Die Sonntagszeitung kommt wieder. Wir hatten sie wegen des voraussehbaren Umzugschaos abbestellt. Auch scheint der Zeitungsbote auf Anhieb in der Lage, den Briefkasten zu finden.
Die Motorsäge verschwand. Zia und zio holten sie ab und brachten sie zurück nach Wochenend-West, wo sie hingehört. Nicht ohne Dominosteine und Lebkuchen mitzubringen und mit uns zusammen Nüsse, Marzipan und Kiwis zu verzehren.
Ein neues Polster für das Schaukelschaf kam.
Das Internet kommt noch nicht wieder. Aber wir haben eine neue spannende Abenteuer in den Untiefen der Bäder erlebt. So hatten wir einen Einblick in das derzeit geschlossene Bad-Bistro, an dessen ehemaliges Dasein nur der Aufkleber Zauberküche an ebenjener erinnert. Und wir sind einen großen Schritt weiter (hoffentlich), was die Fehler-Behebung angeht. Übermorgen kommt der Telekom-Techniker und dann wissen wir mehr.
Nach Wochen des Rumüberlegens bestellte ich mir für schmalen Taler einen kleinen Label-Drucker. Ich freue mich, wie ein kleines Kind, dem eine Trommel versprochen wurde. Was ich alles mit Labeln bekleben werde können!
Mir träumte, dass ich in einer kleinen Bibliothek am Bücherregal stehe und etwas suche, als sich mein alter Mitabiturient Ingo aufdrängt. Den habe ich zwar seit 1995 nicht mehr gesehen, aber sein Verhalten war realistisch geträumt. Bevor es allerdings zu einer Auseinandersetzung kam, sahen wir eine eine handtellergroße weiße Spinne und versuchten diese durchs Fenster rauszuwerfen.
Es waren zwei Tage der Arbeit und des Schnees.
Wutbürger
Ausgelesen: Vincenzo Cerami: Ein ganz normaler Bürger. Ein Roman geboren aus den Spät-68ern und dem Aufruhr der Zeit, aber porträtierend eben das, einen ganz normalen Bürger (italienischer Titel: Borghese piccolo piccolo): Einen Ministerialbeamten zur Bearbeitung von Ministerialbeamtenpensionen, dessen größter Lebenstraum es ist, dass sein Sohn eine Ministerialbeamter höherer Stufe als er selber wird.
Mir missfiel: Der Plot-Bogen „Normalen Menschen wird schlimmes angetan und dann nimmt er grausam Rache“ war vermutlich schon in den 1970ern ausgelutscht, und er wurde seitdem nicht besser. Wie es sich bei der Thematik gehört, ist es ein reines Männerbesuch: die einzige Frau vegetiert erst geistig vor sich hin, dann trifft sie der Schlag und sie vegetiert auch körperlich und dann stirbt sie, weil ihr Mann die pflegebedürftige Frau aus Versehen ignoriert. Alles andere: Männer.
Mir gefiel: Es war eigentlich kein Plot-Bogen. Eher werden alle drei Tote des Romans in den Alltag hineingesogen. Alle drei Morde passieren fast beiläufig. Der eigentlich Mord bekommt selten mehr als einen Satz Raum, anderes – Angeln, die Freimaurer, die Position des Bettes – ist viel wichtiger.
Fast möchte ich Arendt zitieren: die Banalität des Bösen. Aber es auch nicht richtig böse, eher aufgewühlt, ein wildes Herz gefangen im Leben eine kleinen Kleinbürgers.
Do not Rag the Bone
Was für ein niedliches Konzert!
Wir waren in einem Kammerkonzert der Komischen Oper im Schillertheater. Es ließ sich nicht anders als puschelig bezeichnen. Genau eine Person am Einlass, eine Person an der Bar, eine handvoll (100 bis 150) Stapelstühle für das Publikum und eine improvisierte Bühne im Foyer gegenüber der Bar.
Nicht geplant war allerdings, dass das Programm sich immer weiter zusammenstrich. Das als „Kammerkonzert 3 – Rhythm is a Dancer – Mit Minimal Music und Jazz ins Neue Jahr“ angekündigte Konzert immer mehr Minimal Music und Jazz verlor. Denn erst fiel der geplante Erste Geiger aus und wurde nachträglich durch den Konzertmeister ersetzt. Das Online einsehbare Programm schrumpfte von vier oder fünf Minimal-Music-Stücken auf zwei.
Dann fiel die Fagottistin noch kurzfristiger aus und das Jazzige Jazz Stück von Wynton-Marsalis-Stück für Fagott und Streichquartett wurde gestrichen. Und dann hatte die Bratsche Hand, das Konzert wurde auf halber Strecke unterbrochen und dann noch mal Stücke in der Wiederholung gespielt.
Damit bestand „Minimal Music und Jazz“ aus etwas zwei Minuten Minimal Music, einem jazzartigen George Gershwin und vor allem aus Antonín Dvořák.
Was in Großer Oper echt anstrengend gewesen wäre, wirkte (zumindest auf das Publikum) in der nahbar-intimen Atmosphäre dieses Konzerts vor allem sehr zugänglich, menschlich und als Blick hinter die Kulissen. Ob mit oder ohne Schrumpfprogramm empfand ich das als Wiederholenswert.
Gespielt wurde (in der zweiten Inkarnation, schon mit ausgedünntem Adams):
- John Adams: John’s Book of Alleged Dances: »Hammer & Chisel«
- Florence Beatrice Price [1887–1953]: Streichquartett Nr. 2 a-Moll
John Adams John’s Book of Alleged Dances: »Rag the Bone«Wynton Marsalis [*1961]: Meeelaan- PAUSE
- Antonín Dvořák [1841–1904]: Streichquartett Nr. 12 F-Dur (»Amerikanisches«)
- George Gershwin [1898–1937]: Variations on I Got Rhythm (Bearbeitung für Streichquartett von Matthew Naughtin)
Es spielten: Violine: Gabriel Adorján/Fuyu Iwaki, Viola: Julia Lindner de Azevedo Conte, Cello: Arne Christian Pelz

Reden, nicht handeln
Mich wundert, wie sehr alle Kommentare die Selbstbezeichnung der „linksextremen Vulkangruppe“ glauben, welche die Berliner Stromkabel abgebrannt haben. Selten habe ich Aktionen gesehen, die sich so wenig „links“ anfühlten, selten sagt mein komplettes Bauchgefühl so sehr „das ist nicht so wie es scheint“ und selten scheint es fast niemand anderen so zu gehen.
Nach allem was ich über die Extreme Linke weiß, sind in der Linkenaußenschicht alle immer viel besser darin zu reden und zu schreiben als darin, wirklich zu handeln – nicht umgelehrt. Jede Linke Gruppe, die ich kenne, hätte, hätte sie jemals eine Aktion mit einem Zehntel der Durchschlagskraft wie die Vulkanaktionen, durchgeführt, danach 10 Jahre lang täglich Infoblätter produziert und sich unter öffentlichkeitswirksamen Diskussionen dreimal gespalten vor der nächsten Aktion.
Alle Linken Gruppen haber aber auch ein großes semilegales Umfeld, dass ihr Reden verstärkt und in die Welt trägt. Radikale Linke ohne dazugehörige Szene ist nicht vorstellbar. Linke lieben hochsymbolische Aktionen mehr als Aktionen gegen unsexy Infrastruktur.
Die Vulkangruppe macht nun das absolute Gegenteil – selten sah ich jemand, der so wenig linksextremen Stallgeruch hat. Selten dachte ich, das schreit so unfassbar nach hybrider russischer Kriegführung. Und niemand schreibt es! Außer jetzt Enno Lenze und seine Experten für hybride Kriegführung: Stromausfall in Berlin – kyrillische Fehler im Text?
Auch ausführlicher Schreiben sollte ich darüber, dass wir in dieser krisenhaften Zeit ausgerechnet des Kanzler des verkörperten Neoliberalismus gewählt haben. Denn Neoliberals Marktdenken widerspricht fundamental der Vorbereitung auf eine Krise.
Marktwirtschaft möchte, dass Ressourcen effektiv genutzt werden. Das bedeutet: Perfektion ist erreicht, wenn sämtliche verfügbaren Ressourcen unter maximaler Dauerlast laufen. Wenn eine Ressource verschwindet (weil sie zum Beispiel verbrannt wird), gibt es Nachfrage und Beanspruchung, die zeitweise nicht gedeckt wird. Das ist gewollt. Resilienz bedeutet umgekehrt, ungenutzte Ressourcen „als Reserve“ zu haben, um diese im Falle einer Krise einsetzen zu können. Wenn eine Ressource wegfällt, gibt es andere, die einspringen können.
Aber genug dazu.
Creepy Neo
Weil ich mich auf den Wynton Marsalis echt gefreut hatte, hier wenigstens eine Video-Aufnahme: Louisville Orchesta: Meeelaan by Wynton Marsalis.
Samantha Schweblin schrieb 2021 mit Hundert Augen einen dystopischen Roman über Kuscheltier-Roboter in westlichen Wohlstandsgesellschaften, die in Wahrheit von Menschen in Indien und anderen Ländern ferngelenkt werden. Und in dieser Welt zu dieser Zeit muss jede Dystopie natürlich sofort auch umgesetzt werden: Oder sowas wie NEO, der vor ein paar Monaten vorgestellt wurde. NEO soll dieses Jahr für 20.000 Euro in den Verkauf gehen – und wird dann von einem Remote-Worker irgendwo in Indien gesteuert, weil er selber nichts kann.
Die Kaltmamsell im Friedrichstadtpalast.
Shift Happens im Scheibflasch. Der Artikel, der so tut als ginge er um Dance Dance Revolution nerdet eigentlich extrem zum Thema „Pfeiltasten auf dem Keyboard.“ Loving it!
Ich habe immer noch keinen echten Bubble Tea getrunken und bin umso faszinierter von Legos Boba Quest durch New York. Er testete: ChaHalo in Long Island City, right in between the Queens Plaza station (E, F, R) and Court Square (7, E, F, G, R)
Ich wundere mich genauso wie du, wie kritiklos dieses „Bekennerschreiben“ hingenommen wird, und das auch von Menschen, die so etwas normalerweise genauer überdenken. Ich verstehe es schlicht nicht.
Ich hab mir mal so ein Ding von Dymo oder wie das heißt, gekauft, um alles mögliche stilisch mit Labeln zu versehen. Eigentlich eine echt coole Sache!
Und? Was hast Du damit gemacht?