Schlagwort: Geschichtswissenschaft

  • 26-05-30 Bildung ist nicht Vorbereitung auf das Leben; Bildung ist das Leben selbst

    26-05-30 Bildung ist nicht Vorbereitung auf das Leben; Bildung ist das Leben selbst

    In der U-üc eine junge Frau mit zwei großen Liebeskind-Papiertüten, in denen etwas zehn neue Handtaschen waren, die sie aufmerksam betrachtete. Für Privatverbrauch zu viele, für kommerziellen Einkauf zu wenige. Was auch immer die wahre Geschichte hinter dem Transport war, sie war sicher spannend.

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    Vor mir auf der Südkreuz-Treppe – die Rolltreppe funktioniert natürlich immer noch nicht – ein junger Mann, sein Rucksack so behängt mit Hyroxund Athelete-, Aufnähern, Aufklebern und Anhängern als wäre er ein achtzigjähriger russischer General, schleppt sich auch die Treppe hoch als wäre er ein achtzigjähriger russischer General.

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    Was wird früher fertig werden? Die Reparatur der Rolltreppen am Südkreuz oder die daneben liegende Baustelle der BSR-Zentrale des S!nn-Campus?

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    Mir träumte, ich wäre auf einer Abschlussfeier unter einem Zeltdach, bei der fast nur Frauen geehrt wurden. Angesichts der Ereignisse der Tage war dies ein beleidigend unorigineller Traum.

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    Es waren zwei Arbeitstage mit Abschlussfeier.

    S!nn Campus in spe

    Business Applications oder Fachapplikationen?

    Fast hätte ich Freitag ein wenig „Rücken..“ in den Team-Chat gejammert und wäre im mobilen Büro zu Hause geblieben. Aber am einzigen Büroarbeitstag der Woche, nach zwei Tagen Urlaub, wäre mir das dann doch zu peinlich mir selbst gegenüber gewesen.

    Während Madame gleich ein volles back-to-work Programm absolvierte, ging es bei mir außerhalb einiger seltsamer Meetings eh gemächlicher los. Die Freibadsaison startet spätestens Montag, das heißt fast aller Freibadsaisonsvorbereitungsstress ist durch die Organisation durch.

    Ich überstand das donnerstägliche Neun-Uhr-Meeting, das ich selber angesetzt hatte. Zum Glück mussten dort zwei Dienstleister vortanzen, während ich nur ein wenig angesäuert durch die Gegend hmm’en durften.

    Ich überstand sogar das freitägliche 9-Uhr-Meeting im Büro, das ich nicht selbst angesetzt hatte und bei dem ich sogar was machen musste. Und zu meiner großen Überraschung überstand ich selbst das Freitag-14-Uhr-Meeting zum Thema Service-Portofolio.

    Hinter dem Büro

    Reflexionsritual

    Sicher hat es eine karmische Bedeutung, dass ich auf dem Weg zur FernUni-(Abschluss)-Alumni-Feier ausgerechent am Ullsteinhaus aussteigen musste, in dem ich sieben Jahre arbeitete. Aber ich verstand sie nicht.

    So wurde der Donnerstag ein Doppel-Vergangenheits-Abend. Einmal geplant und absichtlich: Ein Rückblick auf die nähere Vergangenheit, das FernUniHagen-Bachelor-Wirtschaftsinformatik-Studium, ein Rückblick auf die fernere Vergangenheit, die Jahre bei Computacenter.

    Für mich aber auch ein Ausblick auf die nähere Zukunft: den Master Wirtschaftsinformatik.

    It’s time to play the music, it’s time to light the lights

    So ein Fernstudium ist ja etwas eigen. Inhaltlich unterscheidet es sich kaum von einem Präsenzstudium, auch die Organisation dahinter ist am Ende eine normale staatliche Universität wie man sie halt so kennt mit ihren Lehrstühlen und Gremien und so. Aber sie ist halt ortlos und damit in gewisser Hinsicht körperlos.

    Kommliton*innen sah ich meist nur während der Präsenz-Klausuren, leibhaftige Professoren nur angesichts zweier Studientage und eines Seminars. So passte es auch, dass das Zeugnis per Post kam.

    Allerdings fiel selbst der FernUni auf, dass das eine arg freudlose Methode ist, so einen prägenden Lebensabschnitt zu beenden, und sie erfand die Alumni-Feier. In jeder Stadt, in der es einen Außenstandort gibt (wie zB Berlin) werden alle Absolvent*innen des letzten Jahres zu einer Feier eingeladen.

    In Berlin dieses Jahr: In die Ufa-Fabrik, ein leicht alternatives Kulturzentrum direkt am Teltowkanal (neben dem Ullsteinhaus) mit einer wirklich schönen Sommerbühne unter dem Zeltdach.

    On the most sensational inspirational, celebrational, Muppetational

    Es begleitete das Saxophon-Quartett Quadrophon, mit schmissig gespielten Jazz-Standards, die mein Herz spätestens gewannen, als sie das Muppet-Show-Theme spielten.

    Es gab drei Reden. Der Universitätsrektor Stefan Stürmer hatte sich höchstpersönlich nach Berlin zum Gratulieren begeben. Dessen Reden war den Umständen nach mehr als gut. Aber wenn er mit einem Zitat eines meiner persönlichen Helden der Politischen Theorie beginnt, muss es ja gut werden. Auch wenn hier John Dewey als Erziehungswissenschaftler zitiert wurde:

    Bildung ist nicht Vorbereitung auf das Leben; Bildung ist das Leben selbst

    Wann ist der richtige Zeit und der richtige Ort, um auch einmal leicht ins Pathos zu fallen, wenn nicht diese Veranstaltung. Und auch sonst gelang es Stürmer, überzeugend zu vermitteln, dass ihm die Fernuni in all‘ ihrer Eigenheit und die Student*innen in all‘ ihrer Verschiedenheit, ein persönliches Anliegen sind.

    Daneben sprach Felix Ackermann, ein ursprünglich aus Berlin stammender Historiker, der die Anwesenheit gleich mal befragte, wer noch gedruckte Zeitung liest (~ 2% der Anwesenden), wer Telegram auf dem Handy hat (~ 20%) und wer Signal (~ 80%), um dann sein Forschungsprojekt über Telegram-Nutzung im russischen Angriffskrieg auf die Ukraine vorzustellen. Er brachte mich immerhin dazu, nachzuschlagen, was ich machen müsste, um an seiner historischen Exkursion nach „Postpreußen“ teilzunehmen.

    Dazu kam eine Absolventin, die ihren persönlichen, und wie bei den meisten, leicht schiefen, Weg zum Abschluss schilderte.

    Dann durften alle auf die Bühne, einzeln aufgerufen, namentlich genannt, mit einer Pseudo-Urkunde ausgestatte (die echte kam ja schon vor Monaten in der Post) und mit einem kleinen Präsent.

    Endlich mal Komiliton*innen sehen. Endlich mal schauen, wie viele Psycholog*innen hier sind (sehr viele, 50? 60?) und wie viele Wirtschaftsinformatiker (drei), oder Mathematiker*innen (null) oder Bilungdswissenschaftler*innen (~20?) – die alle in spannenden, schicken Interpretationen zwischen „akademisch-festlich“ und „Sommerfest“.

    Und zum Ende, das unwahrscheinlichste Treffen von Allen: 2015 hatte ich mal kurz das ZDF-Hauptstadtstudio dabei beraten, MediaWiki (die Software hinter Wikipedia) einzusetzen, um die Studiotechnik intern zu dokumentieren. Einer der damals beratenden Techniker ist nicht nur Chef des Berliner Alumni-Kreises der Fernuni, sondern hat mich auch gleich erkannt, und sich mit Freude an mich erinnert. Da war ich geplättet.

    Empfang

    Freitag war ereignisloser. Nach der Arbeit Madame treffen, die von dm kam, Milch und Aufbackbrötchen kaufen, packen, und auf die Latifunien fahren.

    Madame begrüßte den Turmfalkenturm. Uns begrüßte die Nachtigall, eine mittelgroße Haustürspinne, der Vollmond und ein Geschwader Mücken. Wo kamen sie her, Dienstag war das hier doch noch weitgehend mückenfrei?

    Links

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    Ich sag ja, IT und Prozesskram ist beides angewandte Arbeitsvermeidung, weil es darum geht, etwas so aufzusetzen, damit es danach möglichst umstandslos läuft. Dank Marc lernte ich dafür den schönen Begriff Zero Maintenance – keine unnützen Aufgaben.

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    Die besten Rezepte: Auf die Fragen was, wie viel, wann, warum kam oft genug die Antwort „Das merksch dann, musch halt probieren.“

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    Katzenfach im Bücherregal. Dieses Regal bleibt mir einfach sympathisch: Bücherliebe – 9 –

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    Ich vielleicht auch: Wäre ich König, so würde ich für jeden Menschen im Reich “Feierabend um drei!“ per Ukas verfügen. Nur ich selber würde bis zum Abend mit Gänsekiesel bei Kernzenschein über Akten und Urkunden brüten und wenn das Lachen der Kinder von der Straße in mein Arbeitszimmer im Palast hereindringen würde, würde ich leise und sehnsuchtsvoll seufzen.

  • 25-10-04 Von Wenderomanen und dem Wesen der Salatschüssel (Tübingen)

    25-10-04 Von Wenderomanen und dem Wesen der Salatschüssel (Tübingen)

    Die Bachelorarbeit ist bestanden. Diese Nachricht erreichte mich im Tübinger Hotelzimmer, kurz bevor wir uns zum Aufbruch zur Uni Tübingen trafen.

    Damit darf ich mich noch nicht Bachelor of Science nennen – zwei Klausurergebnisse fehlen noch, und erst dann kann ich das Zeugnis beantragen, das zum Bachelor-führen berechtigt. Aber, um die weichere Formulierung im Über-mich-Abschnitt dieser Website zu ergänzen, reicht es.

    Kurz nach der Nachricht: Unsere kleine Gruppe hatte sich vor dem Hotel verabredet, um zum Tagungsort, der Alten Aula der Universität Tübingen zu laufen. Dabei war die sympathische, intelligente ältere Dame, die zur Gruppe gehörte. Ich entspannte: Es versprach ein gemächliches Tempo des Gehens zu werden.

    Welche Irrtum. Sie stürmte voran.

    Und die mir namentlich unbekannte ältere Dame entpuppte sich als Friedespreis-des-Deutschen-Buchhandels und Bundesverdienstkreuz-mit-Stern-Trägerin, Mitglied der Leopoldina, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der British Academy Aleida Assmann. Hui. Immerhin kann ich sagen, ich mochte sie schon, bevor ich wusste, wer sie war.

    Aber erstmal trete ich einen Schritt zurück.

    Denn ich bin schon wieder in Berlin, der Blog aber noch Tübingen. Es waren anderthalb Tage des Tagens.

    Der Anlass

    Es war die Tagung Erinnern und Demokratie: Tag der Zeitzeug:innen 2025 des Hector-Instituts für Empirische Bildungsforschung.

    Im Nahbereich drehte sich die Tagung darum, welche Bedeutung Zeitzeug:innen für eine demokratische Geschichtsvermittlung besitzen. Insbesondere wurde dies an den beiden Zeitzeug:innen Projekten Generation 1975 und Generation Mauerbau diskutiert.

    Im Nicht-ganz-so-nah-Bereich hörten wie eine Veranstaltung, die von sehr konkreten Ausarbeitungen für Schulstunden mit den Zeitzeug:innen reichte bis hin zu weit ausholenden Generaldiskussion des Stands der deutschen Einheit und des deutschen „Wir“s.

    Der Grund des Anlasses

    Madame war als Zeitzeugin geladen. Vor einigen Jahren kamen die Filmemacherin Ina Rommee und Stefan Krauss von KRRO Film in unsere Wohnung. Madame hatte sich eher zufällig gemeldet („Suchen Menschen mit Geburtsgjahr 1975, ausgewachsen in Berlin, Brandenburg oder Baden-Württemberg, die 14 waren als die Wende stattfand“) und das wissenschaftlich begleitete Auswahlverfahren (Repräsentative Auswahl verschiedener Bildungsniveaus, politischer Einstellungen etc.) gewonnen.

    Seitdem macht sie die Runde als Zeitzeug:in, die bezeugen kann, dass das Baden-Württemberg des Jahres 1989 ziemlich weit entfernt von der Wende war – was im Kontrast zu den Berichten der Berliner und Brandenburger aus demselben Jahr deutlich mehr Sinn ergibt und eindrucksvoller ist, als ich vorher gedacht hätte.

    Seit diesem Interview hat das Zeitzeug:innen-Projekt unerwartet Verbreitung gewonnen, ist immer noch sehr präsent. Immer mal wieder tritt Madame auf, um aus Sicht einer Betroffnen davon zu berichten und befragt zu werden. So auch hier.

    Freundlicherweise durfte ich mitkommen. Das Partnerprogramm bestand auch aus der Teilnahme an der Tagung.

    Der Rahmen

    Ein Teil der Referent*innen und Veranstalter*innen hatten wir bereits am Abend vorher im Bavaria getroffen. Die eigentliche Tagung fand in der Alten Aula der Universität Tübingen statt.

    Das Programm bestand aus Themen eher hart am Thema – eine empirische Studie zu Aura-Effekten1 beim Einsatz von Zeitzeug:innen oder konkreten Vorstellungen verschiedener Unterrichtseinheiten – und allgemeineren Themen zum Thema Demokratie – Deutschland – Historische Erinnerungen an die Wendezeit.

    Abfolge und Flow der Veranstaltung sprangen überraschend perfekt zwischen den Ebenen. Am Abend von Tag 1 folgte der Film „Eine Sache der Deutschen“, der aus den bestehenden Interviews das Thema Wende noch einmal aus speziell migrantischer Sicht betrachtete.

    Wir hatten Gelegenheit eine ganze Reihe Bildungsforscher*innen und Historiker*innen kennenzulernen2, Menschen von der Stiftung Aufarbeitung und Berliner Mauer sowie weitere eingeladenen Zeitzeug*innen aus dem Projekt Generation Mauerbau.

    Highlight: Ibraimo Alberto, ehemals DDR-Vertragsarbeiter aus Mosambik, DDR-Nationalmannschaftsboxer und in jüngster Zeit Buchautor und seine mitreisende Frau, die wir zufällig in der Tübinger Innenstadt wiedertrafen als sie und wir beide nach einem Ort suchten, der einem in Tübingen nach 21 Uhr an einem Wochentag warmes Essen serviert. Wir verbrachten zusammen einen hochspannenden Abend im Neckarmüller.

    Subjektive Auswahl

    So viele intelligente Menschen sagten so viele intelligente Sachen. Es fällt mir schwer, eine Zusammenfassung zu finden.

    Am auffallendsten Dirk Oschmann („Der Osten eine Erfindung des Westens“) als Troll vom Dienst, der den Zornes-Ossi mit akademischen Meriten gab. Er war gut darin, alle Anwesenden nach dem Mittagessen wieder aufzuwecken und sonst hat bewusst unterkomplex unterwegs.

    Spannender: Die empirische Untersuchung zum Thema Zeitzeug*innen im Unterricht – in der durch viele Dutzend Schulklassen hindurch eine weitegehend identische Unterrichtseinheit3 einmal mit persönlich anwesenden Zeitzeug*innen gegeben wurde, einmal mit Videos von ihnen, und als Kontrolle eine ganz normale Unterrichtseinheit zum Thema gegeben wurde, und danach die Wirkung der Einheit empirisch überprüft wurde.

    Anregend: die Vorträge von Monique Scheer und Aleida Assmann zum den großen Themen „Wer ist wir? Wie geht es demokratisch? Welche Form des Deutschseins brauchen wir?“ Scheer befürwortete das Salatschüssel-Modell der Nation, in der eine diverse Gruppe zusammenfindet, stellt aber fest: Wichtig ist nicht der Salat, sondern die Schüssel? Was hält sie zusammen?

    Zur weiterem anregend: Anna Lux und ihr Ansatz Populärkultur (Romane, Musik) zur Wende zu untersuchen – die sehr viel vielschichtiger und differenzierter sind als es die übliche Geschichtsschreibung hergibt. Als Erinnerung für mich: Ihr Buch heißt Neon / Grau, ihr Projekt 89goesPop.

    Lebenswege

    Was auch spannend war: sowohl bei Madame wie auch bei mir wäre es möglich gewesen, dass wir an solchen Tagungen professionell teilnehmen; bei ihr aus geisteswissenschaftlicher Richtung, bei mir aus wissenschaftsnaher Politik/politiknaher Wissenschaft. Nur eins, zwei Abzweigungen im Leben anders gegangen, und wir beide hätte eine solche Konferenz im Auftrag der Arbeitgeberin besucht. Bei uns beiden kam es anders.

    Und immer wenn wir in einem solchen Umfeld sind, denken wir ähnlich. Einen halben Tag lang „Hach, was wäre gewesen…“ und nach einem halben Tag des Zuhörens und Beobachtens kommen wir unabhängig voneinander zu der Erkenntnis „Gott sei Dank. Alles richtig gemacht.“

    Anmerkungen

    1. Falsch vereinfacht: Schüler*innen sind so beeindruckt von der Zeitzeugin, dass Aufmerksamkeit und Engagment im Unterricht steigen – sie aber weniger lernen. ↩︎
    2. Zum Teil absurd, weil sich ein paar von Ihnen intensiv mit Madames Zeitzeuginneninterview auseinandergesetzt haben – mit dem Erfolg, dass sie sehr viel über Madame wissen, sie aber selbst ihr vollkommen unbekannt sind. ↩︎
    3. Soweit es halt mit verschiedenen Klassen und verschiedenen Lehrpersonen möglich ist. ↩︎