Schlagwort: Kulturforum

  • 25-09-11 Felder, die auch Säulen sind

    25-09-11 Felder, die auch Säulen sind

    Madame holte eine solidarische Experimentalmelone ab.

    Sie stellte fest, dass wir noch nie zusammen bei Caruso waren.

    Auf unsere Dachbaustelle wurden Solarpaneele angefahren. Da sich diese Dachbaustelle langsam ihrem Ende zuneigt, entsteht die nächste. Auf dem Mittelbau bauen sich Menschen mit Dachpappe und Brennern auf. Als erstes installierten sie ein improvisiertes Geländer auf dem Dach.

    Madame entdeckte die Gestaltungslinie „Leberwurst mit Griffmulde“.

    Die Welt verändert sich. Zu merken, daran, dass selbst vor dem Baumarkt der Fahrradständer komplett überfüllt ist. Aber wenn mensch wie ich nur ein solides Vorhängeschloss benötigt oder ein paar Oberflächen sehen will, muss man halt nicht mit dem Auto kommen.

    In Anbetracht der Tatsache, dass ich auf den Latifundien nicht eine Mücke sah, sind meine Beine erstaunlich zerstochen.

    Im Cheruskerpark am Erwachsenen-Spielplatz den Sportgeräten erstmals zwei geparkte Kinderwagen. Am anderen Sportparcours ein Grüppchen mit Warnwesten, die wild Fotos machten und Sachen notierten.

    Der Bahnhof Südkreuz besitzt ein gewisses Gewerbegebietsflair. Das wird aktuell dadurch verstärkt, dass ein Großteil aller Aufzüge und Rolltreppen weiträumig von Baustellenabsperrungen umgeben sind.

    Es waren zweieinhalb Werktage des Arbeitens und Lernens. Denn soweit ich meinen Urlaub dieses Jahr mit bezahltem Urlaub, unbezahltem Urlaub und Bildungsurlaub ausgedehnt habe – er ist immer noch endlich. Der letzte Klausurstoff muss neben die Arbeit passen.

    Normalerweise verbringe ich die ersten Arbeitstage nach dem Urlaub in einer Art Staunen: „Wer bin ich? Wo bin ich? Was mache ich hier? Woraus besteht überhaupt meine Arbeit?“. Dieses mal hatte ich dazu keine Chance. Es ging in zwei Minuten von Null auf Hundert und ist auf dem Tempo durchgängig die ersten Tage geblieben. Am ersten Tag gegen 15 Uhr hatte ich einen Großteil meiner verschiedenen Tätigkeiten einmal durch.

    Gute Nachricht: Offenbar wurde ich vermisst.

    Noch bessere Nachricht: Trotzdem hat sich niemand in meinem Urlaub hinein gemeldet,

    Immerhin steht demnächst echter Urlaub-Urlaub an. Mit Zwischenstopp in dem Land in dem gestern Ganzlandesblockade aufgerufen war, mit der Ankündigung, „Das ist erst der Anfang.“ Es wird spannend: Werden wir nach Paris kommen? Und noch spannender: Werden wir es wieder verlassen können?

    Vor den Urlaub allerdings setzte die FernUniversität in Hagen die letzte Klausur des Semesters: Knowledge Management.

    The problem is not the language

    Dieses Modul ist einigermaßen kurios.

    Es ist Wahlpflicht, also sogar von mir ausgesucht. Inhaltlich bin ich wohl in keinem anderen Modul so zu Hause. Der Lehrstuhl gewinnt auch regelmäßig Wahlen, wenn die Student*innen ihre liebsten Wiwi-Veranstaltungen wählen. Da wurde ich neugierig.

    Allerdings ist das Modul selber gewöhnungsbedürftig.

    Es beginnt damit, dass es auf Englisch geschrieben ist, und das sehr offensichtlich von Nicht-Muttersprachlern. Satzbau und Wortwahl sind so unfassbar deutsch – ich hätte nicht gedacht, dass so etwas im Rahmen einer prinzipiell korrekten englischen Grammatik überhaupt möglich ist. Ein einziger Stolperparcours durch die Sprache.

    Und ja, leider, die Reihenfolge der Wörter im Satz ist im Englischen bedeutungstragender als im Deutschen. Es macht etwas mit Inhalten wenn die Wörter wild durch die Gegend aneinandergereiht werden. Mehr als einmal habe ich Mühe zu enträtseln, was mir ein Satz nun wirklich sagen will.

    Denn was will mir Folgendes sagen?

    Regardless of the community type, most communities experience through three lifecycle phases comprising various sub-processes:

    Aber je mehr ich mich aber in das Modul hineinarbeite, desto mehr stelle ich fest: Die Sprache ist gar nicht das Hauptproblem. Der Text würde so auch auf deutsch durch die Gegend holpern.

    Es steht dort: Buzzwords, such as growing competition .. are only some of the challenges

    Und nein, herrje. Buzzwords sind bestenfalls eine Challenge für die Sprache. Andernfalls bezeichnen Wörter vielleicht Herausforderungen. Aber sie sind es nicht selber.

    While various values.. take their time to unfold fully

    Weiterhin nicht klar ist es mir, wie ein kultureller Wert sich entfalten kann. Seine Wirkung vielleicht. Aber Werte entfalten sich nicht.

    Das ist einfach wirr. Man möchte sie schütteln „You know, words have meaning!“ Und das in einem akademischen Kontext!

    Es sind nicht auch nicht nur die Worte: Selbst die Infografiken sind alle unscharf, als wären sie zwischendurch von einem Bildschirm gescreenshottet und dann wieder groß gezogen worden. Wahrlich ein seltsames Modul.

    Naja, egal, inzwischen habe ich mich damit arrangiert, das Modul einfach nur als exzentrisch anzusehen und werde versuchen, die Klausur im selben exzentrischen Stil zu beantworten.

    Nachts in der Bibliothek

    Überraschend hilfreich beim Hineindenken in das Modul war der Lesesaal der Stabi (Langform: Staatsbibliothek Berlin Preußischer Kulturbesitz – Standort Potsdamer Straße). Den entdeckte ich nach einigen Jahren der Absenz wieder.

    Vom Südkreuz kann ich mich kurz in die S-Bahn schwingen, zwei Stationen später am Potsdamer Platz wieder aussteigen, beim Pseudo-Tanzfestival am indischen Stand ein Butter Chicken kaufen und dann an der Spielbank vorbei zur Bibliothek laufen.

    Der Leseaal hat sich meinem letzten Besuch verbessert: Ich glaube es sind mehr Plätze. Es kostet keine Gebühr mehr. Und er hat bis 22 Uhr geöffnet. Ich ahnte, dass ich nach 18 Uhr problemlos einen Platz finden kann. Und ich ahnte richtig. Nach einiger Zeit des Herumirrens erinnerte ich mich sogar wieder, dass mein liebster Platz an der Empore ist.

    Über mir thronte der TVöD – offenbar war ich grad an den Regalen mit dem Verwaltungsrecht angekommen, um mich herum die genau richtige Mischung aus einigen Menschen, Bewegung, einer leisen Geräuschkulissen, die aber alle noch nicht störten.

    Wobei die Zahl der Anwesenden mit Kopfhörern auffällig war. Ich glaube, das letzte Mal als ich dort war, wäre noch jede*r hochkant hinausgeflogen, die auch nur den Anschein erweckt hätte, Musik abspielen zu wollen – und sei es über Kopfhörer.1

    Und so versuche ich auswendig zu lernen, dass die vier Action fields nach Riempp die Fields Content Collaboration Competence Culture sind, beziehungsweise sind Content Collaboration Competence auch drei der vier main pillars, in die die Architektur aufgeteilt ist.

    Und als die Nacht dann tiefer wurde, konnte ich durch die Scheibe sogar noch den Mercedes-Stern auf dem Europa-Center sehen. Gerne wieder.

    Blick vom Schreibtisch in der Stabi Potsdamer Straße. Im Vordergrund ein Stück leerer Schreibtisch und eine dunkelrot/braune Schreibtischlampe. Der Tisch steht an einer Brüstung, der Blick geht nach unten in den Lesesaal, im oberen Bildteil Deckenlampen.

    Genua statt Chatbot

    People in the Middle East Disagree About a Lot of Things, But I’m Quite Sure That They All Agree That This Is the Silliest Android Bug Ever

    Social Media und der Halluzinator klauen Daten. Aber vor allem klauen sie Zeit: Diebe deiner Lebenszeit:

    Social media platforms have been stealing our time using a sneaky trick: they’ve been speeding up our sense of time […].A sinister thing about social media is that it speeds up your time both in the moment and in retrospect. It does this by simultaneously impairing your awareness of the present and your memory of the past.

    Thomas berichtet: Mensch darf Hakenkreuze übermalen solange das nicht die Sachbeschädigung vergrößert. Man sollte also auf die Verhältnismäßigkeit achten. Und nun viel Spaß da draussen!

    Jedes mal wenn Frau Maultauschenravioli aus Genua postet, denke ich, jetzt müssen wir da aber wirklich mal hin!

    Nun heißt das Buch „STERBEN“ und dieses Wort prangt auch groß auf dem Umschlag. Das sah auf der Notaufnahme natürlich fantastisch aus. Habs dann gleich demonstrativ auf den Tisch gelegt, aber die beiden Frauen interessierten sich nicht dafür, sondern schauten sich Videos auf YouTube an. Sie hörten tatsächlich die ganze Zeit Schlagermusik. Das kann man sich nicht ausdenken: Frakturschrift am Hals und dann hören sie Schlagermusik.

    Anmerkungen

    1. Aber passt: die Massenverbreitung der geräuschunterdrückenden Kopfhörer erfolgte soweit ich herausfinden kann seit 2016 mit den Bose QC35, und vor allem seit den AirPods Pro im Jahr 2019. Meine letzten Lesesaalzeiten waren deutlich davor. ↩︎
  • 25-06-07 Was ich brauch rote Rosen, was brauch ich roten Mohn? Holleri, holleri, hollero.

    25-06-07 Was ich brauch rote Rosen, was brauch ich roten Mohn? Holleri, holleri, hollero.

    Während ich dies schreibe, höre ich einen Kuckuck. Und eine Autobahn. Aber der Kuckuck klingt besser.

    Durch die Straßen fährt ein Auto der BVG mit der Aufschrift „Busspurberäumung“. And I think that is beautiful.

    Ich versuche mein Bachelorarbeitsmodell einmal von Hand durchzurechnen – halb aus Prinzip und halb weil ich den Anspruch habe es wirklich von vorne bis hinten und von links bis rechts zu durchdringen – gehe aber regelmäßig in den vielen Zeilen und Spalten der Berechnung verloren.

    Madame kam und es roch nach Trüffel. Madame kam und es roch nach Kimchi. Wieder hatte uns ein Konzertbesuch in der Philharmonie vorher in den neuen Kerb Food Court am Potsdamer Platz geführt.

    Madame geht trotz kabanenlosen Zuständen in das Insulanerbad und tausch mit den anderen Anwesenden Tipps zum umkleidelosen Baden aus.

    Wieder durchlebten wir einen kleinen Kulturschock auf 300 Metern Weg vom Abendessen zum Konzert. Kerb Food Court: Wir gehören zu den wenigen deutschen Muttersprachlern, sind vermutlich die einzigen Anwesenden, die in Berlin wohnen und gehören zu den ältesten. Philharmonie: Wir gehören zu den Jüngsten, ein Großteil lebt wahrscheinlich länger in Berlin als wir.

    Immerhin sah ich Tweedsakkos mit Lederverstärkungen an den Ellbogen. Diese hatte ich schon für ausgestorben gehalten.

    In der Philharmonie kamen uns viele verwirrte junge Menschen im voll aufgebrezelten Ornat entgegen. Während wir in den Kammermusiksaal wollten, spielten im großen Haus die Philharmoniker höchstselbst Filmmusik von John Williams. Ich würde behaupten, wir waren im besseren Konzert des Abends, waren aber zweiter Sieger was Aufwand und Schönheit des Publikums anging.

    Am Kulturforum sind inzwischen Gebäudeteile des neu zu bauenden Museums erkennbar.

    In Potsdam sah ich ein paar mit Potsdam-Royals-Pullovern. Kurz dachte ich „Ilka?„, aber der Rest passte nicht zu meiner optischen Vorstellung von den beiden.

    Während ich durch den Lidl lief, hörte ich auf den Kopfhörern den Reverend John Wilkins. Und direkt vor mir stand ein Mann in Flip Flops mit „Jesus liebt Dich“-Shirt. Wie live aus Memphis hierhergebeamt.

    Sechs Chor-Studenten des King’s Colleges der Universität Cambridge

    Während ich über ide Kopfhörer gelegentlich Southern Gothic und Memphis Sound hörte, stand die Woche eigentlich im Zeichen englischer Choralmusik.

    Harmlos und nichtsahnend ging ich in die Philharmonie. Vor längerem hatte ich einst die King’s Singers im Radio gehört, und sogar vergeblich Karten besorgt. Aber was sie genau waren, ich hatte ja keine Ahnung.

    Aber dann saßen wir in Reihe 4 in Block B (links) und vor uns stand the best of Britishness. Sechs mittelalte Männer, die auf 100 Meter Abstand Choir Boys und Oxbridge ausstrahlten. Mit Understatement, einem feinen selbstironischen Humor, Bildung, ein bißchen unassuming – und ein Chorkönnen, bei dem wir nur mit offenem Mund zusehen konnten.

    Die King’s Singers sind ein Chorensemble für sechs Männer (2 Countertenor, Tenor, zwei Bariton, Bass), das 1968 von Chorstipendiaten des King’s College Cambridge gegründet wurde. Die Besetzung wechselte seitdem mehrfach, der Geist der Gruppe blieb aber erhalten: ein riesiges Repertoir zwischen englischer Madrigalmusik des 15. Jahrhunderts bis hin zu Ed Sheeran und Disney-Filmen.

    Dabei haben sie den Ehrgeiz, den Horizont zu erweitern: Wer wegen des Königs der Löwen kommt, soll auch Renaissancemusik hören. Wer wegen der Renaissancemusik kommt, soll auch Bee Gees hören.

    Die Gruppe ist auch nach vielfachen Wechseln so stimmig in sich. Fast vergesse ich während des Konzerts wie überragend jeder einzelne Sänger ist – bis er eine Solopartie hat.

    Moderiert wurde komplett auf Deutsch, von allen sechs im Wechsel. Wir wussten nicht, ob perfekt abgelesen oder wirklich aufgrund deutscher Sprachkenntnisse. Im Nachhinein erfuhren: Der Tenor studierte in Heidelberg und spricht fließend deutsch, Bariton 2 hat deutsche Großeltern. Zur Zugabe: „Mein kleiner grüner Kaktus.“ Sofern dies einem Ü50-Publikum im Kammermusiksaal der Philharmonie möglich ist: Es tobte.

    Generation Distelfalter

    Die allumfassende Blüte des Gartens überfordert mein sprachliches Vermögen. Meine Güte.

    Schön von der Terrasse aus: das Wogen der Wiese im Wind.

    Den halben Tag begleitete ein Distelfalter unsere Wege. Vermutlich war es wirklich ein Exemplar. Die leicht zerrupften Flügel deuteten darauf hin, dass er wirklich zur wandernden Generation gehört, der in den subtropischen Steppengebieten geboren wurde, und dann durch halb Europa und über die Alpen nach Brandenburg wanderte.

    Der mittelmärkische Bäcker-Wagen kommt noch. Jeden Mittwoch und jeden Samstag. Wir haben Glück! Hatten ihn nur letztes Mal knapp verpasst. Und er hat auch wieder Gemüse – frisch aus brandenburgischen Gärten, deshalb dieses mal nur Kohlrabi.

    Im Wettlauf mit dem aufziehenden Regen gelang es mir, das letzte Holz zu zersägen. Da ich die stromgetriebene Kettensäge keinem Schauer aussetzen wollte, wurde es knapp. Der letzte Schritt dauerte am längsten, denn ich wurde hektisch und arbeitete unsauber – wie es sich gehört. Aber das Holz existiert jetzt in handlichen 25-Zentimeter-Stücken, und ich brauchte auch nur 20 Minuten nach dem Abräumen bis mein Arm nicht mehr zitterte.

    Überraschenderweise gelang uns das Terrassen-Abendessen. Mit einem Dreigang-Menü aus Salat, Spargel-Rhabarber-Risotto und Joghurt mit Erdbeeren. Pfingsten auf dem Teller.

    Madame pflanzte Salbei, Walzen-Wolfsmilch und einen Woll-Thymian. Alle Pflanzen waren frisch aus Potsdam importiert.

    Alles mit Sumpf im Namen ist schlecht

    Falls wir dringend ein Unwetter brauchen, fahren wir zu Foerster Stauden nach Potsdam: die Stauden-Enzyklopädie als Gärtnerei.

    Die Gärtnerei, die sehr harmlos und unspektakulär aussieht, die aber alles hat. Sie geht auf Karl Foerster zurück, eine Art Gottvater der märkischen Gartenkunst. Sie führt (fast) nur Stauden, diese werden in alphabetischer Ordnung nach lateinischer Bezeichnung angeordnet.

    Da stehen dann kleine Pflänzchen in alphabetischer Ordnung.

    Das ist nicht königliche-Gartenakademie-sexy, das ist funktional. Aber dafür gibt es fast alles. Freundlicherweise stehen die deutschen Namen auch dabei. So können wir bei spontanen Entscheidungen gleich alles aussortieren, was „Sumpf“ im Namen trägt und alles näher betrachten, was sich als „Steppen-“ bezeichnet.

    Jedes Jahr versuchen wir ein bis zwei Quadratmeter Vorgarten oder Beet auszufüllen. Mit neuen Astern-Sorten, Walzenwolfsmilchen oder Gauras.

    Und wirklich jedes einzelne Mal, wenn wir da sind, bricht ein Unwetter los. Madame scherzte noch, dass es bestimmt gewittert. Ich mit Blick auf Himmel und Wetter-App: Quark. Wir fahren halt sonst immer nur hin, wenn es eh regnen soll. Aber nicht heute.

    Als wir mit allen anderen Gärtnerei-Gästen unter dem kleinen Bereich mit Zeltdach standen und sahen wir Kübelpflanzen umgeworfen wurden, musste ich Madame recht geben.

    Abitur auf finnisch

    Abi feiern auf Finnisch. Herzlichen Glückwunsch auch!