26-07-27 Ännchen von Backsteinbrutalismus (Klaipėda)

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Dieses Blog wurde gehackt. Das war reichlich unerfreulich, lehr- und folgenreich. Eine der Folgen ist, dass einige Texte verloren gingen bzw. noch jenseits des Backups waren. Diese werden unter dem damaligen Datum nachgereicht. Hier ist einer davon.

Mehr zum Hack kommt an den Stellen an denen es in der Chronik des geschrieben Textes hingehört. Das Blog-ich hat den Hack schon mitbekommen, unterschätzt aber noch dramatisch dessen Ausmaß.

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Die Rätsel-Wespen von Klaipėda. Offensichtlich hatten sie in der Verschalung unseres Hotelbalkons ein Nest, waren aber nicht im geringsten davon beeindruckt, dass wir 30 Zentimeter neben ihrem Ein- und Ausstieg saßen. Das kenne ich aus Deutschland nicht. Es können keine gängigen Wespen gewesen sein. Aber sie sahen genau so aus.

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Bei Rimi-Express kauften wir neuen Instantkaffee. Fast wäre es auch der gestreifte Wackelpudding geworden, aber wie transportiert mensch den im Koffer ohne Kühlung?

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In other news: Eine Ex-Blog-Wordpress-Site von mir wurde gehackt. Plötzlich stand da eine Anleitung zu „starten sie cmd+r auf ihrem Rechner und dann geben sie Code ein.“ Zufällig merkte ich es. Jetzt habe ich hoffentlich alles platt gemacht, was ich platt machen konnte und alle in Frage kommenden Passwörter geändert, mich beim Hoster gemeldet und werde schauen, was der Hoster jetzt noch sagt.1

Aber das betrifft das inzwischen zu Hause angekommene Reise ich. Das Blog-ich ist noch 72 Stunden und 1200 Kilometer hinterher.2

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Es war ein koppheisterischer Bummeldonnerstag.

Repräsentation ohne Menschen

Die Wettervorhersage war wenig aussagekräftig. Wir einigten uns darauf, dass es vormittags wohl regnen würde, danach wäre es zumindest trocken, vielleicht sogar sonnig. Also schliefen wir lange, frühstückten spät und trödelten durch die Gegend, in der Hoffnung jedem Regen ausgewichen zu sein.

Am letzten Tag war kein Programm mehr auf dem Programm, sondern Stadtbummel. Von der Liepų gatvė aus gingen wir in die anderen Richtung als sonst und standen vor einem Denkmal von: Kristijonas Donelaitis/Christian Donalitius, das ihn einerseits als Schöpfer des Klassikers Metai (Jahreszeiten) der litauischen Sprache würdigte, andererseits – unausgesprochen – gleich in die Untiefen deutsch-litauisch-polnisch-russischer Geschichte führte: Denn Donelaitis sprach offensichtlich litauisch, gehörte aber anscheinend eigentlich eher zur deutschsprachigen Bevölkerung der Gegend, war aber irgendwie auch konsensfähig genug, dass selbst zu UdSSR-Zeiten, die den Deutschen gegenüber nicht aufgeschlossen waren, sein Denkmal errichtet werden durfte.

Kristijonas Donelaitis

Denn Klaipėda hat wie Gdansk/Danzig das Problem, dass die komplette Stadtbevölkerung 1945 verschwand. „Die Deutschen“ waren Kriegsgegner, mit denen von den Verbliebenen niemand etwas zu tun haben wollte. Die Stadt musste sich danach neu erfinden. Historisch ist es in dieser Gegend schwer, historische Referenzpunkte und -personen zu finden, die keinen deutschen Bezug haben, aber sie sollten halt auch einen Bezug zur heutigen Stadt haben.

Klaipėda war sicher die sperrigste Stadt der drei litauischen Städte, die wir besuchten. Wir liefen durch die Neustadt, gebaut irgendwo im 20. Jahrhundert und fanden eine Fußgängerzone. Diese war offenbar vor kurzem neu gestaltet, hatte lauter Skulpturen, Sitzplätze und Kleinkunstwerke mit Bezug zur litauischen Literatur. Die war spannend, aber irritierend, weil sie abseits von allem liegt: die Flaniermeile ist am Hafen/Danė, die Tourist*innen zielen alle durch die Altstadt. Die Fußgängerzone lag im Nichts – vielleicht war die Stadt vor 20 Jahren noch anders gruppiert.

Am Ende der Fußgängerzone lag ein Komplex, bei dem ich zuerst dachte „Kirche“ und dazu Pfarrbüro und Altenheim: ein großer Zentralbau mit Türmchen, daneben ein direkt angeschlossener Bürotrakt und ein größeres Wohnhaus. Stil: Backsteinbrutalismus.

Oder anders gesagt: eine brutalistische Formgebung, aber mit Backsteinfassade, vielleicht 1970er, wahrscheinlicher ein Bau der 1980er. Nur konnte ich mir kein Szenario vorstellen, indem in der Sowjetunion in den 1980ern eine derart repräsentative Kirche entstanden wäre.

Zumal Kirchen bekanntermaßen mit Kreuzen geschmückt sind und nicht mit Hufeisen.

So entdeckten wir den Hochzeitspalast – repräsentative Bauten, die seit 1959 (Leningrad) im Einflussbereich der UdSSR entstanden, vermutlich um das verloren geglaubte Ritual im Alltag wieder zu bringen. Leider war dieser Hochzeitspalast geschlossen, ich hätte ihn gerne vor innen gesehen.

Aber später. Und der Palast in Vilnius (Link) natürlich auch.

Danach wieder ein Denkmal eines deutschtümelnden Litauenfreundes von 1900, der zugleich auch noch ein früher Buddhist war – sperrige Stadt.

Hochzeitspalast

Die Wimpel wurden gehängt

Wir gingen am traurig aussehenden Haus der Simon-Dach-Gesellschaft vorbei, der Heimat des Memelländerveins in Litauen, am immer noch schwer zugänglichen Hafen entlang und in die Altstadt. Oder in das, was davon übrig blieb oder wieder aufgebaut wurde.

Im Gegensatz zu Kaunas oder Vilnius wurde Klaipėda im Zweiten Weltkrieg nur einmal erobert. 1939 erspresste Deutschland, noch vor Kriegsausbruch, Litauen, um die Stadt und das Memelgebiet an Deutschland zu geben. Der einzige gewaltsame Übergang fand im Januar 1945 statt als die Rote Armee die Stadt eroberte. Hier allerdings nach starken Gefechten, und nachdem die Wehrmacht im Abzug zerstörte was sie konnte.

Als die Rote Armee in die leere Stadt einrückte, fand sie insgesamt sechs Personen vor. In den nächsten Tagen tauchte noch insgesamt eine mittlerweile zweistellige Zahl auf – viele davon Kriegsgefangene oder andere versprengte in die Stadt. Der komplette Austausch von Bausubstanz und Bevölkerung war so ausgeprägt selbst für den zweiten Weltkrieg ungewöhnlich.

Die Rote Armee zerstörte die Reste, die nach deutscher Kultur aussahen, und es blieb wenig. Die Altstadt ist ein kleines Carré unklarer historischer Akkuratesse, aber dennoch Touri-Hochburg, denn als Touri geht mensch natürlich in die Altstadt.

Wie wir auch.

Wir sahen endlich eines der Leinen-(der Stoff)-Geschäfte, die mir Madame seit 2017 für Litauen versprochen hatte. Die alte Markthalle war schon so gut wie zu leider. Wir passierten den Wilden Mann, schon von Stadtfestwimpelchen überdacht.

Der Wilde Mann

Am Theaterplatz, der bei aller Liebe nur als öde zu bezeichnen ist, stand immerhin das stadthistorisch bedeutsame Ännchen von Tharau. Die Wieder-Errichtung der Statue im November 1989 – noch zu Zeiten der Sowjetunion – war das erste Mal seit 1945, dass die memeldeutsche Kultur als solche irgendwie positiv im Stadtbild auftauchen durfte. Insofern ein bedeutsamer Moment für die Stadtgeschichte und den Umgang der Stadt mit ihrer solchen.

Wenn man den Hintergrund nicht kennt, ist der Ort aber nicht weiter besuchenswert.

Wir gingen durch netteres, kleinere Straßen voller Kopfsteinpflaster und Cafés. Madame kämpfte gegen das litauische Cafébestreben alle Bestellungen brav und sauber in großer Umständlichkeit nacheinander zuzubereiten. Aber dafür sah sie wirklich hingebungsvoll zurechtgerührte Matcha Lattes.

Ich beobachte derweil auf der Straße die Handwerker, die mit dem Aufbau des Stadtfestes (Jūros Šventė) beschäftigt waren. Beinahe dramatische Szenen, wenn der eine White Van, der gerade etwas aufbaute, dem anderen White Van, der woanders etwas aufbauen wollte, im Weg stand. Getränke, eine Bühne, eine andere Bühne und Standausstattungen musste aneinander vorbei balancieren.

Ännchen

Im Trommelschlag der Galeeren

Nach dem Kaffee wurde es Zeit zum Ausruhen. Wir beschlossen, wieder einmal an das Ufer der Danė zu gehen, uns auf eine der zahlreichen Bänke zu setzen und zu lesen. Ich las mich weiter mittelbegeistert durch “Touch: The Science of Hand, Heart and Mind“, Madame beendete ihren aktuellen Joan-Aiken-Roman.

Menschen zogen vorbei. Wir entdeckten, dass es anscheinend einen ÖPNV-Wasserbus entlang der Danė gibt, der das Flüsslein hoch und runter fuhr. Feierabendbummler*innen, Jugendlich, auf der Brücke sahen wir weiteres Aufspannen von Stadtfestfähnchen.

Dann regnete es. Tretboote sammelten sich unter der Brücke.

Wir retteten uns unter ein Bühnenzelt, das auch schon für das Seefest stand. Mit zwei jugendlichen Pärchen, einem telefonierfreudigen Litauer und einer Kleinfamilie mit Pudel bildeten wir eine lustige Wartegemeinschaft. Erst saßen wir am Rand der Bühne, später rückten wir immer enger zusammen.

Ab und an ertönten Trommelschläge vom Fluss. Boote, auf halber Strecke zwischen Drachenboot und Galeere zogen vorbei. Dann wendeten sie und dann fuhren sie davon. Dann kamen sie wieder. Vermutlich übten sie für eine Art Drachenbootrennen. Aber so sehr wie sie jetzt durch den strämenden Regen hin- und herrudern mussten, erinnerte es doch etwas an Galeerensklaven.

Das Regenradar zeigte, dass das Regengebiet am äußersten Ende von Klaipėda lag und gleich vorbei wäre. Das Regenradar zeigt dieses „der-Regen-ist-gleich-vorbei“ für mindestens eine dreiviertel Stunde an. Wir gaben auf, gingen durch den Regen auf die Suche nach etwas zu Essen.

IPA und Hard Kombucha

Das Feuerwehrhaus von gestern hatte zwar zahlreiche Sonnenschirme auf seiner Aussichtsterrasse, aber kaum wasserfeste Sitzplätze. Also gingen wir dahinter ins Dock, Hipsterbar, die uns aber wegen gutem Bier und gutem Burger empfohlen wurde und praktischerweise auf der Rückseite der Feuerwachen-Bar lag.

Ich ging bummelig koppheister, stolperte leicht über ein Stuhlbein, beim Versuch mich mit einem leichten Ausfallschritt zu retten, kamen wir weitere Stuhlbeine in den Weg, und ins Zeitlupe fiel ich. Den Reaktionen der Anwesenden nach, sah das spektakulärer aus, als es sich anfühlte, ich konnte mich vor Hilfsangeboten kaum retten, fühlte mich aber selbst komplett unbeeindruckt.

Ich wollte nur eines der schicken Craft Biere, die sie on tap hatten (12 Sorten bot die Zapfanlage), dazu die internetweit gerühmten selbstgemachten Kartoffelchips und den Chorizo-Burger, für die fünf Garstufen zur Auswahl boten.

Und selbst an diesem Ort an diesem Platz gab es keine englische Getränkekarte. Ich staunte wieder, wie litauisch selbst dieser Touristenhotspot ist.

Essen und Bier waren ausgezeichnet, wir zahlten wieder per QR-Code auf dem Tisch, es gelang mir, die Bar aufrecht zu verlassen.

Wir kamen nach Hause und sahen Sonne auf den Balkon. Leider regnete es auch.

Die Reise

Verkehrsmittel

Stand Klaipėda nach dem letzten ganzen Tag: 5 Fernzüge, 1 Regiozug, 1 Regioboot, 1 Hopserfähre, 2 S-Bahnen (Berlin), 2 Metros (Warschau) 5 Trams (2 Ffo, 3 Warschau), 1 Regiobus (Klaipėda), 7 O-Busse (5 Vilnius, 2 Kaunas), 1 Expressbus (Vilnius), 12 Busse (5 Vilnius, 3 Warschau, 3 Kaunas, 1 Klaipėda), 1 Minibus (Klaipėda); hinzugekommen: Nix. Alles gelaufen.

ÖPNV-Wasserbus. Leider zu spät gefunden. um ihn noch zu benutzen.

Anmerkungen

  1. Joah, das hat wohl nicht gereicht bzw. es waren einige Umdrehungen zu wenig. ↩︎
  2. Und weil eben der Hack alles verzögert hat, hängt das Blog-ich dem Lebens-ich aktuell sogar 18 Tage und 1200 Kilometer nach. ↩︎