Wir stellten fest: wenn zwei Menschen zusammenkommen, die hebräisch lesen und deutsch hören können, können sie zusammen jiddisch.
Nachfahren litauischer Juden haben prinzipiell ein Anrecht auf die litauische Staatsbürgerschaft; allerdings wird diese nicht im Rahmen einer Stadtführung vergeben.
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Madame testet den Jiddisch-Kurs von Duolingo.
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Inzwischen fand ich heraus, wofür das T im Kürzel der litauischen Eisenbahngesellschaft LTG steht. Das L ist ein offensichtliches Litauen, das G ein geležinkeliai für Eisenbahn und das T ein enttäuschendes t für ebenfalls LiTauen. Pfff.
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Im Gegensatz zu Kaunas versucht Vilnius das immerhin mit der Verkehrswende: Aufgemalte Radwege auf Kopfsteinpflaster haben Verbesserungspotenzial, aber zeigen Bemühen.
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Es war ein 500-Jahre-Vilnius-in-acht-Stunden-Freitag. Das Reise-ich ist dem Blog ich weiterhin 48 Stunden voraus.
ווילנע (Wilne)
Die Wettervorhersage für Vilnius war wechselhaft. Und unsere Erfahrungen mit Regen hier waren unerfreulich aber eindrücklich. Also wollten wir am letzten sicher trockenen Tag durch die Stadt. Madame fand Führungen bei Vilnius with Locals und buchte uns für die Jewish Vilnius Tour. Die Erfahrung sagte, dass deutsche Vernichtung und sowjetisches Desinteresse vermutlich wenige Spuren übrig ließen, die wir von alleine sehen würden.
Da es um das gesamte jüdische Vilnius und seine 500 jährige Geschichte gehen würde, wäre der Eindruck vielleicht auch nicht ganz so zerschmetternd wie bei der Tour zum Warschauer Ghetto. Es stellte sich heraus: Die echten Spuren waren für ehemals 70.000 jüdische Bewohner*innen wenig. Aber immerhin waren sie überhaupt vorhanden.
Wir trafen uns um 11 am Markt. Die 26 Interessierten wurden in zwei Gruppen aufgeteilt, wir kamen zu Šarūnas, Mitte 30, gebürtiger Vilniusser und studierter Historiker. Schon früh merkte ich, dass er anscheinend mal irgendwie bewusst „gute Führungen machen“ gelernt hat (das war schon jenseits von Naturtalent), erfreut stellte ich im weiteren Verlauf fest, dass er auch viel inhaltliche Substanz hat und immer deutlich mehr hätte sagen können.
Elijah Ben Salomon Salman, genannt der Gaon von Wilna (jiddisch: der Goen fun Wilne)
Es begann mit dem Gaon. Der Gaon von Vilnius war ein Gelehrter des 18. Jahrhunderts, dessen Ruhm weit über Vilnius oder Litauen hinausging. Auf den Gaon und die litauische Schule geht eine der beiden Strömungen des orthodoxen Judentums zurück: ernsthafte Schriftgelehrten; Gegenkraft zu den singenden und tanzen Chassiden aus dem Gebiet der heutigen Ukraine oder Polens.
Tatsächlich erwähnte Šarūnas, dass der Gaon quasi alle seine Tage allein in einer Kammer bei geschlossenen Fensterläden verbrachte, mit einer Kerze und voller Konzentration auf ein Buch – kurz wurde ich neidisch, sehe aber auch gewisse Probleme mit dem Lebensstil.
Immerhin ist dem Gaon eine Straße und ein Denkmal gewidmet, das jüdische Museum der Stadt heißt Jüdisches Gaon-von-Vilnius-Museum.

Yivo Strashun
Ein Schwerpunkt der Führung war das Vilnius des frühen 20. Jahrhunderts. Einerseits ein Ort, dem viele Juden vor der Repression durch das Russische Reich entfliehen wollten. Andererseits ein Ort an dem die Haskala, die jüdische Aufklärung aktiv war, sich Zionisten und Bundisten organisierten, das Junge Vilne aktiv war und mit dem Yivo (Yidisher visnshaftlekher institut) der Versuch entstand, wissenschaftlich fundierte höhere Bildung und yiddische Geisteswissenschaften zu etablieren. Die Straschun-Bibliothek war ein Zentrum geistig jüdischen Lebens in der Stadt.
In der Stadt existieren einige Aufschriften aus dieser Zeit, Erinnerungstafeln, die Große Synagoge (im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen zerstört, nach dem Krieg von der Sowjetunion abgetragen und mit einem sozialistischen Kindergarten überbaut) ist inzwischen wieder eine archälogische Ausgrabungsstätte.
Beim geschilderten Konflikt zwischen Bundisten (die ein reiches, fortschrittliches, zukunftsweisendes jüdisches Leben in Osteuropa aufbauen wollten) und den Zionisten (die nach Palästina auswandern wollten), wollte mein Herz mit den Bundisten schlagen; wurde aber natürlich vom Geist gebremst, der schon wusste wie alles ausging.

Der Wald bei Ponary
Der andere Schwerpunkt war zwangsweise das Ende. Erzählt im Keller des Jewish Cultural Centers, ein Ort, der außer, dass er ein historischer Keller in den Grenzen des ehemaligen Großen Ghettos ist, keine besondere Bedeutung hat, aber in seiner dunklen feuchten Kälte passte.
Als Deutscher habe ich ja gelernt, dass der Holocaust in etwas so stattfand, dass die Nazis an die Macht kamen, dann langsam die Gesetze immer weiter anschraubten. Manche Jüd*innen konnten aus Deutschland flohen, andere nicht. Manche versteckten sich, sie kamen in Lager wie Bergen-Belsen und dann in die Vernichtungslager.
In Vilnius marschierte die Wehrmacht im Juni 1941, Anfang September 1941 etablierte sie das Große Ghetto („nützliche Arbeitskräfte“) und das kleine Ghetto (Kranke, Alte, „unnütze“). Von Anfang September bis Ende Oktober 1941 ließen Wehrmacht und litauische Helfer fast täglich je 200 Menschen aus dem Kleinen Ghetto in den Wald bei Ponary marschieren, stellte sie dort in eine Grube und erschoss sie. Bis Ende Oktober waren die 11.000 Menschen des Kleinen Ghettos tot.
Die Menschen im Großen Ghetto durften sich bis 1943 „nützlich“ machen. Nachdem absehbar war, dass der Weg der Deutschen Wehrmacht wieder rückwärts nach Westen führen würde, wurde das Große Ghetto ähnlich brutal und effektiv exekutiert.
500 Jahre jüdische Geschichte, 70.000 Einwohner*innen der Stadt, knapp 40% der Stadtbevölkerung1, umstandslos erschossen. Eine Welt verschwand.

Mint Vinetu
Derweil hatte es 30 Grad, wie waren zweieinhalb Stunden gelaufen und gestanden, und wir waren am Ende. Es bedurfte einer Notration in Form von Kaffee und Buch.
Glücklicherweise gab es beides zusammen in der Altstadt: Mint Vinetu – ein modernes Antiquaritat mit Café oder auch ein Café mit Buchverkauf. Die Bücherregale bogen sich, die Sortierung war eher sporadisch, die Möbel ein eklektisches Sortiment – also ein perfekter Ort.
Wir und einige vermutlich litauische Jungerwachsene tranken Kaffee. Ein englischsprachiger Gast wurde informiert wo die englisschsprachigen Bücher sind („da hinten in der Ecke, aber ziemlich unsortiert“) und so verließn wir gestärkt zusammen mit Gebrauchtausgaben von Tejo Coles „Open City“, Eligija Volodkevičiūtės „The Grains of Miracha, the Mouse and Their Friend the Cat“ und Annie Murrays „Chocolate Girls“ die Buchhandlung. Ich habe zwar den Eindruck, dass unsere beiden Köffer je 30 Kilo wiegen. Aber Bücher gehen immer.
Zumal wenn das Buchhandlungscafé eine solche Wanddekoration hat;

Šventoji Onos
Unsere Entdeckungskraft war erlahmt, der Drang noch nicht ganz. Zwischen uns und dem schattigen Park lag eine der Hauptattraktionen der Stadt. St. Anna beziehungsweise auf litauisch Sv. Onos – ein weiteres Hauptwerk der Backsteingotik in der Stadt der vielen Kirchen; immerhin ahnte ich vorweg, dass sie wieder katholisch-barock eingerichtet sein würde.
Hier etwas dezenter – auch im Innenraum waren noch backsteingothische Elemente erkennbar, was die Vorstellung leichter machte, sich die Lübecker/Stralsunder/Hannoveraner Kirchen mit barocker Innenraumgestaltung vorzustellen.

Užupis und Vilnia
Neben der Kirche der Park, das Grün, die Ruhe und die Vilnia. Der Fluss fließt in Schleifen durch das Vilniusser Zentrum. Auf der einen Seite der Bernhards-Park mit dem Bernhards-Brunnen, auf der anderen Seite das Viertel Užupis auf der „falschen Seite“ der Vilnia. Einst recht verfallen, in den Umbrüchen der 1990er Jahre Zentrum von Kreativen, Künstler*innen und Alternativen, inzwischen in jedem Stadtführer als solche angepriesen.
Ich erwartete eine Art Partymeile Friedrichshainer Art in der sich vielleicht noch das ein oder andere wilde Artifakt der 1990er fand. Wir fanden eine sehr ruhiges Viertel mit relativ vielen ruhigen Cafés, vergleichsweise vielen englischen Beschriftungen vor Läden und Cafés, vor allem aber idyllische, schöne Wohnstraßen.
Kein Ort, an dem Mensch als spontaner Tourist den alternativen Genus loci entdecken kann, aber es sah gut lebbar aus.

Gurken und Pilze und Kartoffeln
Mit letzter Kraft retteten wir uns in etwas, das als Kneipe für Einheimische geschildert worden war: das Būsi Trečias. Es war eine solche, eine überraschend beliebte. Trotz großem Biergarten und zwei Stockwerken um Gebäude fanden wir nur mit Not und Mühe einen Platz; um uns herum fröhliche litauische Gruppen.
Das Essen entpuppte sich als Bierbegleitessen. Die eingelegten Gurken zum Auftakt – so frisch schmeckend, so knackig, so lecker – retteten uns erst einmal.
Das eigentliche Essen (wir blieben bei Pilzen – einmal „Village Pan mit einer Art selbstgemachter Karoffelchips, Speck und Pilzsauce sowie Kartoffelpuffer mit Pilzen) war schmackhaft und in einer pilzigen Kartoffeligkeit sehr litauischer Alltag – dennoch eine Wucht.
Irgendwie mussten wir noch ins Hotel.

Mit dem Bus nach Hause. Noch müssen wir lernen, dass die Trafi-App war eventuell die Bushaltestelle anzeigt, die gerade die kürzeste Luftlinie zum Hotel hat, aber leider Höhenmeter nicht kann. In dieser Stadt bei immer noch 27 Grad am Abend kann das unerfreulich sein. Geschafft kauften wir in der Hotellobby an der Barception zwei Mangoeis und wankten zurück in Zimmer 538 auf dem Louis-Armstrong-Flur.
Die Reise
- 11. Juli Berlin -> Frankfurt(Oder)
- 12. Juli Frankfurt(Oder) -> Warschau
- 13. Juli Warschau
- 14. Juli Warschau -> Mockava -> Kaunas
- 15. Juli: Kaunas 1 (Art Deco, Stadtgebiet)
- 16. Juli: Kaunas 2 (Essen, Kloster)
- 17. Juli: Kaunas 3 (Kino, Altstadt, Parks)
- 18. Juli: Kaunas->Vilnius

Verkehrsmittel
Stand Vilnius vor Beginn der Jewish Vilnius Tour (Freitag Vormittag): 4 Fernzüge, 1 Regio, 2 S-Bahnen (Berlin), 2 Metros (Warschau) 5 Trams (2, Ffo, 3 Warschau), 2 O-Busse (Kaunas), 8 Busse (3 Warschau, 3 Kaunas, 2 Vilnius); hinzugekommen: 1 Bus (Restaurant-Hotel)
Links
Zu müde. Zu viel erlebt.
Anmerkungen
- Zum Vergleich: in Berlin waren es 5% der Bevölkerung. ↩︎
At the Holocaust Museum in Washington, DC, I was greeted last November by the daughter (herself around 70 years old, I suppose) of a survivor who asked where I was from. I explained that I was living in Germany now (grew up in the States), so she began speaking German with me. She explained that her parents were from Lithuania (deported but managed to survive the camps) and she grew up speaking yiddish with them. She said she could understand 80% of the German from southern Germany.
I found it very unsettling to speak German with her in that building, but fascinating. I ran into her later during her break (she was a volunteer, of course) and we visited about guilt and responsibility, what it means to speak German.