Schlagwort: Nils Minkmar

  • 25-05-06 Die Ungleichungen;  they are the fun part.

    25-05-06 Die Ungleichungen; they are the fun part.

    Der Gare Francaise Tegel ist heute Veranstaltungsraum eines Altenheims. Mehr zur Geschichte weiß die Seite zur Kremmener Bahn.

    Der Hüpfburgeneventanbieter in Tempelhof-Schöneberg nutzt auch dieses Jahr die Abendteuerland-Plakate. Langsam frage ich mich ob das d zuviel doch Absicht ist. Will er uns sagen: Abends teuer, vormittags günstig?

    An der Dachbaustelle wird der Übergang zwischen Hauswand und Dach neu verputzt. Im Hof steht ein Schild eines Berliner Gipsbauputzunternehmens. Ich kann kaum das Fenster öffnen, weil herunterrieselnder Gipsputz fast erfolgreich die Fensterflügel mit dem Fensterrahmen verklebt hätte.

    Wenn man mit dem ICE Berlin verlässt geht es erst über Felder und dann kommt eine überraschende Industrieanlage auf der Pelikan steht – Erinnerungen an Schulfüller werden wach. Aber nicht mehr: Das Werk wird abgerissen.

    Höhepunkt meiner sportlichen Karriere im Zuschauersport war 1992 der Pokalsieg von Hannover 96 im DFB-Pokal der Männer: der Zweitligist aus Hannover mit einem der Überraschungserfolge des Jahrzehnts. Ich war in der wilden Party am Opernplatz. Montag erfahre ich durch Zufall: ein heutiger Kollege war damals beim Spiel im Stadion.

    Mir träumte, ich wäre auf der re:publica. Die geträumte re:publica war aber nur ein Abglanz ihrer selbst. Im Park eines Tempelschlösschens auf einer Havelinsel richteten Johl und Bücherwürmlein ein Freilustessen. Die 30 anwesenden re-publica-Besucherinnen redeten nur von alten Zeiten.

    Dickmaulrüssler

    Madame schnitt einen wunderbaren Fliederstrauch zusammen, der auch die Berliner Wohnung mit seinem Besuch betört. Die Pfingstrosen täuschten an, blühten aber noch nicht auf.

    Über den Latifundien ein Kranichschwarm, der den Zug nach Süden vergessen hat. Jahreszeitgemäß hingegen die Störche die mehrmals am Tag den Garten im Überflug passieren.

    Nachdem Madame Emma Clines The Guest ausgelesen hatte, liest sie The Places in Between von Rory Stewart und empfiehlt beide Bücher sehr.

    Nachdem ich letzte Woche über Pride-Kopfhörer sinnierte und mir Montag Regenbogen-Socken kaufte, machte ich am Wochenende Holz mit Motorsäge und Axt . Damit habe ich für diese Woche mein persönliches Genderspektrum abgeschritten.

    Spannend auch die Schmerzverteilung beim ungeübten Holzhacker. Der Muskelkater begann direkt im Anschluss im unteren Rücken, wanderte bis zum Abend in die Unterarme und war am nächsten Morgen im oberen Rücken angekommen.

    Wieder gab es Besuch am Frühstückstisch: keine Kürbisspinne, sondern ein Mai-Wurmrüssler aus der Familie der Dickmaulrüssler. Der ist als Pflanzenfresser und Löcherschneider in Rosenblätter bei uns nicht ganz so beliebt, sah auf dem blauen Shirt aber zumindest gebührend eindrucksvoll aus. Und angesichts des kompletten Kleinsttierzoos, den wir beherbergen, macht es eh keinen Sinn, einzelne „Schädlinge“ jagen zu wollen.

    Da Madame wusste, wo man auf dem Dorf spontan große Gläser Ayvar bekommt (Lidl), konnte ich eine Balkan-Platte zubereiten. Das schöne: das Gemüse reicht aufgebraten noch für den nächsten Tag, das Fleisch noch für die nächste Woche und danach haben wir länger keinen Fleischhunger mehr.

    Überhaupt schön, einen richtigen handwerklichen Schlachter nahe der Latifundien zu haben – der erfüllt sämtlichen Bedarf an Fleisch- und Wurstwaren.

    Çay istiyorum

    Verschiedene meiner Kleidungsstücke sind in den letzten Monaten altersbedingt auseinandergefallen. Ich beschloss dieses Problem anzugehen. Erst einmal mit der einfachsten Variante: zu TKMaxx am Kaiser-Richard-Platz fahren und dort Socken kaufen. Am Quengeltisch gab es dann noch sehr schöne hellblaue Macarons.

    Wo ich aber schon am Richard-von-Platz war, galt es Veränderungen zu sehen. Das neu eröffnete Restaurant Sultan entpuppte sich als Hühnerbraterei, die auf den ersten Blick auch nicht anders aussieht als die sieben anderen Hühnerbratereien der Straße.

    Besser waren die Nachrichten von Öz Gıda/ Öz Gida. Dies war immer der spannendste der diversen „türkischen“ Supermärkte der Gegend. Das größte, vielfältigste Angebot, die gigantische Fleischtheke mit dem weltbesten Köfte-Fleisch, die Şarküteri, schon früh gab es „deutsche“ Produkte wie Frischilch, deutsche Käsesorten et cetera. Im Schaufenster die Lobpreisung von Tim Raue. Es war immer eine große Schau.

    Letztens fuhren wir im Bus am Laden vorbei und sahen aus dem Fenster nur leere Flächen. Oh nein! Wieder ein Opfer der absurd anziehenden Gewerbemieten der Stadt?

    Da ich gerade in der Ecke war, also ein kurzer Gang der Neugier und ein Gang des Aufatmens. Öz hat umgebaut, die Blumenkränze von der Wieder-Eröffnung hingen noch an der Kasse. Weg vom „türkischen“ Supermarkt, hin zum „Multikulti Supermarkt.“ Der ganze Laden wirkt größer und edler. Die Produkte sind weiter diversifiziert, das Regal mit den Teekochern verschwand zum Beispiel ganz.

    Die schriftliche Kommunikation verläuft komplett auf deutsch. Selbst auf der Website fand ich nur mühsam einen türkischen Teil, wo der Laden noch (eigentlich korrekt) Öz Gıda geschrieben wird und nicht Öz Gida.

    Denn, das blieb von den ehemaligen Türkisch-Kursen hängen. Das ı, also das I ohne Punkt, ist ein eigenständiger Laut, ein Stoßlaut, etwa entsprechend dem e im Wort Dschungel. (oder genauer: der ungerundete geschlossene Hinterzungenvokal (IPA ɯ))

    Deshalb gibt es im Türkischen auch ein großes I mit Punkt: İ.

    Das andere was vom damaligen Kurs hängenblieb, ist der Satz Çay istiyorum – ich hätte gerne jetzt einen Tee.

    Frisbee

    Mein Herz blutet ein wenig. Im Odeon-Kino um die Ecke läuft eine Wes-Anderson-Retrospektive und ich lasse mir gerade Grand Budapest Hotel, Darjeeling Limited und Rushmore entgehen.

    Aber nachdem das lange Wochenende (geplant) nur sehr langsames vorsichtiges Herantasten an die Bachelorarbeit enthielt, wollte ich das Tempo erhöhen. Erstmal wieder ins Thema kommen.

    Ich absolviere noch einmal den Hasso-Plattner-Kurs zur Programmiersprache R, der mich damals überhaupt erst auf den Geschmack mit der Sprache gebracht hat – und ich schaue Youtube-Videos zur Linearen Programmierung und zum Simplex-Algorithmus.

    Die üblichen Mathe-Tutorials helfen mir nicht viel. Die sind als Lockerungsübungen ganz okay. Aber die beschreiben halt die Anwendung „du hast ein lineares Gleichungssystem und willst es mit Simplex lösen – was machst du?“

    Die Frage, die mich ja interessiert, geht eher in die Richtung: Warum und wie funktionierst das überhaupt? Wie kann es sein, dass eine ziemliche einfache Handlungsanweisung (Suche das Element – bringe es auf 1 – subtrahiere und addiere ein bißchen durch die Zeilen) so viel an Erkenntnis bringt und auf so viele Fälle anwendbar ist?

    Um so mehr freute mich das Video 15. Linear Programming: LP, reductions, Simplex der MIT OpenCourseWare. Es handelt sich anscheinend um eine abgefilmte Informatik-Vorlesung des MIT mit Dozent Srinivas Devadas. Die Vorlesung beantwortet nicht alle meine Fragen – aber dafür auch andere gute Fragen, die ich mir selber gar nicht erst gestellt hätte.

    Auch fasziniert bin ich von der didaktischen Methodik: Ein Mann, eine Tafel, Kreide; keinerlei Multimedia-Schnick-Schnack, fast keine Gimmicks – und doch klebe ich geradezu an seinen Lippen, weil es so mitreißend ist. Endlich auch mal ein Mensch mit einem vernünftigen Redetempo.1 Fast lachen musste ich beim Abschnitt, dass die Gleichungssysteme aus Gleichungen (equalities) und Ungleichungen (inequalities) besteht, und „The inequalities, they are the fun part.“

    Der einzige Gimmick: Student*innen, die eine Frage gut beantworten, bekommen als Belohnung beiläufig eine lila Frisbeescheibe von einem Stapel lila Frisbeescheiben zugeworfen. Das passt vom Stil.

    Vier Hochzeiten und eine Brennesselsuppe

    Nils Minkmar hat schlechte Laune und sein Newsletter ist noch besser als sonst:

    Die extreme Rechte ist auf Massenmedien angewiesen, es ist eine historisch bewährte Partnerschaft. Schon dort vorzukommen ist ein Erfolg. Die meisten Menschen denken nicht radikal, möchten aber informiert bleiben und wenn dann die Themen, Vorschläge und Personen der Rechten abgebildet werden, unabhängig von ihrer realen exekutiven Macht, dann nimmt das Publikum all das ernst.

    Eine große Hürde beim Thema Demiliardärisierung stellen Zahlungssysteme dar. Irgendwie gibt es faktisch fast nur noch Visa, Mastercard oder Paypal. Um so gepannter verfolge ich die europäische Alternative Wero. Mit der kann man sich schon länger als Privatperson Geld schicken, jetzt wird expandiert: Wero für Solo-Selbstständige geht in Betrieb

    Mein Internet war damals so ähnlich. via (louise)

    Margrit erzählte wie sie und Wally viermal heirateten: Private FeierEingetragene LebenspartnerschaftErster Versuch der Umwandlung in eine EheHochzeit im Standesamt

    Noch ein Freund des grillifrlns.

    Joel aß Brennesselsuppe (via readinginsweden)

    Sonst habe ich nicht viel gesehen an diesem Tag. Aber immerhin einen Geldautomaten, der mit kurz aufflammender Leidenschaft angetanzt wurde.

    south spielt mit dem Halluzinator

    Hallo Halluzinator, illustriere den vorhergehenden Text und gib mir ein paar Empfehlungen.

    Who let the dog out?

    Empfehlungen

    Outfit: Ein leichtes, gewaschenes Leinenhemd, offen über einem Pride-T-Shirt, kombiniert mit bequemen Workwear-Hosen mit großen Taschen (für Notizbuch, Taschenmesser, Macarons). Dazu alte, gut gepflegte Wanderschuhe.
    → Begründung: Urbaner Waldläufer trifft re:publica-Geist, mit dem Körperbewusstsein eines Holzhackers und dem Stil eines Flaneurs.

    Kulinarik: Geräucherte Aubergine mit Minze, Granatapfelkernen & veganem Joghurt
    Getränk: Ein trockener Raki mit eiskaltem Wasser Warum:
    Ein Echo der Şarküteri, ein Gruß an das Multikulti-Bord des ehemaligen Öz Gıda. Räuchrig, frisch, kühlend – ein Auftakt, der Flieder und Sprachen öffnet.

    Film: „Gleaners and I“ von Agnès Varda – urbane Blicke auf das Übersehene, zwischen Sperrmüll und Macaron.

    Buch; Henri Lefebvre – Die Produktion des Raumes / Für das Denken von Infrastruktur, Verputzarbeiten und Supermarkträumen als gesellschaftlich konstruierte Bühne.

    Musik: Sezen Aksu – Gülümse (Ein melancholischer Optimismus, wie eine Kranichformation, die zu früh oder zu spät aufbricht.)

    Ein türkischer Limerick

    Bir pencere sıvayla dolmuş,
    Dış dünya içten unutulmuş.
    Çoraplar renkli,
    Ayvar’la denkli —
    Gündelik rüya gibi solmuş.

    Ein Fenster vom Putz überzogen,
    hat Außen und Innen verbogen.
    Die Socken sind bunt,
    der Ayvar gesund –
    der Alltag: ein Traum, leicht verflogen.

    Erklärung:

    Reimschema: AABBA – wie im klassischen Limerick.
    
    "dolmuş / unutulmuş / solmuş" bildet den äußeren Rahmen (A-Reim): alle mit dem Past Participle -muş, was perfekt zur leicht resignativen Stimmung passt.
    
    "renkli / denkli" bilden den B-Reim in der Mitte – farbig & passend.
    
    "Ayvar’la denkli" ist bewusst leicht schräg – es suggeriert „im Einklang mit Ayvar“, also dass auch Farben, Alltag und Speisen in Harmonie stehen.
    
    „Gündelik rüya gibi solmuş“ – der Alltag ist wie ein verblassender Traum.
    1. Okay, der Effekt funktioniert vermutlich nur, wenn man ein Herz für lineare Gleichungssysteme, erklärt auf englisch, hat. ↩︎
  • 25-01-26 Die Rückkehr des Schornsteins

    25-01-26 Die Rückkehr des Schornsteins

    Bei dm sind die nature-Geschirrspültabs aus. Leider sind dies die einzigen Tabs, bei denen das Silber mit in die Spülmaschine kann ohne danach seltsam auszusehen.

    Dafür gibt es Ramadan-Kalender im Laden. Sagt mir: Irgendwann demnächst muss Ramadan sein.

    Es gibt keine Graupen mehr. Wie kann ein Nahrungsmittel, das Oma Uetersen regelmäßig zubereitet hat, nicht einmal mehr in großen Vollsortimentern auftauchen? Erdmandelmehl my ass. Ich will Graupen. Zum Glück wohne ich in einer Stadt, in der es auch osteuropäische Supermärkte gibt.

    Freundlicherweise eröffnete ein Ledo ein paar Busstationen weiter an der Goebenstraße. Ich nutzte die Chance, den Laden mal näher zu betrachten. Nicht ganz so beeindruckend wie der Ur-Ledo im Schmargendorf, aber gerade Fisch- und Fleischtheke beeindruckend genug. Er verkaufte mir Graupen – und wo ich schon da war auch Kwas und Smetana.

    Nur auf Kaviar hatte ich keine Lust. Irgendwie ist Ledo eigentlich und ursprünglich ein Kaviar-Großhändler, so dass es dort an der Fischtheke immer mindestens 20 Sorten falschen und echten Kaviar aller Arten gibt.

    Es gelang mir letzte Woche, eine Lesebrille im leeren 10-Quadratmeter-Zimmer der Hagener Bildungsherberge zu verlieren und danach drei Tage lang nicht mehr wiederzufinden. Diese Woche: Mit Brille im Wohnzimmer losgelaufen, ohne Brille im Schlafzimmer angekommen. Es ist ein Rätsel.

    Die Zukunft der Kaiser-Richard-Passage klingt nicht gut. Ich fand eine längere Pressemitteilung vom Verkauf der Nachbarschaftspassage: Weiterhin soll das Nutzerspektrum optimiert und das Gebäude zeitgemäß revitalisiert werden.

    Weiterhin wildes Getöse ab 8 Uhr, auch am Samstag, auf dem Dachboden. Die Baustelle besteht seit anderthalb Jahren. Seit einem guten halben Jahr sind wir dachlos. Bisher sahen wir nur Sachen verschwinden. (Seien es Teile des alten Dachbodens, seien es Baumaterialien die nach oben fuhren). Einziges sichtbares Erzeugnis des Baus waren große Mengen Müll.

    Und nun: ein Ergebnis. Auf dem Dach steht ein neuer Schornstein. Er durchbricht die Dachabdeckungszeltplane. Es passiert Konstruktives. Es gibt Hoffnung.

    Die wöchentliche Palästina-Demo stand diesmal am Potsdamer Platz. Die Gegendemo hatte sich vergrößert: Fünf Personen, dabei unter anderem Regenbogenflagge mit Davidstern und zwei IDF-Flaggen.

    Um mich selbst zu zitieren:

    Etwas weniger gespannt bin ich, wie Friedrich Merz seine Kanzlerkandidatur versemmeln wird. Ich habe noch keine Vorstellung über den Ablauf – aber darüber, dass er an sich selber scheitern wird, bin ich sicher.

    Er gibt sich alle Mühe.

    Principe

    Derzeit existieren im Netz verschiedene Vorschläge, wie mensch sich als politisch interessierte Person vor Donald Trumps Überwältigungsstrategie schützen kann. Ich empfehle beispielsweise ein Buch zu lesen: Der Fürst / Il Principe.

    Nicht so sehr, weil es toll ist (ist es), sondern weil die Trump-Bagage es offensichtlich auswendig gelernt hat, es als 1:1-Handlungsanweisung nimmt und jetzt das Programm abspielt. Zwei Kernpunkte sind mir in Erinnerung geblieben:

    • Es ist für den Herrscher besser gefürchtet zu werden, als geliebt zu werden. Denn Liebe und Zuneigung sind flatterhaft. Sie können von einem auf den anderen Tag plözlich verschwinden. Furcht hingegen ist stabil und zuverlässig.
    • Der Fürst soll alle unpopulären Grausamkeiten am Anfang seiner Herrschaft begehen. Denn in diesem Moment hat er die größte Macht, die unpopulären Maßnahmen werden über die Zeit vergessen werden.

    Betrachten sie Ausstellungsstück A in Washington. Und ja, es hilft gegen Überwältigung, wenn man die Strukturen dahinter in etwa nachvollziehen kann.

    Aber wo ich eh schon beim Thema Donald Trump bin, stelle ich eine Prognose auf:

    Panta rhei / Alles fließt und mit der Realität lässt sich nicht verhandeln.

    • Es wird ein Punkt kommen, an dem sich Trumpismus erschöpft hat und die Menschen seiner Überdrüssig sind. Soviel ist sicher.
    • Weniger sicher bin ich mir, ob die USA bis dahin noch fähig sind, einen friedlichen Machtwechsel durchzuführen. Und genau das ist das eine wichtige Gefecht das dort geschlagen werden muss. Und das wirklich die Aufmerksamkeit auch hier lohnt.

    So, ich hoffe, das war es dann mit Trump im Blog für dieses Halbjahr.

    Selbstgemalte Pappschilder

    In Bautzen demonstrierten 45 Menschen gegen Rechtsruck. Und vor jeder einzelnen Demonstrant*in verbeuge ich mich und ziehe meinen Hut. In Neuruppin waren es 500.

    In Berlin auf eine solche Demo zu gehen, ist deutlich einfacher. Dafür landet man als Berliner*in in den Fernsehnachrichten. Das ist als Effekt nicht zu unterschätzen. Also trotz aller Gründe1 dagegen auf zum Brandenburger Tor, als Brandmauer gegen Faschismus auflaufen.

    Der Linienbus Richtung Stadtmitte war schon bei uns voll besetzt – also von hinten links mit U4 und U2 bis zum Potsdamer Platz und den Rest gelaufen. Um mich herum, Menschenmassen mit demselben Ziel. Am beeindruckendsten fand ich die nicht enden-wollende Kolonne aus Radfahrer*innen.

    Die Demo diesmal stand vor dem Brandenburger, nicht dem Reichstag. Der Ort erwies sich als besser geeignet: Er war besser zu beschallen. Die Menschenmenge verlief sich weniger auf dem riesigen Gelände.

    Die Demozahlen schwanken zwischen 30.000 (Polizei) und 100.000 (Veranstalter). Ich traue mir aus meiner Position keinerlei Aussage zu. Zu groß die Menge, die zu unübersichtlich und groß das Gelände, zuviel „normaler“ Verkehr der dort auch noch stattfand.

    Verglichen mit dem Januar 2024 waren es weniger Menschen. Aber wie damals ein großes Spektrum stinknormaler Berliner*innen, die ich alle so im Alltag im Bus treffen könnte. Wie 2024 war die Demo besonders überzeugend und ergreifend durch die vielen selbst gemalten Plakate.

    Und es ist ein Marathon – nicht eine Demo ist wichtig, wichtiger ist, dass sich diese nach einem Jahr wiederholen ließ.

    Jeep ducking

    Herr Mess reflektiert über Lehrergesundheit und Arbeitsumstände.

    Gerade noch setzte ich „Besuch eine Bouillons“ auf die Paris-Liste, da schreibt Nils Minkmar (unter Bezug auf arte) schon vom Comeback des Bouillons. (hier der arte-Beitrag auf deutsch)

    Ich bin totaler Metallbau-Laie; finde aber sehr spannend wie so etwas ablaufen kann: Lauf, OL-AF, lauf!

    Kunal Mehta (einer meiner Mastodon-Admins) ist auch Wikipedianer und gibt einen Rückblick über sein Wikipedia-Jahr 2024. Dabei gelernt: Es gibt Jeep ducking – den Brauch anderen Jeep-Fahrern eine Plastikente auf das Auto zu setzen.

    Anmerkungen

    1. Angefangen bei „Ich find den Co-Veranstalter Campact doof“ bis zu „In der Zeit könnte ich auch lernen“ ↩︎
  • 24-12-24 Samstags steht unser Wasserspielzeug DOGGY zur Verfügung

    24-12-24 Samstags steht unser Wasserspielzeug DOGGY zur Verfügung

    Schlafen, schlafen nicht mehr ganz so müde. Der Kalender gönnt uns drei Tage zwischen den Zeiten – nicht mehr Alltag, aber auch noch nicht Weihnachten – und diese wirken wie ein langsames Ausatmen über 72 Stunden.

    Von beiden Seiten schwappt es herein in diese Tage der unwirklichen Schwerelosigkeit. Die Downton-Abbey-Filme auf DVD fühlen sich weihnachtlich ein. Ebenso der wiederentdeckte Sherry zum Roman. Paketeinpacken und ein letzter Gang in den Supermarkt gehören noch in die Rubrik Alltag. Die letzten verschollenen Pakete tauchen auf. Noch sind nicht alle angekommen, aber bei den Übrigen wissen wir immerhin ungefähr wo auf dem DHL-Weg sie sich befinden.

    Innerlich überschlage ich kurz Seminar- und Klausurtermine und denke, dass ich eigentlich dafür etwas tun müsste. Aber zu kostbar erscheinen mir diese Tage des Schwebens zwischen den Zeiten.

    Mehrere Tage hintereinander las ich konzentriert ein Buch – wann passierte dies zuletzt? Weiterhin in Olga Tokarczuks Jakobsbüchern, die sich langsam dem Ende nähern. Die Protagonisten werden alt, die neue Welt, die sie um sich herum erleben, ist nicht mehr die Welt des Buches, nicht mehr wirklich die ihre.

    I feel like I am living on another planet now – sagt die Dowager Countess of Grantham im Downton-Abbey-Film – Everybody does, lautet die Antwort, you only need to live long enough.

    Ich las Nils Minkars Newsletter und über Deutschland und Frankreich und das Elend der jeweiligen Politik; kurz darauf „Schleswig-Holstein. Die Kulturzeitschrift für den Norden.“ mit einem Portrait von Carl Friedrich Cramer – deutscher Intellektueller zur Zeit der französischen Revolution. Er war Übersetzer von Schiller ins Französische und Übersetzer von Rousseau und Diderot ins Deutsche – glühender Anhänger der französischen Revolution, aus Kiel vertrieben nach Paris und am Ende in Frankreich politisch so heimatlos wie in Deutschland. Ein Minkmar des späten 18. Jahrhunderts und auch nicht.

    Die Mahlzeiten eine Mischung aus Tiefkühler-zum-Jahresende-ausleeren (Pomeranzenmarmelade, Skinny Boullabaisse aus Tiefkühl-Muscheln und Garnelen), Frankfurter Kranz bei Bäcker Plentz und Rehgulasch-Reste. Wir kaufen letzten Lauch. Denn weil wir Heiligabend zu zweit verbringen und total crazy sind, wird es Fondue irlandaise geben aus Cheddar, Guiness, Whiskey und Worcestersauce mit Roggenbrot und Lauch.

    Mr. Darcy – Ettenbühl Sunset – Tuscany Superb – Betty Prior

    Das allerletzte verschollene Paket lokalisierten wir in dem Schreibwarenladen/DHL-Filiale auf den Märkischen Hamptons. Zum Glück kennen sie uns und die Siedlung, wissen, dass es im Winter ein paar Tage dauern kann bis wir kommen, und behielten das Paket trotz Fristablaufs im Laden.

    Der Wasserversorgen hatte uns hinausgerufen. Wir sollten zum Jahresende den Zählerstand mitteilen. Dazu: Durchatmen, Weite. Trotz windigem Nieselregen die Freude draußen zu sein und den Himmel zu sehen. Stanwell Perpetual macht ihrem Namen alle Ehre und blüht noch. Selbst Violina scheint noch eine Knospe hervorzubringen.

    Wir überwanden die klamme Nässe, setzten Mr. Darcy und Ettenbühl Sunset (Beet), Tuscany Superb (die Alte-Rosen-Allee-in-Entstehen) und Betty Prior (Vorgarten).

    Festtagspreis wie früher

    Endlich wieder schwimmen gehen, wie seit Wochen nicht mehr. Endlich den schwarzen peinlichen Fleck auf meiner inneren Berliner Schwimmbadlandschaft füllen: Wir nutzten die Fahrt zu den Latifundien für einen Abstecher im Stadtbad Hennigsdorf. Dies eröffnete nach Neubau 2023 und noch nie war ich dort.

    Vorgänger: das aqua Hennigsdorf, von mir geliebter Typenbau der DDR-Volksschwimmhalle C. Schlicht und doch von einer untypischen Eleganz für den Arbeiter- und Bauernstaat mit Diktaturhintergrund. Jetzt abgerissen.

    Der Neubau überrascht: in Bahnhofsnähe – sogar öffentlich erreichbar. Von außen so schlicht, dass wir ihn mit dem Auto ein paarmal umrunden, bevor wir das Schwimmbad ausmachen. Innen: Im Geiste seines Vorgängers. Schlicht – keine zusätzliche Deko, ein Schwimmerbecken, ein Nichtschwimmer, ein kleines niedriges Nichtschwimmer und ein Planschbecken – Holz, Stein und Glas. Jegliche Gestaltung besteht aus Funktionselementen.

    Ein Bad, das mitdenkt wie ich mir wünsche: Föne umonst; im Schuhausziehbereich stehen Schuhlöffel; die Verriegelung der Kabinen mit dem besten störungsfreisten System; in den Duschen ausreichend Ablagen und Haken. An der Decke eine Markierung für die Rückenschwimmer. Ein Bad in dem irgendwie alles funktional ist, und zusammen doch irgendwie schön.

    Die Digitaluhr in der Halle fungiert auch als Anzeigetafel. Ich erfahre, dass Mittwochs und Freitags(?) eine Bahn für Flossen- Anzug und Geräteschwimmen frei ist, sowie das Samstag das große Wasserspielzeug DOGGY im Schwimmerbecken bespielt werden kann.

    Weil Ferien sind, hat das Bad Montagmittag für die Öffentlichkeit geöffnet. Weil Festtage sind, bezahlen wir einen Eintrittspreis wie früher.

    Kein Weihnachtslied

    Elke Brüser beobachtet Kraniche: Geflügelte November-Fischer

    Dieser Haushalt hat zu Weihnachten ein besseres Verhältnis als zu Deko. Und so besteht die Weihnachtsschmückung aus einem Adventskranz, einem Herrnhuter Stern und der immerwährenden Lichterkette, die im Frühjahr und Herbst als Kinobeleuchtung für Beamer-Abende fungiert und im Dezember als Weihnachtsschmuck. Die einzige Variante eines Weihnachtsbaums, die ich mir für mein Heim vorstellen kann, steht sowieso im Garten und sieht ungefähr so aus. Aber Garten und Wohnung liegen weit auseinander – also nichts.

    Dennoch finde ich das Konzept Weihnachtsbaum spannend, habe einiges über ökologisch-nachhaltiges Weihnachtsbaum und Gardenwashing bei Gunhild Rudolph gelernt: Die Tradition des Weihnachtsbaums und Der ökologische Weihnachstbaum.

    Die Kaltmamsell sah ein Theaterstück über (im weitestmöglichen Sinne) ein Schwimmvereinsmitglied. Die Bühnendeko immerhin ausschließlich in Schwimmbadblau und Rot: Journal Sonntag, 22. Dezember 2024 – Laufwetterglück, Eine Zierde für den Verein im Marstall

    Zum Abschluss ein Weihnachtslied, das eigentlich kein Weihnachtslied ist. Schedryk, ukrainisches Volkslied über die Ernte und später bekannt geworden als Carol of the Bells. Ich muss dringend in die Ukraine sobald man dort nicht mehr von russischen Drohnen abgeschossen wird: The Unknown Ukrainian Carol that everyone knows

  • 24-12-03 Wegen Warenannahme geschlossen

    24-12-03 Wegen Warenannahme geschlossen

    Blumen Osterberg am Innsbrucker Platz errichtet wieder einen Holzverschlag neben dem Verkaufscontainer. Vielleicht ist doch eine Rückkehr als vollwertiger Blumenladen geplant.

    Herausgefunden: Am Kröpcke in Hannover steht bis Silvester die größte Weihnachstpyramide der Welt; oder Europas; oder Hannovers. Auf jeden Fall groß.

    Ömis Gemüsedöner bietet „Döner für 5 Euro bis 31.12.“. Die Schlange davor entpuppte sich bei näherer Betrachtung dennoch als Wartende an der Bushaltestelle.

    Langsam scheint es sich unter den Interessierten herumzusprechen, dass im Bahnhof Südkreuz (Osthalle) ein Klavier steht. Das Niveau der Spielenden steigt. Bei einem heutigen Vorbeigang würde ich behaupten, einen richtig guten Spieler gehört zu haben.

    Bei der Kriminalbuchhandlung Hammett besorgte ich schwere Literatur; reflektierend darüber, dass Bücher damals um 2000 das Allererste war, was ich im Internet kaufte, sie sich inzwischen anschicken, neben Lebensmitteln das letzte zu werden, was ich nicht (mehr) im Internet kaufe. Zumindest solange Hammett oder andere tolle Buchhandlungen im Wohnort meiner Wahl existieren.

    Dialogisches Wundern, wer eigentlich diese ganzen 1.000.000-Euro-Kaufpreis für 90 Quadratmeter, wahlweise 4000-Euro-Miete-Wohnungen in Berlin mietet und kauft. So viele vermögende Menschen sind dann nicht in der Stadt – weder im Stadtbild, noch dort wo Statistiken sie finden könnten.

    Es soll Menschen geben, die jedes geschlossene Geschäft, jede nicht verfügbare Ware für Zeichen von Untergang und Niedergang nehmen. Nicht ich. Zivilisation funkioniert auch perfekt bei Öffnungszeiten zwischen 10 und 17 Uhr und selbst mit Mittagspause. Logistik ist ein ewiges Abenteuer und nichts auf der Welt ist unbegrenzt. Nicht einmal die Warenverfügbarkeit in der Großstadt. Aber kurios sind die Zeichen des Wandels schon.

    13 Uhr, beste Mittagspausenzeit, am ICE-Bahnhof Südkreuz. Ich passiere den seltsame dunklen Burger King, wundere mich, der wurde doch gerade erst renoviert. Näher herangetreten: „Wegen Warennahme geschlossen“.

    Weiter schwelge ich im Rausch der neugewonnen Nach-Seminarbeits-Zeitfreiheit, stürze mich mit Begeisterung in Beschäftigungen wie „Kabel aussortieren.“

    Bei der Briefkastenleerung am 3. Dezember umschwirrten mich zwei Stechmücken.

    Vorbei und zurück

    Auch die Fernuni rief wieder.

    Ich lernte Informationsmanagement – ich halte das Modul in diesem Semester für das leichteste Modul – dessen Klausur am ebenso am fernsten liegt. Der Plan ist es, in dieser Woche alle Kurseinheiten durchzubekommen und die zweiten Einsendeaufgaben zu absolvieren. Dann kann ich das Modul bis Anfang März komplett vergessen, mich anderen Sachen zuwenden, und ab März auf die informationsmanagement-Klausur lernen.

    Für das Sommersemester meldete ich mich an und rück. Neben der Bachelorarbeit (für die es einen separaten Prozess) gibt, die letzten beiden Module: Knowledge Management (in english – keinesfalls zu verwechseln mit Informationsmanagement dieses Semester) und Mikroökonomik.

    Auch bürokratisiert: Angemeldet für die beiden Klausuren für die es ab 1. Dezember möglich ist: Betriebliche Informationssysteme und Imperative Programmierung.

    Sourire d’Orchidee

    Die Latifundien im zauberhaften Zwischenstadium. Reif bedeckt auch am frühen Nachmittag noch Teile des Grases. An anderen Stellen blühen Rosen, die schönsten roten Blätter zeigen sich noch.

    Der Himmel verwöhnte uns mit schönsten Blau. Die Sonne deutete ihre Kraft an. Wir absolvierten die letzten Wintervorbereitungen. Das Getüm zog ins Haus, das Gummistiefelschaf in den Schuppen und der Gartengeräteakku in das frostgeschützte Bad.

    Die wurzelnackte Sourire d’Orchidee zog in die Erde vor der Pergola. Wir hielten uns brav an den Ratschlag nicht anzugießen und genossen die fluffig leichte und lockere Erde, wie sie nur alle paar Monate einmal vorkommt.

    Der Thymian hatte den Sommer über die Klappe in den Geheimuntergrund soweit überwuchert, dass sie nur schwerlich zu öffnen war.

    Einmal einatmen. die Augen schließen und den Blick über das Feld schweifen lassen – und Berlin ist unfassbar weit weg.

    FDP 2

    Diverser Hintergrund zu dem was in Syrien gerade passiert: SPECIAL: Syria — Nov 26-Dec 3, 2024 Wahrscheinlich lohnt es, vorher noch einen Blick in den Wikipedia-Artikel zum Krieg zu werfen, um die Ausgangslage zu verstehen. Was ich mitnahm: die Offensive kam nicht überraschend. Sowohl die Türkei wie auch Syrien wussten von den Vorbereitungen seit Monaten.

    Weniger komplex aber irgendwie auch verwirrend: das seltsame Gebaren der FDP. Frau Herzbruch schildert weiter was wir ansehen, wenn wir den Komplettunfall der Partei betrachten: Lindner ist noch immer Parteichef der FDP, vermutlich alternativlos, andererseits auch eine wirklich interessante Entscheidung.

    (Ich glaube übrigens auch dass die FDP eine komplett schmerzbefreite Kernklienten von etwa 4%-4,5% der Wählenden hat. Wenn nicht wirklich Desaströses für die Partei direkt vor der Wahl passiert, wird sie im nächsten Bundestag landen.)

    Mein Humor: Arne Uplegger (der Blogger) beantwortet typische Fragen an Arne Uplegger (den Eishockeyspieler).

    Dafür wurde das Internet geschaffen: der Java-Quellcode für ein HelloWorld als Heavy Metal Song: NANOWAR OF STEEL – HelloWorld.java (Source Code Video) | Napalm Records (dumeineGüte, sie können noch viel alberner)

    Nils Minkmar bewegend anrührend über die Einladung von Didier Eribon, Geoffroy de Lagasnerie und Édouard Louis in der französischen Botschaft in Berlin ein. Die drei Herren – hinreißend:

    Einmal ging es um das cineastische Werk von Ken Loach und den Gebrüdern Dardenne, um Vittorio de Sica und die Rezeption von Almodovar in Spanien. Kurz darauf referierte Édouard Louis über Heiner Müller und kannte sich wirklich gut aus. Sie sprangen über Epochen, Genres und Disziplinen wie übermütige Jungs über die Steine im Bach. Dann ging es um den Rotwein, der Louis suspekt vorkam.

    Aber auch der Event an sich:

    In zu vielen Ländern der Welt würden erbitterte Gegner des Präsidenten wie Éribon, Louis und de Lagasnerie verfolgt, sogar inhaftiert. In Berlin und Paris lädt man sie zu einem festlichen, offiziellen Dîner ein und der Botschafter hält eine herzliche, kenntnisreiche Lobrede. Das ist der Westen.