Wir kauften im Supermarkt Pilzbrühe und Cracker mit Schinkengeschmack. Frisches Sauerkraut, Kimchi und einlegte Gurken ließen wir stehen.
*
Emma Goldmann kam aus Kaunas. In einem historischen Holzhaus gibt es neben der Buchhandlung Kolibri auch ein Subkulturzentrum „Emma“ in dem sowohl Politik gemacht wie auch getanzt wird.
*
Die Befürchtung im Urlaub so sehr die Zeit zu vergessen, dass wir eines Tages verpassen, das Hotel zu verlassen und den nächsten Zug zu nehmen. Wir hoffen, das Hotel vergißt das dann auch,
*
Es war ein Art-Deco-Stadtbummeldienstag. Das Reise-ich ist dem Blogger-ich derzeit etwa 28 Stunden voraus.
Lachs-Pancakes für Madame
Im Boheme House, in dem wir wohnen, mussten wir ein wenig an Margrits „unwirtliches Hotel“ denken. Auch hier schien der Plan, das Haus mit möglichste null Personal zu betreiben – aber hier absichtlich und gekonnt.
Der Zugang erfolgte Air-BnB-Style über Codes und eine Schlüsselbox in der Lobby, auch am Nachmittag. Es gibt keine Bar, die Lobby war leer aber kamerausüberwacht, dafür eine voll ausgestattete Minibar. Das Frühstpck muss am Tag vorher per Website gebucht werden, passgenau auf eine Zeit, einen Ort (Zimmer, Lobby oder Dachterrasse) und mit Vorauswahl der Speisen und Getränken.
Fast erwarteten wir, dass sich auch die Speisen von selbst materialisieren würden.
Aber nein, eines der jungen Mädchen, auf deren Schultern offenbar dreiviertel der Kaunaser Dienstleistungen lasten, brachte ein exobirtant gutes Frühstück. Die beiden kleinen Kinder, die wir am Vorabend schon für Gäste gehalten hatten, als sie durch die Lobby wieselten, trugen zusammen mit einer etwas älteren Frau (Mutter? Hotelbesitzerin?) Altpapier vor das Haus und waren damit wohl die ersten Hotel“angestellten“ wir gesehen hatten.
Und wie immer: Alles sah totstylish aus. Der Geschmack konnte hier aber locker mithalten. Ich weiß gar nicht so genau, was ich hatte, aber die Konsistent des Teiges war ein Traum.

Wenn sie Berlin 1990 mochten, werden sie Kaunaus lieben
Ich gehe davon aus, dass die litauische Geschichte vielleicht nicht jede’r Leser’in detailliert präsent ist, und fasse deshalb kurz zusammen. Einst lebten die hier die Litauer, ein baltischer Stamm, und versuchten recht erfolgreich sich der Deutschen Ordensritter zu erwehren. Dann schloßen sie sich im Mittelalter mit Polen zusammen und gründeten ein -. in Westeuropa fast unbekanntes – Großreich unter polnischer Führung, das bis ins 18. Jahrhundert bestand. Danach erging es ihnen wie den Polen: sie wurden wechselnd von Russen und Preußen erobert, wobei die Russen sehr viel präsenter waren.
Dann, nach dem Ersten Weltkrieg, 1919, waren sowohl Deutschland wie Russland in einem denkbar schlechten Zustand. Polen erlangte die Unabhängigkeit und gliederte die traditionelle erste Stadt Litauens – Vilnius – mit ein. Litauen erlangte das erste mal seit dem Mittealter wieder Unabhängigkeit, aber unter Verzicht auf Vilnius.
Es gab einen neuen alten Staat mit einer neuen Hauptstadt. Kaunas. In wenigen Jahren ab 1919 sollten Regierungsgebäude, Botschaften, Behörden und alles gebaut werden was zu einer Hauptstadt gehört. Die Stadt erlebte einen unglaublichen Boom, und alles im modernsten zukunftsstrebenden Stil der Zeit: Art Deco/Modernismus. Es entstanden in wenigen Jahren Stadtviertel, in der verschiedenste Gebäude eines ähnlichen Stils nebeneinander stehen: so eindrucksvoll und so einzigartig, dass diese inzwischen Welterbe sind.
Ab 1940 kamen dann wieder Russen – Deutsche – Russen, Kaunas wurde zweite Stadt in einer Randprovinz der Sowjetunion, die mit der litauischen Unabhängigkeit wenig anzufangen wusste und mit deren architektonischen Erbe auch.
Dann wurde Litauen wieder unabhängig, diesmal mit Vilnius als Hauptstadt, und auch wenn die Kaunaser Moderne mittlerweile Welterbe ist, so übersteigt es doch deutlich ihre mittel die hunderten Bauten in Stand zu halten. Bei den Repräsentatiosbauten (Litauische Nationaölbank, Präsidentenpalast, Zentrales Postgebäude) funktioniert dies, dies sind aber die altertümelnderen, langweiligeren Bauten. Ganze Straßenzüge voller 1920er Wohn- und Geschäftshäuser allerdings befinden sich in einem fragwürdigen Zustand.
Seit Sankt Petersburg 2004 sah ich nicht mehr so viele staunenswerte Architektur in so schlechtem Zustand. Was die BEwphner reut, Mauersegler, Spatzen und Menschen mit Visionen freut. Denn natürlich dachte ich auch an Berlin/Potsdam/Leipzig Anfang der 1990er, riesige Innenstädte, halb leer stehend, ein unglaublicher Raum für Visionen, Kunst, Projekte. Und wenn es in dieser Stadt etwas gibt: dann Kunst.

Straßen und Plätze und Streetart
Viele deutsche Städte haben Probleme, ihre Fußgängerzonen zu füllen. Die Laisvės alėja, die Freiheitsallee ist laut Kaunas-Info die „längste in Europa“ zusammen mit ihrer Verlängerung in der Altstadt, der Vilniaus gatvė, hat seine Länge von 2,5 Kilometer. Und sie lebt: Von vorne bis hinten, von Vormittags bis in die Nacht hinein.
Wir schauen und staunen: Dabei sahen wir viele Ausgehorte – aber nie Stellen, an denen ausschließlich Bars oder Restaurants waren – viele kleine lokale Ketten oder einzelne Geschäfte, nur eine handvoll internationaler Ketten. Diese Ketten leben am liebsten in Malls am Stadtrand.
Gerade zum Abend hin, selbst an normalen Dienstag- und Mittwochabenden, entwickeln sich die zwei Kilometer zur Flaniermeile der Stadt. Dazu tragen die Straßencafés bei, die vielen, vielen Bänke und vermutlich auch die Kunst in der Straße. Manchmal hart an der Grenze zum KItsch, aber fast immer spannend.
Denn Kunst im öffentlchen Raum, das kann Kaunas. Die „Kulturhauptstadt Europas“ 2022 half sicher, aber ebenso sicher fand sie einen fruchtbaren Boden vor.

Kovno
Die letzten hundert Jahre litauischer Geschichte haben noch einen dunklen Untergrund mit hellem Beginn. Polen-Litauen war vermutlich der toleranteste Stadt der Frühen Neuzeit – immer wieder wenn Russen oder Westeuropäer Juden vertrieben, fanden sich diese in Litauen-Polen wieder, von der baltischen Ostseeküste bis zur ukrainischen Schwarzmeerküste. Hier war das Zentrum jüdischen Lebens in der Welt.
Um 1930 war die Situation so, dass ein Viertel der Kaunaser Bevölkerung, etwa 30.000 Einwohner*innen jüdisch waren. In den Schlachten des Zweiten Weltkriegs eroberte erst die Sowjetunion Litauen.
Als die Deutschen anrückten, handelten viele litauische Partisanen nach dem Motto „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ und unterstützen die Wehrmacht. Auch nach der Eroberung, als litauische Miliz- und Aufständischengruppen, sich aktiv mit den Deutschen am Holicaust beteiligten und ihre jüdischen Nachbar*innen ermordeten.
In Litauen ist es immer noch ein schwieriges Thema, das dieselben Personen Freiheitskämpfer und Holocausttäter waren – aber natürlich kriege ich als eine-Wochen-Tourist, der langsam eins, zwei Worte litauische lernt, davon wenig wirklich mit. Außerdem, als Nachfahre von acht Großeltern, die alle 1940 problemlos Deutsche waren, who am I to judge andere Nationen?
Aber natürlich versuchen wie die Spuren des jüdischen „Kovno“ zu sehen. Die alte jüdische Bank, heute überlagert vom Neubau des Zoologischen Museums, aber in der Reptilienabteilung sollen noch Originalrelikte der Bank sein. Die Choral-Synagoge steht noch und wir sahen sie von Außen. Erste Stolpersteine wurden verlegt – aber noch fehlen 30.000.
Und dann war da die Kiemo galerija, die Hofgallerie oder für Tourist*innen, die Yard Gallery: ein ganzer Hinterhof voller Street Art, der Entstand als einer seiner Bewohner die Leben der ehemaligen jüdischen Bewohner der umliegenden Häuser würdigen wollte.

Spiegelscherbenanderwandsammlung
Einst ein städtisch-unbeachteter Hinterhof wie es viele gibt, auf der Welt, begann als Würdigung des Künstlers Vytenis Yakas an die ehemaligen jüdischen Bewohner der Häuser und ist seitdem eskaliert. (hier mit ihrer Homepage)
Kaunas Street Art City. Was in vielen anderen Städten wohl schon lange ein unerträglich überlaufener Hotspot wäre, ist im Tourismus-Hinterland Kaunas noch eine halbe Entdeckung. Manchmal zum Freuen, manchmal zum denken „irgendwo ist auch gut mit dem Kitsch“. Aber immer spannend.

Schon immer Fermentierer
Nachzutragen vom Montag ist das Abendessen. Wir blieben nach Reise und einer Stadt nach dem Gewitter, zwischen Schwüle und Großpfützen, in der Nähe und besuchten eine Filiale von Bernelių Užeiga. Eine Art bayerisches Gasthaus für Amerikaner, aber auf litauisch. Für den ersten Abend war das okay. Die Teigtaschen nach Art des Hauses, die Pilzsuppe in (sehr gutem) Brot und vor allem die ausgezeichneten eingelegten Gurken waren mehr als okay.
Am nächsten Abend gab es ein six-plate-tasting Dinner in einem lokalen mit Michelin-Plaketten an der Tür. Aber das soll ein andernmal erzählt werden.
Verkehrsmittel
Blieb gleich. Wir liefen alles zu Fuß ab. Also (Stand Dienstag Abend nach dem ersten ganzen Tag in Kaunas): 3 Fernzüge, 1 Regio, 2 S-Bahnen (Berlin), 2 Metros (Warschau) 5 Trams (2, Ffo, 3 Warschau), 4 Busse (3 Warschau, 1 Kaunas);

Links
##
##
Heiko voll des Lobes über den Münchner Olympiapark. (auch wenn ich die Begeisterung über die Toten Hosen wirklich, wirklich gar nicht nachempfinde)
##
Osteuropa war auch immer für interessante Chipssorten. Die Erinnerung an polnische Chips mit Steinpilzgeschmack bereitet mir auch nach Jahren einen wohligen Schauer voller Ekel und Entzücken.