Im Supermarkt kauften wir Chips mit Pfifferlings-Aroma.
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Wo warst Du, als Jens Spahn das erste mal von einem Amt zurücktreten musste? – Im London Grill, Vilnius.
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Auf Litauisch heißt der Lokführer Mašinistas, und das schöne deutsche Lehnwort erkenne sogar ich.
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Im Zug wollte ich schlafen und Madame planen. Ich glaube ich weiß, wer das Vilnius-Programm gestalten wird.
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Es war ein wenige-Kilometer-viel-Stadtveränderungs-Donnerstag. Das Blog-ich hat das Reise-ich geographisch wieder eingeholt, hängt dafür aber inzwischen 48 Stunden hinterher.
Leaving on a train
Pünktlich auf die Minute fährt der Zug 34 Richtung Vilnius. Erstmals auf dieser Reise sind wir in der 1. Klasse, denn erstmals ist in keiner Hinsicht die polnische PKP und deren leicht eigentümliches Verständnis der 1-Klassigkeit involviert.
Das ist noch bequemer als es die Breitspurzüge eh schon sind, aber in diesem Fall kurz. Die Fahrt nach Südosten (Mehr Osten als Süden in diesem Fall) dauert nur eine gute Stunde. Leider hat die 1. Klasse neben den besseren Sitzen auch die anstregenderen Mitfahrer, oder zumindest diejenigen, die ich verstehe, weil sie ausführlich auf englisch mansplainen; immerhin keine deutschen Touris.
Ich denke noch ein wenig über Kaunas nach. Die Stadt, die geographisch so einfach wirkt (Altstadt am Zusammenfluss zwischen Memel und Neris, neuere Stadt am Memelufer, Villen und Parks oberhalb des Hangs am Ufer), die dank dreier Großplanungen (Zar, der die Laisvės alėja anlegen ließ, unabhängiges Litauen, dass die ganze Neustadt in Art Deco/Modernismus bebaute, Sowjetunion, die die komplett wahnsinnige autogerechte Stadt etablierte) auch in ihrer Struktur schnell verständlich wirkte.
Und doch hatte ich den Eindruck in den drei Tagen noch mehr an der Oberfläche zu bleiben als in anderen Städten. Das mag daran liegen, dass erst jetzt, am zweiten Tag in Vilnius, langsam die litauische Sprache soweit erschließt, dass ich zumindest einzelne Wörter (Straße, Platz, „städtisch“, Brücke) wieder erkenne und eine Ahnung habe wie grammatikalische Konstruktionen funktionieren. Die ersten Tage hätte das alles in japanischen Schriftzeichen da stehen können, so wenig Sinn konnte ich daraus machen.
Aber ich glaube auch, wir sind hier im Norden, wo die Menschen an sich zurückhaltender sind, und dem Kernland der Sowjet-Repression, deren erzwungene Vorsicht gegenüber allen Fremden, die über Generationen trägt, der die Stadt eine höfliche Distanz waren lässt.
Ich kratzte nur an der Oberfläche. Aber alles, was ich fand, will mich wiederkommen lassen.
Um 17:25h Ortszeit (1 Stunde verschoben gegenüber D) kamen wir am Bahnhof Vilnius an.

Erstmal mussten sie ein Stück gerades, flaches Land für den Bahnhof finden
Wie anders ist Vilnius. Die Stadt ist doppelt so groß wie Kaunas1, am Bahnhof 20-mal soviel Leben. Wo sie alle herkommen? Ich weiß es nicht. Aus Kaunas auf jeden Fall nicht.
Historisch war Vilnius bis 1945 eher jüdisch-polnisch bewohnt, Kaunas hingegen litauisch-jüdisch, geographisch sieht es komplett anders aus. Auch hier fließen zwei Flüssen ineinander (Die Vilna in die Neris), aber wo in Kaunas dadurch zwei Höhenlagen entstehen (am Fluss oder Oben) ist es in Vilnius eine einzige Hügelei, mit dem besonders großen Anstieg vom Flusstal auf die höher gelegenen Hügel. Aber an sich laufen wir hier seit Tagen hinauf und hinab.
Dementsprechend kleinteilig und verwinkelt ist die Stadt – Vilnius Stadt der Passagen über drei Hinterhöfe, die dann auf die nächste große Straße führen. Der Beiname als „Jerusalem des Nordens“ bezig sich zwar einst auf die bedeutende jüdische Gelehrsamkeit der Stadt, aber auch was Gassengewirr angeht, macht Vilnius der Jerusameler Altstadt Konkurrenz.
Gegenüber Kaunas verändern sich die Menschen. Mehr Tourist*innen sind hier unterwegs. Ich lese mehr Englisch, höre mehr Deutsch, sehe sogar vereinzelte deutsche Autokennzeichen. In den richtigen falschen Stadtvierteln beschildern Geschäfte auf Englisch.
Aber ich höre auch viel mehr russisch/ukrainisch – gehört kann ich die Sprachen nicht unterscheiden. Bzw. ich höre überhaupt russisch/ukrainisch. Wie überhaupt der Ukraine-Krieg präsent ist: Ukrainische Flaggen sowohl an offiziellen Gebäuden wie an zahlreichen Balkons oder Fenstern. Immer wieder Ukraine-Solidaritäts-Nachrichten an Geschäften oder Kneipen. An einem der Wolkenkratzer in der Business-Skyscraper-City oben ein großes Banner „Putin – the Hague is waiting for you“, und die Busse wechseln wie schon vor zwei Jahren zwischen Linie und Endstation „53 – Stoltis“ und „Vilnius ❤️ Ukrainą“.
Hier also werden wir uns zurecht finden. Aber erstmal ins Hotel.

I love comfort Rock’n’Roll
Auch in diesem Hotel übernachten wir bereits das zweite Mal. Können wir hier vom Stammhotel sprechen. Das oddly named Comfort Rock’n’Roll Hotel entscheidet sich in der Umsetzung erfreulicherweise deutlich für den Comfort und gegen den Rock’n’Roll, ist am Ende ein nahezu perfekt funktionierendes Funktionshotel, das ein paar „wilde“ Sprüche und Bilder an der Wand hat.
Wir sind nicht allein.
Es gibt im (amerikanischen?) Englisch den Ausdruck der Smartest Person in a room. Entweder in der dritten Person als Kompliment „She is the smartest person in the room“, oder in der erste/zweiten Person mal als Kompliment, mal als Aufforderung „Don’t be the smartest person in the room“ – dann wenn du dich nur mit Leuten umgibst, die weniger wissen und können als du, wächst du nicht und stagnierst.
Diese Gefahr besteht nicht. Ich will nicht sagen, dass ich THE dumbest person in the building bin. Aber reichlich gehöre ich zu den untersten 10%. Denn die jungen Menschen mit den grünen Bändseln, die in der Lobby herumstehen, entpuppen sich als Welt-Finalisten der Biologie-Olympiade 2026 – „All participating countries send the four winners of their National Biology Olympiad to the IBO“.
Unterhalb des Genie-Levels also die begleitenden Erwachsenen, das Hotelperson und die paar normalen versprengten Hotelgäste wie wir.

In die Stadt bei Trockenheit
Wir laufen in die Stadt bei Trockenheit. Eigentlich ein Satz, den ich mit sehr vielen Ausrufezeichen versehen müssten. Denn ein wichtiger Grund für die ganze Reise ist der unglaubliche Sturzregen in Vilnius 2024. Wir kamen an, es begann zu regnen, Sturzregen-Weltuntergangsstyle und hat dann für 36 Stunden nicht mehr aufgehört.
Ich war so nass wie noch nie während ich Kleidung trug und habe über viele viele Stunden sehr intensiv das bizarro-Museum betrachtet, das als einziges am Montag geöffnet hatte. Aber selbst das reichte, um mich zu mehr zu motivieren. Ich wollte wiederkommen.

Kartoffeln!
Zuerst aber Essen. Madame hatte ein litauisches Traditionslokal gefunden, das wie bisher alle litauischen Traditionslokale laut Popmusik spielten. Da wir noch knapp 30 Grad hatten, was sich aber laut Vorhersage ändern soll, griff ich endlich zum Traditionsgericht: Šaltibarščiai – ein kalte Suppe aus Roter Beete, Kefir, Gurken und Dill mit Ei und Kartoffeln. Nahezu perfekt für heiße Tage.
Und weil Lamaris ein Traditionsgericht auf der Karte hatte, dass so traditionell ist, dass ich danach erstmal duckduckgote ob es überhaupt existiert2, bestellten wir Dzūkiškos bandos – eine Art Kohl-Kartoffel-Rösti, die typisch für das ländliche südöstliche Litauen sind und ganz eindeutig vor Erfindung von verbreiteter Essensfotografie berühmt wurden. Nicht sommerlich, aber das Restaurant Lamaris ist nur einmal im Leben.

Über Island, immer über Island
Dann taten wir das, was wir im Laufe der Vilnius-Tage nach öfter machen würden: Wir liefen zur Haltestelle Islandijos, an der anscheinend alle für uns relevanten (Trolley)busse einmal halten. Wir wissen nicht warum.
Aber wenn wir Glück haben, dürfen wir nach sechs Stationen direkt beim Hakenhaus aussteigen – ehemals sowjetisches Kulturzentrum, den kurz nach der Unabhängigkeit das Sowjetwappen abhanden kam und ein Künstler (die sind hier wichtig im Stadtbild!) einen Haken an dessen Stelle befestigte.
Heute ist es eine Art Kultur/Jugend/Anarcho-Zentrum sagt das Internet konsequent seit zwei Jahren, wenn ich davor stehe, sieht es aber nie so aus, als gäbe es einen Eingang, der ohne Gefahr für Leib und Leben nutzbar wäre.
Vor diesem Rätsel wollten wir aber noch erfahren: Welche Spuren haben deutsche Ausrottung der Juden und sojwetisches Totschweigen ihrer vorherigen Existenz noch vom „Jerusalem des Nordens“ überig gelassen?

Die Reise
- 11. Juli Berlin -> Frankfurt(Oder)
- 12. Juli Frankfurt(Oder) -> Warschau
- 13. Juli Warschau
- 14. Juli Warschau -> Mockava -> Kaunas
- 15. Juli: Kaunas 1 (Art Deco, Stadtgebiet)
- 16. Juli: Kaunas 2 (Essen, Kloster)
- 17. Juli: Kaunas 3 (Kino, Altstadt, Parks)

Verkehrsmittel
Stand Vilnius vor Beginn der Jewish Vilnius Tour (Freitag Vormittag): 4 Fernzüge, 1 Regio, 2 S-Bahnen (Berlin), 2 Metros (Warschau) 5 Trams (2, Ffo, 3 Warschau), 2 O-Busse (Kaunas), 7 Busse (3 Warschau, 3 Kaunas, 1 Vilnius); hinzugekommen: 1 Fernzug (Kaunas-Vilnius) 1 Bus (Altstadt-Hotel)

Links
Kommen wieder, wenn das Verhältnis von Erlebtem zu Schreibzeit besser wird.
Anmerkungen
- Merkregel: Kleipeda an der Ostsee als drittgröße Stadt Litauens hat 150.000 Einwohner, Kaunas als zweitgrößte doppelt so viele (300.000), Vilnius als größte wieder doppelt so viele wie Kaunas (600.000). Immer in Zweierpotenzen. ↩︎
- Ja, es existiert auch außerhalb des Lokals. Es ist sogar auf offiziellen Listen immaterillen Kulturerbes gelandet. ↩︎