Kategorie: Alltag

  • 25-10-14 Rostroter Badmülleimer

    25-10-14 Rostroter Badmülleimer

    Die Klausur Mikroökonomik ist bestanden. Damit trennt mich nur noch das unbekannte Klausurergebnis Knowledge Management vom Bachelor.

    Madame bestellte mit 1% Handy-Akku per Paypal-Handy-Überweisung vier vernickelte Hultarps.

    Old school an der Kasse bezahlte sie bei Höffi den rostroten Badmülleimer Spirella. Farblich vielgestaltiger war das von ihr entdeckte Farrow & Ball-Fachgeschäft in Wilmersdorf.

    Dienstag hatte ich im Büro das erste Mal seit einer Woche für ungefähr drei Stunden lang nicht das Gefühl in einer Wildwasserwelle zu hängen. Zeitweise hatte ich wieder echten Überblick und durfte selber Tempo, Abfolge und Richtung meiner Arbeit gestalten.

    Es endete allerdings mit einem seltenen Erlebnis: Ich schrieb einem Kollegen eine unfreundliche Mail.

    Es waren drei Tage der Arbeit.

    Ein Nachtrag zum Klavierbauer von letzter Woche: Es handelt sich um den Klavierbauer Stallmann. Auch wenn die Kompetenzbeurteilung von Handwerkern fremder Gewerke immer schwierig ist: Er macht einen sehr guten Eindruck.

    Ein Nachtag zu den Latifundien: Es lagen in letzter Zeit diverse große Walnüsse im Beet. Was insofern bemerkenswert ist, weil wir keine Walnuss besitzen und auch in näherer Nachbarschaft keine kennen. Die drei Eichhörnchen und das Rätsel der unvergrabenen Walnuss.

    Wenn der Bus Verfrühung hat, geh ich eben zu Fuß

    Der Arbeitsweg führt unter fallenden Blättern vorbei, fast bin ich mit der Jahreszeit versöhnt, die ein Ende von Licht und Leben bedeutet.

    Vögelschwärme kreisten selbst über dem ICE-Bahnhof.

    Beim abgebrannten Haus von Marcello/ da Michele sind wieder Bauarbeiter unterwegs. Die Einweg-Schutzanzüge, die sie tragen, lassen es geboten erscheinen, Abstand vom Haus zu halten.

    Dafür entdeckte ich eine neue Pizzeria im Baumarkt. Die Bezeichnung Italian Pizza ließ Zweifel an der Italianita des Etablissements aufkommen, endgültig verstärkten sich diese durch die halb-arabisch/halb-deutsche Inschrift „Bismillah … Allah“.

    Empfehlenswerter: In der Mittagspause gegenüber zu Höffi laufen und dort das SB-Restaurant aufsuchen. Dort entdeckt: vor den Toiletten sind Zeiterfassungsterminals, die Mitarbeiter*innen müssen sich ausstempeln wenn sie auf Klo gehen.

    Überraschend empfehlenswert: Der Mittagstisch von Exclusive Coffee zwischen Südkreuz und Vattenfall-Zentrale. Der Moabiter und ich testeten.

    Unangenehme Nachbarschaftsentdeckung: Ein Hamas-Dreieck auf einem Parkautomat. Nach etwas Grübeln und der Google-Suche „was tun wenn Hakenkreuz gesehen“, entschied ich mich zu einer Strafanzeige. Allerdings dauerte es noch einen Tag. Denn ich wollte nicht schreiben „irgendwo hier auf dem Parkautomat ist etwas, dass ich für ein Hamas-Dreieck halte“ sondern ordentlich mit Fotos und Begleitsprüchen dokumentieren. Und siehe da: Bis ich wieder am Parkautomat war, was das Symbol schon wieder entfernt worden. Vielen Dank.

    Auf den Kopfhörern auf den letzten Schritten ins Büro die Yabai T-Shirts. Es ist gar nicht so einfach, dabei sozialadäquat durch die Gänge zu laufen.

    Wie ich friedlich in die Bibliothek gehen wollte und auf dem Ballermann landete

    Nachdem letzten Monat mein abendlicher Ausflug in die Stabi so umfassend erfreulich war, dachte ich ich wiederhole dies. Denn nach dem Bachelorsemester 7 ist hoffentlich im Mastersemester 1. Der herbstliche werktagsabendliche Potsdamer Platz wird sicher erfreulich leer sein, und selbst dort werde ich dann schnell und unkompliziert etwas essbares finden.

    Dann allerdings stieg ich aus der S-Bahn und landete auf dem Ballermann:

    Das Festival of Lights!

    Schick. Aber auch voll. Und so gar nicht bibliothekarisch. Schnell und unkompliziert essen war angesichts der Menschenmassen natürlich auch ausgeschlossen. So strebte ich schnell und hungrig in die Bibliothek. Selbst den Halloween-Pop-Up-Store von Deko Behrendet ignorierte ich. Denn ich wollte endlich Zeit allein mit dem Modul Datenstrukturen und Algorithmen verbringen.

    O

    Ich glaube Herr Rau schrieb letztens sinngemäß, dass er mehr Informatik unterrichten möchte und weniger programmieren. Dann wäre dieses Modul – Datenstrukturen und Algorithmen – etwas für ihn. Das beginnt erschreckend mathematisch (Groß-O – Beweisen sie, dass…) geht dann aber zumindest ein klein wenig in den geistigen Sinkflug und erläutert Informatik.

    Es beschreibt Programme, bleibt aber letztlich eher abstrakt, versucht Strukturen und Sinn jenseits des Programmcodes zu finden. Also nicht „Es gibt Klassen“, sondern „Es gibt ein Bedürfnis, das kann auf folgende Art und Weise gelöst werden und in Java gibt es dafür Klassen, in C hingegen..“

    Sehr spannend. Ich glaube in seiner Art eher Old School. Und danach werde ich keine Zeile Code mehr schreiben können als vorher. Aber ich werde Programmierern unangenehme Fragen stellen können.

  • 25-10-11 Vollzeiteinfädeln

    25-10-11 Vollzeiteinfädeln

    Es hat Pfumb gemacht. Das Auto springt an. Der Subaru hat nach drei Wochen des Nicht-Bewegtwerdens im Jahre 2025 problemlos den Sprung in die Herbst der kühlen Temperaturen geschafft. Damit verläuft dieser Herbstbeginn besser als der von 2023 (Ausfall wegen Batterie) und der von 2024 (Ausfall wegen Benzinpumpe).

    Auch sonst lief und bewegte sich eine Menge. Aus dem Urlaubsrhythmus kommend, versuchte ich mich in ein derzeit wildbewegtes Alltags- und Arbeitstempo einzufädeln, ohne überfahren zu werden.

    Gefühlt war Kalenderwoche 41 meine erste echte Vollzeit-Arbeitswoche seit Mitte Juli – Wochen in denen vieles gestartet wurde, das nun mit voller Wucht auf mich hereinkam. Ich konnte weder sagen „ich bin schon wieder weg“ oder „dann bin ich ja im Urlaub“, sondern es kam alles auf mich. Der Lackmeister, mein Halt-mir-den-Rücken-frei-Kollege, hat extra mit seinem Urlaub gewartet, bis ich wieder voll ansprechbar bin, aber nun es ist soweit. Er ist weg, ich geriet in eine bewegte Woche.

    Nicht das Wichtigste, aber erinnernswert an einer erlebnisreichen Woche: Meine überraschend lang andauernde Erklärung, dass sich ein defektes Kabel auch in Fällen hoher Dringlichkeit nicht remote reparieren lässt.

    Immerhin konnte ich fast das komplette Wochenende damit verbringen, in eine Decke eingehüllt auf die Latifundien zu schauen, Kraniche und Stare(?) zu bewundern, etwas zu lesen und etwas mehr zu schlafen.

    Nachdem ich jetzt eine Woche Zeit hatte, mich wieder im Alltag einzufinden, mich selbst, Arbeit und sonstige Umwelt wieder in einen zueinander passenden Rhythmus zu bringen, geht es auch das Blog wieder richtig. Ich schreibe am Sonntag über die Woche, die Sonntag zu Ende geht.

    Es war eine Berliner Woche der Arbeit und anderthalb Tage des Schlafens in den märkischen Hamptons.

    Während vor mir ein Farbbeispielkatalog liegt, macht auch das Wetter deutlich: der graue Alltag hat mich wieder.

    Auf dem Weg zur Arbeit passierte ich den Möbel-Hoffi. Quer über den Parkplatz des noch leeres Geschäfts dröhnt ununterbrochen eine automatisierte Lautsprecherdurchsage „Herr .. bitte sofort zum Kontrollpunkt kommen. Herr … bitte sofort zum Kontrollpunkt kommen. Herr … bitte sofort zum Kontrollpunkt kommen.“ – so beginnen Horror- oder Zombiefilme.

    Das ehemalige Café Lavazza am Bahnhof Südkreuz verwandelt sich in ein Café Einstein. Im Rahmen der bahnhofsbedingten Systemgastronomie scheint mir das das Beste, was passieren konnte.

    Berlin semisperrte eine weitere Autobahnbrücke. In besseren Nachrichten: die neue Show im Friedrichstadtpalast lief an.

    Direkt neben der semigesperrten Brücke erhielt ich eine Führung durch das Stadtbad Wilmersdorf I selbst inklusive des Chlorgasraums. Madame kaufte kurz darauf Forellenkaviar in Berlins Kaviar-Epizentrum, dem Ledo am Heidelberger Platz.

    Die Gemüslichkeit entschuldigte sich fast für den Herbst und den Wechsel des Ernteanteils von Tomaten und Zucchini hin zu Möhren und Kartoffeln. Wobei ich denke: Noch empfinden die meisten den Wechsel als abwechselnd. Viel spannender wird es ja, wenn es im März immer noch Möhren und Kartoffeln gibt.

    Ich bearbeitete die Möhren, die schon fast klischeehaft klein und verknorzt waren. Aber ich glaube noch nie stand ich in einer derartigen Wolke Karottendurft einfach nur beim Putzen des Gemüses. Ich bin begeistert.

    Café-Literaturpreis

    Weiter gelesen in Moritz Klopsteins Effi-Briest-Adaption. Dabei das schöne Wort Haselant gelernt1 und beschlossen, es in meinen aktiven Wortschaft aufzunehmen.

    Gelesen. Das zum Geburtstag geschenkte Buch Ein Bauch spaziert durch Paris – nach dem Besuch von Paris und von Vincent Klinks Wielandshöhe in der Vorwoche natürlich die perfekte Nach-Reise-Lektüre.

    Etwas anstrengend: das Füllmaterial, das sich sehr nach einer Paraphrase der entsprechenden Wikipedia-Artikeln zu Paris anhört. Lohnend: Seine eigenen Schilderungen, Begegnungen, seine Obsession mit Hotelbars und natürlich die zahlreichen Restaurantbesuche.

    Mit besonders in Erinnerung geblieben:

    Das Café Les Deux Magots, das seit 1933 einen eigenen Literaturpreis vergibt. Obwohl es seit dem 1950ern Stammgast eines jeden Reiseführers ist, soll es laut Klink immer noch sehens- und erlebenswert sein. (Salat um die 25-30€))

    Das Grand Véfour, in dem schon Danton und Robespierre aßen, später dann Jean Concteau, Colette und andere. Heute betrieben von Guy Martin und laut Klink immer noch eine Empfehlung. (Drei-Gang-Mittagsmenü aktuell 70€ plus Getränke)

    Das Jules Verne. Nachdem ich es schaffte, Paris hemmungslos zu verfallen, und dabei den Eiffelturm komplett zu ignorieren2, brachte mich Klink auf die Idee, dass man sehr viel Touri-Entertainment vermeiden, und dabei hervorragend essen kann, indem man das Turm-Restaurant besucht. Das hat zwei Sterne und eine hervorragende Aussicht. (und hier kostet das Vier-Gang-Mittagsmenü aktuell 180€ plus Getränke. Die Website weist nachdrück auf den Dresscode hin)

    Neben vielen spannenden Infos über Paris, hat es mir aber auch geholfen, unser Essen letzte Woche noch besser zu verstehen. Denn im Buch wird deutlich: Zwei Herzen schlagen ach in seiner Brust: der bodenständige-fast-puratinische-Schaffer-Schwabe, und derjenige, der hemmungslos Pariser Großartigkeit und Darstellungsgabe verfallen ist. Beides findet sich in seiner Karte.

    Musik

    Im ehemaligen Mecca-Klavierbau zieht Miamorflora ein.

    Ein Klavierbauer besuchte die Wohnung. Er begutachtete das geerbte Zimmermann-Klavier, das der ehemalige Mecca-Klavierbauer3 als irreparabel defekt bezeichnet hatte. Die gute Nachricht: Der Zweitmeinungs-Klavierbauer sieht das nicht so. Die schlechte Nachricht: Jetzt müssen wir es wohl mal in Ordnung bringen lassen.

    Aus der Konserve läuft beim Schreiben dieses Textes die CD Monika Roscher – Witchy Activities; auch ein Geburtstagszugang dieses Haushalt und ein sehr hörenswerter. Vielen Dank!

    Text

    Juna, irgendwie jüdisch, Der siebte Oktober. 7. Oktober 2025

    Beim Durchirren von Stuttgart 21 fragten wir uns, was eigentlich aus dem angekündigten Neubau des Bahnhofs Altona wurde. Stern.de lieferte eine aktuelle Antwort: Was Stuttgart kann, kann Hamburg auch: Bahnhof Altona wird Jahre später fertig

    Hätte ich den Samstag nicht unter Kranichen verbracht, dann im Erinnern an den Türkischen Bazar im Bahnhof Bülowstraße: Ein U-Bahnhof als Herzstück deutsch-türkischen Lebens in Berlin Ich hoffe jetzt auf die kommenden Jahre.

    Ding, ding, ding! – oder: warum ich versuche, möglichst alte Autos zu fahren, oder: niemals wusste die Menschheit mehr über die Gestaltung von Bedienoberflächen und niemals war sie schlechter darin.

    Hurra, lesenswerter Popjournalismus: Lola Young ist nicht Amy Winehouse! (via holy fruit salad)

    Lorenzo unaufgeregt: Sanktionen beim Bürgergeld verschärfen: Wissenschaftliche Kritik und Befunde

    So wichtig: dazwischen ausreichend freiraum, spielraum für später. da alles, damit hatte ich nicht gerechnet. // um meine imaginationsräume zu öffnen. so sage ich, und genau so stimmt es.

    Anmerkungen

    1. „Der Wallache war ein richtiger Haselant! Und als solcher nicht vertrauenswürdig“ ↩︎
    2. Weil ich es kann! ↩︎
    3. Der gar kein ausgebildeter Klavierbauer war, wie wir jetzt lernten. ↩︎

  • 25-10-09 Olfaktorische Überraschungen (Stuttgart->Berlin)

    25-10-09 Olfaktorische Überraschungen (Stuttgart->Berlin)

    Nach einer Woche der Ereignisse, hatte sich mein Bewegungstempo arg verlangsamt. Es war nicht schlecht, dass wir im Hotzelzimmer zwei Stunden zwischen Aufwachen und Aufbruch hatten. Dies kam meiner samstäglichen Geschwindigkeit entgegen.

    Es war ein Wochenende des Reisens und Ankommens. Das Blog hinkt in der Zeit weiter hinterher, im Ort aber kommen Blog und Bloggender wieder zusammen. Der Blogpost beginnt am Hauptbahnhof Stuttgart und endet in der Schöneberger Wohnung.

    Es beginnt in Stuttgart während immer noch der Cannstatter Wasen in der langes-Wochenende-Version lief. Und immer mehr Karohemden und Dirndl kamen nach. Wobei Madame zu recht bemerkte: Lederhosen und Dirndl haben den großen Vorteil festlich und passend auszusehen, ganz egal, welcher Körper in ihnen steckt.

    Stuttgarter Bettler sind seltsam. Ein Mann, nicht weiter ungewöhnlich aussehend, sprach Madame an, ob sie italienisch spricht. Sie bejahte. Er dankte Gott und begann mit seinem Anliegen. Ich stieg hier sprachlich endgültig aus, war aber sehr verwundert, als er keine Landkarte oder Adresse herausholte, sondern ein Handyvideo einer leidenden Kreatur zeigte. Madame winkte ab, wir zogen weiter.

    Spannende Masche: Am Stuttgarter Bahnhof ist allein die Zahl der Italienischen Muttersprachler*innen ziemlich hoch – und auf diesem Weg schafft er erst einmal Vertrauen und Verbundenheit, die es umso schwerer machen, ihn dann eine Minute später zum Teufel zu jagen.

    Ein Regionalzugnachtrag: In unserem Wagen drei junge Männer, die ich sofort als „Ey, Bruder“ angesprochen hätte. Sie öffneten eine Flasche Wasser, diese stand unter Druck, das Wasser lief auf den Boden. Die drei wischten diesen aufopferungsvoll und unter Beschaffung verschiedener Tücher sauber. Madame bemerkte, dass wir im Südwesten sind. In Berlin hätte jeder gedacht „Ist ja nur Wasser. Geht von alleine weg“, oder auch „Ist ja nur Bier. Wird sich die S-Bahn drum kümmern.“ Nicht so im Regio von Tübingen nach Stuttgart.

    Unser Zug aber war der ICE von Stuttgart nach Berlin.

    Regen in Frankfurt

    Die Fahrt mit ICE690 begann, wie wir es uns vorgestellt hatten. So schon vor seiner Ankunft in Stuttgart vermeldete der Zug „Technische Probleme am Zug“ und „Überraschender Personalausfall.“

    Aber ich hatte ja zum Geburtstag ein paar Glückssocken geschenkt bekommen, die ich natürlich auch trug, und diese bezwangen die Deutsche Bahn. Trotz eines liegengebliebenes Zuges, der irgendwo in Hessen die Strecke blockierte, kamen wir nahezu pünktlich in Berlin an, alle innerstädtischen Anschlüsse fuhren in dem Moment im Bahnhof ein, indem wir den Bahnsteig betraten.

    Da wollte ich doch glatt meine Glücksmelodie singen.

    Skyline Frankfurt

    Zwei Bücher

    Im Zug gelesen: Wolfgang Büscher: Berlin – Moskau. Eine Reise zu Fuß, von der Wikipedia ungewohnt unbescheiden kommentiert als: „Mit diesem Buch wurde er zur Reporterlegende.“ Büscher schildert genau das: wie er um das Jahr 2000 Berlin verließ und zu Fuß ziemlich geradeaus durch Polen, Weissrussland und das westliche Russland lief, bis er in Moskau ankam.

    Auf jeden Fall sehr spannend, und mich herausfordernd. Es begann auf schlechtem Wege. Quasi den ersten Satz, den ich las war das Autorenporträt „heute arbeitet er bei Die Welt„. Das war natürlich auch von 2003 und Die Welt noch nicht die Ulf-Poschardt-Welt. Aber es löst ein Unbehagen aus.

    Weitere Punkte für Unbehagen: mehr als einmal hatte ich das Gefühl, dass ihn tote deutsche Adlige und Soldaten mehr interessieren als lebendige Pol*innen und Russ*innen, und überhaupt war das natürlich so eine sehr klischeehafte Männersache: Ich allein bezwinge die Weite, alle Bekanntschaften sind kursorisch, aus Nichts lasse ich mich wirklich ein und am Ende bin ich Held der Landstraße.

    Aber: Es ist ein tolles Zeitporträt der frühen 2000er. Büscher kommt an Orte an denen vermutlich niemals sonst ein westlicher Journalist war, trifft am Ende halt doch jede Menge Menschen. Und überhaupt ist zu-Fuß-gehen natürlich die beste Art des Reisens überhaupt.

    In Berlin angelesen: Moritz Klopstein: Effi Briest und der Vampir. Ich bin jetzt irgendwo zwischen einem Drittel und der Hälfte, bisher juble ich immer, wenn das Gefühl habe, Original-Fontane-und-Effi-Briest zu lesen und bin genervt vom Vampir. Das ist ungefähr das Gegenteil dessen, was ich vorher erwartet hätte.

    Zwei Gerüche

    Im Berliner Treppenhaus roch es intensiv nach verbranntem Gummi. Nach unserer Silvesterraktenepisode dieses Jahr, und nach dem ein oder anderen abgebrannten Dachstuhl in Schöneberg dieses Jahr, ist Brandgeruch wirklich das letzte, was ich im Haus riechen möchte.

    Mit leichtem Alarm stiegen wir die Treppen empor; immerhin konnte ein Blick auf dem Fenster Aufklärung erbringen: Das Flachdach am anderthalbstöckigen Mittelbau war während unserer Abwesenheit neu mit Dachpappe versehen worden.

    In der Wohnung ein intensiver Duft nach Mango. Das war erstmal angenehmer als der Brandgeruch. Etwas misslich war, dass wir eine Kiste Mangos auf der Heizung abgestellt hatten – und diese Heizung beschlossen hatte, sich das das erste mal seit Monaten selbsttätig wieder in Betrieb zu setzen.

    Die Mangos waren sehr lecker aber auch sehr gereift.

    Garagenhof bis Biskaya

    #Wurst is now trending across Mastodon

    Inhaltsreicher, in mehrere Hinsicht, Gabi Frankemölle, mit etwas was jetzt schon nach Winter-Soulfood aussieht: Cauliflower Mac and Cheese

    Während wir durch Paris und Tübingen wandelten, überquerten Angela und Holger die Biskaya. Danach: Gedanken über Orcas.

    Mit der Bahn fuhr Karen, bringt gleich zwei Lieblingsthemen dieses Blogs zusammen: Langstrecken-Bahnfahren und Chemnitz: Heimaturlaub mit Zug

    Christian detailliert: Wie er und seine Nachbarn – mit arg verschiedenen Interessem – ihren Reihenhaus-Garagenhof E-Auto-Ladestationen austatteten. Fazit: Die Elektrifizierung eines Garagenhofs ist komplex: juristisch, organisatorisch und technisch. Sie erfordert Geduld, Koordination und klare Absprachen. Doch am Ende steht eine moderne Ladeinfrastruktur, die allen Beteiligten den Umstieg auf die Elektromobilität erleichtert und die Gemeinschaft ein Stück zukunftsfähiger macht.

  • 25-10-07 Sauerkirsch auf Sauerbraten (Stuttgart)

    25-10-07 Sauerkirsch auf Sauerbraten (Stuttgart)

    Ich hörte mir staunend zu, wie ich selber sagte „Der Pinot Noir war von 2014“ – ein Satz über den ich lange nur gelästert hätte, und der doch hier ganz unprätentios gemeint war und passte.

    Es war ein Tag des Feierns in Stuttgart: Eine bestandene Bachelorarbeit, ein 50. Geburtstag, zwei unterschriebene Verträge und eine vollendete Lebensabsicherung. Der deutsche Nationalfeiertag, der auch noch war, trat angesichts dieser Anlassdichte in den Hintergrund. Das war schon einen großen elf Jahre alten Spätburgunder wert.

    Wir blieben bis Vormittags im Hotelzimmer. Denn es war spacig – im doppelten Sinne. Es war groß, hatte Space, und zumindest das Badezimmer hat vielleicht auch schon einmal erfolglos versucht, zum Mond zu fliegen.

    Und wir hatten große Pläne, auf die der gesamte Vormittag zulief. Diese Pläne ließen es geraten erscheinen, mit eher leerem Magen angetreten zu werden.

    Gegen halb zwölf begaben wir uns durch die Massen der Lederhosen- und Dirndl-Träger*innen von der Station Stadtbibliothek über den Charlottenhof bis hin zum Marienplatz. Dort warteten die beiden kirchlichen Würdenträger*innen, mit denen wir verabredet waren.

    Mit der Zacke auf die halbe Strecke

    Ein Stuttgarter Wahrzeichen fuhr uns hinauf zu einem anderen Wahrzeichen der Stadt. Die Zacke, die Zahnradbahn Stuttgart, fuhr uns die halbe Strecke hinauf nach Degerloch bis zu Vincent Klinks Wielandshöhe.

    Uns empfingen gestärkte Tischdecken, Kellner in Uniformen und prachtvolle Blumenbouquets. Zu Klinks Überzeugungen gehört es, alles was einen Restaurantbesuch vom Alltag entfernt, zu zelebrieren. Der Meister selbst drehte zu Beginn des Mittagsservices eine Runde, begrüßte alle Gäste. Denn so will es der Anstand, und Anstand ist ein Konzept, das in der Wielandshöhe ausgeprochen hoch gehalten wird.

    Obwohl uns die Website gewarnt hatte „Es geht um das Essen, nicht die Aussicht. Jeder, der hierher kommt, hat einen besonderen Anlass, versuchen sie gar nicht erst um einen Fensterplatz zu kämpfen“ blieb uns das Panoramascheibenglück hold. Wir hatten einen Ecktisch mit einer Aussicht auf das tiefer liegende Stuttgart in gleich zwei Richtungen.

    Im Normalfall denke ich bei solchen Anlässen „Der Koch weiß besser was gut ist als ich, und ich bin hier, weil ich ihm vertraue – also nehme ich das Menü.“ So hielten wir es alle.

    Das Menü

    Um meiner späteren Erinnerung aufzuhelfen. Das Menü enthielt:

    • Gruß aus der Küche: Zwiebelkuchen
    • Vorspeise: Forellenfilet an Linsen und Beurre Blanc oder Schweinskopfsülze an mariniertem Gemüse
    • Suppe: Lauch-Kartoffel-Suppe
    • Hauptgang: Sauerbraten mit Dinkelspätzle
    • Dessert: Meringue Perdu mit Vanilleeis und Himbeeren

    Als Aperitiv einen Sekt mit Zitrone? Oder war es sehr klein geschnittene Zitrone aufgegossen mit Sekt? Es gelang uns, den Kellner zu verwirren, indem wir erst zum Hauptgang Wein wünschten. Dieser war ein Friedrich Becker: Pinot Noir Schweigen von 2014. Der Dessertwein ein Joh. Jos. Prüm Graacher Himmelreich Riesling Auslese von 2019.

    Die Namen der Gerichte täuschen darüber hinweg, wie beeindruckend sie waren. Einer der Leitlinien des Restaurants ist es ja, die handwerkliche traditionelle Küche am Leben zu erhalten. Aber halt auch unter dem Motto „wir lernten Kochen bei Paul Bocuse und nicht bei unseren Omas.“ Also Essen in einer Perfektion und Präzision, die die Vollzeitbeschäftigung eines eingespielten Teams voraussetzt. Und so war es.

    Um die Highlights herauszugreifen:

    • Der Geruch des Sauerbratens beim Abheben der Cloche. Ich hätte ihn gar nicht essen müssen, sondern hätte ihn einfach nur 20 Minuten riechen können.
    • Der Saft(?) der Sauerkirsche, der sich beim Aufschneiden über ebenjenen Sauerbraten ergoss.
    • Das marinierte Gemüse zum Schweinekopf.
    • Der erste Schluck vom Pinot Noir.
    • Das komplette Dessert.
    • Madames leuchten in den Augen auch nach Tagen, wenn sie das Wort „Linsen“ ausspricht.

    Nicht Schwimmen

    Scheiterten wir daran, im Baden-Württembergischen Haus der Geschichte die Ausstellung Frei Schwimmen zu sehen. Seit dem 1. Oktober schließt das Haus normal um 17 Uhr, und das war uns zu früh. Es half auch wenig, dass Donnerstags bis 20 Uhr geöffnet gewesen wäre und freitags der Eintritt frei ist.

    Gleich nebenan die Plakate für das Skandalstück Sancta, das am entsprechenden Abend lief – aber natürlich ausverkauft war.

    Immerhin konnte ich meine Stuttgart-Orientierung erhöhen, indem wir zu Fuß am Landtag vorbei durch den Schlossgarten und die Königstraße bis zur Labyrinthbaustelle Stuttgart 21 und zum Europaviertel liefen. Noch zwei bis drei vergebliche Versuche, Frei Schwimmen zu besuchen, und ich werde mich in der Stadt auskennen.

    Pferdezahnarzt und Menschenmaskenbildner

    Verkehrte Welten. Ich trinke Spätburgunder und Carsten isst Fischbrötchen in Büsum.

    Ein weiteres Sternelokal zum Vormerken, dank Julia Chishuru, westafrikanische Küche in London. Monatsrückblick September 2025: Alte Freunde, neue Risse

    Sachen, von denen ich vorher nie gedacht hätte, wie spannend ich sie finde: Mit dem Pferd beim Zahnarzt.

    Joel beim #FotoVorschlag mit. Thema: Handwerk. Vier schicke Fotos seiner Handwerkskunst.

  • 25-10-05 In Quadraten latschen (Tübingen -> Stuttgart)

    25-10-05 In Quadraten latschen (Tübingen -> Stuttgart)

    Die Bachelorarbeit ist bestanden. Die Nachricht war am zweiten Oktober schon nicht mehr neu. Aber immer noch wirkmächtig.

    Es war ein Urlaubstag bei, mit und um schwäbische Bahnhöfe herum. Der Blog läuft weiterhin nach, aber ich werde aufholen.

    Ich habe Abbitte zu leisten für den vorletzten Beitrag. Das Cannstatter Volksfest auf dem Wasen heißt in seiner informellen Variante natürlich Cannstatter Wasen und nicht Cannstädter Wasen. Mea culpa.

    Chantilly-Nachtrag

    Und wo ich gerade beim mich-selbst-korrigieren bin: Die Tres riches heures sind auch nicht unumstritten das Meisterwerk der Buchmalerei. Aber unter den Meisterwerken sind sie das bekannteste und zugänglichste – also quasi die Mona Lisa der mittelalterlichen Buchkunst.

    Man kann sich die Telefonate vorstellen:

    Angerufene: Hallo, hier Bodleian Library / Bibliotheque National de France …

    Anrufer: Hallo, hier das Musée Condé im Schloss Chantilly.

    AG: Ja?

    AN: Ihr habt doch dieses kostbare Manuskript..

    AG: Ja???

    AN: Wir wollen die kompletten Tres riches heures zusammen damit..

    AG: Wann können wir es bringen? Und wie viele? Ich bin schon auf dem Weg!

    Diese Fülle an hochkarätigen Ausstellungsstücken in Chantilly… Auch im Nachhinein unfassbar.

    Schwaben-Nachtrag

    Aber bei allem Blog-Nachtrag. Auch das Blog hat Frankreich eigentlich schon verlassen und bewegt sich in Schwaben. Am 2. Oktober (Donnerstag) nahmen wir wieder den MEX18 von Tübingen zurück nach Stuttgart. Ich lernte, dass MEX für Metropolexpress steht und freute mich am Zugchef, der am Lautsprecher über seinen Fahrdienstleister lästerte. (..“denn wie wir alle Wissen, haben S-Bahnen ja unbedingt Vorrang“..)

    Wir konnten ausserdem alle Formen an Dirndln und Lederhosen dicht gedrängt auf dem Weg zum Wasen bewundern.

    In Stuttgart-Bad Cannstatt wurde der Zug merklich leerer, geradezu entspannt. Am Hauptbahnhof reichte uns reichte ein kurzer Fußweg vom Bahnhof zum Hotel. Das Jaz Hotel bot eine faszinierende Mischung aus italienisch inspiriertem Edel-Design mit ausgesprochen klappriger Umsetzung, präsentierte uns ein spaciges Badezimmer (mit toller Dusche) und die Panorama-Fensterfront aller Panorama-Fensterfronten – genau auf die Polizeiwache und die Verwaltungsakademie gegenüber.

    Nebenan, ein Phở-Imbiss. Ich esse Phở selten, weil ich danach garantiert ein verkleckertes Shirt anhabe. Aber Donnerstag fühlte sich an wie ein Phở-Tag. Bei Phở Boeuf war es so, wie ich mir einen derartigen Laden in Asien vorstelle – okay, der Insta-taugliche Hinweis „It’s fur not foe“ – auf deutsch also Phö, nicht Pho -wäre in Vietnam nicht nötig. Aber der Rest kam hin, die pinke Neonröhren-Ästhetik des Hinweises stimmte auch.

    Die Gemüsebrühe unterschied schied geschmacklich deutlich von der Rinderbrühe, und auch sonst war es erwartet lecker und ich erwartet suppenspritzerüberzogen. Aber unser Space-Hotel lag ja nebenan.

    Miniaturbahnaussicht

    Weil wir im Europaviertel übernachteten, die neu gebaute Stuttgarter Stadtbibliothek neben den Hotel lag, und weil Bibliotheken toll sind, suchten wir diese auf.

    Madame sagte sofort „Ungers“. Denn dieser Bau sah wie eines der Signature-Gebäude des „Quadratfetistischen“ Oswald Mathias Ungers aus. Stimmt nicht: Eun Young Yi war es, aber wir waren bei weitem nicht die Einzelnen, die eine starke Inspiration durch Ungers entdeckten.

    So quadratisch!

    Auch weiterhin stelle ich fest: ich bin so durch wissenschaftliche Bibliotheken dressiert, dass ich mich unwohl fühle, wenn ich mit Jacke und Tasche eine Bibliothek betrete. Aber natürlich ging es problemlos. Wir fuhren zur Dachterrasse, schauten auf Stuttgart und die Modellbahnlandschaft des Gleisfelds vom Bahnhof Stuttgart – noch ist es oberirdisch.

    Über die vielen Galerien schlenderten wir zurück. Ich immer wieder mit dem Gedanken „Gut, dass morgen Feiertag ist und die Bibliothek geschlossen hat. So bin ich gar nicht erst versucht, mir 24 Bücher auszuleihen. Gut, dass morgen..“

    Auch hielt ich mein inneres Kind zurück und probierte nicht alle Leih-Musikinstrumente aus. Ein schöner Gang durch eine schöne Bibliothek. Würde ich in Stuttgart wohnen, würde ich den Einzug erwägen.

    Büsum, Basel, Hygienevorschriften

    Wenn Beamte träumen.

    Nach Jahren der Andeutung schreibt Frau Brüllen, was sie so beruflich macht.

    Postwestfale in Büsum. Ich hoffe, er hatte frische Scholle.

  • 25-10-04 Von Wenderomanen und dem Wesen der Salatschüssel (Tübingen)

    25-10-04 Von Wenderomanen und dem Wesen der Salatschüssel (Tübingen)

    Die Bachelorarbeit ist bestanden. Diese Nachricht erreichte mich im Tübinger Hotelzimmer, kurz bevor wir uns zum Aufbruch zur Uni Tübingen trafen.

    Damit darf ich mich noch nicht Bachelor of Science nennen – zwei Klausurergebnisse fehlen noch, und erst dann kann ich das Zeugnis beantragen, das zum Bachelor-führen berechtigt. Aber, um die weichere Formulierung im Über-mich-Abschnitt dieser Website zu ergänzen, reicht es.

    Kurz nach der Nachricht: Unsere kleine Gruppe hatte sich vor dem Hotel verabredet, um zum Tagungsort, der Alten Aula der Universität Tübingen zu laufen. Dabei war die sympathische, intelligente ältere Dame, die zur Gruppe gehörte. Ich entspannte: Es versprach ein gemächliches Tempo des Gehens zu werden.

    Welche Irrtum. Sie stürmte voran.

    Und die mir namentlich unbekannte ältere Dame entpuppte sich als Friedespreis-des-Deutschen-Buchhandels und Bundesverdienstkreuz-mit-Stern-Trägerin, Mitglied der Leopoldina, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der British Academy Aleida Assmann. Hui. Immerhin kann ich sagen, ich mochte sie schon, bevor ich wusste, wer sie war.

    Aber erstmal trete ich einen Schritt zurück.

    Denn ich bin schon wieder in Berlin, der Blog aber noch Tübingen. Es waren anderthalb Tage des Tagens.

    Der Anlass

    Es war die Tagung Erinnern und Demokratie: Tag der Zeitzeug:innen 2025 des Hector-Instituts für Empirische Bildungsforschung.

    Im Nahbereich drehte sich die Tagung darum, welche Bedeutung Zeitzeug:innen für eine demokratische Geschichtsvermittlung besitzen. Insbesondere wurde dies an den beiden Zeitzeug:innen Projekten Generation 1975 und Generation Mauerbau diskutiert.

    Im Nicht-ganz-so-nah-Bereich hörten wie eine Veranstaltung, die von sehr konkreten Ausarbeitungen für Schulstunden mit den Zeitzeug:innen reichte bis hin zu weit ausholenden Generaldiskussion des Stands der deutschen Einheit und des deutschen „Wir“s.

    Der Grund des Anlasses

    Madame war als Zeitzeugin geladen. Vor einigen Jahren kamen die Filmemacherin Ina Rommee und Stefan Krauss von KRRO Film in unsere Wohnung. Madame hatte sich eher zufällig gemeldet („Suchen Menschen mit Geburtsgjahr 1975, ausgewachsen in Berlin, Brandenburg oder Baden-Württemberg, die 14 waren als die Wende stattfand“) und das wissenschaftlich begleitete Auswahlverfahren (Repräsentative Auswahl verschiedener Bildungsniveaus, politischer Einstellungen etc.) gewonnen.

    Seitdem macht sie die Runde als Zeitzeug:in, die bezeugen kann, dass das Baden-Württemberg des Jahres 1989 ziemlich weit entfernt von der Wende war – was im Kontrast zu den Berichten der Berliner und Brandenburger aus demselben Jahr deutlich mehr Sinn ergibt und eindrucksvoller ist, als ich vorher gedacht hätte.

    Seit diesem Interview hat das Zeitzeug:innen-Projekt unerwartet Verbreitung gewonnen, ist immer noch sehr präsent. Immer mal wieder tritt Madame auf, um aus Sicht einer Betroffnen davon zu berichten und befragt zu werden. So auch hier.

    Freundlicherweise durfte ich mitkommen. Das Partnerprogramm bestand auch aus der Teilnahme an der Tagung.

    Der Rahmen

    Ein Teil der Referent*innen und Veranstalter*innen hatten wir bereits am Abend vorher im Bavaria getroffen. Die eigentliche Tagung fand in der Alten Aula der Universität Tübingen statt.

    Das Programm bestand aus Themen eher hart am Thema – eine empirische Studie zu Aura-Effekten1 beim Einsatz von Zeitzeug:innen oder konkreten Vorstellungen verschiedener Unterrichtseinheiten – und allgemeineren Themen zum Thema Demokratie – Deutschland – Historische Erinnerungen an die Wendezeit.

    Abfolge und Flow der Veranstaltung sprangen überraschend perfekt zwischen den Ebenen. Am Abend von Tag 1 folgte der Film „Eine Sache der Deutschen“, der aus den bestehenden Interviews das Thema Wende noch einmal aus speziell migrantischer Sicht betrachtete.

    Wir hatten Gelegenheit eine ganze Reihe Bildungsforscher*innen und Historiker*innen kennenzulernen2, Menschen von der Stiftung Aufarbeitung und Berliner Mauer sowie weitere eingeladenen Zeitzeug*innen aus dem Projekt Generation Mauerbau.

    Highlight: Ibraimo Alberto, ehemals DDR-Vertragsarbeiter aus Mosambik, DDR-Nationalmannschaftsboxer und in jüngster Zeit Buchautor und seine mitreisende Frau, die wir zufällig in der Tübinger Innenstadt wiedertrafen als sie und wir beide nach einem Ort suchten, der einem in Tübingen nach 21 Uhr an einem Wochentag warmes Essen serviert. Wir verbrachten zusammen einen hochspannenden Abend im Neckarmüller.

    Subjektive Auswahl

    So viele intelligente Menschen sagten so viele intelligente Sachen. Es fällt mir schwer, eine Zusammenfassung zu finden.

    Am auffallendsten Dirk Oschmann („Der Osten eine Erfindung des Westens“) als Troll vom Dienst, der den Zornes-Ossi mit akademischen Meriten gab. Er war gut darin, alle Anwesenden nach dem Mittagessen wieder aufzuwecken und sonst hat bewusst unterkomplex unterwegs.

    Spannender: Die empirische Untersuchung zum Thema Zeitzeug*innen im Unterricht – in der durch viele Dutzend Schulklassen hindurch eine weitegehend identische Unterrichtseinheit3 einmal mit persönlich anwesenden Zeitzeug*innen gegeben wurde, einmal mit Videos von ihnen, und als Kontrolle eine ganz normale Unterrichtseinheit zum Thema gegeben wurde, und danach die Wirkung der Einheit empirisch überprüft wurde.

    Anregend: die Vorträge von Monique Scheer und Aleida Assmann zum den großen Themen „Wer ist wir? Wie geht es demokratisch? Welche Form des Deutschseins brauchen wir?“ Scheer befürwortete das Salatschüssel-Modell der Nation, in der eine diverse Gruppe zusammenfindet, stellt aber fest: Wichtig ist nicht der Salat, sondern die Schüssel? Was hält sie zusammen?

    Zur weiterem anregend: Anna Lux und ihr Ansatz Populärkultur (Romane, Musik) zur Wende zu untersuchen – die sehr viel vielschichtiger und differenzierter sind als es die übliche Geschichtsschreibung hergibt. Als Erinnerung für mich: Ihr Buch heißt Neon / Grau, ihr Projekt 89goesPop.

    Lebenswege

    Was auch spannend war: sowohl bei Madame wie auch bei mir wäre es möglich gewesen, dass wir an solchen Tagungen professionell teilnehmen; bei ihr aus geisteswissenschaftlicher Richtung, bei mir aus wissenschaftsnaher Politik/politiknaher Wissenschaft. Nur eins, zwei Abzweigungen im Leben anders gegangen, und wir beide hätte eine solche Konferenz im Auftrag der Arbeitgeberin besucht. Bei uns beiden kam es anders.

    Und immer wenn wir in einem solchen Umfeld sind, denken wir ähnlich. Einen halben Tag lang „Hach, was wäre gewesen…“ und nach einem halben Tag des Zuhörens und Beobachtens kommen wir unabhängig voneinander zu der Erkenntnis „Gott sei Dank. Alles richtig gemacht.“

    Anmerkungen

    1. Falsch vereinfacht: Schüler*innen sind so beeindruckt von der Zeitzeugin, dass Aufmerksamkeit und Engagment im Unterricht steigen – sie aber weniger lernen. ↩︎
    2. Zum Teil absurd, weil sich ein paar von Ihnen intensiv mit Madames Zeitzeuginneninterview auseinandergesetzt haben – mit dem Erfolg, dass sie sehr viel über Madame wissen, sie aber selbst ihr vollkommen unbekannt sind. ↩︎
    3. Soweit es halt mit verschiedenen Klassen und verschiedenen Lehrpersonen möglich ist. ↩︎
  • 25-10-03 Nicht die schwäbsche Eisebahne (Paris -> Tübingen)

    25-10-03 Nicht die schwäbsche Eisebahne (Paris -> Tübingen)

    Der Bahnhof in Kehl hat seine besten Zeiten, so diese überhaupt je bestanden, lange hinter sich. Dieser Eindruck verfestigte sich, während ich 25 Minuten lang den Eingang zum Casino Diamond im Bahnhof betrachtete. Denn die Weisheit von Politiker*innen und Wähler*innen brachte uns jetzt neu 25 Minuten Passkontrollen an der riskanten Grenze zwischen Deutschland und Frankreich ein. Die Kontrollen müssen natürlich auch im stehenden Zug durchgeführt werden, wer stört sich schon daran 500 Menschen eine halbe Stunde lang aufzuhalten.

    (Jetzt denkt euch wahlweise einen langen Rant oder einen Schmerzensschrei).

    Es war ein Urlaubstag des Abfahrens und Ankommens.

    Am 30. September um 13 Uhr überquerten wir den Rhein ostwärts. Während ich im Hotel in Stuttgart sitze, schon fast im Zug nach Berlin, reist der Blog von Paris Gare de L’Est bis zum Tübinger Hotel Domicil.

    Ostparis nach Westdeutschland

    Der Tag – welchen muss ich nachschlagen, zu diesem Zeitpunkt hatte ich jeglichen Überblick über Wochentage verloren – begann mit dem üblichen Frühstück: Kaffee und Pain au chocolat, gekauft bei Bäcker Paul im Bahnhof. Madame bewies ihr sich stetig verbesserndes Französisch, indem sie mit der Verkäuferin über die beiden Angebote parlierte: Wollten wir das Angebot Kaffee+Schokocroissant zum Sonderpreis? Oder lieber drei Schokocroissants für den Preis von zwei und dafür den Kaffee extra zahlen?

    Wir endeten bei zwei Croissants, fanden einen Platz in der Bahnhofshalle und sahen dem Treiben zu. Den Damen der SNCF in ihren lila Westen, rennenden Menschen in Stöckelschuhen, und das Jugendorchester, das uns alle halbe Minute neue junge Menschen mit Instrumenten auf dem Rücken vorbeischickte.

    Um 10:54h setzte sich unser ICE 9573 in Bewegung, wir saßen in Wagen 28 auf den Plätzen 63 und 65.

    Im Zug stellte ich fest: Direkt hinter uns saß ein deutscher Orchesterchefmensch, was nicht nur daran zu merken war, dass er deutsch redete, sondern auch, dass er dies in einer Lautstärke tat, die Französ*innen im Zug nicht an den Tag legen. Außerdem outete er sich als Mansplainer und „IT-Experte“, und so allgemein wurde ich mit zunehmender Dauer der Strecke immer froher, kein Mitglied seines Jugendorchesters zu sein.

    Sonst schien unser gesamter Waggon nordamerikanisch besetzt. Ich hörte aus verschiedenen Richtungen amerikanisches Englisch. Am Tisch vor uns saßen vier junge Frauen mit asiatischen Vorfahr*innen und kanadischen Reisepässen, die im Laufe einer dreistündigen Zugfahrt einen erstaunlichen Berg Müll auf ihrem Tisch produzierten. Sie räumten ihn vorbildlich zusammen, bevor wir in Stuttgart ankamen.

    Über ingen, ingen und ingen nach ingen.

    Stuttgart empfing uns in Dirndl und Lederhose. Erst dachten wir „Aha, Zug aus München – issja Oktoberfest“. Dann stellten wir fest: Der Cannstädter Wasen ist auch gerade, und als junger oder junggebliebener Mensch, geht man dort heutzutage im Karohemd hin.

    Noch deutlicher merkten wir die Wasen-Existenz, nachdem wir uns im Bahnhofslabyrinth Stuttgart-21-Baustelle einen Kaffee erkämpft und in den MEX18 eingestiegen waren. Denn dieser fuhr auch nach Stuttgart-Bad-Cannstadt, aus dem Fenster sahen wir Riesenrad und Achterbahn.

    Wir fuhren mit der Eisenbahn durch Schwaben, aber nicht mit der schwäbsche Eisebahne.

    Denn wie selbst ich weiß, fährt die schwäbsche Eisebahne Schtuegert, Ulm und Biberach
    Meckebeure, Durlesbach
    . Trulla, trulla, trullalla trulla, trulla, trulla la, wir hingegen hatten die Ingen-Parcours: Metzingen, Nürtingen, Plochingen, Reutlingen, Esslingen, Tübingen.

    Oder auch nicht bis nach Tübingen. Denn eine anscheinend sehr spontan aufgetauchte Baustelle beendete unsere Fahrt ebenso spontan in Reutlingen.

    Neckarbrücke

    Die Großbaustelle Bahnhofsplatz Tübingen gehört zu den wenigen glücklich beendeten Baustellen Deutschlands. Wir fanden problemlos das Hotel, das uns dank Eckzimmer viel Platz und einen schicken Panoramablick auf das 1960er-Jahre-Parkhaus gegenüber bescherte.

    Wir lenkten einige Schritte über die Neckarbrücke, sahen die Queeren-Protest-Graffitti am Burschenschafts-Haus und gingen zur Alten Aula. Wir wollten den morgigen (= 1. Oktober) Veranstaltungsort schon mal in Augenschein nehmen. Ortstypisch über Berg- und Tal gelangen wir zur anderen Neckarbrücke, sahen das Denkmal für Ottilie Wildermuth („gestiftet von den Deutschen Frauen“) und gelangten über die Neckarinsel bis zum griechischen Restaurant Bavaria.

    Auf dem Weg erfreuten wir uns am Wasserspielplatz, dessen Bedienung allen Kindern sofort ersichtlich war, bei dem alle Erwachsenen aber ziemlich ins rotieren kamen, bis sie herausfanden, welche Kurbel welches Wasser in Bewegung setzt.

    Dort ein herzliches Willkommen, mit Kennenlernen spannender Menschen, dem Austausch diverser Reiseerfahrungen von Berlin nach Tübingen (Umweg über Paris gewinnt) und einer wiederholten Einladung nach Perleberg in der Prignitz. Es gab Gyros.