Schlagwort: Messias

  • 25-12-16 Elinor liebt Edward. Brandon liebt Marianne liebt Willoughby

    25-12-16 Elinor liebt Edward. Brandon liebt Marianne liebt Willoughby

    Nur noch ein Karton steht im Wohnzimmer. Langsam beginnt sich die Wohnung einem Zustand zu nähern, der schon fast als Normalität durchgehen könnte.

    Langsam habe ich sogar wieder Geist für andere Themen. – Wie jetzt, nächste Woche ist Weihnachten?

    Der Bahnhof Südkreuz ist wieder ein echter Bahnhof. Denn nach Wochen der Umbauzeiten fahren wieder Züge.

    Passend dazu eröffnete Einstein Kaffee.

    Madame testete die neu eröffnete Dresdner Bahn zwischen der Hafenstadt und dem Südkreuz und stellte fest, dass sie vor allem aus Lärmschutzwänden besteht. Als Panoramafahrt wird diese Strecke nicht in die Reiseführer eingehen.

    Ich beginne mich auch langsam an die Arbeitsanfahrt per Ringbahn zu gewöhnen. Wenn denn irgendwann der Umzug wirklich ganz vorbei und überstanden ist, denke ich noch einmal über ein neues Fahrrad nach.

    Arbeitstage, die damit beginnen, dass ich quasi noch in Jacke und weit entfernt von einer Kaffeetasse unter dem Tisch liege und nach losen Kabeln suche, sind verbesserungsfähig. Später tauchten dann gleich zwei lange verschollene Geister auf und spukten kurz herum. Wahrhaft ein denkwürdiger Tag.

    Es war ein kultureller Sonntag und ein alltäglicher Montag.

    Der Sonntag begann im Bayerischen Viertel. Ich passierte das Denkmal an der Synagoge Münchner Straße, anscheinend hatte vor nicht so langer Zeit eine Trauerfeier stattgefunden. (9. November?)

    Otterngezücht!

    Noch vor der Kultur begann der Sonntag mit Sonne. Ich stand im kleinen Park knapp neben der Kirche am Heilsbronnen, ließ mir die Wintersonne ins Gesicht scheinen und atmete. Endlich Ruhe. Endlich einmal andere Aktivitäten fernab jeder privaten oder dienstlichen Logistik. Sonne. Atmen. Sonne. Grün. Atmen.

    Es folgte Kultur 1: Händel. Madame sang im Heilsbronnen Teile des Messias. Die dortige Gemeinde feierte zum Dritten Advent eine Deutsche Messe. Denn weil die dortige Gemeinde nicht nur arg konservativ sondern auch musikfreundlich ist, gab es Kirchenkreisorchester plus Solosänger plus Chor im Gottesdienst.

    Und es war schön. Und es war rührend. Und der Tenor war ganz besonders rührend. Und selbst die Predigt der Vikarin, schlug gekonnt den Bogen von der besinnlich-glitzendern Vorweihnachtszeit zur Bibelstelle der Woche „Ihr Schlangen! Ihr Otterngezücht! Wie wollt ihr dem Gericht der Hölle entgehen? und wieder zurück.

    Schon fast niedlich und entzückend die Verabschiedung ebenjener Vikarin, deren Vikariat mit diesem Gottesdienst endete.

    Yes. It w-was conducted, eh, oddly enough, in Plymouth.

    Am Abend Kultur 2. Wir trafen uns im Wartesaal bei okayem irgendwie-italienischen Essen mit Professor Transformation und the manchester Entrepreneuress. Der Wartesaal war hier praktisch gelegenes Mittel zum Zweck: eigentlich wollten wir ins Delphi Lux.

    Die Yorck Kinos betreiben allerlei Filmreihen jenseits der aktuellen Kinoprogramms. In der Reihe Screen Legends lief Sense and Sensibility, die legendäre Verfilmung von 1995 mit Emma Thompson, Kate Winslet, Hugh Grant und Alan Rickman.

    Ich konnte damit zwei Bildungslücken schließen: ich kannte den Film nicht, welche Frevel. Und obwohl ich schon viel über Jane Austen gelesen hatte, habe ich noch nie etwas von ihr gelesen. Okay, habe ich immer noch nicht. Aber ich habe ein Gefühl dafür bekommen, was Menschen an ihr schätzen.

    Zum Film: Liebe und Schmerz, Lachen und Leiden. Überraschenderweise musste ich an Toni Erdmann denken, daran dass alles eigentlich ganz furchtbar ist, aber dennoch irgendwie schön und lustig.

    An Shakespeare musste ich denken: So stehen wir Menschlein da, lächerlich wie wir sind, durchschaut bis auf die Knochen, und dennoch liebenswert.

    Selten sah ich einen Film, der seine Protagonist*innen mit soviel Wärme und Liebe behandelt, während er gleichzeitig erbarmungslos das System seziert, in dem sie sich bewegen.

    Großes Kino.

    Buch nach Serie, Film nach Buch

    Ausgelesen: Tomasz Duszyński: Glatz. Ein polnischer Krimi-Bestseller, der 1920 in der (damals Deutschen) Kleinstadt Glatz in Niederschlesien spielt.

    Ein merkwürdiges Buch. Ich hatte die Hoffnung, dass Duszyński die Form des Krimis vor allem nutzt, um eine Geschichte von Glatz, Kleinstadt in Niederschlesien 1920 zu erzählen. Denn diese Zeit und dieser Ort sind weder in der deutschen noch in der polnischen Historie Präsent. Ich merke beim Lesen, dass Duszyński in die Archive gestiegen war, alle Lokalitäten, Vereine und Speisekarten des historischen Glatz kannte. Alle tauchten auf. Aber leider, lässt er in der Stadt Menschen auftreten, die wie frisch aus dem Jahr 2025 wirken, so denken und reden wie Menschen in einer aktuellen Netflix-Serie, nicht wie in 1920. Überhaupt hat man den Eindruck eine Netflix-Serie zu lesen mit viel Gewalt, etwas Sex, etwas Politik, nur dass sich alle Beteiligten kurz vor Drehbeginn schnell historische Kostüme übergeworfen haben und jemand die Autos gegen Kutschen tauschte. Oddly anachronistic, aber nicht in einem guten Sinne.

    Noch nutze ich den Haselanten für Produktempfehlungen, denn noch sind die Large Language Models angenehm werbefrei und halbwegs zuverlässig. Aber mir ist klar, dass dies nur ein kurzes Zeitfenster lang andauern wird. Denn die Horden stürmen: Re: Marketing für KIs

    Was sind das denn für Menschen, die sich einen Muppet-Film in der Originalsprache im Kino ansehen, was für ein gesellschaftliches Segment fühlt sich da angesprochen und angezogen?

  • 25-02-18 Zerreißen sie den Stimmzettel

    25-02-18 Zerreißen sie den Stimmzettel

    Im Feldkampf gegen BV Garding unterlag Achtung Wesselburen nach bewegtem Duell knapp mit zwei Metern Kiek ut. Garding hatte bereits zwei Schott erspielt, musste diese jedoch im Lauf des Matches wieder einsetzen. Leider für Wesselburen entglitt dem 20. Boßler die Kugel stark auf den mit hohem Gras bewachsenen Deich, und das war der Sieg für Garding.

    Auf der Straße: ein Schneeräum-Smart. Den Bus überholte ein Zweisitzer-Smart, vorne mit montierte Schneeschaufel, hinten mit Salz/Kies-Streu-Trommel. Es wirkte durchaus professionell. Nur sehr klein.

    Madame bekam ihren Koffer wieder. Der Kofferreparateur lobte das Modell, hadert aber mit seinem Gestänge.

    Die Lörracher demonstrierten.

    Die Manic Street Preachers veröffentlichten ein neues Album, ich bin unterwältigt.

    Nach der Klausurabgabe Betriebliche Informationssysteme habe ich die Notenstatistik des Vorsemesters angeschaut. Oops, Durchschnitt 3,5, gut ein Drittel der Schreibenden ist damals durchgefallen. Irgendwie hatte ich die Klausur als gar nicht so selektiv im Hinterkopf gespeichert.

    Glücklicherweise muss ich hier nichts über Politik schreiben: Rebecca Solnit nimmt mir in ihrem Newsletter die Worte aus dem Mund . Fast möchte ich sagen, sie schreibt wortwörtlich das, was ich auch schreiben würde. Aber natürlich hat sie es tiefer durchdacht als ich gerade und formuliert besser als ich je könnte: No One Knows How This Will End (But I Do Not Think It Will End Well for Them):

    I don’t know where Trump, Musk, and Vance’s story ends, but I know it doesn’t end with them in power, and I don’t think it will end particularly well for them, though my main concern–and yours, I presume–is trying to prevent damage along the way. And I’m convinced that if we take action, we get to write some of the chapters and maybe revise or erase some of what they’re trying to impose.

    Der Hallig-Gröde-Paragraph

    Madame als Briefwahllokalschriftführerin bekam eine persönliche Schulung im Rathaus durch die Leiter der Briefwahlzentren. Ich als Bundestags-Wahlhelfer der Reserve musste mich mit dem Schulungsvideo begnügen. Gegenüber meiner letzten Urnen-Wahlhilfe entdeckte ich zwei Änderungen:

    • Die Wahllokale sind angehalten, ziemlich genau die Länge der Schlange vor dem Lokal zu monitoren. Zweimal am Tag sollen sie die Zahl der Wartenden melden – vermutlich, damit die Wahlleitung einschreiten kann, wenn Schlangen zu lang werden.
    • Überraschend viel Zeit verwendete die Schulung auf den Sonderfall nach §68 Abs. 2 BWO „Ergibt die Feststellung .. dass weniger als 30 Wähler ihre Stimme abgegeben haben“. In diesem Fall wird unter komplexen Regularien und stringenter Dokumentation nach 18 Uhr das Wahllokal aufgelöst und die Stimmen zusammen mit einem anderen Wahllokal ausgezählt.

    Nicht neu hingegen war der ausführliche Tanz, um Briefwähler*innen, die dann doch im Wahllokal auftauchen. Auch das ein hingebungsvoll choreographierter Akt mit vielerlei Durchschlägen.

    Es läge mir fern, Menschen von der Wahl abzuhalten; aber falls ihr Briefwahl beantragt habt, macht ihr das Leben Eurer Wahlhelfer deutlich einfacher, wenn ihr auch wirklich briefwählt. Und falls nicht: Bringt auf jeden Fall den Wahlschein mit. Sonst werdet ihr zurückgewiesen.

    Falls ihr den Stimmzettel mitbringt, den ihr für die Briefwahl bekommen habt, so ist die Anweisung „zerreißen sie den Stimmzettel vor den Augen des Wahlberechtigten und händigen sie einen neuen aus.“

    Die Jakobsbücher

    Nachdem die Klausur vom Tisch war, konnte ich ein weiteres Opus Magnum beenden. Die Jakobsbücher – begonnen im Sommerurlaub – sind fertig. In Bücherregal meines Inneren teilen sich die Jakobsbücher eine winzige Nische mit dem Zauberberg und Don Quijote. Auf der Nische steht „Mühsam, langweilig, aber so großartig, dass jede Stunde es wert war.“

    Olga Tokarczuk erzählt in den Jakobsbüchern auf etwa 1200 Seiten das Leben des Jakob Frank (geb. Jakub Lejbowicz), Wanderer zwischen den religiösen Welten, Jude und Christ, Religionsgründer und fast-Messias sowie seiner Anhänger durch das Polen des 18. Jahrhunderts.

    Das Buch beginnt vor Franks Geburt und endet nach seinem Tod. Dabei hat die Erzählungen Ausschweifungen und ein Erzähltempo, das eher dem 18. Jahrhundert angemessen erscheint als dem 21. Auf Seite 3 hatte ich den Überblick über alle handelnden Personen verloren. Wechselnde Erzähler, Zeitsprünge und erzählerische Kreisbewegungen lassen das Buch im Stil fast wie eine Andacht oder Meditation wirken.

    Passend zum Thema spielt sich das Buch sowohl in einer realen wie in einer geistigen Welt ab. Dabei hat die reale Welt der Zeit genug Veränderung: es beginnt tief auf dem Land im polnischen Shtetl, geht über Warschau, Tschenstochau und den kaiserlichen Palast in Wien und endet in einem Offenbacher Schloss, während sich die Französische Revolution abspielt.

    Europa tritt aus dem Rest-Mittelalter in die Aufklärung hinein, und mittendrin die Gruppe getaufter Kabbalisten auf ihren seltsamen Wegen. Ein erfreulicher Realismus: da das Buch ein ganzes Leben abdeckt, altern die Protagonisten, man erlebt den Wandel unterschiedlicher Charaktere von der stürmischen Jugend hin bis ins hohe Alter.

    Geographisch gar nicht so weit weg, das nächste angefangene Buch: Dmitrij Kapitelman: „Eine Formalie in Kiew“. Kapitelman, 1991 mit acht Jahre als jüdischer Kontingentflüchtling aus Kiew gekommen, will Deutscher Staatsbürger werden. Dafür benötigt er eine Geburtsurkunde, die nur die ukrainischen Behörden vor Ort ausstellen können. Bisherigerer Eindruck: das Buch ist Satire, aber bitterer und trauriger als der Klappentext vermuten lässt.

    Weil ich gut ignorieren kann, wie viele ungelese Bücher ich noch besitze, führte mich mein Weg zur Stadtbibliothek Schöneberg. Dort wartete Lutz J. Heinrichs Geschichte der Wirtschaftsinformatik – Entstehung und Entwicklung einer Wissenschaftsdisziplin auf mich. Ich bin gespannt, ob es mir gelingt, sie aufzuschlagen, bevor die Leihfrist abläuft.

    Vor der Bibliothek. Im Hintergrund der Vorplatz vor dem Stadtbad Schöneberg. (Leider derzeit Baustelle)

    Klezmer Futura Fediverse

    Wie ein New Yorker Sohn eines Calypsobassisten den Klezmer wiederbelebte: A little thread celebrating one of the great albums of Jewish-American music, DON BYRON PLAYS THE MUSIC OF MICKEY KATZ

    Die Deutschen Bahnhofsschilder seit den 1950ern und wie sie schicker werden. Von Futura nach Arrow., Deutschlands Bahnhofsschilder.

    Herr Rau über den Stand der Demilliardärisierung.

    Der Pixelboomer bastelt derweil daran, eine Instanz im Fediverse aufzusetzen.

    Es ist erstaunlich, wie schlecht Computer (=Rechner) im Wahrheit im Rechnen sind. Wie Hans J- Boehm durch 10 mathematische Theoriekreise stieg, um Android eine funktionierende Taschenrechner-App zu gönnen: „A calculator app? Anyone could make that.“

    Queere Rollatoren gegen Rechts.