26-07-17 Hinauf im Dunklen, hinauf im Hellen (Kaunas)

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Madame mag keinen Espresso Tonic.

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Madame wies darauf hin, dass die Schaffnerin, die auf englisch im Café mit ihren Kollegen über Kaffeeausschank diskutierte, natürlich keine Schaffnerin war, sondern eine Stewardess, vermutlich von Ryan Air. Das ergibt viel mehr Sinn. Zeigt aber auch, wie sehr „Flugzeuge“ und alles was dazu gehört, in meinem Geist so abwesend sind, dass sie mir nicht mal mehr in solchen Situationen in den Sinn kommen.

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Neben der Markthalle von Kaunas einzelne Tische an dem einzelne ältere Frauen ihre Erzeugnisse verkaufen: Gemüse offensichtlich aus dem Garten, gesammelte Pfifferlinge oder auch einmal zwei Stücke Frischkäse.

Auf demselben Markt kosten gezüchtete amerikanische Kulturheidelbeeren mehr als gesammelte europäische Waldheidelbeeren.

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Im histiorischen Burggraben: Eine ganze Herde Rasenmähroboter.

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Es war ein Mittwochabend der Wahrheit und ein Donnerstagmorgen des Aufbrauchs. Das bloggende ich ist dem reisenden ich weiterhin 100 Kilometer und gut 30 Stunden hinterher.

Nachträge

Wein

Nachzutragen bleibt der Wein bei Nüman. Mangels Erinnerung/Notizen lässt sich dieser nur noch aus der Rechnung rekonstruieren. Wir tranken jeweils ein Glas nach Empfehlung des Hauses. Zu Gruß aus der Küche/ Vorspeisen war dies ein Desom Cremant, der überrschend stark nach Vanille schmeckende Weißwein zu Fisch und Dessert (passte zu beidem gut) ein Morillion blanc.

Ticket

Nachzutragen bleibt die Fahrkartenkontrolle vom Mittwoch. Kaum hatte ich mir Gedanken gemacht, wie das eigentlich mit der ÖPNV-Fahrkartenkontrolle technisch funktioniert, schon wurden wir kontrolliert.

Für Polen habe ich seit Jahren die Jakdojade-App auf meinem Handy, die nicht nur weiß, wann ich an welcher Haltestelle welche Bahn/Bus nehmen sollte, sondern mir auch alle Fahrkarten sämtlicher Verkehrsverbünde Polens verkauft – gerne auch Tages- und Wochenkarten, die wir vor allem nutzen.

In Litauen funktioniert das nicht. Die Trafi-App für Litauen kann zwar Verkehrsdaten und Routenplanung. Aber sie kann nicht vernünftig Ticketverkauf.

Zum Glück allerdings haben Kauna (und Vilnius) sich dem internationalen Trend des Fahrens per Kreditkarte angeschlossen. Ich halte meine Kreditkarte beim Einsteigen an den Entwerter, der piept, bucht ein wenig Geld ab, und ich darf dann bis zur Endtstation dieser Linie (Kaunas) bzw. 60 Minuten lang (Vilnius) fahren.

Das ist Touri-Modus: Etwas teurer als reguläre Tickets, die ich per App/Fahrkarte erwerben könnte, aber auch deutlich einfacher.

Nur, wie wird es kontrolliert? Ich habe ja kein Ticket, das ich vorzeigen könnte?

Im Hotelbett, beim Vor-Frühstücks-Kaffee las ich nach: der Entwerter erstellt einen Token aus einigen meiner Kreditkartendaten, kombiniert diese mit Bus und Uhrzeit zu einem gemeinsamen Datensatz und speist in das System ein. Bei der Kontrolle liest das Kontrollgerät meine Kreditkartendaten und checkt, ob für diese Karte ein gültiger Token im System ist.

Generell wüsste ich gerne mehr (Welche Daten? Was passiert, wenn der Bus keinen Empfang hat? Wie wird verschlüsselt?) Aber so für den urlaubenden Hausgebrauch war das genug,

Also frühstückten wir, stiegen in den 5er-Trolleybus zum Kloster Pažaislis, schon hielt der Bus an. Fahrkartenkontrollen in Kaunas sind stationär. Ein Kontrollvan mit drei Mitarbeiter*innen stand an der Bushaltestelle, unser Bus durfte erst weiterfahren nachdem die drei alle Passagiere kontrolliert hatten.

Dabei scheiterten normale Geräte an unseren Kreditkarten. Der Chef mit dem Kontrollhandy musste kommen, die Daten mit seinem System abgleichen. Und alle durften weiter.

Tag der Schwärze

Aber eigentlich bin ich beim Erzählen zwar hinterher, und gerate weiter in Rückstand, aber ich war zumindest Mittwoch Nachmittag angekommen. Wir saßen an der Prachtstraße Kaunas, der Laisvės alėja beim Bäcker und machten uns auf ins Kino.

Denn Kaunas hat ein Welterbe-Kino. Zum gesamten Weltwerbe-Ensemble Aufbruch in die Moderne, gehört auch das Romuva, eröffnet zwei Monate vor dem Einmarsch der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Das Kino zeigte englische Filme mit litauischen Untertiteln, und wir wählten nach Zeitpunkt und Ort: Tiesos diena, in deutscher Übersetzung „Tag der Wahrheit“, bekannter unter dem englischen Verleihtitel Disclosure Day. Es war Zufall, aber wir konnten unsere Spielberg-Alien-Reihe mit A.I., E.T. und Close Encounters of the Third Kind jetzt fortsetzen.

Gerade so.

Wir kamen einige Minuten zu spät, die Werbung lief schon. Und wir hatten große Probleme den Saal zu finden. Wir gingen durch eine Art Schleuse, rechts ein Tür, offenbar ein Notausgang, vor uns schwarz. Wir hörten ein Geräusch, aber wir sahen nichts. Ein paar Schritte in das Schwarze hinein, war die Leinwand zu sehen. Aber anders als in Deutschland war zu dieser Zeit sie Saalbeleuchtung aus, der Saal selber schluckte überraschend sämtliches Licht der Leinwand. Ich glaube ich war noch nie in einem Raum, der prinzipiell beleuchtet war (die Leinwand) und trotzdem so dunkel. Auch alle Versuche scheiterten, kurz zu warten, damit die Augen sich gewöhnen.

Es war zu dunkel.

Irgendwo in dieser Schwärze waren unsere Plätze: Reihe 8, Plätze 17 und 18. Die Handy-Taschenlampe half etwas, der steile Anstieg, die Tatsache dass unsere Sitze weit entfernt von Eingang waren, und dass wir quasi keine Personen sahen half nichts. Meine Güte, was sind wir da durch gestolpert.

Zum Glück hat uns ja auch niemand gesehen, nur das Rudern und Schwanken der Taschenlampe.

Der Film selber: Überraschend gut. Kein Großwerk wie E.T., das Drehbuch manchmal etwas holprig, aber Spielberg kann immer noch, was niemand so gut kann wie Spielberg: das große, plakative Gefühl auf die Leinwand bringen, das trotzdem emotionale Tiefe hat. Im Handwerk der Emotionen war das Spitzenklasse.

Nachdem das Licht an ging, verstanden wir auch etwas besser, warum es vorher alles so derart dunkel war. All black.

Kirschkompott

Wir ahnten ja schon, dass wir spät (~ 20.35h) aus der Vorstellung kämen und dann keine Essens-Experiment-Exkursionen mehr vorhatten. Also dachten wir: Georgier geht in Osteuropa immer, direkt neben dem Kino scheint ein relativ guter zu sein. Also bestellten wir einen Liter Kompott und die bewährte Trias aus Phkali als Vorspeise, dann den Chatschapuri und Chinkali.

Danach wankten wir die Laisvės alėja ins Hotel hinunter.

Phkali (Roote Beete, Spinat-Walnuss und Frühlingszwiebel-Möhre)

Letzter Smoothie

Am letzten Morgen sollte alles anders werden. Die Dachterrasse war offen, aber getreulich dem guten Functions-follows-form-Stil des Hotels war der Ausblick super, die Terrasse aber so sonnenbestrahlt, dass ich ganz sicher nicht an einem Sommertag dort frühstücken wollte.

Dennoch brachen wir mit Gewohnheiten. Ich mit meinem „Wir müssen verschiedenes bestellen, sonst wissen wir ja gar nicht was es alles gibt“, und wir hatten beide Eggs Benedict. Das Hotel hatte sich in Unkosten gestürzt und gleich zwei Servicekräfte herbeigeholt, auch weil es einer Achtergruppe Litauer*innen gelungen war, das zum Hotel gehörende Restaurant zu bezwingen und tatsächlich einen Tisch für sich zu reservieren.

Bevor wir auschecken mussten, liefen wir noch einmal durch die Altstadt.

Blick von der Dachterasse, der rechte Turm gehört zum historischen Rathaus, die linken zur jesuistischen St. Franziskus Xaverius-Kirche.

Blutreliquie

Und da waren sie dann doch: die organisierten Reisegruppen. Ihre Zahl gering, um Kaunas mitzunehmen muss man vermutlich die „Baltikum-Rundreise-Extra-Large“-buchen. Aber sie waren vorhanden. Wir trafen sie an der Burg, unter „dem berühmtesten Streetart-Werk vom Kaunas“ (reden wir besser nicht weiter drüber) und natürlich auch in den historischen Kirchen.

Die boten wieder Barockschock. Wir standen neben St. Peter und Paul, Bischofskirche des Erzbistums, und ich dachte noch: Backsteingothik. Kenn ich. Sieht von innen halt sehr backsteinig aus, große Hallen, nach oben strebend, schicke Gewölber und tendenziell leer.

Dann trat ich hinein und bekam eine ganze Ladung katholischen Barock um die Augen. Ich hätte es mir denken können, war aber dennoch stunnend. Selbst eine Blutreliquie von Johannes Paul II. war zu sehen. So also sähen Lübeck, Stralsund oder Bremen aus, wenn es keine Reformation gegeben hätte.

Vor Schreck hätte Madame beinahe noch Geld an Radio Marija gespendet, weil sie aus Versehen ihr Handy mit Bezahlfunktion einige Meter vom Radio-Marija-Spenden-Empfangsgerät in Betrieb nahm.

Autobusų

Hotel-Checkout war um 12. Der Zug 34 nach Vilnius fuhr um 16:23h.

Plan A: Koffer an der Rezeption im Hotel lassen, scheiterte, weil es keine Rezeption gab und kein Personal, das diese bedienen konnte.

Plan B: Schließfächer im Hauptbahnhof scheiterten, denn wir hatten schon bei der Ankunft gesehen, dass diese defekt sind,

Also Plan C: Schließfächer im ZOB. Die Balt*in an sich fährt ja lieber Fernbus als Zug. Dementsprechend ist der ZOB ein Neubau von 2017, an einen kleinen Flughafen erinnernd mit Läden, Bäckern, Imbissen und einer Gepäckaufbewahrung, Busse fahren im Minutentakt Richtung Vilnius, Klaipeda, Nida, Berlin, München, Warschau, Kyjiw, Riga, Minks, Mailand.. der Eisenbahnhof ein historischer Bau, an dem pro Stunde je ein Zug nach Vilnius und einer nach Marijampole fährt.

Zum Glück liegen der autobusų stotis und der Eisenbahn-stotis direkt nebeneinander. Nur eine neue Unterführung gab es natürlich zu bestaunen:

Eichen

Wir hatten nur zweiundeinbißchen Tage, also brauchten wir viel Mut zur Lücke. Aber wir hatten noch Ziele: Kaunas hat offenbar viele große Parks. Und bisher hatten wir die Flusstäler von Memel und Neris nie verlassen, die etwas höher gelegene Ebene zwischen den beiden Flüssen, mit den ganzen Villen nie betreten. Die Standseilbahn war ja auch defekt.

Also brachen wir vom autobusų stotis auf. Erst ging es in den Ramybė Park, den Park des Friedens, fast neben dem Busbahnhof. Ein ehemaliger Friedhof, der von der Sowjetunion aufgelöst worden war. Die beiden religiösen Gebäude, eine russisch-orthodoxe Kirche und eine kleine Moschee dienten als Lager für Zeug während der Sowjetzeit.

Beide sind wieder im Einsatz, beide religiös konnotiert. Vor der Kirche bekreuzigte sich eine ältere Frau, die uns sonst böse ansah, in der Moschee konnten wir durch die geöffnete Tür ein Gebet sehen.

Wir liefen den Hang hinauf zur öffentlichen Bibliothek nach Ąžuolynas, dem laut Wikipedia „largest urban stand of mature oaks in Europe“. Wie immer liefen wir den Hügel entlang einer vierspurigen Straßen hoch. Wie immer konnten wir diese nicht überqueren als wir auf der falschen Straßenseite zum Parkeingang standen. Richtig Zeit hatten wir auch nicht mehr.

Aber es war schön. Was für ein Park!

Ąžuolynas

Ein Mädchen spielte am Bahnhofsflügel

Entsprechend zügig ging es den Hügel hinab. Erst an historischen Viellen vorbei, dann eine Treppe hinab, die nach unten hin abenteuerlicher wurde (Respekt vor den Kaunasinnerinen, die diese Treppe erklimmen können, dabei auf das Handy schauen, und sich trotzdem keine Knochen brechen), über Hauptstraße und Street Art kamen wir zur Gepäckaufbewahrung und zum Bahnhof.

Im Café kalter Hund war diesmal jemand, der froh war, englisch zu sprechen, uns aus lauter Freude noch einen Spezialkaffee mit Eis und anderen Zutaten zusammenbastelte und beschloss, dass der dunkle kalte Hund viel besser schmeckt als der – karamelligere, süßere – helle. Der den dunklen hatten wir schon probiert, den hellen noch nicht.

Um 16:23h fuhr genau nach Plan an Bahnsteig 1 auf Gleis 1 Zug 34 aus Mockava nach Vilnius ein. Aber das soll ein andernmal erzählt werden.

Time for sleep.

Die Reise

Verkehrsmittel

Stand Kaunas vor der Abfahrt nach Vilnius (Donnerstag Nachmittag): 3 Fernzüge, 1 Regio, 2 S-Bahnen (Berlin), 2 Metros (Warschau) 5 Trams (2, Ffo, 3 Warschau), 2 O-Busse (Kaunas), 6 Busse (3 Warschau, 3 Kaunas); hinzugekommen: 1 Bus (Hotel-Busbahnhof)