26-10-04 A sea of one’s own (Grömitz)

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Warum stehen am Ostseestrand keine Duschen?

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Madame errang eine 1,0 in Soziologie/Sozialstruktur. Sie ist kurz davor, das Ergebnis anzufechten, weil das überhaupt nicht sein kann.

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Tamatsu-Sushi an der Grömitzer Promenade bietet als Mittagstisch Nackensteak. Know your Zielgruppe.

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Zu Saisonende werden altgediente Strandkörbe für 50 Euro angeboten. Ich war kurz davor, einen für das Büro zu bestellen.

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Es waren zwei(einhalb) Ostseepromenadentage.

Bei Kaköhl, das Meer

Go East ist in Schleswig-Holstein so ein Ding. Das ist nicht wirklich vorgesehen. Go South – Richtung Hamburg – immer. Aber quer durch das Land von der Nord- zur Ostsee oder umgekehrt? Schwierig.

Für die Hinfahrt entschieden wir uns für die Variante obenrum – von Dithmarschen aus immer über die B203 nach Westen. Bei Rendsburg auf die Autobahn Richtung Kiel, und dann von Kiel aus runter nach Süden an der Ostseeküste enlang.

Ab Kiel wurde es schön: sanfte Hügellandschaften, Oktobersonne, Alleen, die begannen in den Indian Summer zu wechseln. Der mir bisher unbekannte Selenter See täuschte ob seiner Größe schon Ostseeküste an. Und als wir bei Kaköhl über einen Hügel fuhren, blitzte in der Ferne das Meer.

Etwas später dann Cismar, der historische Ortsteil von Grömitz, und schließlich Grömitz selber. Auf Richtung Strand, ab dem Kreisel die zentrale Standzufahrt entlang.

Das Absurde bei Ferienhausvermietung Reisefuchs ist ja, dass neben ihrer seltsamen „App“ auch ein ganz normaler guter Prozess funktioniert um alles zu übergeben. Und so hielten wir an deren Büro in Strandnähe, ich nahm die PIN die ich per SMS bekommen hatte, öffnete damit den Tresor und bekam die Schlüssel für die Wohnung.

Am Strande 1-3

Der Beginn war schwierig. Das Parkdeck das zur Wohnung gehörte, befand sich noch im Originalzustand 1978. Selbst der Kaptains 17 Jahre alter Golf wirkte dort deutlich überdimensioniert. Einmal zirkelte ich den Golf in den Parkplatz neben den Betonsäulen, um dann zu beschließen, dass wir dieses Parkdeck nie wieder sehen würden.

Dann wurde es schön. Der Fahrstuhl erfreulicherweise von 2023, der Übergang in unseren Gebäudeteil fast atemberaubend und die Wohnung das, was mensch 1976 für Luxus hielt. Laubengang von hinten, Balkon mit Meer- und Seebrückenblick vorne. Sonne, Möwen, Wind, ein Wohnzimmer mit Meerblick und zwei Schlafzimmer.

Überhaupt der Meerblick: Mit See, mit Strand, mit der Seebrücke (nachts beleuchtet), den Fahnen und dem Platz vor der Seebrücke. Oh, Ohstseeherrlichkeit.

Ich fragte mich, wieso die Besitzerin dort nicht einfach wohnt? Aber zum Glück für uns machte sie es nicht.

Aussicht wie sie die Kamera wahrnimmt
Aussicht wie sie das menschliche Auge wahrnahm

Yachthafen bis Hundestrand

Zu Grömitz gehört die Promenade. Vier Kilometer Fußgängerzone direkt am Strand. Vom Yachthafen bis zur Seebrücke, dann der eigentliche Hauppteil von der Seebrücke bis zum ehemaligen Freibad / heutigen Dünenpark und dann läuft sie zum Hundestrand hin aus.

Vier Kilometer rechts auf das Meer schauen und links in die Geschäfte oder Restaurants oder Cafés. Und natürlich geradeaus auf die Leute.

Wir konnten direkt im Zentrum starten. Einige Geschäfte („seit 50 Jahren in Grömitz“) erkannten wir wieder, andere („by Steffen Henssler“) waren neu. Einige sahen so aus wie 1975 andere wie neuer Skandi-Style.

Leider fielen meine beiden Lieblingsorte, Freibad und Spielcenter (aka Spieltrumzentrum) der Stadterneuerung zum Opfer. Dort ist jetzt der modernste, schickte und hippste Teil der Promenade, der „Dünenpark“ mit hippem DLRG-Hostel, stylishem Sushi, einem Indoorspielplatz (am 2.10.2026) neu eröffnet und dem Boulderboulder.

Am Ende das Riesenrad, das auf jeden Fall sehr dekorativ aussieht.

Aber es gibt schon auch noch Currywurst und Fischbrötchen.

Und es stehen noch die Apartmenthäuser Hanseat 1 und Hanseat 2 in denen man als Grundschüler in den 1980ern wirklich ganz tolle Ostseeferien verbringen konnte, sogar fast mit Seeblick.

Die beiden Hanseaten

Sylt in zugänglich

Prägend für Grömitz für mich in meiner Kindheit waren die Fahnen: Fahnen aller 11 Bundesländer (damals), prominent an der Promenade und am Ortseingang. Kein „Moin, Moin“, keine Schafe, keine Seehunde, kein wir-sind-kauzig-aber-herzlich-Gedöns, sondern die ganze Bundesreepublik.

Ich denke so sah der Ort sich: von der bundesrepublikanischen Mittelschicht für die bundesrepublikanische Mittelschicht. Kleine Apartments, Ferienwohnungen, autogerecht, keine Hotels, aber bescheidener und nicht ganz so bescheidener Wohlstand. Weder Bettenburg noch Sylt-mondän sondern die Ferienortentsprechung eines ruhigen Vororts.

Einer von zwei Hilfsmittelverleihen, die wir sahen.

Dann kamen die 1990er. Aus den 11 Bundesländern wurden 16 Bundesländer. Flugreisen ans Meer nach Spanien/Ägypten/Türkei wurden ein Ding.

Das Modell „Wohlstand bescheiden und nicht ganz so bescheiden“ kam unter Druck. Die breite Mittelschicht mit Auto, Familie und drei Wochen Familienurlaub zerfiel.

Wo blieb Grömitz? Ging es unter?

Auch das wollten wir wissen. Und so viel wir in zwei Tagen in der Nebensaison herausbekamen: Es existiert noch. Es lebt als Ferienort. Seine Vorteile: Langer, aber schmaler Strand (= keine 50 Meter von der Promenade zu Meer) und überhaupt die Fußgängerzone aller Fußgängerzonen mit Strand und Strandbars und kleinen Lädchen und Crepes-Ständen und vielen, vielen Bänken ist in einem guten Zustand.

Sie wird bewohnt von auffällig vielen Familien mit mobilitätsschwierigen Teilen: Hunde, Kindergartenkinder, Menschenmengen mit Rollatoren und allen Arten von Rollstühlen.

Denn: Alles ist mit dem Auto erreichbar. Die Promande laufbar. Und nichts ist irgendwie herausfordernd: How easy can it be?

Radfahrer*innen, eher wenig, aber auch vorhanden.

16 Grad, Wellen

Das Bummeln ist nett. Die Aussicht auf das Meer war ein Traum.

Aber natürlich. Das beste ist das Meer ist das Schwimmen. Die Wohnung war so nah am Strand, dass ich auch einfach Barfuss in Badehose dorthin laufen konnte.

Wie an der Nordsee am Anfang der Woche: 16 Grad, gefühlt wärmer als die Nordsee. Es war sonniger. Es war windiger. Es war Bilderbuchwetter. Als ich kam, verließ ein Pärchen das Wasser. Wie wünschten uns frohes Baden.

Dann war ich allein. Nicht allein-allein wie in Wesselburenerkoog: die Seebrücke war voll, über die Promenade strömten die Menschenmassen, die Lokale waren voll. Aber allein im Wasser. Allein in den Wellen. Allein im Schweben. Mein Meer.

Ein Tag später: Unser Meer. Madame war zwischenzeitlich gekommen und wir beide plantschten und schwammen, ließen uns Treiben. Betrachteten das Treiben an Strand und Seebrücke, überlegten ob wir dem Tourismusservice ein Honorar in Rechnung stellen können, weil wir für die ganze Promande unterhaltsam waren.

Mondänes Scharbeutz, Stadtlabyrinth Neustadt

Donnerstag gelangt Madame mit ICE804 / ICE2796 aus Südkreuz nach Büchen, dann nach Lübeck und dann nach Neustadt i.H. Richtung Ostsee.

Sie staunte sowohl darüber, dass Büchen (gefühlt 5 Einwohner und ein Bahnhof ohne Bahnhof) ICE-halt ist, und später wie schlimm der Bahnhof Scharbeutz aussieht.

Ich irrte durch das Stadtlabyrinth Neustadt i.H. an dem der Bahnhof offenbar eine Seite der Gleise hat, die aus der Stadt heraus zugänglich sind aber nicht vom Zug, und eine Seite, die anders herum funktioniert. Vielleicht wäre ein Bus vom Bahnhof weg die Lösung gewesen?

Nach einigen Umständen gelang es uns, uns gegenseitig zu finden. Auf der Rückfahrt immerhin entschädigte der Ostseeblick über die Hügelketten.

Drei Schollen und ein Labskaus

Es gab strandangemessenes Essen:

Mi, Kaptain und ich: Speiserei in der Strandhalle: Scholle Finkenwerder und Standpfanne

Do, Madame und ich: Störtebecker, Wicheldorfstraße. Vorspeise: Fischsuppe und zweiermei Tartar (Rind und Matjes), Hauptspeise Scholle Finkenwerder und Pannfisch (Dorsch)

Fr, alle drei, Klabautermann in der Strandhalle: Scholle Finkenwerder, Roastbeef und Labskaus.

Nachmittagskaffee an der Quarkbar

Kreihenpark

Fast hätten wir auf dem abendlichen Weg zum Edeka noch den Ort besichtigt. Die mittelalterliche Nikolaikirche auf dem Weg sagte uns „betrachte mich!“. Die Fußgängerzone war hinreichend seltsam zur genauen Wahrnehmung. Über das Cap-Arcona-Denkmal auf dem Friedhof auf dem Weg hatte mich das Internet informiert.

Aber es waren nur zwei Tage, wir sind begrenzt. Wir gingen nur kurz, holten Taschentücher, Käse und Lakritz und erfreuten uns nur am nachversinkenden Kurpark mit seinen Hunderten und Aberhunderten von Krähen, die sich dort sammelten.

Tankstelle comes to Fähre

Der Abend auf dem Balkon – natürlich. Bis es wirklich, wirklich kalt wurde. Der Kaptain und ich erinnern sich noch an die Suchscheinwerfer am gegenüberliegenden Ufer, mit denen die DDR einst ihre eigenen Staatsbürger suchen ließ – nicht dass sie das Paradies verlassen wollen.

Zum Glück sind sie weg. Zum Glück gibt es schönere Anblicke: Schiffe. Tagsüber Segler, gen Abend kommen die Pötte aus Skandinavien, Finnland und Litauen auf der Fahrt nach Travemünde vorbei

Ich machte etwas, was ich schon lange hätte machen sollen: Ich installierte den Vesselfinder. Und konnte so meiner Begleitung auf die Nerven gehen mit:

  • „Das ist Danish Warship F362, bzw. die Luftverteidigungsfregatte „Peter Willemoes“, die hier Marinesoldaten ausbildet.
  • Oder das ist die RS Sentinel. Ein Spezialschiff für Offshore-Taucher, in der See Industrieanlagen reparieren. Krasse Typen. Und Madame und ich dachten sofort an den Film Undine, in dem ein Industrietaucher in seiner Rüstung eine Hauptrolle hat.
  • Oder „die Avenir Ascension“, ein kleiner Flüssiggastanker. Madame zitierte sofort den litauischen Ausflugsbootkapitän „We not go to Tankstelle, Tankstelle comes to us“, ich zweifelte. Und googlete und haselierte und zehn Miniten später konnte ich verkünden, dass der kleine Tanker zu den Fähren in Travemünde fährt, um sie zu tanken. Weniger Aufwand als wenn die Fähren zum nächsten Flüssiggasterminal fahren müssten.
  • Und am letzten Abend sahen wir die Finnlady, die uns 2024 so wunderbar nach Helsinki gefahren hat.
You look at sea. Sea looks at you. Im Apartmenthaus rechts, die Wohnung.

Uprooted

Ausglesen: Naomi Noviks Uprooted. Zwischendurch wollte ich schnell fertig werden, damit ich das Buch gleich im Ferienwohnungsbücherregal lassen wollte. Zu oft hatte ich gedacht „ist ja gut“ oder „nicht auch noch.“

Denn über weiter Strecken folgt ein Cliffhanger auf den nächsten, eine dramatische Wendung kommt zuverlässig alle vier Seiten. Der Text kommt gar nicht mehr zum erzählen, weil er der Handlung hinterherhecheln muss.

Das kann ich bei YA-Fantasy intelektuell nachvollziehen, als „die Zielgruppe möchte soviel Action“, aber ich liebe es nicht. Zumal Novik schöner, fantasievoller, einfallsreicher erzählen kann. Irgendwann wollte ich nur noch wissen, wie sie ihre zwölf Nebenquests zu Ende bringt.

Und dann kam das Ende: und war wieder irgnedwie in Osteuropas Sagenwelt verankert, langsam auserzählt, fantasievoll und schön. Und dann brachte ich es nicht mehr über mich, das Buch in Grömitz zu lassen,

Links

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