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  • 25-04-22 Als wir abfuhren, läuteten die Kirchenglocken

    25-04-22 Als wir abfuhren, läuteten die Kirchenglocken

    Paris-Nachhall

    Um diesen Post langweiligstmöglich zu beginnen, zwei Korrekturen zum letzten Post:

    Das Restaurant Le train bleu liegt natürlich nicht im Gare du Nord, sondern im Gare de Lyon. Die opulenten Deckengemälde mit den Reisezielen in Südfrankreich hätten mir eine Erinnerungsstütze sein können.

    Zum Jardin du Luxembourg fuhren wir nicht mit der Metro, sondern mit der RER, der Pariser Version der S-Bahn.

    Ein letztes Paris-Erlebnis: Da wir Karfreitag morgens zum Zug wollten, fragten wir, ab wann Frühstück ist. „Na, um sieben. Wie jeden Tag“ – „Ist das nicht anders, weil morgen Feiertag ist?“ – Der Rezepzionist war mehr verwundert ob unserer Frage. Wir erklären, dass sich in Deutschland die Frühstückszeiten an Wochenenden und Feiertagen ändern. Er, mit einer Fassungslosigkeit tief aus der Seele: „Im Hotel???“. Hätten wir erwähnt, dass sich in Deutschen Hotels Sonntags jeder Gast selbst eine Wurststulle mitbringen muss, er hätte nicht überraschter sein können.

    Trier

    Aber Paris ist schon fast eine Woche her. Der Koffer mit dem Trier-Gepäck hingegen steht noch unausgepackt im Flur. Also eigentlich natürlich der Koffer, mit den Pariser und den Trierer Sachen. Denn wir fuhren von Paris mit dem TGV nach Saarbrücken und von dort mit Regios nach Trier.

    So der Plan.

    Regio und ein TGV fast ausschließlich in Frankreich – was soll schon schief gehen?

    Krieg! Der zweite Weltkrieg. Eine Fliegerbombe. Und plötzlich fuhr unser TGV nicht mehr nach Saarbrücken, sondern nach Mannheim – mit dem Regio zwei Stunden in die falsche Richtung entfernt. Mit uns zusammen wollte der halbe TGV zurück nach Saarbrücken.

    Wir sahen Szenen.. ein Regio bei dem Menschen mit Gesichtern an die Tür gedrückt standen.. Paare die sich lautstark auf dem Bahnsteig anbrüllten.. ein erwachsener Mann der mit voller Wucht auf den Tresen der genervten Warme-Semmel-Verkäuferin schlug. High Life im Regionalverkehr.

    Aber mit Madame kann man selbst unter diesen Umständen gut und entspannt verreisen. Immerhin wissen wir jetzt, dass mensch bei Yormas im Bahnhof Kaiserslautern auch mal eine Stunde warten kann, direkt nebenan sogar noch eine echte Bahnhofsgaststätte existiert.

    Trier, jetzt wirklich

    Wir kamen an. Kellerkind holte uns am Bahnhof ab, setzte uns im Holiday Inn neben Mosel und Freibad ab und erläuterte das weitere Programm.

    Drei Essen

    Drei Abendessen mit Kellerkind und anderen Gästen.

    Kulinarisch am bemerkenswertesten: Die Brasserie Sim, eine langsame Entwöhnung wieder vom Pariser Sieben-Gänge-Menü zum „Mittagstisch im Forum Esswirtschaft / Berlin“. Ich hatte Bouche de la mer (Königinnenpastete mit Meeresfrüchten – passend zum Karfreitag), Madame Cordon Bleu mit Münsterkäse.

    Die Meeresfrüchte-Etagere mit Hummer und Austern versuchte uns. Aber die anderen, uns vorher unbekannten, waren viel zu sympathisch und spannend, um eine Etagere zwischen sie und uns zu platzieren.

    Das speziellste Essen, zwei Tage später im Brauhaus: der Kellner, der mitbekam, dass es etwas zu Feiern gab und spontan Teller und Gabeln für den mitgebrachten Geburtstags- und Taufkuchen brachte und dazu noch einen Cocktail spendierte.

    Drei Städte

    „Immer diese römischen Sarkophage. Immer wenn wir graben, finden wir neue Sarkophage aus antiker Massenfertigung.“, klagte Bruder Gregor, „Die will schon lange kein Museum mehr haben. Aber Schreddern können wir sie auch schlecht. Also haben wir eine Garage angemietet, um sie aufzubewahren, mittlerweile stehen sie auch im Garten des Klosters.“ – Trier in a nutshell.

    Die römische Stadt

    Trier, die älteste Stadt Deutschlands mit der ältesten romanischen Kirche Deutschlands und der ältesten gothischen Kirche Deutschlands, Hauptstadt des römischen Galliens – und seitdem ging es irgendwie bergab.

    Wir liefen mehrfach an der Porta Nigra vorbei, besichtigten die Konstantinbasilika aus dem 4. Jahrhundert und die Kaiserthermen aus ähnlicher Zeit. Letztere ein eindrückliches Beispiel dafür, dass Protzbauten auf der grünen Wiese auch um 380 n. Chr. schon beliebt waren. Was für ein Gangsystem.

    Leichtes Gelächter allerdings bei allen mit der Bahn angereisten, die Triers historischen Bedeutung mit der „verkehrsgünstigen Lage“ erklärt fanden.

    Die katholische Stadt

    Kellerkinds Heimatgemeinde nach Wohnort feiert die Messe nach dem Tridentischen Ritus. Die traditionelle katholische Messe, die seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil abgeschafft wurde, von Papst Benedikt in engen Grenzen wieder eingeführt und unter Franziskus nur in sehr viel engeren Grenzen, in wenigen Einzelfällen unter gerade-noch-so-Duldung erlaubt wurde. Wer die Tridentische Messe feiert muss wirklich sehr davon überzeugt sein, zum konservativen Flügel des Katholikentums gehören zu wollen.

    Kellerkind möchte nicht Teil dieser Gemeinde werden.

    Trier, die Stadt in der an jeder Straßenecke eine historische Kirche mit lebendiger Gemeinde steht. Die Stadt, die ihrem bekanntesten Sohn, Karl Marx, die 50 Meter Straße widmete an der das Sex-Kino und die beiden Nachtbars stehen, die Stadt wo es Weihwasser in Kanistern zum Selbstabholen gibt, Trier ist besonders.

    Kellerkind erzählte: Als sie damals nach Trier zog, und kurz darauf der Papst starb, läuteten 30 Minuten lang sämtliche Kirchenglocken der Stadt.

    Die moderne Stadt

    Wir kauften Schuhe und sahen eine Nazi-Demo. Die Stadt war über die Ostertage überfüllt. Die Chance bei Calchera, familiengeführtes italienisches Eiscafé seit 1937, einen Platz zu ergattern, waren Null.

    Wir zogen weiter, fanden einen Schuh-Räumungsverkauf und waren erfolgreich. Kurz darauf fanden wir einen anderen Eiscafé-Platz bei San Marino, saßen friedlich, als plötzlich die Nazi-Demo durch die Stadt zog.

    Der ehemalige Ballermann-Sänger Björn Banane – I kid you not – war Stargast einer Demo irgendwo zwischen Querdenkerdemo und waschechten Neonazis. Die Gegendemo war auch anwesend.

    Er herrschte mittelschweres Weimarer-Republik-Feeling wenn man nichtsahnend in eine friedlichen Kleinstadt kommt und plötzlich linke und rechte Demos an einem vorbeiziehen. Beunruhigend: (1) Sie waren beide ungefähr gleichgroß. (2) Bei der Banane-Demo war ein ganzer Block, der optisch als gewaltbereite Neonazis erkennbar war – der die ganzen anderen Querdenker aber nicht weiter störte. (3) Der im Café herübergewehte Gesprächsfetzen vom Nachbartisch „Irgendwie haben sie ja recht.“

    Wir hatten zum Glück die Gelegenheit uns auch noch länger zu den Omas gegen Rechts zu begeben und etwas mitzudemonstrieren.

    Neben Nazis sahen wir auch einen Stapel Eidechsen. Das war netter.

    Ein Ereignis

    Aber wir waren weder nach Trier gekommen um Schuhe zu kaufen, noch im Römer zu schauen. Das katholische Trier hatte eingeladen. Nun ist Glaube etwas höchstpersönliches; der Versuch eine Glaubensmotiviation nachzuvollziehen schon von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Und so bleibe ich beim flapsigen: Kellerkind wurde vom katholischen Trier infiltriert. Aufgewachsen in atheistisch/agnostisch/protestantischer Umgebung, hatte sie sich mit Ü30 entschieden, sich taufen zu lassen – katholisch.

    Als wir hörten „Erwachsenentaufe. In einer Klosterkirche durch die Mönche. In der Osternacht“ wollten wir sofort eingeladen werden und wurden erhört.

    So als quälten wir uns Nachts um 3 aus dem Bett, um uns um 4:05h vom vorbestellten Taxi zur Benediktinerabtei St. Matthias bringen zu lassen. (Mit dem einzigen Apostelgrab nördlich der Alpen – Trier natürlich). Warten auf dem Mönch.

    Ein Mönch verteilte Kerzen (nicht, wie zuerste gedacht: Kaffeebecher; oder Schnapsgläser), das Osterfeier brannte.

    Wir zogen in die dunkle Kirche. Es folgten zweieinhalbstunden Messe. Erst die komplette Osterfeier. Dann ein die Taufe (Kellerkind bekräftigte nachdrücklich den Glauben und widersagte dem Bösen). Dann die Tauferneuerung – Mönche verteilten Taufwasser, dass sich die anwesenden Gläubigen noch einmal aufbringen konnten; der agnoistische und evangelische Teil der Gäste verzichteten – dann ein kompletter Abendmahlsgottesdienst mitsamt Kellerkinds Erstkommunien und einem beträchtlichen Teil der ,Allerheiligenlitanei, endend mit „Heilige Scholastika, bitte für uns.“

    Irgendwann zwischendurch auch noch die Firmung, zu der das Öl offensichtlicht aus dem heiligen Flachmann geschüttet und bereitet wurde.

    Vorher hatte es noch Diskussionen gegeben, ob die Protestanten an der Kommunion teilnehmen können und sollen (alle Anwesenden einschließlich der Mönche im Prinzip dafür, Kirchenrecht dagegen), ich persönlich entschied mich als Freund der Formvorschrift für eine unabendmahlsliche Segnung.

    Durch die Kirchenfenster zu sehen: die Verwandlung der dunklen Nacht über das Morgengrauen in den Tag.

    Danach, frisch errettet und durchgefroren ein kleines Nachgottesdienstfrühstück mit der Gemeinde, danach ein größeres Frückstück mit der Klostergemeinschaft im Refektorium. Am Tisch, Bruder Gregor, ein Mensch mit dem wir noch hätten stundenlang sitzen können und wortwörtlich über Gott und die Welt reden können.

    Ein Abschied, der Papst stirbt

    Am Bahnsteig erfahren wir das der Papst gestorben ist. What’s App meldet – Spiegel und New York Times wissen nichts – aber Bild.de bestätigt. Als wir in den Zug steigen, beginnen die Glocken zu läuten.

    southpark spielt mit ChatGPT

    Auch ein Ergebnis der Reise. Ich spielte viel mit ChatGPT, schaute was geht und was nicht. Aber dazu an anderem Ort mehr. Ich hoffe, ich bin inzwischen wieder auf einem sozialverträglichen Maß des Spielen angekommen. Aber etwas müsst ihr jetzt damit durch.

    Prompt1 : Erstelle mir passend zum Blogtext oben eine Illustration als Ergebnis und verschiedene Empfehlungen. Ergebnis:

    Outfit-Empfehlungen (50 Jahre)
    Frau: Zweireihiger Leinenmantel in Ecru mit handgestickten Details, kombiniert mit Seidentuch aus Lyon.
    → Elegant nostalgisch, kontinentales Flair; tragbar beim Stadtbummel wie zur Tauffeier im Kloster.

    Mann: Marineblauer Sakko-Mantel mit Cordkragen und St. James-Schal, dazu graue Bundfaltenhose.
    → Klassisch-französischer Provinzstil, unauffällig distinguiert; passt in Trier wie Paris, auch im Regionalzug.

    Kulinarik für ein Paar (50 Jahre)
    Gebratener Wolfsbarsch auf Fenchel-Orangen-Bett mit Pastis-Butter, dazu Blätterteig-Tarte Tatin und ein Glas Crémant de Die.
    → Französisch ohne Überladenheit, feierlich, aber nicht prätentiös – perfekt zwischen Baptisterium und Bahnhof.

    Musik
    Lucrecia Dalt – „Atemporal
    → Subtile elektronische Meditation über Zeit, Erinnerung und Identität – für späte Stunden in Klosterfluren oder auf Bahnsteigen.

    Film
    „The Secret of Roan Inish“ (1994) von John Sayles
    → Mythen und Realismus verschmelzen; Erinnerung, Glaube und Zugehörigkeit verankert in Landschaft und Familie – weich und weise erzählt.

    ? Roman
    Ruth Gilligan – „The Butchers’ Blessing“
    → Irische Glaubens- und Übergangsriten, aufgearbeitet in einem Roman über Mütter, Märtyrer und Märkte. Wild, intim und erschütternd schön.

    ? Sachbuch
    Lauren Elkin – „Flâneuse: Women Walk the City in Paris, New York, Tokyo, Venice and London“
    → Essayistischer Spaziergang durch urbane Räume aus weiblicher Perspektive. Reflexion über Öffentlichkeit, Identität und Bewegung – wie geschaffen für Paris-Nachhall-Leser:innen.

    1. Sinngemäß. In Wahrheit waren die Prompts etwas komplexer und auch mehr als einer. ↩︎
  • 24-01-25 Europa mit dem Zug (Mobilfunkmast)

    24-01-25 Europa mit dem Zug (Mobilfunkmast)

    Am 27. Januar ist Demo „Unteilbar – gemeinsam für Demokratie“ in Oranienburg.

    Madame ist wieder schwimmbadfähig. Da das Stadtbad Schöneberg auf unbestimmte Zeit in restauro ist und das Stadtbad Wilmersdorf von der streikenden S-Bahn angefahren würde, ging es zum busgünstigen Stadtbad Lankwitz.

    Die Berliner Bäderbetriebe haben eine neue Website.

    Der Lidl Kleiststraße öffnet erst um 8.

    „Gehen Sie direkt zum Hausarzt. Gehen Sie direkt dorthin und passieren weder Demo noch Erwerbsarbeit.“ Tja nun; mein überschießender Optimismus, der mich letztes Wochenende zu „weitgehend gesund“ erklärt hatte, hielt nicht lange. Und so landete ich nach einem Tag Arbeitsversuch schnell wieder im Krankenlager.

    Diesmal: Mehr offensichtliche Erkältungssysteme (Husten und Husten), dafür nicht ganz so viel Nebel im Kopf. Sofern ich darauf achte, großzügige Ruhepausen in den Tag einzustreuen, funktioniert sogar Lesen oder Internetdaddeln.

    Was noch besser funktioniert: Realitys schauen. Rechtzeitig zu meiner zweiten Krankenlagerwoche startete RTL „Ich bin ein Star. Holt mich hier raus.“ Cora Schumacher streitet mit RTL und Dr. Bob darüber, ob sie freiwillig (so RTL und Dr. Bob) oder aus zwingenden gesundheitlichen Gründen (so Schumacher) das Dschungelcamp verließ. Ich vermute, es geht nicht nur um’s Ego sondern auch um’s Honorar.

    Überhaupt lernte ich: Realitystar scheint kurz davor, ein Ausbildungsberuf mit Ausbildungsordnung, IHK-Zertifikat und festgefügten Karrierestufen zu werden. Berufseinstieg über Bachelor/ Bachelorette, Aufstiegsoptionen über Dutzende Datingshows. Dabei Investition in einen selbst via Tattoos und Schönheits-OPs. Als Höhepunkt für wenige Auserwählte folgt das Dschungelcamp. Die Auserwählten der Auserwählten dürfen zu Let’s Dance. Danach klingt die Karriere bei Mallorca-Parties und Möbelhauseröffnungen aus.

    Vermutlich gibt es inzwischen auch Kurse und Schulen, die einen auf den Karrierepfad vorbereiten. Dort gibt es Lektionen wie „Von Null auf Drama in vier Sekunden“ oder „Verschmitzt Lächeln für Fortgeschrittene (nur für Männer)“. Die Karriere ist halt sehr kurz.

    Die Zeit in der Wohnung erlaubt mir den Blick aus dem Schlafzimmerfenster. Ein paar Häuser weiter Richtung Nordost erschien ein Mobilfunkmast. Ob er auf einem Dach steht oder solo aufgestellt wurde, kann ich nicht mehr erkennen. Aber er erhebt sich über alle Dächer. Eine direkte Sichtverbindung zum Mast sollte den Handyempfang in der Wohnung verbessern.

    Weiterhin ungewohnt: die U-Bahn-Exkursion mit der U4 zum Nollendorfplatz und dann zum Hausarzt. Sein Umzug von einer Miniaturpraxis – in der er alles selbst machte, es weder Sprechstundenhilfen noch Termine gab – in einen Betrieb mit einem halben Dutzend Ärzten und eigenem Labor – wirkt noch fremd. Wenigstens blieb er selbst ganz eindeutig der alte unkomplizierte und zugewandte Arzt, den wir schätzen.

    Holleri du dödel da – Jodelschule Antifa

    Tröt, das nicht-soziale soziale Netzwerk erlebte seinen „Twitter-Moment“. Unter dem Hashtag #Antifasticker bastelten viele Menschen plötzlich alle möglichen und unmöglichen Antifa-Sticker. Ein paar Beispiele:

    Und so weiter. Dutzende! Hunderte! Das Muster ist normalerweise [Grund warum es nicht geht] – trotzdem da – [Gruppenname] Antifa.

    Diese Fähigkeit sehr schnell zusammen politische Unterhaltung zu schaffen, zeichnete einst, vor vielen Jahren, Twitter aus. Mit dem Niedergang von Twitter ging sie verloren. Und jetzt ist sie auf Tröt/Mastodon zurück. Es bleibt spannend.

    Madame fand Hinweise auf einen Ursprung des Süriches Magazin „Der rechte Rand“ aus dem Jahr 2021 gewesen zu sein. In der Rezeption des Artikels „100 Jahre Antifa“ tauchte „Totgesagt und trotzdem da“ auf.

    Den ersten Gebrauch des kompletten Reims finde ich bei Anti-Querdenker-Demos 2022 bei denen die durchgeimpfte Antifa auftauchte „Pandemie und trotzdem da – durchgeimpfte Antifa.“

    Am 27. Januar ist Demo „Unteilbar – gemeinsam für Demokratie“ in Oranienburg. Getreu dem Motto „Keine Ferien trotzdem da – Nebenwohnsitz-Antifa“ wäre ich ja gerne gekommen. Aber das habe ich letzte Woche gelernt. Wenn ich die Erkältung loswerden will, sollte ich doch aussetzen.

    Nutolina: Zuggeräusch

    Internetdaddeln brachte mich nach einigen Monaten Abstand wieder bei der Wikipedia Library vorbei. Und ich bin ernsthaft beeindruckt. Die Anmeldung erfolgt einzig über den (halbwegs aktiven) Wikipedia-Login. Danach dann eine Auswahl der üblichen wissenschaftlichen Datenbanken und Portale (Jstor, Springer Science, Project Muse aber auch Nature, verschiedene Zeitungsarchive, Nomos oder Duncker & Humblodt) mit Zugriffsmöglichkeiten, die einer wissenschaftlichen Bibliothek gleichen.

    Wobei ich die Site übersichtlicher finde als ich die meisten Bibliothekswebseiten auf denen ich schon e-Ressroucen nutzte. Es gibt auch eine Suchfunktion quer über alle Portale. Ich bin positiv beeindruckt.

    Wenn ich schon deutlich mehr wohnungsgebunden bin, als mir lieb ist, kann ich gedanklich in die Ferne schweifen. Ich stöberte durch Europa mit dem Zug von Cindy Ruch, begleitet von der dazu kuratierten Playlist.

    Zu jedem Land Europas gibt es einige Seiten mit praktischen Hinweisen (Wie kann man Tickets buchen / wie kommt man mit dem Zug ins Land) und Wissenswertem (Zwei bis drei Lieblingsstrecken pro Land, geeignete Lektüre im Zug). Dazu gibt es persönliche Schilderungen einzelner Strecken wie beispielsweise dem Nachtzug Budapest -> Bukarest oder Helsinki -> Kemijärvi)

    Genau das richtige Format für kurze Aufmerksamkeitsspannen und angenehmes Tagträumen. Und außerdem eine Motivation, bald die Sommerurlaubsbuchungen zu beginnen.

    Eine der beiden deutschen „Lieblingsstrecken“ ist die Höllentalbahn Freiburg -> Donaueschingen. Da sollte eine Fahrt zeitnah machbar sein.

    Mehr zu Antifa-Stickern bei Herrn Rau: Auch DU kannst Antifa sein.

    Die Suchmaschine für das alte Internet: Old’aVista.

    Frau Novemberregen: Was richten mehrere Jahre Popgesang-Unterricht mit einem an.

  • 24-01-23 Perleberg steht auf. Berlin sucht die Demo.

    24-01-23 Perleberg steht auf. Berlin sucht die Demo.

    Cora Schumacher (Dschungelcamp), die Buffalo Bills (NFL-Playoffs) und Ron DeSantis (US-Präsidentschaftswahl) sind raus.

    Der Gemeinderat von Norderwöhrden/Dithmarschen (290 Einwohner) stimmte mit 4:3 dem Bau einer Batteriefabrik für 4,5 Milliarden Euro zu. Und in seinem Ablauf ist das schon etwas absurd.

    Madame und ich gingen zur Antifa-Demo und saßen danach auf dem Sofa fernsehen. Wie so ein altes Ehepaar.

    Wir entließen den roten Fundstuhl in die Freiheit.

    Mächtig, gewaltig

    Madame bereitete Gans. Im Januar. Im Januar gibt es keine Gänse.

    Erster Versuch beim Spargel- und Gänsehof, dessen weidende Gänseherde wir regelmäßig passieren. Auskunft dort: „Nach Weihnachten gibt es keine Gänse mehr.“

    Zweiter Versuch: Der „Geflügelfleischer“ der Nachbarschaft, der problemlos Fasane, Wachteln, Tauben, französische Schwarzfußhühner, Mandarinenten und Amselzungen besorgen kann: „Gans. Januar. Hmm, hmmm, hmm. Schwierig.“

    Schließlich gelang es dem Geflügelspezialisten, eine tiefgekühlte und vom Fachmann im Kühlhaus aufgetaute „Weidegans aus dem grünen Oldenburger Münsterland“ aufzutreiben. Madame bereitete in einer 2-Tages-Aktion zu.

    Das genaue Rezept samt Schnickschnack, Füllung und Sauce steht auf dem Rezeptblog, low-n-slow. Das wichtigste:

    • Gans, 4,3 Kilogramm
    • 1 – Eine Stunde im Backofen bei 220 Grad garen.
    • 2 – Dann 8 Stunden über Nacht bei 80 Grad im Backofen schmoren.
    • 3 – Herunterkühlen lassen auf Transporttemperatur
    • 4 – Mit dem Subaru-Gänsetaxi nach Friedrichshain kutschieren
    • 5 – Bei 180 Grad 30 Minuten wieder heiß machen
    • 6 – Bei Heißluft überknuspern

    Die Schritte 3 bis 5 sind optional.

    Ein nachgeholtes Gebutstagsgeschenk bot sich als Anlaß an. Wir redeten vom Business (Ablauf von Bewerbungsverfahren, internationaler Lizenzhandel, „Immer dieses Connecten!“), von Familiärem und von Jonglierkursen. Dann Antifa.

    U-Bahn voll und trotzdem da: Die Fußgänger-Antifa

    Die schlechte Nachricht vorweg: Offensichtlich habe ich in meinem Leben an zu vielen Antifa-Demos bei gleichzeitiger Anwesenheit von Nazis teilgenommen: Seitdem ich am Wochenende Demofeeling hatte, hängt mein Hirn auf Dauerschleife. Es grölt ununterbrochen: „Hier! marschiert! der nationale Widerstand!“. Das ist unschön. Vielleicht ist es auch nur die Erkältung.

    Interessant: Bei etwa 100.000 Menschen scheint die Belastungsgrenze deutscher Großstädte für spontane Versammlungen erreicht. Hamburg und München brachen wegen Überfüllung ab. Berlin hatte mit dem Platz der Republik, dem Bürgerforum, dem Brandenburger Tor mit Pariser Platz, der Straße des 17. Juni, der Straße Unter den Linden und dem Tiergarten noch viel Platz für Menschen. Nur gelangten die Menschen nicht mehr bis dorthin.

    Beeindruckend: Wir versuchten um 15:30h an der Samariterstraße (6 Kilometer Luftlinie und 10 U-Bahnstationen vom Demo-Ort entfernt) zur Demo zu gelangen. Der gesamte Bahnsteig war voll mit Menschen, halt so wirklich aus der Nachbarschaft in jung und alt, viele Familien, spontan selbst gebastelte Plakate und eine einfach positive Stimmung. Die wenigen Plätze, die in den hereinfahrenden U-Bahnen noch quetschbar waren, waren stets schnell gefüllt. Wir hatten keine Chance, in eine der Bahnen zu gelangen.

    Also antizyklisch noch ein paar Stationen aus der Stadt herausgefahren, ausgestiegen, wieder in die richtige Richtung eingestiegen und am Brandenburger Tor aus der U-Bahn geworfen worden. Dort wurde es unübersichtlich. Es war so viel Demo und so viele Menschen unterwegs, dass nicht so ganz klar, wo die Demo war.

    Gut, dass wir so den Weg vom Brandenburger Tor zum Reichstagsgebäude kennen. Der Plan „Folge-den-Menschen-die-so-aussehen-als-würden-sie-zur-Demo-gehen“, wäre nicht aufgegangen. Denn sie waren überall, und sie bewegten sich in alle Richtungen.

    Menschen mit Postern strömten durch den Tiergarten, kamen vom 17. Juni oder aus Richtung Potsdamer Platz. Andere waren am Gehen. Gegen 18 Uhr gingen wir wieder und immer noch kam ein Strom neuer Demonstrant*innen herangelaufen. Bis zur Museumsinsel (etwa zwei Kilometer östlich der Demo) waren alle U-Bahn-Stationen außer Betrieb genommen. Bis dorthin war die gesamte Straße Unter den Linden für den Verkehr gesperrt, denn den Platz benötigten Demonstrat*innen auf Hin- oder Rückweg.

    Ich traue mir nicht zu, zu schätzen, wie viele Menschen gleichzeitig vor dem Reichstag standen. Aber ich habe den Eindruck, dass zu jedem gegebenen Zeitpunkt ein Vielfaches an Menschen durch die komplette Innenstadt zog, entweder auf dem Hin- oder Rückweg zur Demonstration.

    Menschenmenge auf dem Weg durch den Tiergarten
    Nicht die Demo, sondern einer der Zugangswege durch den Tiergarten.

    Sticken gegen Nazis

    Gesehen: Leuchtplakate (sei es Plakate mit Lichterketten oder von innen beleuchtete Lichttafeln mit ‚Nie wieder ist jetzt‘-Aufschrift); ein Plakat „Darkroom links gegen rechts.“ Flaggen, die aus Metall-Brandschutzdecken bestanden; ein Plakat „Merz ist mitgemeint“; „Wir sind mehr“, „Wir sind das Volk“; der obligatorische Brezelverkäufer hatte seinen Bauchladen anlaßgemäß geschmückt.

    Premiere: Eine Mini-Demo in der Demo gegen die Demo. Etwa 20-30 Personen mit Palästina-Flaggen, deren englischen Transpis nach sie vor allem dagegen demonstrierten, dass die ganzen Anti-Nazi-Demonstranten nicht auch zur Free-Palestine-Demo kommen.

    Premiere: Meine erste Großdemo bei der ich keine Hubschrauber hörte. Später sahen wir verschiedene Drohnen weit über dem Gelände fliegen.

    Unfassbar: Mehrere ältere Damen hatten ein bettlakengroßes Demo-Transparent mitgebracht, nicht bemalt sondern bestickt war. Ich hoffe, ein*e Museumskorator*in hat das gleich für die Nachwelt gesichert.

    Vor allem aber: So viele Menschen, die so wirkten als wären sie komplettemang aus den Bussen, Bibliotheken, Supermärkten der Gegend gekommen.

    Noch beeindruckender: Allein in Cottbus waren so viele Menschen auf der Straße wie der Bauernverband letzte Woche bundesweit nach Berlin organisieren konnte.

    Mein Herz erwärmend: Die Prignitz ist wunderschön. Vor allem auch, weil es die menschenleerste Gegend Deutschlands ist. Wenn ihr eine Deutschlandkarte seht, auf der zum Beispiel Straßen, Bahnstrecken, Mobilfunkmasten, Schwimmbäder, Kneipen et cetera eingezeichnet sind – dann ist in diesen Karten oben rechts ein großes Loch sichtbar, in dem sich gar nichts befindet. Das ist die Prignitz.

    In dieser Prignitz, in Perleberg, 600 bis 1000 Menschen demonstrierten. Wow! Ich habe Zweifel ob an einem normalen Samstag überhaupt so viele Prignitzer ihr zu Hause verlassen.

    Wohnungsdetektive

    Der Filmflötist bekam eine Eigenbedarfskündigung. Nachdem er seit 1944 in derselben Straße und seit 1971 im selben Haus wohnt. Anscheinend kann seine Eigentümerin (die derzeit zur Miete in einer anderen Berliner Wohnung lebt) sich Miete und Nebenkosten ihrer aktuellen Wohnung nicht mehr leisten. Ebenso typisch wie bitter.

    Der Berliner Wohnungsmarkt ist wild. Deshalb vielleicht hilfreich: der Berliner Mieterverein empfiehlt eine*n Detektiv*in bei Eigenbedarfskündigung: Vorgeschobener Eigenbedarf: Profi-Detektiv hat meistens Erfolg

    Die Presse in der Nachbarschaft: Wie ein Eigentümerkollektiv politisch aktiver international anerkannter Architekt*innen, Künst­le­r*in­nen und Ku­ra­to­r*in­nen in der Schöneberger Ebersstraße versucht, ihre Mieter aus deren Wohnungen herauszuekeln. (Erinnert mich tatsächlich an die Zustände teilweise hier im Haus, nur dass unsere Ex-Eigentümer deutlich schlechter organisiert waren): Mie­te­r*in­nen nicht erwünscht.

    Ist das ein Grammophon?

    Frau Herzbruch mit Demoneid.

    Karen fährt weiter Bahn: Turku-Warschau mit dem Zug: (4) Kaunas-Warschau. (Wobei ich den Warschauer Bahnhof ja auf seine spezielle Art sehr mochte).

    Die Lage zwischen der Hamburger Wikipedia-Community und Wikimedia Deutschland ist so verfahren, dass es schon zu einem gemeinsamen Statement kommen musste.

    Pavel Richter, ehemals Geschäftsführer von Wikimedia Deutschland (und in der Funktion auch einige Zeit Vorgesetzter meines Vorgesetzten), macht zukünftig vielleicht Paid-Editing auf Wikipedia-Diskussionsseiten: Benutzer:Pavel Richter (Consolvi GmbH)

    Die seltsamen 50. Geburtstage: A friend of mine manages an event place in Scotland, and they’ve banned 50ths. Hen nights, stag dos, 40ths, no problem: but some combination of the manic nihilism that sweeps over people and the middle-aged mal-coordination that crept up on them leads to a wild amount of breakage.

    Anderswo in Berlin: Trauer um den Hertha-Präsident: Das ganze Stadion war in schwarz gekleidet. Nur einzelne verteilte hellblaue Tupfer jener Menschen, die Kays sogenannte Präsidentenjacke trugen, jene Jacke, die er trug, als wir ihn vor anderthalb Jahren ins höchste Amt unseres Vereines wählten. Es wurden keine Banner der Fanclubs und Fangruppen gehängt, keine Fahnen, nichts. Nur ein langes, schwarzes Banner unten im Umlauf.

    Falls jemand Demoblogberichte aus Nicht-Berlin-München-Hamburg-Köln kennt, gerne in die Kommentare.