Schlagwort: Niki de Saint Phalle

  • 25-12-28 Teatime mit Lemon Drizzle Cake und Eiersandwich (Baden/Basel)

    25-12-28 Teatime mit Lemon Drizzle Cake und Eiersandwich (Baden/Basel)

    Ein Krähenschwarm wohnt in Lörrach-Zentrum. Falls mensch sie ausnahmsweise nicht sieht, dann sind sie zu hören. Fast schon möchte ich in Hitchcock-Anleihen Die Krähen schreiben.

    Beim Zähneputzen aus dem Fenster geschaut. Dabei eine Amsel, eine Kohlmeise und einen Grünfink gesehen, so wie den Vogel der aussah wie ein Eichelhäher, nur dass er halt braun war.

    Es war die zweite Weihnachtshälfte im Markgräflerland.

    In der Badischen Zeitung stand ein Silvestertipp „Türen und Fenster geschlossen halten, damit keine Rakete ins Zimmer fliegt“ und ich kann nur sagen „Ha!“. Wie wir letztes Jahr bewiesen bekamen, kann eine Rakete auch ein geschlossenes Fenster durchschlagen, um dann neben dem Geschenkpapierstapel zu explodieren. Gerade an Silvester freuen wir uns sehr, zwei Kilometer Abstand zwischen uns und die Kugelbombengegend gebracht zu haben.

    Madame hatte Klassentreffen, und sie erfuhr: Es gibt die Mittwochs-Wandergruppe der ehemaligen Lateinlehrer ihres Gymnasiums. Außerdem erhöhten wir die Zahl der persönlichen Kontakte ins Dota-Umfeld auf zwei.

    Steak Diane und Krabbencocktail

    Ausgelesen: Nigel Slaters Toast. Ein wirklich großes Buch. Slater erzählt in Episoden, verankert in Mahlzeiten und Essen von Süßigkeiten bis zu Steak Diane die Geschichte seines schwierigen Aufwachsens. Ich bin beeindruckt, wie die Erzählperspektive wechselt vom episodischen, unverbundenen Erzählen der Kindheitserinnerungen bis zum stärker analytischen und durchdrungeneren der Episoden als jugendlicher und Jungerwachsener.

    Ich war gerührt. Ich lernte viel über britisches Essen der 1960er und 1970er. Und ich begann beim Essen einen inneren Nigel Slater und dessen Meinung zum Essen zu hören.

    Wortspiel mit Herleitung

    In Dänischen ist das Wort für Vater far und das Wort für Mutter mor. Die Großeltern beziehungsweise ihre Bezeichnungen lassen sich dann wie Lego zusammensetzen. Die farmor ist die Vater-Mutter, also die Großmutter väterlicherseits, der morfar der Mutter-Vater, also der Großvater mütterlicherseits. Farfar und mormor gibt es natürlich auch.

    Leider lässt sich das in korrektem Dänisch nicht immer so weiterführen. Aber niemand hier spricht Dänisch, also ist das auch egal. Wissend, dass die Nichte die niece ist (zwei Nichten sind niecer) ist und die Gattin die hustru

    • trafen wir am ersten Weihnachtstag zwei Hustrumorniecer
    • und am zweiten Weihnachtstag eine Hustrufarniece

    oder anders gesagt: verschiedenen Cousinen von Madame.

    Creme fraiche als clotted-cream-Ersatz

    Am Zweiten Weihnachtstag (Freitag) kamen Hustrafarniece und ihr Mann, der Hustrufarnieceaegtemand. Sie waren zum Kaffee angesagt. Aber Madame fiel rechtzeitig auf, dass die beiden gar keinen Kaffee trinken. Dann gab es Tee, und wo wir schon dabei waren, eine kleine britische Tea Time:

    • Scones in süß und mit Käse
    • Eier- Gurken- und Krabbensandwiches
    • Lemon Drizzle Cake

    Und natürlich jede Menge Tee. Neben des üblichen Rundgangs durch alle Verwandten und das im März geplante Familienfest, ging es auch um buddhistische koreanische Beerdigungen („ich hab einfach immer gemacht, was mir gesagt wurde, was ich machen soll“) und die Frage, was die Unterscheidung zwischen Schweizer Käse, Bergkäse und Alpkäse ist und wann ein Rösti sich von einem Rösti in einen Backofen-Kürbisbratling verwandelt.

    Auch erfahren: in Baden (Schweiz) und Ennetbaden (da-drüben-Baden) bei Baden existieren jeweils Bagni populare, zum Baden geeignete öffentliche Brunnen, die durch die örtlichen Thermalquellen gefüllt werden. („Ach, und die werden im Winter geheizt?“ – „Gefkühlt! Das Wasser hat 47 Grad.“).

    Wie immer ein sehr schöner bereichernder intellektueller Rundgang mit den beiden durch die Welt.

    Ennetbasel

    Damit waren alle vor Ort erreichbaren Verwandten durchgetroffen. Ein halber Tag zum individuellen Entertainment blieb. Dieser führte fast zu Besuch bei einer bekannten bayerisch-schweizer Bloggerin, soweit ich weiss landeten wir auf dem Roche-Werksgelände. Aber erst ging mit der S6 zum Badischen Bahnhof, und dann eine faszinierende Gegend entlang der Schwarzwaldallee durch Kleinbasel / Ennetbasel – also das Basel auf der „falschen Seite“ des Rheins.

    Eine Ecke zwischen Bahnhof, Rheinufer und Stadtautobahn, eigentlich so urban und voll wie nur irgend sein kann, und trotzdem hießen Orte Sandgrube, Vogelsangweglein oder Ziegeleihof. Die Gebäude waren entweder ziemlich neu, große Wände, die das dahinter gegen die Autobahn abschirmten oder sie sahen aus wie Siedlungen in London oder in Berlin, die Anfang des 20. Jahrhunderts in den besseren Gegend als bürgerlicher Wohngegend im Grünen angelegt wurden. Nur dass „das Grüne“ selbst damals eigentlich nicht zwischen Bahnhof und Industriehäfen lag.

    Ein wenig Recherche erbrachte die Landgüter Sandgrube und Solitude, ehemals landwirtschaftlich genutzte Flächen außerhalb Kleinbasels, die im 18. Jahrhundert in herrschaftliche Landsitze umgebaut wurden. Und es ist spannend. Denn selbst jetzt inmitten von Autobahn, Bahnhof und Chemieindustrie sieht die Gegend so aus, dass ich in 10 Minuten denke „Landsitz im Grünen“.

    Solitude gehörte der Familie Hoffmann, die in die Familie La Roche heiratete, woraus der Pharmaziekonzern Hoffmann-La Roche hervorging. Heute heißt er Roche, hat zwei bekannte Türme in Basel gebaut, in denen einen bekannte Bloggerin arbeitet. Und am Rande des Solitude/Roche-Geländes wiederum steht das Ziel unserer Reise: das Museum Tinguely – a cultural commitment of Roche

    Es rauscht und knattert

    Der Bildhauer/Aktionskünstler/Bastler/Schrottkünstler Jean Tinguely begleitet uns durch dieses Jahr. Letztes Jahr zu Silvester unbewusst, denn Niki de Sant Phalle, deren Grotte wir sahen, und Tinguely gehören eng zusammen. Im März sahen wir einen Film über Niki, nicht ohne lange Auftritte von Tinguely. Im Oktober schließlich waren wir in der Pontus Hulten/Niki de Sant Phalle/Jean Tinguely-Ausstellung im Pariser Grand Palais – und nun der Basler heimatberechtigte Tinguely fast alleine.

    Verkürzt zusammengefasst: Tinguely baute Maschinen. Maschinen, die „frei“ waren, weil sie keine Arbeit verrichteten, sondern sich einfach bewegten. Oft knattern, scheppern und klingeln sie. Manchmal zerstören sie sich selber. Manchmal machen sie Musik, manchmal malen sie. Oft machen sie gar nichts.

    Das Museum sammelt diese Maschinen, stellt sie aus und bringt sie – Alptaum jedes Museums-Konservators – in Bewegung. Von frühen kleinen Werken, bewegter Abstraktion auf kleinem Raum, bis zu zur 17 Meter langen Grosse Méta-Maxi-Maxi-Utopia. Mir komplett neu war seine Faszination für den Autorennsport, einschließlich des Tryptichons Lola T. 180 – Mémorial pour Joakim B. aus zwei Lola-Rennwagen, Schädeln, Knochen und Reifenteilen.

    Das Museum bietet zwei Möglichkeiten: Einfach nur die Maschinen anstaunen. Oder in den kabinettartigen Teilen noch viel zur Geschichte und Theorie dahinter lernen.

    Schädel, Möhren und ein kleines Krönchen

    Tinguelys Tryptichon in Aktion

    Bester Weihnachtsbaum bei Nic.

    Auch Thermomix bietet seinen Nutzern einen Jahresrückblick an. Christian zum Beispiel hat 71 verschiedene Rezepte mit 299 Zutaten gekocht. Lieblingszutat: Möhren.

    Seit Wochen schleiche ich um Sehnsucht in Sangerhausen herum, überlege ich drei Stunden (mit drumherum) meines Lebens in diesen Film investieren soll. André hilft bei der Entscheidungsfindung: Kinotagebuch: Sehnsucht in Sangerhausen (2025) – Bresson, Kiarostami, Novalis, Radlmeier

    Legende oder Geschichte: Der Lauch-Schlitzer!

    Es gibt nämlich seit einer Weile schon eine Frau, die meistens ein kleine Krone trägt, die sich heimlich in die Theater schleicht. Sie ist inzwischen bekannt in der Region, denn sie hat es schon in Nancy, in Metz bis hin nach Straßburg versucht. Sie gibt sich als bekannte Opernsängerin aus und sie müsste unbedingt auf der Bühne proben. Sie hat es in Luxemburg sogar geschafft, dass sie eine ganze Nacht in einer Loge verbrachte und dort auf dem Sofa schlief.

  • 25-09-29 Sa librairie conjugue avec harmonie savoir et luxe (Paris -> Chantilliy -> Paris)

    25-09-29 Sa librairie conjugue avec harmonie savoir et luxe (Paris -> Chantilliy -> Paris)

    Input Overkill in Frankreich. Zuviel erfahre ich in zu kurzer Zeit, so dass ich mir selbst hinterherhänge. Ich habe schon einen intensiven Montag hinter mir, und habe erst ansatzweise begriffen, was Sonntag passierte.

    Bloggen hilft mir, Sachen zu begreifen. Deshalb folgt ausnahmsweise ein Montagspost. Denn besondere Umstände verlangen besondere Maßnahmen. Und so werde ich den fest gesetzten Rhythmus dieses Blog (Di / Do / Wochenende) brechen, weil ich sonst gar nicht mehr hinterherkomme.

    Es war ein Sonntag des Reisens. Es war ein Sonntag des Input-Overkills.

    Das Programm lautete: Vom Hotel zur Gare du Nord. Dort ein Frühstück kaufen und dies im Nahverkehrszug TER nach Chantilly verzehren. In Chantilly zum Schloss laufen. Dort zur Jeu-de-Paume-Halle in der die Ausstellung der Tres Riches Heures zu finden ist. Von der Ausstellung (eventuell mit Zwischenstopp im Schloss Chantilliy oder im Pferdemuseum) zum Pferde-Spectacle im Dome: Un Jour a Paris. Danach zügig zurück zum Bahnhof und mit der Pariser S-Bahn-Variante RER und Metro zum Pariser Grand Palais, um unseren Zeitslot für die Niki de Saint Phalle / Jean Tinguely / Pontus Hulten-Ausstellung zu erwischen.

    Es funktionierte alles. Aber danach zeigten meine Augen ein Tilt – Totalblockade – Geistige Fähigkeiten für heute geschlossen.

    Oktober

    Hauptsächlich verantwortlich für den Inhalts-Overkill war der Duc de Berry und dessen Bibliothek, die er im 14./15. Jahrhundert erstellen ließ. Der Ausstellungstext beschreibt sie als Sa librairie conjugue avec harmonie savoir et luxe („sie versammelt harmonisch Wissen und Luxus“) und das ist eine Untertreibung.

    Vor allem versammelt die Ausstellung viele Stücke der ehemaligen Duc-de-Berry. Ich sah mehrere Dutzend mittelalterlicher Handschriften, von denen jede einzelne Zentrum einer Ausstellung in einem großen Museum sein könnten. Hier aber lagen sie als unterstützendes Beiwerk zusammen und führten auf das Hauptwerk: Die Tres Riches Heures.

    Der Duc de Berry ließ die Tres riches heures von den Gebrüdern von Limburg als Stundenbuch anfertigen. Mir scheint, es ist Konsens, dass dieses Buch das prächtigste Werk der mittelalterlichen Buchmalerei ist – und normalerweise gar nicht öffentlich zu sehen, beziehungsweise wenn, dann nur an einer Stelle aufgeschlagen.

    Derzeit aber es restauriert. Dazu wurde es auseinandergenommen, und es war das erste mal (und vermutlich auch für alle Zeiten das letzte mal) möglich, alle Monatsblätter auf einmal auszustellen.

    Um nicht wieder im Overkill zu landen, werde ich mich erst einmal auf eines beschränken: Oktober.

    Oben der Himmel und die Monate mit den Sternzeichen Waage und Skorpion. Darunter der mittelalterliche Louvre in Detailtiefe. Menschen, die durch die Tore hindurch an der Seine spazierngehen. Am Ufer auch spielende Hunde. Auf der Vorderseite des Flusses ein bereits ausgesähtes Feld, mit einer bogenschießenden Vogelscheuche. Dafür ein Sähmann, und ein Reiter, der das Feld eggt. Am Rande, Krähen und Elstern auf der Suche nach Samen.

    Es kommt beides zusammen: Eine lebendige, detailreiche Schilderung mittelalterlichen Alltagslebens, wie sie so nur selten zu finden ist. Und eine künstlerisch-technische Brillanz. Je näher wir dem Bild kamen, desto mehr Details offenbarte ist. Es ist uns rein technisch unklar, wie man derart klein derart detailliert malen kann.

    Es wäre ein Verlust gewesen, etwas zu übersehen. Und doch waren es viele, viele Blätter und viele Details.

    Au cirque

    Nach den Manuskripten warteten die Pferde.

    Chantilly ist Pferdeland. Auf dem Weg vom Bahnhof zum Schloss liegt das Hippodrom, auf dem einige der traditionsreichsten Pferderennen Frankreichs ausgetragen werden. Ebenfalls auf dem Weg zum Schloss liegt das andere Schloss, dass sich bei näherer Betrachtung als Stall / Pferdemuseum erweist.

    Dieses Pferdeschloss – eine Anlage um zwei große Innenhöfe herum, ist eindrucksvoller als viele echte Schlösser, die ich in meinem Leben sah. Neben dem Pferdemuseum, Le musée vivant du Cheval, fungiert es weiterhin als Stallanlage – der Zugang zum Museum führt durch Pferdeboxen, in den Innenhöfen laufen immer mal wieder Pferde vorbei.

    Wir aber wollten die Pferdeshow sehen. Denn wo, wenn nicht hier? Der Dome, eine Anlage, die in ihren Ausmaßen auch so manche moderne Halle in den Schatten stellt, war der Schauplatz. In der Mitte eine Art Zirkusring, wurde, ein Tag im Paris 1900 aufgeführt. Frauen und Männer auf Pferden, in prachtvollen Kostümen, am telefonieren, Federball spielen, Zeitung lesen, ausgehen – alles phantomimisch, nur von Text unterlegt – es wirkte alles französisch-zirkushaft, bis dann das Schild kam Au cirque – also im Zirkus, und denn der Zirkus einen Zirkus simulierte.

    So speziell, dass es sicher einmalig bleiben wird. Das Publikum war überraschend erwachsen, die vermutete Übermacht an Pferdemädchen war keineswegs zu beobachten.

    Es scheppert im Museum

    Nach den Pferden warteten die Maschinen und die Frauen. Das Pariser Centre Pompidou wird renoviert. Ausweichstätte ist der Grand Palais. Die erste große Ausstellung widmet sich drei Figuren, die mit Centre eng verbunden sind: Jean Tinguely, der Maschinendkünstler aus Basel, Niki de Saint Phalle, weltberühmt durch ihre Nanas, und Pontus Hulten – Gründungsdirektor des Centre Pompidous.

    Die Ausstellung widmete sich dem Zusammenspiel der drei, stellte Filme und Dokumente aus, die ihre Zusammenarbeit bekundeten. Vor allem aber zeigten sie viele Kunstwerke, die im Zusammenspiel der drei entstanden. Von den ersten Arbeiten mit Hulten als Kurator im Stockholmer Museum für Moderne Kunst, und den Arbeiten, die Tinguelys und de Sant Phalles Ruhm begründeten.

    Viele der Kunstmaschinen, die Tinguely herstellte standen herum, wurden bewegend im Film gezeigt. Einige bewegten sich auch, schepperten, klingelten, quietschten und röhrten wie vorgesehen. Dazu de Saint Phalles Figuren, die – jenseits der Nanas – oft weit ins verstörende hinein reichen.

    De Saint Phalles vermutliches wichtiges Ausstellungsstück im Museum, existierte fast nicht. Die Ausstellung Hon („Sie“) im Stockholmer Moderna Museet, wurde geplant nach der Ausstellung fast vollständing zerstört. Im Grand Palais waren einige wenige Teile zu sehen, die überlebten, sowie umfangreiches Begleitmaterial.

    Die dritte komplett eigenen Welt des Tages. Emotionale Eindrücke, alle drei Veranstaltungen, die uns über Monate tragen werden. Das war erst der Sonntag.

  • 25-03-25 Niki braucht Klebstoff

    25-03-25 Niki braucht Klebstoff

    Amerikanische Jungerwachsene diskutierten im M46er-Bus, ob Lego aus Deutschland und Playmobil aus Dänemark komme, oder umgekehrt. Ich beschloss „der Weg ist das Ziel“ und unterbrach ihre Diskursübungen nicht durch germansplaining.

    Arbeitsankunftszeit: 8:53h. Aber mein Bewegungsgefühl beim Radfahren dorthin sagte „Fitter als die letzten Tage“. Anscheinend half die Halbschlaf-Lesekur in den märkischen Hamptons.

    Zu den Teilen meiner Arbeit, die ich gerne abgewählt hätte, gehört der Teil „Stellvertretender Konferenzraumtechniker.“ Aber oh well, manchmal muss man dann halt unter dem Tisch kriechend das lose Kabel suchen, während ein Raum voller total wichtiger Menschen zuschaut. Manchmal findet man dann nicht mal ein loses Kabel und muss dann schulterzuckend sagen „wird wohl heute nichts mehr.“

    Das Fernuni-Moodle hat mich für die Einheit „Abschlussarbeit“ freigeschaltet. Und ich finde das erschreckend.

    Der Zeit entnehme ich, dass wir in Laufweite der „Schlimmsten Schule Deutschlands“ wohnen – was mich immer noch wundert. Denn die Gegend in der sie steht, und damit eigentlich auch das Einzugsgebiet der Schüler*innen, ist eher puschelig.

    An der Jugendverkehrsschule Sachsendamm blühen die Forsythien und auch ein rosa Strauch. Selbst an der windumtosten Autobahnebene ist die stadtgewärmte Berliner Natur ihrem Brandenburger Pendant einige Tage voraus.

    Holzbiene

    Auf den Latifundien täuschte die Forsythie das Aufblühen zwar an, rang sich dann aber doch nicht dazu durch.

    Oh Sonne. Freitag abend hatten wir noch die Hymne Echnatons auf Aton, den Sonnengott gelesen, schon strebten wir am Wochenende selber nach der Sonne:

    Nicht gleich wie Echnaton in seiner Hymne an die Sonne: Du gehst auf für sie – sie leben,du gehst unter, sie sterben.

    Aber doch: Du gehst auf: Wir frühstücken. Du gehst unter: Wir frieren.

    Die Südterrasse kann im Sommer eine Belastungsprobe darstellen. Im Restwinterfrühling bei 11 Grad liegt sie perfekt – die Sonne hielt uns genau in der richtigen persönlichen Temperaturspanne.

    Unvermuteterweise frühstückten wir mit einem weiteren Komische-Oper-Flashback. Die Moderatorin bei Klassik, Pop et cetera war Katherine Merling – weltbekannt in Berlin als Schauspielerin in Renaissance-Theater, Schlossparktheater, Bar jeder Vernunft und eben der Komischen Oper. Vielfache Gewinnerin des Goldenen Theatervorhangs – und einer dieser Siege verschaffte uns letztes Jahr Schnittchen und Getränke umsonst, denn in der Komischen Oper wurde gefeiert und wir waren zufällig in der richtigen Vorstellung.

    Ihr mitgebrachtes Musikprogramm bestand aus Hildegard Knef, Lotte Lenya, Edith Piaf, Portishead. Ich sah und hörte ein Muster.

    Wir blieben den Tag über in der Sonne. Das Getüm wanderte wieder an seinen Sommerplatz. Ich stieg zu den Tigerschnegeln zum Wasserzähler, Madame produzierte fleißig abgeschnittenes Totholz.

    Wir schauten Natur: Der Taubnessenwald, dort wo letztes Jahr der Erdhaufen war. Überraschungs-Anemonen in den Beeten. Die große Holzbiene auf der Suche nach einem Wohnplatz. Die Kohlmeise schauten wir nicht, aber wir hörten sie. Dafür deutlich besitzergreifend von Birne, Palettenstapel und Mirabelle: der Hausrotschwanz.

    Wir lasen. Madame: Gewässer im Ziplock. Ich: Das perfekte Grau. Madame: Begeister. Ich: manchmal begeistert, manchmal „muss das jetzt wirklich sein?“

    Später, als die Sonner verschwunden war, und wir zum Eichhörnchenofen flüchteten, stöbern durch Qobuz. Das ist Musik für Erwachsene. Sowohl darin, was sie selber hören, als auch in der Herangehensweise (lange hatte nicht mehr das Gefühl, ein Medium nimmt Popmusik so ernst) als auch darin wer ihre Hörer sind. Zu den meistgehörten Alben dort gehören zur Zeit Alben von Steve Wilson, Steve Reich, Anoushka Shankar, Billie Eilish und den Dire Straits.

    Niki

    Niki will Klebstoff. Und Klebstoff heißt auf französisch colle.

    Wir waren im Delphi-Lux-Kino, und sahen den Film Niki de Saint Phalle, ein Biopic über die Person Niki de Saint Phalle. Ehemals Aktionskünstlerin, später als Erschafferin der Nanas das Beste was diversen deutschen Innenstädten (insbesondere Hannover) passieren könnte.

    Verarmte Adlige, die ihre Kindheit als Hölle bezeichnete, fast erfolgreiche Schauspielerin, gegen den Willen beider Familien eingeheiratet in das amerikanische Ostküstenestablishment, verließ ihre Kinder und ihren Mann, um Kunst zu machen, wurde durch Gewaltkunst berühmt, um dann mit großen runden freudespendenden Figuren in die Geschichte einzugehen.

    Eine der ungewöhnlicheren Frauen des 20. Jahrhunderts.

    Die leider einen durchaus gewöhnlichen Film gewidmet bekam.

    Der Film war gut erzählt, nett, mit einer herausragenden Schauspielerin, und neugierig machend auf die Person. Aber das Gefühl bleibt: Angesichts dieser Person und dieser Geschichte wäre aber so viel mehr möglich gewesen.

    Wenn ich mit einem Tag Abstand über den Film nachdenke, mich frage, was hängen blieb: die großartige Hauptdarstellerin Charlotte Le Bon, die als Niki durch das Gelände der Irrenanstalt (ungewöhnliche Frau halt..) irrt, Kunst schaffen will, aber nicht darf, und verzweifel jede und jeden um Klebstoff angeht.

    Was Kino kann, was Streaming niemals schaffen wird: Die Publikumsbetrachtung. Hier ein starkes Übergewicht älterer Kulturdamen1 aus den wohlhabenderen Teilen Berlins. Sehr unterhaltsam die Damen.

    Deutsches Design

    Die Website Industrieform DDR widmet sich der Geschichte des Designs der DDR. (via Ligne Claire)

    Die Zeit widmet sich einem unbekannten Klassiker westdeutschen Designs, den niemand kennt, aber fast jeder schon in der Hand hatte: Der Willibecher. Das deutsche Standard-Kneipen-Bierglas.

    Wenn die vierte Gewalt in den USA erschreckend versagt, müssen andere ran: Lest We Forget the Horrors: An Unending Catalog of Trump’s Cruelties, Collusions, Corruptions, and Crimes

    Anmerkungen

    1. Um ein Haar hätte hier nicht ..damen gestanden. Die gute Erziehung siegte dann doch. Aber nicht so absolut, um diese Fußnote zu ersparen. ↩︎
  • 25-01-02 Breit, feierlich – Schnell und energisch – Cadenza (Silvesterrakete explodiert in Wohnung)

    25-01-02 Breit, feierlich – Schnell und energisch – Cadenza (Silvesterrakete explodiert in Wohnung)

    Hobbybrauer können seit dem 1. Januar 500 Liter jährlich steuerfrei brauen. Die Quote erhöht sich von 200 Litern im Jahr 2024. Auch neu: Deutsche Staatsangehörige müssen in deutschen Hotels keine Meldezettel mehr ausfüllen.

    Wenn ich also endlich meine Kleinbrauerei in einem Hotelzimmer öffne, kann ich mein kleines Reich der Anarchie eröffnen.

    Der Urlaub ist vorbei. Madame kehrte mit dem ICE 845 von Hannover-Hauptbahnhof nach Berlin-Südkreuz zurück. Ich kutschierte den Kaptain durch Regen und Sturmböen zurück von der Conti-Fabrik nach Dithmarschen. Mittwoch arbeite ich mobil aus der Ferne.

    Ob ich noch einmal an den Deich komme? Der erste Versuch blieb Mittwoch aus. Irgendwann sollte auch ich akzeptieren, dass die Natur sagt „Shelter in space.“

    Die Nordseeküste kann nicht nur dichten Nebel im Winter. Sie kann auch Orkanregen. Wieder Wasser von oben, von unten, von links und von rechts. Wieder würden mich Quallen in der Luft nicht wundern. Nur würden sie mir jetzt mit 100 km/h direkt ins Gesicht fliegen. Und das muss nich.

    Action?

    Herr southpark. Ich Vorsatz für das neue Jahr war „mehr Action!“ Wie haben Sie denn Silvester verbracht?

    Also um Mitternacht saß ich auf dem Bett mit einer Tasse Ingwertee in der Hand. Wir schauten fern. Aber davor war ich auf einem Konzert. In einer Kirche. Mit Mama.

    Morgens absolvierten wir eine Hannover-Stadtrundfahrt entlang des Maschsees nach Hemmingen, zurück an den Nanas vorbei, die Uni passiert und die Herrenhäuser Gärten umrundet. Da also wohnt die EKD! Über den goldenen Bahlsen-Keks ging es zurück auf die Memory Lane nach Langenhagen. Das Eiscafé Venezia existiert noch und verkauft weiterhin Spaghetti-Eis. Das andere Café wechselte Besitzer und Namen, verkaufte uns aber Silvester-Pfannkuchen (Variante Schornsteinfeger, Mehrfrucht und Champagner.)

    Mehr Action

    Ein eindrucksvoller Start in das Jahr. WIe ging es weiter?

    Am Neujahrsmorgen um 10:34 legten wir eine filmreife „Mann läuft zum Bahnhof und kriegt aus dem abfahrenden Zug etwas gereicht“ hin.

    Ein Konzert. Wir waren auf einem Konzert. Vor Beginn entledigte ich mich der Jacke, und gab Madame mein Portmonnaie zur Verwahrung in die Handtasche. Und dann war das Konzert vorüber, ich musste Ingwertee trinken und fernsehen und hatte keine Aufmerksamkeit für den Geldbeutel.

    Am 1. verabschiedete sich Madame Richtung Bahnhof, ich wollte noch duschen, Sachen verstauen, den Kaptain einsammeln et cetera. Irgendwann überlegte ich, wo ich das Portmonnaie während der Autofahrt verwahren sollte.

    Wo war es überhaupt? Ich überlegte „Madames Handtasche. Am Bahnhof. Kurz davor einen Zug nach Berlin zu besteigen.“

    Es war 10:16h, das Hotel liegt eine U-Bahn-Station vom Bahnhof entfernt, der Zug sollte um 10:31h fahren. Ich versuchte, beide Schuhe und die Jacke gleichzeitig anzuziehen und kontaktierte Madame (die bestätigte den Standort der Brieftasche). Ich begab mich so schnell mich morsche Knochen und mangelnde Kondition lassen, zur Bahn. Drei Minuten Wartezeit. Abfahrt 10:27. Madame morst derweil Bahnsteig und ihren Standort durch.

    Ankunft an der Bahnstation Bahnhof 10:30, ich stürme schleiche, aber so schnell wie seit 2013 nicht mehr, Richtung Bahnsteig. Madame meldet 3 Minuten Verspätung des Zugs der gerade einsteigt. Auf zu Gleis 10. Unten orientieren: wo ist Abschnitt D? Rolltreppe hochgehastet. Meine Luft! Mein Atem!

    Ich sah von der Treppe aus die ersten Füße auf dem Bahnsteig und hörte „Zug blabla Gleis 10 fährt ab. Richtung Berlin. Bitte treten sie von den Türen zurück.“ Auf den Bahnsteig gesprungen. Madame stand noch an der Tür, wedelte mit dem Geldbeutel. Mit letzter Kraft dorthin gelaufen, ihr die Brieftasche aus der Hand gerissenund das überraschende Gefühl von Seitenstechen erlebt.

    Der ICE fuhr derweil ab.

    Das sollte eigentlich reichen für ein Jahr. Aber es sollte noch dramatischer kommen.

    Vorher aber ein kurzes Andante.

    Andante

    Das Silvesterkonzert: in Hannovers Hauptkirche, der Marktkirche, spielten der Marktkirchen-Organist Ulfert Schmidt und der Nachwuchstrompetengott in spe Matvey Ovchinnikov. Sie führten ein Konzert für die Drei Orgeln der Marktkirche sowie Piccolo, D-und B-Trompete auf.

    Wie es sich für einen solchen Anlass gehört, spielten sie ein schönes Potpourri aus Loeillet, Telemann, einem schwedischen Weihnachtslied und anderen. Mein musikalisches Highlight: Alexander Arutjunjan mit seinem Concerto in As-Dur und den Sätzen Breit, feierlich – Schnell und energisch – Cadenza.

    Das Publikum: die bessere Hannoveraner Stadtgesellschaft mit starkem Hang zum Grauhaarigen. Sie nahmen das Kulturangebot an, bevor sie um Mitternacht zur privaten Silvesterfeier gelangten.

    Es war festlich, es war schön, es war nachdenklich, jubelnd, lustig, wie es sein sollte.

    Vorher: Garten. Gärten. Herrenhäuser Gärten. Vielleicht das Hannover-Highlight mit seinem Barock-Garten. Als guter Barock-Garten hat er genug Architektur, Hecken und Spaliere, um auch im Winter zu funktionieren. Vielleicht funktioniert er zu dieser Jahreszeit sogar besser, denn die Architektur der Gestaltung lässt sich ohne störende Blätter besser erkennen.

    So eine Pracht nur fünf Bahnstationen von der Innenstadt entfernt.

    Überraschend: die Grotte der inoffiziellen Stadtkünstlerin Niki de Saint Phalle. Diese durfte das heilige Gelände der Herrenhäuser Gärten mit ihrer Kunst schmücken. Zurecht.

    Noch mehr Action

    Dieses Silvester lernte ich was eine Kugelbombe ist.

    In Kremmen, nahe der Latifundien, sprengte sich ein Mann mit einer Kugelbombe in die Luft und starb.

    Eine andere Kugelbombe explodierte in Schöneberg. Sie beschädigte sieben Gebäude und barst in einem Wohnhaus sämtliche Scheiben. Sie brachte mehrere Menschen ins Krankenhaus.

    Es traf keine direkten Nachbarn. Aber das Haus liegt noch locker in dem Bereich, den ich Alltagskiez nennen würde. Einst residierte nebenan mein Zahnarzt, ein Haus weiter links befindet sich ein Stammlokal. Ganz allgemein fühlt sich die Gegend zu sehr nach „zu Hause“ an, als dass ich dort mehrere Kilo Sprengstoff haben möchte.

    Als wir die Nachricht von Hannover aus mitbekamen, schauten wir uns an, und dachten, gut, dass wir nicht in Berlin waren. Gut, dass auf dem Balkon nichts Brennbares ist. Little did we know.

    Madame kam in die Wohnung und meldete „alles okay.“ Dann meldete sie „Löcher im Fenster (Oberlicht der Balkontür)“ und Raketenreste im Wohnzimmer.

    Dann rief sie die Polizei. Die kam und zusammen rekonstruierten sie: Anscheinend hatten Menschen (okay, Männer.. immer Männer) von der Straße aus versucht, unter die Dachfolie zu schießen. Dabei hatte eine Rakete beide Altbaufenster über der Balkontür zerschlagen.

    Die Rakete war gegen die Zimmerdecke geschlagen. Von der Decke prallte sie Richtung Boden. Sie traf auf dem Wohnzimmertisch eine Notenmappe. Dort prallte sie wieder ab, diesmal gegen die Zimmerwand. An der Wand explodierte sie. Die explodierenden Reste stürzten auf den Boden, wo sie dem Einband des „Wikipedia-Lexikon in einem Band“ landeten, das als Türstopper dient.

    Das Wikipedia-Lexikon erwies sich als brandresistent.

    2025. Das Jahr, in dem wir erst filmreife Abschiedsszenen hinlegen und uns dann ein Wikipedia-Einbänder vor einem Wohnungsbrand rettet. Und das war nur Tag 1.