Kategorie: Alltag

  • 26-05-02 Flossenprothesen Schtetldämonen (Berlin->Köln)

    26-05-02 Flossenprothesen Schtetldämonen (Berlin->Köln)

    Ich stieg aus der U-Bahn-Station, konnte keinen Straßennamen erkennen. Also öffnete ich Organic Maps. Dann lud ich die Köln-Karte herunter. Dann versuchte ich mich zu orientieren, wo ich bin. Dann versuchte ich mich zu orientieren, wo das Hotel ist. Dann schaute ich in die von mir bestimmte Richtung. Dann sah ich 20 Meter direkt vor mir ein großes Schild „HOTEL“. Okay.

    *

    Freude zum 1. Mai: Nicht nur Bollerwagentrupps und Damengruppen mit kleinen Fläschchen in der Hand waren unterwegs, sondern auch ein Aufrechter, der mit Parteifahne auf dem Bahnsteig Genoss*innen einsammelte.

    *

    Madame erzählte, dass die Kornellkirsche in der Schweiz auch Tierlibaum genannt wird, wegen der ganzen Tierli, die dort herumsummen. Wir dachten, das bezieht sich auf Blüten und Früchte. Aber auch jetzt, im reinen Blattstadium, ist der Baum voller Insekten. Uns ist unklar warum. Eine mysteriöse Freude.

    *

    Madame bestimmte einen rötlichen Spatz als Bluthänfling. Von den Latifundien erzählte sie, dass ein einziges Summen im Apfelbaum herrscht. Sie erzählte dies, während mehrere Vögel versuchten, sich lautstark in unser Telefonat einzumischen.

    *

    Es war ein Bahnfahrfeiertag, davor die Berliner Harfe der Kabbala, danach der Kölner Gesang der Sirenen.

    S5 Richtung Mahlsdorf

    Mein Handy piepte. Die Bahn teilte mir mit, dass es auf meiner Verbindung über Spandau nach Köln ein Problem gibt. Die S3 nach Spandau fällt aus. Stattdessen fährt die S 3.

    Damit konnte ich leben. Zumal ich entgegen dem Wunsch der Bahn gar nicht nach Spandau fuhr, sondern den Hauptbahnhof ausgewählt hatte, um in den ICE940 nach Köln zu besteigen.

    Und weil ich so früh dran war, fuhr ich in der S-Bahn am Hauptbahnhof vorbei gleich weiter zum Ostbahnhof. Denn:

    • Ich bin Unordnungsreisender und wenn ich die Auswahl habe zwischen einem Weg den ich nahezu auswendig kennen (Hbf) und einem, den ich nur wenig kenne (Ostbahnhof) neige ich zu letzterem.
    • Wurde die Bahnfahrt bezahlt und geplant von jemandem-der-nicht-ich-bin. So hatte ich einen Platz in einem Zug „mit hohem erwarteten Fahrgastaufkommen“ in der zweiten Klasse. Ich hoffte darauf, mich bereits häuslich einrichten zu können, bevor am Hauptbahnhof die Massen kommen.
    • Schrumpfte meine exorbitant großzügige Reiseplanung durch den Umweg auf eine Reiseplanung zusammen, die normale Menschen als großzügig ansehen. Ich konnte mich an jedem Punkt an dem die S-Bahn auf freier Strecke stockte oder sich die Türen nicht schließen liessen, mit Adrenalin microdosen.

    Belohnt wurde ich mit einer faszinierenden Tirade einer älteren Dame, die einen komplett ratlosen freundlichen jungen Mann zehn Minuten lang beschimpfte, warum Berlin schlimm ist, und alle weg wollen, und Bürgergeldempfänger alle zwei Fernseher geschenkt bekommen und in Berlin alle unhöflich sind und niemand mehr Geld hat.

    Ich glaube es begann damit, dass jemand die Dame am Alex leicht rüpelig vor den Augen der Polizei auf der Treppe hat, ohne dass die Polizei einschritt. Ich glaube der Hauptgrund für die unstoppbare Gefühlsaufwallung war, dass jetzt auch die zweite Tochter der Dame samt Enkelkind aus Berlin wegzieht und sie alleine zurücklässt.

    Wofür allerdings der junge Mann nichts konnte.

    ICE940 Richtung Köln

    Aus dem Zug betrachtet, ist Düsseldorf gar nicht so glamourös wie ich immer dachte. Duisburg hingegen entsprach ungefähr meinen Vorstellungen. Beide Bahnhöfe waren mir komplett unbekannt. Anscheinend bin ich bisher immer durch einen Tunnel nach Köln gefahren.

    Da ich im gebuchten Zug auf dem gebuchten Platz am Ziel ankam, gilt die Bahnreise als erfolgreich absolviert. Ich sah eine frühlingshafte Landschaft und las Vilnius – eine Stadt in Europa zu Ende. Weierhin eine große Empfehlung.

    Im Großraumwagen waren viele Familien mit jungen Kindern. Abstrakt fand ich das gut, weil ZUKUNFT. Ganz konkret in diesem Moment über sechs Stunden hinweg möchte ich anmerken, dass die Zukunft doch recht laut war.

    Dank Tiptoi und Marcel dem Feuerwehrmann konnte ich mein Wissen über die Feuerwehr runderneuern. Allerdings machte es mir Sorgen, dass der Lieblingssatz des tiptoienden Kindes war „Hilfe, ich bin in der Tür eingeklemmt! Helft mir!“

    Leah steht für die Zahl 36

    Zeitlich vor dem Maiausflug lag das Walpurgisnachtkonzert in der Philharmonie. Kaum hatte das Klavierfestival mit dem besten Konzert des Festivals geendet, lied das DSO zum Casual Concert.

    Ich kannte niemand

    Unser Konzerthinterunssitzer musste sich auskennen. Immerhin kannte er drei Philharmoniker persönlich, teilte er seiner Begleitung mit. Leider spielten die gar nicht, sondern das DSO. Aber würden die Philharmoniker auftreten, würde er drei von ihnen persönlich kennen.

    Wenig überraschend konnte er sich nur mühsam beherrschen, die Einführung ins Programm nicht durch ein geflüstertes Co-Referat zu ergänzen, und natürlich hatte er zwei Sekunden nach Ende des Konzerts eine quasi druckreife und abschließende Meinung zum Gehörten.

    Auch desöfteren erwähnt: Dirigent Kent Nagano war ein Bernstein-Schüler

    So sehr es mich schmerzte, ihm innerlich zuzustimmen. In einem hatte er Recht. Die Einführung war schlecht. Es ist mir ein Rätsel, wie mensch ein Stück, das insgesamt nur 40 Minuten dauert, 50 Minuten lang einführen kann, und dabei dann fast nicht über Musik redet.

    Dabei hatte der Abend alle Chancen.

    • Ein sperriges Stück von Leonard Bernstein, das seit seinem Erscheinen 1974 bis zu diesem Abend noch nie in Deutschland aufgeführt wurde.
    • Mit Ausflügen in die Atonalität interpretiert durch Kabbala und Zahlenmystik.
    • Die zum Ballett gesetzte Legende des Dybbuk – eine alte jüdische Legende; wie Romeo und Julia im Schtetl, nur das zwischendurch gebrochene Versprechen, Dämonen und Rabbiner, die einen Exorzismus betreiben, vorkommen.
    • Allein der Anblick der Instrumente versprach einiges: Sechs Bässe, Harfe, Flügel und 10 bis 15 Meter Percussion einschließlich Glockenspiel, Xylophon und zwei Gongs.
    • Auch eher selten im Ballett: in der Besetzungsliste standen auch zwei Sänger: Bass und Bariton.

    Eigentlich bietet das Casual Concert eine hervorragende Gelegenheit, um solche sperrigen Stücke zu vermitteln. Die Einführung findet im Saal mit dem kompletten Orchester auf der Bühne statt. Es gibt zum Beispiel die Gelegenheit:

    • einzelne Stimmen oder Instrumente herauszunehmen, allein zu besprechen und dann im Zusammenklang (z.B. warum klingt diese Harfe anders als normale Harfen im Konzert)
    • Stellen, die zeitlich auseinanderliegen, direkt hintereinander zu spielen und so zu zeigen, wie bestimmte Motive immer wieder auftauchen, sich aber im Laufe des Konzerts ändern und verwandeln.

    Stattdessen: Ein ewiges Wiederkauen und nochmaliges Wiederkauen und wiederwiederkauen der Handlung.

    Leider war danach die Luft ein wenig raus. Ob wir ermattet waren, ob das Orchester ermattet war, oder ob das Stück nach dem Motto funktionierte „hm-irgendwas-stimmt-noch-nicht-ach-dann-pack-ich-halt-noch-ein-Percussioninstrument-dazu“ war nicht mehr ganz klar.

    Spannendes Stück; ich würde es gerne mal unter besseren Umständen hören. Bleibt zu hoffen, dass es bis zur nächsten deutschen Aufführung nicht wieder 52 Jahre dauert.

    Am Ende: Kiemen

    Auch in Köln blieb es bei kultureller Exorbitanz. Es blieb dabei, dass ich dachte „eine halbe Stunde kürzer wäre auch okay gewesen“, es blieb in einer Zwischenebene zwischen Menschlichem und Nicht-Menschlichem.

    Nach Köln-Begehungen beendete ich den Abend im Programmkino Filmpalette. Es lief Sirens Call.

    Vor dem Kino hatte mich der Kellner im Café nebenan noch gefragt, was ich für einen Film sehen wollte. Ich hatte Probleme, es zu formulieren. Danach hätte ich noch mehr Probleme gehabt.

    Der Film geht um die real existierende Mermaid Una und die Gruppe der Merfolk in Portland.- einer Gruppe von Wesen, die davon ausgehen falsch im Körper eines Menschen gelandet zu seien, da sie eigentlich Meerfrauen/-männer/-wesen sind.

    In selteneren Teilen ist der Film Dokumentation, in der der Mensch um Una spricht, eine Doktorin der Psychologie, die mit Strafgefangenen arbeitet, und die Merfolk bei Veranstaltungen und Protesten in den USA unter Trump gezeigt werden.

    In häufigeren Teilen versucht der Film eine Una-Erzählung: aus der Perspektive der Meerjungfrau, die sich im komischen Körper eines Menschen findet, gleichgesinnte sucht und sich zu orientieren versucht. Es ist eine sehr träumerische, surreale Nachstellung von Unas Jugend, wie sie durch New York, Florida, Las Vegas driftete, immer mit dem Gefühl, nicht dazu zu gehören.

    Keine Dokumentation; denn eine Mermaid würde keine Dokumentation drehen, sondern etwas zwischen Meditation und Traum, in Blau, spielend in billigen Hotels, Diners und mit sehnsuchtsvollem Blick in Aquarien.

    War es ein guter Film? Ich bin nicht sicher. War es ein inspirierender Film: Ganz unbedingt!

    Kernkompetenz alles mit Klavier

    poupoulab zum Klavierfestival: Berliner Klavierfestival 2026. Marc-André Hamelin

    Been there, done that: „Zugegebenermaßen liegt meine Kernkompetenz eher bei Eisbären. Aber Eisbären interessierten an dem Abend niemanden.“

    Manchmal wenn ich die Informatik-Module durchblättere, kommen mir die ganzen „KI“-Diskussionen in den Sinn, dass Vibecoding mit KI programmieren überflüssig macht. Und mir kommen noch mehr die ganzen frisch-arbeitslosen Programmierer*innen auf Mastodon in den Sinn, die gerade neue Jobs suchen. Dann frage ich mich: Lerne ich gerade das richtige. Dann denke ich an reale Software mit der ich 39 Stunden in der Woche zu tun habe, gehe in mich und denke „auf jeden Fall!“ In anderen Worten bei Thomas: Coding, Viben und Probleme

    was ge­blie­ben ist: blog­gen ist wei­ter­hin ein rand­phä­no­men. und das ist auch nicht wei­ter schlimm. im ge­gen­teil.

  • 26-04-30 Debussy!

    26-04-30 Debussy!

    Eine Krähe knackte die Herausforderung des hängenden Meisenknödels. Sie wickelte das Band mehrfach um einen Ast. Jetzt liegt der Knödel halb auf dem Holz. Sie kann den Knödel, auf dem Ast sitzend, verzehren.

    *

    Das Piano in der Südkreuz-Eingangshalle scheint Klavierfestival-inspiriert. Das Klavier spielte hörbar ein anspruchsvolles Programm. Auch wenn es die Pianierperson ebenso hörbar an ihre Grenzen brachte.

    Derweil leistete ich IT-Support auf der großen Treppe im Südkreuz. Fast wunderte mich, dass es so lange dauerte, bis die Situation kam. Wenn auch alle Kolleg*innen denselben Anfahrtsweg ins Büro haben.

    *

    Der Fahrradmeister und ich fanden eine Einigung, welches neues Fahrrad ich bestellen darf. Diskussionsbedürftig war die Farbgebung lichtblau dormant. Ich finde, dass ein Fahrrad, das im Schwimmbad wohnen wird, gerne auch schwimmbadfarbig sein darf.

    *

    Auf dem Weg zum Fahrradmeister kamen wir an der alten Wohnung vorbei. Es kleben neue Namen auf der Klingel, in der Wohnung hängen Vorhänge. Die Fensterrahmen sehen weiterhin so aus, als wären sie in einem Zustand wie Buckelwal Timmy. Anscheinend fand keine Grundrenovierung statt. Was bei dem Zustand der Wohnung mutig wäre.

    *

    Es waren drei Arbeitstage mit Wolpe-Rachmaninoff-Intermezzo.

    Von Stadtmitte nach Südwest

    Unsere neue Wohnung liegt nicht weit entfernt von der alten. Dennoch ändern sich die ganzen Wege erstaunlich umfassend. Während die Schöneberger Wohnung exzellent an mehrere Buslinien im 5-Minuten-Takt angeschlossen war, liegt die neue direkt am U-Bahn-Netz. Ich bin vermutlich in den letzten fünf Monaten mehr U-Bahn gefahren als in den 17 Jahren zuvor. Nur die S-Bahn bleibt.

    *

    Mir gegenüber in der Bahn, aufgereiht auf einer Bank; Fünf Frauen von 18 bis 70, von abgekämpfter Alltagskleidung bis Sektempfang. Alle sind mit dem Handy beschäftigt; swipend, tippend, lesend, Sprachnachrichten sprechend. Ein Bild, gleichzeitig so lebendig und so klischee: mensch hätte die Bank komplettemang auf eine Theaterbühne beamen können und die fünf einen gemeinsamen Song singen lassen können.

    *

    In der S-Bahn höhe Yorckstraße, Stimme aus dem Off:

    Irres Lachen

    (20 Sekunden Pause)

    „Arschgeweih, Dicker“

    (20 Sekunden Pause)

    Irres Lachen

    (2 Minuten Pause)

    „Ich hör dir zu!“

    *

    Der sehr junge Mann, „Milchbubi“ wäre despektierlich, mit wildem Schnauz und einem Outfit als wäre er direkt dem Easy-Rider-Filmset entstiegen.

    *

    Am Heidelberger Platz, drei Abiturientinnen über eine Vierte: „Sie wird halt oft missverstanden, weil sie so redet wie Lehrer. Sie kann halt noch nicht richtig deutsch.“

    Was einerseits eine absurde Aussage ist, andererseits total stimmig.


    Hamelin!

    Einer von Madames neuen Klavier-Ultra-Freunden meinte, den Pianisten Cheng Zhang im Publikum gesehen zu haben. Vielleicht war es der Herr mit tief sitzendem Basecap und hochgeschlagener Trainingsjacke tatsächlich.

    Aber angesichts der Sichtung, und angesichts der ziemlich technisch klingenden Pausengesprächsfetzenverwehungen, fiel mir auf, dass vermutlich wirklich der ein oder andere professionelle Musiker im Publikum sitzen wird. Das Berliner Klavierfestival ist schon ein wenig eine Veranstaltung von Pianists-Pianisten, also Pianisten, die von anderen Pianisten gehört werden; und vielleicht bei niemand so sehr wie bei Marc-André Hamelin.

    Denn selbst angesichts der hochkarätigen Besetzung der letzten Tage, hat Hamelin den Ruf noch einen Tick virtuoser und noch müheloser zu spielen. Wenn Hough den Anschein erweckt, das Klavier bald nur mit der Kraft seiner Gedanken spielen zu können, erweckt Hamelin den Anschein, das Klavier würde von alleine anfangen, wenn Hamelin mal kurz gedanklich vorbeihuscht.

    Tatsächlich begann er schon mit dem Spielen als er noch halb dabei war, sich hinzusetzen. „Schwebende Leichtigkeit“ schrieb ich beim letzten Hamelin-Konzert. Ich möchte noch Klarheit ergänzen, so sehr hatte ich immer das Gefühl niemals nur „Klang“ wahrzunehmen, sondern immer jeden einzelnen Ton.

    Sein erstes Wort des Abends kam, wie schon 2024, direkt vor der ersten Zugabe. 2024 sagte er „Prokofiev!“, dieses Jahr „Debussy!“.

    Hough war Perfektion, Hamelin wäre Perfektion in einer Welt, die ein ganzes Stück schräger und entrückter wäre, als sie es gerade ist.

    Schräg und entrückt war auch das Programm. Ich fühlte mich ein wenig wie an einem Bergtag der Tour-de-France. Einrollen mit Haydn, ein leichtes Kopfsteinpflaster mit Frank Zappa, der steile Aufstieg mit Wolpes Passacaglia (Zwölfonmusik!)1, 2,3 auf dem Gipfel mit John Oswalds crazy Stück Tip (ein 10-Minuten-Stück „plunderphonics“-Stück, in dem 40 Jazz- Pop- und Klassik-Klassiker zitiert werden), um dann mit Medtner (Improvisation Nr. 1, Danza festiva) Schwung holend, mit Rachmaninoff mit Tempo den Berg wieder hinunter zu pianieren und mit der Zugabe („Debussy!“ / Judy-and-Punch-Show) mit erhobenen Armen und offenen Haaren ins Ziel rollern.

    Wie auch bei der Tour de France: Der Anstieg ist das Beste.

    Fiebertraum mehr Persönlichkeit

    Poupoulab beim Klavierfestival: Berliner Klavierfestival 2026. Stephen Hough

    *

    Service: der Fusskiesel kieselt ab jetzt unter https://blog.kieselwiese.de, siehe Neues Blog

    *

    Anscheinend hat niemand den Post verlinkt. Das geht nicht. Wegen des großen Erfolgs meiner kleinen Antwort auf die Frage, ob kranke Menschen immer über ihre Krankheit sprechen müssen vor ein paar Tagen … schreibe ich diesen kleinen Konzertbericht mal mit allen Widrigkeiten, bei denen ich mir Mühe geben musste.

    *

    Been there, done that: Zwei Tage nachdem ich den Rasenmäher bestellt hatte, konnte ich 22 Tabs in meinem Browser schließen. Produktvergleiche, Produktdokumentationen, Baumarktseiten, Bewertungen, Fachforen, Fanforen. Der Blick auf die noch offenen Tabs fühlte sich an, wie ein Blick in eine fiebrige Vergangenheit.

    *

    Das einzige wofür KI gut taugt, ist Entertainment: Curly quotes

    *

    Passend dazu: Ich habe den Haselanten letztens gefragt, ob ein bestimmter Blog-Text mit KI geschrieben ist. Antwort (im Auszug):

    „Besonders KI-verdächtig sind die Passagen, die generisch klingen wie zum Beispiel: „Mein Weg in der KI-Ära heißt: Mehr Mensch, mehr Persönlichkeit, mehr Wir.“

    Anmerkungen

    1. Wer spontan noch etwas Musikwissenschaft dazu lesen möchte: Bei der Stefan Wolpe Society (nach Passacaglia for Orchestra, op. 23. suchen). ↩︎
    2. Was den Youtube-Kommentaren auffällt: Er spielt mit Noten. Was er den Kommentaren, und auch meiner Beobachtung nach, nie macht. Nicht mal bei dem sonstigesn crazy stuff, den er im Programm hat. ↩︎
    3. Dazu passt der Satz aus der Wolpe-Society: Wolpe dedicated the “Passacaglia” to Edward Steuermann, a student of Busoni. Since no such virtuoso was then available in Palestine, he arranged the work for two pianos. ↩︎

  • 26-04-28 Jubilate Supercalifragilisticexpialidoso

    26-04-28 Jubilate Supercalifragilisticexpialidoso

    Aufwachen mit Sonne im Schlafzimmer; es ist auch in dieser Wohnung möglich. Am Bahnsteig eine sanft wippende Frau mit Überohr-Kopfhörern, die sich mit geschlossenen Augen der Sonne entgegenstreckte. Wo auch immer sie innerlich war, ich wäre auch gern an diesem Ort gewesen.

    *

    Madame war beim Konzert einer abhebenden Rhythmusgöttin in Tüllwolke. Da das Berliner Klavierfestival gerade Konzerte in einer Frequenz in unser Leben wirft, hinter der ich nicht hinterherbloggen kann, verweise ich auf poupoulab: Berliner Klavierfestival 2026. Sophia Liu

    *

    Madame brachte vom Osteuropa-Wunderland ein neues Experimentalgetränk mit: Rjaschenka. Eventuell ernähre ich mich in Zukunft nur noch davon.

    Immerhin können wir die Rjaschenka auch im Crocky selber machen: Homemade Slow Cooker Ryazhenka: A Nutritious Fermented Milk Drink

    *

    Der Puschefluffel fluffelt ab. Als Ausgleich dürfen wir derzeit über einen rosa Blütenteppich das Haus verlassen. Wenn Zugluft und Wind richtig stehen, haben wir ein kleines Blütenblattmeer im Treppenhaus.

    Als Nachfolgerin legt die Strauch-Lonicera los, auch in rosa. So spannend, diesen Parkplatz-Garten das erste Mal durch die Jahreszeiten zu beobachten.

    *

    Die Fernuni-Klausur Digitale Diversität ist bestanden. Die Note ist spektakulär schlecht. Aber der vorherige Arbeitsaufwand war auch spektakulär gering. Insofern erreichte ich das Semesterziel, das lautete: „Mit minimalem Aufwand bestehen.“ Hätte ich noch weniger Aufwand getrieben, wäre ich durchgefallen.

    *

    Es war ein theologischer Sonntag und ein erklärbärig-konzertanter Montag.

    Jubilate Deo, omnis terra

    Die Vaterunser-Gemeinde hatte zu, Gottesdienst Jubilate1 einen Jazz-Gottesdienst versprochen. Wir nutzten den unlatifundalen Sonntagmorgen, um in unserer Wilmersdorfer Gemeinde vorbeizuschauen. Angesichts der Ankündigung

    • erwartete Madame etwas Künstlerisches, Freejazziges frei Schwebendes
    • ich erwartete eine nicht-singende Gemeinde ohne Organist*in, bei der dann halt Manni aus dem Gemeindekirchenrat rumtröten muss, damit überhaupt Musik da ist

    Wir lagen beide falsch. Uns erwartete eine vier-Personen-Band aus Bass, Banjo, Posaune und winzigen Sopran-Saxophon, die im Laufe des Gottesdienstes fünf Dixieland-Kracher aufführte. Wie wir später erfuhren, sind die Bandmitglieder alle Ü75, wurden einst von einem schon lange nach Bayern gezogenen Temporärpfarrer in die Gemeinde gebracht, und insbesondere die Saxophonistin war auch musikalisch eine echte Wucht.

    What a show.

    Alle bekannten Anwesenden (= alle außer wir) wurden mit „Moin“ begrüßt, wir nicht ganz so informell, aber ähnlich herzlich, die Stimmung war im besten Sinne familiär, und beim anschließenden Kirchenkaffee wurden wir schon dreiviertel in die Familie integriert, mussten aufpassen uns nicht gleich im Überschwang der Gefühle zur Tanzgruppe Feuer und Flamme zu verpflichten.

    Württemberg ist nicht Berlin

    Der Sekt musste weg. Durch Bewegungen des Lebens fanden sich in unserem Kühlschrank noch fünf Flaschen Sekt. Da wir alleine zu zweit quasi nie Sekt trinken, und wir bei Besuch, der fünf gekühlte Sektflaschen gleichzeitig nötig machen, normalerweise Vorwarnzeit haben, waren die Flaschen fehl.

    Also gab es als Aperitif zum Besuch von Dr. D. und Dr. E. Pseudo-Kir-Royal mit Madames Sloe Gin und Sekt. Danach:

    • Best of Wilmersdorfer Osteuropa-Geschäft: Zweierlei vom Räucherfisch plus eingelegte Tomaten und grünen Salat.
    • Best of Latifundien: Spargelcremesuppe aus Spargel vom Hof und Croutons
    • Rhabarberauflauf

    Die Gespräche nahmen die übliche weite Runde, die mit diesen beiden immer zustande kommt: Vom Spaghetti-Eis 1988 im City Center Langenhagen über Bahnreisen in Marokko (empfehlenswert) und die Frage „Wie relevant ist Homosexualität beim Thema ‚Die-Bibel-zur-Diakonie’“?

    Einst wollte der Bezirk Wedding nicht mit dem Prenzlauer Berg zusammengehen, weil der Prenzlberg zu arm war

    Entdeckung: Pizza Kral in der U-Bahn-Unterführung Osloer Straße ist ein toller Laden für handgemachte orientalische Teigtaschen und Teiggerichte aller Art. Im Hintergrund kneteten, schoben und formten zwei junge Männer Pide, Börek, Lahmacun, Pizza und alles was das Herz begehrt, vorne verkaufte eine Frau, die die Großmutter der beiden sein könnte.

    Leider bin ich viel zu selten im Gesundbrunnen. Aber falls ich wieder dort bin, werde ich mir den erlesenen Ort am unwirtlichen Platz merken.

    Eine Gelegenheit endlich mal wieder in den Wedding zu kommen, bot meine derzeitige Teilzeittätigkeit als Digital-Erklärbär im Kombibad Seestraße2. Das Bad und mit ihm ziemlich viele Auszubildende hatten Fortbildungstag. Im Rahmen eines umfassenden Programms gewann ich den Slot „digitale Dateiablage und andere sexy Themen“ und ich glaube, die live-Evakuierungsübung „Chlorgasalarm“ war nur fast so spannend wie die digitale Dateiablage.

    Ich persönlich habe immerhin viel gelernt.

    Auch gelernt: in 18 Jahren Berlin war ich nie am Ort an dem die Mauer fiel, der Bornholmer Brücke. Auch dies ist jetzt nachgeholt.

    Habe ich es je bei einem Konzert erlebt, dass der Künstler bereits zur Pause mehrfach wieder auf die Bühne geklatscht wurde?

    In der U2, uns gegenüber zwei Frauen im festlichen aber ernsthaften Schwarz. Eine regte sich furchtbar auf, weil jemand anderes sich auf Facebook aufgeregt hatte, weil ein „falsches“ Stück gespielt worden war.

    Wollten sie etwas dahin wo wir auch hinwollten?

    Als sie mit uns die U-Bahn verließen und über den Gendarmenmarkt Richtung Konzerthaus strömten, war es klar: Ja.

    Madame nahm mich zu ihren neuen Freunden vom (räumlich) linken Rand des kleinen Saals im Konzerthaus mit. Noch tauschten sie keine Telefonnummern, aber nach vier Klavierkonzerten in fast identischer Publikumskonstellation waren sie kurz davor.

    Dieses begeistert musik-nerd-hafte beim Festival ist auch dieses Jahr eine große Show. Eine wunderbare Mischung aus wunderbaren Männern, die uns erzählen wie sie während Corona viele Sonaten durchgehört haben und der Frau im gehobenen Business-Dress, die mir entgegenkam, wie sie Bier aus der Flasche trank.

    In der Pause: Professor Transformation.

    Laut dem Economist ein Universalgenie

    Es spielte Stephen Hough, Commander of the British Empire, MacArthur Fellow, Fellow in Oxford und Cambridge, zum Ritter geschlagen. Das Konzert wäre eine Ansage gewesen, hätte Hough es noch nötig, Ansagen zu machen.

    Das war der Standard an dem sich alle anderen abarbeiten können. Ruhig, wo es ruhig gehört, atemberaubend schnell, wo es schnell gehört, immer in einer Lautstärke und zu einem Zeitpunkt, an dem ich dachte: Genauso ist es richtig und nicht anders.

    Andere mögen besonder schnell sein, oder besonders virtuos oder klangmächtig oder rhythmisch. Bei ihm hatte ich den Eindruck, er spielt einfach so wie es richtig ist.

    Dabei spielte er in einer Bewegungsökonomie, die mich denken ließ: „Noch ein paar Jahre, und er muss die Hände gar nicht mehr bewegen, dann reicht reine Gedankenkraft“

    Wo sich für mich alles am richtig richtigsten war: Im ersten Teil seine Brahms-Schönberg-Zusammenziehung3. Im zweiten Teil wurde er verspielter mit Schumanns Carnaval und eigenen Arrangements von Mary Poppins.

    Bei aller Souveränität, die er ausstrahlte, eigentlich scheint Hough ein humorvolles Spielkind zu sein. Hätte er nicht diese Seite in sich, könnte er diese Version von Supercalifragilisticoespialidoso weder komponiert/arrangiert haben und sie auch nicht spielen4.

    Und das war nichtmal die Zugabe.

    Immer etwas schönes vorhaben und ein Klavierarrangement

    Ich bin nicht überrascht, dass Stephen Hough einst bloggte. Zum Beispiel über die Toiletten in Singapur (hier bei Minute 1:48)

    *

    Ähnlich und auch nicht: Arztbesuche in Japan.

    *

    Ich muss noch ein wenig bei Hough bleiben, denn Youtube bietet auch sein „My Favoourite Things“ (bekannt aus The Sound of Music) Arrangement.

    *

    Regenwasserrückhaltebeckenfolienverlegung – als Blogpost noch besser denn als Wort.

    *

    Vor langer Zeit habe ich mich ja entschieden, dass meine Neigung und berufliche Perspektive nicht darin liegt, Neues zu erschaffen, sondern darin Bestehendes zu erhalten, zu verbessern und zugänglicher zu machen.

    Einerseits sehe ich wie sehr KI gerade in Tech-Berufen Kohorten von Software-Entwicklern in die Arbeitslosigkeit stürzt. Andererseits denke ich: Meine Güte, ich häuft gerade alle so viel technische Schuld und so unübersichtliche Systeme an. Wer in der Lage ist, sich in den AI-Slop hinein zu denken und die echten Fehler zu finden – vor dem liegt in ein paar Jahren eine goldene Zukunft. Beweisstück Nr. ziemlich viele: Do I belong in tech anymore?

    *

    „Immer etwas Schönes vorhaben und etwas Leckeres zu essen.“

    Anmerkungen

    1. Im Kirchenjahr der dritte Sonntag nach Ostern, benannt nach dem liturgischen Vers des Tages, Psalm 66,1: „Jubilate Deo, omnis terra“. ↩︎
    2. Das zum 1. Mai, also in drei Tagen, die Freibadsaison eröffnet. Hingehtipp, die sind da super. ↩︎
    3. Brahms: Klavierstück es-Moll op. 118 No. 6 Intermezzo & Arnold Schönberg: Sechs kleine Klavierstücke ↩︎
    4. Youtube denkt mit und brachte mir direkt danach Beethovens Waldstein-Sonate, auch Teil des Konzertprogramms, die ich in Teilen direkt bei Supercalifragilisticexpialidoso hören lässt. ↩︎

  • 26-04-25 Das Klappern der Grasmücke

    26-04-25 Das Klappern der Grasmücke

    Madame sah den Parkplatz-Fuchs wieder. Sie sah den Nachbarschaftsfuchs, den wir in der eisigen Eiseszeit im Januar verloren glaubten. Sie lief abends die Treppe zum Parkplatz hinab, der Fuchs verschwand vor ihr ins Gebüsch. Ich jubiliere.

    **

    Eine U-Bahn-Mitfahrerin in Höhe Blissestraße informierte empathisch ihr Mobiltelefon: „Lukas, darüber werde ich jetzt nicht diskutieren! Es ist mir Scheißegal!“

    **

    Im BPAF waren Rolltreppen-Handwerker*innen unterwegs. Vermutlich. Zumindest war die Rolltreppe geöffnet. Aus ihrem Inneren klangen Geräusche, die Handwerker*innen für gewöhnlich beim Handwerken machen.

    **

    Die Fernuni lädt mich zur Alumni-Feier in die Ufa-Fabrik, 300 Meter von meiner Ex-Arbeitgeberin entfernt, die mich zum Fernstudium inspirierte. Es wird das Saxophonquartett Quadrophon begleiten.

    **

    Es war ein Arbeits-Schwimm-Freitag, ein halblatifundaler Samstag und ein Arthouse-Donnerstagabend.

    Zwei Bücher über eine Stadt im Wald

    Eher unwillig durchblätterte ich einen unerquicklichen Reiseführer für Litauen. Er war dünn, ich war durchgeblättert bevor ich aufgeben konnte. Warum veröffentlichen Menschen Bücher, die keine Lust auf Schreiben haben? Meine Hoffnung hing am nächsten Buch, das Madame mir aus der Bibliothek mitgebracht hatte:

    Tomas Venclovas Vilnius – Eine Stadt in Europa.

    Alleine schon der erste Satz:

    Der Raum, in dem meine Stadt sich angesiedelt hat, hat keine klaren Grenzen.

    Ich atmete ein, breitete innerlich die Arme aus und ließ mich in den Text fallen. Ich bereute es nicht. So viel klassisch osteuropäische Gelehrsamkeit, soviel Wärme trotz kritischem Denkvermögen. Dieses Buch ist ein Traum.

    Ein Bungalow im Feld

    Mein Geist wandert ab und an Richtung Sommer. Mein Herz lebt im Frühling.

    Aus den Augenwinkeln sah ich beim Rasenmähen1 eine Taube elegant einen halben Meter über den benachbarten Acker gleiten. Später rüttelte die Taube über dem Acker. Ich beschloss, dass die Taube wohl ein Turmfalke war.

    Die Sonne schien, letzte Woche hatte es geregnet, und der Frühling kannte kein Halten mehr.

    Schon bei der Ankunft in den märkischen Hamptons begrüsste uns ein wild singender Vogel. Da es kurz vor Mitternacht war, war es wohl eine Nachtigall und keine Amsel.

    Ein ausuferndes Vogelkonzert begleitete unsere Wege bei Sonnenlicht.

    Besonders fiel mir ein Schmettern auf – ich bedankte mich beim Handy, dass mir innerhalb von einer Minute sagte, dass das Schmettern in Fachkreisen als Klappern (wie das einer Mühle) bezeichnet wird, und klares Anzeichen für die Klappergrasmücke ist.

    Später: Ein Schatten zog über mich. Ich schaute hinauf: Ein Storch kreiste keine Zehn Meter über mir. Später: Ein Schatten neben mir. Ein bisher unbekannter Nachbar hatte sich neben dem lauten Rasenmäher angenähert, fragte, ob er WD40 für ein Anhängerkupplungsschloss leihen kann.

    Erstaunlich, wie die Schlüsselblumen nach Jahren des Zögerns, sich doch entschieden, den Garten zu mögen und sich auszubreiten.

    In der Pseudowiese2 nimmt der Löwenzahn das Gelb der Narzissen auf und tupft diese mit gelben Punkten. In der echten Wiese wachsen die Blätterbüschel der Knautien empor und versprechen den Sommer.

    Erstaunlich, dass die eine rote Tulpe unter dem Rotdorn sich im Laufe weniger Tage in drei rote Tulpen verwandelte. Wir beide könnten schwören, dass auch 2025 dort nur eine Tulpe stand.

    Erstaunlich, wie viele Blüten das kleine Bäumchen der Köstlichen von Charneaux tragen kann.

    Während die Mirabelle schon durch ist, beginnen die Äpfel das volle Programm zu fahren. Zurzeit sind sie halb rose Knospe, halb weiße Blüte. Bällebad ist nichts dagegen.

    Yevgeni

    Kulturelles Überangebot führte Donnerstag zum Split. Während ich Richtung Kreuzberg ins Kino verschwand, fuhr Madame nach Mitte-Mitte ins Konzerthaus zum Berliner Klavierfestival.

    Yevgeni Sudbin spielte Bachs Fantasie & Fuge a-Moll BWV 904, Skrjabins Sonate Nr. 10 op. 70, Chopins Ballade Nr. 4 f-Moll op. 52, Bach-Rachmaninovs Prélude, Gavotte & Gigue aus der Violin-Partita Nr. 3, Scarlattis Sonaten K. 466, K. 208 und K. 455 und Tschaikowski-Sudbins Fantasie-Ouvertüre zu Romeo & Julia.

    Ich will nicht sagen, dass sich Routine einstellte, oder dass Sudbin jetzt nicht von Eckhardstein heranreichte. Aber sie leuchtete nicht ganz so sehr. Während fast ein Zwischenstück, Skrjabins Sonate Nr. 10 op. 70, sie bis in den Kern bewegte, blieb sie beim eigentlichen Hauptstück des Abends, der Ouvertüre zu Romeo & Julia reservierter.

    Beeindruckend, wahrlich beeindruckend, wie Sudbin die Klangbreite eines kompletten Orchesters von den Flöten über die Streicher bis zum schweren Gerät nur mit einem Klavier erzeugen kann (Hier eine ältere Aufnahme von Sudbin mit demselben Stück)

    Trotzdem konnte sie sich des Kommentars nicht erwehren, dass es ja heutzutage schon Tonaufnahmen gibt und es eigentlich nicht mehr nötig ist, komplette Orchestersätze nur für Klavier zu arrangieren.

    Vera

    Nach dem IMAX-Ausflug vom Montag, war ich zurück in meiner Arthouse-Kuschelwelt3. Es ist eine Welt, in der mensch an einem komplett normalen Donnerstag einen großen Kinosaal durch einen Schwarzweißfilm von 1944 ausverkauft bekommt. Wie schön.

    Laura (Regie: Otto Preminger) lief in der Yorck-Reihe Boulevard Noir im großen Saal im Yorck Kino und war ein Highlight dieser an Highlights reichen Reihe.

    Murder is my favorite crime

    Ein Vergleich mit dem kürzlich gesehen Maltese Falcon drängt sich auf. Beides sind Klassiker des Genres, die vor allem zeigen, wie sich schöne, beneidenswert gut angezogene, Menschen in stilvollen Innenräumen Dialoge zum Auswendiglernen an die Ohren werfen.

    Der Falke spielt in San Francisco, Laura in New York. Beim Falken geht es am Ende um einen Schatz aus dem ausklingenden Mittelalter, bei Laura um den klassischen Femizid. Der Falke ist vermutlich der ikonischere, cleverere, gewitztere der beiden Filme mit den besseren Schauspieler*innen; Laura der klügere und meines Erachtens bessere Film.

    I don’t use a pen. I write with a goose quill dipped in venom.

    Dabei möchte ich den Klassiker Maltese Falcon auf gar keinsten Fall schlechtreden – es ist ein großartiger Film. Aber er bietet sich zum Vergleich an. Wo der Falke alles auf Humphrey Bogart zentriert, er ist die schönste Figur im Film, hat die komplette Bildschirmpräsenz, ist der Good Guy und derjenige mit den coolen Sprüchen, kreiert Laura ein Ensemblestück:

    Der Typ mit den großartigen Sprüchen ist jemand anderes als der Detektiv und wieder jemand anderes ist die schönste Person. Wer die höchste Bildschirmpräsenz, ist streitbar. Aus einem Ensemble, das im Falken um die Sonne Bogart kreist wird in Laura ein instabiles System mehrerer Kraftzentren stets zwischen Explosion und Kollaps.

    Wo der Falke schon mit einer reichlich abstrusen Geschichte anfängt, der Schatz des Malteserordens, und sich dann voll in in diese Absurdität hineinwirft, nimmt Laura die allgegenwärtigste aller Mordgeschichten, der Besitzergreifende Ex-Nicht-mal-Liebhaber war’s, und webt darum ein kunstvolles Netz der Irrungen und Wirrungen. Im Falken spielen Figuren, bei Laura sind es Menschen.

    I never have been and I never will be bound by anything I don’t do of my own free will

    Nur halb war ich dann überrascht, dass der Ursprungstext von Laura von Vera stammte. Überrascht, weil ich nicht gedacht hätte, dass Hollywood 1944 eine Frau an derart prominenter Stelle kommen ließ. Nicht überrascht, weil sich der Film weiblich gedacht anfühlte.

    Vera Caspary, die Frau, die das Buch zu Laura schrieb, ist eines Films würdig. Tochter russisch-deutsch-jüdischer Einwanderer verdiente sie ihr erstes Geld, indem sie den fiktiven „Sergei Marinoff School of Classic Dancing“ Fernlehrkurs und andere Fernlehrkurse erfand von deren Themen sie wenig verstand.

    Zeitlebens hielt sie und sich selbst und ihre Mutter durch fragwürdige Copywriting-Jobs am Existenzminimum am Leben haltend bis sie ihren ersten Erfolg hatte, und die Geschichte Thicker Than Water an Paramount verkaufte. Dieselbe Geschichte verkaufte sie mit kleinen Abwandlungen noch achtmal an andere Abnehmer.

    Ihr Leben blieb bewegt, Erfolg mit Laura, Pleite mit Investitionspech, Blacklisting in der McCarthy Ära, und schließlich ein Leben als mäßig erfolgreiche Romanautorin.

    Laura Hunt: But you write about people with such real understanding and sentiment. That’s what makes your column so good.
    Waldo Lydecker: Sentiment comes easily at 50 cents a word.

    Auto Anker Buch Bus

    poupou war beim Berliner Klavierfestival und sah Yevgeni Sudbin: Berliner Klavierfestival 2026. Yevgeny Sudbin

    *

    Holger und Angela ankern in der Biskaya: AZ13 – Ankern in der Ria de Cedeira

    *

    Merken für Potsdam: Die Linie 603 wird auch als Cecilienhof-Linie bezeichnet. Unterwegs kann man die Französische Kirche, das Holländische Viertel, die Gotische Bibliothek, den Treffpunkt Freizeit und den neuen Garten sehen, außerdem das 7. Städtchen, das Fontane-Archiv und enorm viele Villen. Und man muss nicht mal aussteigen, das ist ein Rundkurs. Zwischendurch ist allerdings das Pflaster so schlecht, dass es einem fast die Plomben aus dem Zahn haut.

    *

    Nichts ist mehr Entertainment als Autowaschstraße: Auto waschen.

    *

    Zum Welttag des Buches. Der Kaffeehaussitzer blickt auf seine detaillierte Prognose aus dem Jahr 2016 „Der Buchmarkt der Zukunft“ zurück: Im März 2016 erschien ein Text von mir in der Zeitschrift »Streifband«, dem Magazin des Studienganges Buchherstellung an der HTWK Leipzig. Er trug den Titel »Kaffeesatzlesen für die nächste Dekade«. Ich war gebeten worden, einen Beitrag über die Zukunft der Buchbranche zu schreiben

    Anmerkungen

    1. Anmähen für 2026 ↩︎
    2. In der echten Wiese – also dort wo wir nur einmal im Jahr mähen, wächst kein Löwenzahn mehr. Dieser wächst nur auf den Mähwegen und -flächen, die regelmäßig kurz gehalten werden. ↩︎
    3. Yorck Unlimited No. 21. Damit 11,33€ pro Besuch und damit auch preiswertertester als die Online-Karte in den B-Kinos. Oder anders gesagt: Preiswerter als jede reguläre Eintrittskarte. ↩︎
  • 26-04-23 Zwanglose Absprachen täglich um 9.00 Uhr im Raum 114

    26-04-23 Zwanglose Absprachen täglich um 9.00 Uhr im Raum 114

    Das Schicksal spülte Freebie-Zahnputztabletten mit Erdbeergeschmack in Madames Wege. Sie reichte sie wenig begeistert an mich weiter. Ich hoffte auf das Aroma „Erdbeerjoghurt – sehr süß“, bekam aber „Pappe, in Erdbeerjoghurt gelagert.“

    **

    Die Baustelle, von der ich bisher dachte, dass dort die neue Zentrale der Berliner Stadtreinigung BSR entsteht, errichtet laut Baustellenankündigungschild den „S!NN Campus“.

    S!NN Campus. Wie Sinn ergeben.

    **

    Der Kriegsminister des Fifa-Friedenspreisträgers zitierte in einem Gottesdienst einen gewaltlüsternen falschen Bibelvers auf einem Tarantino-Film. Das sagt natürlich viel über den Friedenspreisträger und seine Bande. Leider sagt es auch etwas über die Anschlussfähigkeit von Tarantino-Filmen. Ich leiste innerlich weiterhin Abbitte, sie je cool gefunden zu haben.

    **

    Staunen über die Nachbarschaft. Nicht nur, dass die benachbarte Auenkirche zum Gottesdienst Mitglieder des RIAS-Kammerchors auftreiben kann; wenn die eigene Kantorei der Auenkirche ein Konzert gibt, dann spielt das Community-Orchester des DSO Berlin. Welcome to hochbürgerliches Westberlin.

    **

    Gesprächsfetzenverwehung: „48% Durchlassverminderung!!!“. Mir fehlt der Kontext ob das jetzt ein guter oder schlechter Wert ist, auf jeden Fall war er ungewöhnlich.

    *

    Es waren drei Tage in denen Arbeit zuverlässig gegen den Frühling gewann.

    Hoch und nieder. Manchmal wieder.

    Die Rolltreppe in BPAF rollt wieder.

    Also nicht DIE Rolltreppen, nicht diejenigen, die Mitte Februar von einem Tag auf den anderen gesperrt wurden und seitdem nie wieder in Betrieb gingen. Die einzige Änderung dort ist, dass der Kofferträger durch ein Hinweisschild auf den Fahrstuhl ersetzt wurde.

    Die andere Treppe rollt: Diejenige, die von September bis Dezember geplant ersetzt werden sollte, und die dann von Dezember bis April ungeplant immer noch in restauro war.

    Wahrscheinlich karmisches Gleichgewicht. Wenn ich schon nicht mehr täglich die vier Stockwerke Altbau-Treppenhaus überwinden muss, dann komme ich halt am Bahnhof auf meine Treppenstufen.

    Das Jahr 1994 / 2012 / 2014 / 2025 hat angerufen

    Wenn die Gegenwart im ereignislosen Alltagsmodus läuft, findet die Vergangenheit Wege sich einzuschleichen.

    Das Jahr 1994 mailte. Das war im ersten Moment ebenso überraschend wie erfreulich. Nach ein paar Stunden hatte sich die Überraschung langsam abgekühlt, die Freude blieb.

    Das Jahr 2012 tauchte im Dateiordner auf. Semi-Zufällig stieß ich auf Team-Sitzungs-Protokolle aus einer Welt vor meiner Zeit zwischen 2012 und 2018 und staunte. Während Form der Meetings und Form der Protokolle einem starken Wandel unterlagen, immer stark abhängig von den jeweiligen Personen, blieben die Inhalte oft gleich. Einige Probleme wurden nie gelöst, beschäftigen uns immer noch. Andere Aufgaben kehren zyklisch wieder. Manchmal erkenne ich auch Fortschritte. Am schönsten sind die halb-mysteriösen, halb-menschlichen Vermerke wie: „Zwanglose Absprachen täglich um 9.00 Uhr im Raum 114“

    Die Tasse aus wilden Leiharbeitszeiten von 2014 sehe ich fast wöchentlich. Aber erst nach 12 Jahren viel mir auf, dass tecops und teacup fast dasselbe Wort sind. Falls ich in Pseudo-Plattdeutsch verfiele sogar noch mehr: „Min deern, dit is mijn tecops für mijn Tee“.

    Die E-Mail-Adressvervollständigung schlug mir eine Mail an die alte Haus“verwaltung“ bis 2025 vor. Fast hätte ich ihnen spontan eine Mail geschrieben mit „Ätsch, wir sind gar nicht mehr bei Euch. Und das ist super.“

    Fantasie op. 17

    Madame stellte ein komplettes Klavierkonzert in ihrer Haltung dar. Während ich halb daniedergesunken am Esstisch mit dem Stuhl verschmolzen war, vom Schlaf nur durch die Mühsal getrennt, die der Weg ins Schlafzimmer bedeutet hätte, schwebte sie in die Wohnung, leuchtete mehr als alle Lampen zusammen.

    Das erste Konzert des Berliner KlavierfestivalsSeverin von Eckardstein spielt Mozarts Sonate c-moll KV 457, Schumanns Fantasie op. 17, Brahms‘ Klavierstücke op. 118, Liszt‘ Sonetto 123 del Petrarca sowie die Dante-Sonate – schien lohnend.

    In Minuten verwandelte sie das ganze Wohnzimmer in bewohnten Schumann. Fast so eindrucksvoll wie das Konzert.

    After the rain

    Das Gras es grünt, das Puffelfluschel rosat und die Tulpen roten. Die Mischung aus viel Regen am Wochenende plus dezenter Wärme bei Sonne hat dem Frühling Auftrieb gegeben. Das Gras so saftig wie in der Butterwerbung, die letzten Zwiebenblumen strecken ihre Köpfe selbst aus dem Trockenschatten der Hauswand empor und der große Baum Richtung Ex-Finanzamt entpuppte sich mit Blättern als Linde.

    Falls wir wollen, können wir unter dem Lindenbaum tanzen.

    Stadtbad von 1961 auf sattgrüner Wiese mit Bäumen vor Frühlingssonne.
    Weder Ex-Finanzamt noch die Linde. Aber in der Nähe.

    Severin von Duisburg in Würde

    Poupou war beim Berliner Klavierfestival: Berliner Klavierfestival 2026. Severin von Eckardstein

    *

    KI aussperren oder auch nicht.

    *

    Respekt: Nach Feierabend starte ich meinen zweiten Versuch, mal von der Arbeit (in der Nähe vom Landtag in Düsseldorf) so weit es geht in Richtung Duisburg zu laufen.

    *

    Ein Konzert von Admin of the ashes würde ich mir jederzeit anschauen.

    *

    (via Kaltmamsell)

    STANDARD: Wird Altern in Würde überschätzt?

    Rösinger: Was soll denn das auch heißen? Jugendliche sind ja auch nicht in Würde jung. Das dient ja nur wieder dazu, um Leuten vorzuschreiben, wie sie leben sollen.

    Notat

    Erstes Mal dieses Jahr: Zum Lunch draußen gegessen (Di, Rote Insel)

    Erstes Mal: Café Pinjo zum Lunch getestet. (Do)

  • 26-04-21 How do you know when the hug is done?

    26-04-21 How do you know when the hug is done?

    Madame erklärte den Unterschied zwischen einem Algorithmus und KI.

    *

    Ich war das erste Mal seit Januar 2025 unprovoziert auf einer US-News-Website. So tief sitzt der Stachel.

    *

    An der most plastic Plastic Plaza Berlin, dem Uber-Platz zwischen der Uber Arena und der Uber Eats Music Hall, wollten wir Essen. Wer zuerst kommt, sucht aus. Madame wählte den Kumpir Club, oder wie mir ihre Rechtschreibprüfung mitteilte: Sitze bei lumpig.

    *

    Bestandsaufnahme nach dem Regen: Die Ahornblüten am Parkplatz wurden komplett niedergeschwemmt. Der rosa Fluschelpuffel hielt sich tapfer. Unter dem Magnolie im Office-Innenhof steht aktuell eine weiß überzogene Buxbaumkugel.

    *

    Es war ein Regensonntag im Garten und ein Trockenmontag zwischen Arbeit und Hail Mary.

    Wesselburen ist AWBU, Lörrach ist RLR

    Dank Uschi wurde ich auf die wunderbare Welt der Bahn-internen Bahnhofsbezeichnungen hingewiesen, Nach diesen hat zum Beispiel der Hauptbahnhof Hannover die Bezeichnung HH, der Hamburger Hauptbahnhof wird hingegen AA geschrieben.

    Ich folgte der Spur und stellte fest, je tiefer ich mich in das Thema hineinbegebe, umso unklarer wird, warum welcher Bahnhof wie betitelt ist. Nur scheinen Telegrafenkürzel des 19. Jahrhunderst einiges damit zu tun zu haben.

    Damit ich nicht komplett im Kaninchenloch verschwinde, arbeitete ich mich mit Bekanntem wieder heraus: Der Bahnhof Südkreuz trägt das Kürzel BPAF – Ich vermute Berlin Papestraße Fernbahnhof.

    Die Schubkarre füllte sich

    Madame hechtete aus der S-Bahn in den mit laufendem Motor bereit stehenden Subaru, um mit auf die Latifundien zu kommen. Denn wir noch nachts ankämen, würden wir morgens bereits im Garten aufwachen. Es galt das Drittel des Tages zu erwischen bevor zur Freude des Gartens und zur Unfreude der Gärtner*innen der große Landregen begann.

    Vor dem Regen: Die Kirschallee in der Ferne leuchtete über das Feld. Kirsche und Steinfrüchte in der Nähe leuchteten über den Garten. Ich himmelte die rosa Staubblätter in der weißen Birnenblüte an. Unter dem Rotdorn blühte die einzige tapfere rote Tulpe, die dort seit Jahren blüht. Vom Feld schaute ein großer schwarzer Hund zu uns hinüber.

    Wir versuchten eine Kaffegartenrunde zu absolvieren, die einerseits vor dem Regen fertig würde, andererseits auf gar keinen Fall Anzeichen von Eile zeigte – denn das stünde dem Zweck dieser Runde komplett entgegen.

    Im beginnenden Regen: Madame brachte den Rosendünger aus. Ein Eichelhäher lieferte eine Flugshow an der Pergola.

    Im Starkregen: Madame arbeitete, ich las weiter in Exhalation. Dazu im Deutschlandfunk Django Reinhardt über Bach, danach die Ska-Urgesteine El Bosso & die Ping-Pongs.

    Im Erdgeschoss bestellen, im dritten Stockwerk abholen und essen

    Liebes IMAX, wir müssen über den Ausdruck „normal“ reden. Ich bin nun wahrlich kein der Connaisseur der Kleinportion. Aber in dem was ihr unter einem „normal“ großen Popcorneimer verkauft, hätte mensch Spaghetti für eine komplette Jugendhandballmannschaft kochen können.

    Wobei ich beim Popcorneimer noch dachte „naja, ist halt für Menschen, die auch Freunde haben, die teilen sich das.“ Aber die Colabecher in denselben Proportionen. Are you kidding?

    southpark verlässt das Arthouse-Biotop, geht ins UCI luxe und staunt; nicht nur darüber wieviel Geld mensch für eine einzige Kinokarte ausgeben kann, auch für ein paar Magnum-Bons, die acht Euro kosten – und es Menschen gibt, die dies bezahlen. Eine wundersame Welt.

    Der Besuch dieser Welt lohnte: denn nirgends ist der Screen größer und der Sound besser und es galt ein Weltraumepos zu sehen.

    Aber vorher: Werbung.

    Dieses Bild zeigt nicht wie steil die Plätze bergab gehen und wie riesig diese Leinwand ist.

    Spider Wars 14

    Ein anderen Kino bedeutet andere Werbung. In diesem Falle bedeutet ein Mainsteam-Blockbuster-Kino auch Werbung für Mainstream-Blockbuster-Filme.

    Es gab Werbung für Scream 7 (8? 9?), Spider Man irgendwas, Star Wars das-will-doch-wirklich-niemand-mehr-zählen. Inspirierend, und sei es nur anregend zur Geldausgabe-für-ein-Kinoticket wirkte das jetzt nicht.

    Was mich aber noch mehr überraschte als die inhaltliche Ödnis der Trailer: Ich saß in der Überwältingungsmaschine IMAX und die Trickeffekte sahen dennoch bestenfalls nach einem mittelmäßigen Computerspiel aus. Letztens las ich noch in einer Überschrift, dass Film-CGI in den letzten Jahren schlechter wird. Mein visueller Eindruck schien das zu verfestigen.

    Oder ich hatte noch keine Brille ich das letzte Mal in einem echten Special-Effects-Film war.

    Den Trailern nach zu urteilen, besteht großes Kino derzeit überwiegend aus der Fortsetzung der Fortsetzung einer Serie, die 1980 ihren kreativen Höhepunkt hatte, und nun mit zweifelhaften CGI aufgepimpt wird.

    Da freue ich mich die über all jene, die sich davon nicht abschrecken lassen, trotzdem ins Kino gehen, dort riesige Popcorneimer kaufen und damit das IMAX finanzieren, auf dass ich es auch einmal in 10 Jahren besuchen kann.

    Im Atmen orientierte er sich an Katharine Hepburn

    Popcorneimer waren angebracht. Wir sahen „a masterpiece of a family popcorn movie“ – The Astronaut/Project Hail Mary mit Ryan Gosling, Sandra Hüller und Rocky der Puppe.

    Toller Film, nicht lebensveränderung, keine große Kunst, aber ein richtig, richtiger schöner popcorniger, lieber, emotionaler, ästhetisch toller Popcornfilm.

    Und, beste Entscheidung, weitgehend ohne Computergrafik. Denn die Macher*innen des Films verließen sich auf die jahrhundertealte Kunst des Puppenspiels. Das tolle, großartige Alien Rocky war eine Puppe, die von sechs Rockyteers gespielt und vom Hauptrockyteer James Ortiz gesprochen wurde.

    (Für Hintergrund: A Little Baby Owl. A Little Katharine Hepburn. All Alien.)

    Denen gelang es, eine Puppe zu erschaffen, die wirklich Alien, nicht-menschlich-nicht-tierisch aussieht, und doch so viel „Gestik“ und Leben in sich hat, dass mensch sie sofort knuddeln möchte. Wie Ryan Gosling auch – der aber dann das Konzept einer Umarmung erklären muss.

    „Wann ist die Umarmung vorbei?“ – „Man merkt es.“

    Notat

    Service: hier veröffentliche die DB InfraGo die komplette Excel-Liste sämtlicher Abkürzungen der Betriebsstätten.

    *

    Für den Herbst. Es war gar nicht so einfach, noch Narzissenlücken zu finden. Außer der Stelle am Obstbaumweg zwischen neuer Birne und Mirabelle, die wir immer vergessen.

    Nett wären welche im Landschilfhain.

    Und unter dem Wohnzimmerfenster.

    Telechandler

    In der neuen Folge erklärt Franceso Wilking von Die Höchste Eisenbahn und Tele, wie er mit 16 in das Werk von Bob Dylan eintaucht.. und das wird Madame vermutlich interessieren, weil der 16jährige Francesco in ihrer eigenen Schulband spielte. (via)

    *

    Auch ’ne Idee zur Studienfinanzierung: Sie kümmert sich

    *

    Und ich stellte es mir komisch vor, zum letzten Mal die Tür zu schließen. Dann andererseits auch nicht, man schließt ständig irgendwelche Türen zum letzten Mal, macht es sich nur nicht bewusst und kann natürlich alles mit Bedeutung aufladen, wenn man dazu neigt. Ich neige dazu nicht. Aber die Tür zum Elternhaus ist dann ja vielleicht doch, naja, wir werden sehen, dachte ich mir.

    *

    Borges meinte glaube ich mal, dass die besten Rezensionen zu nicht-erschienenen Büchern geschrieben werden. Rein subjektiv gilt das natürlich auch für nicht gelesene Bücher. Zumal wenn es Bücher sind, die ich durchaus lesen könnte, aber irgendwie nie dazu kam: Einige Gedanken zu „Lebwohl, mein Liebling“ von Raymond Chandler

    *

    An liebe jedes Wort in diesem Text.

  • 26-04-18 Ayran in der Wilhelmsaue

    26-04-18 Ayran in der Wilhelmsaue

    Rückwärts einparken für Kreative: Einfach aussteigen und das Auto mit der Hand am Lenkrad schieben.

    *

    Am Pavillon von Currywurst Ruhige Tag blinkt und leuchtet eine Eisdiele. War die schon immer da und ich habe sie jahreszeitbedingt nur nie gesehen? Oder ist sie jahreszeitbedingt erst jetzt aufgetaucht?

    *

    Noch viel mehr blinkte und glitzerte ein mir bisher unbekanntes Schaufenster: Wirbelwind Sportbekleidung spezialisiert sich auf Rhythmische Sportgymnastik, Eiskunstlauf, Turnen. Ein dementsprechender Traum in Pailetten schmückt ihr Schaufenster.

    *

    Wahrend ich dies schreibe, signalisiert Madame ein Bild vom Frankfurter Hauptbahnhof. Sie erkundete die letzte Woche wieder einmal Ettenbühl und bringt im ICE278 Rosen sowie organischen Dünger mit. Vielleicht sichert ihr das letztere einen Einzelplatz.

    *

    Es war ein strohwitweriger Wilmersdorfer Wochenendauftakt.

    Am Schreibtisch

    Vor die Wilmersdorf-Exkursionen hatte die Welt meinen Schreibtisch gesetzt.

    Als lahmender letzter Juror des Wikipedia-Schreibwettbewerbs stellte auch ich meine Artikel-Shortlist zusammen, so dass wir jetzt beim Jurywochende eine spannende Artikelauswahl haben, über deren Platzierungen wir streiten können.

    *

    Da die Fernuni Hagen in diesem Sommersemester 2026 das letzte Mal gedruckte Unterlagen ausschickt, rang ich mich zu einer Entscheidung durch, welche Module ich in den kommenden Semestern wohl belegen können wollen würde und belegte noch vier neue:

    Gerade die Informatiker machten es mir nicht leicht. Fast alle ihrer Module werden in den nächsten Semestern verschwinden oder komplett überarbeitet werden. Auch nur eine mittelfristige Planung mit diesen Modulen ist fast unmöglich.

    Um am über die Wilhelsaue herum

    Die erste Attraktion des Ortes kann ich vom Schreibtisch aus sehen. Der rosa Fluffelpuschel, aka die Zierkirsche, steht an einem Schleichweg für Anwohner*innen. Und jede*r zweite zückt zweifellos zögerungsfrei zurecht das Telefon für ein Foto. Die können wir dann sehen und uns am Anblick erfreuen.

    Aber eigentlich sollte es weiter in den Ort gehen.

    Damit das Amt uns finde

    Zu diesen Alt-Wilmersdorf-Exkursionen hatte mich das Bürgeramt angestiftet. Schon bei unserer Ummeldung hatte uns die Sachbearbeiterin aufgrund unserer speziellen Adresse informiert, dass es wichtig ist, dass Behördenpost ankommt. Sonst geht die Behörde davon aus, dass wir dort nicht wohnen, löscht die Anmeldung, womit auch die Autoanmeldung.. und so, alles unschön.

    Nun haben wir langsam die deutsche Post erzogen, unseren Briefkasten zu finden. Leider nutzen Berliner Behörden aber nicht die deutsche Post, sondern PIN. Und ob PIN in der Lage ist?

    Also wollen wir das Lernprogramm für Briefausträger*innen fortsetzen: Wir schicken uns selber Briefe an die neue Adresse mit dem Zusatz „Schwimmbad!“ Irgendwann wird die PIN-Briefträger*in es merken und hoffentlich bei genügend Briefen dauerhaft in Erinnerung behalten, dass diese Adresse existiert.

    Also brauchen wir Briefe. Dafür brauchen wir Briefmarken. Von PIN; die es online nur in 100er-Mengen gibt. Also brauchen wir eine Verkaufsstelle. Die nächste Verkaufsstelle ist der Edeka Berliner Straße am Ende der Wilhelmsaue; der sich als wahrhaftes Supermarkt-Wunderland mit 24 Stunden Öffnungszeit herausstellte, und die Kassiererin fand am Ende auch unter der Kasse die Briefmarken.

    Vorher aber hatte ich schon wilmersdorfgewandert.

    Grüner PIN Briefkasten inmitten einer Baustelle

    Am Stein

    Auch sechs Monate nach Einzug bietet die Nachbarschaft jede Menge Möglichkeiten zur Entdeckung. Zumal wenn sie sich plötzlich im Frühlingskleid zeigt, Menschen auf die Straße gehen, die Trattoria die Tische nach draußen räumt und die Grünflächen gleich einladender wirken.

    Ich entdeckte einen neuen Banksitzplatz unter dem Baum am Gedenkstein für den ehemaligen Ortskern. Ein Traum in der Abendsonne, kaum zu glauben in seiner Idylle und doch durch bemüht nach einem Parkplatz suchende Autofahrer*innen nicht ohne Unterhaltung.

    Mein Telefonat von dieser Bank aus wurde derart von einer singenden Drossel übertönt, dass dies Vögelzwitschern den Kaptain am anderen Ende dauerhaft irritierte.

    Der Karaoke-Keller

    Madame schickte mir einen Veranstaltungshinweis für Freitag Abend: Am 17. April sorgt DJ BigBaer wieder für Stimmung bei Jung und Alt mit seinem Karaoke-Abend.

    In Wilmersdorf ist die Welt noch in Ordnung. Hier existiert noch ein reges Gemeindeleben in der evangelischen Auengemeinde, das nicht nur Mitglieder des RIAS-Kammerchors in die Kirche bringt, sondern auch DJ Big Baer in den Keller des Gemeindehauses.

    Ich hätte große Lust, aber trau mich alleine nicht dorthin. Zumal ich immer noch versuche die hartnäckige Langzeiterkältung loszuwerden, die Abendexzesse verbietet.

    Dann lieber tagsüber unterwegs.

    Auenkirche hinter Auenaue

    Die Waffle-Brothers-Auswechselbank

    Während ich am ehemaligen Wilmersdorfer See entlangschlenderte, der sich im 20. Jahrhundert in Sportplätze verwandelt hatte, fiel mir aufgrund des Gejohles von der Seitenlinien auf, dass ein wahrhaftiges Fußballspiel stattfand. Es spielte Weiß-mit-blauem-Muster gegen Blau-mit-leuchtend-gelber-Ärmelapplikation; Jugendmannschaften der Optik nach.

    Ich blieb stehen, ich bemerkte das erste mal, dass auf dem Sportplatz nicht nur Wechselbänke stehen, sondern diese vor allem vom Freund der snackenden Jugend, den Waffle Brothers gesponsert werden.

    Etwas später konnte ich Vereinsnamen lesen: Delay Sports (weiß) spielte gegen BFC Alemannia 90 (blau). Und dann staunte ich, weil Delay nicht nur irgendein Verein ist, sondern ein neumodischer 2021 von Twitch-Influencern-gegründeter-Verein mit large Internet following. Daher vermutlich auch die Waffle Brothers. Dieser Verein wohnt wirklich auf dem Kunstrasensplatz Blissestraße an dem ich gerade vorbei ging.

    Gänzlich zu Hause wurde ich dann ganz schlau: Ich hatte den 2:1 Sieg der Alemannia C-Jugend über Delay Sports in der Bezirksliga Berlin Staffel 3 gesehen. Delay bleibt aber Tabellenführer und wird vermutlich in Staffel 2 aufsteigen.

    Eine U-Bahn-Station weiter

    Der „Thaipark“ mit Asia Streetfood. Oder wie eine junge Frau mit vor Freude sich fast überschlagender Stimme meinte: „Ich hatte soo gehofft, dass du auch Hunger hast.“

    Zementsack Lächelparade

    Vielleicht bekommt Berlin eine neue Sehenswürdigkeit: Den Zemetsack. Dieser illegal entsorgte Sack wurde, soweit nicht überraschend, seit 17 Jahren nicht entsorgt. Dies wurde, soweit überraschend, aber von einem Anwohner verfolgt und versucht zu ändern: Saubermann 007 und sein Kampf gegen das vermüllte Berlin: Warum liegt der Zementsack seit 17 Jahren am selben Ort?

    *

    Das Elsass und drumherum bekommt ein Wochenendticket. Die Region Grand Est, also der Teil Frankreich an der deutschen Grenze, führt den Pass Groupe Week-End mit dem bis zu 5 Personen für 40 Euro das Wochenende durch Grand Est fahren dürfen. Wann bin ich wieder Baden?

    *

    Erinnert sich noch jemand an das Affen-Selfie. The BBC does: This monkey selfie will protect you from AI slop

    *

    Turkuer Schnipsel

    *

    Beim Umarbeiten finde ich heraus, dass die Landesregierung Nordrhein-Westfalen einen “Arkanbereich” hat! Sofort denke ich Harry Potter, Gandalf, Merlin, magische Bücher und Zauberstäbe. Magischer Staub, der schnödes Papier in herrliche Digitalisiate verwandelt, liegt hier in der Luft. Ledergebundene Bücher murmeln leise im Dunkeln uralte Formeln, ein Rabe krächzt und eine Kristallkugel leuchtet.

    *

    Sagen wir einfach, ein bis zwei Hundertschaften der hanseatischen Promenierbevölkerung gehen hier vorbei. Eine Lächelparade des Wohlwollens. Und die Tanzenden, sie bekommen das kaum mit. Sie sind doch so sehr damit beschäftigt, sich anzusehen.Was aus meiner Sicht auch vollkommen der althergebrachten Ordnung entspricht.