Kategorie: Alltag

  • 25-04-25 Gleitschirmbrille

    25-04-25 Gleitschirmbrille

    Madame buchte einen Zug nach Versailles und ein Hotel in Bayeux. Erst danach fiel ihr auf, dass in Bayeux nicht nur der Teppich hängt, sondern auch Omaha Beach und die ganzen D-Day-Beaches direkt um die Ecke liegen.

    Der Kaptain landete in Hammamet. Hoffen wir – zumindest so lange wir nichts Gegenteiliges hören: Lella Baya.

    Mir träumte von Überstundenregelungen bei der Arbeit. Sehr realistisch. Und ich frage mich, wo ich mich über Träume beschweren kann. Also war ja schon besser als ein Alptraum. Aber halt auch sehr lahm.

    Die Dachbauarbeiter rissen über unseren Fenstern die Reste der alten Dachrinne weg. Das ist insofern gut, weil wir die Dachrinnenreste im Verdacht hatten, als Mückenzuchtanlage zu fungieren. Allerdings ist währenddessen so viel Geröll aus der Hauswand nach unten gefallen, dass wir uns Sorgen um die Fenster machten.

    Auf Qobuz hörte ich Presque rien No. 1 „Le Lever du jour au bord de la mer“ von Luc Ferrari und bin erstaunt. So beim Normalhören war das eine nette Soundscape. Beim konzentrierten Hören mit dem Kopfhörer, fährt es durch Mark und Bein. Ich erfahre: Das Stück entstand als Stereo neu war und viele Möglichkeiten bot. Das Hörerlebnis bestätigt dies.

    Ein Nachtrag zum Klavierfestival. Severin von Eckardstein spelte als Zugaben die Nocturne von Grieg und etwas aus den Waldszenen von Schumann.

    Das überarbeitete Bachelorarbeitsmodell – Optimierung von Schwimmbadöffnungszeiten – ist beim Lehrstuhl. Ich hoffe, damit sind alle Missverständnisse geklärt. Ich finde das Modell auf jeden Fall ziemlich cool. Nebeneffekt: Ich komme auch langsam wieder in LaTeX rein. Jede Wiederholung hilft.

    Ein Stifteköcher aus Ton

    Im Zuge der Bachelorarbeit ergibt sich auch eine Überarbeitung des Heimarbeitsplatzes. Die neue Tastatur ist aufgebaut: Gute Nachricht: sie ist so toll, ich möchte nie wieder auf etwas Anderem Tippen. Schlechte Nachricht: Ich will nie wieder auf etwas Anderem tippen, tippe aber in den Südkreuz Offices auf einem 0815-Büro-Standardmodell und werde leiden.

    Auch aufgebaut: Neue Maus. Ein kleines Drama. Die Maus ist wahnsinnig schick, teuer, edel, fühlt sich gut an – und passt nicht ganz zur Anatomie meiner Hand. Jetzt muss ich überlegen, wie ich mit ihr weiter verfahre. Eigenlich ist zu gut und schön, um sie wieder wegzugeben. Mittelfristig sehe ich ihren Umzug in das Technik-B-Team vor mir.

    Beim Arbeitsplatzumbau festgestellt: Der Stifteköcher ist überfordert. Ich überlegte, Madame zu tippen, mir einfach einen zu töpfern. Und während ich unschlüssig herumüberlegte, kam sie mit ihrer neuen gefertigten Vase: Rund, aber mit geraden Wänden, genau in der richtigen Höhe und Größe. Manchmal muss ich Glück haben.

    Die wichtigste Änderung aber war die Gleitssichtbrille – familienintern einst nach einem Autokorrektur-Fail auch Gleitschirmbrille genannt. Deren Anschaffung hielt ich schon lange für nötig, hatte aber weder Lust auf den damit verbundenen Sehtest beim Optiker, noch darauf soviel schönes Geld in ein bißchen Glas zu versenken.

    Ich muss sagen: ein Unterschied wie Tag und Nacht. Ich bin auch alltagstauglich ganz ohne Brille, aber so die Welt in scharf und 3D ganz ohne Brillenwechsel und ohne-nur-halb-passende-Lesebrillen ist ein gigantischer Schritt nach vorne. Im Gegensatz zu anderslautenden Gerüchten sah die Welt in Gleitsicht nur 10 Minuten lang ein bisschen nach Spiegelkabinett aus. Spätestens nach 48 Stunden hatte mein Hirn den Switch komplett vollzogen.

    Schustehruspark

    Für die Gleitsichtbrille hatte die Welt den Weg zum Optiker Maske & Maske gelegt. Erst zur Filiale 1: Tiergarten, Potsdamer Straße: zwischen Galerien, Straßenstrich und Dönerständen, direkt daneben eine Edelbäckerei, die meine Vorfahren nicht mehr als Bäckerei erkennen würden.

    Filiale 2: Charlottenburg. Man nehme den Bus direkt zum Schloss, laufe dann ein gutes Stück eine parkartige breite Straße hinunter, umgeben von Villen und Museen, und dort ist ein einsames Ladengeschäft. Dort ist die Werkstatt, und dort wurden die neuen Gläser in das alte Gestell montiert.

    Es folgte ein Gang durch Charlottenburg – so nah und doch so wenig auf meinen normalen Leben.

    Ich in fast jedem Berliner Kiez ein nahe gelegenes Schwimmbad. So führte mich mein Weg zum Alten Stadtbad Charlottenburg. Vorbei an der Villa Oppenheim und dem Schustehruspark. Ich bewunderte die Musikschule, die inmitten der üblichen Berliner Blockrandbebauung in einem alten Hexenhäuschen untergebracht ist, das noch aus dörflichen Zeiten Charlottenburgs stammen muss.

    Durch einen weiteren Park, am Dauersanierungsfall Stadtbad-Charlottenburg-Neue Halle vorbei und dann vor der geschlossenen Alten Halle des Bades stehen: Vereinsschwimmen.

    Man sollte ich meinen, ich von allen Menschen sollte in der Lage sein, die Öffnungszeiten korrekt der BBB-Website zu entnehmen. Aber oh well.

    Mein Weg führte mich weitere: Vorbei am Feinkostgeschäft Rogacki („Rogatzki“), weltberühmt in Westberlin, und zum Hit-Markt Ullrich. Vor der Deutschen Oper warteten überraschend viele Familien. Das Programm, ein Ballett zum Sommernachtstraum – erklärte dies. Spannend die komplett schwarzhaarig-dunkeläugige Schulklasse, die Hälfte der Mädchen mit Kopftuch, und ihre blond-bläuäugige Musiklehrerin.

    Holz hacken

    Im Raps hupt ein Fasan. Die Hummeln belagern die voll aufgeblühten Mohn. Der Marder macht es sich wieder auf dem Subaru bequem.

    Es ist zu trocken. Aber immerhin kam überhaupt etwas Regen hernieder, der Garten atmet sichtbar auf. Der Ginster in Blüte, ebenso wie der Jasmin. In die Wiesen breiten sich Lichtnelken aus (so bezaubernd), und an der Rosenhecke steht zumindest die Südseite in voller Blüte.

    Auch die ersten Blüten sehen wir an Laubola Floratempel. Es wird.

    Damit begann natürlich auch das Gras wieder zu wachsen, was einen Rasenmähereinsatz nötig machte. Die Wege durch die Wiese und am Beet vorbei. Jeweil der Streifen zum Nachbar hin und größere Freiflächen um das Haus herum. Erstmals dieses Jahr: der Freiplatz und mögliche Sitzplatz unter dem Apfelbaum.

    Inzwischen erwies sich auch, dass der sich selbst anpflanzende Borretsch wieder da ist, und ich konnte um ihn herum mähen.

    Dann kam der spannende Teil: Brennholz. Immer davor denke ich: mit der Kettensäge durch Holz, das ist ja wie mit dem Messer durch Butter. Und dann wuchte ich halbe Baumstämme, drehe diese durch die Gegend, und stelle fest, dass diese Kettensäge auch das mit der Butter nicht kann.

    Es fühlt sich gut an. Aber danach konnte ich kaum die Teekanne anheben, meine Arme zitterten.

    Zum Abendessen: Experimental. Schweinenacken (soweit so Standard) mit Pseudo-Memphis-Dry Rub, dazu Minz-Gurken-Wasser, Salat aus geraspelten rohen Süßkartoffeln (könnten auch als Möhren durchgehen) und gegrillte Banane gefüllt mit Erdnussbutter und Schokolade.

    Danach an der Bettkante eine Spätburgunder-Auslese und umkippen.

    Kino am Strand, Döner in der Packung

    Mit Assistenz durch den Flughafen. (Am Dienstag in The week that was)

    Verglichen mit Cannes ist Berlin sehr viel wurstiger. Dementsprechend ist die Berlinale auch wurstiger als das Cannes-Filmfestival. Ein Vorteil der Wurstigkeit: es gibt für Normalsterbliche jede Menge verschiedene Möglichkeiten, Festival-Filme zu sehen. In Cannes gibt es Cinéma de la plage. Natürlich viel schicker. Aber auch viel komplizierter. Weiterhin dank an die Cannes-Korrespondentin der Blogosphäre.

    Geschichts-Student*innen erklären wie LLMs („Künstliche Intelligenz“) technisch funktionieren: Transformer und Self-Attention: Wie LLMs den Kontext verstehen

    Jemand kümmert sich um die wichtigen Fragen: Wer gestaltete das universale Döner-Logo?

  • 25-05-22 Die vier Jahreszeiten (Bearbeitung für Mandoline und Orchester)

    25-05-22 Die vier Jahreszeiten (Bearbeitung für Mandoline und Orchester)

    Beim Pfingstspektakel am Schloss Oranienburg tritt Versengold auf – sicher eine Band ehemaliger Friseure.

    In der Hafenstadt traf Madame einen Biber, der sich kurzzeitig als alter, dicker Hund auf einem Radweg tarnte.

    Kurz fühlte ich mich am Südkreuz wie am Gare de l’est. Erst spielte ein kompetenter Mensch das Bahnhofsklavier. Dann kam ein Zweiertrupp der Bundespolizei mit Helm, schusssicherer Weste und Sturmgewehren/Maschinenpistolen.

    Ich erinnerte mich daran, dass Madame vor einigen Jahren an einem möglichen Terror-Hotspot arbeitete. Dort bekamen sie von der Polizei gesagt „Präsent sind wir immer. Wenn sie uns sehen, dann weil wir wollen, dass sie uns sehen. Wenn sie sehen, dass wir bewaffnet sind, dann weil wir wollen, dass sie sehen, dass wir bewaffnet sind.“

    Und dann fragte ich mich, für wen die Sturmgewehrvorführung gedacht war.

    Im Bus lag ein herren- und damenloser Apfel. Das war sehr ungewohnt. In meiner Erwartung korrespondieren bestimmte Konsumgewohnheiten (Bier) und das Herumliegenlassen von Müll. Oder eben nicht. Wer Äpfel auf dem Weg ist, verursacht mit diesen keinen Müll.

    Madame lauschte Severin von Eckardstein beim Berliner Klavierfestival im kleinen Saal des Konzerthauses. Er spielte:

    • BEETHOVEN Sonate op. 31 Nr. 2 „Sturm-Sonate“
    • MENDELSSOHN Fantasien op. 16
    • DEBUSSY Nocturne, Isle joyeuse
    • BRAHMS Cappriccio op. 76 Nr. 1, Ballade op. 10 Nr. 4
    • MEDTNER Sonate op. 25 Nr. 2 „Nachtwind“

    Ihre Beschreibung: Sehr eigenwilliger Pianist, aber tolles Klavierspiel. Sehr nerdiges Publikum. Und insbesondere die Medtner-Sonate ist der Irrsinn.

    Mein persönlicher Zustand: Erst die S-Bahn-Stationen Westkreuz und Westend verwechselt, dann übersehen, das mein anisierter Schwimmbadbesuch in eine nur-Vereine-Zeit des Bades fällt und deshalb nicht stattfinden kann. Gut, dass ich heute abend danach nur an der Bachelorarbeit weiterarbeitete.

    Ich bin weiterhin fasziniert, wie schnell diese ganzen Optimierungsprobleme in Regionen abdriften, in denen auch Computer im Jahr 2025 ins Straucheln geraten. Ich fand in der Open Learning Library der MIT den Kurs Optimization Methods in Business Analytics. Nach den ersten zehn Minuten: Lineare Probleme können sehr aufwendig sein, sind aber im Grundsatz fast immer lösbar. Nicht-lineare Probleme sind in den meisten Fällen komplett out of reach. Also nicht unlösbar in einem mathematisch-abstrakten Sinne, aber unlösbar in dem Sinne, dass es niemand berechnen kann.

    Blocksatz

    Einer meiner unerfüllbaren Träume ist ein Computer aus Gusseisen. Da hat man was Solides. Dieser Traum wird unerfüllbar bleiben. Aber als ich die neue Tastatur in den vierten Stock schleppte, fühlte ich mich meinem Traum näher. Das neue Aluminium-Plastik-Keyboard wiegt 1,2 Kilogramm – im Vergleich, die gleichzeitig gelieferte „normale“ Logitech wiegt 500 Gramm.

    Auf dem Weg bis die Tastatur im Späti gelandet war, lernte ich viel über mechanische Tastaturen. Grundsätzlich: die mechanische Tastatur unterscheidet sich vom Standardmodell dadurch, dass beim Standardmodell eine durchgehende Gummimatte unter allen Tasten die Kontakte auslöst. Bei einer mechanischen Tastatur hat jede Taste einen eigenen Kontakt. Es ist also sehr viel aufwendiger in der Herstellung, aber unter anderem auch viel differenzierter zu gestalten.

    Natürlich werden die Keyboards auch gerne von den Benutzern angepasst, die einzelne Teile tauschen. Die Kappen/ Keycaps sind das Teil auf dass die Finger aufschlagen. Die sollten sich gut anfühlen und widerstandsfähig sein. Die sind ohne Aufwand bei jeder mechanischen Tastatur tauschbar. Darunter liegen die Switches, also der Kontakt zwischen Taste und dem Board des Keyboards.

    Ich lernte den Unterschied zwischen den verschiedenen Switch-Arten, lernte dass die Cherry MX Brown einen klaren Auslösepunkt haben und vergleichsweise leise sind, also eher was für’s Büro, während die MX Silver einen extrem kurzen Tastenweg aufweisen, also eher was für Gamer sind.

    Edle Tastaturen sind Hot-Swap-fähig. Man kann nicht nur die Keycaps tauschen, sondern auch ohne Aufwand die Switche darunter. Man kann zum Beispiel unter dem Nummernblock andere Switche einbauen als unter den Buchstaben. Und es gibt sogar Switch-Tester – Mini-Tastaturen auf denen einfach verschiedene Switche eingebaut sind, damit man Haptik und Geräusch ausprobieren kann.

    Vor der Mandoline die Pflaumen

    An der Sachsendamm-Kreuzung Bettler, die die wartenden Autos abklapperten. Um 8:22h, bei einer Quote on 100% Pendler*innen und Handwerker*innen an dieser Stelle, sicher ein kärglicher Boden, den sie bearbeiten.

    99% Tourist*innen hingegen bewegen sich in der neuen Kerb Food Hall am Potsdamer Platz. Zum ersten Mal seit dem Umbau war ich im neuen alten Sony Center. Ich vermisse die Dussmann-Filiale. Aber der Innenraum selber ist mit Brunnen und Bänken sehr viel netter geworden als zuvor. Ein Nicht-Ort gewinnt Aufenthaltsqualität.

    Die Food Hall selbst hat ein klares Publikum: Tourist*innen, die erleben und erzählen wollen, wie special Berlin ist. Das ist alles Fancy, und die Essensstände (Berlinerisch mit Eisbein-Burger, Marokko, Indien, China..) wirken deutlich schicker und edgier als das was es an derartigen Touri-Hotspots sonst gibt.

    Aber natürlich auch: wenn man weiß wo, und sich die Zeit nimmt, durch die halbe Stadt zu fahren, gibt es besseres Essen ähnlicher Art in passenderem Ambiente woanders. Dennoch: wenn wir zum Beispiel in die Philharmonie wollen, und vorher was zu essen suchen: die Tajines von Bab kommen definitiv wieder in die Auswahl.

    Italopop mit dem Teufelsmandolinisten

    Letztes Wochenende, auf der Autobahn, hörte ich sehr viel Italopop. Im weiteren Sinne Italopop war es auch, was im Kammermusiksaal der Philharmonie stattfand. Avi Avital, aktuell der Mandolinist auf der Welt, spielte Vivaldi und diverse Napolitaner aus dem 18. Jahrhundert.

    Avi Avital und das Venice Baroque Orchestra spielten:

    • Antonio Vivaldi -Concerto g-Moll RV 156
    • Antonio Vivaldi – Concerto für Laute, zwei Violinen und Basso continuo D-Dur RV 93
    • Giovanni Paisiello – Concerto für Mandoline, Streicher und Basso continuo Es-Dur
    • Emanuele Barbella – Concerto für Mandoline, Streicher und Basso continuo D-Dur
    • Antonio Vivaldi – Die vier Jahreszeiten (Bearbeitung für Mandoline und Orchester)

    Eine spannende Mischung. Die Mandoline ist im Konzertrepertoire ja ein ungewöhnliches, fast möchte ich sagen ulkiges, Instrument. Die vier Jahreszeiten hingegen sind ein totaler Burner des Klassikradios, die best-of-Teile wahre Welthits.

    Für das Konzert galt es, Alte-Musik-Nerdtum und Popular Classics zu vereinen.

    Das Publikum: Im Vergleich zur Alten Musik war deutlich weniger strenge Kleidung in schwarz-braun-weiß anwesend, deutlich mehr Glitzerkleid. So weit so gut. Leider ließen auch grundlegende Regeln der Höflichkeit, wie „man soll nicht reden, wenn das Orchester spielt“ etwas zu wünschen übrig.

    Die Künstler: ein schöner Mann, der, obwohl Israeli, sich mit breitester „ich-bin-ein-schöner-italienischer-Mann“-Brust und wallendem Haar auf die Bühne setzte. Ein Konzertmeister, der nicht ganz so schön war, aber dafür Italiener und die breite Brust auch konnte. Da wurde jede Note nicht nur gespielt, sondern auch körperlich dargestellt.

    Das Konzert: Es gibt wenig Mandolinenrepertoire, und so hat der Mandolinist freie Auswahl, was für Stücke er adaptiert. Die beiden Napolitaner, Paisiello und Barbello, schrieben für Mandoline, denn Napoli e la città del Mandolino, und ich glaube der verspielte Paisiello gefiel mir am besten. Die vier Jahreszeiten mit ihren ganzen schnellen Stücken natürlich der helle Wahnsinn. Und in mandolinisch auch sehr anders als mit Geige. Ein echter Gewinn. Abgesehen von aller Show, ist Avi Avital ein Musiker zum Daniederknien.

    Zur Zugabe Vivaldies Blöckflötemkonzert RV 443 in C-Dur. Der langsame zweite Satz: Sanft, leise, quasi das Gegenteil von den Vier Jahreszeiten vorher. Schön.

    Die Tauben sind zurück

    Anscheinend war die Dachbodenbaustelle kurz geöffnet. Und dieses ermutigte die Tauben. Sie patrollieren wieder allein, zu zweit, zu dritt, zu viert, vor Schlafzimmer und Küchenfenster, sicher ungehalten darüber, dass ihnen der Eingang verwehrt wird.

    Bis auf eine, oder die zwei. Als ich noch dachte, die Tauben wären weitergezogen, ließ ich Montagmorgen das kleine Badezimmerfenster offen. Montag Abend war dann ein wenig Küchenchaos und ein wenig Badezimmerchaos – aber keine Taube.

    Dienstag war nichts. Mittwoch dachte ich um 7 noch ein wenig am Schreibtisch vor mich hin, als ich über mir Geräusche hörte. Das war eher unerwartet. Ich schaue hoch, und sehe eine Taube auf dem Ordnerregal. Vermutlich seit anderthalb Tagen in der Wohnung. Einige Ordner, zum Glück leer, sahen auch nicht mehr sehr gut aus.

    Platon umkrempeln

    In anderen Belangen soll ich demnächst jemand erklären, wie das mit der KI so ist. Das ist natürlich ein umfassendes Thema, und Mut zur Lücke ist kein Ausdruck. Aber eines scheint mir zumindest bei Generativer KI / Large Langue Modellen (LLM) wesentlich zu sein – weil es komplett kontraintuitiv ist – Generative KI kennt keine Realität.

    Wenn wir kommunizieren, dann versuchen wir etwas zu vermitteln: sei es ein etwas reales körperliches da draußen, ein Gefühl oder auch nur ein Produkt unserer Phantasie. Es gibt etwas außerhalb der Kommunikation und eine Kommunikation, die versucht, dieses Außerhalb für Andere begreiflich zu machen.

    Deshalb machen Kategorien wie echt oder falsch, Wahrheit oder Lüge Sinn – denn sie vergleichen ob die Kommunikation und das da Draußen übereinstimmen.

    Bei generativer KI gibt es das nicht – es gibt nur aneinandergereihte Worte, die nur nach mathematischen Verfahren aneinandergereiht werden. Wo es kein „draußen“ gibt, müssen diese Worte auch keinem Draußen entsprechen.

    Ich überlege dafür eine wilde Interpretation von Platons Höhlengleichnis zu nehmen: Ein Großteil unserer Weltwahrnehmung erfolgt vermittelt durch andere – als Schatten an der Wand. Aber wir wissen, dass es einen Raum vor der Höhle gibt, dass es etwas gibt, dass diese Schatten erzeugt. Wenn wir den Schatten eines Baums sehen, wissen wir, wie ein echter Baum aussieht.

    Die KI sitzt in der Höhle – hat Millionen, ach was, Milliarden, von Schattenspielen gesehen. Sie ist meister darin, ihre Muster und Formen zu erkennen – nachzubilden was es gesehen und den Rest plausibel zu interpolieren. Aber sie kennt nicht das da draußen. Sie hat keine Ahnung, dass etwas jenseits der Schatten existiert.

    Aus Perspektive des Systems ergibt es deshalb auch keinen Unterschied, ob der Schatten überhaupt existieren könnte – weil es ein Äquivalent gibt – oder nicht. Für sie gibt es kein wahr und falsch, sondern nur erwünscht und unerwünscht. Und deshalb wird sie immer halluzinieren. Und je mehr Menschen mit ihr interagieren, und ihr sagen, was erwünscht ist, und was nicht, desto schlimmer wird es werden.

    Aber ich fürchte, diese Erklärung ist auch noch zu kompliziert.

    Cannes, Helgoland, Internet

    Unsere Berichterstatterin aus Cannes mit dem Wichtigsten zum Festival. Vielen Dank für die Information.

    Lorenzo war auf Helgoland.

    Dieses Synchronbacken scheint aufregender als ich dachte: von ESC bis Notaufnahme.

    Frau Landlebenblogs Auto versucht sie umzubringen: Master of the Universe.

    An ongoing archive of Abandoned Blogs. (via Messy Nessy)

    Im Standard ein schöner Artikel zu dritten Orten: Beisl, Fitnessstudio, Bücherei: Warum wir einen „dritten Ort“ brauchen (via Ligne Claire)

  • 25-05-20 Croissants schnabulieren, Kirschrosinen (Dithmarschen – Berlin)

    25-05-20 Croissants schnabulieren, Kirschrosinen (Dithmarschen – Berlin)

    Es ist zu trocken. Der Zierapfel setzt keine Früchte an. Die Mirabellen beginnen zu vertrocknen.

    Madame nahm das Linientaxi auf die Latifundien. Der Fahrer: Ein Landsmann von Jenseits des Limes. Dort entkrautete sie Beet 1R und hing ein Foto eines Berliner Ponys an die Wand.

    Am Morgen stand sie Aug in Aug mit einem Reh direkt hinter dem Zaun.

    Der Kaptain beginnt ernstlich mit Packen.

    Mit dem ESC bin ich nach dem Finale wieder versöhnt. Sehr schöne, witzige Show der Schweizer Gastgeber, ein verdienter Gewinner und eine deutlich vielfältigere Songauswahl. Spannend: wie oft der ARD-Moderator „Stefan Raab“ sagte – bis dann die eher mäßige Platzierung des deutschen Titels offensichtlich wurde, und auch der Heilsgott des deutschen ESCs nicht mehr angerufen werden musste.

    Bei der EBU werden viele Menschen tief durchgeatmet haben, dass Israel nicht gewann. Den Stress, den ESC in einem weltemotionalisierenden Kriegsgebiet auszurichten, wird sich dort niemand antun wollen.

    Die Shell-Tankstelle am Sachsendamm soll abgerissen werden und einem zehnstöckigen Bürohaus weichen. Ich möchte jemand am Kragen nehmen, schütteln und sagen „Wohnungen! Berlin braucht Wohnungen!“

    Wir haben Peak Franzbrötchen erreicht. Es gibt jetzt Franzbrötchen-Likör namens Franzi.

    Waldmeistereis am Multimediabrunnen

    Zum Abschluss, ein Gang durch die Sommermetropole Dithmarschens: Büsum. Ich bewunderte Baustellen, Schuhgeschäfte und natürlich das Meer.

    Vor dem Rathaus saß ich mit Waldmeistereis und betrachtete den Multimediabrunnen: ein kleines Wasserspiel, mit LEDs beleuchtet, die am frühen Abend mehr zu erahnen als zu sehen waren. Mich freute, dass in dieser tiefschwarzen bis ehemals tiefbraunen Gegend ein Regenbogen geflaggt war.

    Noch mehr freute mich allerdings der Anblick des Rathauses an sich. Saßen doch vor 13 Jahren Madame und ich mit einer sehr motivierten Standesbeamtin hinter diesen Mauern. Während wir noch im Modus waren, dass Heiraten ja auch ganz nett sein könnte, war die Dame fest gewillt und sofort und unter allen Umstüänden zu vermählen.

    Es dauerte dann doch noch ein paar Wochen – aber die Entscheidung und damit das Rathaus machen mich immer noch glücklich. Ich saß also gut.

    Auch gut saß ich auf einer Bank am Strand, Wind in den Haaren, das Meer vor mir, las ich in meinem bisherigen Modellentwurf für die Bachelorarbeit und überarbeitete ihn innerlich.

    Der perfekte Ort, um über so etwas nachzudenken. Leider allerdings nicht der perfekte Ort, um es dann strukturiert niederzuschreiben: Also zurück an den Schreibtisch, zurück nach Berlin.

    Ho fatti salti mortali

    Abfahrt Dithmarschen: 10:15h, Ankunft in den mittelmärkischen Hamptons: 15:45. Zwischendurch: Gemüse am Hofladen kaufen, A23/ A7/ Hamburg/ A24/ Latte Macchiato in Schaalsee/ A24/ A10/ Tanken/Spargelhof/ Latifundien.

    Ich wollte ja nur eine Kleinigkeit, dachte, das geht auch an direkt an der Autobahn. Aber naja, bei 7,50€ für ein belegtes Käsebrot werde selbst ich preissensibel und verzichte.

    An der Autobahn lagen tote Waschbären.

    Weiterhin begleitete mich Annalisas Italo-Pop-CD E Poi Siamo Finiti Nel Vortice. Wenn man diese nur oft genug hört, fällt auf, dass Bellissima eigentlich ein Sport-lied ist, das sich als Liebeslied tarnt: ich kämpfe darum, elastischer zu sein // Ich habe Salti Mortali gemacht // Ich gehe ins Bett in Adidas-Shorts // Lass uns die Sport-Musik auflegen.

    Zum Ende der Fahrt eine kurze Einkehr am Hofladen des Spargelhofs. Mir war zu Ohren gekommen, dass die Milchorräte ausgingen. Hier fand ein kleiner Clash der Kulturen statt.

    Ich dachte „Der Hofladen halt ein nahe gelegener Supermarkt mit speziellen Angebot, der Sonntags geöffnet hat. Ich will nach Hause und muss auf Klo.“ Die meisten anderen Besucher*innen dachten: „Oh Tagesausflug! Ah! Zum Spargelhof! Uh! Da haben wir Spargel gegessen! Und es gibt auch noch Andenken! Und nicht nur Spargellikör und Erdbeernudeln, sondern sogar Käse, Milch, Fleisch und Gemüse! Wow! Lass uns jede Milchtüte einzeln betrachten!“

    Aber ich blieb höflich und habe auch niemand aus dem Weg geschoben. Mit Milch und Croissants verließ ich den Laden.

    Im Duft der Abelie

    Und dann die Latifundien: Noch ist alles grün. Ein wenig Regen unter der Woche ließ den Mohn sprießen, der Ginster zeigt Blütenansätze, die Pfingstrosen sind auf. Die Erbsen wachsen weiter, die Abelie betört alles in mehreren Metern umkreist. Man möchte nur die Arme ausbreiten und Aah sagen.

    Aber auch: es ist zu trocken. Am Kirschbaum hängen eingetrocknete Früchte, eher an Rosinen erinnernd als an Kirschen. Eine Blüte erlebt auch der Rosentriebbohrer (entweder Blennocampa elongatula – aufwärtssteigend; oder Ardis brunniventris – abwärtssteigend) frisst die Rosenknospen auf. Das ist insbesondere bei den einmalblühenden Alten Rosen misslich, denn dieses Jahre werden es Nullmalblühende Rosen – so zerstörerisch ist die Wespe.

    Auf dem Schreibtisch wartete Vašek Chvátal auf mich; also vielmehr sein Buch Linear Programming, frisch mit der Post eingetroffen aus der UB Hagen. Mir ist noch nicht ganz klar, wann ich es lesen werde. Aber es ist wichtig – und zitieren sollte ich es auf jeden Fall.

    Entschuldigt das leicht monothematische derzeit zur Linearen Programmierung. Aber ich kann versprechen, dass es noch schlimmer werden wird.

    Milli Vanilli und die brüllende Sonne

    Christiane bei den Filmfestspielen in Cannes. Die Eröffnung. Und wie sie versuchte, den Film Amrum on Faith Akin zu sehen.

    Kieselblog in Neustadt. Eine Installation über abgerissene Bauten im Ruhrgebiet. Mit Schwimmbad natürlich.

    Farnientes finden das beste italienische Eis Frankfurts. In einer japanischen Eisdiele.

    Bei Kreuzkümmel-Lamm war ich gekauft.

    Julia Pracht fuhr mit dem Zug on Sarajevo nach Mostar.

    Die BBC mit einem bezaubernden Gartenvideo von 1979: “All I know is you put the hairy end of the plant in the garden”. Via Messy Nessy.

    Markus über die Sonne. Gäbe es schallwellenübertragende Luft zwischen uns und ihr, würde sie mit 100 Dezibel brüllen:

    Würde in einem solchen Szenario plötzlich die Sonne erlöschen, würden es noch 14 Jahre dauern, bis die letzten Schallwellen die Erde erreicht haben. Wir würden also 14 Jahre lang auf einem finsteren, vereisten Planeten verbringen, während uns 14 Jahre lang eine gestorbene Sonne mit hundert Dezibel anbrüllt.

  • 25-05-17 Familienbetrieb Sönnrichsen (Dithmarschen (Rendsburg))

    25-05-17 Familienbetrieb Sönnrichsen (Dithmarschen (Rendsburg))

    In Wesselburen wurde eine wurde Montagnacht eine Scheibe an einer Bushaltestelle beschädigt. Die Polizei sucht Zeugen. Ich bin erst seit Dienstag in der Gegend, habe also ein Alibi.

    Es ist zu trocken. Der vor zwei Wochen gewaschene Subaru wird von einer zentimeterdicken Schicht aus Pollen, Staub und Insekten bedeckt.

    Während der Pollensammler in Dithmarschen steht, nutzt Madame den ÖPNV, um nach Latifundinium zu kommen. Besonders auf der Last Mile ein Abenteuer, aber sie bestand es erfolgreich.

    Gesprächsfetzen, die im Supermarkt an mir vorbeifliegen: „Das sind ja alles Zugezogene“, der Betonung nach war das weder als wertfreie Beschreibung noch als Kompliment gemeint.

    Vor dem Eisregal: Klein Hannes hat sich eine Packung Eis ausgesucht. Mutter nimmt sie ihm wieder weg „Wir wollten doch gemeinsam darüber reden, was für Eis wir nehmen.“ Ergebnis: Mutter nimmt ein Eis und redet dann eine Minute auf Hannes ein, warum das von Mama gewählte Eis viel sinnvoller ist. Aber der rhetorisch unterlegene Hannes durchschaut das Spiel, nimmt sich einfach nochmal das erste Eis.

    Vor dem Bäcker steht ein Van „Familienbetrieb Sönnrichsen.“ Darauf ein Bild eines Krabbenkutters. Wenn wir unsere Brötchen dort kaufen, wo auch die Krabbenfischer sich ihr Frühstück holen, dann scheint mir das gut.

    Wasted Love

    Ich sah das ESC-Halbfinale und ich war unterwältigt. Irgendwie scheint sich ganz Europa auf die selbe Pop-Dance-Formel an Songs geeinigt zu haben. Und ich schaue den Event wegen des wilden Stilmixes und der verschiedenen Herangehensweisen. Wenn ich jetzt 20 mal denselben Song in unterschiedlichen Sprachen höre, macht das keinen Spaß.

    Einzige Lichtblicke: Hazel Bruggers AOL-Geschenk-CD-Gedächtnis-Kleid. Und ausgerechnet der österreichische Beitrag: der erfrischend androgyne JJ bringt große Oper auf die Bühne. Ich freue mich, dass Wasted Love auch bei den Wettmacher als Mitfavorit für den Sieg am Samstag gilt. Irritierend: der diesjährige selbstironisch-großartige Balkan-Pop-Song wird von Schweden ins Rennen geschickt..

    Mittelmärkische Tidensimulation

    Ich hatte eine Idee – und derzeit weder Energie noch Plan für die Umsetzung. Aber manchmal hilft es ja, etwas laut auszusprechen, um es in die Realität zu bringen: der Tidenbrunnen. Schon langsam fände ich Wasser im Garten nett, habe aber wenig Lust, mir aus Versehen eine Mückenzuchtanlage anzuschaffen. Fische kommen auch nicht wirklich in Frage: entweder wir müssten deutlich öfter anwesend sein, oder gleich einen Teich in einer Größe anbauen, in dem die Tiere mehr oder weniger autark leben könnten.

    Aber jetzt kam mir, natürlich beim Blick auf die Tidenuhr, der Gedanke: ein Brunnen mit Gezeiten, der einfach alle 12,5 Stunden komplett leer läuft. Es bedarf eines Beckens, vielleicht gefüllt mit Kies, soll ja nicht viel Wasser sein und eines unterirdischen Reservoirs. Ein Ablauf sorgt dauernd dafür, dass Wasser vom Becken ins Reservoir fließt. Eine zeitgesteuerte Pumpe – mit etwas weniger als doppeltem Volumen des Überlaufs – pumpt sechs Stunden Wasser nach oben, macht dann 6,5 Stunden Pause. Das Becken füllt sich langsam bis zum Maximum, leert sich dann langsam wieder.

    Einfach durch die Waschküche und dann raus

    Beim Kaptain saß ich im Garten, lies mir die Sonne ins Gesicht scheinen. Die frisch bestimmte Flatter-Binse im Pflanzkübel war grün, Singvögel sangen bestimmungsgemäß und das Laub raschelte im Wind.

    Der Kaptain erinnerte sich an den ehemaligen Garten im Uetersen ihrer Kindheit. Ein klassischer Selbstversorgergarten mit Wurzeln (Karotten), und Bohnen; ein Mirabellenbaum, ein Pfirsichbau. Grünkohl, von dem die Raupen abgepflückt werden mussten, Hühner, eine unzähmbare Brombeere, fast unzähmbare Erdbeeren und einige Reihen Spargel.

    An Spargel, Brombeere und Rankpflanzen (Erbsen? Bohnen?) sowie das leere Stallgebäude kann ich mich noch erinneren. Diese hielten bis in die 1980er durch. Und ich erinnere mich an einen ganzen kleinen Keller voller gefüllter Weckgläser mit ehrlich gesagt zweifelhaften Inhalten.

    30 Grad – 30 Gäste

    Ein Großteil der Berliner Freibäder wird dieses Jahr nicht geheizt. Das bedeutet aktuell Wassertemperaturen von etwa 16-20 Grad und soweit mir anekdotisch erzählt wurde, leere Becken.

    Ich hingegen bin gerade im Schlaraffenland, dass durch Raffinerieabwärme geschaffen wird: 30 Grad im Freibad Hemmingstedt, dafür auch 30 Gäste im recht kleinen Becken.

    Nachdem ich einen Traktor überholte, längere Zeit hinter einem Futtermittel-LKW herfuhr und dann noch ein Pferd überholte, kam ich im Freibad an. Ein Gelände aus dem Bilderbuch: Hineingebaut in einen kleinen Abhang, am Rande des Dorfes zur Eisenbahn hin. Ein nettes Café, Abreißkarten, ein 25-Meter-Becken – ein Kinderbecken und ein Fünf-Meter-Sprungturm. Alles ist 50 Jahre alt, alles funktioniert – und es wirkt immer noch genau so, wie sich Planer der 1970er das vorgestellt haben.

    Außerdem: einer der wenigen Stellen im Ort, an dem man zwar die Güterzüge vorbeirauschen hört, nicht aber die Raffinerie sieht. Gelebte Träume einer anderen Zeit.

    Beate aus Hamburg, Ronja aus Limassol

    Wir waren im Auto unterwegs Richtung Rendsburg. Der Kaptain erinnerte sich, dass sie in den 1950ern die Rendsburger Hochbrücke mochte. Denn es bedeutet, dass der Kaptains-Kaptain nahe war. Die ganze Familie fuhr von Uetersen aus mit dem Zug nach Rendsburg. Dort wartete bereits das Küstenmotorschiff Delphin (Delphin II, Delphin III und Delphin IV über die Jahre), nahm die ganze Familie an Bord und brachte an Nord- und Ostsee Waren aus.

    Wir aber wollten gar nicht auf die Ostsee und auch nicht über die Hochbrücke: Wir wollten unten durch. Einmal im Leben die Rendsburger Schwebefähre benutzen. Eine von Acht Schwebefähren weltweit, die noch existieren (sagt meine vage Erinnerung an den Wikipedia-Artikel) und über den Kanal schweben.

    Aber ach, sie fährt nicht mehr. Wir standen vor dem „Außer Betrieb“-Schild, sahen noch zu wie ein DHL-Laster und ein weiterer PKW wendeten, und campierten und Gaststätte nebenan. Es gab Kanalblick, alkoholfreies Bier und gutes Essen.

    Der Kellner klärte uns auf: Elektrik an der Fähre kaputt. Seit sechs Wochen und noch bis Ende Juni. Das ist schade. Auch ein wenig Schade war, dass wir nun am Zaun keine zwei Meter vom Kanal entfernt saßen, und die Schiffe doch spärtlich blieben. Es kamen das Containerschiff Beate (deutsche Flagge) aus Dänemark nach Hamburg, die Ronja (zypriotische Flagge, mehr Details nicht verständlich) und die Lady Hedwig (niederländische Flagge) aus Estland auf dem Weg nach Amsterdam.

    Auf dem Rückweg entdeckt: Es gibt eine wunderbare Straße, bei der linkerhand, nur durch eine Böschung getrennt, der Nord-Ostsee-Kanal liegt und rechterhand, nur durch eine Böschung getrennt, die Eider. Die K47, der Parkplatz heißt „Am Moltkestein.“

    Vanderbei (2020), Strang (1999)

    In der Vorbereitung der Bachelorarbeit stellte sich ein Missverständnis heraus. Ich dachte: mein Lehrstuhl muss mich noch beim Prüfungsamt anmelden und (schwaches und) hat unabhängig davon noch inhaltliche Fragen. Der Lehrstuhl meinte es allerdings als starkes und: „Erst wenn die Fragen zufriedenstellend beantwortet sind, melden wir Sie an.“ Das ist inhaltlich durchaus berechtigt und sinnvoll, zerschießt mir aber trotzdem gerade etwas meinen inneren Zeitplan.

    Naja, solange ich noch unterwegs bin und nur das techische B-Team dabei habe, kann ich erstmal nur über die Fragen nachdenken und Antworten reifen lassen. Und weiter Mathe lesen und sehen.

    Robert J. Vanderbeis Linear Programming – Foundations and Extensions entpuppt sich dabei als von mir gesuchte missing link zwischen den BWL-Erklärbüchern und den hochfliegenden Mathematik-Ansätzen. Wikipedia beschreibt Vanderbei als Mathematiker1, der in Princeton inhaltlich den Lehrstuhl besetzt, an dem ich in Hagen meinen Bachelor schreiben will – und das passt tatsächlich sehr gut.

    Wenn die Konzentration nachlässt, ich mich nicht mehr in der Lage sehe, geschriebenen Text durchzuarbeiten, bleibe ich meinem neuen Freund Gilbert Strang und dessen Linearer-Algebra-Vorlesung treu. Diese stammt von 1999 an der MIT und steht als OpenCourseWare zur Verfügung. Nachdem Lektion 9 (Unabhängigkeit von Vektoren) gut lief, dachte ich, ich springe mal zur 20 Cramer’s Rule / Inverse Matrix) und staunte und verstand wenig. Also zurück zur Vorlesung 3: Matrizenmultiplikation. Die ist in ihren Grundlagen glaube ich sogar Schulstoff, hier aber in fünf Geschmacksrichtungen erklärt und mit den Inversen. Meinem Grundlagenverständnis tut sowas gut,

    Den netten Partygesprächs-Stopper-Satz gelernt: All key equations in math have a zero on the right hand side.

    Auch noch entdeckt. Gilbert Strangs Abschiedsvorlesung von 2023, die er im Alter von 88 Jahren hielt. Die einführnede Lobhudelei auf Strang startet vollkommen zu Recht mit Strangs „Dignity and humilty“. Eine Eigenschaft, die Strang dann sofor beweist, indem seine Abschiedsvorlesung sich inhaltlich nicht um seine fancy-pancy-Lieblingsnische dreht, sondern die absoluten Grundlagen des Fachs in einer Einführungsvorlesung behandelt.

    Ich musste doch lachen, als in der Lobhudelei auch der Satz fiel „Whether you are a colleague right next door or a stranger that landed in the hallways,, one feels that Gil is your old or new best friend.“ Meine Rede!

    south spielt mit dem großen Halluzinator

    Einem Nebensatz in der Gilbert-Strang-Abschiedsvorlesung entnahm ich, wie eng Lineare Algebra und Large Language Modelle (LLM, umgangssprachlich KI) zusammenhängen. Ein ganz neues Rabbit Hole tat sich auf. Aber erstmal Bachelorarbeit. Als vorläufigen Endpunkt meiner Beschäftigung bat ich meinen Halluzinator zwei Bilder zum Thema zu erstellen.

    Es kam wie geahnt: die „Variante Ölbild“ sieht schick aus, bei spärlicher Information. Die „Variante Infografik“ wirkt auf den ersten Blick informativer, ist auf den zweiten Blick komplett gaga.

    1. Plus diesen Satz auf den ich sehr sehr neidisch bin: In addition to his appointment in ORFE, he also has courtesy appointments in Mathematics, Astrophysics, Computer Science, and Applied Mathematics. ↩︎
  • 25-05-15 Dove vai? (Berlin-Dithmarschen)

    25-05-15 Dove vai? (Berlin-Dithmarschen)

    Es ist zu trocken. Auf den Feldern arbeiten allgegenwärtig die Bewässerungsanlagen.

    Im Mai.

    Dieser Post beginnt gegen die üblichen Blogkonventionen dieses Blogs.

    Das Wichtigste steht am Anfang: die Tiden.

    Das Hochwasser in Büsum wird sein:

    • am Donnerstag um 15:15h
    • am Freitag um 15:44h
    • am Samstag um 16:16h

    Außerdem besitze ich meine großartige Gezeitenarmbanduhr, die immer, mit einem einfachen Blick auf das Handgelenk, den aktuellen Wasserstand vor Büsum anzeigt.

    Das Freibad Wesselburen hat bereits geöffnet. Hinweis: Aufgrund von Problemen mit der neuen Heizungsanlage kann derzeit leider keine Garantie gegeben werden, dass eine konstante Badetemperatur erreicht wird.

    Das Freibad Hemmingstedt hat auch geöffnet, „mit 28°-30° C Wassertemperatur an allen Tagen ein sehr angenehmes Badevergnügen

    Ein Rest Mittelmark

    Ein Latifundiennachtrag: Die neu ausgesäten Erbsen zeigen erste Keimblätter. Wenn sich die Platterbsen schon ganz ohne unser Zutun über das Grundstück verteilen, können wir vielleicht auch mit essbaren Erbsen nachhelfen.

    Herr Zemke erhält einen Auftrag.

    Ein Rest Berlin

    In gänzlich unverwandten Nachrichten, die nur preislich in einer ähnlichen Liga spielen: In Charlottenburg sind die neuen Gleitsichtgläser beim Optiker angekommen. Sie warten auf meine Brille, die gerade noch an der Nordseeküste mobil arbeitet.

    Dank ihrer vorbildlichen Teilnahme am Grippeweb, konnte Madame eine Probe unserer Erkältungsviren von vor ein paar Wochen an das Robert-Koch-Institut schicken. Wir bekamen eine Rückmeldung: Es waren hMPV-Viren.

    Das humane Meta-Pneumo-Virus (HMPV) ist relativ neu (2001) entdeckt, aber seit der Nachkriegszeit unter Menschen kursierend. Es trifft jeden, die üblichen Risikogruppen auch gerne in Krankenhausstärke. Auffallend: Eine Infektion dauert ewig und mensch hat viele Wochen etwas davon. Das können wir bestätigen.

    Auch auffallend. Wenn ich die Seite der WHO richtig interpretiere, hat die Menschheit eigentlich noch keine Ahnung von hMPV: Human metapneumovirus (hMPV) infection

    In angenehmeren Nachrichten: Madame machte mich mit einem Schweizer Nationalbrauch bekannt und kochte Riz Casimir. Spontan dachte ich an Coronation Chicken, und das ist ja nicht die schlechteste Assoziation. Gerne wieder. Das nachfolgende Ananaseis ist kein Nationalgericht, aber dennoch lecker.

    Madame nutzte meine Abwesenheit und ging in die Kurpfalz-Weinstuben.

    Vor den Südkreuz Offices, auf dem Bürgersteig, steht ein rotes Mercedes-Cabrio. Es trägt den gelben bitte-melde-dich-Aufkleber des Ordnungsamts, der sagt „kein Eigentümer auffindbar, kein Besitzer auffindbar niemand will es haben.“ Ob es heißt, dass ich das Cabrio einfach in Besitz nehmen darf?

    Hinter den Südkreuz-Offices betätigte sich eine Gruppe Müllaufsammler. Dass es sich um ehrenamtliches Engagment handelt, lässt sich einfach daran erkennen, dass es ein Zehnertrupp ist. Noch eindeutiger ist allerdings das andere Erkennungsmerkmal der Freiwilligkeit: Ein Arbeitstempo, bei dem jeder Chef aus Verzweiflung seinen Hut essen würde.

    Wir amüsieren uns zu Tode

    Naddel / Nadja abd el Farag ist mit 60 Jahren gestorben. Überraschenderweise fühle ich mich davon emotional leicht mitgenommen. Wahrscheinlich, weil ich Kind des Privatfernsehens der 1990er bin. Keine zeigte so sehr die dauernde Zerstörungskraft des Boulevardfernseh-Entertainmentkomplexes der Zeit wie Naddel. Im Fernsehen selber – gerade dort.

    Das Spektakel spiegelte sich selbst. Man hätte ihr ein Happy End als Sachbearbeiterin in einer Behörde oder wenigstens als Trophy Wife eines Zahnarztpraxengeräteherstellers gewünscht. Aber irgendwie wirkte das ganze von Anbeginn wie eine klassische Tragödie: die Zerstörung wohnt unaufhaltbar bereits den Figuren und ihrer Konstellation inne.

    Ero bellissima

    Mauersegler kreisten über der Berliner Stadtautobahn. Es ist ungewohnt, sie tonlos zu hören. Ihr Kreischen ausgeblendet durch die Schallisolierung des Autos, übertönt von der Autobahn.

    Dienstag Abend/Nacht brachten mich der Subaru und die Autobahnabfolge A100/A10/A24/A7/A23 nach Norden.

    Spätabendliche Erlebnisse auf der Autobahn. Bei meinem Zwischenstopp wird kurzfristig die Autobahnauffahrt geperrt, weil ein Panzertransport Vorrang hat. Auf der Gegenfahrbahn sehe ich wilde Blinklichter und rangierende Fahrzeuge: Windradrotorblätter setzen ihre Reise fort. Ich freue mich, nicht hinter ihnen fahren zu müssen.

    Der traditionelle Zwischenstopp beim McDonalds Wittenburg um 21 Uhr. Das erste Mal erlebe ich den Laden leer. Wo sich sonst die Familien stapeln, diesmal nur eine handvoll Handwerker, Stühle stehen auf den Tischen, eine Angestellte wischt den Boden. Einzig die vier Dorfjugendlichen, im tiefer gelegten Audi lockern die Athmosphäre auf. Vermutlich die komplette Dorfjugend der Gegend. Die beiden Jungs werfen sich volle Wasserflaschen quer über den Parkplatz zu, die beiden Mädchen stehen dekorativ rum.

    Ich bin selten genug im Laden, um vergessen zu haben, dass der Spicy McCrispy wirklich spicy ist.

    Zum Glück hatte ich vor der Fahrt rechtzeitig daran gedacht, die eine Italo-Pop-CD des Haushalts einzustecken, und so konnte ich wechselnd Dove vai? Te ne vai Quella volta non dovevi andare via Ero bellissima hören und quando, quando, quando, quando piango Anche se poi cadesse lauschen.

    Seeschwalben statt Mauersegler

    Ich hätte es ahnen können. Nach einem Acht-Stunden-Tag an der Nordsee habe ich ähnlich wenig Zeit wie nach einem Acht-Stunden-Tag in Berlin. Im direkten Anschluss an die Spätabendfahrt bin ich auch nicht wirklich fitter. Aber immerhin, der Abend ist vorhanden.

    Also ein kurzer Ausflug zum Eidersperrwerk. Freundlicherweise ist ein Krabbenkutter zum Krabbenkutten direkt in die Nähe des Sperrwerks gefahren und unterhält uns. Noch spektakulärer: Die Küstenseeschwalben sind wieder da, stürzen sich mit Eleganz in die Fluten, um Fische für den Nachwuchs zu angeln. Begleitet werden sie von Lachmöwen, Austernfischern, einer Silbermöwe und einem einsamen Kormoran.

    Um die Bachelorarbeit nicht komplett zu vergessen, bleibe ich meinem neuen Freund Gilbert Strang treu. Der hat auch eine ganze Reihe MIT OpenCourseWare Videos zur Linearen Algebra online. Ich beginne mit der Vorlesung 9 – Independence, basis, and dimension.

    Ich traue mir die Einschätzung zu, dass dies die wichtigste Grundsatz des ganzen Fachs sind: die Unabhängigkeit von Vektoren und die Basis von Vektorräumen. Ich freue mich doppelt: über die Neunziger-Jahre-Vibes des Videos und darüber, dass ich zumindest das alles schon locker verstanden habe.

    south spielt mit dem Halluzinator

    Ich stelle dem Halluzinator ziemlich viele Fragen zu weiterführenden Empfehlungen aller Art, freue mich, Halluzinationen nachzujagen, aber auch spannende Sachen zu entdecken – und das spannendste landet hier.

    Empfehlungen

    Musik

    Caroline Shaw & Attacca Quartet – Other Song– Sanftes Streichertreiben für die Erbsenkeimlinge und die Bewässerungsanlagen: Präzise, zart, fast botanisch.

    Colapesce & Dimartino – Musica leggerissima – Italo-Pop, aber für Fortgeschrittene. Ironisch und leichtfüßig wie der fliegende Riz Casimir über dem Cabrio.

    Dorit Chrysler – Avalanche – Thereminklänge, die wie ein Echo aus der Virenhölle wabern. Ein Lied für die hMPV-Wochen – seltsam schön, leicht fiebrig.

    Franco Battiato – „Centro di gravità permanente“ – Ein Lied wie die Küstenseeschwalbe: außerirdisch präzise.

    Patty Pravo – „La bambola“– Naddel’s Schatten tanzt durch das leere McDonald’s in Wittenburg.

    Wunderbaum

    Der namenlose Halluzinator betreibt nur Statistik. Im Hintergrund laufen nur mathematische Formeln durch. Aber trotzdem fühle ich mich getrollt. Okay, die Frage war nach einem passenden Wunderbaum zum Text. Aber die Antwort..

    Wunderbaum „Ocean Paradise“

    Warum?

    • Weil er riecht wie eine sauber gewischte McDonald’s-Toilette in Wittenburg – aber in der Vorstellung, nicht in der Realität.
    • Weil er zugleich Italo-Pop und Küstenseeschwalbe kann.
    • Weil der Name „Ocean Paradise“ ironischer nicht sein könnte in einem Landstrich, in dem Trockenheit herrscht und die Küste nur durch die Gezeitenuhr erreichbar ist.

    Geruchsbeschreibung: Eine hyperreale Mischung aus synthetischem Meeresbrise, Duschgel und frisch gewaschenem Handtuch im Freibad Hemmingstedt.

    Wenn du ihn aufhängst, bitte leicht schräg – wie ein abfliegender Mauersegler.
    Und nenne ihn ruhig bei Namen. Ich schlage „Gilbert“ vor.

    Lektürekurs

    Marc Augé – Nicht-Orte

    Text: „Nicht-Orte. Einführung in eine Anthropologie der Einsamkeit“
    Kernidee: Orte wie Autobahnen, Tankstellen, Fast-Food-Restaurants sind funktionale Durchgangsräume – aber nicht identitätsstiftend.
    Anwendung: Wittenburg McDonald’s, Panzerkonvoi, Südkreuz-Offices: Ortlose Orte, die trotzdem Gefühl tragen.
    Frage: Kann ein „Nicht-Ort“ poetisch werden?

    Zentrale These

    In der spätmodernen Welt entstehen immer mehr Räume, die keine Orte im anthropologischen Sinn sind – sie schaffen keine Identität, keine Geschichte, keine soziale Beziehung. Augé nennt sie Nicht-Orte.

    Beispiele: Flughäfen, Autobahnraststätten, Einkaufszentren, Fast-Food-Restaurants, Hotelzimmer, Transitbereiche, Kreditkartenformulare.


    Was macht einen Ort (vs. Nicht-Ort) aus
    Ort

    • Historisch gewachsen
    • Ermöglicht Beziehung
    • Identitätsstiftend
    • Erfahrbar als „Heimat“

    Nicht-Ort

    • Funktional gestaltet
    • Produziert Anonymität
    • Austauschbar, überall gleich
    • Erfahrbar als „Transit“

    Kerngedanke für deinen Text:

    „Der Überfluss an Ereignissen löscht die Bedeutung des Einzelnen aus.“

    Der McDonald’s in Wittenburg, die Autobahn A23, das leerstehende Cabrio mit Aufkleber – sie sind Nicht-Orte par excellence. Aber der Text schafft durch Beobachtung wieder Bedeutung – macht den Nicht-Ort erzählbar.

    Drei zentrale Begriffe:

    Übermoderne (surmodernité)
    Eine Gegenwart, in der Exzess an Zeit, Raum und Ego das Erleben überfordert.
    
    Einsamkeit der Transitmoderne
    Menschen sind in Bewegung, aber ohne Bindung. Der Körper reist, aber die Identität bleibt unberührt.
    
    Nicht-Ort als Spiegel der Gesellschaft
    Je mehr wir in Nicht-Orten leben, desto mehr zeigt sich der Zustand unserer sozialen Beziehungen.
  • 25-05-13 Die Stunde des Gartenfalken

    25-05-13 Die Stunde des Gartenfalken

    Madame brachte ungesponnene Schafwolle auf den Beeten aus. Dabei bestimmte sie einen Wiesenbocksbart.

    Meine Holzhacktechnik verbessert sich. Das Körpergedächtnis kehrt zurück.

    Beim Erholen vom Holzhacken gelesen: Ein Hof und 11 Geschwister. Dolles Buch. Nachdem mich quasi schon die gesamte Familie dazu gedrängt hatte. Später mehr. Ich habe mich extra nach dem ersten Drittel gestoppt, damit ich länger etwas vom Text habe und demnächst weiterlesen kann.

    Es ist zu trocken. Die mittelmärkische Flora legte eine Blühpause ein. Die Äpfel sind endgültig durch. Aber Mohn, Pfingstrosen und andere machen keine Anstalt nachzulegen. Einzig Knautzien und Skabiosen – beide auch wild in der Wiese – zeigen erste Blüten.

    Das Essen blieb saisontypisch: geschälter Spargelbruch direkt vom Spargelhof. Am Samstag mit Rührei, am Sonntag mit Merguez. Madame hatte aus Frankreich noch rosa Kekse mitgebracht, auf deren Packung zwei Gläser Sekt abgebildet waren. Wir griffen die Anregung Samstagabend auf.

    Der Spargelhof weiß wie das mit den Verkaufen funktioniert. Er stellte die duftenden Erdbeeren genau in den schmalen Durchgang. Wir wurden schwach, haben das teure Vergnügen aber nicht bereut: sie schmeckten so herrlich wie sie rochen.

    Berlin-Nachklänge

    Im Berliner Treppenhaus mal wieder ein neuer Briefkasten. Diesmal mit chinesischen Nachnamen. Wir vermuten, dass durch die Hauserwerfungen der letzten Jahre viele Schlüssel der Originalbriefkästen verloren gingen, neue Mietparteien jetzt immer gleich einen neuen Briefkasten statt eines Schlüssels bekommen.

    Ein Nachtrag zu Samstag: Madame war in den 2010ern noch im Baerwaldbad Schwimmen und Aquagymnastiken. In den letzten Jahren seiner Öffnung, als Stadt und Bezirk das marode Bad schon erfolgreich an einen privaten Verein abgeschoben hatten, hatte dieser Hallenzeiten an den Unisport der TU Berlin untervermietet.

    Der Unisport war auch für nicht Uni-Angehörige offen (und ist es immer noch, vielleicht auch ein Tipp für andere Städte) und so landete Madame im besondersten aller damaligen Berliner Bäder – und war nachhaltig beeindruckt.

    Meermoabit sammelt rote Kastanien. Vor dem Baerwaldbad steht eine.

    Das Rätsel des nächtlichen Besuches ist gelöst

    Am Wochenende war Stunde der Gartenvögel. Diese ließen uns etwas hängen. Dafür hätten wir jede Menge Garteninsekten und selbst Säugetiere bieten können.

    Noch auf dem Parkplatz in Berlin: Eine Hornisse.

    Auf der Anfahrt zu den Latifundien: ein Fuchs am hellichten Tag am Straßenrand. Als wir anhielten um zu filmen, ging er faul durch den Grünstreifen auf das nächste Feld, hat sich da erstmal hingesetzt und am Ohr gekratzt.

    Auf der Rückfahrt: ein gigantischer Igel, der vor uns die Straße kreuzte. Bei seinem Anblick konnte ich vollumfänglich den englischen Begriff „hedgehog“ für den Igel nachvollziehen.

    Im Garten viele Bienen aller Art, viele Solitärwespen und besonders zutrauliche Holzbienen. Die eigentlichen Vögel hörten wir eher als dass wir sie sahen: Nachtigall, Rotschwanz, Kuckuck. Wirklich gesehen: eine Kohlmeise, zwei Spatzen, vermutlich Elstern.

    Großer Star unserer Zählung war ein eher ungewöhnlicher Gartenvogel: der Turmfalke. Dieser jagte anderthalb Tage lang über den Nachbaräckern, flog mal tief über den Garten, dann hoch in der Luft rüttelnd. Dann in unruhigen Flug in weiter Entfernung, dann wieder knapp hinter dem Zaun.

    Einen anderen Besucher haben wir immer noch nicht Aug-in-Aug gesehen. Aber seit Jahren haben wir, sobald wir Nachts das Auto abstellen, am nächsten Morgen lehmige Pfotenspuren auf Rückfenster und Dach sowie eine Rutschspur-mit-dem-Arsch auf der Frontscheibe. Unser Verdacht war eine Katze – aber eine recht dreckige.

    Die Wildkamera löste dieses Rätsel: Die Dreckspatz-Katze ist in Wahrheit ein Marder.

    150/180

    Die Note für die letzte Fernuni-Klausur des Wintersemesters kam. Informationsmanagement ist bestanden. Damit ist der aktuelle Stand im Bachelor Wirtschaftsinformatik.

    Pflichtveranstaltungen

    • BWL 35 von 35 nötigen ECTS ✅
    • VWL 5/15
    • Mathematik 20/20 ✅
    • Informatik 30/30 ✅
    • Wirtschaftsinformatik i.e.S. 40/40 ✅

    Wahlpflicht

    • Seminar 10/10 ✅
    • Freies Modul 10/10 ✅
    • Wirtschaftsinformatik-Modul 0/10

    Bachelorarbeit 0/10

    Damit sind 150 von 180 ECTS erworben.

    Nach Plan kommen die letzten 30 ECTS dieses Semester. Subplan: Fast alle Zeit und Energie geht in die Bachelorarbeit. Die beiden „normalen“ Klausuren (Knowledge Management und Mikroökonomie) werden halt Augen zu und knirsch.

    Auch entdeckte ich in den letzten Wochen: Würde ich dieses Semester einfach alle geplanten Sachen lassen und nur das freiwillige Modul „Lineare Algebra“ belegen, würde mir die Bachelorarbeit leichter fallen. Irgendwie schreibe ich nominell im Bereich BWL, ein Großteil meiner Literatur stammt aber aus der Mathematik. Gerade lud ich aus der Bibliothek das PDF zu „Linear Programming – Foundations and Extensions“ herunter.

    Falls die Bachelorarbeit nichts wird, hab ich durch das Buch dennoch einen persönlichen Gewinn. Denn „The latest edition now includes … an application of integer programming to solve Sudoku problems“.

    Sizzle Drizzle und Riz Casimir

    Die Financial Times wirft einen kritischen Blick auf Sam Altmans (OpenAI/ChatGPT) Küche: His kitchen is a catalogue of inefficiency, incomprehension, and waste. If that’s any indication of how he runs the company, insolvency cannot be considered too unrealistic a threat.

    Frau Zimtkringel kocht ein Schweizer Traditionsgericht, und genau das wird es Montag Abend bei uns zum Essen geben: Riz Casimir – Kindheitserinnerungen

    Poupou stellt veganes Pistazieneis her.

    Die Kaltmamsell wandert durch Wolfratshausen und Schäftlarn. Die einzige Gegend im Großraum München, in der ich mich dank elincognito ein wenig auskenne. Die Hälfte der Lektüre erwartete ich halb, dass elincognito hinter einem Busch hervorspringt und „buh!“ ruft.

    south spielt mit dem Großen Halluzinator

    Hallo namenloser Halluzinator. Bitte gib mir eine Illustration und Empfehlungen passend zum oben stehenden Artikel. (Anbei eine kuratierte Auswahl, in Wahrheit laufen etwa 25 Prompts mit einer hohen zweistelligen Anzahl an Empfehlungen. Ich nehme natürlich das, was ich am spannendsten finde.)

    Empfehlungen

    Der Halluzinator hat diesmal heftig halluziniert. Jede Menge nicht vorhandene Bücher, Filme, Schwimmbäder und Seen vorgeschlagen.

    Andererseits: die Verbindung von Song und Duft war auch seine Idee – und die ist ziemlich genius.

    Eine wieder durch mich vorgenommene subjektive Auswahl der Empfehlungen:

    Film

    Le quattro volte“ (2010, Italien)
    Begründung: Vier Lebenskreise in Kalabrien – Baum, Ziege, Mensch, Rauch. Wie ein verlängertes Beobachtungswochenende. Ein leiser, fast wortloser Film über Ziegen, Erde, Zeit und Wandel im ländlichen Kalabrien. Warum: Er spricht mit Turmfalken, nicht mit Erklärungen.

    Essen

    Pfannen-Merguez mit lauwarmem Linsensalat und Senfkräuter-Vinaigrette.
    Begründung: Nährt und wärmt nach dem Holzhacken, würzig wie der Marderbesuch.

    Buch

    Gertrud Kolmar – Lyrik und Prosa (z.B. aus Die Frau und die Tiere)

    Warum:
    Kolmar, die stille Schwester von Walter Benjamin, schreibt in einem Mischton aus Naturbetrachtung und innerem Beben. Ihre Tiere sind keine Metaphern, sondern Gegenüber. In einem ihrer Texte: ein Igel im Garten. Ihre Sprache hat etwas von der Wolle: rau, strukturiert, warm. Und sie kennt den Rand von Berlin besser als jede andere Schriftstellerin ihrer Zeit.

    Essay

    John Berger: Why Look at animals // Kurzer, kluger Essay über Tiere im Kapitalismus, auch geeignet für Turmfalken und Marderanalysen. (Lange Werkbesprechung)

    Songs

    Brìghde Chaimbeul – „Thèid mi lem òn“ (mit Colin Stetson) Begründung: Gälische Pipes & Bassklarinette – archaisch und akademisch zugleich. // Anmerkung: Gibt es gar nicht. Aber es gibt Brìghde Chaimbeul featuring Colin Stetson – Pìobaireachd Nan Eun | The Birds

    Beth Ditto – „I Wrote the Book“ // ?️ Duft: Roter Pfeffer, Lippenstift, heißer Drucker // Notiz: Du denkst: Ich kann alles. Selbst Wirtschaftsinformatik.

    Seu Jorge – „Chatterton“ // Duft: Nasses Gras und Orangenhaut // Notiz: Madame trocknet das Handtuch auf dem Balkon. Du hörst das Schwimmbad in der Ferne. (Ich bin schockverliebt in diese Aufnahme mit Ana Carolina)

    Angèle – „Libre“ // ? Duft: Reife Erdbeere mit Spritzer Champagner // Notiz: Samstagabend, du öffnest die rosa Keksverpackung und fühlst dich überraschend glamourös.

    Computerspiel

    “Mutazione” von Die Gute Fabrik

    Genre: Mutantensoap, Gärtnern, Zwischenmenschliches
    Plattform: PC, Switch, PS4, iOS
    Spielzeit: ca. 6–8 Stunden (perfekt für ein langes Wochenende)
    Warum passt’s zum Text?

    • Garten als Ort der Resonanz: Du pflanzt Dinge an, beobachtest, wie sie reagieren. Es gibt Krankheiten, Wetter, Gespräche – genau wie beim Wiesenbocksbart.
    • Tierhafte Wesen mit Geschichten: Kein Turmfalke, aber viele andere. Und sie reden. Und manchmal schweigen sie besser.
    • Stille, Rhythmus, Textfragmente: Alles ist langsam, seltsam, liebevoll kaputt. Wie eine Hornisse, die sich verflogen hat.

    Beim Spielen:
    – Iss rosa Kekse.
    – Mach dir Notizen auf echten Papierzetteln.
    – Wenn der Marder auftaucht: keine Panik. Der ist Teil des Spiels.

  • 25-05-10 Die Tauben

    25-05-10 Die Tauben

    Auf der Stadtautobahn begegneten wir einen Reisebus nach Lviv.

    Der Überraschungsfeiertag am 8. Mai bescherte uns Flaschenscherben auf der Straße. Madame, die in Brandenburg einen regulären Arbeitstag absolvierte, brachte Schafwolle mit aus der Hafenstadt.

    Samstag brachte sie zwei Drucke aus einem Schöneberger Hinterhof.

    Auf dem Weg in meine Arbeit passiere ich täglich den Stencil „Nur Blüten, die verwelken, tragen Früchte.“ Täglich freue ich mich an der Ironie, dass ausgerechnet diese die langlebigste aller Street-Art-Hinterlassenschaften ist. Sie steht seit mindestens 15 Jahren nahezu unverändert an der Fassade des S-Bahn-Bahnhofs.

    Im Bus: Männer in Arbeitshosen und Tesla-Werks-Pullovern, die sich in Zeichensprache unterhalten

    In der S-Bahn: ein Mann (vermutlich) im Ganzkörper-Bärenkostüm, der aussah und so klang als wäre er von einer Disney-Parade geflohen. Aber er wollte nur Spenden für sich selber.

    Es schmerzt mich, es zu sagen. Aber dank des Halluzinators entdecke ich spannende Dinge: The Quiet Year klingt ungelogen, wie ein Rollenspiel-System, das ich selber gerne erfunden hätte. (Zum merken für mich: Ich will einen Wikipedia-Artikel über Avery Alder schreiben.)

    Dank einer Tastaturblockierung gelang es mir nur mit der Mouse, die Tastaturbelegung so zu ändern, dass das „v“ jetzt ohne Wirkung bleibt, CapsLock dafür ein „v“ produziert. Andererseits wollte ich mir eh schon länger eine Neue kaufen, recherchierte dafür den Unterschied zwischen Cherry MX-brown, black, red und silber-Switches.

    Ich war im Geldausgebemodus, den ich hatte gerade das Budget für ein gutes Fahrrad in zwei Brillengläsern versenkt. Ich hoffe, die Gleitsichtbrille wird so lebensverändernd wie gehofft. Immerhin bekam ich dafür die netteste Beratung östlich der Elbe und einen Espresso umsonst.

    Schönster Satz der Beratung „wir haben ihre Augen jetzt automatisch vermessen. Aber das ist nur ein kleiner Teil. Jetzt kommt der Eindruck. Denn wir sehen nicht hiermit (zeigt auf die Augen) sondern hiermit (tippt sich an den Hinterkopf)“. Und damit hat er natürlich recht – der Optiker ist ja auch der Profi – der wichtige Teil findet bei der Signalverarbeitung im Hirn statt.

    Wenn wir nicht zu den Latifundien kommen, müssen die Latifundien halt zu uns. Endlich dachte ich daran, verschiedene Grillbestandteile zur Grundreinigung in die Wohnung mitzunehmen. Ein schöner Triathlon – Grill schrubben – Badewanne schrubben – mich selber schrubben. Grill weiter schrubben – Badewanne.. usw.

    Das Begehren der Tauben

    Freitag früh weckte uns ein Schlag am Schlafzimmerfenster. Klang wie ein Vogel, der dagegen flog. Was komisch wäre, der Vorhang war geschlossen, keine Chance das Fenster für einen Durchgang zu halten. So bescheuert sind doch nicht mal Tauben. Dann noch ein Schlag. Kurze Zeit später: Getöse aus der Küche.

    Ich schaute nach: eine Taube. Diese war durch das geöffnete Miniatur-Badezimmerfenster in die Wohnung gelangt, hatte sich bis zur Küche durchgekämpft und kam nicht wieder hinaus. Ich öffnete das Küchenfenster und sie verschwand.

    Seitdem fühlen wir uns wie in Hitchcocks „Die Vögel“. Tauben die auf den Fensterbrettern und auf dem Gerüst patrollieren und nur darauf warten, dass sich etwas öffnet. Lüften wir auf der Seite länger als drei Minuten kommt eine Taube durchs Fenster.

    Wir sind erstaunt.

    Und wir überlegten: Während der Dachbauarbeiten war anderthalb Jahre lang das Dach offen. Oben und an den Seiten sicherte eine Art Folie gegen Regen. Von unten gab es riesige Einfligschneisen. Der Taubenschwarm, der sich unter dieser Folie angesiedelt hatte, war durch das gesamte Treppenhaus zu hören.

    Anscheinend ist das Dach jetzt soweit geschlossen, dass die Tauben wieder heimatlos wurden. Der entscheidende Schritt erfolgte anscheinend diese Woche. Die Tauben wollen zurück. Und wenn es nicht durchs Dach geht, dann durch die nächstgelegenene Öffnungen – wie zum Beispiel unsere Fenster.

    Zum Glück sind sie friedlicher als die Hitchcock-Vögel. Aber so ein Vogelschwarm der auf dem Gerüst vor der Wohnung patrolliert, ist sicher eines unserer bizarreren Wohnerlebnisse.

    Oder irgendjemand

    Samstag Nachmittag ging es dann doch nach Latifundinien. Vormittags galt es noch, das Baerwaldbad zu besichtigen.

    Das Baerwaldbad – eine unendliche Geschichte.

    Das Bad ist eines von den ersten vier historischen Bädern, die die Stadt baute. Eines (das Stadtbad Prenzlauer Berg) ist noch in Betrieb, zwei andere im Wedding und in der Schöneberger Viorstadt sind schon lange abgerissen.

    Das Baerwaldbad hat die tragischste Geschicht. Im Krieg halb zerbomt, fand sich dort hinter einer klassizistischen Fassade hälftig ein Bad aus den 1900ern, hälftig ein Bad aus den 1950ern.

    Als Berlin in den 1990ern arm aber sexy war, hat Sexyness nicht gereicht, um Bäder zu erhalten. Zwischen 2000 und 2010 fand das großer Berliner Schwimmbadsterben statt.

    Weil aber das Baerwaldbad so ikonisch ist und eigentlich auch wichtig für Kreuzberg, sollte es erhalten werden. Ein privater Verein fand sich – Bezirk und Stadt waren froh das marode Gebäude loszuwerden – und der Verein war erwartungsgemäß hoffnungslos überfordert damit, ein einfallendes gigantisches Baudenkmal in Betrieb zu halten.

    Es gab wilde Rechtsstreits und Betreiberwechsel. Das Gebäude gehört inzwischen dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, und war seit 2017 nicht mehr zugänglich, weil Ruine mit Lebensgefahr.

    Weil es aber weiterhin ikonisch ist, und Friedrichshain-Kreuzberg großen Bedarf an Schwimm- Sport- und anderen Flächen hat, wird es am Leben gehalten. Inzwischen kann es wieder ohne Lebensgefahr betreten werden und so bestand am 10. Mai 2025 die erste Gelegenheit seit vielen Jahren ins Bad zu kommen.

    Ein Workshop „zivilgesellschaftliche Akteure“ sollten dazu motiivert werden, sich einzubringen. Oder anders gesagt: da wirklich niemand sich diesen tonnenschweren Klotz ans Bein binden will, hofft man auf Zwischennutzung und Leute aus der Nachbarschaft, die sich kümmern.

    Dank Meermoabit erfuhr ich davon und traf sie dort. Das Gebäude: ein toller Traum, ein 1900er-Denkmal und ein 1950er-Denkmal an einem Ort, jedes Detail eine Wucht. Der Zustand: Ein Alptraum.

    Es gibt keinen Strom mehr, kein Wasser mehr, keine Heizung mehr. Das Dach hat Dutzende Löcher, der Schimmel verbietet es immer noch, bestimmte Gebäudeteile zu betreten. Die begutachteten Sanierungskosten für einen Schwimmbadbetrieb: 70 Millionen. Die Kosten für einen „Trockenbetrieb“: 40 Millionen. Die wahrscheinlichste Chance auf einen Betreiber lautet „oder irgendjemand“.

    Und so schwankte ich durch die Gegend. Innerlich durchgehend im „Oh Gott!“-Modus. Mal voller Begeisterung, mal voller Entsetzen.

    south spielt mit dem großen Halluzinator

    Hallo namenloser Halluzinator. Erstelle eine Illustration passend zum Text und gib Empfehlungen.

    Empfehlungen

    Ort: Das Piscine Molitor in Paris

    ein Art-Déco-Bad, das zur Ruine wurde, dann Club, dann wieder Bad – ein Palimpsest aus Schweiß, Stil und Geschichte
    Warum es passt:

    • Weil das Baerwaldbad seine Schwester ist – nur französischer, glatter, aber mit denselben Narben.
    • Weil man im Molitor schwimmt und dabei vergisst, dass man in einer Geschichte steckt. Und doch spürt man die Tinte auf der Haut.
    • Weil dort Jean-Paul Gaultier Modenschauen organisierte, aber auch Obdachlose übernachteten.

    Link zum Piscine Molitor

    Wochenendtrip: Nach Nowa Huta bei Krakau

    Ein sozialistisches Gesamtkunstwerk trifft auf postindustrielle Eleganz mit latentem Größenwahn.

    Warum passt das?
    Weil dein Text schreit nach maroder Utopie, verlorener Pracht und Halluzination im Alltag. Nowa Huta ist wie das Baerwaldbad auf Osteuropatrip: Ein Betonpalast mit goldenem Kern, voller Tauben, Träume und Arbeitergeschichten. Und Krakau daneben? Ist wie Friedrichshain, nur mit gotischen Kirchen und besserem Pierogi.

    Kunstwerk: Nina Canell – Brief Syllables, 2014

    Ein Arrangement aus Kupferkabeln, Gummi, Wasserverdunstung und nicht angeschlossenen Lautsprechern.
    ? Warum passend?
    Weil es um Kommunikation ohne Sprache geht – wie die Männer mit den Tesla-Pullovern in Zeichensprache, wie der Bär im Kostüm, wie die Tauben an deinem Fenster. Canells Werk ist voller stiller Spannung, wie ein Verstärker für das, was nicht gesagt wird.

    ?Das Werk war u. a. in der Hamburger Kunsthalle und im Moderna Museet in Stockholm zu sehen.

    Link zu Brief Syllables

    Pflanze: Artemisia absinthium (Wermut)

    Warum: Grau wie Berliner Beton, bitter wie Realität. Und doch – voller Heilkraft.

    Album: Bohren & der Club of Gore – Geisterfaust (2005)

    Genre: Doom-Jazz, Ambient Noir
    Warum: Wie eine nächtliche Begehung des Baerwaldbads bei Stromausfall. Langsam, bedrohlich, schön. Jeder Ton tropft wie Wasser aus einem rostigen Rohr. Und wenn du denkst, es passiert nichts – ist es längst zu spät.
    Lieblingstrack: „Zeigefinger“ – klingt wie ein leerstehender S-Bahn-Tunnel voller Erinnerung.

    Buch1: Anna Tsing – Der Pilz am Ende der Welt

    Warum? Ein Buch über ruinöse Landschaften, in denen trotzdem noch Leben, Austausch, ja sogar Hoffnung möglich ist. Genau wie im Baerwaldbad.

    Link beim Verlag

    Buch2: Colin Jerolmack – The Global Pigeon

    Warum das passt:

    • Weil der Mann Soziologe ist, und er Tauben nicht als Tiere, sondern als soziale Infrastruktur versteht.
    • Das Buch beobachtet Tauben in New York, Venedig, Berlin – und fragt: Was sagen diese Tiere über unsere Beziehung zu Raum, Ordnung, Ekel und Kontrolle?
    • Jerolmack zeigt: Tauben erzwingen Stadtpolitik. Müll, Wohnen, Hygiene, Macht – sie sitzen immer mittendrin.

    Lieblingsthese:
    Tauben sind die „urbane Wildnis“, die wir nicht domestizieren konnten, aber auch nicht loswerden.

    Link beim Verlag.