26-07-25 Waldwege kreuzen (Vilnius – Klaipėda)

Madame roch Seeluft.

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Wir glauben, wir waren in Vilnius nicht nur im selben Hotel wie vor zwei Jahren, sondern sogar im selbern Zimmer. Flur, Wandbild und Raumschnitt waren auf jeden Fall identisch. Die Aussicht mindestens sehr ähnlich.

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Bisher ignoriere ich die Berliner Wettervorhersage für die nächste Woche und die News-Meldungen der Berliner S-Bahn eisern.

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Denn ich bin zwar wieder in Deutschland, aber noch ein ganzes Stück entfernt von Berlin. Das Reise-ich reist noch, das Blog-ich ist aber dennoch 96 Stunden und 780 Kilometer Vorsprung.

Es war In-den-Wald-Guck-und-Such-den-Anleger-Dienstag.

Goodbye Vilnius

Zug 781 von Vilnius nach Klaipėda sollte um 10:23h abfahren. Ab in die Hafenstadt: Die drittgrößte Stadt Litauens wartete, „Tor zur Welt“ bzw für uns, Startpunkt für die Fähre nach Travenünde, und wieder eine ganz andere Stadt. Die kleinste der „3 Großen“ Litauens, mit einer komplett anderen Geschichte: Waren die anderen Städte Litauens vor allem zwischen Litauern, Polen und Russen umkämpft über die Jahrhunderte, gehörte Klaipėda, erst zum Deutschen Orden, dann zu Preußen und bis 1919 zum Deutschen Reich. Erst danach reihte es sich in die deutsch-sowjetischen Überfälle des 20. Jahrhunderts ein.

Aber erst galt es dorthin zu kommen. Unser Hotel in Vilnius war vielleicht 10 Minuten zu Fuß bzw. eine Bushaltestelle und sehr wenig Fußwenig vom Bahnhof entfernt. Es bot sich einfach an, (fast) auszuschlafen, gemütlich zu frühstücken und zu beobachten, wie die ganzen Intrepid-Reisenden ihre Reisebusse bestiegen.

Denn obwohl wir zwei Abende zuvor nur 10 Intrepid-Leute plus Guide Algita im Restaurant getroffen hatten, fühlten sie nun zwei Busse (wir erkannten die zehn und Algita wieder die einstiegen). Entweder das werden jetzt parallel-Individualtouren bei denen Logistik, die niemand wirklich interessiert (Bus/Hotel) für große Gruppen gebucht werden, während der inhaltliche Teil zwar im Ablauf parallel für alle, in der Ausgestaltung aber Kleingruppen läuft; oder sie haben wirklich verschiedenen Touren durch das Baltikum, die sich mal im Hotel und Bus treffen und dann mal wieder auseinanderlaufen.

Wir auf jeden Fall liefen allein, verließen kurz nach ihnen den Bahnhof. Aber auf uns wartete noch niemand. Wir beschlossen, zu faul zu sein, um die Köffer den Hügel hochzuziehen.

Wir gingen zur Bushaltestelle Aguonų gatvė („Mohnstraße“) und nahmen für eine Station einen kleinen Trolleybus, der ungelogen, das Busmodell Trollino 12 war. (Der kleine, ungehorsame Trollino möchte bitte..)

Im Sofa zum Zug

Im Bahnhof Vilnius entdeckte Madame den Bahnhofsflügel, ich die VIP Lounge für die 1. Klasse. Mit Hilfe einer Bahnangestellten gelang es sogar, die elektrische Einlasssperre mit dem Spezial-VIP-Lounge-QR-Code zu überwinden.

Es war nicht plüschig, aber business-cozy. Bequeme Sofas, bequeme Sessel, mehr Meeting-Spaces als „mein“ normalen Büro. Nachdem wir eine herrliche Viertelstunden alles für uns allein hatten, kamen weitere Reisende. Niemand sprach litauisch.

Denn, das ist das spannende: Obwohl das Preisniveau in Vilnius, Kaunas und Klaipėda (Großstadt-Innenstadt) durchaus deutsches Niveau hatte und die durchweg ehrgeizig bepreisten Restaurants trotzdem immer mit Litauern gefüllt waren, auch mitten in der Woche, also auch bei den Litauer*innen Geld zum Ausgeben vorhanden ist, war die 1. Klasse LTG fast eine reise Auslands-Veranstaltung. Meine Arbeitshypothese:

Alle Litauer*innen, die in der Lage und Willens wäre, die 1. Klasse zu benutzen, nehmen für die Strecken lieber ihren Audi/Lexus/BMW. Bahn in Litauen ist für Leute, die keine andere Wahl haben, und die fahren dann 2. Klasse.

Irgendwann, kurz bevor es mit unserem Zug spannend wurde, kam jemand von LTG werkelte an der (kostenpflichten) VIP-Lounge-Kaffeemaschine, und nachdem er ging, fiel in der gesamten Lounge der Strom aus. Nach der vortätigen Toilettenerfahrung hatte ich Sorgen, ob wir sie überhaupt je verlassen könnten. Aber indem ich den Türöffner betätigte ging der Strom wieder an.

Selbst der sandigste Waldweg allerdings bekam einen beschrankten Bahnübergang

Unsere Plätze warteten auf uns. Nicht warteten die Gepäckablagen, denn die waren anscheinend schon in Vilnius-Airport, dem Startpunkt des Zuges gefüllt worden. Die Zugchefing machte tapfer eine Ansage auf litauisch, die vermutlich bei uns im Wagen 2 von 20 Anwesenden verstanden, sie kramte dann aber bei Überraschung des (kostenlosen) Heißgetränks, Wassers und Brownies doch noch etwas englisch hervor.

Wir fuhren zurück bis fast nach Kaunas und dann einmal quer durch Litauen nach Norden. Wir sahen Wälder und Wege, Pisten, Wiesen, Seen und Hügel. Wie ich inzwischen erfuhr hat das ländliche Litauen eine Bevölkerungsdichte wie die entlegensten Teile Brandenburgs (~ Prignitz) und dementsprechend spärlich ist Infrastruktur. Die hohe Dichte an SUVs im Allgemeinen und Subarus als no-Schmock-komplett-Waldpistentauglichem Modell ergab noch mehr Sinn.

Ab und an kam eine halbverfallene sowjetische Industrieanlage vorbei, ab und an Streckenbau-Arbeiten. Staunend hatten wir schon gelernt, dass Litauen zwar keine natürlichen Bodenschätze hat, aber 5% der Wirtschaft daraus besteht, Öl zu raffinieren – vermutlich ehemals aus Russland gekommen, was nicht mehr geht, haben die Raffinerien den Wandel überstanden.

Hunderte und aberhunderte Tankwagen, die wir immer wieder trafen, bestätigten, wie groß und wichtig der Wirtschaftszweig anscheinend ist.

Mohn zu Linden

In Kretinge verloren wir viele Mitreisende, denn dort fährt der Bus nach Palanga, das Ostsee-Mallorca der Litauern. Als wir eine halbe Stunde vor Plan schon im Großraum Klaipėda waren, staunte ich, was wir noch machen würden. Nachdem uns 20 Minuten später gemütliche Freizeitradler überholten, staunte ich ein wenig und verstand ein wenig.

Nachträglich recherchierte ich: Baustelle, Langsamfahrstelle. Um 15:33h kamen wir pünktlich nach Fahrplan an. Im Nieselregen zogen wir die Köffer vom Bahnhof weg durch den Skulpturenpark/Ex-Friedhof der Stadt in die Liepų gatvė zum Dangė Hotel.

Bitte hier tröten!

Zimmer 44

Das Dangė Hotel erinnerte an das Boheme von Kaunas. Auch hier ein umgebautes Wohnhaus. Auch hier privat geführt und bis an die Zähne designt. Aber sonst würde ich gerne das Bohme einmal zur Fortbildung schicken. Dort war eigentlich immer „Ich bin Design! Beachte mich!“, hier war die Einstellung „Du musst gar nicht wissen, warum und wie, Hauptsache du hast das Gefühl alles ist toll.“ Vor allem aber dienste hier das Design der Nutzbarkeit.

Die Menge an Raum, die sie aus ihrem Dachboden gewonnen hatten, beeindruckte uns. Das Badezimmer hatte ein Oberlicht, und dadurch soviel Licht, dass wir quasi dauernd kurz davor waren, den Lichtschalter zu drücken, weil es uns so beleuchtet vorkam. Der Schreibtisch war riesig, der Stuhl bequem, und der Balkon riesig.

Und als wir auf dem Balkon saßen, sah ich am Ende der Straße plötzlich Container durch das Bild schieben. Ein kurzes Stutzen, ein Zögern, ein Nachdenken: Tatsächlich, dort am Ende der Straßen schauten wir auf die Hafen-Ausfahrt, konnten zumindest die großen Pötte über den Bäumen vorbeigleiten sehen.

Ein Hotel. mindestens so schön wie das Boheme und mindestens so funktionierend-großzügig wie das Comfort-Hotel. Anfang (Polonia Palace) und Ende (Dangė) der eigentlichen Reise hatten die besten Hotels.

Sapphire Princess

Und währned das Hotel selbst an einer eher unspektakulären Wohn/Verkehrsstraße lag, Madame freute sich sehr am Fliesengeschäft und ein Lunch-Lokal für die Bewohner drumherum, waren wir doch nur einen Block vom Fluss Danė (ehemals Dange) entfernt, der bei Klaipėda in das Kurische Haff/das Memel-Delta fließt.

Wir liefen am Fluss entlang, stellten schnell fest, dass es die Haupt-Ausgehmeile der Klaipėdianer*innen ist und offenbar in den letzten Jahren einmal nach allen Maßstäben und Trends moderner Ausgehmeilengestaltung am Fluss umgebaut wurde. Das war sehr beeindruckend.

Wir aber suchten vor allem den Anleger. Madame hatte Boots-Fahrkarten auf die Kurische Nehrung nach Nida gebucht, und wir hatten wenig Lust morgens unter Zeitdruck durch das Hafengebiet zu irren auf der Suche nach dem Boot.

Vor diesem fanden wir aber das Kreuzfahrtschiff. Das war auch größe, die Sapphire Princess – die war mit 300 Metern Länge, knapp 40 Meter Höhe und Platz für 2670 Passagiere auch ziemlich unübersehbar. Während wir noch standen und schauten, kamen einzelne Kreuzfahrer*innen zum Schiff zurück, gingen durch eine erstaunliche kleine Tür im Bauch des Schiffes wieder an Bord. Ich sah keine Kontrollen, war kurz versucht es ihnen einfach gleich zu tun, war aber dann doch zu feige.

Vor allem aber rollten die Reisebusse an: „Purple 5, Brown 13, Black 11 – Best of Curian Split“ und noch viele andere. Sie waren ausgeschwärmt, hatten die Kreuzfahrer quer durch die Gegend verteilt und holten sie nun wieder zurück.

Gestreifter Wackelpudding zum Abschluss

Auch wir fuhren Bus, Minibus, eine ehemalige Marschrutka, ein Sammeltaxi/Kleinbus, der auf bestimmten Linien fährt, aber dort auf Handzeichen irgendwo auf der Strecke hält. In Klaipėda sind diese mittlerweile komplett in den ÖPNV integriert, fahren aber auch durch Nebenstraßen, haben feste Haltestellen, aber auch hier muss man den Arm ausstrecken, um sie zum halten zu bewegen.

Bis zum dritten M-Bus hatten wir das auch gelernt,

Wieder ging es zur Akropolis. Denn auch in der Akropolis Klaipėda gab es, wie in der Akropolis Vilnius, ein Delano-Restaurant. Ein Buffet-Restaurant, einst beliebt im ganzen Ex-Kommunistischen Ostblock, in Litauen, schon fast am Aussterben – eine Art gehobenes Selbstbedienungsrestaurant, an der eine große Auswahl „gutbürgerlicher Küche“ live gekocht wird – also ähnlich wie das Karstadt/Galeria-Restaurant, aber mit größeren Angebot und fokussiert auf litauisches Essen.

Für uns hatte es den großen Vorteil, dass wir einmal eine ganze Bandbreite an Gerichten live, in echt sehen konnten, teilweise auch direkt die Zubereitung sahen, und uns noch einmal quer durch die ganzen Kartoffelvariationen essen.

Dazu, natürlich, wir waren im Akropolis, wieder Eishockey-Training.

Es ging früh zurück ins Hotel. Der nächste Tag sollte einen ganzen Tagesausflug bringen.

Die Reise

Am Ende der Straße die Containerschiffe

Verkehrsmittel

Stand Ankunft Klaipėda: 5 Fernzüge, 1 Regio, 2 S-Bahnen (Berlin), 2 Metros (Warschau) 5 Trams (2 Ffo, 3 Warschau), 7 O-Busse (5 Vilnius, 2 Kaunas), 1 Expressbus (Vilnius), 12 Busse (5 Vilnius, 3 Warschau, 3 Kaunas, 1 Klaipėda), 1 Minibus (Klaipėda); hinzugekommen: 1 Fernzug (Vilnius-Klaipėda), 1 Trolleybus (Hotel Vilnius-Bahnhof), 1 Minibus (Klaipėda Hafen-Akropolis), 1 Bus (Akropolis Klaipėda-Hotel)

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