Kategorie: Alltag

  • 26-05-19 Die Goldglänzenden Rosenkäfer fliegen wieder

    26-05-19 Die Goldglänzenden Rosenkäfer fliegen wieder

    Eine Taube flog über das Feld, verwandelte sich in einen Turmfalken und begann zu rütteln.

    *

    Auf der Suche nach einem Altkleidercontainer fuhr Madame mit dem Fahrrad einen Sack alter Wäsche zum Ku’damm und zurück.

    *
    In der S-Bahn eine junge Frau mit stark zerrissener Jeans, Sonnenbrille, Piercings und einem Polizei-Hoodie, der samt seinen Wappen überraschend offiziell aussah. Entweder die bestgetarnte oder die schlechtestgetarnte Zivilpolizistin meines Lebens.
    *
    Im Garten las ich alte Blogposts, stellte fest, dass die Natur die letzten Jahre zu diesem Zeitpunkt immer weiter war (und oftmals noch trockener), dass mein Alternaria-Allergie-Antritts-Termin gar nicht im Juni liegt, sondern eher Mitte Mai und dass die Arbeitswoche vor Pfingsten immer unerfreulich war.
    *
    Es war ein Rest Grünwochenende und ein Arbeitstag mit Schwarz-Weiß-Abschluss

    Falls die Person mitliest: Wir suchen die Schenker*innen des Mattei Cap Corse – der ist fein

    Es begann mit fehlenden Kabeln. Zum Samstagabend wollten wir endlich den Gartenbeamer einweihen, der seit mehreren Jahren ein Leben in Schränken und Kisten führt. Aber schnell fiel uns wieder auf, warum er so ein Schattendasein führte:

    Der Beamer war damals fortschrittlich für eine Zukunft gebaut worden, die so nie kam. Sein Betriebsmodus ist kabelloses Screensharing bzw. Chromecast – ein Verfahren bei dem 2026 sämtliche Streamer und Mediatheken (selbst Filmfriend, selbst die ARD mit dem ESC) sofort aus Kopierschutzgründen das Streamen abbrechen. Die Alternative ist „Videoübertragung per USB-C“ – auch ein Technikstandard, der sie nie durchsetzte.

    Unser Abend also setzte sich also ohne Beamer fort, aber dafür mit einer Großbestellung an Adaptern und Kabeln. Wir werden die gescheiterte Zukunft ja wohl besiegen.

    Der Beamer kam zurück in die Kiste. Wir griffen stattdessen in das Regal und zogen den vollanalogen Mattei Cap Corse heraus, der sich auf der Einzugsparty, vermutlich als Gastgeschenk, in den Haushalt schlich, füllten ihn mit Tonic und Zitronentzesten auf und schauten auf dem Laptopmonitor Teile des ESCs. Als wir am nächsten Morgen das Ergebnis mitbekamen waren wir einig: Der Barangaranga-Sieg1 war verdient. Das muss ja wohl ein Dancefloor-Crasher dieses Sommers werden.

    Vor dem Duke-of-Cambridge war das Rosentriebbohrer-Sprühzeug aus

    Frühstück auf der Terrasse im Schlafanzug aber mit Strohhut. Ich glaube das war der Stil Adelsverwahrlosung. (Auch wenn der verwahrloste Adel im Allgemeinen edlere Schlafanzüge trägt als ich, der Strohhut hat das wieder rausgerissen.)

    Ein Admiral flog vorbei. Die Sonnentage lockten sämtliche Insekten, die die Latifundien zur Zeit zu bieten haben, hervor. Miniaturschmetterlinge in braun, schwarz, orange und gelb; Goldglänzende Rosenkäfer und Trauer-Rosenkäfer, die wir vor allem betrunken torkelnd in Rosen- und Abelienblüten kennen, müssen aktuell mangels Rosen- und Abelienblüten noch mit den ersten Skabiosen vorlieb nehmen. Sie wirken deutlich koordinierter als sonst.

    Die erste Pfingsrosenblüte behauptete seit Freitag sich gleich sofort öffnen zu wollen, ohne es je zu machen.

    Luft und Licht liefen zur herrlichsten Frühsommerform auf.

    Madame, die den Gesang der Dorngrasmücke inzwischen auch spontan ohne App erkennt, wies mich in den Vogel ein und so konnte ich ihn auch sehen. Halt braun und sehr klein.

    Und ob mein Körper gerade begann vom Wochenend- in den Urlaubsmodus zu schalten, ob es Allergiedingsnebenwirkungen waren, ob das es komische Wetter war, das irgendwie gleichzeitig zu kalt, perfekt und zu warm war, meine Güte war ich erschöpft, freute mich an Tieren und Pflanzen, die aus der Ferne leuchteten und widmete mich dem Gartentischbestiarium.

    Nach Käsejalapenobratwurst und Zitronenkohlrabi fuhren wir rechtzeitig nach Wilmersdorf für erfolgreiche Entmarderung (Auto) bzw. Entwuschelung (ich).

    Vielleicht setze ich mich auch nur mal einen Nachmittag und Abend ins Foyer und schaue Leute

    In der U-Bahn: „nuschelruschelnuschelngrrss Weichenstörung nuschelruschelnuschelknörz“ Diese Art der Ansagen fehlt mir schon sehr, seit die BVG alles von professionellen Sprecher*innen einsprechen und von Band abspielen lässt.

    Die U2 aber öffnete kurz ein Fenster in die Vergangenheit, bevor sie uns weiter Richtung Mitte brachte.

    Wir waren bis zum Alex gefahren, ich hatte mich dort wie es sich gehört leicht verlaufen, um dann schließlich Richtung Strausberger Platz unter den Platanen2 im Schatten zum Kino zu wandeln.

    Kurz vor dem Kino am verlassenen Laden: Ein Obdachlosencamp. Erstaunlich offensiv gelegen, mitten an der Prachtstraße. Erst beim Näherkommen fiel mir auf, dass der verlassene Laden ein Luxus-Campinggeschäft ist und das Obdachlosencamp seine Bürgersteig-Zeltausstellung.

    Von dort aus konnte ich schon das große Sandra-Hüller-Plakat am Kino sehen, das den Film Rose3 ankündigte.

    Der Weg führte fast auf die Bezirksgrenze Mitte/Friedrichshain in das frisch renovierte Kino International. Das ehemalige DDR-Premierenkino, eine Ikone der Ostmoderne, mit dem vielleicht schicksten Foyer der Yorck-Kinos, ist heute ein Programmkino deluxe. Es lief leiser brasilianischer Bar-Jazz, der mich an dota erinnerte, insbesondere als ein portugiesischer Text mehrfach das deutsch gesungene Wort „Elisabeth“ umspielte.

    Suzanna sang für Rose, Suzanna sang für sich

    Es war ein Film, bei dem ich zögerte. Zu Schwarz-Weiß schien mir die Vorschau, zu sehr „wir machen einen ernsthaften Film über Gender“, zu eindeutig in seiner Aussage, wenig ambivalenzambitioniert.

    Andererseits sprachen gleich zwei Frauen dafür, ihn zu sehen: Madame wollte Rose sehen. Und bei Hauptdarstellerin Sandra Hüller habe ich nicht nur großes Vertrauen in ihre Schauspielerei, sondern auch in ihre Filmauswahl.

    Of course, they were right. Ich war währenddessen angetan, und mit zeitlichem Abstand vergrößert sich die Begeisterung: ein Film zum dauerhaft-im-Herzen tragen.

    The Basics

    Rose ist ein Film, der von einem Österreicher im Harz gedreht wurde, 2026 erst auf der Berlinale einen Preis für die beste Schauspielerin gewann und dann in die Kinos kam.

    Es geht um Rose (Sandra Hüller), die als Soldat aus dem 30jährigen Krieg zurückkehrt, als Mann das Erbe eines Hofes antritt, dort prosperiert. Sie heiratet als Mann Suzanna (Caro Braun), die Tochter des benachbarten Großbauern. Diese bekommt ein Kind. Durch einen medizinischen Notfall fliegt die Geschichte auf. Rose stirbt durch das Schwert, Suzanne im Sack im Fluss.

    Es gab einigen Knatsch, weil der Film auf mehreren Quellen beruht, insbesondere einem Buch von Angela Steidele. Es übernimmt sie aber nicht. sondern führt bedeutsame Änderungen ein, wie vor allem dass die Buch-Rose ihre Männlichkeit samt Sex voll auslebte, in heutigen Worten vermutlich ein Transmann war, die Film-Rose aber in „die Hose schlüpft, um etwas mehr Freiheit zu haben“ – das ist schon eine starke Änderung. In anderen Worten: Die Handlung wurde entqueert.

    Je mehr ich aber den Film sah, desto weniger konnte ich die Kritik nachvollziehen. Das Buch erzählt die Geschichte einer bestimmten Person. Der Film ist eine artifizielle Meditation über Geschlecht und Frauenrollen, durchgeführt an zwei Personen.

    Freiheit durch Kontrolle

    Der Film war in einer Ästhetik, die mich extrem an Tarkowskis Serkalo/Der Spiegel erinnerte, den ich schon im Januar liebte; ähnlich wirklich-unwirklich, durch Künstlichkeit ins emotionale Herz treffend. Die Erzählstimme, die Bildgestaltung, die mal Film sagte, mal Theater, mal Klassikergemälde, und natürlich das Aufgehen von Mensch und Haus in der umgebenden Natur; vermutlich ein glücklicher Zufall, aber als Rose allein durch das verwilderte Feld lief, über ihr ein rüttelnder Falke, der sehr nach der-war-beim-Drehen-wirklich-da aussah: Marvellous.

    Und ach, allein über die Musik werden Abschlussarbeiten geschrieben werden.

    Aber am Ende waren es zwei Menschen:

    Sandra Hüller spielt eine Frau, die vorgibt ein Mann zu sein. Sie spielt zu spielen, und das ist wohl der Punkt, den sie selber spannend fand. Es ist faszinierend zu sehen, wie begrenzt sie spielt, wie kontrolliert, ausdruckslos; sowieso im begrenzteren Ausdrucksrepertoire, das Männern im Normfallfall zu Verfügung steht, hier noch einmal eingeschränkt durch die Vorsicht, nur ja nicht zu expressiv, zu „weiblich“ zu wirken. Der Mann, eingezwängt in dichte Kleidung, fast schon in Starre spielend.

    Wie faszinierend zum Ende hin, nach der Enttarnung, die Rose „als sie selbst“ zu sehen. Immer noch ein Mensch, gezeichnet vom Krieg, trainiert darauf keine Emotionen zu zeigen, und doch so anders als vorher.

    Wie faszinierend Roses Partnerin Suzanna, vorgestellt als „sittsame Frau, in allen weiblichen Belangen kompetent“, gedrängt in eine Ehe mit einem hergelaufenen Krieger. Wie sie auf ihre eigene Art verschlossen und starr ist.

    Wie Suzanna singt, kurz nach der Hochzeit für Rose, fast unmelodiös, schleppend, aus ihrem eigenen Lied fallend. Wie froh und laut sie später singt, als sie verkündet, Schwanger zu sein. Wie sehr der Wandel von in-eine-gezwängter-Frau zu ihre-Rolle-findender-Frau zu Co-Verschwörerin-von-Rose sie immer größer und lebendiger werden lässt.

    Je mehr und je länger ich über Rose nachdenke, desto lieber mag ich den Film.

    Links

    ##

    Cannes – dies und das vom Filmfestival

    ##

    Frau Herzbruch auf Curaçao Teil 7 und Teil 8 und Teil 9.

    ##

    See me fascinated. In diesem Garten läuft alles 180 Grad anders als es mir für unseren eigenen vorstellen kann. Aber um so interessierter lese ich: Ich weiss ja, was alles ansteht (einen Baum wieder ausgraben und höher einsetzen, dafür muss der Rasen aufgeschnitten und wieder zugeklebt werden

    ##

    Alle unsere Baltikumsausflüge scheinen über Travemünde zu führen. Um so spannender zu lesen, wenn jemand dort sogar übernachtet: Travemünde – mit der Fähre zum Frühstück

    ##

    Es gäbe in japanischen Schwimmbädern — die recht seicht sind — eigene Spuren für Aquawalking, das unter älteren Menschen sehr populär wäre, sagt A.

    Notat

    ~ Zugänge: T-Shirt (weiß, Segelboote) und T-Shirt (sand)
    ~ Zugangsnachtrag: Defektes Schlafzimmerradio (Bungalow) ersetzt
    ~ Autogas getankt für 1,19€
    ~ Getestet: Imren-Döner (Hauptstraße) wiederholenswert

    Anmerkungen

    1. Ich liebe, dass sie einerseits selbst im Sieg noch soviel Dance-Choreo hinbekommen und andererseits mega-ausgelassen dabei wirken. Zurecht gewonnen, sag ich ja. ↩︎
    2. Speaking figuratevly, ich hab ehrlich gesagt überhaupt nicht darauf geachtet, welche Bäume mir Schatten spenden ↩︎
    3. Yorck Unlimted No. 25 – damit 9,52€ pro Besuch. ↩︎
  • 26-05-16 Merrily we roll along Ohrwurm!

    26-05-16 Merrily we roll along Ohrwurm!

    „13:44: Robbe schaut zu“ – Highlights des Walkadaver-Timmy-Livetrackers.

    *

    Ex-Neptun-Spielhalle ist jetzt Lonlon Coworking / Eventspace.

    *

    Familientraditionen, so wichtig. Madame hielt diese aufrecht, indem sie wie fast jedes Jahr am Himmelfahrts-Wochenende einen Großteil der Steuerklärung erledigte.

    *

    Familientraditionen so wichtig. Der Kaptain schickte Fotos von der Rendsburger Schwebefähre, und wie immer wenn unsere Familie dieses Verkehrsmittel besucht, fuhr es nicht.

    *

    Es war ein Broadway-auf-Leinwand-Feiertagsabend, ein Gartenofficebrückentag und ein Gartengartensamstag.

    Fische, Drachen, Rote Beete

    Derzeit lese ich Undiné Radzevičiūtės Fische und Drachen. Es handelt sich nur indirekt um einen Vilnius-Roman, da der Roman der litauischen Autorin in einer Altbauwohnung einer ungenannten europäischen Stadt spielt, nachdem diese 50 Jahre bleierne Zeit hinter sich ließ. Die andere Hälfte des Buches spielt im Hofstaat des fünften Kaisers der Qing-Dynastie.

    Nach etwa einem Viertel des Buches kann ich sagen, dass ich das Buch sehr mag, aber emotional noch nicht verstehe. Das kommt vielleicht noch.

    Litauen rückt zeitlich näher. So nahe rückt es, dass ich die Fahrkarte von Warschau nach Kaunas buchen konnte. Dabei erfuhr ich, dass wir mit dem Pink Soup Train fahren werden. Die innerlitauischen Züge dürfen wir erst 30 Tage vor der Fahrt buchen. So nah liegt es noch nicht.

    Warum nicht Kartoffelsalatzug, Deutsche Bahn?

    Außerdem Jagdwurst und Kirschwindbeutel

    Den Feiertag verbrachten wir aus Finnlandausstellungs-Kinokarten-Gründen noch in Berlin. Aber ich hatte genug Vertrauen in die Brückentagsruhe, dass ich entgegen sämtlicher Gewohnheit mit Hotspot ohne Monitor oder Tastatur das mobile Arbeiten aus vom Garten veranstaltete. Es hat zu diesem besonderen Anlass funktioniert.

    Dadurch waren wir Freitag schon da, ab Freitagnachmittag war ich garteneinsatzbereit. Wir konnten den Käsejalapeñobratwurstverkaufswagen ebenso schon Freitag aufsuchen, wie den Supermarkt mit Milch und zweierlei Kartoffeln (Ganz-direkt-aus-der-Erde und als -Chips). Samstag konnte Madame nur aus Jux und Dollerei zu Fuß zum Himbeerkuchenverkaufswagen wandeln, der direkt unseren Weiler zweimal in der Woche aufsucht.

    Aus den vier kleinen Fencheln mit viel Grün, kochte ich Fenchelgrün-Kartoffelsuppe, und da Experiment erfolgreich war und ich mich daran erinnern möchte, wie es funktionierte bloggte ich nebenan darüber, bevor ich vergesse was ich machte. Und wo ich mich schon eingeloggt hatte, stellte ich auch endlich Madames Tomatenkraut aus dem Slow Cooker ein.

    So fühlte sich der Freitag schon an wie Samstag und der Samstag wie Sonntag und morgen haben wir einen ganzen Tag geschenkt!

    Keine Spur mehr von der Hornisse, aber ein papiernes Insektennest

    Offener Kompost, Trockenmauer

    Madame uppte ihr App-Game. Inspiriert durch Frau Brüllen installierte sie die Merlin-App. So konnte sie auch einmal die Dorngrasmücke leibhaftig sehen. Eigentlich ist es einer dieser winzigen braunen Vögel, die immer zu weit weg sind. Aber wenn die App anzeigt, dass sie jetzt singt und man mit ihr triangulieren kann, wo sie sitzen muss, dann kann Madame sie auch sehen.

    Außerdem neu auf dem Handy: Flora Incognita arbeitet zusammen an GartenDiv – zur Bürgerwissenschaftserforschung der Diversität deutscher Gärten unter der Leitung von Dr. Staude [sic]. Erste Feststellung: Mit Ausnahme von „Teich“ hat unser Nicht-Naturgarten jeden in der App vorkommenden Biotoptyp. Zweite Feststellung: Bei einem Tempo von ungefähr fünf bis zehn verschiedenen Pflanzen am Tag (damit 20 Pflanzen in der Woche, da wir nur am Wochende anwesend sind) schaffen wir eine vollständige Liste niemals in einem Monat, ich würde behaupten, nicht einmal in einem Jahr.

    Erstaunlich wie naturnah es wird, wenn mensch eigentlich nur einen Lustwandelgarten für Faule erschaffen möchte.

    Fünfzig Schattierungen des Grüns

    Der Rotdorn hat eine Rot-Grün-Stärke. Das Bäumchen wuchs letztes Jahr für seine Verhältnisse ganz gewaltig. Dieses Jahr blüht er vor allem an den alten Teilen. Das heißt, wir haben ein Bäumchen, das in der unteren Hälfte sehr rot und in der oberen Hälfte sehr grün ist.

    Während der Flieder ganzpflanzenblüht als gäbe es kein Morgen, halten sich die meisten anderen Pflanzen noch zurück. Der rote Ginster hat eine (eine!) Blüte, die immerhin sehr schick ist. Die fünf bereits geöffneten Blüten der Abelie durften ausreichend für einen ganzen Strauch. Der Blütenstaubrand an der Insektentränke ist Zeichen vergangener Pflanzenpracht,

    Die überwiegende Farbe dieses Wochenendes ist weiterhin grün. Die Stauden und das Gras wachsen wie der junge Frühling, die Knospen blasen sich auf, aber noch blühen sie nicht. Der Rosentriebbohrer ist auch zurück, aber wir hoffen, wir haben die meisten seiner Exemplare in die Flucht geschlagen.

    Wir schwelgen in den Grüntönen, die noch oft genug in der Sonne transparent bleiben so frisch wie sie sind.

    Bursting with dreams

    Ich staune über die Yorck-Kinos, dass es ihnen gelingt, obskure Szenen aufzutreiben und ihre Mitglieder in ihr Kino zu locken. Ich staune über die Yorck-Kinos, dass es ihnen gelingt, mich in diese Filme zu locken, obwohl ich gar nicht zur Szene gehöre, null Ahnung habe, was passieren wird, aber denke „das klingt spannend.“

    Merrily we roll along ist ein geflopptes Steven-Sondheim-Musical von 1981. Es lebte als Kult-Classic an den Rändern des Musicalbetriebs und unter Sondheim-Fans weiter, bis es 1991 in London wieder in den größeren Musicalbetrieb aufgenommen wurde, 2022 kam eine Off-Broadway-Inszenierung hinzu, die 2023 an den Broadway umzog.

    Eine echte Verfilmung ist in Arbeit, wird aber aus künstlerischen Gründen bis 2040 brauchen. Wir sahen eine Filmaufnahme der Broadway-Inszenierung.

    Times goes by and hope goes dry

    Neben uns waren vor allem die Mitglieder der englischsprachigen Berliner Theater/Musical-Szene im Odeon anwesend. Nicht nur, dass das Merrily ein Kult-Classic in diesen Kreisen ist, sondern es ist auch ein Meta-Musical über die Musicalproduktion.

    Es erzählt die Geschichte einer Gruppe von drei Freund*innen, die als 20 jährige optimistisch in künstlerischer Vision ins Leben aufbrechen, um 20 Jahre später, zerstritten, desillusioniert, hoffnungslos, zu leben.

    Der Kunstgriff des Musicals: Es erzählt rückwärts. Es beginnt mit einer Party, bei der einer der drei nicht erwähnt werden darf, eine heftig betrunken alle anderen Anwesenden und insbesondere den dritten Freund anpöbelt, der scheinbar irdischen Erfolg hat, aber er ist ausgebrannt und unglücklich.

    Es ist ein Test der Tragödientheorie. Ist in der Tragödie das Ende durch die Ausgangskonstellation schon festgelegt, ist das hier die Frage. Der Plot bewegt sich rückwärts durch die Zeit, besucht Wendepunkte und Schlüsselmomente: Musste es so kommen?

    So wird das geschehen auf der Bühne immer glücklicher, immer weniger schmerzhaft, immer hoffnungsfroher. Es beginnt mit der zerstörten Freundschaft, geht hinüber zum Moment der Zerstörung, dem Kampf gegen die Risse bis schließlich zu den großem Momenten des Glücks.

    Die Menschen auf der Bühne werden immer glücklicher, das Publikum leidet immer mehr, weil immer klarer wird, was sie alles verloren haben. Dabei immer wieder derselbe Song: Merrily we roll along, auch hier in immer fröhlicheren enthuasistischeren Variationen.

    Wie versteckten sie die Mikrofone?

    Ich lernte: Stephen Sondheim ist ein spannender Musicalschreiber. Ich will mehr von ihm sehen.

    Die Möglichkeiten während einer Live-Vorführung einen Film zu drehen, sind meiner „Effi-Briest-im-Deutschunterricht“-Zeit dramatisch besser geworden. Ich hätte nicht gedacht, dass mich der Film alleine mit seiner Technik und Bildführung so hineinziehen kann.

    Daniel Radcliffe (aka Harry Potter bzw. im Musical Charles Kryngas – einer der drei Freunde) kann Musical spielen.

    Links

    ##

    Jetzt wirklich: Z13 – Biskaya die 2. – der lange Bericht

    ##

    Frau Herzbruch auf Curaçao – Teil 4 und Teil 5 und Teil 6.

    ##

    It’s just a dream: Neben der Zeitung liegt noch ein kleiner Haufen aus Ladekabeln und Netzteilen. Ich lege noch mein eigenes Ladekabel dazu und führe einen Ladekabeltanz auf. Die beste Ex-Frau von allen ist nicht begeistert.

    ##

    In einem Haushalt, der regelmäßig mit Klausuraufsichten zu tun hat, mit besonderem Interesse gelesen: Heute erfahren, dass SuS zur Abiturprüfung nicht gedopt sein dürfen, dass zum Beispiel (reguläre) Ritalineinnahme angegeben werden muss. Vom Bogenschießen kenne ich das, da gehört ein Bier vor dem Schießen zu den verbotenen Substanzen, weil es zu ruhigerer Hand führen kann.

    ##

    Ich erfreute mich an der Kaltmamsell-repulica-Planungs-Heuristik: „Guckte also über alles hinweg mit “CEO”, “Founder”, “Geschäftsführer”, gab Staatssekretärinnen und Abteilungsleitungen den Vorzug vor Ministerinnen, je dröger sich der Jobtitel las, desto attraktiver fand ich ihn“

    ##
    Christiane mit der 12-von-12-Cannes-Filmfestival-Reportage

    ##

    Ich war kurz davor, [die neue Assistenz] zu umarmen, auf ein Rollwägelchen zu stellen und durch alle Flure zu schieben, dabei zu rufen „Schaut her, so macht man das, ihr Irrsinnigen!!“ Aber ich hatte Angst, dass sie das befremdlich findet und sie davonläuft.

  • 26-05-13 Almost a Hongkongromcon

    26-05-13 Almost a Hongkongromcon

    Erdbeerkauf im Donnerhall.

    Seit letzter Woche hat die Gemüslichkeit ihre Lieferungen wieder aufgenommen. Sie sind wie die Natur draußen: Grün. Viel Salat, selbst der Fenchel besteht zu größeren Teilen aus Fenchelgrün. Wir testen noch ob Bak Choi und Tatsoi wirklich zwei verschiedenen Pflanzen sind, wie von den Gemüslichern behauptet.

    *

    Bei drei Grad Außentemperatur ein einsamer Turnschuh (grau, Erwachsenengröße) im S-Bahn-Gleisbett.

    *

    Die Morgende verbringe ich niesend. Es fühlt sich nach meinem Pseudo-Heuschnupfen an. Aber da dessen Saison von Juni bis Oktober läuft, kann er es gar nicht sein. Bis Anfang Juni werde ich ihn ignorieren – was nicht so einfach ist, während ich andauernd niese.

    *

    Die idyllisch aussehende Kleinfamilie in der Ringbahn, bei der beide Erwachsene hingebungsvoll mit dem herzzreissend niedlichen Kleinkind spielten, unterhielt sich intensiv im italienisch bzw. französisch gefärbten Englisch über Unterhaltszahlungen von ihm an sie.

    *

    Es war ein finnisch beeinflusster Feiertag vervort von zwei schwäbisch-honkongisch beeinflussten Arbeitstagen.

    Rheingau

    Am Innsi, an der alten Wohnung versuchten ein Blaulicht-martinhornführender Krankenwagen in Ost-West-Richtung und ein Blaulicht-martinhornführender Feuerwehrwagen in Nord-Süd-Richtung einander auszuweichen. Die alte Wohngegend bot zweifellos mehr Unterhaltungswert als die neue, war aber auch anstrengender.

    In der Wiesbadener Straße, in der Nähe der neuen Wohnung, blüht ein Straßenbaumkastanienblütenmeer, um so imposanter angesichts der Größe alter Kastanienbäume.

    Noch ist es gewöhnungsbedürtig, wie schnell wir von der neuen Wohnung in wirklich grünen Wohngegenden Berlins wie dem Rheingauviertel sind. Ein Blick auf das Luftbild macht es eigentlich deutlich: Der Grunewald ragt von Südwesten her bis zur Ringbahn als grünes Stück quer durch die bürgerlichen Wohngegenden, die selbst auf dem Satellit viel grüner, weniger rot und grau aussehen, als Rest-Berlin. Am letzten Ausläufer dieser Grünüberlappung wohnen wir und betrachten Parkplatzfüchse.

    Nolle

    Nach Monaten der Sanierung der Zwischendecke fährt die U3 wieder ihre komplette Strecke. Endlich wieder direttissima nach Kreuzberg-Ost zum Görli, Kotti und Prinzi. Endlich kann ich in Schöneberg wieder in einen beliebigen Bus steigen, der mich zu einer Verbindung mit meiner Heimat-U-Bahn bringen wird.

    Und das beste: Die BVG sanierte im angekündigten Zeitrahmen. Natürlich nutzte ich die erstbeste Gelegenheit, die neu-alte-Strecke wieder zu erfahren, nahm den 106er bis zur Nolle und stieg in die Katakomben hinab.

    Die Strecke funktioniert wieder. Die Station ist nach der Zwischendeckensanierung wieder funktionsfähig. Allerdings hatte ich mir auch optisch als Ergebnis einer Deckensanierung in dieser Station mehr 19.-Jahrhundert-Historismus und weniger imporivisierter Versorgungstunnel vorgestellt..

    Schwaben

    Es galt ein Geburtstagsgeschenk zu überreichen. Um der Ehrwürdigkeit des Geschenks gerecht zu werden, sollte dies nicht am Bürorand geschehen. Die Karpfengruppe nahm dies als Anlass, wieder auszugehen. Wir suchten einen Italienier, der nicht nur Pizza und Pasta verkauft. Wir landeten beim Schwaben. bei Blanquette, Rumpsteak und Maultaschen.

    Es ging genug um Arbeit, um irgendwann zu entdecken, dass eine komplett andere Abteilung ein ähnliches Problem hat wie wir – vielleicht sogar gelöst – eventuell sollten wir sie sogar fragen – und genug um Privates um Kletterfelsen, Worshipkonzerte und AfD-nahe Verwandte und -Bekannte zu besprechen.

    DJ OneNote schuldete mir noch ein Bier. Und wie man es als guter Freund macht, suchte ich mir das teuerste Bier heraus, das die Karte zu bieten hatte: Der Biermeter.

    Von hinten links im Uhrzeigersinn: Zwickel, alkoholfrei, Ur-Paulaner (oder so), Paulaner Pils, Fürstenberg Pils, Hefeweizen

    Finnland

    Die Exkursionsgruppe Kultur traf sich im Felleshus der Nordischen Botschafen: Wir wollten das Geheimnis des finnischen Glücks erkunden. Ernsthaft glücklich heißt die Ausstellung, die von der Botschaft von Finnland in Zusammenarbeit mit Visit Finland und dem Happiness Experience Museum in Helsinki veranstaltet wurde.

    Angekündigt wurde die Ausstellung als Beitrag zur Frage, warum Finnland seit Jahren zuverlässig jedes Jahr den World Happiness Index anführt.

    Es war netter Vormittag. Die Ausstellung zeigte, was an Finnland sympathisch ist: Schüler*innen-orientierte Schule, klares Design mit Holz, Wald, weiten Abstand zu anderen Menschen, Pinienduft und Zimtschnecken.

    Tiefere Fragen blieben aus: „Wie schafft es ein Land, das glücklichste zu sein und gleichzeitig Europa in Suizidraten und Drogentoten anzuführen?“, zum Beispiel ist eine ziemlich offensichtliche Frage, die weder gestellt noch gar beantwortet wurde. Dafür waren die Veranstalter vermutlich falsch.

    Außerdem wissen wir ja, dass der finnische Weg zum Glück der Verzicht auf Salz und Gewürze ist. Eat as bland as you can, oder so.

    Wir aber hatten einen sehr netten Feiertagsvormittag inmitten von viel Holz, ausgesprochen schickem Design, Traummöbeln und Kardamonschnecken.

    Lautsprecher als/mit Baum. Laut Prospekt auch zum Umarmen.

    Neukölln

    In Schöneberg schloss das European Headquarter von Böregcegi oder so ähnlich. Das ist kulinarisch bedauerlich, weil es dort vortreffliche Teigwaren gab. Aber die Gegend wird es angesichts der 14 türkischen Schnellimbisse, Bäckereien und Frühstücksläden, die sich in 80 Metern Umgebung befinden, verkraften.

    Im Kindl Boulevard schloss das Afghanische Festmodengeschäft. Das ist eine kleine Katastrophe. Enthielt dieser eine Laden doch ausreichend Farbenfreude, Überschwang, Exaltiertheit und Üppigkeit, um für ein komplettes sonst leerstehendes Einkaufszentrum zu reichen.

    Jetzt muss das Jobcenter ganz am Ende der Passage als Ort der Vitalität herhalten. Der Weg führte mich wieder zur athmosphärischten halfdead Mall Berlins, denn an ihrem Ende liegt das stilistisch unyorckigste der Yorck Kinos. Im manchmal-OV-Kino Rollbergkinos lief die Asien-Reihe in the mood1. Filme, die mir vorher komplett fremd waren, aus denen ich bisher aber immer mit großem Gewinn herausging. Am Dienstag: Comrades, almost a love story.2

    True sign

    Hongkong

    Erwartet hatte ich eine Hongkongromcon; eine RomCom (Romantic Comedy), die in Hongkong spielt. Ich bekam sie, aber in einer tieferen, emotionaleren, schöneren Form. In der Boy-meets-Girl-Geschichte verbirgt sich

    • ein Film über Migration
    • über den Versuch, verschiedene Lebensentwürfe kompatibel zu machen
    • die Schwierigkeit, Träume zu leben ohne dabei andere Menschen zu verletzen
    • die Sängerin Teresa Teng
    • den Wunsch nach Zukunft bei Verhaftung an der Vergangenheit
    • die wilden Jahre Hongkongs in den 1980ern als die Briten verschwanden, die Festlandschinesen der Volksrepublik aber noch nicht da waren

    Figuren

    In einem McDonalds treffen sich Li Xiao-Jun und Li Qiao3 – er als verpeilter Festlandschinese bei seinem ersten McDonalds-Besuch, der Probleme hat „Hamburger“ und „Coke“ auszusprechen, sie als weltläufige leicht arrogante Bedienung aus Hongkong, die ihm das alles genervt erklärt, um ihn am Ende noch an eine Scam-Sprachschule zu vermitteln, von der sie Provision bekommt.

    Der Zuschauer*in fällt an dieser Stelle vielleicht auf, dass sie in all‘ ihrer Weltläufigkeit bei McDonalds arbeitet und in der Sprachschule putzt – dass vielleicht nicht alles so glänzend ist, wie sie sagt. Dem planlosen Li Xiao-Jun bleibt es vorerst verborgen.

    Einsamkeit treibt sie zueinander. Aber auch die Chance, die sie sieht, Li Xiao-Jun als naiven Helfer für ihre zahlreichen Geschäftsideen einzuspannen. Denn Li Qiao ist genauso frisch aus der Volksrepublik in Hongkong angekommen wie Lai – sie aber möchte groß hinauskommen, um eine Hongkong-Woman von Welt werden, während er nur genug Geld als Koch verdienen möchte, um seine Freundin nachzuholen.

    Der Ort, die Welt

    Der Film entstand 1996, ein Jahr bevor Hongkong an die Volksrepublik übergeben wurde und absehbar viel von seiner Eigenständigkeit verlieren würde, spielt größtenteils 1986/1987 als diese Hongkongness in voller Blüte stand, die Stadt zahllose Chinesen anzog, die hier ihr Glück versuchten.

    Beide zeigen Zerrissenheit zwischen ihrer Herkunft und der Weltmetropole. Li Xiao-Jun hin- und hergerissen zwischen seiner Freundin/Verlobten Xiao Ting und Li Qiao, Li Qiao selbst hin- und hergerissen zwischen dem einfach-direkten Li Xiao-Jun und all den Gelegenheiten, die Hongkong bietet. Sie treffen sich emotional bei ihrer gemeinsamen Liebe für die chinesische Sängerin Teresa Tang – von der kein*e Hongkonger*in je zugeben würde sie zu mögen aus Angst für eine*n Festlandschines*in gehalten zu werden.

    Gerade Maggie Cheung als Li Qiao spielt atemberaubend: Mit der Energie, Selbstbeherrschung und Toughness, die jemand ausstrahlen muss, der es „schaffen“ will, nur leicht zurückgenommen, in den Momenten in denen sie sich öffnet, einsam, melancholisch oder voller Liebeskummer.

    Habe ich geweint? Vielleicht ein bißchen.

    Links

    ##

    Hach, ein Bücherregal mit Daniil Charms und Isaak Babel: Bücherliebe – 4 –

    ##

    Komplimente für’s Leben zu behalten: “Sie sind aber auch toll abgerollt!” (weiter hinten auch noch mit Prinzenbad-Feature-Link-Empfehlung)

    ##

    Frau Herzbruch auf Curaçao – Teil 1, und Teil 2 und Teil 3.

    ##

    Kein Wunder, dass es draußen kalt ist: Die Filmfestspiele in Cannes beginnen. Wie schon letztes Jahr, die Blogosphären-Canneskorrespondentin Christiane gibt alles: Dies und das Anfang Mai.

    ##

    Die S-Bahn fährt durch die Dunkelheit. Die Straßenlaternen leuchten noch vergeblich gegen die Finsternis an. Sie wirken wie Teiche aus gelben Licht, um die sich die durstigen Schatten sammeln. Doch bald wird wohl die Sonne aufgehen und die Nacht vertreiben. Die Nacht weiß das, weswegen sie sich noch trotzig an die Welt klammert.

    Anmerkungen

    1. Falls jemand hier zufällig Kontakt zur Kinokette hat – ich würde gerne platzieren, dass sie dringend eine Bollywood-Reihe starten müssen. ↩︎
    2. Yorck-Unlimited-Besuch No. 24 – 9,92€ pro Besuch. ↩︎
    3. Ich stelle gerade fest, dass die englischen Untertitel des Films eine vollkommen andere Umschrift der chinesischen Namen haben als der englische Wikipedia-Artikel. Das macht mich fertig. Beispiel: Li Qiau (Film) ist laut Wikipeida Lee Kiu. ↩︎
  • 26-05-11 Nebelkrähe: Eins

    26-05-11 Nebelkrähe: Eins

    Sind Phantomrosendornenstiche möglich? Ich bin mir sicher, alle Rosenteile aus der Hand gezogen zu haben, dennoch reagiert der linke Zeigefinger als steckte dort ein Dorn.

    *

    Warum Michael-Jackson-Biopic und nicht Moondog-Biopic?

    *

    The Fahrradbestellung has left the Fahrradmeister. Nachdem wir beide noch mehrfach darüber schliefen, haben wir uns final geeinigt. Er wird mich informieren, wann das Rad kommen wird.

    Madame nutzte derweil ihr vorhandenes Fahrrad um den Maschinen-Woll-Teppich-Mini von Teppichreinigung Abbasi wieder abzuholen.

    *

    The Wikicon-Anmeldung has left my computer. See you vom 18. bis 20. September in Regensburg.

    *

    Es war ein latifundinisches Wochenende und ein durch dieses inspirierter baumarktbesuchender Arbeitsmontag.

    Zur Begrüßung Nachtigallendröhnen, darunter aus der Ferne klingend: Ein Kuckuck

    Schon auf dem Weg zum Grundstück: Landluft. Aber seit wann riecht diese nach Verwesung? Erst als Madame „Apfelessig“ sagte, fiel es mir auf. Das ist es! Fermentiertes wurde auf den Feldern verteilt.

    Neben dem Geruch, das Geräusch: Mehrere wild lärmende Nachtigallen um 20 Uhr übertönten den sanft und allein rufenden Kuckuck .. Kuckuck.

    Es ist eine gefährliche Zeit für den Rasenmähermann. Das Gras wächst tageweise mehrere Zentimeter, die meisten Stauden und ähnliche Pflanzen wachsen langsamer, sind noch unbeblüht-grün. Wie leicht überragt das Gras die daneben stehenden Wunschpflanzen. Wie ähnlich sehen sie sich noch. Wie leicht gerät eine Staude, eine Rose, ein kleiner Kirschbaum, unter die Messer.

    Bisher aber schien alles glatt zu gehen. Das Mähwochenende war zum Glück ein entspanntes. Seit Montag freute ich mich darauf, ein ganzes Gartenwochenende zu haben, ganz ohne Aushäusigkeiten, mit dem einzig vage verpflichtenden Termin des Geschäftsschlusses vom Schweinenackenverkaufswagen.

    So konnte ich den Rasenmäher langsam, entspannt und voller Liebe an den Stauden vorbeischieben. Ich sah Madame beim Abstechen zu; ich versuchte die Alten Rosen freizulegen, die Madame schon freigelegt hatte, fröhnte meinem Dauerhobby des Brennesselausgrabens, sah Madame beim Frühjahrputz zu, verbrannte pilzgefährdeten Rosenschnitt, schritt, schlenderte, döste, schlief, tagträumte und las.

    Manchmal versuchte ich der Hornissenkönigin zu telepathieren, dass die dachpappebedeckte Stelle zwischen Bungalowtür und Schuppentür wirklich ungeeingnet für ein Nest ist, und sie bitte weiterziehen möge.

    Elster: Zwei

    Wir beteiligten uns an der Stunde der Gartenvögel. Also eigentlich haben wir auf der Terrasse gefrühstückt, und versucht, uns zu merken, welche Vögel wir dabei von 10:30h bis 11:30h sahen.

    Das ist natürlich extrem uneffektiv, weil es sehr effektiv ist, Vögel zu verscheuchen und auf Abstand zu halten, indem mensch sich bewegend auf eine Terrasse setzt.

    Auch war es vermutlich nicht hilfreich, dass wir uns die Vögel zwar merkten, sie aber nicht weiter meldeten. Hätten wir sie gemeldet, wäre das unser Meldebogen gewesen:

    • Nebelkrähe: 1
    • Ringeltaube: 1
    • Spatz: 3
    • Elster: 2
    • Rotmilan: 1
    • Storch: 1
    • Kleiner brauner Vogel, der sich zu weit weg zu schnell bewegte, um ihn zu erkennen: 2

    Hummeln, Hornissen, Schwebfliegen zählen ja leider ebenso wenig wie Vögel, die wir nur hören aber nicht sehen. Auch fehlten Amsel, Fink und Star, die sich vor 10.30h oder nach 11.30h zeigten, ebenso wie die nur hörbare Mönchsgrasmücke und natürlich Nachtigallen und Kuckuck.

    Hellgrüner Bus: Vier

    Am Südkreuz-Vorplatz hätte ich mit der Stunde der Bahnhofsbusse weitermachen können:

    • Hellgrün (Flixbux): 4
    • Rot (Gecharteter Reisebus): 1
    • Dunkelgelb (RegioJet): 1
    • Hellgelb (BVG): 2

    Wie auch bei den Vögeln zählt die Zahl der gleichzeitig gesehen Exemplare.

    Ich aber wollte gar nicht Bus fahren, sondern eine neue Verbindung testen: Irgendeine S-Bahn nach Süden, dann Höhe Insulaner den M76 nach Westen. Dann zum Baumarkt. Dann den 186 weiter nach Westen. Dann mit der U3 wieder nach Norden zur Wohnung.

    Zwischen M76 und 186 flüchtete ich mich vor einem Platzregen in die BioCompany. Und wo ich schon da war, kaufte ich Cookies, Schokolade und Milch. Zurück in der Wohnung erwartete mich Madame mit ihren unabgesprochenen Einkäufen: Cookies, Schokolade und Milch. Aber immerhin andere Sorten. Und sie hatte auch Blumenkohl und Lauch dabei.

    *

    Beim Fahren mit unbekannten S-Bahnen entdecke ich unbekannte Berliner Ortsteile: Blankenfelde und Blankenburg. Beide Namen habe ich als S-Bahn-Haltepunkte sicher schon hunderte Male gelesen und hunderte Male entschwanden sie wieder meinem Hirn.

    Ich versuche mir zu merken: Blankenburg liegt im Norden, Blankenfelde im Süden. Auf der Standard-Landkarte ist Blankenburg also oben auf der Karte, Blankenfelde weiter unten. Oder: Die weiße Burg thront über das weiße Feld.

    Von Hühnerrupferinnen und Pferdeschweifdieben

    Auf der Terrasse, dem Sofa und im Bett las ich: Abraham Karpinowicz: Die phantastische Theorie vom Schuster Prenzik, ein Buch, das über eine haselantische Empfehlung und via der Berliner Bibliotheken in mein Leben kam.

    In jeder Hinsicht eindrucksvoll.

    Lambert Schneider, Gerlingen

    Das Buch enthält eine Auswahl der Geschichten von Abraham Karpinowicz (geb. 1918 in ווילנע (Wilne) / Vilnius / Wilna / Вільня (Wilnja), gest. 2004 in Tel Aviv), die dieser ab 1946 für mehrere Jahrzehnte auf Jiddisch verfasste. Die Geschichten spielen durchweg im jüdischen Wilne.

    Das Buch erschien 1995 beim Verlag Lambert Schneider in Gerlingen, der zu dieser Zeit von Heinz Max Bleicher geleitet wurde, der wiederum ein Bundesverdienstkreuz für sein ehrenamtliches Engagement der christlich-jüdischen Zusammenarbeit erhielt.

    Als das Buch erschien, interessierte es quasi niemand.

    Zum Glück für Karpinowicz Nachruhm und für die Welt erschien 2016 in den USA eine englische Übersetzung seiner Geschichten unter dem Titel Vilna My Vilna. Diese hinterließ mehr Eindruck, sammelte Preise ein und wurde als szenische Lesung umgesetzt. Sie lässt hoffen, dass Karpinowicz nicht ganz im Vergessen entschwinden wird.

    Leijke die Schwarze und Elinke der Große

    Die Geschichten, hach ich bin hin und weg. Sie spielen im jüdischen Wilne, im Kreise derjenigen, die über die Runden kommen: die Frauen, die mal Prostituierte sind, mal Kellnerinnen und mal Hühnerrupferinnen, der Pferdeschwanzdieb, der sich dann zwangsweise auf Rosstäuscherei verlegt, der Friseur hin- und hergerissen zwischen seinen revolutionären Friseurgesellenfreunden und seinem Traum, einmal selbst einen kleinen Salon..

    Leijke die Schwarze, Tamara die Große, Hirschel der Zigeuner, Selik der Wohltätige, Sjomke der Reporter, Awrem, der Anarchist und Gebrauchtwarenhändler, der Schuster Prenzik, der die Welt verändern will und der Einsame vom Club der Meschuggenen, der jüdisches Geld einführen will. Sie sind verworfen in der Welt und wollen doch anständige Gauner bleiben.

    Genauso aber spielt Wilne eine Rolle: die Kneipe von Itzke dem Gelben, der Verein von der Goldenen Fahne, die Deutsche Straße, die Parks und die beiden Stadt-Flüsse Wilije und Wilenke. Die Stadt lebt.

    Erzählt ist es in einer fast märchenhaften Erzählweise, die klar der Stadt verbunden bleibt, aber beinah den Eindruck erweckt, dass sie in einer immergültigen Zeit jenseits normaler Zeitrechnung spielen. Erst beim genauen Lesen bemerkt man das Wilne der 1920er/1930er. Die zur damaligen Zeit polnische Stadt, die revolutionären Umtriebe und das nahe kommunistische Russland, die Hoffnung auf einen jüdischen Staat, der jüdisches Geld benötigen wird. Aber die Zeichen der Zeit bleiben schwach. Zu stark ist die Aura der Jahrhunderte des jüdisch-städtischen Lebens in der Stadt.

    Nur manchmal wird die Zeit deutlich: Wenn die Deutschen mit Panzern kommen und Tamara die Große und viele Andere erschießen. Denn seitdem existiert Wilne nicht mehr.

    Links

    ##

    poupou stellte Banane-Mohn-Eis in der Creami her.

    ##

    Angela und Holger sind derweil in Asturien angekommen.

    ##

    Der große Sohn einer Bekannten arbeitet im neu geöffneten Erdbeere-Stand und hat den Führerschein gemacht. Eben waren sie noch klein, jetzt tragen sie Erdbeerjacke und brauchen einen eigenen Parkplatz.

    ##

    kubiwahn ist zurück in Wilhelmsburg nach 42 Jahren.

    ##

    Ich stehe mit dem Weckerwecken auf. Im Radio sagt die eine Frau, sie hab Aioli gegessen und ich möchte mich direkt wieder hinlegen.

  • 26-05-09 cellphones are NOT REAL

    26-05-09 cellphones are NOT REAL

    Auf der Kreuzung: Sushi.

    Lachs und Reis hielten noch zusammen, wirkten aber verloren auf der schwarzen Fahrbahn.

    *

    Für mehr Zylinder mit Totenkopfmotiven in der Bahn. Für mehr Transport von duftendem Obst.

    In der Ringbahn: Ein Radfahrer mit leicht blutendem Finger stieg ein, sofort sprang eine Reisende mit Rollkoffer auf und bot ihm ein kleines Pflaster aus ihrem Vorrat.

    *

    Madame übersetzte einen Liszt-Sonaten-Artikel für Wikipedia.

    *

    Die neuen Saisonkräfte für die Freibadsaison arbeiten sich ein. Es ist mir seit Jahren nicht mehr passiert, dass ich in dieser meinen Organisation ganz leicht von oben herablassend gesiezt wurde.

    Im Schwimmbadfoyer, ein Erwachsener fragte ein kleines Mädchen, ob sie noch ein Schwimmabzeichen machen wird. Sie, sehr schüchtern: „Ich kann nicht. Ich hab schon Silber.“

    *

    Der Parkplatzfuchs ist jetzt zwei Füchse. Donnerstagabend entdeckte ich großen Fuchs und eine halbe Länge schräg dahinter einen kleinen Fuchs, auf dem Parkplatzgarten. Wie schön.

    *

    Es waren zwei klavierkonzertfreie Arbeitstage zwischen Neukölln und Hohenschönhausen.

    Die Auferweckung der reitenden Leichen

    Nach dem netten Schreibwettbewerbswochenende überlege ich, mal wieder an der Wikicon teilzunehmen. Die liegt ausnahmsweise nicht an meinem Geburtstagswochenende, sondern findet vom 18. bis 20. September in Regensburg statt.

    (Hinweis: Auch wenig oder nicht-Aktive Wikipedia-Interessierte sind sehr willkommen).

    Wenn ich schon hinfahre, kann ich auch etwas anbieten. Derzeitig unter dem Arbeitstitel: „Die Auferweckung der reitenden Artikelleichen.“ Es soll eine Art Workshop werden (vor Ort, vermutlich mit Vorbereitung schon online onwiki), zum Thema „Wichtige Artikel, die sehr schlimm veraltet sind.“

    Leider hat Wikipedia mehr dieser Artikel als die Community jemals wird überarbeiten können.

    Deshalb der Workshop: Ziel ist es zu erarbeiten, welche der Artikel den größten Schmerz verursachen. Ziel soll es sein, einerseits eine Einigung zu haben, was am meisten Schmerz verursacht (Zentraler Artikel, Aktuelles Thema, keine Quellen, Inhaltlich stark veraltet) und eine Liste mit 10 am meisten schmerzenden Artikeln.

    Mit dem Ziel: Wir zeigen uns auf der Wikicon 2027 wie stark sie sich verbessert haben.

    Hohenschönhausen

    Ende letzter Woche war das Bundesfinale Jugend trainiert für Olympia in Berlin. Ich merkte dies, weil ich meine Tram Richtung Sportforum Hohenschönhausen mit diversen Gruppen Jugendlicher mit Jacken wie Sportland NRW oder Team Schleswig-Holstein oder „schwarz-aber-auf-einem-Koffer-steht-handschriftlich-Cottbus“ teilte.

    Mit mir zusammen reisten die besten Schul-Jugendhandballmannschaften Deutschlands in der Tram an. Denn das Sportforum hat nicht nur eine Schwimmhalle des Olympiastützpunktes Schwimmen (mein Ziel), sondern auch eine Eislaufbahn, eine Bogenschießanlage, eine Rollschuhbahn und eine große Sporthalle zum Beispiel für Handball.

    Ich aber wollte weder Handball spielen noch schwimmen, sondern mal wieder in ein Büro. Der eigentliche Grund meiner Anwesenheit lief erfreulich schnell und glatt ab, und weil ich gut in der Zeit lag und es Freitagmittag war und die BBL (Badbetriebsleitung) super ist, bekam ich noch eine kleine Führung durch die Anlage:

    • Mit dem großen 50-Meter-Becken
    • Und dem Sprintbecken für Startübungen
    • Und der Gegenstromanlage
    • Und dem ehemaligen Sprungbecken und und dem anderen ehemaligen Sprungbecken
    • Und der ehemaligen 50-Meter-Schwimmhalle in deren umgebauten Ex-Becken jetzt die Bogenschützen trainieren
    • Und dem Technikkeller: größflächiger und heller als in „unserem“ Bad, aber mit all den Rohren, Pumpen, Filtern und Leitungen immer wieder faszinierend.
    • Sehr faszinierend: Die Leinensäcke: Die Bahnleinen hängen unter dem Becken in großen Säcken und können von oben herausgezogen werden.

    Nur schwimmen dort wird schwer. Für Training am Olympiastützpunkt reicht es bei mir nicht.

    Karl-Marx-Döner

    In der U-Bahn-Station Karl-Marx-Straße in Neukölln eine Kunst-Installation, irgendwas kritisches zur neuen Zeit mit Handies und Handy-Hüllen und so. Groß wird es allerdings erst, wenn die Installation in direkten Dialog mit ihrer Umgebung, einer Neuköllner U-Bahn-Station tritt, und zweisprachig verkündet „cellphones are NOT REAL / handy sind ATTRAPPEN“.

    Vorher: Karl-Marx-Straße. Beste Hauptstraße Neuköllns; weniger langweilig als die Hermannstraße, diverser als die Sonnenallee, Karl-Marx kann Hipster und little Arabia gleichzeitg.

    Vorher: Der türkischsprachige Film hatte mich inspiriert, ich setzte mich in einen Dönerstand, aß ganz hervorragenden Döner und freute mich am älteren enthusiastischen Alleintouristen aus Süddeutschland, den das alles etwas überforderte, der aber mit großer Begeisterung seine Halal-Currywurst aß.

    Vorher: Saal 3 im Passage-Kino. Der große Fernsehsaal. Ich werde mir merken, in diesem Saal nur noch die ersten drei Reihen zu buchen. Berlinale-2026-Gewinner Gelbe Briefe von İlker Çatak lief im After-Work-Kino um 18.10h.1 Ein Film, der viele Vorschusslorbeeren einsammelte, meinem Eindruck nach nach seinem echten Kinostart aber eher sang- und klanglos versackte.

    Ich verstand warum.

    Ein Film über Staatskunst

    Gelbe Briefe hat zehn richtig gute Minuten. Leider muss man knapp zwei Stunden auf sie warten, und der gute Filmpart kann sich nicht bis ins Ende retten.

    Gelbe Briefe handelt von einem Künstlerehepaar (Sie, Derya: Schauspielerin, Er, Aziz: Drehbuchschreiber mit Unilehrstuhl), die in einer autorität regierten Türkei leben. Genaue Details zum politischen System bleiben eher vage.

    Sie eiern sich so durchs System wie es die meisten Menschen machen würden: Mit genug Meinung, um noch in den Spiegel sehen zu können, aber angepasst genug um noch auf der „richtigen“ Seite der roten Linie zu sein, es reicht für die Stelle am Nationaltheater und an einer staatlichen Universität.

    Dann passiert etwas Politisches im Hintergrund. Die rote Linie verschiebt sich. Plötzlich finden sich die beiden auf der falschen Seite wieder. Sie verlieren Jobs und Wohnung, sie ziehen zusammen mit ihrer 14jährigen Tochter Ezgi zu seiner Mutter in die Wohnung nach Istanbul und eiern dann dort genauso herum, nur unter finanziell schlechteren Umständen.

    Verpasste Chancen

    (1) Er könnte das Herrschaftsinstrumentarium zeigen, wie sich die Schlinge um sie zusammenzieht, wie Freunde auf Abstand gehen, die Familie sich in Sicherheit bringt etc.Das passiert nicht: Die Schilderung des Downfalls bleibt schematisch,. Ihr gesamtes soziales Netz bleibt erhalten. Die Kleinfamilie beginnt Streit untereinander, aber nie so sehr, dass es bedrohlich wirkt, immer mehr: so streiten halt Familien. Ja, vom Unilehrstuhl zum Taxifahrer ist ein Fall. Aber ich konnte den Gedanken nicht ablegen, dass es genug Künstler gibt, die auch ganz ohne autoritäte Regime Odds Jobs arbeiten müssen, um ihr Leben zu finanzieren.

    (2) Der Film könnte das Rumeinern thematisieren. Also: wieviel Stolz ist möglich? Wieviel ist nötig? War ihr Verhalten vor dem Absturz eigentlich okay? Wie gehen sie mit der Situation um? Das Thema steht eigentlich im Raum, wird aber nie so wirklich thematisiert. Einige alte Weggefährten, schon länger auf der „falschen Seite“ sprechen es kurz an, nie aber wird es wirklich Thema.

    Nur zehn Minuten lang, Derya bekommt ein Angebot als Hauptrolle in einer erschlechten Soap Opera, wenn sie Präsidentenfeindliche Social Media Posts löscht, wird es thematisiert: Wie steht Selbsterhalt und Unabhängig im Verhältnis zu politischen Prinzipien? Ist es Politik was Aziz macht oder nur Ego? Die beiden streiten direkt vor der Tochter, und es wird spannend. Die Tochter rennt davon und Aziz wirft sofort alle Prinzipien über den Haufen, um Kontakte zur Polizei zu nutzen, um die Tochter zu finden.

    Da tut es mal weh, da wird nicht nur geeiert.

    Und nachdem Ezgi wieder gefunden wurde, haben sie alle wieder lieb und eieern halt weiter durch ihr Leben.

    Mein Bauchgefühl ist, dass Çatak zu viele türkische Freund*innen hat, denen ähnliches wiederfuhr und die ihm gegenüber seinen Filmfiguren zur Beißhemmung führten. Irgendwie ist der Film dauerhaft zu nett zu ihnen.

    Links

    Im Nu hatte ich meine stets bereite Wikipedia-Präsentation (Obsidian) gezückt

    ##

    Juna bei einer Kurator:innenführung für Internetmenschen im Deutschen Historischen Museum: Ausstellungsbetrachtung: Objekte. Geschichte. Geschichten. Blick in die Sammlung des dhm Berlin

    ##

    Wir hörten ein rauschendes Klavierkonzert. Nein, anders: Wir versuchten ein Klavierkonzert in Deutschlandfunk Kultur während der Fahrt zu den Latifundien zu hören, das UKW-Rauschen des Autoradios machte aber jedes Hören zunicht. Zum Glück leben wir im Zeitalter der Mediatheken: Marc-André Hamelin beim Berliner Klavierfestival

    ##

    Wo wir bei Hamelin sind: ein Fundstück. Hamelin erklärt auf Youtube warum nahezu unspielbare Stücke nahezu unspielbar sind: Super-Virtuoso Breaks Down 9 Impossible Piano Pieces (ft. Marc-André Hamelin)

    ##

    was es alles nicht mehr gibt in der großen stadt [Berlin]. eine unvollständige liste.

    Anmerkungen

    1. Yorck Unlimited No. 23 – 10,35€ pro Kinobesuch. ↩︎

  • 26-05-07 He reads

    26-05-07 He reads

    Madame las Fernuni im Volkspark. Später filmte sie den Fuchs.

    *

    Auf der Kreuzung eine Nachtvermessung. Ein oranger Mann mit Messgerät, ein oranger Mann mit Stab, der vom Messgerät anvisiert wurde. Der Stab erhellte die Kreuzung im funky Leuchtdesign.

    *

    Die erste Rolltreppe am Südkreuz ist repariert. Leider an einer Stelle, die mir nichts nutzt. Aber wenn die Deutsche Bahn in dem Tempo weitermacht, ist sie schon Anfang 2028 mit allen defekten Rolltreppen durch.

    Immerhin ist der Dönerstand jetzt wieder unter 100 Treppenstufen erreichbar.

    *

    In der S-Bahn. Zwei Jungs, noch in Trainingsjacke vom Rugby-Club, unterhalten sich ob ein Ring eine geometrische Figur sei und ob die eher achteckige Ringbahn nicht falsch benannt ist, und Achteckbahn heißen müsste.

    Ein Pärchen, das mir in Kleidung und Akzent sagte „Wir-sind-british-upper-class-aber-in-cool“ zerstritt sich bis auf Tränen über die Frage, ob sie jetzt in Tempelhof umsteigen oder nicht.

    *

    Es waren drei Arbeitstage mit Klavier-Hochamt und New-York-Backalleys auf 35mm anamorphic.

    Parkplatz-Garten-Nacht-Goldregen

    Motten in Masken

    Die Verkaufserdbeere am Südkreuz begann Erdbeerverkauf mit famos erdbeerig schmeckenden Erdbeeren für 30 Cent das Stück (= 6,60€ für ein Pfund).

    Madame fuhr in den Süden. Dort kaufte sie ein. Noch müssen wir uns daran gewöhnen, mit der U-Bahn eine Station in die „falsche Richtung“, Richtung Vorstadt zu fahren, und dort BioCompany, Buchhandlung und Fleischerei zu finden. Das funktioniert, fühlt sich aber komisch an.

    Auf den Latifundien sammelte Madame einen weiteren kleinen Erbteppich für Teppichreinigung Abbasi ein. Der Teppichreiniger konnte sich nicht mehr an Wohnung-in-Schwimmbad erinnern. Aber sofort erinnerte er sich an „Ah, der Woll-Kazakh!“. Entgegen unseren Vermutung war der kleine latifundinische Teppich gar nicht aus Polyester, sondern besteht auch aus Wolle, wurde aber maschinengeknüpft, und wird bald sauberer sein.

    Überhaupt besser werden Schals und Handschuhe sein. Im Alt-Corona-Stoff-Masken-Schal-Handschuh-Vorrat entdeckte Madame einen Rückzugsort der Kleidermotte, entsorgte einen Teil der Sachen und ihrer Behältnisse. Der andere Teil darf ein paar Wochen in den Tiefkühler.

    Hochamtlich

    Das erste Berliner-Klavierfestival-Konzert wurde im Radio ausgestrahlt und liegt jetzt in der Mediathek: Rhythmusgötting Sophia Liu. Der Kaptain hörte bereits via Alexa.

    Während des Klavierfestival noch nachklingt, überstürzen sich die Kulturereignisse. Diesmal in besonders schnellem Wechsel. Nach dem Mittwochs-Festival-Hamelin folgte ein Montags-Philharmonie-Sokolov. Mein erster mündlicher Eindruck war „Es war anders“. Was einerseits nichtssagend ist, andererseits untertrieben, aber vor allem vollkommen korrekt. Bei Hamelin und Sokolov handelte es sich theoretisch um dasselbe Genre, Klavierkonzert. Aber alles war anders. Sehr.

    Statt im kleinen Saal im Konzerthaus (300 Plätze), waren wir im großen Saal der Philharmonie (2400 Plätze). Statt Nehru-Jacket (Stephen Hough) oder Flatterhemd (von Eckhardstein) trug Grigori Sokolov Frack. Statt Stücken aus den entlegenen Ecken des Repertoires waren es Hauptwerke von van Beethoven und Schubert. Und das war erst der Anfang.

    Sokolov ist laut diversen Internetseiten, laut Le pianiste und laut Madames Klavierfestival-Freunden der künstlerisch bedeutendste Pianist, der derzeit auf der Erde wandelt. Er gibt keine Konzerte, er zelebriert Klaviermessen. Wo das Festival sich immer ein wenig nach familiären Arbeitstreffen anfühlte, so „kann dieses Stück überhaupt von einem Pianisten dieser Welt gespielt werden“ war das hier reine Zelebration, und ein komplett anderer Stil.

    Hatte ich bei Hamelin immer das Gefühl, er spielt 20 Töne aus drei Takten gleichzeitig und ich kann sie alle einzeln wahrnehmen, erzeugte Sokolov einen Klang; der dann ein wenig in der Luft hängen durfte bevor der nächste Klang kam. Das war auf seine Art eindrucksvoll, aber ich ertappte mich bei dem Gedanken: „Könnte ich vielleicht die Passacaglia von letzter Woche nochmal hören?“

    Bis die Zugabe kam1. War das alles bis dahin sehr schön und sehr gesetzt, drehte Sokolov richtig auf. Der Klang hing nicht mehr nachhallend im Raum, er flog. Aus dem „wir-klatschen-begeistert-weil-wir-hier-sind“ wurden bei Zugabe 2, einem Brahms-Intermezzo, hingerissene Standing Ovations des Publikums2.

    Insgesamt hörten wir sechs Zugaben, ich verstand wie Sokolov zu seinem Ruhm kam.

    Unlimited hier, unlimited dort

    Kaum habe ich ein Kino-Abo, entdecke ich lauter weitere davon. Nach MUBI+Go und der UCI Unlimited Card, entdeckte ich das Cineville-Abo. Wäre ich nicht schon bei Yorck Unlimited wäre das eine Alternative. Ein Abo (20€/Monat) für zahlreiche Indie-Kinos bundesweit, von Braunschweig bis Freiburg, darunter das legendäre Hamburger Abaton oder die Kölner Filmpalette, in der ich noch letzten Freitag war.

    Auch in Berlin sind 14 Kinos dabei. Alles spannende Orte; aber halt ohne die Yorck-Kinos und für mich überwiegend ungünstig gelegen. Ich bleibe wo ich bin und ich nutze Yorck Unlimited.

    Ich war im Kino. Die eklektische Klassiker-Überraschungsreihe Best of Cinema brachte Three Days of the Condor, von 1975 von Sydney Pollack mit Robert Redford und Faye Dunaway ins Kant-Kino3.

    Ein Film von 1975

    Um mit dem Tiefpunkt anzufangen. Der Film ist sehr 1975 und kreist um seinen Hauptdarsteller. Die einzige relevante Frauenrolle (Kate / Faye Dunaway) kreist um diesen Hauptdarsteller. In diesem Film in der ganz besonderen Variante:

    „Irgendein Typ entführt mich mit auf der Straße mit einer Waffe, fesselt mich in meiner eigenen Wohnung und redet ziemlich wirres Zeug. Natürlich habe ich mich sofort in ihn verliebt.“

    Was auch sonst?

    This was the world I was born into.

    Ein Film über die C.I.A.

    Im Film geht es um das zynische Innenleben eines Geheimdienstes.

    Der Plot trägt den Film, sollte aber generell nicht allzu genau betrachtet werden.

    Wichtig ist: Alle Beteiligten auf allen Seiten arbeiten für die CIA, bei steter Unsicherheit wer gerade auf welcher Seite ist. Noch wichtiger: Die Hauptfigur Joe Turner (Redford) ist kein Agent, sondern ein „Reader“ – jemand, der für die CIA Romane in entlegenen Sprachen liest und Plot-Points sowie Verfahren in einen Computer füttert – also ein literarisch interessierter Nerd.

    Auf die konsternierte Frage eines CIA-Chefs hin, wie Turner ihnen immer noch entkommen kann, lautet die Antwort „He reads. He knows things.“

    Ein Film in New York

    Vor allem verkörperte der Film seine Zeit und seine Stadt. Männer tragen noch Krawatten, aber unter Pullundern in wilden Farben mit braunen Ledersackos und Cordhosen. Die Haare sind selbst bei der CIA länger, die Kragen groß. Einige Offiziere der CIA können sich noch an die Zwischenkriegszeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg erinnern.

    Im Büro steht ein großer Desktop-Computer mit winzigem Display in grün-schwarz, daneben Fernschreiber, Bücher, Schreibmaschinen. Die Zeiterfassung läuft über ein Buch.

    Die New Yorker Seitenstraßen sind voller Straßenkreuzer mit gelegentlichen VW Käfern. Joe Turner selbst fährt Fahrrad, Kate einen Geländewagen, der so aussieht als hätte er noch im Koreakrieg gedient.

    Joe ist nicht nur Reader sondern auch Hacker. Mit Spezialgerät flüchtet er sich in einen Leitungskeller, schaltet Telefonleitungen zusammen und kann anhand der Pieptöne ermitteln, welche Nummer angerufen wurde.

    Unterlegt ist es von Dave Grusins funky-souligem Soundtrack, einschließlich des besten aller Songtitels Sing Along with the C.I.A.

    This was the time the modern world as we know it was born.

    Stilistisch durchaus passend: Kant-Kino Saal 1

    Straßenquerungsdresscode

    ##

    Straße überqueren für Anfänger*innen und professionell.

    ##

    Die Kaltmamsell beendete die Ära des Kommentierens in ihrem Blog.

    ##

    Prüfungen in Zeiten von KI und allumfassender Mobildaten: Schülern ist zum ersten Mal zur Prüfung ein gewisser Dresscode vorgeschrieben worden. Alles mit Knöpfen oder Kapuzen ist verboten.

    ##

    Ich lag auf dem Rücken auf einer Decke, schaute in die Äste eines Baumes mit Zapfen dran, dahinter blauer Himmel. Eventuell bin ich kurz eingeschlafen. Ich las im Buch weiter, wir machten ein kleines Picknick, es wurde geschnitzt. Im Grunde wirkt das Gelände wie ein riesiger Krater, oben drüber kreiste ein Raubvogel und einmal flog ein Hubschrauber vorbei. Die Grillen zirpten.

    Anmerkungen

    1. Wie wir im Nachhinein lernten, spielt Sokolov immer ein eher kurzes identisches Programm und immer sechs Zugaben, die sich je nach Auftritt ändern. Vielleicht auch ein Umgang mit seinem Alter, das ihn das gesetzte Programm vorsichtig gestalten lässt und dann die Freiheit lässt je nach Tagesform nochmal richtig aufzudrehen. ↩︎
    2. Ein erheblicher Teil des Publikums war russisch. Was die Frage aufwarf, „wie hältst du es mit dem Krieg, Grigori?“ Wir lernten im Nachhinein: Sokolov gilt als extrem verschlossen und äußerst sich seit Anbeginn aller Zeit zu nichts außer zu Klavierspielen. Aber er spielte Konzerte zugunsten humanitärer Ukraine-Hilfe und zu Ehren eines Anti-War activist Pianisten, hat zudem seit 2022 „aus besonderen Gründen“ die spanische Staatsbürgerschaft. ↩︎
    3. Yorck Unlimited No. 22 – damit 10,82€ pro Karte. ↩︎

  • 26-05-05 Treffen der Wissens-Nerds in Ehrenfeld (Köln->Berlin)

    26-05-05 Treffen der Wissens-Nerds in Ehrenfeld (Köln->Berlin)

    Auf der Kölner Domplatte: Drei jung jungerwachsene Betreuer einer Pfadi-Gruppe stürmten so enthuasiastisch wie es nur beseelte Jungerwachsene können aus dem Bahnhof in die Stadt Köln. Ihnen folgte eine Gruppe Kinder, die so eindrucksvoll schlurften wie nur vom Leben und von enthusiastischen Erwachsenen gebeutelte Kinder schlurfen können.

    30 Meter weiter: die Polizei erläuterte einem Krishna-Trommler, dass er zwar Krishna-trommeln darf, aber nicht oben auf einer geschlossenen Containermulde.

    *

    Madame nutzte Sonnenlicht auf den Latifundien, um Familie Tigerschnegel in die Winkel des Wasserrohrlochs zu vertreiben, bevor Madame selbst dorthin hinabstieg.

    *

    Der Kölner Wikipedia-Treffpunkt liegt gegenüber der einzigen Karnevalshutfabrik der Stadt.

    *

    Einer Schokoladen-Zutatenliste verdanke ich das tolle Wort Schwarzbrotbrösel. Jetzt muss ich mich nur noch entscheiden ob ich einen Roman oder eine Art-Pop-Band so nenne.

    *

    Es war ein Jury-Samstag und ein Jury-Reise-Sonntag.

    In einer anderen Betonwüste: Ein Eichhörnchen

    Von J.G. Ballard existiert ein Roman Concrete Island/ Die Betoninsel. Dieser schildert wie ein Jaguar-Fahrer nach einem Unfall in einem Stückchen Grasland zwischen mehreren Autobahnstücken gefangen ist und dort eine Robinsonade erlebt.

    Nicht ahnte ich, dass das entsprechende Grasland in Köln liegt. Und dass ich als Fußgänger dorthin geraten kann, wenn ich einfach nur vom malerischen Park mit Schwimmbad den Kilometer bis zum Rhein laufen möchte. Dort, wo Open Street Map Park/Zoo/Park titelte traf ich inmitten von Hektotonnen Beton keinen einsamen Jaguarfahrer, sondern ein Obdachlosencamp.

    Köln – du Stadt der Überraschungen!

    Am Ende der Betonschluchten gelangt ich zum Fast-Sommerrhein im Feiertagsmodus! Die Pollux mit Heimathafen Hamburg überholte auf dem Fluss die am Ufer liegende Viking Gymir mit Heimathafen Basel, und das war eine schöne Nordsee-Oberrhein-Connection via Köln.

    Dann, der nächste Park, den ich ich im Nachhinein vielfach als Brennpunkt beschrieben fand. Ich fand ein stolzes Sanierungsschild neben einem traurigen wasserlosen Brunnen. Problemlos hätte ich meinen Restlebensbedarf an illegalen Drogen decken können.

    Köln- du Stadt der Überraschungen!

    Dann Café mit Kölsch-Radler und Programmkino und zentral gelegenes Hotel mit Grün drumherum. Du Stadt der Überraschungen! Love ya ein bißchen.

    Eisschwimmhalle

    Mit wehendem nassen Haar verließ ich das Lentbad? (Lentpark-Bad? Bad im Lentpark? Nur Lentpark – aber ist das nicht der Park an sich?) Durch den frühlingssonnenbeschienen Park tönten nicht nur die Rufe der Vögel – auch ein lange gehaltener Blasinstrumententon wehte herbei – entweder eine tiefe Trompete oder ein hohes Alphorn.

    Während ich meine Schritte abwandte, wurden die verblassenden Töne vielfältiger – offenbar doch eine Trompete deren Klang über das Gras klang.

    Es konnte kaum besser kommen, denn ich kam bereits aus einem schönen Bad.

    Schwimmschwimmhalle mit Eiskuck

    Das Lentbad (Lentpark-Bad? Bad im Lentpark? Nur Lentpark -aber ist das nicht der Park an sich?) liegt im Lentpark an den Ausläufern des Rheinufers. Der Rhein ist nah genug, damit in der Schwimmhalle nachträglich eine Hochwassermarke vom Rheinhochwasser 1784 angebracht wurde, und fern genug, um den Fußweg zum Rhein abenteuerlich zu gestalten.

    Seit 1936/1937 steht dort eine Eislaufhalle, zwischenheitlich war sie Heimat der Kölner Haie. Aufgrund von Baufälligkeit wurde das Gebäude 2007 abgerissen und dann nach Protesten der Bürger gegen ihr verschwinden neu 2011 (Gebäude) bzw. 2012 (Freibad) gebaut.

    Das Gebäude vereint Schwimmbad, Eislaufhalle (sichtbar vom den Stiefelgängen im Bad) und vor allem eine Eishochbahn in der ersten Etage, der durch Glas getrennt durch Schwimmhalle und Eishalle führt.

    Never seen this before, aber ich bin hochgradig beeindruckt.

    Ich möchte mich bedanken: ein Bad, das den Spagat zwischen funktionell und schick schafft.

    Kabinen, Duschen, Becken, alles sagt mir: Hier ist Schwimmen. Nichts wirkt architektonisch exorbitant. Und trotzdem ist da noch ein netter kleiner Warmwasserwhirlpool inmitten der Becken. Die Aussicht ist Grüne ist super. Alles wirkt schön. Und das special ist wirklich special.

    Selber schwimmen, und oben die Eisläufer vorbeihuschen sehen. Das ist schick.

    Schwimmbad-IT-Menschen finden sowas spannend. Es gibt keine eigene Eintrittskarte, sondern der QR-Code für das Schwimmbaddrehkreuz wurde direkt auf den Kassenbon gedruckt.

    Vieles zum Bau in alt und neu Archiv des Badewesens: Eislauf und Baden unter einem Dach.

    Fokus auf das alte Bad im KStA: Die Geschichte des alten Kölner Eis -und Schwimmstadions

    Meine Köln-Kreiselungen führten nach Ehrenfeld

    Ein Besuchskind auf den Latifundien fragte, warum ich nicht anwesend bin. Es verstand als Antwort: „Schiri-Treffen“. Das war nicht komplett abwegig.

    Allerdings ging es nicht um Fußball, sondern um Wikipedia-Artikel.

    Weder war ich zum Schwimmen noch zum Stadtstromern nach Köln gekommen, sondern für eine ernsthafte Angelegenheit. Die Jury des Wikipedia-Schreibwettbewerbs traf sich im wichtigsten deutschen Wikipedia Community-Treffort: dem Lokal K in Köln.

    Oder, wie einst eine Lokalzeit titelte, deren Ausschnitt noch an der Pinnwand hing: „Wissens-Nerds treffen sich in Ehrenfeld.“

    Enzyklopädieartige Schilderung des Schreibwettbewerbs

    Der Schreibwettbewerb ist eine Institution der Wikipedia. Er findet zweimal im Jahr statt (März und September eines jeden Jahres). Autor*innen können Artikel ihrer Wahl einreichen, bewertet wird das Beste was in diesem Monat entstannden ist.

    Dies war die 44. Ausgabe des Schreibwettbewerbs. Ich war soweit ich rekonstruieren kann, bereits zweimal in der Jury. Bei der allerersten Ausgabe 2004 und dann noch mal bei der fünften Ausgabe 2006, die fast die Jury und den Schreibwettbewerb gesprengt hatte. Danach hatte der Wettbewerb 39 Ausgaben Ruhe vor mir bis jetzt.

    An den Artikel und dem Ablauf lässt sich schön die Geschichte der Wikipedia verfolgen: wie intensiv oder nicht-intensiv teilgenommen wurde, welche Preise ausgelobt wurden, wie stilistisch die ausgezeichneten Artikel aussahen, und vor allem, was im Umfeld des Preises diskutiert wurde.

    Diesmal war es ein Alt-Treffen. Von den sechs Jurymitgliedern waren zwei schon damals in der ersten Jury, zwei weitere waren 2004 schon aktiv in der Wikipedia, eine kam nur wenig später und nur eine Jurorin war mit ihrem ersten Edits in den späten 2010ern ein echter Jungspund.

    (Dafür allerdings hat sie den Wettbewerb seitdem öfter gewonnen als alle anderen Juroren in allen Jahren zusammen)

    Nicht ganz so enzyklopädieartige Schilderung des Schreibwettbewerbs

    Diesmal gab es drei Sektionen (Natur und Technik // Kunst und Kultur // Geschichte und Gesellschaft) mit je zwei Juror*innen und insgesamt 23 nominierte Artikel.

    Die Jury vergleicht dabei nicht Äpfel mit Birnen, sondern wortwörtlich Organe mit Völkerschauen, Messer mit nicht realisierten Bahntrassen und antike Theatergattungen mit Spinnenarten.

    Es sind Artikel, die tief aus einem wissenschaftlichen Fachdiskurs kommen und nur mühsam gewöhnliche Leser*innen mitdenken, oder spannend zu lesende Artikel mit schwieriger Quellenlage. Es sind exorbitante Abhandlungen zu umfassenden Themenbereichen oder tief gebohrte Nischenthemen.

    Jede Bewertung ist hier natürlich hoch subjektiv, die Diskussion darüber aber ein großer Spaß. Und es ist erstaunlich, dass sich die Jurys doch am Ende einigen können. (Außer beim legendären fünften Schreibwettbewerb)

    Die 44. Ausgabe

    Jede Jury hatte ihre Sektion komplett gelesen und ihre Lieblingsartikel vorgestellt. In „meiner“ Sektion Geschichte & Gesellschaft hatten wir uns auf Hagenbecks Völkerschau der „Bella Coola“ 1885/86, das Mithräum am Ballplatz, die Ostalpenbahn, das Mimos und das Plattform-Sutra geeinigt.

    Die anderen beiden Jurys gingen ebenso mit Vorschlagslisten in die Sitzung. Alle Jurymitglieder hatten bis zur Sitzung alle Artikel gelesen und dazu Anmerkungen, Kritiken und Stellungnahmen formuliert.

    Jede Jury stellte „ihre“ Artikel vor und dann gab es jeweils eine ausgiebige Diskussion. Sind die Quellen valide? Ist das verständlich? Ist das aktuell? Stimmt es überhaupt? Ist es sinnvoll aufgegliedert und geordnet? Fehlt eine Karte? undsoweiter. Das ging so für jeden Artikel. Danach hatten wir schon mal eine gute gemeinsame Einschätzung ob ein Artikel eher ganz nach oben, oder eher unten oder vielleicht doch so in die Mitte kommt.

    Und weil das sowieso alles subjektiv ist, und undifferenzierte Wertungen feige, einigen wir uns am Ende auf eine Reihenfolge. Bis 19 Uhr waren wir fertig, konnten nach nebenan ins Brauhaus.

    Am nächsten Tag: Nach einmal drüber schlafen: Sind wir uns immer noch einig (eine Folge des 5. Schreibwettbewerbs); bei ein oder zwei Fakten haben wir noch mal recherchiert, nicht dass wir peinlicherweise etwas Falsches auszeichnen, und es galt ja auch noch, das Votum zu begründen und in die Wikipedia zu setzen.

    Wir haben einen Gewinner: Die Milz. Und alles was ihr jemals darüber wissen wolltet und noch viel mehr.

    Going home

    Wie kann man einen kompletten Bahnsteig aufwecken, der nach 30 Minuten warten auf den verspäteten ICE1055 in einer Art Dämmerzustand dahingesunken ist? Man lösche den Zug einfach komplett von der elektronischen Anzeige. Menschen, ich, schaue hektisch gleichzeitig auf die Anzeigentafel, auf ihr Handy und auf andere Reisende, ob deren Handy vielleicht schlauer ist.

    Nach einer Minute war der Spuk vorbei.

    Der Kölner Hauptbahnhof hatte Weiche, Notarzteinsatz und Signal und „mein“ ICE1055 deshalb verspätet anreisendes Personal. Mit Jurorin Nina hatte ihr Glück nach Berlin bereits Richtung Frankfurt versucht, ich wollte aber am Unordnungsreisen festhalten: ein ICE, der in Recklinghausen, Osnabrück und am Bahnhof Zoo hält, nicht aber in Wolfsburg oder Spandau, muss doch wohl Glück bringen.

    Am Ende schrumpften 40 Minuten Verzögerung bei der Abfahrt auf 15 Minuten bei der Ankunft. Ich saß auf dem gebuchten Platz im gebuchten Zug, damit gilt die Fahrt als Erfolg. Zumal ich ein gutes Buch hatte: Joseph Roths Das Spinnennetz.

    Dritter Ort – ein Schafskrimi

    Sari bei der Premiere von Glennkill – ein Schafskrimi. Den Film möchte ich auch noch sehen.

    *

    Florian Heinz über das „Netz war nie ein dritter Ort“ – nicht unspannend. Aber „das Netz“ ist mindestens genau so unspezifisch wie „die Stadt“. Die Stadt ist auch kein dritter Ort, aber dort gibt es solche. Das Netz ist kein dritter Ort, aber dort gibt es solche. Es kommt darauf an, mehr davon zu schaffen.

    *

    Doppelblog-Facharztmisere. Hier in der Buddenbohm-Kafka-Interpretation:

    Aber man sieht es sofort vor sich, finde ich, wie etwa der berühmte Schlusssatz aus Kafkas „Vor dem Gesetz“ in diesem Zusammenhang ins Satirische gedreht werden kann, vielleicht am Ende eines bissigen, bösen Einakters, gesprochen von einer Arzthelferin, in der Tür des Wartezimmers lehnend: „Hier konnte niemand sonst behandelt werden, denn dieser Termin war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und vergebe ihn neu.“