhavel – Havelland II und WK 62 – Hafenstadt – Dahme-Spreewald – Teltow-Fläming III)

    Man kann wirklich jedes Dezemberkind fragen. Jeder von ihnen wird euch sagen, dass es keinen Spaß macht kurz vor, direkt an oder kurz nach Weihnachten Geburtstag zu haben.

    Vom sich verlieren & sich suchen.

    KI-Rant von Ed Zitron: Godot isn’t making it

    „There is no path, from what I can see, to turn generative AI and its associated products into anything resembling sustainable businesses, and the only path that big tech appeared to have was to throw as much money, power, and data at the problem as possible, an avenue that appears to be another dead end.

    And worse still, nothing has really come out of this movement. I’ve used a handful of AI products that I’ve found useful — an AI powered journal, for example — but these are not the products that one associates with „revolutions,“ but useful tools that would have been a welcome surprise if they didn’t require burning billions of dollars, blowing past emissions targets and stealing the creative works of millions of people to train them.“

    1. Nicht zu verwechseln mit dem New Yorker. Wenn der New Yorker Pink Floyd in ihrer frühen Phase sind, ist days New York Magazine die Spice Girls. ↩︎