Wenn du nicht genau weist, wo es langgeht: Folge einfach der alten Frau, die so aussieht als wüsste sie es.
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Auffallend an Kaunas: Es gibt Tourismus, überall sprechen Leute mindestens passabel englisch und jede Lokalität gab uns eine englische Karte. Aber abgesehen von sehr wenigen Ausnahmen waren alle Beschriftungen, Schilder, Anpreisungen auf Litauisch, einer Sprache die außerhalb Litauens selten gesprochen wird.
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Diese Reise geht ja auch eine Reise von vor zwei Jahren zurück (mehr Strecke, mit weniger Tagen, bei der der Litauen-Teil komplett ins Wasser fiel). Madame meinte, ich solle die alten Reiseberichte auch noch mal verlinken: Zehn Tage um die Ostsee – die Rahmendaten
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Am Fenster: Eine Monsterbremsenfliege.
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Es war ein pilzig-forelliger Reisedienstagabend und ein klösterlicher Mittwoch. Das Reise-ich ist dem Blog-ich derzeit etwa 30 Stunden und 100 Kilometer voraus.
Wein wird nachgeliefert, der Autor will ins Bett
Madame hatte es gesehen als wir mit unseren Köffern an der Vilaeus g. aus dem Bus stiegen, noch nicht ahnend, dass wir diese gleich durch die nächste Unterführung wuchten mussten.
Ein von außen klein wirkendes Restaurant, Nüman, nicht unsympathisch, und die Michelin-Plaketten neben dem Eingang neugierig machten.
Später recherchierte sie: Es ist unbesternt, wird in der Bib-Gourmand-Kategorie geführt (Gute Leistung für das Geld, spezieller in „Essen wir ein Einheimischer“, also halt ein Einheimischer, der Fine Dining macht). Wir waren neugierig.
Es war vom Hotel fußläufig (besser allerdings ohne Koffer), die Reservierung wäre an diesem Abend nicht nötig gewesen. Das Restaurant selber ein umgebauter historischer Stall(?), von dem wir noch Holzbalken, ein Lager für eine Zwischendecke und ein Betonpodest erkennen konnten. Eher die „Nackte-Wände-ohne-Tischedecken“-Fraktion, aber in sich stimmig.
Es gab a la carte oder das „6 Teller Probiermenü“, Spezialwünsche waren auch möglich. Das kleine Mädchen am Nachbartisch erhielt eine große Portion Pommes mit offensichtlich selbst gemachten Chicken/Nuggets Fischstäben, einer Sauce des Hauses und Gemüsesticks.
Wir blieben konventioneller, unsere Erfahrung sagt, dass man bei guten Handwerkern eigentlich immer sagen sollte „Mach mal, wie vertrauen dir.“
Wir aßen also das Sechs-Teller-Probier-Menü. Es bestand aus vier Vorspeisen (jeweils als Sharing Dish serviert, d.h. auf einem Teller von dem wir beide nahmen), einem Hauptgang und einer Nachspeise. Dazu ließen wir uns einen Sparkling Wine für den Auftakt empfehlen und danach einen Weißwein.
Der Kellner stellte alle vier Vorspeisenteller gleichzeitig auf den Tisch, gab aber eine Empfehlung der zu essenden Reihenfolge, an die wir uns hielten.
Es gab
Vorweg
Helles und dunkles Brot. Vielleicht mein Highlight. Kross und weich an den richtigen Stellen und sehr angenehm würzig.
Vorspeisen
(In der vorgeschlagenen Reihenfolge)
- Enten-Teigtaschen mit getrockneten Pilzen auf einem Sauce aus Pilz und Ente. Ich glaube, die Pilzsauce war Madames Highlight des Essen.
- Frittierte Cheddar-Kugeln, gefüllt mit Pulled Beef, dazu Buchweizen und Sauce Bearnaise. Gerade das Fleisch und die Bearnaise vielleicht mein Highlight.
- Tatar mit Pistazien, Feigenmarmelade, Comte und Kartoffelwaffeln.
- Forelle(?) mit einer Senfsauce, Obst und Algen.

Hauptgericht
- Kabeljau mit Miesmucheln und Bratkartoffeln auf einem Muschel-Mandel-Schaum. Mir fast zu intensiv im Geschmack.
Nachtisch
- Etwas Tiramisu-artiges mit Johannisbeeren. Auch ganz vortrefflich.
Der Laundry Room hat ein Zweitleben als Kino
Madame hat in Vorbereitung der Reise umfangreiche Hotelrezensionen gelesen und erfreute sich besonders an einer eines Geschäftsreisenden, der aus Versehen in unserem Speziel Apartment-Hotel landete. Er hasste alles. Für komplikationslose Geschäftsreisen ist das Nichts.
Er fing damit an, dass er im Zimmer weder vernünftig sitze konnte noch einen benutzbaren Tisch hatte (darüber jammerte mein Blog-ich aber auch schon) und endete damit, dass sich die vier Shampoo/Duschgel-Flaschen in der schwarzen Dusche auch bei angeschaltetem Licht nur mit Hilfe einer Taschenlampe auseinander halten lassen.
Aber hey, es gab vier verschiedenen Flaschen zur Auswahl. Und die Aussicht aus dem Zimmer war stunning. Und es war super-speziell und etwas komplett anderes, man konnte immer neue Ideen entdecken. Auch unser „Bestelle per App am Tag vorher“-Frühstück war eigentümlich. Aber das Sandwich mit Entrecote Medium Rare, das ich nächsten Morgen hatte und auch die Belgische Rote-Beete-Waffel waren vortrefflich.
Auch mein Saft Apple-Dill-Yew-Saft schmeckte wie der beste, frischeste Gurkensalat meines Lebens. Zum Glück erinnerte ich mich erst nach dem Trinken, welcher Baum Yew eigentlich ist, vertraute auf einen Übersetzungsfehler, denn sonst könnte ich diesen Text nach Einnahme giftiger Eibe nicht mehr schreiben.
Inzwischen entdeckten wir übrigens auch, dass zwei Häuser weiter ein Architekturbüro in der Altstadt sitzt, das anscheinend mit dem Boheme House zusammenhängt, was vieles erklärt, ich habe auch den Verdacht, dass einige Häuser dazwischen auch noch zum Boheme-Imperium gehören und ihre Entrecote-Sandwiches aus derselben Küche beziehen.

Was ich nur nicht verstehe, was auch untypisch war, es war mir fast unmöglich ins Bett zu klettern, ohne mir dabei das Schienbein aufzuschlagen. Das war auch bei großzügigster Auslegung a bug and not a feature.
Sowjetmenschen im Rollstuhl waren sehr offensichtlich nicht vorgesehen
Die Verkehrsplanung von Kaunas faszinierte mich wie sie mich fertig macht. Und Schuld ist nur die Sowjetunion. Der Konzept, umgesetzt ab 1975 der autogerechten Stadt, sieht vor, dass es einen riesigen Bereich für Fußgänger gibt, der (immer/wieder/erstmals?) total schön ist. Aber sobald man diesen verlassen will, gerät man an dicht befahrene vier- oder sechsspurige Schnellstraßen ohne Ampeln und „natürliche“ Fußgängerüberwege sind mit Sperrgittern blockiert.
Der Sowjetmensch sollte offenbar Treppen steigen und durch Unterführungen laufen. Auch die Stadtväter und -mütter von Kaunas sahen da wenig Änderungsbedarf.
Als wir also einen Trolleybus-Ausflug ins Grüne machen wollten, an das Mare Kauno, den Memel-Stausee am Rande der Stadt, konnten wir zwar eine Bushaltestelle beim Hotel direkt an der Memel nehmen, nicht ohne vorher eine neue Unterführung kennenzulernen, und um dann ungeschützt rechte lange auf einem schmalen Fußweg neben der Schnellstraße zu warten.

Pac – Pacis – Pažaislis / Kamaldulenser – Kasimir
Mit Bus (zuerst) und Trolleybus (danach) fuhren wir Richtung Stausee. Mit uns im Bus fast ausschließlich ältere Damen, die allem anschein nach alle zu einem der kleineren Einkauszentren an den Ausläufern der Stadt wollten. An der Haltestelle am Stausee waren wir alleine; denn alle nicht-verrückten Litauer*innen, die können, fahren dort mit dem PKW hin,
Litauische Kirchengebäude ersparen dem Touristen Arbeit. Die grundlegende Geschichte muss mensch nie nachlesen: Gegründet katholisch, dann irgendwann nach 1795 (Polnische Teilung – Litauen fiel Großteils an Russland) Russisch-Orthodox geworden, nach der Litauischen Unabhängigkeit 1920 wieder katholisch, zu Zeiten der sowjetischen Okkupation wurde es Lager/Schwimmbad/Pferdestall/Kindergarten, um seit 1991 wieder an die Katholiken zurückzugehen.
So auch das Kloster Monte Pacis / Pažaislis am Rande von Kaunas. Ursprünglich vom Gründer Krzysztof Zygmunt Pac als Monte Pacis bezeichnet (Berg des Friedens, die Pac/Pacis-Ähnlichkeit ist sicher nur Zufall), nannte es der Rest der litauischen Menschheit Pažaislis nach einem Fluss in der Nähe.
Besonders ist vor allem, dass das Kloster einst auf einem Hügel über der Memel thronte, seitdem die Memel 1959 dort zu einem Stausee aufgestaut wurde, liegt es direkt am Ufer des Sees. Einst von den Kamaldulensern betrieben – wir kannten den Orden vorher auch nicht – ist es seit 1920/1991 ein Kloster der Schwestern des Heiligen Kasimir.
Deren Wohnräume und ihr Teil der Kirche sind gesperrt, das ehemalige Gästehaus ist ein Hotelrestaurant, der Rest ist für Besucher*innen und ungefähr 50 Schwalben zugänglich.

Grün, tranquil, Barockschock
Nachdem wir uns durch den Bluesrock-Soundcheck navigiert hatten, der gerade vor dem Hotel stattfand, gelangten wir auf das Klostergelände. Das war grün (eindrucksvoll, die chinesische Wisteria, die nicht rankte sondern selber ein Baum war) und abgesehen vom Geschrei der Schwalben tranquil.
Es gab eine handvoll Tourist*innen, alte Bäume, Gras, alte Rosen, das typische Kloster in einem Zustand, der sagte „gepflegt, aber es gibt auch schon sehr viel zu tun bei so einem Gebäude“
Der Weg in die Kirche führt durch die Seite an der Krypta vorbei: und dann kommt Marmorbarock breitester Ausprägung. Das hatte ich so nicht erwartet.

Und zurück
Wir hatten noch einen Termin an der Laisvės alėja, fuhren also nur die halbe Strecke bis zum Musiktheater zurück. An einer der litausichen Bäckereiketten (Prezo) gingen vor Anker und beobachteten das Treiben auf der Straße. Am Nebentisch erzählte eine Schaffnerin uns unklarer Nationalität auf Englisch wie sie im heißen Zug Kaffee serviert und was dabei zu beachten ist. Vielleicht Kollegen, aber dann wäre unverständlich warum sie englisch sprachen.
Eine sehr junge, sehr kleine Katze, wurde mehrfach an der Leine vorbeigeführt. Die Wassersprühanlagen wurden dankbar genutzt, denn es wurde wieder sommerlicher.
Dann sollte es dunkel werden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Reise
- 11. Juli Berlin -> Frankfurt(Oder)
- 12. Juli Frankfurt(Oder) -> Warschau
- 13. Juli Warschau
- 14. Juli Warschau -> Mockava -> Kaunas
- 15. Juli: Kaunas 1

Die Reise
- 11. Juli Berlin -> Frankfurt(Oder)
- 12. Juli Frankfurt(Oder) -> Warschau
- 13. Juli Warschau
- 14. Juli Warschau -> Mockava -> Kaunas
- 15. Juli: Kaunas 1 (Art Deco, Stadtgebiet)
- 16. Juli: Kaunas 2 (Essen, Kloster)
- 17. Juli: Kaunas 3 (Kino, Altstadt, Parks)
- 18. Juli: Kaunas->Vilnius
- 19. Juli: Vilnius 1 (Jewish Vilnius, Užupis)
- 20. Juli: Vilnius 2 (Peterpaul, Litvak-Museum)
Verkehrsmittel
Stand Kaunas nach dem Kloster (Mittwoch Nachmittag): 3 Fernzüge, 1 Regio, 2 S-Bahnen (Berlin), 2 Metros (Warschau) 5 Trams (2, Ffo, 3 Warschau), 2 O-Busse (Kaunas), 5 Busse (3 Warschau, 2 Kaunas); hinzugekommen: 2 Trolleybusse (Hotel-Kloster und zurück)

Links
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Während wir uns gerade an der litauischen Bahngesellschaft LTG Link erfreuen, lese ich auf Newssites wie der Zugchef auf der Strecke Westerland-Sylt in Hamburg Klopapier für seinen Zug im Supermarkt kaufte, während der Zug solange warten musste. Für unsere Rückfahrt auch ganz interessant: Also, wenn Sie in Lübeck am Hauptbahnhof
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Allein beim Titel Trabrennbahn Gelsenkirchen schlägt mein Melancholikerherz. Da hätte gar kein Text mehr kommen müssen. (via)
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Die Lunduke-Problematik: Wenn Rechte deine technischen Positionen zum Erkennungszeichen machen
Danke für den Link!
Meine innere Stimme liest das Wort Trolleybus wie wir es damals in russisch gelernt haben. Schönen Urlaub weiterhin.
Grüße, Ilka
Die Tasse sieht aus, als wäre sie von was befallen!
Die Reiseberichte machen Lust auf Litauen.
Die Entdeckung der Kasimirinen! (Könnten doch aus „Dune“ sein.)
Vielen Dank fürs Berichten – SO! exotisch.