Schlagwort: Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche

  • 26-07-09 Samedi 29 juillet: Ich bin Tochter des Korsaren

    26-07-09 Samedi 29 juillet: Ich bin Tochter des Korsaren

    Madame lud Ms. Bilanz zum Pistazieneis a la casa in la casa ein.

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    Der Kaptain erzählte vom Bad-Bramstedt-Besuch. Alles nicht so einfach dort. Vor allem weil es nicht Dithmarschen ist. Aber der Kaptain konnte helfen.

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    Post und vor allem PIN haben auch nach Monaten der Gewöhnung noch Probleme, unseren Briefkasten zu finden. Wir bekamen am Ende doch mehrere Briefe mit Aufklebern „unbekannt“ oder Stempeln „unbekannt verzogen“ übergeben.

    Ich überzeugte meine Arbeitgeberin, meiner Postadresse noch eine Wegbeschreibung hinzuzufügen.

    Madame war im Bürgeramt am Hohenzollernplatz, ausprobieren, inwieweit auch behördliche Prozesse Anmerkungen bei der Postadresse zulassen. Wir hatten Glück: Die Wegbeschreibung steht so auch im Mietvertrag und ist somit offiziell genug für ein Berliner Bürgeramt.

    Jetzt müssen wir noch auf die Lesefähigkeiten des Briefbot*in vertrauen. Immerhin weiß das Bürgeramt auch schon, dass PIN-Bot*innen anscheinend jede Woche ihr „Revier“ ändern und pro Brief genau drei Sekunden Suchzeit haben oder so.

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    Kaum fahre ich mal eine Woche lang nicht mehr mit Ringbahn, schon ist die Rolltreppe der Gegenwart ganz verschwunden. An ihrer Stelle klafft ein Loch.

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    Es war radelnde Arbeitstage inmitten eines well behaved summers.

    Nicht vergessen: Beim Funkhaus einmal grüßend an den Helm tippen

    Den Fahrradhelm vergaß ich schon wieder.

    Aber langsam groovt es sich ein. Langsam beginne ich auch auf der neuen Strecke ein Kurven- Hubbel- und Bremsgedächtnis zu etablieren. Auch der optimale Fotoschlenker auf die Stadtparkbrücke entsteht. Es wird nicht mehr lange dauern, dann läuft die eigentliche Strecke im Blindflug. Dann kann ich mich ausschließlich auf den Verkehr konzentrieren, den Wind im offenen Haar spüren und Glasscherben ausweichen. Denn vorausschauend fährt es sich am besten, wenn ich im Vorhinein weiß was kommt

    Südkreuz-Office-Tiefgarage. Mensch beachte das inzwischen durchgehende Anti-Tauben-Netz unter der Decke.

    Der Rückweg führte am KaDeWe vorbei hin zum Schuhdiscount. Ich brauchte noch gute lauffähige Schuhe für touristisches Stadtlaufen, die nicht schon vorher halb am auseinanderfallen sind. Endlich wieder einmal der nette Weg durch’s Bayerische Viertel Richtung Wittenbergplatz.

    Verregneter Blick den Tauentzien hinunter Richtung Europacenter, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Shoe City Outlet und Hochhäuser am Zoo.
    West! West! Westberlin!

    Getrieben vom eigenen Schwung die letzten Meter bis zum Beckenrand gleiten lassen

    Anscheinend gehen die Eichenprozessionsspinnerabsperrbänder zur Neige. Am Hans-Baluschek-Park war ein Großteil der betroffenen Bäume nurmehr durch ein aufgespraytes „E“ in rosa gekennzeichnet. Denn, gute Nachricht, ich radelte wieder einmal durch den Hans-Baluschek-Park, der Südkreuz und Insulaner miteinander verbindet.

    Langsam kommt zusammen, was zusammen gehört: Freibad und Fahrrad, der kleine After-Work-Ausritt zum Insulaner, ein Abendplantsch und dann weiter in die Wohnung. Ich hatte ihn vermisst, den Fahrradhain: vom Format einer Halle, fast durchgehend beschattet, und doch angenehm luftdurchzogen und soweit ich sah ohne Eichenprozessionsspinner.

    Vielleicht, wenn das nächste mal 35 Grad plus sind, und ich nicht mehr in das Freibad gehen mag, stelle ich mich einfach dort hin, genieße Schatten und Lufthauch.

    Noch aber muss ich mir die Gedanken nicht machen: noch herrschten 23 Grad bei strahlendem Sonnenschein. Ich konnte hinein, die Kabane genießen1 und noch mehr konnte ich das leidlich leere Becken genießen: ein bißchen Kraul-Total-Immersion üben, ein bißchen mehr rumwabern und ein bißchen auf der Beckenterrasse das Wetter genießen.

    Danach übte ich den neuen Rückweg nach Wilmersdorf. Ich stellte fest, ich radle direkt am Rüdi vorbei. Die ganzen schicken Fachgeschäfte für das verwöhnte Bürgertum haben zu dieser Zeit zwar schon geschlossen, aber die BioCompany und vor allem der Rüdesheimer Weinbrunnen sind noch geöffnet.

    Gerne wieder.

    Leichtigkeit Vielleichtigkeit

    Tja, Sommer. Dieses Jahr übt er noch. Ich liebe Sturm bei 22 Grad, glaube aber ich bin damit eher allein. Dennoch besser als 41 Grad. Solange der vor-der-Haustür-Sommer noch seine Gestalt sucht, gehen wir ins Kino, schauen Sommer von vor 30 Jahren prä-Klimaerwärmung. Eric Rohmers Conte d’été / Sommer von 1996 lief im Ciné Club, der Reihe mit französischen Klassikern im Cinema Paris.2

    Der Mathematik-Absolvent und unentdeckte Shanty-Komponist Gaspard (Melvil Poupaud) verbringt einige Sommerwochen zwischen Uni-Abschluss und Berufseinstieg, zwischen Mittjuli und Augustanfang am Strand der Bretagne. Die Tage werden einzeln mit einer Art Kalendereinblendung aufgezählt, was dem Film einen leicht dokumentarischen Hauch verleiht.

    Dort, im Badeort Dinard, wartet er auf seine vielleicht-Freundin Lena (Aurélia Nolin), die er vielleicht liebt. Während er wartet, lernt er Margot (Amanda Langlet) kennen, die ihn vielleicht liebt und er vielleicht sie. Margot, macht ihn mit Solène (Gwenaëlle Simon) bekannt.

    Gaspard liebt vielleicht Solène, diese allerdings verlangt von ihm eine klare Entscheidung. Gaspard trifft eine Entscheidung – allerdings jeden halben Tag eine neue Andere Entscheidung.

    Am Ende hat Gaspard drei Frauen versprochen, dass er jeweils mit ihnen zusammen ein paar Tage auf der Insel Ouessant verbringen wird; jeweils allein und jeweils in der letzten Woche bevor er arbeiten muss. Er macht, was wohl fast jeder Mann in dieser Situation angesichts dieser Entscheidung machen würde. Er nuschelt „muss ein Mischpult kaufen“ und macht sich aus dem Staub.

    Die äußere Handlung ist spärlich. Gaspard läuft allein durch Dinard an der bretonischen Smaragdküste. Gaspard sitzt allein im Zimmer und schreibt an seinem Shanty Fille de Corsaire. Margot und Gaspard laufen am Strand von Dinard und reden miteinander. Lena und Gaspard laufen am Stand von Saint-Lunaire und reden miteinander. Solène und Gaspard sind zusammen am Strand von Saint Malo und reden miteinander.

    Menschen am Übergang zwischen Studium und echtem Beruf treffen sich in der Jahreszeit in der normalen Regeln des Alltags ausgesetzt sind, alles in den speziellen Sommermodus fällt. Nur Solène ist entschiedener, will Klarheit. Vor allem mit Solène passiert Handlung jenseits des „sie laufen zu zweit am Meer entlang und reden“. Mit Solène findet der emotionale Höhepunkt statt: Die Ausfahrt auf dem Boot in den Ärmelkanal mit Familie, Akkordion und sie singt Fille de Corsaire.

    Ein Film unentschiedener Leichtigkeit. Wie ein guter Sommer selbst, wunderbar um sich hineinzulegen, aber mit einem natürlichen Ende versehen wenn der erwachsene Alltag kommt und Entscheidungen möchte.

    Ein Seemannslied über die Ebenen Mexikos

    In Sommer werden zwei Shanties gesungen. Neben der Tochter des Korsaren, extra geschrieben für den Film, kommt auch Santiano vor.

    Von Santiano dachte ich, ich kenne den Song, gesungen von der gleichnamigen deutschen Band, die vermutlich einen Song schrieben, um sich selbst zu feiern. Um so verwunderter war ich den Song, hier zu hören, viele Jahre bevor Santiano (Band) sich gründete und vor allem mit einem Text über Saint Malo an der Küste der Bretagne.

    Ist das vielleicht gar kein Santiano-eigener Song? Aber auch kein englischer Shanty, den Santiano (Band) einfach eingedeutscht haben? Ist es eventuell französisch? Hat sich hier ein Stück französische Kultur in den deutschen Mittelaltermarkt-Kanon geschlichen?

    Jein.

    Soweit ich weiß: Santiano (deutsch) und ist eine rockige Überarbeitung von Santiano (französisch)3. Der Text blieb dabei weitgehend unverändert, allerdings wurde bei der deutschen Übersetzung Saint-Malo in der Bretagne durch Hamburg ersetzt. Der eigentliche Ausdruck Santiano hat dabei keine Bedeutung, ist eher Marker von Exotik und Ferne.

    Santiano hat im franzöischen Text auch keine echte Bedeutung, Santiano und Saint-Malo sind aber klanglich so nahe, dass ich als Hörer davon ausgehe, das irgendeine Verbindung besteht.

    Das französische Lied hat Hugues Aufray – bekannt vor allem als Interpret französischer Bob Dylan-Coversversionen – einem älteren englischen Shanty Santiana entnommen4. Es erwarteten mich zwei Überraschungen: Santiana ist ein echter Shanty, wirklich aus dem 19. Jahrhundert5 und wohl wirklich auf Schiffen als Arbeitslied gesungen.6

    Und der Text handelt von den Ebenen Mexikos und General/Präsident Antonio López de Santa Anna und dem mexikanischen Unabhängigkeitskrieg. Entgegen den Lyriks des Songs allerdings ging der Krieg nicht gut aus für Santa Anna – und das trotz der Unterstützung durch private britische Soldaten – also Soldaten die nicht im Auftrag von UK kämpften, aber eigentlich normalerweise schon britische Soldaten waren.

    Santiano ist Santiana ist Santa Anna ist ein Name. Und der hat nur höchst indirekt etwas mit Seefahrt zu tun. Das kam überraschend.

    Links

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    Der Tagesspiegel hat sich den Südkreuz-Rolltreppen auch mal wieder angenommen (leider mittlerweile mit Paywall): „Fürs Eigenheim oder dergleichen“: Berliner Student bietet defekte Rolltreppen vom Südkreuz in einer Kleinanzeige an

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    hotel mama sah linie 1: linie 1 war wirklich lustig und kam so frisch und gutgelaunt rüber wie am ersten tag, dabei lief es zum 2343. mal oder so. theater voll bis auf den letzten platz, publikum singt mit. 5 vorhänge.

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    Ein Hotel sollte ein wirtlicher Ort sein. Unser aktuelles Hotel für drei Tage ist kein wirtlicher Ort.

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    Wann sind eigentlich Internet-Cafés und öffentliche Internet-Terminals ausgestorben? (via kaltmamsell). Ich kann zwei Datenpunkte liefern: 2011 als wir in Yorkshire noch eine Überfahrt von Felixstowe(?) auf den Kontinent zurückbuchen mussten, fest davon ausgegangen waren, es Internet-Café zu erledigen – und es gab keins. Nada. Nichts. Nicht einmal in York. Am Ende fuhren wir direkt in den Hafen zum Fährbüro. 2011 waren Internet-Cafés in Deutschland noch total üblich, im nicht-großstädtischen UK aber komplett ausgestroben. Der zweite Datenpunkt ist 2020 als unser damaliger Nachbarspäte/Internetcafé per Schild verkündete: „Interweg wegen Corona geschlossen.“ Ich glaube das war am Ende des Ende der dortigen Terminals. Mittlerweile wurden sie durch einen Billardtisch ersetzt.

    Anmerkungen

    1. Kabanenbesuch No 5/2026 – damit 16 Euro pro Besuch. ↩︎
    2. Yorck Unlimited No. 37 – damit 6,43€ pro Besuch ↩︎
    3. Tolles Video auch. Ehrlich. ↩︎
    4. Für eine lange Liste traditioneller Einspielungen: Mainy Norfolk: Santy Anna / The Plains of Mexico ↩︎
    5. Laut dem Shanty-Blog Wild Chants with Doggerel Words war der erster Druck 1868: #30-32 Santiana/ The Plains of Mexico ↩︎
    6. Roud-Index No. 207! Das allerdings öffnete gleich das nächste Kaninchenloch „Was ist der Roud Index und wie funktioniert seine Nummerierung? Ein andernmal.“ ↩︎

  • 26-01-15 Bitte stelle sicher, dass Deine Haustiere in Sicherheit sind

    26-01-15 Bitte stelle sicher, dass Deine Haustiere in Sicherheit sind

    Die Wikipedia feiert 25. jähriges Jubiläum und zu diesem Anlass ist ein 15 Jahre alter Artikel von mir1 als Artikel des Tages auf der Hauptseite. Ich staune und ich freue mich.

    Jeder leere Viersitzer in der vollen S-Bahn hat eine Geschichte.

    In der S-Bahn gesehen: Ein mittelalter Mann, Handy lesend, der in mir ein Störgefühl auslöst. Irgendwas stimmt nicht. Nach zwei Stationen habe ich es: Die Frisur sieht teurer aus als die Brille. Das ist selten. Zwei weitere Stationen später habe ich beschlossen: „Das ist Absicht. Vermutlich ist das eine teure Designerbrille, bei der viel Mühe darauf verwendet wurde, dass sie wie eine Lesebrille vom Drogerieständer aussieht.“

    Der Nachteil des Schwimmbads im Haus: Ich kann mich nicht mehr so richtig erinnern, wann ich schwimmen war. Irgendwann abends halt mal kurz. Vor allem total immersen im Lehrschwimmbecken, da das eh schon volle Schwimmbecken noch zusätzlich durch einen Verein belegt war, und normales Schwimmen freudlos geworden wäre.

    Weiterhin erstaunlich: die extreme Gastfreundschaft, die uns im Gebäude entgegen schlägt. Wir müssen aufpassen, nicht dass wir aus Versehen demnächst so nebenbei private Schwimmstunden bekommen.

    Beim ukrainisch-polnischen Supermarkt entdeckte ich in der Gemüseabteilung frische Habanero-Chillies. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die in Deutschland überhaupt je in einem „normalen“ Supermarkt gesehen habe.

    Eigentlich suchte ich im Supermarkt Kielbasa, laut Internet der beste Ersatz für Louisiana-Andouille, der in Deutschland zu bekommen ist. Aber es kam wie es kommen musste: Kielbasa bedeutet im Wesentlichen „polnische Wurst“, und in diesem Supermarkt bedeutet das: 40 verschiedene Sorten polnische Wurst. southpark war mehr als überfordert.

    Ich meldete mich von der Informatik-Klausur ab. Wenn ich die Klausur noch bestehen wollen würde, müsste ich angesichts meiner nicht vorhandenen Vorarbeit genau jetzt ernstlich mit Lernen anfangen. Und da sehe ich mich nicht. Ich denke auch, ein Pausensemester nach dem Bachelor und mit Umzug ist durchaus verdient.

    Es waren Tage des Arbeitens mit dem unweihnachtlichsten Weihnachtsfilm aller Zeiten.

    Wenn es dunkel ist

    Die maritime Bettwäsche, Gewinn aus dem Seemannsmissions-Adventskalender, traf ein. Sie ist erfreulich kuschlig. Und maritim!

    Die Erziehung der Post und der Lieferdienste dauert weiterhin. DHL fand gestern sogar unsere Tür. Dafür fand amazon2 nicht einmal das Haus. Erst ein Anruf, den ich nicht schnell genug annehmen konnte. Bei Rückruf eine generische amazon-Servicenummer. Dann eine Handy-Nachricht:

    Ich werde bald mit deiner Lieferung ankommen. Bitte stelle ggf. sicher, dass deine Haustiere in Sicherheit sind und schalte das Licht ein, wenn es dunkel ist.

    Nachdem Madame die Haustiere in Sicherheit gebracht hatte, ging sie vor das Gebäude und suchte den Fahrer: aber nichts nirgends.

    Bikini

    Auf dem Weg ins Kino eine weitere Berlin-Premiere für mich: Ich war im Bikini-Berlin, dem Concept-Mall-Ding neben dem Bahnhof. Es soll so eine Art Einkaufszentrum sein, aber halt in stylisch und schick. Es war .. interessant.

    Quasi alle Läden suggerierten mir „Hier kaufst du kein Produkt. Hier kaufst du eine Einstellung zum Leben.“ Und diese Lebenseinstellung lautet „Beratung mit vielen Brand Identity Manager Consultants zum invalue store empowering enrichtment“.

    Naja, weil die Brand Identity Leute sich in Golddukatensäcken bezahlen lassen, rufen die Läden entsprechende Preise auf. Sehr spannend. In Teilen auch ansprechend. Aber in größeren Teilen vor allem gewollt und anstrengend. .

    Immerhin kurze Freude: in einem ansprechenden Ruhebereich steht die perfekte Symbiose unserer Stühle: das Luxembourg-Schaukelschaf. Wo unser Gartenstuhl (Luxembourg) mit dem Wohnungsstuhl (Schaukelschaf) zusammenkommt.

    Der Gang ins Bikini war lehrreich, aber ist in näherer Zukunft nicht wiederholenswert.

    Immer wieder lohnend ist der Gang am Breitscheidplatz und an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche vorbei. Ich bin ja großer Fan des Gedächtniskirchenneubaus. Am Tag von außen unscheinbar. Von innen oder bei Nacht aber eine Wucht. Beste Nachkriegsmoderne.

    Die Mörder

    Mein Ziel war noch mehr Berliner Nachkrieg, weniger Moderne. Im Delphi Filmpalast fand eine Aufführung des ersten Deutschen Nachkriegsfilms Die Mörder sind unter uns aus dem Oktober 1946 statt. Umrahmt von einer kleinen Veranstaltung der Stiftung Ernst-Reuter-Archiv in Kooperation mit dem Berliner Beauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und dem Delphi Filmpalast, die eine eher seltsame Mischung aus Politikdiskussion der Jahre 1945/1946 und Hildegard-Knef Hommage war.

    Im Film geht es darum, dass Dr. Mertens (Ernst Wilhelm Borchert) und Susanne Wallner (Hildegard Knef) durch die Verwerfungen der Nachkriegszeit gemeinsam in einer Berliner Trümmerwohnung wohnen müssen. Am Anfang kennen und mögen sie sich nicht, am Ende sind sie ein Paar.

    Vor allem leidet Mertens an schwerer Posttraumatischer Belastungsstörung (die im Film natürlich nicht so genannt wird) hat ein Alkoholproblem und sinnt auf Rache an einem ehemaligen Hauptmann Brückner, der in Polen ein ganzes Dorf mit Frauen und Kindern exekutieren ließ. (was in Mertens vermutlich die PTBS auslöste).

    Der Anblick eines Tannenbaums an Heiligabend lässt in Mertens das letzte bißchen Selbstbeherrschung schwinden, denn genau jenes Massaker fand an Heiligabend 1942 statt zwischen Stille Nacht und Maschinengewehrsalven.

    Er bricht auf zu Brückner, steht ihm Heiligabend 1945 in einer dramatischen Heiligabendszene am Tannenbaum mit der Pistole vor Brückner steht, verhindert Susanne den Schuss und es folgt ein Epilog, dass Selbstjustiz verständlich aber nicht gut ist, und dass öffentlich Anklage gegen die Mörder erhoben werden muss.

    Ein Film faszinierend auf so vielen Ebenen, dass ich gar nicht mehr hinterherkomme. Deshalb versuche ich mich auf drei zu beschränken.

    1946

    Vor dem Kinosaal unterhielten wir uns zu viert (Geburtsjahre um 1950, 1973, 1975 und 1986) darüber wie die NS-Zeit in Jugend und Schule behandelt wurden. Die drei jüngeren erinnerten sich deutlich an die Ausstellung Verbrechen der Wehrmacht, die das erste Mal eben jene in eine breite Öffentlichkeit brachte und wilde Diskussionen um die NS-Zeit und die Rolle der Wehrmacht auslöste. Für uns alle war das gefühlt vor 1995 in Deutschland kein Thema.

    Und dann sahen wir diesen Film von 1946, den ersten deutsche Film überhaupt nach Ende des Krieges – und er dreht sich zentral um ein Massaker durch eben jene Wehrmacht. Deutschland, was hast Du zwischen 1946 und 1995 gemacht?

    Im Film von 1946 wurde es thematisiert: Nazis und Gewissen, Massenmord, Trauma des Krieges und das eigenwillige Leben in den Berliner Ruinen.

    Semi-thematisiert: Der grundgütige Optiker „Mondschein“, der bis zu seinem Tod im Film auf seinen verschollenen Sohn wartet – Name und Porträtierung werfen deutliche Hinweise in Richtung „jüdisch / es gab auch einen Holocaust“ – explizit gesagt wird es nie.

    Überhaupt ein Film, dessen Publikum gerade vorher komplett durch den zweiten Weltkrieg gegangen war – wie hat er auf dieses Publikum gewirkt?

    KZ ja und?

    Susanne Wallner ist KZ-Überlebende. Dies wird einmal am Anfang des Films gesagt und im Rest des Films ignoriert. Während der Film sich ausführlich und tiefgehend Mertens Traumata als Wehrmachtssoldat widmet, spielt die KZ-Geschichte keine Rolle mehr. Sie fragt ihn mehrfach eingehend nach seiner Vorgeschichte, seinen Erlebnissen: Er sie kein einziges mal.

    Und wieder: Warum sich eine junge bildschöne lebenslustige tatkräftige Frau sich ausgerechnet in einen mittelalten Alkoholiker mit cholerischen Anfällen verliebt – auch dazu fällt dem Film nichts ein.

    Und so wird die präsente, einen Raum für sich einnehmende Hildegard Knef in einer Rolle besetzt, die innerhalb von 20 Minuten von der tatkräftigen neuaufbauenden KZ-Überlebenden zum verliebten Muttchen mutiert.

    Für einen Film aus der Zeit nicht wirklich überraschend – für diesen speziellen Film aber schon.

    Expressionismus noir

    Auch stilistisch spannend: Der Film, der ich sah war halb Vorkriegsexpressionismus (denke Nosferatu, Cabinet des Dr. Caligari) und halb Film Noir: die unruhige Kameraführung des Expressionismus, die starken hell-dunkel-Kontraste und Schatten als eigene Figuren im Film, die emotionalen Ausbrüche von Mertens, der Soundtrack – pure Expression.

    Und da war auch der Noir: die Großstadt (das zerbombte Berlin) als eigener Charakter, die moralische Ambivalenz, der Protagonist als getriebener, alle sind elegant angezogen und rauchen ununterbrochen. Das passt in jedes Noir-Setting.

    Und erst so im Zusammenhang fiel mir auf, wie nah die beiden Stilistiken beinander stehen, wie sehr sie ineinander übergehen, und wie sehr sich Nachkriegsnoir aus dem Vorkriegsexpressionismus speist.

    Trauben und Diktaturen

    Ein Gemüsesalat, der sich als Obstsalat tarnt. Ich musste drei mal hinschauen: Das ist doch ganz eindeutig Ananas-Traube-Pflaume 12 von 12 im Januar (2026).

    Die Mimosen hingegen bleiben die Mimosen: 12 von 12 im Januar 2026

    Karen aus Japan über japanische Buzzwords im deutschen und englischen. („Vielleicht ist dieser Artikel ein wenig Therapie für mich und ihr müsst da jetzt auch durch.“): Japanische Buzzwords: Bleibt mir mit eurem Ikigai gestohlen

    Passend zum Thema Aufarbeitung las und hörte Anke Gröner von Anne Rabe. Sie zitiert sinngemäß: „Dass die Aufarbeitung der NS-Zeit in der Gesellschaft noch nicht abgeschlossen ist, ist jedem klar. Wieso glauben dann aber viele, dass die Spuren, die die DDR-Diktatur in den Menschen hinterlassen hat, nicht mehr wichtig oder Forschungsthema sind?“

    Anmerkungen

    1. Ja „Artikel von mir“, schwieriges Konzept in der Wikipedia. Aber das ist eine Diskussion für ein Andernmal. ↩︎
    2. Ja, eigentlich bestelle ich da nicht. Außer es ist der Shop vom Hersteller und das Produkt sonst nirgends erhältlich. Ich möchte aber auch sagen, dass amazon pro verkauftem Produkt ungefähr 2 cent Gewinn macht und pro vermieteter AWS-Cloud-Stunde eine Fantastilmillion. Das Amazon-Geschäftsmodell ist vor allem Rechenzentrumsvermietung und wer den Laden wirklich nicht unterstützen möchte, müsste Recherchieren wo ihre liebsten Internetanbieter ihre Daten parken. ↩︎