Schlagwort: Synagoge

  • 23-07-15 Breslau in (Nieder)schlesien

    23-07-15 Breslau in (Nieder)schlesien

    „Unsere“ Tramhaltestelle Narodowe Forum Muzyki wird in der Tram mit ihrem Namen und einigen Sekunden Geigenmusik angesagt. Ich finde das sehr charmant.

    Als ich in den 1980ern in Westdeutschland in die Schule ging, besprachen wir Herrn von Ribbeck aus dem Havelland. Das Havelland war ein fernes Reich im irgendwo, zwischen Timbuktu und Shangri-La und dem Königreich der Brüder Löwenherz. Weg, hinter dem eisernen Vorhang verschwunden, ins Nichts abgetaucht.

    Diese Bildungslücke schloss ich inzwischen. Der Bungalow steht in den Randgebieten des Havellands. Aber ich stelle fest, So ähnlich wie einst mit dem Havelland geht es mir heute mit Schlesien.

    Ich wusste nichts! Also das Wrocław/Breslau einst zu Deutschland gehörte, war mir natürlich schon irgendwie bekannt, aber was das für einen Einfluss auf die deutsche Kulturgeschichte hatte, da war nichts. Ich weiß immer noch nichts, aber wenigstens ist mein Bewusstsein der Bildungslücke gestiegen.

    Vorgestern erfuhr ich das erste Mal in meinem Leben von der Jahrhunderthalle. Heute entdeckte Madame, dass es eine Art deutscher Eiffelturm ist – sowohl von der Entstehungszeit (1913) und -anlass als auch von der Architekturgeschichtlichen Bedeutung. (Welterbe immerhin). Ich hatte nie davon gehört.

    Zwischendurch überbrückten wir die Mittagshitze beim Wandeln unter der tollsten Pergola, die ich in meinem Leben sah – gestaltet vom in Deutschland nicht unbekannten Hans Poelzig.

    Blick auf Multimedia-Brunnen und Jahrhunderthalle

    Überhaupt: Die Vorkriegsbauten sind natürlich von preußischer Gestalt, was oft an Berlin erinnert. Und sich doch schräg anfühlt.

    Spannend der Umgang vor Ort: Im Museum für zeitgenössische Kunst im Vier-Kuppel-Pavillon (auch Poelzig, auch Welterbe, auch vorgestern zum ersten Mal in meinem Leben davon erfahren) begann heute eine Ausstellung „Rococo Madness!“ über das Rokoko in Schlesien und Reaktionen zeitgenössischer Künstler*innen darauf. Phantastische Ausstellung. Aber was uns auch auffiel: Rokoko in Schlesien wurde getrieben von preußisch/deutschen-Adligen – die einfach so im Ausstellungstext erwähnt wurden ohne jede Relativierung/Kontextualisierung oder sonstwas.

    Waren halt die Deutschpreußen. Genau wie es zum Beispiel in Trier die Römer waren. Ist halt lange her.

    Schlesien – ein echtes Bildungsloch tat sich auf.

    ( Oder sei es, dass ich heute im Restaurant die urschlesische Spezialität Rinderroulade aß; bei einem Gericht mit Salzgurken als essentieller Zutat hätte mir die Herkunft auch früher auffallen können).

    Mehr werde ich auch vorerst nicht erfahren, denn es ging von Breslau Hauptbahnhof nach Warschau/ Danziger Bahnhof. Als Recherche-Aufgabe blieb übrig: Clara Immerwahr-Haber.

    Zum Namen: Früher sprach/schrieb ich meist von Wrocław (Poznan, Gdansk..) bis ich merkte, dass alle mir bekannten Polen von Breslau reden/schreiben, wenn sie auf deutsch kommunizieren. An sich finde ich ja, dass letztendlich die Polen festlegen sollten, wie die Stadt heißt.

    Selbst in der heutigen Ausstellung in der Synagoge zum Weißen Storch (deren Macher*innen ich keine Neigung zum deutschen Nationalismus unterstelle) stand im deutschen Text Breslau.

    Andererseits habe ich eine Neigung, Benennung wild zu wechseln – und dem neuen Spielzeug auf seiner virtuellem Tastatur endlich das Ł / ł beigebracht. Also Abfahrt nach Warszawa Gdańska aus von Wrocław Głowny. Die Strecke besteht aus Feldern und Wald und wenig sonst. Neben uns im IC – der Hund Carmel, als Zuglektüre weiterhin Slaughterhouse five.

    Erster Eindruck nach 30 Minuten Warschau: Erinnert an die Gegend um den Alexanderplatz.

  • 23-01-29 Do zobaczenia w Poznaniu

    23-01-29 Do zobaczenia w Poznaniu

    Die kühle Schöneberger Wohnung hat uns wieder. Der Eurocity brachte uns zurück aus Posen und es wird sicher noch einige Zeit dauern, bis alle Eindrücke verarbeitet sind, der Ansturm von Neuem seinen Platz im Hirn gefunden hat.

    Bisher weiß ich nur: Krass, dass man zweieinhalb Stunden Zugfahrt in einer anderen Welt ankommen kann. Schön, wie lebendig, sympathisch, abwechslungsreich und einladend diese Welt war.

    Zuerst ein erstes Festhalten dessen, was war:

    Freitag

    Freitag um 17:52 ging es am Berlin-Hauptbahnhof in den EC 249 (Berlin-Warschau-Express). Das Fahrmaterial wurde gestellt von der Polskie Koleje Państwowe, das Personal war bis Frankfurt (Oder) deutsch, danach polnisch. Zug halbleer, um uns die beiden polnischen Familien (zwei Mütter mit insgesamt drei Kindern), die unerfindlich die Hälfte der Zeit englisch miteinander sprachen. Ankunft in Posen viertel vor neun. Wir nahmen ein Uber ins Hotel, warfen die Koffer ins Zimmer und zogen gleich weiter zum Stare Miasto, dem alten Markt, um im Wiejskie Jadło zu essen. Zum unkomplizierten Anfang unserer Reise gab es klassische polnischer Küche: Oscypek-Käse, Schmalzstullen, eine Auswahl an Pierogi, Käsekuchen und eine Art Topfenstrudel. Plus Bier für 170 Złoty.

    Danach: „Ich bin ein Star“ auf dem Hotelfernseher.

    Samstag – Dominsel

    Samstag, Hotelfrühstück, irgendwann gegen 10:00h Aufbruch zur Tourist-Info am Alten Markt, um uns einen einfachen Stadtplan zu besorgen. Die Jakdojade-App (die ist soo toll!) empfahl uns einen kurzen Fußweg und dann die 98er-Tram zur Haltestelle Katedra, um zur Dominsel zu gelangen. Wir besichtigten den Dom (speziell: Backsteingothik in Katholisch – wie halt zur Bauzeit alle Backsteingothik-Kirchen gedacht waren) und umrundeten die Dominsel. Schauten von der Brücke in den Fluss Cybina.

    Da wir per Jakdojade (die App ist so toll) gleich ein Wochenendticket gebucht hatten, nutzten wir das, fuhren mit der 98 im Kreis und wieder urück zum Ausgangspunkt. Zu Fuß weiter durch die Stadt zum Zamek, dem ehemals preußisch-wilhelmischen Kaiserpalast und vor allem zur Enigma-Ausstellung.

    Samstag – Enigma

    Die war sehr beeindruckend, dazu später mehr. Nur kurz: Enigma war die Maschine mit der die deustche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg ihre Kommunikation verschlüsselte. Dank Briten und Polen konnten diese Nachrichten schon früh entschlüsselt werden, was entscheidenden Einfluss auf den Kriegsverlauf hatte.

    Die Ausstellung ist aufgeteilt in zwei Teile: Der erste Teil empfindet den Kryptographie-Kursus nach den die drei polnischen Dechiffrierer Marian Rejewski, Jerzy Różycki und Henryk Zygalski als Mathematikstudenten im Posen der 1920er durchliefen – es wird dargestellt, in dem man selber einen Crash-Kurs zum Thema Ver- und Entschlüsselung durchläuft mit zahlreichen praktischen Übungen.

    Kärtchen mit einem wilden Farbmuster. Ein Teil ist bedeckt mit einem Rotfilter, der eine Ziege sichtbar macht.
    Eine der ersten Übungen im Kryptographie-Kurs: Steganographie. Die Nachricht ist nicht verschlüsselt, aber versteckt. Nur wer weiß, dass dort eine Nachricht ist, wird sie (wie hier mit Hilfe eines Farbfilters) sichtbar machen können. Die Ziehe ist das inoffizielle Wappentier Posens.

    Im zweiten Teil weiß man dann ja schon gut wie Verschlüsselung funktioniert, und kann den historischen Teil, was genau die drei machten, um Enigma zu entschlüsseln – und wie überhaupt die Enigma-Maschine funktionierte, viel besser würdigen. Wir hielten uns dort gut zwei Stunden auf, bevor es mal wieder zu Fuß durch weitere Teile der pittoresken Posener Innenstadt wieder zum Hotel ging.

    Samstag – Kommunales Bad Rataje

    Wir griffen Schwimmsachen, nahmen die 13er Tram bis zur Haltestelle Wioślarska und liefen zur Pływalnia kryta Rataje, dem „Städtischen Schwimmbad [im Stadtteil] Rataje.“ Wir zogen die ein oder andere Bahn und erfreuten uns danach kurz am ungewohnten Luxus eines 32 Grad warmen Nichtschwimmerbeckens. Zurück mit der Tram, auf zum Essen.

    Nach einem kurzen Abstecher durch die Haupteinkaufsstraße, der Pólwiejska, war uns experimenteller beim Essen zumute. Wir kehrten im Laboratorium Smaku ein. Die waren so wenig auf Touristen eingestellt, dass wir beim Bestellen dreiviertel geraten haben was wir bestellten. Wir wurden mit außergewöhnlicher Darreichung von schönem Essen belohnt. Als Vorspeise Grützwurstkroketten mit Cranberry-Apfel-Salzgurke und Pilzsalat, danach Pad Thai und Wiener Schnitzel. 180 Złoty für zwei Gänge plus Wein.

    Danach: „Ich bin ein Star“ auf dem Hotelfernseher.

    Sonntag

    Heute Hotelfrühstück. Ein Fußweg wieder über den Alten Markt (der es schafft trotz einer Riesenbaustelle immer noch echt schön auszusehen) zur „Neuen Synagoge“, die wir auch aus der Nähe sehen wollten. Die stammt aus dem 19. Jahrhundert, wurde von den Nazis in ein Schwimmbad umgebaut, die polnischen Kommunisten haben das Schwimmbad gleich weitergenutzt und mittlerweile steht das Gebäude leer. Beeindruckender Bau, traurige Geschichte.

    Zu Fuß noch mal ernsthaft Posener Geschäftsinnenstadt besichtigen/bebummeln. Dabei staunten wir über hunderte (tausende?) junger Menschen bester Laune in Teils aufwendigem Cosplay mit Spendendosen; sowie darüber, dass jeder zweite Mensch in der Stadt einen Herzaufkleber trug, den man bei den jungen Menschen gegen eine Spende erwerben konnte. Schließlich wurden wir aufgeklärt: Heute ist der Abschlusstag des Wielka Orkiestra Świątecznej Pomocy (des Großen Orchesters der Weihnachtshilfe), eines jährlichen Charity-Events, der polenweit durchgeführt wird und anscheinend eine heftige Resonanz in der Bevölkerung findet.

    Danach dann (mit der 9er- und der 6er-Tram) zum Bahnhof, noch Zeit im Shoppingzentrum Avenida vertreiben und die Sahnetörtchen-Auslage der Bäckerei dort bewundern. Um 15:26 stiegen wir in den pünktlichen Fahren EC 44 (Warschau-Berlin-Express), der uns kurz nach 18 Uhr wieder in Berlin Hauptbahnhof aussteigen ließ.