26-02-10 Ausgemummelt (Découper un fugu)

Andere Menschen stellen Duftkerzen auf. Ich mörsere ein wenig Kreuzkümmel.

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Vielleicht sollte ich ein Symposium für Innenarchitektur, Gärten und Wintergärten veranstalten, nur damit ich Symposium für Innen*Architekt*Innen auf die Plakate schreiben kann.

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Von Madame und Zio macchina, beide in verschiedenen Funktionen mit Prüfungsaufsichten befasst, lernte ich die neusten Betrugsversuchs-Techniken: Der Stift, der aussieht wie ein Textmarker, aber eigentlich ein Scanner ist, der den Klausurtext ausliest und über die Smart Watch an ChatGPT schickt; die Handyhülle, die genau so aussieht wie ein zugelassener Taschenrechner.

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Das schöne, wenn mensch deutlich schneller arbeitet als die Umgebung, und dazu noch Zeug, bei dem kaum jemand beurteilen kann, was mensch eigentlich macht – mensch kann relativ ungestört mal ein paar Tage konzentriert vor sich rumnerden.

Ich bin sehr sehr happy über das dabei entstandene Ticketauswertungs-Skript und ich bin kurz davor, alte Fernuni-Statistik-Module rauszukramen, um die Sache even more fancy zu machen. In the long run wird das soo schick und soo viel Arbeit und Zeit sparen. (die ich dann wieder zum Rumnerden..)

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Eine Mutter las in der S-Bahn ihrem Kind Janosch vor. Das war sehr schön.

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Es waren Tage der Arbeit mit Kino und Schrauben.

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Ein Gefühl wie im Vampirfilm. Seit Wochen führt Berlin einen aussichtslos scheinenden Kampf gegen das Eis. Verwundete allüberall. Erst gestern lief wieder eine junge Frau mit erkennbarem Pflaster für gebrochene Nasen an unserem Fenster vorbei. Erst ließ sich die Stadt aus Blödheit überrumpeln, danach half nichts mehr, und das angebliche Wundermittel Salz blieb folgenlos.

Bis ein Sonnenstrahl kam. Und wie im Film der Vampir von nichts auf gleich verschwindet ist, ist es hier das Eis.

Noch ist der erste Samstag im Frühling (dota) noch ein wenig entfernt. Aber wir haben über Null Grad. Die Berliner*innen, die sich in den letzten Wochen in immer mehr Kleidungsschichten einmummelten, Schals über Mützen über Buffs über weitere Mützen zogen, mummelten sich in Minuten wieder aus. Sie sind wieder als Menschen erkennbar. Das allgemeine Aufatmen ist spürbar.

Ich begann Feldforschung im Kindl Boulevard für mein Buch, das dort spielen wird. Dann Kino.

Er isst immer nur Chips

Es war ein Film über Kochen1. Eigentlich ist Winter in Sokcho ein wunderschöner Film über Identität, Zugehörigkeit, zwischenmenschliches auf allen Ebenen, Körperlichkeiten – aber das alles in einer sehr spröden, leisen, poetischen Form.

Die einzigen Moment in denen es filmisch intensiv auf die Glocke geht, die Farben springen, die Nahaufnahmen fast schamlos werden, ist beim Essen und vor allem beim Kochen: Tintenfische in verschiedenen Variationen, Sashimi, andere Fische, Pajeon (Korean Pancakes) und verschiedenes Gemüse.

Kein anderer Moment ist so intensiv körperlich wie das Füllen und Verschließen der Tintenfischtuben.

Kein anderer Moment ist so rührend, traurig, rom-com-ig wie der Moment als die Heldin Sooha (Bella Kim) aus Sokcho (Südkorea an der Grenze zu Nordkorea) für den das-Koreanische-gar-nicht-mögenden Franzosen Yan (Roschdy Zem) ein Boeuf Bourgignon zu kochen versucht und dazu ein französisches Youtube-Video konsultiert. („Für das Fleisch gehen sie einfach zu ihrem Metzger und sagen sie, sie wollen Boeuf Bourgignon machen..“).

Und, frei nach Tschechow2: Wenn mensch einen Fugu3 im Film einführt, dann muss mensch den Fugu auch im Film benutzen.

Bürsten

Sokcho, Mittelstadt am südkoreanischen Meer, nahe der Grenze zu Nordkorea. Im Sommer mit Bergen und Meer ein beliebtes Touristenziel im Winter ist Sokcho as trist as can be. Graue Felsen im Hintergrund, blaugraues Meer, eine Stadt, weder klein noch groß in grauer Nachkriegsarchitektur.

Sooha, Tochter einer südkoreanerischen Fischhändlerin und eines verschollenen Franzosen arbeitet in einer Pension zusammen mit dem älteren Herrn Park. Ihr Freund möchte Model in Seoul werden. Sie wird zu mehr Karriere, baldiger Heirat und Schönheits-OPs gedrängt, hadert mit sich selbst und allem. Bis der französische Comiczeichner Yan nach Sokcho kommt.

Liebt sie ihn? Vermutlich nicht. Löst er vieles in ihr aus? Auf jeden Fall. Ist er an ihr interessiert: Eher nicht. Sie reden über Nordkorea und eigentlich geht es über Sein, Liebe, Leben, Körper. Sooha bürstet ihrer Mutter die Haare, sie reden über ihren Vater, dabei geht es über Sein, Liebe, Leben, Geschichte, Familie, Körper. Sie wäscht einen Tintenflecken aus der Decke. Sie reden. Dabei geht es über.. You get it.

Alles in grau, blau, Bewegungen spärlich, Tonfall gedämpft. Wenn es emotional wird, wechselt der Film in Tuschezeichnungen.

Ich werde dringend die xkcd-Comics suchen, in denen Menschen auf Bürostuhlen durch die Gegend fahren

Madame bekam ein DHL-Kleinpaket. Leider mit einem etwas obskuren Absender, so dass die schöne Volte, sich ein Paket von Speedo ins Schwimmbad senden zu lassen, verloren ging.

Ich bekam ein UPS-Großpaket und das Angebot, mir zwei starke Schwimmeister zu organisieren, um es in die Wohnung zu tragen. Zu den ausgenudelten Sachen, die vielleicht gar nicht erst hätten umziehen sollen, gehörte mein alter Schreibtischstuhl.

Langsam gestand ich mir ein, dass es eine auffallende Häufung von Rücken-ist-schlecht-Tagen an Home office-Tagen gibt und das eventuell der alte Stuhl etwas damit zu tun haben könnte. Madame schenkte mir nachträglich zum Geburtstag einen neuen Stuhl.

Und wenn ich die Auswahl habe, etwas gut funktionierendes und solide Gebautes in der Variante seriös oder der Variante albern zu bekommen, nehme ich natürlich albern.

Das Gaming Chair war zielgruppengerecht. Das 37-Kilo-Paket kündigte bereits den Unboxing-Moment an, die Anleitung war aufgemacht wie Videospielgoodies und eigentlich wartete ich nur auf die Trainingsmission, in der ich Schrauben übe. Allein der Aufbau war eine Show, voller Liebe im Detail: Ich sage nur: Stuhl fast durchgehend in Schwarz (bzw. charcoal), aber eine rote Schraube in der roten Fingerklemmsicherung.

Schreib an die Borsten eine Ode

Irgendwo im Internet las ich ähnlich der David-Lynch-Geburtstags-Festspiele „David Lynch. Die einen lieben ihn, die anderen verstehen ihn nicht.“ Ich glaube, das waren die Vibes, die mich schon in den Neunzigern abschreckten. Zumal das damals gerne von Leuten gesagt wurde, deren Filmgeschmack eher unterkomplex war.

Der noch-nicht-erste-Samstag-des-Frühlings bringt Schmelzwasserseen.

Via Vanessa Giese zum Bürstenlied.

Jetzt muss ich mal ein Jahr lang nicht mimosenneidisch auf Südfrankreich sein, gleich kann ich filmneidisch werden. Christiane bei Hildegard Knef: Regen, ein Film und keine Mimosen

Im Kino: Boeuf Bourgignon. Im Blog nebenan: Coq au vin.

wenn ich nicht schreibe, habe ich festgestellt, dann träumt mein körper davon. vom schreiben, als wäre es ein sport. wie tennisspieler oder skifahrerinnen vielleicht, die sich auf das durch training geschaffende muskelgedächtnis verlassen. müssen. die ebenfalls, so stelle ich mir das vor, nicht mehr wirklich wissen, was sie wann genau tun, müssen. die es dennoch tun, und es gelingt. irgendwie.

Anmerkungen

  1. Yorck-Unlimited No. 9 – 26,44€ pro Besuch. ↩︎
  2. Nach Wikipedia: Tschechows Waffe (oder Tschechows Gewehr; russisch Чеховское ружьё) ist ein Erzählprinzip, das betont, dass jedes Element einer Geschichte notwendig sein muss, während irrelevante Elemente entfernt werden sollten. Wenn demnach eine Waffe in einer Geschichte vorkommt, muss es dafür einen Grund geben, beispielsweise dass sie später abgefeuert wird. ↩︎
  3. Nach Wikipedia: In einer besonderen Zubereitungstechnik werden die durch das darin enthaltene Tetrodotoxin hochgiftigen Körperteile wie Eierstock, Darm, Rogen, Leber und je nach Kugelfischart auch die Haut vorsichtig entfernt und meist nur das ungiftige Muskelfleisch verwendet. Daher muss heute in Japan jeder, der mit Fang, Handel oder Zubereitung zu tun hat, eine spezielle Lizenz besitzen. Für die Zubereitungslizenz muss der Koch zwei Jahre in einem Fugurestaurant gearbeitet haben und dann eine Prüfung ablegen. ↩︎

Ein Gedanke zu „26-02-10 Ausgemummelt (Découper un fugu)“

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