Schlagwort: Noir

  • 26-04-25 Das Klappern der Grasmücke

    26-04-25 Das Klappern der Grasmücke

    Madame sah den Parkplatz-Fuchs wieder. Sie sah den Nachbarschaftsfuchs, den wir in der eisigen Eiseszeit im Januar verloren glaubten. Sie lief abends die Treppe zum Parkplatz hinab, der Fuchs verschwand vor ihr ins Gebüsch. Ich jubiliere.

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    Eine U-Bahn-Mitfahrerin in Höhe Blissestraße informierte empathisch ihr Mobiltelefon: „Lukas, darüber werde ich jetzt nicht diskutieren! Es ist mir Scheißegal!“

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    Im BPAF waren Rolltreppen-Handwerker*innen unterwegs. Vermutlich. Zumindest war die Rolltreppe geöffnet. Aus ihrem Inneren klangen Geräusche, die Handwerker*innen für gewöhnlich beim Handwerken machen.

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    Die Fernuni lädt mich zur Alumni-Feier in die Ufa-Fabrik, 300 Meter von meiner Ex-Arbeitgeberin entfernt, die mich zum Fernstudium inspirierte. Es wird das Saxophonquartett Quadrophon begleiten.

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    Es war ein Arbeits-Schwimm-Freitag, ein halblatifundaler Samstag und ein Arthouse-Donnerstagabend.

    Zwei Bücher über eine Stadt im Wald

    Eher unwillig durchblätterte ich einen unerquicklichen Reiseführer für Litauen. Er war dünn, ich war durchgeblättert bevor ich aufgeben konnte. Warum veröffentlichen Menschen Bücher, die keine Lust auf Schreiben haben? Meine Hoffnung hing am nächsten Buch, das Madame mir aus der Bibliothek mitgebracht hatte:

    Tomas Venclovas Vilnius – Eine Stadt in Europa.

    Alleine schon der erste Satz:

    Der Raum, in dem meine Stadt sich angesiedelt hat, hat keine klaren Grenzen.

    Ich atmete ein, breitete innerlich die Arme aus und ließ mich in den Text fallen. Ich bereute es nicht. So viel klassisch osteuropäische Gelehrsamkeit, soviel Wärme trotz kritischem Denkvermögen. Dieses Buch ist ein Traum.

    Ein Bungalow im Feld

    Mein Geist wandert ab und an Richtung Sommer. Mein Herz lebt im Frühling.

    Aus den Augenwinkeln sah ich beim Rasenmähen1 eine Taube elegant einen halben Meter über den benachbarten Acker gleiten. Später rüttelte die Taube über dem Acker. Ich beschloss, dass die Taube wohl ein Turmfalke war.

    Die Sonne schien, letzte Woche hatte es geregnet, und der Frühling kannte kein Halten mehr.

    Schon bei der Ankunft in den märkischen Hamptons begrüsste uns ein wild singender Vogel. Da es kurz vor Mitternacht war, war es wohl eine Nachtigall und keine Amsel.

    Ein ausuferndes Vogelkonzert begleitete unsere Wege bei Sonnenlicht.

    Besonders fiel mir ein Schmettern auf – ich bedankte mich beim Handy, dass mir innerhalb von einer Minute sagte, dass das Schmettern in Fachkreisen als Klappern (wie das einer Mühle) bezeichnet wird, und klares Anzeichen für die Klappergrasmücke ist.

    Später: Ein Schatten zog über mich. Ich schaute hinauf: Ein Storch kreiste keine Zehn Meter über mir. Später: Ein Schatten neben mir. Ein bisher unbekannter Nachbar hatte sich neben dem lauten Rasenmäher angenähert, fragte, ob er WD40 für ein Anhängerkupplungsschloss leihen kann.

    Erstaunlich, wie die Schlüsselblumen nach Jahren des Zögerns, sich doch entschieden, den Garten zu mögen und sich auszubreiten.

    In der Pseudowiese2 nimmt der Löwenzahn das Gelb der Narzissen auf und tupft diese mit gelben Punkten. In der echten Wiese wachsen die Blätterbüschel der Knautien empor und versprechen den Sommer.

    Erstaunlich, dass die eine rote Tulpe unter dem Rotdorn sich im Laufe weniger Tage in drei rote Tulpen verwandelte. Wir beide könnten schwören, dass auch 2025 dort nur eine Tulpe stand.

    Erstaunlich, wie viele Blüten das kleine Bäumchen der Köstlichen von Charneaux tragen kann.

    Während die Mirabelle schon durch ist, beginnen die Äpfel das volle Programm zu fahren. Zurzeit sind sie halb rose Knospe, halb weiße Blüte. Bällebad ist nichts dagegen.

    Yevgeni

    Kulturelles Überangebot führte Donnerstag zum Split. Während ich Richtung Kreuzberg ins Kino verschwand, fuhr Madame nach Mitte-Mitte ins Konzerthaus zum Berliner Klavierfestival.

    Yevgeni Sudbin spielte Bachs Fantasie & Fuge a-Moll BWV 904, Skrjabins Sonate Nr. 10 op. 70, Chopins Ballade Nr. 4 f-Moll op. 52, Bach-Rachmaninovs Prélude, Gavotte & Gigue aus der Violin-Partita Nr. 3, Scarlattis Sonaten K. 466, K. 208 und K. 455 und Tschaikowski-Sudbins Fantasie-Ouvertüre zu Romeo & Julia.

    Ich will nicht sagen, dass sich Routine einstellte, oder dass Sudbin jetzt nicht von Eckhardstein heranreichte. Aber sie leuchtete nicht ganz so sehr. Während fast ein Zwischenstück, Skrjabins Sonate Nr. 10 op. 70, sie bis in den Kern bewegte, blieb sie beim eigentlichen Hauptstück des Abends, der Ouvertüre zu Romeo & Julia reservierter.

    Beeindruckend, wahrlich beeindruckend, wie Sudbin die Klangbreite eines kompletten Orchesters von den Flöten über die Streicher bis zum schweren Gerät nur mit einem Klavier erzeugen kann (Hier eine ältere Aufnahme von Sudbin mit demselben Stück)

    Trotzdem konnte sie sich des Kommentars nicht erwehren, dass es ja heutzutage schon Tonaufnahmen gibt und es eigentlich nicht mehr nötig ist, komplette Orchestersätze nur für Klavier zu arrangieren.

    Vera

    Nach dem IMAX-Ausflug vom Montag, war ich zurück in meiner Arthouse-Kuschelwelt3. Es ist eine Welt, in der mensch an einem komplett normalen Donnerstag einen großen Kinosaal durch einen Schwarzweißfilm von 1944 ausverkauft bekommt. Wie schön.

    Laura (Regie: Otto Preminger) lief in der Yorck-Reihe Boulevard Noir im großen Saal im Yorck Kino und war ein Highlight dieser an Highlights reichen Reihe.

    Murder is my favorite crime

    Ein Vergleich mit dem kürzlich gesehen Maltese Falcon drängt sich auf. Beides sind Klassiker des Genres, die vor allem zeigen, wie sich schöne, beneidenswert gut angezogene, Menschen in stilvollen Innenräumen Dialoge zum Auswendiglernen an die Ohren werfen.

    Der Falke spielt in San Francisco, Laura in New York. Beim Falken geht es am Ende um einen Schatz aus dem ausklingenden Mittelalter, bei Laura um den klassischen Femizid. Der Falke ist vermutlich der ikonischere, cleverere, gewitztere der beiden Filme mit den besseren Schauspieler*innen; Laura der klügere und meines Erachtens bessere Film.

    I don’t use a pen. I write with a goose quill dipped in venom.

    Dabei möchte ich den Klassiker Maltese Falcon auf gar keinsten Fall schlechtreden – es ist ein großartiger Film. Aber er bietet sich zum Vergleich an. Wo der Falke alles auf Humphrey Bogart zentriert, er ist die schönste Figur im Film, hat die komplette Bildschirmpräsenz, ist der Good Guy und derjenige mit den coolen Sprüchen, kreiert Laura ein Ensemblestück:

    Der Typ mit den großartigen Sprüchen ist jemand anderes als der Detektiv und wieder jemand anderes ist die schönste Person. Wer die höchste Bildschirmpräsenz, ist streitbar. Aus einem Ensemble, das im Falken um die Sonne Bogart kreist wird in Laura ein instabiles System mehrerer Kraftzentren stets zwischen Explosion und Kollaps.

    Wo der Falke schon mit einer reichlich abstrusen Geschichte anfängt, der Schatz des Malteserordens, und sich dann voll in in diese Absurdität hineinwirft, nimmt Laura die allgegenwärtigste aller Mordgeschichten, der Besitzergreifende Ex-Nicht-mal-Liebhaber war’s, und webt darum ein kunstvolles Netz der Irrungen und Wirrungen. Im Falken spielen Figuren, bei Laura sind es Menschen.

    I never have been and I never will be bound by anything I don’t do of my own free will

    Nur halb war ich dann überrascht, dass der Ursprungstext von Laura von Vera stammte. Überrascht, weil ich nicht gedacht hätte, dass Hollywood 1944 eine Frau an derart prominenter Stelle kommen ließ. Nicht überrascht, weil sich der Film weiblich gedacht anfühlte.

    Vera Caspary, die Frau, die das Buch zu Laura schrieb, ist eines Films würdig. Tochter russisch-deutsch-jüdischer Einwanderer verdiente sie ihr erstes Geld, indem sie den fiktiven „Sergei Marinoff School of Classic Dancing“ Fernlehrkurs und andere Fernlehrkurse erfand von deren Themen sie wenig verstand.

    Zeitlebens hielt sie und sich selbst und ihre Mutter durch fragwürdige Copywriting-Jobs am Existenzminimum am Leben haltend bis sie ihren ersten Erfolg hatte, und die Geschichte Thicker Than Water an Paramount verkaufte. Dieselbe Geschichte verkaufte sie mit kleinen Abwandlungen noch achtmal an andere Abnehmer.

    Ihr Leben blieb bewegt, Erfolg mit Laura, Pleite mit Investitionspech, Blacklisting in der McCarthy Ära, und schließlich ein Leben als mäßig erfolgreiche Romanautorin.

    Laura Hunt: But you write about people with such real understanding and sentiment. That’s what makes your column so good.
    Waldo Lydecker: Sentiment comes easily at 50 cents a word.

    Auto Anker Buch Bus

    poupou war beim Berliner Klavierfestival und sah Yevgeni Sudbin: Berliner Klavierfestival 2026. Yevgeny Sudbin

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    Holger und Angela ankern in der Biskaya: AZ13 – Ankern in der Ria de Cedeira

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    Merken für Potsdam: Die Linie 603 wird auch als Cecilienhof-Linie bezeichnet. Unterwegs kann man die Französische Kirche, das Holländische Viertel, die Gotische Bibliothek, den Treffpunkt Freizeit und den neuen Garten sehen, außerdem das 7. Städtchen, das Fontane-Archiv und enorm viele Villen. Und man muss nicht mal aussteigen, das ist ein Rundkurs. Zwischendurch ist allerdings das Pflaster so schlecht, dass es einem fast die Plomben aus dem Zahn haut.

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    Nichts ist mehr Entertainment als Autowaschstraße: Auto waschen.

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    Zum Welttag des Buches. Der Kaffeehaussitzer blickt auf seine detaillierte Prognose aus dem Jahr 2016 „Der Buchmarkt der Zukunft“ zurück: Im März 2016 erschien ein Text von mir in der Zeitschrift »Streifband«, dem Magazin des Studienganges Buchherstellung an der HTWK Leipzig. Er trug den Titel »Kaffeesatzlesen für die nächste Dekade«. Ich war gebeten worden, einen Beitrag über die Zukunft der Buchbranche zu schreiben

    Anmerkungen

    1. Anmähen für 2026 ↩︎
    2. In der echten Wiese – also dort wo wir nur einmal im Jahr mähen, wächst kein Löwenzahn mehr. Dieser wächst nur auf den Mähwegen und -flächen, die regelmäßig kurz gehalten werden. ↩︎
    3. Yorck Unlimited No. 21. Damit 11,33€ pro Besuch und damit auch preiswertertester als die Online-Karte in den B-Kinos. Oder anders gesagt: Preiswerter als jede reguläre Eintrittskarte. ↩︎
  • 26-01-17 Tomaten ohne Dose (Alumnus)

    26-01-17 Tomaten ohne Dose (Alumnus)

    Im U-Bahn-Bahnhof: Ein Mann demonstriert seiner Freundin den ausrutschvermeidenden Pinguin-Gang in einer Lautstärke, dass die halbe Station etwas davon hat.

    Die Hifi-Anlage läuft und auch ein Festnetztelefon ist wieder angeschlossen. Ein Großteil der Kochbücher hat auch wieder einen gemeinsamen Platz im Bücherregal gefunden. Langsam geht es voran, aber es geht.

    Allerdings auch mit neuer Challenge: Das Stromkabel vom CD-Player verschwand.

    Wir lernen beim Umzug: Zum Beispiel, dass unser altes Bügeleisen sofort den FI-Schalter der Sicherung heraushaut. Was uns bisher vor allem deshalb verborgen blieb, weil die alte Wohnung gar keinen FI-Schalter hatte. Also besitzen wir jetzt neues Bügeleisen in neuer Wohnung, was vermutlich eine gute Entdeckung war.

    Den verirrten amazon-Boten konnte ich beim zweiten Versuch auf der Straße auflesen. Ich versuchte ihm zu zeigen, wo unser Eingang liegt. Er aber war so froh sein Paket loszuwerden, dass ich mir nicht sicher bin, ob er mir zuhörte.

    Um nicht wieder durcheinander zu kommen. Wir waren Schwimmen. Samstag Nachmittag. Bis zum Schlussgong.1 Es ist faszinierend: obwohl ich Total Immersion bisher nur oberflächlich und am Rande verfolgte, habe ich schon den Eindruck, dass es meinen Stil verbessert, mein Schwimmen besser und schöner macht. Ich bleibe dran.

    Ich bekam eine Einladung in das Alumni-Netzwerk der Fernuniversität in Hagen. Dank eines Server Errors 500 weiß ich nicht genau, ob ich nun beigreten bin oder nicht. Außerdem darf ich Mitglied des Absolventenkreises der Freunde der Fernuni werden.

    Es war ein entbehrlich unentspannter freitäglicher Arbeitstag und ein umso besserer Samstag.

    Ein kleines Familienunternehmen

    Ein Nachtrag zum Bikini-Haus: Ich wurde neugierig, wem die Concept-Mall eigentlich gehört. Und stieß auf eines der armen gebeutelten Familienunternehmen, die derzeit soviel Leiden, mit Sitz in München.

    Der Schörghuber Unternehmensgruppe ( 6600 Angestellte, 2 Milliarden Euro Umsatz 2024) gehört nicht nur das Bikini-Haus sondern – meist unter dem Namen Bayerische Hausbau – auch jede Menge anderer Immobilien; vor allem in München, aber wenn es passt auch in Hamburg und Berlin. Und eine ganze Reihe Edel-Hotels und Golfplätze. Sowie die Paulaner- und die Hacker-Pschorr-Brauereien, sowie größere Teile an Kulmbacher mitsamt des guten Punk-Biers Sterni. Damit betreiben sie auch gleich drei Festzelte auf dem Oktoberfest und beliefern insgesamt fünf Festzelte mit Bier.

    Vor der Räucherfischtheke: ein rumänisches Regal

    Wir unternahmen weitere Erkundungstouren in das Wunderland, das da ist der ukrainisch-polnische Supermarkt. Nicht nur, dass er eine eigene Kaviartheke hat (mit immer mindestens drei verschiedenen offenen Sorten). Er hat auch eine eigene Räucherfischtheke zusätzlich zur Frischfischtheke. Aus dem was die Fleischtheke bietet, ließe sich vermutlich auch wieder ein komplettes Rind zusammensetzen. (Geflügel eh). So spannend.

    Madame durchsuchte das Kühlregal indem nur frisches (lebendiges) Fermentiertes steht und entschied sich für Tomaten in Salz eingelegt. Ob es schmeckt? Wie es schmeckt? Wir wissen es nicht. Unsere Versuche, uns durch die diversen frischen Kefir-Sorten zu trinken dauern noch an.

    Neben den gesalzenen Tomaten brachte sie noch einen frisch an der Theke ausgenommenen und entschuppten Seelachs mit (der sich heute Abend in eine Pseudo-Bouillabaisse verwandelte) sowie Ochsenschwanz und Beinscheibe für das sonntägliche Schmorgericht.

    Nur Dosentomaten gibt es nicht. 14 verschiedene Sorten frische Tomaten, im Kühlregal fünfzehn Varianten mittelasiatischer Tomaten- und Paprikasaucen. Aber keine Dosentomaten. Das kam überraschend.

    Auch gelernt: Normalerweise besucht eine heterogene Kundschaft den Laden. Am Samstagabend allerdings hatte ich den Eindruck, ich bin im gesamten Geschäft der einzige deutsche Muttersprachler. So spannend!

    Mr. Archer was so alive yesterday, so solid and hearty…

    In Sachen Kino erfolgte wieder der Schluss einer Bildungslücke. Rein zeitlich ging es gegenüber „Die Mörder sind unter uns“ am Mittwoch einen Schritt zurück (von 1946 nach 1941), stilistisch aber nach vorne (von Expressionismus/Noir zu reinem Noir). In seiner Reihe Boulevard Noir zeigt das Yorck Kino The Maltese Falcon (dt: Die Spur des Falken2) Dank Yorck Unlimited3 für uns auch zum schmalen Taler.

    Ein Low-Budget-Film, gedreht in drei Wochen, der ein ganzes Genre begründete und als 1988 einer der ersten 25 „historischen wertvollen Filme“ in das neu geschaffene National Film Registry der Library of Congress aufgenommen wurde.

    Ist er gut: Auf jeden Fall. Ist er so gut wie die Auszeichnungen vermuten lassen? Vielleicht.

    Die Handlung folgt den Spuren des Privatdektives Sam Spades, der durch Ruth Wonderly/Brigid O’Shaughnessy (Mary Astor) in die Geschichte um den Raub des Maltese Falcon hineingezogen wird. Spades, O’Shaugnessy, Joel Cairo (Peter Lorre) und Kasper Gutman (Sydney Greenstreet) versuchen sich alle gegenseitig zu betrugen. Etwa alle fünf Minuten nimmt der Film im Netz der Intrigen und Täuschungen eine neue Wendung und eine Täuschungsebene mehr taucht auf.

    Sehr schön: Nachdem ich wenige Tage vorher Hildegard Knef in einer unpassenden Muttchen-Rolle sehen musste, hier die wandelbare Ruth Wonderly/Brigid O’Shaughnessy, die die Handlung nicht nur auslöst sondern bis zum Ende vorantreibt, vor nichts zurückschreckt und vielleicht der stärkste Charakter des kompletten Films ist.

    Es beginnt als harmlose Geschichte um eine verschwundene Schwester, es endet mit drei Toten, einem Kriminalfall über drei Kontinente, einem abbrannten Passagierschiff und einer Liebe, die im Gefängnis endet. Dabei lebt der Film (Low Budget) vor allem von Dialog und herausragender Schauspielkunst.

    Es ist von der ersten bis zur letzten Sekunde eine Freude.

    Was nicht ganz so eine Freude war: Der Bogart-Faktor. Wenn wir richtig aufpassten, gibt es in 90 Minuten Film einen einzigen Dialog an dem Spade/Bogart nicht teilnimmt. Der findet am Telefon zwischen Spades Seketärin Effie und O’Shaughnessy statt – im Wesentlichen hört man O’Shaughnessy am anderen Ende des Telefons schreien.

    Ein Qualitätskriterium für einen Film: Gibt es einen Dialog zwischen zwei Figuren an dem Humphrey Bogart nicht teilnimmt? Hier nur haarscharf.

    Von der Arbeit

    Zugbegleiterin: Mit dem neuen Giruno unterwegs: Der Giruno ist ein moderner und sehr angenehm leise fahrender Triebzug der sehr schön eingeteilt ist. Was aber leider oft die Fahrgäste etwas überfordert.

    Krankenschwester: Die Tage auf der Station waren einfach nur anstrengend. Nicht das große C macht uns mehr den Ärger, es ist jetzt die alte und bekannte, sich immer wieder neu erfindende Grippe, die uns das Leben als Krankenschwester schwer macht. Das Sahnehäubchen zu einer Infektionskrankheit mit Isolationshintergrund sind die dementen Patienten, die ständig ihr Zimmer verlassen, die einfach nicht verstehen wollen, dass die nicht Infizierten keinen Wert auf Ansteckung legen. Und dann sind da die Isolierten, die sich zu Tode langweilen und das Pflegepersonal ständig herbeiklingeln.

    Softwarentwicklungschefmensch: Ich stelle gerade wieder Mitarbeiterinnen ein. Product Manager, Entwickler und Softwarearchitekten. Interessanterweise kommen momentan grob 95% der Bewerbungen von Menschen aus Pakistan. Viele davon leben bereits in Deutschland. Die Gespräche waren größtenteils gut. Ich habe 5 Stellen zu vergeben, nur die Pakistaner qualifizieren sich dafür, niemand aus Russland, Frankreich oder der Ukraine. Aus Deutschland gab es nur einen einzigen Bewerber, der einerseits wenig Erfahrung hatte, aber von astronomischen Gehaltsvorstellungen träumte. Ich könnte die besten fünf Pakistaner einstellen, aber jetzt mache ich mir ernsthaft Gedanken über eine seltsame Form von fehlender Diversität.

    Aus der Freizeit: Hitler! (Something is possibly wrong in Wikipedia)

    Anmerkungen

    1. Für Madame bedeutet das Besuch Nr. 6 mit ihrer Monatskarte, also 6,33€ pro Besuch. ↩︎
    2. Wie ich erfuhr hat die Deutsche Version „Die Spur des Falken“ andere Dialoge (sie ist sehr viel humorvoller als das amerikanische Original) und ist musikalischer auch leichter und beswingter. Man könnte überlegen, ob es jetzt zwei Versionen eines Films oder doch zwei verschiedene Filme sind. ↩︎
    3. Damit Yorck Unlimited Besuch Nr. 4 -> 59,50€ pro Besuch. ↩︎
  • 26-01-15 Bitte stelle sicher, dass Deine Haustiere in Sicherheit sind

    26-01-15 Bitte stelle sicher, dass Deine Haustiere in Sicherheit sind

    Die Wikipedia feiert 25. jähriges Jubiläum und zu diesem Anlass ist ein 15 Jahre alter Artikel von mir1 als Artikel des Tages auf der Hauptseite. Ich staune und ich freue mich.

    Jeder leere Viersitzer in der vollen S-Bahn hat eine Geschichte.

    In der S-Bahn gesehen: Ein mittelalter Mann, Handy lesend, der in mir ein Störgefühl auslöst. Irgendwas stimmt nicht. Nach zwei Stationen habe ich es: Die Frisur sieht teurer aus als die Brille. Das ist selten. Zwei weitere Stationen später habe ich beschlossen: „Das ist Absicht. Vermutlich ist das eine teure Designerbrille, bei der viel Mühe darauf verwendet wurde, dass sie wie eine Lesebrille vom Drogerieständer aussieht.“

    Der Nachteil des Schwimmbads im Haus: Ich kann mich nicht mehr so richtig erinnern, wann ich schwimmen war. Irgendwann abends halt mal kurz. Vor allem total immersen im Lehrschwimmbecken, da das eh schon volle Schwimmbecken noch zusätzlich durch einen Verein belegt war, und normales Schwimmen freudlos geworden wäre.

    Weiterhin erstaunlich: die extreme Gastfreundschaft, die uns im Gebäude entgegen schlägt. Wir müssen aufpassen, nicht dass wir aus Versehen demnächst so nebenbei private Schwimmstunden bekommen.

    Beim ukrainisch-polnischen Supermarkt entdeckte ich in der Gemüseabteilung frische Habanero-Chillies. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die in Deutschland überhaupt je in einem „normalen“ Supermarkt gesehen habe.

    Eigentlich suchte ich im Supermarkt Kielbasa, laut Internet der beste Ersatz für Louisiana-Andouille, der in Deutschland zu bekommen ist. Aber es kam wie es kommen musste: Kielbasa bedeutet im Wesentlichen „polnische Wurst“, und in diesem Supermarkt bedeutet das: 40 verschiedene Sorten polnische Wurst. southpark war mehr als überfordert.

    Ich meldete mich von der Informatik-Klausur ab. Wenn ich die Klausur noch bestehen wollen würde, müsste ich angesichts meiner nicht vorhandenen Vorarbeit genau jetzt ernstlich mit Lernen anfangen. Und da sehe ich mich nicht. Ich denke auch, ein Pausensemester nach dem Bachelor und mit Umzug ist durchaus verdient.

    Es waren Tage des Arbeitens mit dem unweihnachtlichsten Weihnachtsfilm aller Zeiten.

    Wenn es dunkel ist

    Die maritime Bettwäsche, Gewinn aus dem Seemannsmissions-Adventskalender, traf ein. Sie ist erfreulich kuschlig. Und maritim!

    Die Erziehung der Post und der Lieferdienste dauert weiterhin. DHL fand gestern sogar unsere Tür. Dafür fand amazon2 nicht einmal das Haus. Erst ein Anruf, den ich nicht schnell genug annehmen konnte. Bei Rückruf eine generische amazon-Servicenummer. Dann eine Handy-Nachricht:

    Ich werde bald mit deiner Lieferung ankommen. Bitte stelle ggf. sicher, dass deine Haustiere in Sicherheit sind und schalte das Licht ein, wenn es dunkel ist.

    Nachdem Madame die Haustiere in Sicherheit gebracht hatte, ging sie vor das Gebäude und suchte den Fahrer: aber nichts nirgends.

    Bikini

    Auf dem Weg ins Kino eine weitere Berlin-Premiere für mich: Ich war im Bikini-Berlin, dem Concept-Mall-Ding neben dem Bahnhof. Es soll so eine Art Einkaufszentrum sein, aber halt in stylisch und schick. Es war .. interessant.

    Quasi alle Läden suggerierten mir „Hier kaufst du kein Produkt. Hier kaufst du eine Einstellung zum Leben.“ Und diese Lebenseinstellung lautet „Beratung mit vielen Brand Identity Manager Consultants zum invalue store empowering enrichtment“.

    Naja, weil die Brand Identity Leute sich in Golddukatensäcken bezahlen lassen, rufen die Läden entsprechende Preise auf. Sehr spannend. In Teilen auch ansprechend. Aber in größeren Teilen vor allem gewollt und anstrengend. .

    Immerhin kurze Freude: in einem ansprechenden Ruhebereich steht die perfekte Symbiose unserer Stühle: das Luxembourg-Schaukelschaf. Wo unser Gartenstuhl (Luxembourg) mit dem Wohnungsstuhl (Schaukelschaf) zusammenkommt.

    Der Gang ins Bikini war lehrreich, aber ist in näherer Zukunft nicht wiederholenswert.

    Immer wieder lohnend ist der Gang am Breitscheidplatz und an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche vorbei. Ich bin ja großer Fan des Gedächtniskirchenneubaus. Am Tag von außen unscheinbar. Von innen oder bei Nacht aber eine Wucht. Beste Nachkriegsmoderne.

    Die Mörder

    Mein Ziel war noch mehr Berliner Nachkrieg, weniger Moderne. Im Delphi Filmpalast fand eine Aufführung des ersten Deutschen Nachkriegsfilms Die Mörder sind unter uns aus dem Oktober 1946 statt. Umrahmt von einer kleinen Veranstaltung der Stiftung Ernst-Reuter-Archiv in Kooperation mit dem Berliner Beauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und dem Delphi Filmpalast, die eine eher seltsame Mischung aus Politikdiskussion der Jahre 1945/1946 und Hildegard-Knef Hommage war.

    Im Film geht es darum, dass Dr. Mertens (Ernst Wilhelm Borchert) und Susanne Wallner (Hildegard Knef) durch die Verwerfungen der Nachkriegszeit gemeinsam in einer Berliner Trümmerwohnung wohnen müssen. Am Anfang kennen und mögen sie sich nicht, am Ende sind sie ein Paar.

    Vor allem leidet Mertens an schwerer Posttraumatischer Belastungsstörung (die im Film natürlich nicht so genannt wird) hat ein Alkoholproblem und sinnt auf Rache an einem ehemaligen Hauptmann Brückner, der in Polen ein ganzes Dorf mit Frauen und Kindern exekutieren ließ. (was in Mertens vermutlich die PTBS auslöste).

    Der Anblick eines Tannenbaums an Heiligabend lässt in Mertens das letzte bißchen Selbstbeherrschung schwinden, denn genau jenes Massaker fand an Heiligabend 1942 statt zwischen Stille Nacht und Maschinengewehrsalven.

    Er bricht auf zu Brückner, steht ihm Heiligabend 1945 in einer dramatischen Heiligabendszene am Tannenbaum mit der Pistole vor Brückner steht, verhindert Susanne den Schuss und es folgt ein Epilog, dass Selbstjustiz verständlich aber nicht gut ist, und dass öffentlich Anklage gegen die Mörder erhoben werden muss.

    Ein Film faszinierend auf so vielen Ebenen, dass ich gar nicht mehr hinterherkomme. Deshalb versuche ich mich auf drei zu beschränken.

    1946

    Vor dem Kinosaal unterhielten wir uns zu viert (Geburtsjahre um 1950, 1973, 1975 und 1986) darüber wie die NS-Zeit in Jugend und Schule behandelt wurden. Die drei jüngeren erinnerten sich deutlich an die Ausstellung Verbrechen der Wehrmacht, die das erste Mal eben jene in eine breite Öffentlichkeit brachte und wilde Diskussionen um die NS-Zeit und die Rolle der Wehrmacht auslöste. Für uns alle war das gefühlt vor 1995 in Deutschland kein Thema.

    Und dann sahen wir diesen Film von 1946, den ersten deutsche Film überhaupt nach Ende des Krieges – und er dreht sich zentral um ein Massaker durch eben jene Wehrmacht. Deutschland, was hast Du zwischen 1946 und 1995 gemacht?

    Im Film von 1946 wurde es thematisiert: Nazis und Gewissen, Massenmord, Trauma des Krieges und das eigenwillige Leben in den Berliner Ruinen.

    Semi-thematisiert: Der grundgütige Optiker „Mondschein“, der bis zu seinem Tod im Film auf seinen verschollenen Sohn wartet – Name und Porträtierung werfen deutliche Hinweise in Richtung „jüdisch / es gab auch einen Holocaust“ – explizit gesagt wird es nie.

    Überhaupt ein Film, dessen Publikum gerade vorher komplett durch den zweiten Weltkrieg gegangen war – wie hat er auf dieses Publikum gewirkt?

    KZ ja und?

    Susanne Wallner ist KZ-Überlebende. Dies wird einmal am Anfang des Films gesagt und im Rest des Films ignoriert. Während der Film sich ausführlich und tiefgehend Mertens Traumata als Wehrmachtssoldat widmet, spielt die KZ-Geschichte keine Rolle mehr. Sie fragt ihn mehrfach eingehend nach seiner Vorgeschichte, seinen Erlebnissen: Er sie kein einziges mal.

    Und wieder: Warum sich eine junge bildschöne lebenslustige tatkräftige Frau sich ausgerechnet in einen mittelalten Alkoholiker mit cholerischen Anfällen verliebt – auch dazu fällt dem Film nichts ein.

    Und so wird die präsente, einen Raum für sich einnehmende Hildegard Knef in einer Rolle besetzt, die innerhalb von 20 Minuten von der tatkräftigen neuaufbauenden KZ-Überlebenden zum verliebten Muttchen mutiert.

    Für einen Film aus der Zeit nicht wirklich überraschend – für diesen speziellen Film aber schon.

    Expressionismus noir

    Auch stilistisch spannend: Der Film, der ich sah war halb Vorkriegsexpressionismus (denke Nosferatu, Cabinet des Dr. Caligari) und halb Film Noir: die unruhige Kameraführung des Expressionismus, die starken hell-dunkel-Kontraste und Schatten als eigene Figuren im Film, die emotionalen Ausbrüche von Mertens, der Soundtrack – pure Expression.

    Und da war auch der Noir: die Großstadt (das zerbombte Berlin) als eigener Charakter, die moralische Ambivalenz, der Protagonist als getriebener, alle sind elegant angezogen und rauchen ununterbrochen. Das passt in jedes Noir-Setting.

    Und erst so im Zusammenhang fiel mir auf, wie nah die beiden Stilistiken beinander stehen, wie sehr sie ineinander übergehen, und wie sehr sich Nachkriegsnoir aus dem Vorkriegsexpressionismus speist.

    Trauben und Diktaturen

    Ein Gemüsesalat, der sich als Obstsalat tarnt. Ich musste drei mal hinschauen: Das ist doch ganz eindeutig Ananas-Traube-Pflaume 12 von 12 im Januar (2026).

    Die Mimosen hingegen bleiben die Mimosen: 12 von 12 im Januar 2026

    Karen aus Japan über japanische Buzzwords im deutschen und englischen. („Vielleicht ist dieser Artikel ein wenig Therapie für mich und ihr müsst da jetzt auch durch.“): Japanische Buzzwords: Bleibt mir mit eurem Ikigai gestohlen

    Passend zum Thema Aufarbeitung las und hörte Anke Gröner von Anne Rabe. Sie zitiert sinngemäß: „Dass die Aufarbeitung der NS-Zeit in der Gesellschaft noch nicht abgeschlossen ist, ist jedem klar. Wieso glauben dann aber viele, dass die Spuren, die die DDR-Diktatur in den Menschen hinterlassen hat, nicht mehr wichtig oder Forschungsthema sind?“

    Anmerkungen

    1. Ja „Artikel von mir“, schwieriges Konzept in der Wikipedia. Aber das ist eine Diskussion für ein Andernmal. ↩︎
    2. Ja, eigentlich bestelle ich da nicht. Außer es ist der Shop vom Hersteller und das Produkt sonst nirgends erhältlich. Ich möchte aber auch sagen, dass amazon pro verkauftem Produkt ungefähr 2 cent Gewinn macht und pro vermieteter AWS-Cloud-Stunde eine Fantastilmillion. Das Amazon-Geschäftsmodell ist vor allem Rechenzentrumsvermietung und wer den Laden wirklich nicht unterstützen möchte, müsste Recherchieren wo ihre liebsten Internetanbieter ihre Daten parken. ↩︎