26-07-13 Was ich den Toten las (Warschau)

Es war ein Warschausonntagnachmittag und ein Aufbruchsmontagmorgen.

Verirrt im Alpinarium

Nachdem wir die Tropenhäuser im Botanischen Garten der Universität Warschau verlassen hatten, waren wir aufgewärmt aber immer noch ziemlich nass. Wir beschlossen vorerstim Freien zu bleiben, und außerdem waren wir ja gerade in einem Botanischen Garten.

Wir versuchten ihn zu verstehen: Es gab Teile, die halb nach Schauteilen aussahen wie das Rosarium, es gab eine Ordnung nach Lebensräumen wie das Alpinarium, das zwar Eingang aber keinen für uns auffindbare Ausgang hatte, es gab immer wieder alte Bäume, Schaubeete, andere Beete, die weniger eindrucksvoll aussahen und vermutlich die echten botanischen Kostbarkeiten des Gartens enthielten und einen Überblick über die polnische Flora.

Ein Garten für den mensch eigentlich eine Gebrauchsanleitung und eine intensive Einführung benötigt, um ihn komplett zu verstehen, Aber auch so, mit unserem Laienwissen und etwas Aufmerksamkeit bot sich vieles.

Aber wir mussten los, wir hatten einen Platz bei einer Stadtführung gebucht.

Treffen am Plac Grzybowski

In dem Teil Warschaus, der dort liegt, wo das ehemalige Ghetto war, liegt das Bodenniveau zwei Meter höher als noch 1943. Nach dem Warschauer Gettoaufstand machten Wehrmacht, Gestapo und SS das Ghetto dem Erdboden gleich, ließen das Gelände samt der dortigen Leichen liegen und später war es einfacher die Trümmerlandschaft aufzuschütten statt sie zu beräumen.

Der Holocaust entzieht sich in vielem menschlicher Vorstellungskraft. Zu groß ist es, zu schrecklich, zu weit entfernt von Alltagserfahrung. „6 Millionen“ lässt sich einfach sagen, aber wirklich zu empfinden was dort passierte – fast unmöglich, ohne dabei selber in Grenzbereiche der menschlichen Psyche vorzustoßen, die mensch nur selten treffen möchte.

An nur wenigen Orten außerhalb der Vernichtungslager lässt sich so deutlich nachvollziehen, was passiert ist, wie in Warschau – 1939 mit knapp 400.000 jüdischen Einwohnern zweitgrößte jüdische Stadt der Welt – und doch im Stadtbild kaum präsent.

Wir nahmen an einer Stadtführung teil, die ein Pole auf Englisch hielt, vor einem gemischten Publikum, zum Warschauer Ghetto. Die Führung legte weite Strecken zurück, denn es gibt kaum Erinnerungen in der Stadt an das Ghetto: de Platzname Plac Grzybowski,, der jüdische Platz, erhielt den Namen schon vor Ghetto-Zeiten. Eine Synagoge überlebte, weil sie den Deutschen als Pferdestall diente, ein Stück der Ghettomauer steht noch – beide sind nur erreichbar, indem man durch mehrere Hinterhöfe in immer shadiger aussehende Gegenden gibt.

Es stehen zwei Denkmäler, es stehen noch einige Wohnhäuser und es steht die Ghetto/Fabrikmauer der ehemaligen Brauerei Haberbusch i Schiele. Wir liefen rechte weite Strecken, vor allem aber erzählte der polnische Guide und er erzählte und erzählte. Er war wie man sich einen Guide wünschte, obwohl er zwei Stunden fast durchredete, hatten wir den Eindruck nur einen kleinen Bruchteil seines Wissens gehört zu haben. Er konnte dort vereinfachen wo es für das Verständnis seiner Gruppe aus halb Europa und den USA nötig war, er konnte dort diferenzieren, wo es nötig war.

Ehemalige Fabrikmauer der Brauerei Haberbusch i Schiele in Warschau. Extra für das Fabriktor wurde eine halbe Straße aus dem Getto ausgeklammert, damit die polnischen nicht-jüdischen Arbeiter in die Fabrik kamen. Links vom Tor, „arische“ Seite sind die Fenster offen, rechts vom Tor „jüdische Seite“ sind sie zugemauert. Die Fabrikmauer ist damit eine der beiden Stellen an denen die Mauer des jüdischen Gettos noch zu sehen ist.

Władysław Szlengel (1912-1942) / Adina Blady-Szwajger (1917-1993)

Und er erzählte Geschichten bzw. ließ erzählen. Am ehemaligen Wohnhaus des Dichters Władysław Szlengel zitierte er dessen Gedichte aus dem Ghetto: Oft satirisch, manchmal traurig, mit aufmerksamen Blick und trotz der äußeren Umstände nicht verstummt. Auf deutsch sind diese erschienen unter dem Titel „Was ich den Toten las“

Und er las aus „Und an mehr erinnere ich mich nicht„; die Erinnerungen der Ärztin des jüdischen Kinderkrankenhaus im Ghetto Adina Blady-Szwajger, die nach dem Ghetto nie wieder darüber sprechen wollte, was geschah, weil sie so traumatisiert war. Erst kurz vor ihrem Tod traf sie einen bekannten von damals der sie fast zur Niederschrift zwang, Nur die wenigen Berichte, die der Guide zitierte, haben mir mehr als klar gemacht, warum sich niemand je daran erinnern wollen würde, so etwas erlebt zu haben,

Eingang des ehemaligen jüdischen Kinderkrankenhauses. Es wird gerade zu einem Teil des entstehenden Warschauer-Ghetto-Museums umgebaut.

Kawa und Buch

Danach waren wir durch. Emotional, aber ich auch davon stundenlang gelaufen und gestanden zu haben. Ich wollte dringend sitzen und Kaffee und keinen Input. Der erste Weg führte zu einer kleinen georgischen Bäckerei, die uns Kaffee und „Croissant“s servierte.

Danach ging es zum Weichsel-Boulevard. Die letzte noch hervorgekommene Sonne genießen, auf das Wasser schauen, Leute schauen, im Buch lesen und rätseln wieso Warschau eine bewaffnete Meerjungfrau zu seinem Wappen erkor.

Team Buchweizen

Eigentlich waren wir an den Punkt an dem wir nur noch ins Bett wollten (ich) beziehungsweise vorher noch etwas essen (Madame). Mit dem „Touristenbus“ 100, inklusive eines sehr verwirrenden „Touristenschaffners“ fuhren wir zurück Richtung Hauptbahnhof/Hotel in ein weiteres Ausgehviertel und landeten im Lokal Przegryź.

Es versprach neugierig, gemüselastige ostmitteleuropäische Küche und es hielt sein Versprechen. Wir aßen eine Auswahl polnischer Käse (wieder der milde Blauschimmel wie am Vorabend) mit einem großartigen Buchweizencracker, Schlesische Kartoffelklöße mit Pfifferlingen und eingelegten Zwiebeln sowie Grüne Bohnen mit Ei, Hollandaise und Pankomehl. Alles vortrefflich.

Wir staunten über die Kellner*innen: das Lokal war klein, aber dank einer steilen Wendeltreppe herausfordernd zu navigieren. Wie sie quasi die ganze Zeit durch die Lokalität liefen und die Treppe erklommen – ich möchte nicht tauschen, aber es war beeindruckend,

IC 142 an Peron 1

Unser Hotel lag am Bahnhof, der Zug nach Osten fuhr um 8:57h. Eigentlich die perfelte Paarung für einen entspannten Morgen. Wenn ich nicht nachts mehrfach aufgewacht wäre, weil ich dachte, wir hätten verschlafen. Solche Tage gibt es.

Als es dann wirklich Zeit zum Aufstehen war, lief es wie geplant entspannt. Etwas wehmütig verabschiedeten wir uns vom Grand Hotel – ohne Frühstück, weil das keinen Spaß gemacht hätte, wenn wir immer auf die Uhr geschaut hätten. Lieber wollten wir im Speisewagen frühstücken. Madame besorgte noch für alle Eventualitäten zwei Sandwiches in einer Bäckerei in Centralna und dann gingen wir langsam zu Peron 1, auf den IC aus Krakau nach Osten warten,

Mit 13 Minuten Verspätung, weil aus Passagiere aus einem anderen Zug gewartet wurde, setzte sich der PKP IC 142 in Bewegung Richtung Mockava (gesprochen: Moskawa), aber das ist eine andere Geschichte.

Centralna im Nebel. Wenn Warschau nicht gerade Bundesgartenschauwürdige Straßenrabatten anlegt, ist in der Stadt auch der Trend zum Präriegarten und No Mow angekommen. Die wilden Möhrenfelder um den Kulturpalast herum – impressive.

Verkehrsmittel

1 Fernzug, 1 Regio, 2 S-Bahnen (Berlin), 2 Metros (Warschau) 5 Trams (2, Ffo, 3 Warschau), 3 Busse (Warschau); hinzugekommen: 2 Metro (Garten zu Führung und Führung zu Weichsel), 1 Bus (Weichsel zu Przegryź)

Die Reise

Ein Gedanke zu „26-07-13 Was ich den Toten las (Warschau)“

  1. Warschau. Was für eine Stadt! Wie die Aufregung in mir hochsteigt! Welch europäische Narbe, welch Heilungskraft.

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