Schlagwort: Schaukelschaf

  • 26-01-15 Bitte stelle sicher, dass Deine Haustiere in Sicherheit sind

    26-01-15 Bitte stelle sicher, dass Deine Haustiere in Sicherheit sind

    Die Wikipedia feiert 25. jähriges Jubiläum und zu diesem Anlass ist ein 15 Jahre alter Artikel von mir1 als Artikel des Tages auf der Hauptseite. Ich staune und ich freue mich.

    Jeder leere Viersitzer in der vollen S-Bahn hat eine Geschichte.

    In der S-Bahn gesehen: Ein mittelalter Mann, Handy lesend, der in mir ein Störgefühl auslöst. Irgendwas stimmt nicht. Nach zwei Stationen habe ich es: Die Frisur sieht teurer aus als die Brille. Das ist selten. Zwei weitere Stationen später habe ich beschlossen: „Das ist Absicht. Vermutlich ist das eine teure Designerbrille, bei der viel Mühe darauf verwendet wurde, dass sie wie eine Lesebrille vom Drogerieständer aussieht.“

    Der Nachteil des Schwimmbads im Haus: Ich kann mich nicht mehr so richtig erinnern, wann ich schwimmen war. Irgendwann abends halt mal kurz. Vor allem total immersen im Lehrschwimmbecken, da das eh schon volle Schwimmbecken noch zusätzlich durch einen Verein belegt war, und normales Schwimmen freudlos geworden wäre.

    Weiterhin erstaunlich: die extreme Gastfreundschaft, die uns im Gebäude entgegen schlägt. Wir müssen aufpassen, nicht dass wir aus Versehen demnächst so nebenbei private Schwimmstunden bekommen.

    Beim ukrainisch-polnischen Supermarkt entdeckte ich in der Gemüseabteilung frische Habanero-Chillies. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die in Deutschland überhaupt je in einem „normalen“ Supermarkt gesehen habe.

    Eigentlich suchte ich im Supermarkt Kielbasa, laut Internet der beste Ersatz für Louisiana-Andouille, der in Deutschland zu bekommen ist. Aber es kam wie es kommen musste: Kielbasa bedeutet im Wesentlichen „polnische Wurst“, und in diesem Supermarkt bedeutet das: 40 verschiedene Sorten polnische Wurst. southpark war mehr als überfordert.

    Ich meldete mich von der Informatik-Klausur ab. Wenn ich die Klausur noch bestehen wollen würde, müsste ich angesichts meiner nicht vorhandenen Vorarbeit genau jetzt ernstlich mit Lernen anfangen. Und da sehe ich mich nicht. Ich denke auch, ein Pausensemester nach dem Bachelor und mit Umzug ist durchaus verdient.

    Es waren Tage des Arbeitens mit dem unweihnachtlichsten Weihnachtsfilm aller Zeiten.

    Wenn es dunkel ist

    Die maritime Bettwäsche, Gewinn aus dem Seemannsmissions-Adventskalender, traf ein. Sie ist erfreulich kuschlig. Und maritim!

    Die Erziehung der Post und der Lieferdienste dauert weiterhin. DHL fand gestern sogar unsere Tür. Dafür fand amazon2 nicht einmal das Haus. Erst ein Anruf, den ich nicht schnell genug annehmen konnte. Bei Rückruf eine generische amazon-Servicenummer. Dann eine Handy-Nachricht:

    Ich werde bald mit deiner Lieferung ankommen. Bitte stelle ggf. sicher, dass deine Haustiere in Sicherheit sind und schalte das Licht ein, wenn es dunkel ist.

    Nachdem Madame die Haustiere in Sicherheit gebracht hatte, ging sie vor das Gebäude und suchte den Fahrer: aber nichts nirgends.

    Bikini

    Auf dem Weg ins Kino eine weitere Berlin-Premiere für mich: Ich war im Bikini-Berlin, dem Concept-Mall-Ding neben dem Bahnhof. Es soll so eine Art Einkaufszentrum sein, aber halt in stylisch und schick. Es war .. interessant.

    Quasi alle Läden suggerierten mir „Hier kaufst du kein Produkt. Hier kaufst du eine Einstellung zum Leben.“ Und diese Lebenseinstellung lautet „Beratung mit vielen Brand Identity Manager Consultants zum invalue store empowering enrichtment“.

    Naja, weil die Brand Identity Leute sich in Golddukatensäcken bezahlen lassen, rufen die Läden entsprechende Preise auf. Sehr spannend. In Teilen auch ansprechend. Aber in größeren Teilen vor allem gewollt und anstrengend. .

    Immerhin kurze Freude: in einem ansprechenden Ruhebereich steht die perfekte Symbiose unserer Stühle: das Luxembourg-Schaukelschaf. Wo unser Gartenstuhl (Luxembourg) mit dem Wohnungsstuhl (Schaukelschaf) zusammenkommt.

    Der Gang ins Bikini war lehrreich, aber ist in näherer Zukunft nicht wiederholenswert.

    Immer wieder lohnend ist der Gang am Breitscheidplatz und an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche vorbei. Ich bin ja großer Fan des Gedächtniskirchenneubaus. Am Tag von außen unscheinbar. Von innen oder bei Nacht aber eine Wucht. Beste Nachkriegsmoderne.

    Die Mörder

    Mein Ziel war noch mehr Berliner Nachkrieg, weniger Moderne. Im Delphi Filmpalast fand eine Aufführung des ersten Deutschen Nachkriegsfilms Die Mörder sind unter uns aus dem Oktober 1946 statt. Umrahmt von einer kleinen Veranstaltung der Stiftung Ernst-Reuter-Archiv in Kooperation mit dem Berliner Beauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und dem Delphi Filmpalast, die eine eher seltsame Mischung aus Politikdiskussion der Jahre 1945/1946 und Hildegard-Knef Hommage war.

    Im Film geht es darum, dass Dr. Mertens (Ernst Wilhelm Borchert) und Susanne Wallner (Hildegard Knef) durch die Verwerfungen der Nachkriegszeit gemeinsam in einer Berliner Trümmerwohnung wohnen müssen. Am Anfang kennen und mögen sie sich nicht, am Ende sind sie ein Paar.

    Vor allem leidet Mertens an schwerer Posttraumatischer Belastungsstörung (die im Film natürlich nicht so genannt wird) hat ein Alkoholproblem und sinnt auf Rache an einem ehemaligen Hauptmann Brückner, der in Polen ein ganzes Dorf mit Frauen und Kindern exekutieren ließ. (was in Mertens vermutlich die PTBS auslöste).

    Der Anblick eines Tannenbaums an Heiligabend lässt in Mertens das letzte bißchen Selbstbeherrschung schwinden, denn genau jenes Massaker fand an Heiligabend 1942 statt zwischen Stille Nacht und Maschinengewehrsalven.

    Er bricht auf zu Brückner, steht ihm Heiligabend 1945 in einer dramatischen Heiligabendszene am Tannenbaum mit der Pistole vor Brückner steht, verhindert Susanne den Schuss und es folgt ein Epilog, dass Selbstjustiz verständlich aber nicht gut ist, und dass öffentlich Anklage gegen die Mörder erhoben werden muss.

    Ein Film faszinierend auf so vielen Ebenen, dass ich gar nicht mehr hinterherkomme. Deshalb versuche ich mich auf drei zu beschränken.

    1946

    Vor dem Kinosaal unterhielten wir uns zu viert (Geburtsjahre um 1950, 1973, 1975 und 1986) darüber wie die NS-Zeit in Jugend und Schule behandelt wurden. Die drei jüngeren erinnerten sich deutlich an die Ausstellung Verbrechen der Wehrmacht, die das erste Mal eben jene in eine breite Öffentlichkeit brachte und wilde Diskussionen um die NS-Zeit und die Rolle der Wehrmacht auslöste. Für uns alle war das gefühlt vor 1995 in Deutschland kein Thema.

    Und dann sahen wir diesen Film von 1946, den ersten deutsche Film überhaupt nach Ende des Krieges – und er dreht sich zentral um ein Massaker durch eben jene Wehrmacht. Deutschland, was hast Du zwischen 1946 und 1995 gemacht?

    Im Film von 1946 wurde es thematisiert: Nazis und Gewissen, Massenmord, Trauma des Krieges und das eigenwillige Leben in den Berliner Ruinen.

    Semi-thematisiert: Der grundgütige Optiker „Mondschein“, der bis zu seinem Tod im Film auf seinen verschollenen Sohn wartet – Name und Porträtierung werfen deutliche Hinweise in Richtung „jüdisch / es gab auch einen Holocaust“ – explizit gesagt wird es nie.

    Überhaupt ein Film, dessen Publikum gerade vorher komplett durch den zweiten Weltkrieg gegangen war – wie hat er auf dieses Publikum gewirkt?

    KZ ja und?

    Susanne Wallner ist KZ-Überlebende. Dies wird einmal am Anfang des Films gesagt und im Rest des Films ignoriert. Während der Film sich ausführlich und tiefgehend Mertens Traumata als Wehrmachtssoldat widmet, spielt die KZ-Geschichte keine Rolle mehr. Sie fragt ihn mehrfach eingehend nach seiner Vorgeschichte, seinen Erlebnissen: Er sie kein einziges mal.

    Und wieder: Warum sich eine junge bildschöne lebenslustige tatkräftige Frau sich ausgerechnet in einen mittelalten Alkoholiker mit cholerischen Anfällen verliebt – auch dazu fällt dem Film nichts ein.

    Und so wird die präsente, einen Raum für sich einnehmende Hildegard Knef in einer Rolle besetzt, die innerhalb von 20 Minuten von der tatkräftigen neuaufbauenden KZ-Überlebenden zum verliebten Muttchen mutiert.

    Für einen Film aus der Zeit nicht wirklich überraschend – für diesen speziellen Film aber schon.

    Expressionismus noir

    Auch stilistisch spannend: Der Film, der ich sah war halb Vorkriegsexpressionismus (denke Nosferatu, Cabinet des Dr. Caligari) und halb Film Noir: die unruhige Kameraführung des Expressionismus, die starken hell-dunkel-Kontraste und Schatten als eigene Figuren im Film, die emotionalen Ausbrüche von Mertens, der Soundtrack – pure Expression.

    Und da war auch der Noir: die Großstadt (das zerbombte Berlin) als eigener Charakter, die moralische Ambivalenz, der Protagonist als getriebener, alle sind elegant angezogen und rauchen ununterbrochen. Das passt in jedes Noir-Setting.

    Und erst so im Zusammenhang fiel mir auf, wie nah die beiden Stilistiken beinander stehen, wie sehr sie ineinander übergehen, und wie sehr sich Nachkriegsnoir aus dem Vorkriegsexpressionismus speist.

    Trauben und Diktaturen

    Ein Gemüsesalat, der sich als Obstsalat tarnt. Ich musste drei mal hinschauen: Das ist doch ganz eindeutig Ananas-Traube-Pflaume 12 von 12 im Januar (2026).

    Die Mimosen hingegen bleiben die Mimosen: 12 von 12 im Januar 2026

    Karen aus Japan über japanische Buzzwords im deutschen und englischen. („Vielleicht ist dieser Artikel ein wenig Therapie für mich und ihr müsst da jetzt auch durch.“): Japanische Buzzwords: Bleibt mir mit eurem Ikigai gestohlen

    Passend zum Thema Aufarbeitung las und hörte Anke Gröner von Anne Rabe. Sie zitiert sinngemäß: „Dass die Aufarbeitung der NS-Zeit in der Gesellschaft noch nicht abgeschlossen ist, ist jedem klar. Wieso glauben dann aber viele, dass die Spuren, die die DDR-Diktatur in den Menschen hinterlassen hat, nicht mehr wichtig oder Forschungsthema sind?“

    Anmerkungen

    1. Ja „Artikel von mir“, schwieriges Konzept in der Wikipedia. Aber das ist eine Diskussion für ein Andernmal. ↩︎
    2. Ja, eigentlich bestelle ich da nicht. Außer es ist der Shop vom Hersteller und das Produkt sonst nirgends erhältlich. Ich möchte aber auch sagen, dass amazon pro verkauftem Produkt ungefähr 2 cent Gewinn macht und pro vermieteter AWS-Cloud-Stunde eine Fantastilmillion. Das Amazon-Geschäftsmodell ist vor allem Rechenzentrumsvermietung und wer den Laden wirklich nicht unterstützen möchte, müsste Recherchieren wo ihre liebsten Internetanbieter ihre Daten parken. ↩︎
  • 26-01-06 Einblick in die Zauberküche

    26-01-06 Einblick in die Zauberküche

    Die Sonntagszeitung kommt wieder. Wir hatten sie wegen des voraussehbaren Umzugschaos abbestellt. Auch scheint der Zeitungsbote auf Anhieb in der Lage, den Briefkasten zu finden.

    Die Motorsäge verschwand. Zia und zio holten sie ab und brachten sie zurück nach Wochenend-West, wo sie hingehört. Nicht ohne Dominosteine und Lebkuchen mitzubringen und mit uns zusammen Nüsse, Marzipan und Kiwis zu verzehren.

    Ein neues Polster für das Schaukelschaf kam.

    Das Internet kommt noch nicht wieder. Aber wir haben eine neue spannende Abenteuer in den Untiefen der Bäder erlebt. So hatten wir einen Einblick in das derzeit geschlossene Bad-Bistro, an dessen ehemaliges Dasein nur der Aufkleber Zauberküche an ebenjener erinnert. Und wir sind einen großen Schritt weiter (hoffentlich), was die Fehler-Behebung angeht. Übermorgen kommt der Telekom-Techniker und dann wissen wir mehr.

    Nach Wochen des Rumüberlegens bestellte ich mir für schmalen Taler einen kleinen Label-Drucker. Ich freue mich, wie ein kleines Kind, dem eine Trommel versprochen wurde. Was ich alles mit Labeln bekleben werde können!

    Mir träumte, dass ich in einer kleinen Bibliothek am Bücherregal stehe und etwas suche, als sich mein alter Mitabiturient Ingo aufdrängt. Den habe ich zwar seit 1995 nicht mehr gesehen, aber sein Verhalten war realistisch geträumt. Bevor es allerdings zu einer Auseinandersetzung kam, sahen wir eine eine handtellergroße weiße Spinne und versuchten diese durchs Fenster rauszuwerfen.

    Es waren zwei Tage der Arbeit und des Schnees.

    Wutbürger

    Ausgelesen: Vincenzo Cerami: Ein ganz normaler Bürger. Ein Roman geboren aus den Spät-68ern und dem Aufruhr der Zeit, aber porträtierend eben das, einen ganz normalen Bürger (italienischer Titel: Borghese piccolo piccolo): Einen Ministerialbeamten zur Bearbeitung von Ministerialbeamtenpensionen, dessen größter Lebenstraum es ist, dass sein Sohn eine Ministerialbeamter höherer Stufe als er selber wird.

    Mir missfiel: Der Plot-Bogen „Normalen Menschen wird schlimmes angetan und dann nimmt er grausam Rache“ war vermutlich schon in den 1970ern ausgelutscht, und er wurde seitdem nicht besser. Wie es sich bei der Thematik gehört, ist es ein reines Männerbesuch: die einzige Frau vegetiert erst geistig vor sich hin, dann trifft sie der Schlag und sie vegetiert auch körperlich und dann stirbt sie, weil ihr Mann die pflegebedürftige Frau aus Versehen ignoriert. Alles andere: Männer.

    Mir gefiel: Es war eigentlich kein Plot-Bogen. Eher werden alle drei Tote des Romans in den Alltag hineingesogen. Alle drei Morde passieren fast beiläufig. Der eigentlich Mord bekommt selten mehr als einen Satz Raum, anderes – Angeln, die Freimaurer, die Position des Bettes – ist viel wichtiger.

    Fast möchte ich Arendt zitieren: die Banalität des Bösen. Aber es auch nicht richtig böse, eher aufgewühlt, ein wildes Herz gefangen im Leben eine kleinen Kleinbürgers.

    Do not Rag the Bone

    Was für ein niedliches Konzert!

    Wir waren in einem Kammerkonzert der Komischen Oper im Schillertheater. Es ließ sich nicht anders als puschelig bezeichnen. Genau eine Person am Einlass, eine Person an der Bar, eine handvoll (100 bis 150) Stapelstühle für das Publikum und eine improvisierte Bühne im Foyer gegenüber der Bar.

    Nicht geplant war allerdings, dass das Programm sich immer weiter zusammenstrich. Das als „Kammerkonzert 3 – Rhythm is a Dancer – Mit Minimal Music und Jazz ins Neue Jahr“ angekündigte Konzert immer mehr Minimal Music und Jazz verlor. Denn erst fiel der geplante Erste Geiger aus und wurde nachträglich durch den Konzertmeister ersetzt. Das Online einsehbare Programm schrumpfte von vier oder fünf Minimal-Music-Stücken auf zwei.

    Dann fiel die Fagottistin noch kurzfristiger aus und das Jazzige Jazz Stück von Wynton-Marsalis-Stück für Fagott und Streichquartett wurde gestrichen. Und dann hatte die Bratsche Hand, das Konzert wurde auf halber Strecke unterbrochen und dann noch mal Stücke in der Wiederholung gespielt.

    Damit bestand „Minimal Music und Jazz“ aus etwas zwei Minuten Minimal Music, einem jazzartigen George Gershwin und vor allem aus Antonín Dvořák.

    Was in Großer Oper echt anstrengend gewesen wäre, wirkte (zumindest auf das Publikum) in der nahbar-intimen Atmosphäre dieses Konzerts vor allem sehr zugänglich, menschlich und als Blick hinter die Kulissen. Ob mit oder ohne Schrumpfprogramm empfand ich das als Wiederholenswert.

    Gespielt wurde (in der zweiten Inkarnation, schon mit ausgedünntem Adams):

    • John Adams: John’s Book of Alleged Dances: »Hammer & Chisel«
    • Florence Beatrice Price [1887–1953]: Streichquartett Nr. 2 a-Moll
    • John Adams John’s Book of Alleged Dances: »Rag the Bone«
    • Wynton Marsalis [*1961]: Meeelaan
    • PAUSE
    • Antonín Dvořák [1841–1904]: Streichquartett Nr. 12 F-Dur (»Amerikanisches«)
    • George Gershwin [1898–1937]: Variations on I Got Rhythm (Bearbeitung für Streichquartett von Matthew Naughtin)

    Es spielten: Violine: Ga­bri­el Ad­or­ján/Fuyu Iwaki, Viola: Julia Lindner de Azevedo Conte, Cello: Arne Christian Pelz

    Auf dem Weg zum Schillertheater

    Reden, nicht handeln

    Mich wundert, wie sehr alle Kommentare die Selbstbezeichnung der „linksextremen Vulkangruppe“ glauben, welche die Berliner Stromkabel abgebrannt haben. Selten habe ich Aktionen gesehen, die sich so wenig „links“ anfühlten, selten sagt mein komplettes Bauchgefühl so sehr „das ist nicht so wie es scheint“ und selten scheint es fast niemand anderen so zu gehen.

    Nach allem was ich über die Extreme Linke weiß, sind in der Linkenaußenschicht alle immer viel besser darin zu reden und zu schreiben als darin, wirklich zu handeln – nicht umgelehrt. Jede Linke Gruppe, die ich kenne, hätte, hätte sie jemals eine Aktion mit einem Zehntel der Durchschlagskraft wie die Vulkanaktionen, durchgeführt, danach 10 Jahre lang täglich Infoblätter produziert und sich unter öffentlichkeitswirksamen Diskussionen dreimal gespalten vor der nächsten Aktion.

    Alle Linken Gruppen haber aber auch ein großes semilegales Umfeld, dass ihr Reden verstärkt und in die Welt trägt. Radikale Linke ohne dazugehörige Szene ist nicht vorstellbar. Linke lieben hochsymbolische Aktionen mehr als Aktionen gegen unsexy Infrastruktur.

    Die Vulkangruppe macht nun das absolute Gegenteil – selten sah ich jemand, der so wenig linksextremen Stallgeruch hat. Selten dachte ich, das schreit so unfassbar nach hybrider russischer Kriegführung. Und niemand schreibt es! Außer jetzt Enno Lenze und seine Experten für hybride Kriegführung: Stromausfall in Berlin – kyrillische Fehler im Text?

    Auch ausführlicher Schreiben sollte ich darüber, dass wir in dieser krisenhaften Zeit ausgerechnet des Kanzler des verkörperten Neoliberalismus gewählt haben. Denn Neoliberals Marktdenken widerspricht fundamental der Vorbereitung auf eine Krise.

    Marktwirtschaft möchte, dass Ressourcen effektiv genutzt werden. Das bedeutet: Perfektion ist erreicht, wenn sämtliche verfügbaren Ressourcen unter maximaler Dauerlast laufen. Wenn eine Ressource verschwindet (weil sie zum Beispiel verbrannt wird), gibt es Nachfrage und Beanspruchung, die zeitweise nicht gedeckt wird. Das ist gewollt. Resilienz bedeutet umgekehrt, ungenutzte Ressourcen „als Reserve“ zu haben, um diese im Falle einer Krise einsetzen zu können. Wenn eine Ressource wegfällt, gibt es andere, die einspringen können.

    Aber genug dazu.

    Creepy Neo

    Weil ich mich auf den Wynton Marsalis echt gefreut hatte, hier wenigstens eine Video-Aufnahme: Louisville Orchesta: Meeelaan by Wynton Marsalis.

    Samantha Schweblin schrieb 2021 mit Hundert Augen einen dystopischen Roman über Kuscheltier-Roboter in westlichen Wohlstandsgesellschaften, die in Wahrheit von Menschen in Indien und anderen Ländern ferngelenkt werden. Und in dieser Welt zu dieser Zeit muss jede Dystopie natürlich sofort auch umgesetzt werden: Oder sowas wie NEO, der vor ein paar Monaten vorgestellt wurde. NEO soll dieses Jahr für 20.000 Euro in den Verkauf gehen – und wird dann von einem Remote-Worker irgendwo in Indien gesteuert, weil er selber nichts kann.

    Die Kaltmamsell im Friedrichstadtpalast.

    Shift Happens im Scheibflasch. Der Artikel, der so tut als ginge er um Dance Dance Revolution nerdet eigentlich extrem zum Thema „Pfeiltasten auf dem Keyboard.“ Loving it!

    Ich habe immer noch keinen echten Bubble Tea getrunken und bin umso faszinierter von Legos Boba Quest durch New York. Er testete: ChaHalo in Long Island City, right in between the Queens Plaza station (E, F, R) and Court Square (7, E, F, G, R)

  • 25-12-23 Entrüstet (Abschlusspunkt Linientechnik)

    25-12-23 Entrüstet (Abschlusspunkt Linientechnik)

    Frühmorgens im Edeka-Snackpoint schliefen zwei Männer in „Im Auftrag der DB Sicherheit“-Warnwesten. Ihnen sei die Pause gegönnt.

    Vielleicht nehme ich demnächst Mac-Support in mein Portfolio auf (muss aufnehmen). Ich vermute ich wäre einer der sehr wenigen User*innen, der nicht sagen würde „macOS, cool, das funktioniert alles von allein„, sondern „macOS, cool, das ist ja quasi Unix und ich kann dort hinein schauen. „

    In der alten Wohnung wurde das Gerüst abgebaut. Sauerei. Keine zwei Wochen nach unserem Auszug und schon ist die jahrelange Gerüstodyssee beendet. Das machen die doch mit Absicht. Die Ent-Rüstung ist entrüstend!

    Rückblickend zum letzten Wochenende: der größe Achtzigerjahre-Retro-Flash in When Harry met Sally, war, dass in der Wohnung einer 30jährigen New Yorker Journalistin (Sally) eine stinknormale Filterkaffee-Maschine stand. Das wäre heute undenkbarer als Schnurtelefone, Röhrenmonitore und Menschen, die im Flugzeug Bücher lesen.

    Dazu passend: Madame liest sich gerade chronologisch durch die Elizabeth-George-Krimis, die auch ein passendes Zeitkolorit ihrer jeweiligen Entstehungszeit liefern. In Missing Joseph (erschienen 1994), taucht auf Seite 1 erstmals in der Serie der in UK neue, trendige, teure Capuccino auf. Noch wird aber ab Seite 66 auch fleißig Sherry, Brandy und Whisky getrunken.

    Mein gerade gelesener Krimi Glatz fand seinen Weg in die Bibliothek Schöneberg. Die hat diese Sachspende gerne genommen. Denn, so die Bibliothekarin, „Krimis gehen immer“. Und das ist ja wohl noch besser, als ein Buch zu behalten: Es über die Stadtbibliothek auf die Reise durch die Nachbarschaft und ganz Berlin zu schicken.

    Es waren zwei Arbeitstage zwischen Wochenende und Weihnachten.

    Wir haben Mega-Brückentags-Weihnachten. Montag morgen war die S-Bahn leer. Spätestens ab Mittags hätte man in der Verwaltung Paintball spielen können, ohne großartig zu stören.

    Fast keine Kartons mehr in der Küche, der zweite Monitor läuft

    Noch 18 Umzugskartons. Das heißt, ungefähr 180 Kartons sind schon verarbeitet. Bis alles aber wirklich dort steht, wo es stehen soll, werden wir vermutlich jedes einzelne Stück noch mindestens einmal durch die Wohnung tragen.

    Alle wichtigen Töpfe (Dämpftopf!) bestanden Madames praktischen Indukstionsherd-Test.

    Die Motten haben das Schaukelschaf aufgefressen! Es stellte sich bei näherer Betrachtung heraus: Der Schaf-Fell-Überzug des Poäng-Schaukelstuhl-Polsters hat an einigen Stellen fiese Mottenschäden. Damit wird das Schaukelschaf ein Relikt der alten Wohnung bleiben. Es schaukelt noch, aber es schaft nicht mehr.

    Madame hatte längeren Einblick in die Schwimmbadkatakomben und fühlte sich an ein Kreuzfahrtschiff erinnert. Oben: Spannung, Spiel und Entertaiment. Unten: Metalltreppen, lange Gänge, große Maschinen, keine Fenster und vielerlei Warnschilder.

    Zu einem anderen Anlass entfernte sie in einer anderen Schwimmbad-Katakombe das Brett des Todes. Seit dem Einzug laufe ich mit Wunden oben auf der Glatze herum, denn regelmäßig stieß ich im Keller gegen dieses kantige in schlimmster Höhe angebrachte Brett an unserem Kellereingang. Nicht mehr. Es ist weg. Der Kopf darf heilen!

    Ton zu Bild

    Auch ein (fast-)Relikt der alten Wohnung: Martinhörner. Wir zogen vom Sound zum Anblick.

    Lag die alte Wohnung unweit von Polizei- und Feuerwehrwache an einer immer voller Zwei-Hauptstraßen-und-eine-Autobahnausfahrt-kreuzen-sich-Stelle an der viele Fußgänger unterwegs sind. Die neue Wohnung liegt im Einflug einer Krankenhaus-Notaufnahme

    Alt: Die Retter hatten es wirklich eilig zum Einsatzort zu kommen. Angesichts der zuverlässig verstopften Kreuzung mit Verkehr aus mehreren Richtungen, wollten sie sich mit vollem Getöse Platz zu machen. Gerne steckten sie trotzdem in der Verstopfung fest, was die ganze Sache noch verlängerte.

    In der Anfahrt haben die Rettungswagen es meist weniger eilig: die Helfer*innen konnten die Erstversorgung bereits durchführen und die sehr dramatischen von den nicht-ganz-so-dramatischen-Fällen trennen. Der Verkehr vor dem Fenster beträgt nur einen Bruchteil. Wir haben blaues Leuchten in der Wohnung, aber (fast) keine Martinhörner mehr.

    Stillstand beim Stillstand

    Wer hätte es geahnt: Zwei (Brücken-)tage vor Weihnachten ist nicht der optimale Zeitpunkt, etwas von Handwerkern zu wollen. Die Sanitärfirma meldet sich nicht. Alle Personen bei der Vermieterin, die der Firma Druck machen könnten, sind bis 2026 nicht mehr erreichbar. Und so bleibt das Wasser in der Küche erst einmal abgedreht.

    Besser theoretisch im Telekom-Fall. Dort kam sogar am 23.12. ein Telekom-Techniker, der sich um den Anschluss kümmern wollte. In einer Odysee hatte Madame bereits am Tag zuvor in ihrer Katakomben-Erkundung den Schlüssel für den entsprechenden Raum aufgetrieben. Heute stellte sich heraus: Der Raum war gar nicht der Raum. Der APL (Abschlusspunkt Linientechnik) war gar nicht dort, wo wir ihn vermuteten.

    Einige weitere Odyseen später war er gefunden, hatte auch Netz. Nur kommt dieses nicht in der Wohnung an. Wir sind jetzt berechtigt, uns im Telekom-Laden einen Wlan-LTE-Router zu besorgen, so lange DSL nicht funktioniert. Das Kabelproblem habe ich jetzt erstmal auch offiziell der Vermieterin zu Protokoll gegeben und werde es in 2026 weiter voran treiben.

    Merry UX-Mas

    Exkursbeginn. Um zur Abwechslung etwas vollkommen ernst zu meinen: Wenn Sie als Touristin oder Tourist nach Hamburg kommen sollten, machen Sie Ihren Besuch doch bitte zum Bildungsurlaub und gehen Sie einmal die Lange Reihe auf und ab, nur um direkt danach den Steindamm auf und abzugehen.

    Christia Chorherr blickt zurück auf ein langes Leben voller Weihnachtsbäume: Ein paar Erinnerungsfetzen zu meinen unterschiedlichen Christbäumen

    Claudia und Flohmärkte, eine Entfremdung: Ich merke: Mit Flohmärkten bin ich durch, es war wohl mein letzter Besuch. Lieber mal in ein Museum, da sind die Dinge wenigstens schön oder „interessant alt“.

    Chemnitz liegt quasi im Erzgebirge. Dafür wird es als Weihnachtsstadt echt unterschätzt. Ein stimmungsvoller Rundgang über den Weihnachtsmarkt in Chemnitz.

    Wenn du anscheinend als einziger Mensch dieser Erde feststellst, dass Sting einen Song-Anfang gecovert hat und es nicht in Wikipedia schreiben darfst: Am I really the only one who notices that the melodies are identical? (Ich höre auch die Ähnlichkeit, bin mir aber nicht so sicher, ob es wirklich quasi-dasselbe ist oder nicht).

    Das größte Computer-Keyboard der Welt ist eine Art Enttäuschung: Shift happens: New in the collection, pt. 1: Keyport 717

    Aus derselben Quelle: A history of Mac settings, 1984–2004

    Mit „Merry UX-Mas“ endet die Mail-Abwesenheitsmeldung eines Kollegen, der sich gut mit der Bedienerfreundlichkeit von IT-System auskennt. Manchmal weiß man nicht, ob man lachen oder aufheulen soll.

  • 22-11-26 public class Schaukelschaf extends Schaf {

    22-11-26 public class Schaukelschaf extends Schaf {

    IKEA-Schaffelle erschienen mir im Internet nicht überzeugend. Ich stöberte weiter. Nach nur zwei mal clicken, war ich bei Sofadecken aus echtem Zobelpelz gelandet. Einer kleiner Engel auf meiner Schulter sagte „Schlechtes Karma“, ein kleiner Teufel „Aber die fühlen sich bestimmt soo toll an.“ Und dann trat ein kleiner Finanzberater auf, der meinte „Du solltst keine Sofadecken besitzen, deren Wert Dein Jahreseinkommen übersteigt.“ Und damit war das Thema erledigt. Zumal wir nicht einmal ein Sofa für die Sofadecke besitzen.

    Aber wir besitzen ein Schaukelschaf. Auf dem verbrachte ich einen Teil des Tages (im Lern-Dreiklangs-Wechsel mit Schreibtisch und Wohnzimmertisch) und ich kann Gutes berichten. Java und ich sind aus dem WTF-Stadium heraus. Ich habe im großen und ganzen den Eindruck zu verstehen, was ich im Skript lese. Nicht gut genug, um es reproduzieren oder – gott bewahre – es anwenden zu können. Aber solange ich ungefähr verstehe, wie das alles funktioniert, sollte der Rest bis zur Klausur Mitte Februar lernbar sein.

    southpark auf Schaffell-Schaukelstuhl mit Handpuppenschaf und Fernuni-Skript in der Hand.

    In schiefen Metaphern: Lerntechnisch klettere ich keine Steilwand mehr hoch, brauche zwei Stunden für jeden Meter Fortschritt und muss heftige Pausen machen. Sondern ich bin auf der Ebene angekommen und komme entsprechend voran.

    Der kleine Finanzberater meldete sich im Laufe des Tages erneut. Mal wieder zum Thema Gaspreise mit der Frage „Sollten wir präemptiv die kommende Preiserhöhung umgehen, inden wir schon jetzt den Anbieter wechseln?“ Glücklicherweise brachte die FAS einen Artikel zu „wie funktioniert die Gaspreisbremse für Endverbraucher“ mit überraschendem Fazit: „Wenn sie dieses Jahr weniger als 80% des letzten Jahresverbrauchs verbrauchen, sind höhere Gaspreise im Vertrag besser für sie.“

    Wenn man das im Einzelnen nachvollzieht, ergibt es in den meisten Fällen sogar Sinn. (Also aus der Verbraucherperspektive. Ob die Gaspreisbremse in dieser Form sinnvoll aufgesetzt ist, bezweifle ich.)

    Madame trötet nun auch auf der wikis.world-Instanz. Über Tröt und colognella lernte ich von der DHL-Hilfspakete-für-die-Ukraine-Aktion „Wir unterstützen die Menschen in der Ukraine und schicken Ihre Hilfspakete gratis dorthin, wo sie gebraucht werden.“ Ich tendiere aktuell zum Packen von Medizin/Hygieneartikel-Paketen.

    Heute Abend: Betriebsbesichtigung bei der Arbeitgeberin, aka Schwimmen gehen, entweder in Schöneberg oder Lankwitz.