Dieses Blog wurde gehackt. Das war reichlich unerfreulich, lehr- und folgenreich. Eine der Folgen ist, dass einige Texte verloren gingen bzw. noch jenseits des Backups waren. Diese werden unter dem damaligen Datum nachgereicht. Hier ist einer davon.
Mehr zum Hack kommt an den Stellen an denen es in der Chronik des geschrieben Textes hingehört. Noch ist das Blog-ich in Litauen, wurde schon gehackt, weiß aber noch nichts davon.
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Klaipėda präsentierte sich als Möwen-Mauersegler-Stadt. Geweckt werden von den Möwen, nur um dann im Fenster die Mauersegler kreisen zu sehen.
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Wenn jemand in einen englischen Text das deutsche Wort „Tankstelle“ einbaut1, kann er entweder besser deutsch als englisch oder er hat zumindest mal als LKW-Fahrer in Deutschland gearbeitet.
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Vilnius datumsverwirrte mich. Meine Blogposts sind ja normalerweise mit Jahr-Monat-Tag gekennzeichnet, sollten also während der Reise alle mit 26-07.. beginnen. Mit dem ersten Vilnius-Post wechselte ich auf 27-07.. mit dem letzten Vilnius-Post hörte ich damit auf. Ich schwöre, es war keine Absicht.
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Nur noch wenige Tage bis zum Ende der Reise. Langsam näherte ich mich der spannenden Frage: Kann ich bis 16 zählen? Werden Unterhosen und Socken wohl reichen?
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Das Reise-ich ist zurück in Berlin, hat aber noch einen Tag Urlaub. Es hat derzeit 96 Stunden und 1200 Kilometer Vorsprung vor dem Blog-ich.2
Es war ein Sandmittwoch mit touristischen Beiklängen.
Ein bißchen New York
Das Dangė-Hotel konnte seine Vortrefflichkeit auch beim Frühstück beweisen. Ein Haus mit vielleicht 20 Zimmer kann kein so vielfältiges Buffet anbieten, wie die großen Hotelpötte in denen wir waren. Aber es war alles vorhanden und das in guter Qualität.
Am großen Fernsehen liefen sehr langsame Drohnenaufnahmen, mal von New York, mal von Reykjavik, die überraschend gut als Urlaubs-Fernweh-Stimmung-induzierend funktionierten. Das hätte ich nicht vorher gedacht,
Sehr gewöhnungsbedürftig war es wieder, fast nur Deutsch im Speisesaal zu hören. Klaipėda ist Startort von Fähren nach Kiel, Travemünde und Rostock. Noch mehr Menschen kamen auf die Idee, hier vorher zu übernachten.
Die einen versuchen in der Menge unterzugehen, die anderen tragen abwechseln Rammstein-Slogans und deutsche Nationaltrikots. Wir erwarteten, wirklich niemand der jetzt Anwesenden noch zwei Tage später zu sehen.
Wobei das in Klaipėda schon spannend ist. Die Stadt selber ist kaum ein touristisches Ziel. Aber direkt südlich liegt mit der Kurischen Nehrung eine Riesen-Attraktion für naturnahen Strandurlaub mit Wandern und Radfahren; nördlich liegt mit Palanga das Zentrum des litauischen Party-Ausgeh-Strandurlaubs. Jeden zweiten Tag spült ein Kreuzfahrtschiff eine Welle von Tourist*innen in die Stadt, die wie eine Welle auch, sich abends wieder auf das Schiff zurückziehen. Die Fähren nach Deutschland und Skandinavien bringen jede Menge Durchreisende.
Die Stadt ist voller Tourist*innen, aber fast niemand von ihnen ist wegen der Stadt selber gekommen. So faszinierend.
Nun ja, wir wollten an diesem Mittwoch auch nicht Klaipėda sehen, sondern die kurische Nehrung. Direkt neben dem heutigen Kreuzfahrtschiff (Norwegian Sun, ein Stück kleiner als die gestrige Saphire Princess) lag unser Boot, das noch ein viel größeren Stück kleiner war.

Norwegian Sun
Not like new Mercedes
Über das Boot erfuhren wir dank Sprecher Aurelio einiges. Dessen Vorträge waren zwar auf litauisch immer viermal so lang wie auf englisch, aber wir lernten vieles. Das Boot zum Beispiel wurde 1975 zusammen mit 600 Schwesterbooten dafür gebaut, sibirische Flüsse zu befahren. Es hat dementsprechend nur 40 cm Tiefgang und „is the only one in the EU“ von dem Typ.
Aber „good like old Mercedes. Not like new one. Like old one. Nothing breaks. And if it breaks, we can simply fix it. Just wires right below the floor.“ Wir saßen in Zweier- und Dreierreihen wie in einem alten Reisebus, schauten aus dem Fenster, und wenn Aurelio nicht redete, legten die drei Panflötisten los, die sie irgendwo in den 40cm Tiefgang versteckt haben mussten.
Aber wie er auch sagte: die zweistünde Fahrt entlang der kurischen Nehrung (die 100 Kilometer lang ist! Davon 50 Kilometer auf litauscher Seite) verging schnell.

Der Einstieg war allerdings eher like in old Unimog. Die letzte Stufe hatte einen guten halben Meter Höhenunterschied, das war nicht für alle was.3
Dünenschauen
Zuerst sahen wir den Hafen von Klaipėda mit modernen Containerschiffen und den verlassenen Belarus-Dock („Because we have war“). Nach einiger Zeit kamen wir an der Independence vorbei – ein Schiff als Flüssiggasterminal dient und Litauen auch in dieser Hinsicht Unabhängigkeit von Russland bringen sollte.
Inzwischen sind diese Terminals auch in Deutschland bekannt, in Litauen allerdings wurden sie seit 2007 geplant und 2014 in Dienst gestellt. „Here goes all Lithuanian gas“. Im Umfeld der Indepence lag ein Schlauchboot (ein von den großen, schnellen, im amerikanischen heißen die Zodiac) auf dem dunkel gekleidete bewaffnete Herren saßen, die deutlich den Anschein von Armee erweckten.
Auch im Hafenbecken, vage in der Nähe der Indepence, waren diverse Angler auf Booten unterwegs, und ich würde wetten, die eine Hälfte davon gehörte zum russischen Geheimdienst, die andere Hälfte zu NATO-Geheimdiensten und mindestens einer zu beiden.
Irgendwann aber hatten wir das hinter uns gelassen und schauten auf Dünen. Sehr lange, überraschend hohe und insgesamt spektakuläre Dünen. Ich begann zu verstehen, was zum Beispiel Thomas Mann immer in diese Landschaft zog.
Bis kurz vor Nida, es kam die Ansage „If we go left, in 5 Minutes we are in russia“, wir aber wollten nach Nida, dem litauischen Hauptort der Nehrung.
Von Helgoland..
Vielen Menschen, die auf die Nehrung fahren, landen im kleinen Städtchen Nida. Dort im Zentrum, mit Boots- und Schiffsanlegern, Geschäften und Cafés fühlten wir uns ein wenig wie in Helgoland. Es ballte sich auf kleinem Raum und viele Menschen strebten irgendwohin.
Dort sahen wir auch die beiden Niederländer von der Soviet-Vilnius-Führung wieder. Insgesamt scheint die Zahl der Touristen in Litauen doch überschaubar. Wir kauften noch schnell eine Rückfahrkarte für den Bus und machten uns daran, den Ort zu verlassen.
Als erstes geht man dort zur Parnidis-Düne. So auch wir. Die Düne heißt so, weil sie einst wanderte, und über (Par) die Stadt Nida (Nidis) hinwegzog. Würde mensch sie umbuddeln ließe sich in ihrem Inneren noch Alt-Nida finden. Zum Glück allerdings konnten sie dann preußische Düneninspektoren durch Kiefernpflanzungen und andere befestigen, so dass sie jetzt eine stationäre Düne geworden ist.
Damit die Düne nicht wieder anfängt zu wandern (ein Schild hatte den wunderbaren Ausdruck „free roaming dunes“), wurden Wege hinauf und hinab befestigt, insgesamt geht es auf relativ kurzer Strecke 55 Meter nach oben, einen wunderbar waldigen, von uns sonst nie begegnenden Blumen umgeben, Aussichtspunkt zu.

..nach Sylt
Dort war eine Plattform. Wir trafen viele Menschen. Eine deutsch-christliche Reisegruppe, die plötzlich in den Kanon „Der Himmel geht über allen auf„ ausbruch, ihn zu Madames großer Irritation aber nicht als Kanon sang; Radfahrer*innen, die die Straße die Düne hinauf genommen hatte, Kreuzfahrergruppen, die von ihren Bus auch dort hingefahren wurden, Influencer*innen die über das „betreten verboten“ Schild kletterten, damit sie ja im Sand in freier Natur fotografiert werden, nicht etwa auf einer Holzplattform.
Sowas kenne ich normalerweise nicht, fand es hochspannend. Vor allem aber war die Sicht wirklich eine Wucht. Hier zu sehen das Kurische Haff, knapp rechts davon die Ostsee.

Zuerst das Bild..
Etwas gewöhnungsbedürftig aber auch, wie nah wir an Russland waren. Mit bloßen Auge war kaum eine Grenze auszumachen. Wir hatten auch schon gehört, dass diese in der Landschaft nicht zu sehen ist; was aber nicht heißt, dass nicht Grenzposten vorhanden sind, die jeden Meter überwachen – und es ist nicht ratsam auf Versehen auf die russische Seite zu gelangen. Zum Glück existiert auch eine Bildtafel.

Und dann die Legende. Der Anfang vom Wald und die Landzunge sind ganz gut wiederzuerkennen.
Wir aber liefen erst einmal zur Ostsee – Schauen, ob der Strand wirklich so eindrucksvoll ist wie versprochen. Erst einmal sahen wir denselben Kreuzfahrt-Busfahrer zum dritten Mal in zwei Tagen, der uns schon fröhlich zuwinkte, dann eine tolle Art-Deco-Tankstelle, einen Campingplatz, die Schilder zum Nudisten- und zum Frauenstrand und schließlich den Strand selber.
So stelle ich mir Karibik vor, zumindest was den weißen und feinen Sand angeht. Und er geht einfach 50 Kilometer entlang der Dünen weiter, wird dementsprechend einsam – es erinnerte an Sylt, nur viel größer, noch düniger, noch einsamer.
Vielleicht sollten wir doch einmal dort übernachten, uns irgendwo an diesem riesigen Traumstrand ein Plätzchen suchen und einen Tag lang schwelgen. Ich konnte Thomas Mann immer besser verstehen.
Leider war es an diesem Tag aber eher kalt, schon spät geworden, und ich hatte auch keine Lust mehr die ganze Umkleide-Litanei zu unternehmen nur um einmal 5 Minuten im Wasser zu sein. Nächstes Mal..
Zurück
Zurück nahmen wir die Fußgängerautobahn, die neben der Straße verlief. Auf der anderen Seite die Radfahrautobahn, die ähnlich luxuriös ausgestattet war.
Ein litauischer Brötchenknast in Verbindung mit einer schwer zu bedienden Selbstbedienungskasse sorgte dafür, dass wir eher knapp zum Bus kamen und ich damit den letzten freien Sitzplatz, den Platz in der Mitte der Rückbank gewann. Es war kuschlig. Der Bus ist so halb ÖPNV (Stundentakt, fährt jedes kleine Dorf ab), halb auch nicht (der Bus selber war ein Reisebus, der Preis auch jenseits normaler ÖPNV-Preise), und „von innen“ sah diese Dünenlandschaft noch viel eindrucksvoller aus als vom Haff her.
Dann nach Smiltynė ganz am anderen litauischen Ende, dort wo das Kurische Haff ins Meer mündet, Madame musste lange mit der Bezahl-App kämpfen, es gelang ihr aber noch kurz bevor wir das andere Ufer erreicht hatten.

Feuerwehrburger
Nach dem Hotel, wieder los. Diesmal gewann deutlich der Sitzplatz. Wir sicherten uns einen Draußenplatz direkt an der Danė, dort wo die beleuchteten Bötchen sind, der Pseudo-Dreimaster liegt und ganz Klaipėda bummelt, saßen wir im Feuerwehrhaus bzw. im Restaurant Gaisrinė, wo wir mal wieder Fried Bread bestellten (When in Lithunia do as the lithuanians..), einen Feuerwehrburger und wie immer in diesem Land ziemlich gutes Bier.
Dann schlafen. Inzwischen 14 Tage Reise oder so, hatten doch langsam an meinem Unternehmungsgeist gezehrt.

Die Reise
- 11. Juli Berlin -> Frankfurt(Oder)
- 12. Juli Frankfurt(Oder) -> Warschau
- 13. Juli Warschau
- 14. Juli Warschau -> Mockava -> Kaunas
- 15. Juli: Kaunas 1 (Art Deco, Stadtgebiet)
- 16. Juli: Kaunas 2 (Essen, Kloster)
- 17. Juli: Kaunas 3 (Kino, Altstadt, Parks)
- 18. Juli: Kaunas->Vilnius
- 19. Juli: Vilnius 1 (Jewish Vilnius, Užupis)
- 20. Juli: Vilnius 2 (Peterpaul, Litvak-Museum)
- 22. Juli: Vilnius 3 (Samuel Bak, Back to the 90s)
- 23. Juli: Vilnius 4 (Akropolis, Sowjettour)
- 25. Juli: Vilnius – Klaipėda

Verkehrsmittel
Stand Klaipėda nach dem Ausflug zur Kurischen Nehrung: 5 Fernzüge, 1 Regiozug, 1 Regioboot, 1 Hopserfähre, 2 S-Bahnen (Berlin), 2 Metros (Warschau) 5 Trams (2 Ffo, 3 Warschau), 1 Regiobus (Klaipėda), 7 O-Busse (5 Vilnius, 2 Kaunas), 1 Expressbus (Vilnius), 12 Busse (5 Vilnius, 3 Warschau, 3 Kaunas, 1 Klaipėda), 1 Minibus (Klaipėda); hinzugekommen: 1 Regioboot (Klaipėda-Nida), 1 Regiobus (Nida-Smiltynė), 1 Hopserfähre (Smiltynė-Klaipėda)

Anmerkungen
- „We don’t go to Tankstelle. Tankstelle comes to us.“ ↩︎
- Das Reise-ich existiert nicht mehr. Das Lebens-ich hat inzwischen (am 10.8.26) den Rekordvorsprung von 19 Tagen und 1200 Kilometern. ↩︎
- Leider ging auch Karens Kommentar verloren, der darauf hinwies, dass das Boot offensichtlich in Zusammenarbeit mit einer sowjetischen Lokomotivenfabrik entstand. ↩︎