Kategorie: Alltag

  • 23-07-20 Oder Weichsel Ostsee?

    23-07-20 Oder Weichsel Ostsee?

    Im Hafen von Gdańsk liegt ein Nachbau der Black Pearl aus Fluch der Karibik. Diese bietet Ausfahrten an die Westerplatte an, wo ein Denkmal zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs steht. Mitfahrende kommen vor allem aus Schweden. Danzig – es ist eine besondere Stadt.

    Wie jedes Mal in diesem Urlaub – wir wussten nichts. Aber bevor wir in Geschichte und Kultur einstiegen, widmeten wir uns Widrigkeiten des Alltags.

    69% aller Unfälle passieren im Haushalt. Oder waren es 90%? Oder 30%? Wurde diese Zahl jemals wirklich erhoben? Der Haushalt ist, so wird gesagt, ein gefährliches Pflaster.

    Viel gefährlicher als der Haushalt ist das Hotelzimmer. Noch gefährlicher ist das Hotel-Badezimmer: Oberflächen, schlüpfrig geworden von Wasser und Seife, unbekannte Kanten und Oberflächen.

    So also bekamen wir einen ungeplanten und ungewollten Einblick in das polnische Gesundheitssystem. Der private Arzt, vermittelt von der Auslands-Krankenversicherung erklärte sich schnell per WhatsApp als nicht-zuständig und verwies an die Notaufnahme.

    Die Notaufnahme der Uni-Klinik Gdańsk versteckte sich gut auf dem gigantischen Gelände von Klinik und medizinischer Hochschule.

    Als wir sie einmal gefunden hatten, wurden wir umorgt. Die Rezeption verwies uns an die englischsprachige Fachkraft, schnell ging es an die „Triaż“ und dann bekam man einen Farbcode: Von Dunkelrot (es ist so eilig, dass keine Zeit für Farbcodes bleibt), über dunkelgelb (In 10 Minuten Arztvorführung), hellgelb (120 Minuten), grün (240 Minuten) und blau (360 Minuten).

    Wir drehten noch einige Extrarunden und nach ziemlich genau 6 Stunden verließ Madame mit einem Gips, zwei Arztbriefen und der Aussicht auf viele weitere Arzttermine die Notaufnahme. Ich war nicht mit im Behandlungszimmer. Aber Madame berichtete nur Positives: Wenn man an der Reihe war, nahm der Arzt sich viel Zeit, erklärte gründlich und nahm sich Zeit zur Untersuchung.

    Im Schlechten verlief es ziemlich gut. Falls ihr vorhabt, euch auf Reisen zu verletzen, können wir empfehlen, es in der Gegend der Danziger Uniklinik zu unternehmen.

    Protect your head (und andere Körperteile). Installation mit Werftarbeiter*innen-Helmen in der Sokidarność-Ausstellung.

    Nachdem nun ein Tag an die überraschende Exkursion in das polnische Alltagsleben gegangen war, mussten wir Programm raffen. Die Motława, den Fluss der Gdańsk durchfließt, hatten wir schon mehrfach bestaunt. Auch durch Altstadt und Rechsttadt, die beiden Haupt-Touristen-Viertel waren wir schon zwei Abende gewandelt. Aber würde es noch für die Ostsee reichen? Wir mussten straffen.

    Es begann in der Marienkirche, laut Wikipedia eine der größten Backstein-Kirchen der Welt und offensichtlich noch ausgiebig als Kirche benutzt. Die angetrunkenen Schweden, die die Akustik des nächtlichen Ausgeh-Danzig bestimmen, wurden ersetzt durch deutsche Bildungsbürger-Rentner mit Mitteilungsdrang.

    Weiter zur Solidarność-Ausstellung auf dem Gelände der Danziger Werft. Eine Mischung aus Museum und Würdigung von 40 Jahren Widerstand gegen den Kommunismus. Dargeboten in einer neuen Halle von den Ausmaßen einer echten Produktionshalle mit moderner Technik. Die arme Madame wurde von mir etwas durch die Gegend gescheucht (wir hatten nur zwei Stunden von 14 bis 16 Uhr), denn wir wollen weiter.

    Die 8er-Tram fuhr uns zu ihrer Endhaltestelle Jelitnowo an einen der Stadtstrände von Gdańsk – gelobt sei die Stadt, die einen Strand in Straßenbahnreichweite hat. Da Strand, Meer und Gips sich nur mäßig vertragen, schauten wir auf die Ostsee, liefen aber vor allem nach Norden nach Sopot.

    Und in diesem 200 Jahre alten Ostsee-Bade-Kurort liefen wir auf die Seebrücke. Wenn schon nicht in der Ostsee, dann über sie hinweg. Sonne, Wellen, Containerschiffe am Horizont. Ausatmen nach diesen beiden Tagen.

    Abends Danzig-Rechtsstadt wieder, wieder inmitten der Schweden. Und eines blieb uns von Berlin über Wrocław, Warszawa und Gdańsk erhalten: Mauersegler. Von der Oder an die Weichsel und die Ostsee. Wie vielfältig dieses Land ist. Wie wenig Ahnung ich immer noch habe.

  • 23-07-18 Zwischen Frosch und Chopin

    23-07-18 Zwischen Frosch und Chopin

    Madame sagt desöfteren „Microfantasia“.

    Die Fernuni schrieb mit einem Einsendeaufgabenergebnis in Algorithmischer Mathematik: 27,8%. Um zur Klausur zu dürfen, benötige ich dreimal mehr als 30%. Ich habe zweimal(!) mehr als 30%, dazu einmal 28,7% und einmal 27,9%. Oder anders: Zweimal verpasste ich das Ziel um jeweils einen Punkt. Damit bin ich nicht zur Klausur zugelassen. Hätte ich in einem der beiden Versuche nur einen Punkt mehr erlangt, dürfte ich die Klausur mitschreiben. So knapp wie das ist, versuche ich vielleicht doch noch einen Punkt nachträglich heraus zu verhandeln. Aber egal, jetzt ist Urlaub.

    Phänomenal übrigens: Wir sind drei Tage an einem fremden Ort und immer noch nicht auf dem Rückweg. Das hatten wir seit 2017 nicht mehr.

    Der laut Vorhersage heißeste Tag des Urlaubs liegt hinter uns. Warszaw bot 35 Grad bei strahlendem Sonnenschein. Mein Bestreben war: Wir suchen uns ein schattiges Plätzchen im Park an dem ein laues Lüftchen weht und versuchen, uns so wenig wie möglich zu bewegen. Madame meinte: Wenn sie schon ewig durch die Gegend fährt, möchte sie auch etwas davon sehen.

    Wir einigten uns auf den Frühstücksmarkt (Targ Śnidaniowy) im Park am Skwer AK Granat und zogen mit Hilfe der Metro-Linie 1 zum Łazienki-Park weiter. Der „Park der königlichen Bäder“ hat ja schon einen mir sympathischen Namen. Außerdem steht dort das Chopin-Denkmal, an welchem Sonntags um 12 und 16 Uhr Chopin-Konzerte stattfinden.

    Wir lauschten einem Konzert von Aleksandra Świgut besichtigten – ganz suutje – einen 80 Hektar großen klassizistischen Landschaftspark, in dem sich einst ein Jagdschloss der polnischen Könige befand. Zum Glück ein Park mit vielen Wandelwegen unter alten Bäumen mit stetem leicht leichtem Wind.

    Palme von Warschau und Bus
    Die Warschauer Palme soll an die Vegetation Israels erinnern und damit auch an die oft verdrängte jüdische Geschichte.

    (Bildungslücke für zwischendurch: Wann hat Polen die Monarchie abgeschafft, und sollte sie wieder eingeführt werden, welches Adelshaus würde aktuell den König stellen?)

    Dann bewegten wir uns zurück zu Chopin, hörten das zweite Konzert von Łukasz Krupiński. Da unser Sitzplatz direkt an einer Park-Magistrale lag, bewunderten wir hunderte Pol*innen in ihrem Sonntags-Ausgeh-Dress zwischen Barbiecore und Microfantasia. Nur High Heels sahen wir weder in der Sonntags- noch in der Samstag-Abend-Ausgeh-Garderobe im Ausgehviertel. Diese Zeiten scheinen vorbei.

    Nach Rückfahrt mit dem 180er-Bus und etwas Erholung im SCSK-Hotel ging es Abends wieder in die Ausgehmeile in die Nowy Świat – Georgisch im Chmeli Sumeli essen und danach den Weg bis zum Schlossplatz (Plac Zamkowy). Ergebnis dieses Tages an dem ich mich nach Möglichkeit überhaupt nicht bewegen wollte: 17000 Schritte.

    (Bildungslücke für den Museums-Teil: Wo genau in Warschau ist Willy Brandt auf die Knie gefallen?)

    Montag folgten wir dem Motto „Kommen Sie ins Museum, wir haben Klimaanlagen“. Das Frühstück im reinen Frühstücks-Lokal Bułkę przez Bibułkę bescherte uns Omelett, scharfe Spiegeleier und eine unfreiwillig unterhaltsame finnische(?) Reisegruppe am Nachbartisch. Der Bus brachte uns zum Muzeum Historii Żydów Polskich POLIN (POLIN – Museum der Geschichte der polnischen Juden).

    Wir kamen um 12 und als sie uns um 18 Uhr vor die Tür kegelten, waren wir in der umfangreichen chronologisch aufgebauten Ausstellung bis ins Jahr 1918 gekommen.

    Die Macher* innen müssen den Spagat hinbekommen, sowohl Leute abzuholen, die wenig Wissen zum Judentum als auch zur Geschichte Polens haben, wie auch Privatgelehrten etwas zu bieten. Es gelingt vergleichsweise gut, der Anteil an Museumspädagogik ist hoch, die Objektdichte wird höher je näher man an die Gegenwart gelangt. Natürlich kommen zu viele Eindrücke mit, um sie innerhalb eines halben Tages verarbeiten zu können.

    Deshalb leichtes Entertainment: Wir haben eine Mehrtageskarte für den örtlichen ÖPNV, hatten es in den Warschau-Tagen nicht geschafft, die Wisła zu überqueren und ein Unwetter war angesagt. Also fuhren wir durch einen Wolkenbruch mit der 25er-Tram zur einen Endhaltestelle, dann zur anderen Endhaltestelle und dann nach Warszawa Centralna. (Zwischendurch Placki/Kartoffelpuffer in einer vegetarischen Milchbar.)

    Das polnische Wort für Frosch lautet Żabka. Jede*r, die länger als vier Minuten in einer polnischen Großstadt verbracht hat, wird Żabka kennen. Die Späti/Kiosk-Kette betreibt im Innenstadt-Bereich etwa alle 50 Meter einen Laden. In denen gibt es Mineralwasser. Bei 35 Grad das wichtigste am kompletten Urlaub.

  • 23-07-15 Breslau in (Nieder)schlesien

    23-07-15 Breslau in (Nieder)schlesien

    „Unsere“ Tramhaltestelle Narodowe Forum Muzyki wird in der Tram mit ihrem Namen und einigen Sekunden Geigenmusik angesagt. Ich finde das sehr charmant.

    Als ich in den 1980ern in Westdeutschland in die Schule ging, besprachen wir Herrn von Ribbeck aus dem Havelland. Das Havelland war ein fernes Reich im irgendwo, zwischen Timbuktu und Shangri-La und dem Königreich der Brüder Löwenherz. Weg, hinter dem eisernen Vorhang verschwunden, ins Nichts abgetaucht.

    Diese Bildungslücke schloss ich inzwischen. Der Bungalow steht in den Randgebieten des Havellands. Aber ich stelle fest, So ähnlich wie einst mit dem Havelland geht es mir heute mit Schlesien.

    Ich wusste nichts! Also das Wrocław/Breslau einst zu Deutschland gehörte, war mir natürlich schon irgendwie bekannt, aber was das für einen Einfluss auf die deutsche Kulturgeschichte hatte, da war nichts. Ich weiß immer noch nichts, aber wenigstens ist mein Bewusstsein der Bildungslücke gestiegen.

    Vorgestern erfuhr ich das erste Mal in meinem Leben von der Jahrhunderthalle. Heute entdeckte Madame, dass es eine Art deutscher Eiffelturm ist – sowohl von der Entstehungszeit (1913) und -anlass als auch von der Architekturgeschichtlichen Bedeutung. (Welterbe immerhin). Ich hatte nie davon gehört.

    Zwischendurch überbrückten wir die Mittagshitze beim Wandeln unter der tollsten Pergola, die ich in meinem Leben sah – gestaltet vom in Deutschland nicht unbekannten Hans Poelzig.

    Blick auf Multimedia-Brunnen und Jahrhunderthalle

    Überhaupt: Die Vorkriegsbauten sind natürlich von preußischer Gestalt, was oft an Berlin erinnert. Und sich doch schräg anfühlt.

    Spannend der Umgang vor Ort: Im Museum für zeitgenössische Kunst im Vier-Kuppel-Pavillon (auch Poelzig, auch Welterbe, auch vorgestern zum ersten Mal in meinem Leben davon erfahren) begann heute eine Ausstellung „Rococo Madness!“ über das Rokoko in Schlesien und Reaktionen zeitgenössischer Künstler*innen darauf. Phantastische Ausstellung. Aber was uns auch auffiel: Rokoko in Schlesien wurde getrieben von preußisch/deutschen-Adligen – die einfach so im Ausstellungstext erwähnt wurden ohne jede Relativierung/Kontextualisierung oder sonstwas.

    Waren halt die Deutschpreußen. Genau wie es zum Beispiel in Trier die Römer waren. Ist halt lange her.

    Schlesien – ein echtes Bildungsloch tat sich auf.

    ( Oder sei es, dass ich heute im Restaurant die urschlesische Spezialität Rinderroulade aß; bei einem Gericht mit Salzgurken als essentieller Zutat hätte mir die Herkunft auch früher auffallen können).

    Mehr werde ich auch vorerst nicht erfahren, denn es ging von Breslau Hauptbahnhof nach Warschau/ Danziger Bahnhof. Als Recherche-Aufgabe blieb übrig: Clara Immerwahr-Haber.

    Zum Namen: Früher sprach/schrieb ich meist von Wrocław (Poznan, Gdansk..) bis ich merkte, dass alle mir bekannten Polen von Breslau reden/schreiben, wenn sie auf deutsch kommunizieren. An sich finde ich ja, dass letztendlich die Polen festlegen sollten, wie die Stadt heißt.

    Selbst in der heutigen Ausstellung in der Synagoge zum Weißen Storch (deren Macher*innen ich keine Neigung zum deutschen Nationalismus unterstelle) stand im deutschen Text Breslau.

    Andererseits habe ich eine Neigung, Benennung wild zu wechseln – und dem neuen Spielzeug auf seiner virtuellem Tastatur endlich das Ł / ł beigebracht. Also Abfahrt nach Warszawa Gdańska aus von Wrocław Głowny. Die Strecke besteht aus Feldern und Wald und wenig sonst. Neben uns im IC – der Hund Carmel, als Zuglektüre weiterhin Slaughterhouse five.

    Erster Eindruck nach 30 Minuten Warschau: Erinnert an die Gegend um den Alexanderplatz.

  • 23-07-13 Wroclawska

    23-07-13 Wroclawska

    Ein kleiner Junge schrieb emsig in ein Heft; mit einem Füller, freiwillig, über Stunden. Willkommen im EC 57 von Berlin Hbf nach Wroclaw Glowny.

    In Legnica hielten wir neben der Bahnhofshalle, den diese wird komplett saniert, nur noch das Stahlskelett, viel Sand und einige Bagger waren anwesend.

    In Frankfurt/Oder wechselte das komplette Zugpersonal von deutsch auf polnisch. Nur die Kaffeeverkäuferin war seit Beginn aus Polen. Wie schon auf der Fahrt nach Posen im Januar auffällig: Östlich der Grenze sind Durchsagen auf polnisch und englisch, westlich der Grenze sind sie nur auf deutsch.

    Madame ließ sich vom Goldschmied über Bootstouren in Danzig beraten.

    Der Urlaub begann bereits am Hauptbahnhof mit der Reiseverpflegung: Wir kauften Sandwiches bei einem von zwei deutschen Pret-a-mangers. Und bei Pret denke ich sofort: London, Urlaub gute Zeit.

    Es ist Urlaub, so ganz ohne Klausur und alles andere. Wegfahren wochentags, ein Konzept an das ich mich nur mühselig aus Vor-Corona-Zeiten erinnere. Wir erreichten Wroclaw/Breslau, residieren in einem ehemaligen Franziskaner-Kloster in Nähe der weißen Synagoge und werden dort heute abend lokalen Wein verkosten.

    Packen ist für diesen Trip einfacher als für das Hagen-Wochenende. Vier Stunden Fahrt ohne Umsteigen, die nachmittags zentral in einer Großstadt enden, packen sich leichter als 14 Stunden aus dem Haus mit knappen Umsteige-Zeiten, die in einer leeren Bildungsherberge allein auf einem Berg enden.

    Breslau 1: Wirkt beim ankommen großstädtischer als Poznan. Wroclaw 2: Das Hotel erfüllt alle Wünsche, die ich an ein hippes, modernes Polen habe. Auffallend wie bei jedem Polen-Stadt-Besuchen: Die unglaublich vielen jungen Menschen überall.

    Rynek, Wroclaw

    Abendessen: Bigos im Wroclawska neben dem Rynek, dem alten Markt. Danach polnischen Weißwein (Sol-Sol) in der Winaria des Hotels. Gegenüber vom Wroclaska die Imbisse Bratwursty (Das Angebot lässt sich für einen Deutschen erraten) und Dickery. (Die Form des dort verkauften Eises lässt sich vom Freund amerikanischen Slangs erraten.) immer wieder lustig zu sehen: Die Mädchengruppen, die davor standen und sich erst nach einigem Zögern hinein trauen.

    Spannend, wie diese geschichtsträchtige Stadt mit ihrer Geschichte umgeht. Wie betraten unter anderem zwei Kirchen (Maria Magdalena und Adalbert), ich war von beiden beeindruckt.

    Gegenwart gibt es auch: Die ukrainische Grenze ist nicht viel weiter weg als Berlin. Der Krieg liegt in jeder Hinsicht näher.

    Reiselektüre: Kurt Vonnegut: Slaughterhouse 5. Einer der Klassiker amerikanischer Gegenwartsliteratur, der in Deutschland nie so recht ankam. Vielleicht wegen des Themas: Bombardierung von Dresden aus US-Antikriegssicht. Die Lektüre schob ich lange vor mir her, jetzt war die Gelegenheit. Und ich bin ergriffen. Ich hatte weniger/konventionelleres erwartet. Großes Buch und passend für die Fahrt von Deutschland nach Polen.

  • 23-07-11 Schwäbsches Schnauferle

    23-07-11 Schwäbsches Schnauferle

    Der Hühnerwald eröffnete. Er befindet sich direkt gegenüber vom Haupt-Grill, welcher bisher im Umkreis von 300 Metern das Monopol auf gegrillte Hähnchen hatte.

    Das Gerüst an unserer Wohnung steht. Das Gerüstbauer-Zuschauen-Fernsehen fällt aus, weil fertig. Es bleibt nur das „Fenster-nicht-mehr-einfach-so-offen-lassen-können“-Problem. Und irgendwann kommt buchstäblich das „Sie-reißen-das-Dach-über-unseren-Köpfen-ab“-Problem.

    Wer lacht hat noch Reserven

    Der Montag lässt sich durch den Sonntag beschreiben. Stellen sie sich das Juliwetter vor. Es waren 33 Grad und dazu war es recht schwül. Stellen sie sich Herrn southpark vor. Dieser liegt im Alter näher an Mary Roos als an Badmómzjay. Er verbrachte am Sonntag erst acht Stunden damit, in einem nicht-klimatisierten schlecht-belüfteten 1980er-Uni-Seminarraum Ausführungen zu Simplexverfahren und der Methode des steilsten Gradienten zu verstehen. Dann fuhr er 7,5 Stunden mit verschiedenen Verkehrsmitteln von Hagen nach Berlin. Er war nachts um Eins zu Hause und um Fünf klingelte der Wecker.

    Wäre ich nicht viel zu erschöpft gewesen, hätte ich immerhin etwas zum Lachen gehabt, als eine Kollegin meinte, ich sehe so erholt aus – ob ich im Urlaub war?

    Pivotieren sie doch mal andersrum!

    Sonntag Tag 2 des Studientags. Ich bewundere die Dozent*innen. Während ich ausreichend damit beschäftigt war, nicht zusammenzuklappen, redeten diese über Stunden über lineare und nichtlineare Optimierung, Schrittweiten und Wegrichtungen. Als gute Mathematiker*innen hatten sie sich die offensichtlichen Schritte nicht notiert – leider waren einige davon in der konkreten Situation nicht ganz so offensichtlich und so lernten wir alle zusammen. Fazit aber wie beim ersten Studientag: Es ist intellektuell eine krasse Challenge, aber ich weiß, ich will mehr davon.

    Nebenbei im Gebäude bewundert: die kleine Ausstellung zur Geschichte der Fernuni. Die Uni verdankt ihre Existenz vor allem dem Einsatz von Johannes Rau (der unter anderem auch Bildungsminister NRW war).

    Die Geschichte der Uni begann mit dem Grundkonflikt, dass die Politik eine Fortsetzung des Abendgymnasiums für die Mühsamen und Beladenen des Bildungssystems haben wollten, während die Lehrstühle alles wie an einer „echten“ Uni haben wollten – am liebsten noch anspruchsvoller, damit ja niemand denkt, sie wären keine „richtigen Professoren.“

    Über die Jahrzehnte haben sich alle Gruppen anscheinend geeingnet: Es ist vor allem eine Uni für Berufstätige mit Weiterbildungswillen. Je länger ich dort studiere, desto spannender finde das Konstrukt. Allein zum Campus gäbe es noch so viel zu erzählen. Aber ein andernmal.

    Jetzt sind erstmal alle Fristen für alle Einsendeaufgaben vorbei – ich weiß noch nicht ob ich im September zwei Klausuren schreibe oder zwei Wochen Urlaub gewonnen habe. Auf jeden Fall finde ich habe ich mir zwei Wochen hart erkämpft, in denen ich erstmal gar nicht an das Thema denken muss.

    Bunt zu schwarz

    Die Deutsche Bahn versucht, uns auf die Autobahn zu locken.

    Freitag, die Butterkekssituation. Ich sitze friedlich im IC von Hannover nach Hamm, da fällt zwischen Minden und Bielefeld das Signal aus. Wir halten länger in Haspe, fahren unter Zurücklassung eines verwirrten Fahrgastes weiter und halten wieder länger in Kirchhorsten. Ich entnehme der App zwischendurch, dass Hagen abends spärlich angefahren wird, der ÖPNV in Hagen noch spärlicher fährt und rette mich über Dortmund mit knapp zwei Stunden Verspätung in die Bildungsherberge.

    Sonntag das Gewitter. Ich habe Vorahnungen und hatte Freitag schon erfahren, dass Hagen schlecht erschlossen ist. Ich nehme anderthalb Stunden vor der eigentlichen Abfahrt den RE nach Hamm. Gute Wahl: Direkt nach mir werden alle Verbindungen von und in die Stadt gekappt.

    In Hamm warte ich 2,5 Stunden, denn auch mein ICE hat Verspätung. „Es mussten noch mehr Wagen bereitgestellt werden.“ Der Bahnhof ist gefüllt mit bunt gekleideten jungen Menschen – Gestrandete auf der Rückfahrt vom Kölner CSD.

    Leerer Autotransportzug fährt am Bahnsteig vorbei,
    Hamm Hbf. Hauptstadt der deutschen Zugteilung

    Ich lande um Mitternacht in Spandau und nehme die S-Bahn nach Hause. An der S-Bahn-Haltestelle Olympiastadion warten hunderte schwarz gekleidete Ü50-jährige. Offensichtlich kommen sie von einem Konzert. Aber dieses innere Glühen, diese Hibbeligkeit die Menschen nach einem Konzert haben, fehlt komplett. Es herrscht eine Stimmung wie nach einer Arbeitssicherheitsschulung. Ich kann auch keine Band-Shirts erkennen; versuche über das Mithören der Gespräche den Anlass zu erfahren: Nichts. Immerhin reden die Ü50s überraschend intelligentes Zeug. Später googele ich: Depeche Mode war im Olympiastadion.

    Die S-Bahn-Fahrt verzögerte sich, denn der Zugführer weigerte sich, weiterzufahren, solange der Einkaufswagen nicht wieder den Zug verlassen hatte.

    Während ich diese Zeilen schreibe, sollte Madame im ICE bereits Leipzig verlassen haben. Stattdessen ist sie kurz hinter München im Ersatzzug des Ersatzzugs der geänderten Verbindung. Die schwäbsche Eisenbahne zwischen Ebingen und Esslingen kollabierte. Der Zugführer schaltete bereits die Klimaanlage aus, damit die Lok die Berge hinaufschnaufen konnte. Aber auch so humpelte die Regionalbahn mit letzter Kraft und fernab aller Anschlüsse ins Ziel.

    3rd Level Support

    Phänomenal aber das Deutschlandticket: Kreuz und quer mit dem Bus durch Hagen, ohne sich einmal Gedanken zu müssen, ist großartig.

    In Tübingen kletterte Madame über einen Abhang und erhielt am anderen Ende Linsen und Salat.

    Seit fast einem Jahr versuche ich, mit eon in Korrespondenz zu treten. Der Konzern beantwortet meine Briefe und Mails nicht. Immerhin: nach 10 Monatan rührte sich das Unternehmen das erste Mal. Natürlich nicht mit einem Schreiben an mich. Der 3rd Level Support („Priority Complaints and Social Communities.“) schrieb an die Schlichtungsstelle Energie: „Wie vom Beschwerdeführer gewünscht haben wir die Änderungen am Vertrag vorgenommen.“ Immerhin. Wenn es halt so sein musste.

    In Schwaben entdeckte Madame das großartige Schwimmbad Ebingen. ICH MUSS DA HIN!

    Frau Novemberregen war in der Therme. Frau Herzbruch schreibt über Geld. Die Kaltmamsell schreibt über sich.

    Vielleicht habt ihr gelesen, dass die Orkneys sich Norwegen anschließen wollen. Noch charmanter finde ich die Idee, dass York nach Dänemark möchte.

    Następnym razem we Wrocławiu

  • 23-07-08 Eskalationsstufe Butterkeks

    23-07-08 Eskalationsstufe Butterkeks

    „I don’t do curves“. Der kurzfristig zugeschaltete diskrete Mathmatikprofessor war da eindeutig. Beim Studientag der Algorithmischen Mathematik versuchten Student:innen ihm Zahlen abzuringen, wie viele Teilnhmer:innen bestehen. Er ließ sich auf nichts ein. In guten Jahren fallen 30% durch, in schlechten 70%.

    Ich bin in Hagen, Mathe live. Außer mir finden es noch vier andere Studenten und zwei Dozent*innen eine gute Idee sich bei 33 Grad in einen 70er-Jahre Unibau zu setzen. Etwa 50 andere nahmen per live-Zoom teil

    Abee er es lohnt: Hagen als Stadt ist spannend, die Fernuni ist noch viel spannender + der Campzs in all seiner 70er-Haftigkeit eine wunderbar grüne Oase, Selbst nach Kuhn-Tucker-Bedingungen, Cholesky-Zerlegung und im Gepãck MIT 6 Stunden Arbeit Freitag plus 6 Stunden geplanter Zugfahrt (+2 Stunden ungeplanter Verspätung – wenn die Bahn anfängt, Wasser und Butterkekse zu verschenken, wird es ernst,), konnte ich das heute noch irgendwie würdigen.

    Fernuni

    Inhaltlich ging es um unrestringierte und restringierte Optimierung so allgemein. Die Teile, die ich bereits im Studienheft bearbeitet hatte. In Teilen fühlte ich mich bestãtigt, weil ich es verstanden hatte, zum Teil fühlte ich mich in meiner Einschãtzung bestãtigt, es nur halb verstanden zu haben und deshalb blöde Sachen falsch zu machen. Morgen kommr der Teil den ich bisher nicht mal anschaute.

    Aber wie sagten sie: Belegen sie gerne mehr Mathekurse, Das Schwerste haben sie quasi hinter sich. Der erste Schock ist der schlimmste.

    Auch noch gelernt. Das schicke Programm, dass sie nutzen, um mit Tablet und Pen Formeln und Zeichnungen in Text zu zeichnen, nennt sich PDF Annotator. Denn nicht nur für Inhalte studieren wir, sondern auch für stinknormales Handwerkszeug.

    Sonst. In Dithmarschen kommt weiterhin kein Klempner. In Hamburg-Volksdorf kühlt es nachts ab. Der ÖPNV in Hagen ist seltsm – aber gebt mir noch eine Woche und ich bin mit allen Busfahrern auf den relevanten Strecken per Du.

    Die „Bildungsherberge“ ist noch schlechter ohne Auto erreichbar als die Uni – okay, 33 Grad und die steigungsaffine Geographie von Hagen helfen auch nicht. Das Westfalenbad ist ein spektakuläres Schwimmbad – ob im guten Sinne, bin ich noch unentschieden.

  • 23-07-06 Ein miauender Gerüstbauer

    23-07-06 Ein miauender Gerüstbauer

    Ein Dithmarscher Klempner lässt sich Zeit. Ein Hannoveraner Stromversorger ist schneller.

    Madame macht ein Examen in generativer KI. Mein eigenes „Data Science Bootcamp“ musste ich aus Zeit und Energiemangel abbrechen. Dafür reichte ich die letzten Fernuni-Einsendeaufgaben ein. Bis Anfang Oktober habe ich Einsendeaufgabenfrei. Allerdings weiß ich in beiden Kursen weiterhin nicht, ob ich klausurqualifiziert bin.

    Ich bekam Post von Krabbenkutter Hauke.

    Frau Novemberregen schildert den Unterschied zwischen „Briefe schreiben“ und „Korrespondenz führen.“ Sie schreibt Briefe an Politiker*innnen. Ich schreibe Briefe an BVG und eon, die beide Organisationen seit Monaten ignorieren. Die eon scheint das auch durchhalten zu wollen, wenn sie Briefe von der zuständigen Schlichtungsstelle bekommt. Bei der BVG bin ich noch eine Eskalationsstufe darunter.

    Eskalieren sollte ich mit meinen zuständigen Mitgliedern des Abgeordnetenhauses. Diese helfen fröhlich mit, den dringend notwendigen und seit Jahren überfälligen Radweg auf der Hauptstraße zu verhindern. In den entsprechenden Wahlkreisen Tempelhof-Schöneberg 1,2 und 3 sind dies Wiebke Neumann (SPD), Orkan Özdemir (SPD) und Katharina Senge (CDU). Auch ein Adressat wäre Michael Biel (SPD), der kurzfristig MdA war, bevor er in die Senatsverwaltung wechselte.

    Eine Dame mit Helm auf Fahrrad (geschätzt Ü50) und ein Herr mit Hund (Ü70) schrien sich auf dem Fuß-/Radweg an. Soweit ich verstanden habe, hatte die Dame den Radweg in die falsche Richtung befahren, während Hund und Leine sich darauf befanden. Alle Beteiligten wirkten unverletzt. Unentschieden würde ich sagen.

    Der Gerüst wächst. Auf der Hofseite hat es unsere Wohnungshöhe überwunden. Auf der Straßenseite ist es kurz davor. Es gibt doppeltes Baustellenfernsehen. Wir sehen fasziniert den Gerüstbauern zu + sie können uns aus nächster Nähe in die Wohnung schauen.

    Wir aber haben Fernsehen mit Ton: Menschen, die vom vierten Stock aus rufend mit dem Team am Boden kommunizieren. Einer hat dabei seine eigene Sprache entwickelt und miaut, wenn sie neue Teile auf den Weg schicken wollen. Wenn ich die Herren betrachte, wie sie 15 Meter über dem Boden ohne Sicherung oder Geländer auf schmalen Weg Bauteile wuchten, bin ich von ihrer Katzenhaftigkeit beeindruckt.

    Gerüst aus dem Fenster heraus fotografiert mit angebrachtem Minikran.

    Deutsche Bahn 2023: Selbst eine Umsteigezeit von 19 Minuten macht mich nervös. Ich zweifele, ob die DB es schafft, den Fahrplan nur um 15 Minuten zu verpassen.

    Meine Nervosität scheint gerechtfertigt. Jetzt verrät Bahn.de mir: „Reparatur an der Weiche zwischen Wolfsburg Hbf und Berlin Hbf. Züge fahren langsamer. Züge erhalten aktuell im Streckenabschnitt eine zusätzliche Verspätung von etwa 15 Minuten.“ Damit ist meine Umsteigezeit auf 4 Minuten geschrumpt.

    Vergesst Social Media. Das beste Soziale, was das Internet hervorbrachte, sind Foren. Ich fragte mich: „Falls ich den IC-Anschluss verpasse und die Zugbindung aufgehoben ist, darf ich dann einen ICE benutzen?“ Und ich fand dieses Forum in dem sich anscheinend Zugbegleiter’innen austauschen: ICE Aufpreis bei Aufhebung Zugbindung. Inhaltliches Fazit: Passt ’scho. Es sei denn das Zugbegleiter:in hat einen sehr schlechten Tag. Aber viel schöner: Menschen aus einem anderen Leben bei ihrer Unterhaltung mitlesen zu dürfen.

    Vielleicht sollte ich im Forum fragen, ob überhaupt noch irgendein:e Zugbegleiter:in auf die Zugbindung achtet, wenn man sich in Zug >1 einer Umsteigeverbindung befindet.

    Zwei Hinweise zum Insulanerbad. Mein Sommerwohnzimmer ist im Fernsehen: Die aspekte-Sendung Das Freibad als Glücksversprechen wurde dort gedreht. Im ZDF, 07.07.2023, 23:25 – 00:10 In der Mediathek verfügbar ab 07.07.2023, 21:00.

    Direkt am Wochenende danach ist die Lange Nacht des Insulaners mit Planetarium, Shakespeare-Company und Freibad. Das Freibad bietet Nachtschwimmen ab 21 Uhr bis 23:30h. Ab 21:30h sind Darsteller der Shakespeare-Company im Schlauchboot dabei und lesen Texte.

    Tröt ergeht sich in er einer Tröt-untypischen Aufregungs-Welle darüber, dass Facebook einen Twitter-Klon aufmacht, der Tröt-Verbindungen aufweisen könnte. Ich entdecke mit Freude an mir: Die Debatte interessiert mich inhaltlich nicht. Ich kann so neugierig und leidenschaftslos zuschauen, wie bei der Hundeleinen-Fahrrad-Diskussion von weiter oben. Social Media im kommerziellen Sinne hat in meinem Leben keine Bedeutung mehr.

    Entdeckt: Der Chatbot im Amtsdeutsch: https://amtsgpt.de/ . Erstaunlich, was Sprache macht: Nach ungefähr drei Minuten des Rumspielens fange ich an, den Bot zu Siezen.

    Herr Rau fotografiert Full English Breakfast. Claudia fährt Rickscha durch Asakusa. H.R. Giger verzweifelt am Prop-Department am Alien-Filmset.