Schlagwort: Westberlin

  • 25-07-01 Glamour war Zoopalast, Spaßbad war Blubb, die U1 war die U2

    25-07-01 Glamour war Zoopalast, Spaßbad war Blubb, die U1 war die U2

    Wir tranken Bier (alkoholfrei) und Buttermilch.

    Es war ein latifundaler Sonntag und ein arbeitlicher Montag, weiterhin im Juni-Hochsommer. Die kurze Brutalhitze begann sich langsam anzukündigen.

    Am Montagmorgen passierte ich den Späti mit dem handgeschriebenen Corona-Gedächtnis-Schild: Dieser verkauft Masken, Klopapier und Küchenpapier.

    In Voraussicht der Hitzetage transportierten wir den Ventilator aus der Mittelmark nach Berlin. Madame bestellte Kälteschals.

    Montag war es schwül.

    In letzter Zeit häuft sich Besuch. Montagabend versuchte sich ein Gas-Vertrags-Verkäufer. Aber anscheinend war er neu im Job. Er hatte versäumt wieder zu Atem zu kommen, bevor er in unserem Stockwerk die Klingel drückte. Und so stand ein schwer hechelnder junger Mann vor mir, der kaum in der Lage war, sein Sprüchlein aufzusagen.

    Bachstelze am morgen

    Die Hausrotschwänze besuchen uns dieses Jahr weiterhin seltener in den märkischen Hamptons. Dafür kommen regelmäßig Bachstelzen. Offenbar haben sie ein Domizil in der Nähe bezogen.

    Als leichte Andeutung des Herbstes sammeln sich Stare zu schwärmen und ziehen am Himmel über die Kolonie.

    Auch der Marder kommt weiterhin. Etwas Regen letzte Woche, weichte den Boden genug auf, dass unser komplettes Auto von seinen schlammigen Fußabdrücken gezeichnet wird. Andere Menschen müssen so etwas notdürftig mit Aufklebern simulieren.

    Spaß mit dem Halluzinator: Ich nehme ein Bild eines grün-gelben Käfers auf, frage ihn: „Was ist das?“ Er antwortet mit einem Käfer, der immer rot-schwarz ist.

    Rückfrage von mir: „Hä?“

    Antwort: „Das hast Du sehr gut beobachtet!“ Diese Mischung aus kompletten Gaga-Antworten mit ewiger Lobhudelei – der Nutzwert generativer KI scheint mir weiter stark eingeschränkt, aber unterhaltsam ist sie auf jeden Fall.

    Spannender (und soweit ich beurteilen kann auch richtiger): Die Antwort des Halluzinators auf die Frage, warum auf der Wiese mal Knautien wachsen und mal Land-Reitgras (auch Landschilf). Auch wirkt seine Auskunft kompetent, was Boden, Mikroklima und verschiedene Mahd-Regime der Vergangenheit im Platterbsenbereiche von den vier Brennesselecken unterscheidet.

    Auch spannend: Dass ein eigentlich kleines Gelände so eine Vielfalt an verschiedenen Wuchszonen auf der Wiese bietet. Aktuell breiten sich Labkraut und Knautien aus, während Reitgras stabil bleibt, Glatthafer potenziell auf dem Rückzug ist.

    Eines haben die Halluzinator-Auskünfte der Wikipedia voraus: Der Halluzinator weiß, dass das rötlich blühende Reitgras in der Abendsonne poetisch aussieht. Wikipedia verschweigt das.

    Unbekannter Käfer. Auf jeden Fall kein Oulema melanopus

    Gedanken schwirren lose wie Fruchtfliegen um mich her

    Während ich dies schreibe, mache ich mich für den Teamtag am Wannsee bereit; in einem Team voller gebürtiger Berliner wird das zum Teil ein Trip down memory lane. Passend dazu läuft das Dota-Kehr-Lied zur Westberlin-Nostalgie:

    Und ich bin im alten Westberlin / das es komischerweise immer noch gibt .. Komm wir verschleudern die gute Laune am U-Bahnhof Bundesplatz / Bleiben am Steintisch sitzen / oder fahren raus zum Wannsee mein Schatz .. Wir waren im Linientreu, waren im Rock-it / mit Schülerausweis 16 und drei Getränken frei / Glamour war Zoopalast, Spaßbad war Blubb, die U1 war die U2

    Denn die Post brachte Dota die Triple-Deluxe-Box von Dotas crowdgefundetem Albun Springbrunnen. Es kamen das Album, das Bonus-Album, das Live-Solo-Album (mit Westberlin) und das Liederbuch – und jetzt bin ich beschäftigt. Soviel Text. Soviel Musik. Quasi alles davon spannend, interessant, bedenkenswert. (Besprechung im Rolling Stone von Album 1: Obwohl Dota Kehr schon zweimal den Deutschen Kleinkunstpreis gewonnen hat, ist der Pop auf „Springbrunnen“ viel zu groß, um noch als Kleinkunst durchzugehen.)

    Falls ihr nichts mehr von hört, ich bin Dota hören und lesen.

    Essen bei Hitze

    Als Erinnerung (auch an mich selbst): Der Crocky bleibt beim Kochen ziemlich kühl – gut wenn man nicht noch Zusatzgrad in der Küche produzieren will: Gabi Frankemölle mit Die 10 besten Slowcooker-Gerichte für den Sommer

    Noch besser: Das Restaurant im Fluss: Chef Dean Baldwin Lew was looking to host a dinner of an invasive species. The Ministry of Natural Resources told him that it was illegal to carry the Rusty Crawfish over land as a single pregnant animal could extend the population to another watershed. His only option to cook & serve was to do the whole thing in the actual river where they are caught. (via Messy Nessy Chic)

  • 24-02-06 Ein Punk aus Westberlin

    24-02-06 Ein Punk aus Westberlin

    Ein Fräsenrennen, auch Einachserrennen, ist ein Rennen, bei dem getunte Einachser (Einachsschlepper, Gartenfräsen) mit angehängtem Wagen über Motocross-ähnliche Parcours Wettrennen fahren. Fräsenrennen finden vor allem in Südwestdeutschland und der Schweiz statt. Seit gut 20 Jahren etabliert sich eine überregionale Szene. Das Fräsenrennen motivierte mich, mal wieder einen Wikipedia-Artikel auszubauen.

    Einmal im Leben wollte ich einem U-Bahn-Gitarristen Geld geben, weil der richtig echt Gitarre gespielt hat und freundlicherweise auf das Singen verzichtet. Und dann hat er gar nicht gesammelt.

    Es gibt Betätigungen, um die ich aus Vorsicht einen großen Bogen schlage. Computerspiele gehören dazu, ebenso wie Lego. Bei beiden befürchte ich, dass sie sich schwups zu zeit- und kostenfreudigen Hobbies entwickeln könnten.

    Aus diesem Grund lag auch der Lego-Technic-Mini-Traktor einige Monate unbeachtet herum, den ich einst geschenkt bekam: Furcht.

    Dieses Wochenende war ich mutig. Es macht Spaß. Meine Befürchtungen sind gerechtfertigt. Aber schnell stellte sich auch heraus: zumindest die fertigen Lego-Sets finde ich alle eher öde. Gerade die teuersten und fortgeschrittensten Modelle sehen oft aus nach „Langweiliges Fernlenkauto, bei dem wir die Fernlenkung durch eine Handy-App ersetzt haben.“

    Wenn mich etwas reizt, sind es die quer durchs Internet wabernden Um- und Selbstbauten. Die werfen aber sofort das nächste Problem auf. Wohin mit dem ganzen Grümpel in der Wohnung?

    Auch ein professioneller Intune-Spezialist sagt jedes dritte Mal Intunes.

    Madame schloss den neuen alten CD-Player an.

    Madame beriet zu Intranet-Zitationen.

    Sie hat fertig abgewickelt für dieses Jahr.

    Sollten wir jemals auf die wahnwitzige Idee kommen, mit dem Subaru nach Paris zu fahren, dürften wir weiterhin zum Normalpreis in der Innenstadt parken. Nach der entsprechenden neuen Richtlinie ist unser véhicule thermique (knapp) kein SUV.

    Punk’s not dead. Aber er ist im kritischen Alter. In wenigen Wochen starben Shane MacGowan (The Pogues), Egotronic, Frank Z. (Abwärts) und nun auch Wayne Kramer, der Gitarrist der bahnbrechenden MC5.

    In den USA war ich einst mit 17 Jahren auf einem bestuhlten Alice-Cooper-Konzert; eine verwirrende Erfahrung.

    Einmal nach Mercedes

    Andere Menschen gehen im gesetzten Alter zu Bands ihrer Jugend, um die Jugend nachzuerleben. Ich mach das anders: ich geh zu einer Band meiner Jugend, die ich in meiner Jugend gar nicht hörte, um eine nicht-vorhandene Jugend nachzuleben.

    In den Jahren, die ich quasi ununterbrochen mit dem intensiven Hören von U-Musik verbrachte, waren Alphaville immer viel zu Pop, zu Charts, zu Musikindustrie, um sie irgendwie ernst zu nehmen.

    Die Änderung kam 2018, bei „Sing meinen Song“ mit Alphaville-Sänger Marian Gold.

    Gold erzählte er von seinen prägenden Jahren als Punk in der Westberliner Hausbesetzerszene um 1980 – das legendenumwobene Straßenschlacht-David-Bowie-Sven-Regener-Christiane-F-Westberlin – noch mehr Street Credibility geht gar nicht. (So handelt zum Beispiel das Mitte der 1970er entstandenen Big in Japan direkt vom der Drogenszene am Bahnhof Zoo).

    Vor allem stellten wir fest: der kann Singen. Also richtig. Also so, dass ich ihm auch sofort einen Operntenor abnehmen würde. Was der an Kraft, Kontrolle und Variation in der Stimme hat, habe ich bei einem Popsänger nur selten gehört.

    Und dann wollten wir das Live sehen. „Alphaville“ (sprich Gold + vier neu hinzugekommene Bandmitglieder) und das Babelsberger Filmorchester in der Mercedes-Benz-Arena.

    Soviel Pathos und Bombast muss man stemmen können.

    Er konnte.

    Kurz hatte ich mich gefragt, ob er mit Mikro singt – denn Operntenor. Ich würde ihm auch zutrauen, dass er allein Kraft seiner natürlichen Stimme durch die Arena dringen würde. Aber es war mit Mikro. Am Anfang leider: die Tonmischung war schlecht. Sowohl Sänger wie auch Orchester kamen dumpfer bei uns an, als gut gewesen wäre. Aber es wurde im Laufe des Konzerts besser.

    Gold brachte die bekannten Hits (Big in Japan, Forever Young), verschiedene neuere Stücke und erzählte aus seinem Leben. Wieder Westberlin, wieder die frühen Alphaville-Jahre in Münster, ein Rückblick auf die Tournee, deren Abschlusskonzert es war. Aber auch wie es sich anfühlt, wenn die eigenen Kinder vielleicht Klimakleber werden. Und „Scheiß Nazis.“

    Die Art von Konzert benötige ich nicht öfter als einmal im Jahr. Aber einmal im Jahr ist es Besonders.

    Blick auf die Mercedes-Benz-Arena von Mercedes-Benz-Platz aus

    Zweimal nach Mercedes

    Der Sonntag brachte uns schon wieder an den Mercedes-Benz-Platz. Unser Plan „Erst die World Famous Baby Back Ribs Essen bei Tony Roma’s, dann Alphaville“ war nicht aufgegangen – anscheinend waren wir nicht die einzigen mit der Idee.

    Also am Sonntag wieder zum Essen, einmal sehr amerikanisch und sehr gute Come-off-the-bone St. Louis Ribs mit perfekter Sauce genießen. Ein mythischer Ort meiner Jugend ist Südstaaten-Barbecue – und für ein Ketten-Restaurant kommt Tony Roma’s ziemlich nah heran an dieses Essen.

    Dazu ein paar Cocktails. vorbildlicher Coleslaw und Ranch Beans und am Ende gingen wir sehr satt und sehr klebrig von dannen.

    Der Mercedes-Benz-Platz selber: eine Mischung aus Londoner Leiceste Square und Warschau – durchaus spannend. Der Fußweg von der S-Bahn-Station nach dort: Berlin 1998, ein erstaunliches Beharrungsvermögen des Ortes. Nach Hause mit der U1 durch Kreuzberg – Ausgehviertelsluft schnuppern.

    |x| < R

    Merksatz aus dem Mathe-Studientag, Abteilung Prädikatenlogik, zum Thema gebundene und freie Variablen: „Für alle Straßen gilt: Wenn es regnet, dann werden sie nass. Und Dinosaurier.“

    (Die Straßen sind gebunden, die Dinosaurier frei. Formell geschrieben \( \forall x (Px \land Qy) \).)

    Noch 13 Tage bis zur Mathe-Klausur. Müsste ich diese jetzt sofort schreiben, würde ich einige Punkte bekommen – aber noch nicht ausreichende Punkte zum Bestehen. Einen Großteil des Stoffes habe ich glaube ich verstanden. Es fehlen aber noch die entsprechenden Formeln und Sätze im Schnellzugriffsspeicher des Gedächtnisses und auch Rechenübung. Das in Mathe so wichtige „man sieht wie es weitergeht“ funktioniert noch sehr unzuverlässig. Das sollte aber Übungssache sein und sich bis zum 19. Februar zurechtruckeln können.

    Spannender werden die beiden echten Lücken, die ich identifzierte:

    (1) Die Matrixdarstellung im Homomorphismenraum. Irgendwo setzt bei „das ist die Matrixdarstellung eines Vektorraums, der sich bildet durch lineare Abbildungen von Matritzen, die entstehen wenn man Vektoren..“ mein Hirn aus. Wahrscheinlich muss ich einmal wirklich aufschreiben, welche Transformationen man alle durchgehen muss, bis man bei der Matrixdarstellung angekommen ist.

    (2) Konvergenzradien von Potenzreihen. Ein paarmal hatte ich im Semester schon den Ausdruck nach Cauchy-Hadamard gehört und nun noch einmal nachgeschlagen. Ich könnte wetten von den ganzen Themen noch nie gehört zu haben. Wenn ich auf die Formeln sehe, denke ich: „???“. Diese Lücke zu schließen, wird noch spannend.

    Führungskultur und Friseur

    Poupou schwimmt wie ein Fisch durch den ÖPNV.

    Die immer-noch-Existenz von Wikipedia ist ein kleines Wunder. Und bei allen Widrigkeiten: Der Hauptgrund ist, dass im Hintergrund immer das Stiftungs-Spenden-Modell stand. Wie es bei einer ähnlichen Seite aussieht, wenn die Community stimmt, aber der Eigentümer sein Wagniskapital refinanzieren muss, zeigt das ähnlich angelegte Quora: How Quora Died.

    Alerta, Alerta, Kyritz ist härter.

    Manches wird besser: Zum Beispiel Unternehmens-Führungskultur.

    Demokratie ist wichtiger als Friseur. Aber Demokratie ist auch abstrakter als Friseur.

    Mequito war auf der Berliner Nie-wieder-ist-jetzt-Demo und fand sie zerfahren.

    Der FC Bayern hat gute Momente.