Kategorie: Alltag

  • 23-02-02 -X-X–X

    23-02-02 -X-X–X

    Mir träumte, dass ich zu spät zur Nachmittagsschicht an meiner Kasse im Freibad komme und wachte gehetzt auf. Dann fiel mir auf, dass es nicht nachmittags ist, die Freibäder auch noch geschlossen haben. MIt Freibadkassen habe ich beruflich sogar zu tun, sitze aber eher nicht an ihnen zum Kassieren.

    Vor Schreck verschlief ich den echten Wecker. Aber da immobiler Donnerstag war, ich eh von zu Hause in der Norwegerstrickjacke arbeitete, war das nicht so tragisch. Rechtzeitig zum Rechner konnte ich mich robben.

    Madame hing ihren Fahrradhelm im Geschäft an einen Rucksack.

    Ich überzeugte mich selbst, dass bloggen zeitaufwendig ist. Daraufhin einigte ich mich mit mir selbst auf einen Testballon: Bloggen alle zwei Tage Dienstag, Donnerstag und am Wochenende.

    Kollege R hat eine Wohnung in Tempelhof statt in Reinickendorf in Aussicht (was die Fahrzeit vermutlich um täglich anderthalb bis zwei Stunden verkürzt) und ist dementsprechend angetan. Er berichtet, dass der Wohnungsmarkt nicht mehr ganz so schlimm ist, wie Ende letzten Jahres.

    Einst arbeitete ich in einem Gebäude der Berliner Architekten Cremer & Wolffenstein dem ehemaligen Verwaltungsgebäude Schienenfahrzeugfabrik Orenstein & Koppel. Dieses Architekturbüro entwarf auch die Neue Synagoge in Posen (Großpolen).

    Ich bin großer Verfechter dessen, dass Schwimmbäder auch Schwimmbäder bleiben sollten und nicht in Kulturzentren, Hotels, Kunstorte und ähnliches verwandelt werden. Nie hätte ich mir träumen lassen, vor einem Ort zu stehen, bei dem die Umwandlung in ein Schwimmbad das Verbrechen ist.

    Die Neue Synagoge in Posen (Großpolen) wurde 1907 eingeweiht, als Posen nach der Zweiten Polnischen Teilung zu Preußen gehörte. Sie bot Platz für 1200 Gemeindemitglieder der konservativen Gemeinde. Die liberalen Juden versammelten sich in einer kleineren Synagoge in der sogenannten Brüdergemeinde.

    In den deutsch-polnischen Auseinandersetzungen um Posen orientierten sich die konservative jüdische Gemeinde Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend Richtung Deutschland und Berlin. Der Bau sollte an eine Kirche und das Berliner Kaiserforum erinnern und ausdrücklich betonen, wie sehr sich die Jüdische Gemeinde mit Deutschland verbunden fühlte. Zwischen den Weltkriegen blieb das Gebäude ungenutzt.

    (Mehr zur Geschichte plus Foto im damaligen Stadtbild: Juden in Posen/Poznan – die Neue Synagoge)

    Anders als die meisten deutschen Synagogen überstand das Gebäude den Zweiten Weltkrieg. Nachdem Posen und Umland bereits 1939 „judenfrei“ gemacht wurde, die 2800 Jüd*innen, die noch in der Provinz lebten nach Osten in das Generalgouvernement deportiert und später überwiegend ermordet wurden.

    Aber sie überlebte in der Form, dass die Deutsche Wehrmacht es 1940 in ein Schwimmbad für Soldaten umwandelte. Das kommunistische Polen behielt das Arrangement bei. Die meisten der Besucher:innen wussten vermutlich nicht einmal, dass sie sich in einer ehemaligen Synagoge befanden. 2007 verschwand der Schriftzug „Städtisches Bad“ vom Gebäude, 2010 wurde der Schwimmbetrieb eingestellt.

    Neue Synagoge Posen, Bild von 2023.
    Neue Syngagoge. Die hellblaue Farbe stammt vermutlich aus der Schwimmbadzeit.

    2002 kam die Synagoge zurück an die jüdische Gemeinde. Aber 50 Gemeindemitgliedern fehlen jegliche Möglichkeiten so einen Bau zu erhalten. International gab es viel Sympathie für die Gemeinde und nicht sehr viel Geld. In den 2010ern verkaufte die Gemeinde es an einen Investor, der aus der Synagoge ein Hotel machen wollte. Bis ein öffentlicher Aufschrei auch dies verhinderte und die Synagoge weiter als Ruine steht,.

    Und so stehe ich mal wieder fassungslos vor dem 20. und 21. Jahrhundert und dem was Menschen anrichten können.

    Mehr: Videoinstallation zur Schwimmbad-Synagoge mit Bildern aus dem Schwimmbad-Innenraum. Mehr zur Jüdischen Gemeinde Posen. Haaretz mit mehr Informationen zu What Happened to Poland’s Old Synagogues

    Über Frau Kaltmamsell stieß ich auf die Leserfrage an Jawl:

    Nehmen wir mal an, es gäbe Paralleluniversen und in einem anderen wärest Du an irgendeiner Stelle anders abgebogen. Wie wäre Dein Leben dort realistischerweise verlaufen?

    Mein erster Gedanke war Lola rennt – einmal kurz anders abgebogen und alles wäre anders gekommen. Damals mit 17 nicht vor den Schlägern weggelaufen, sondern mich gestellt. Ich wäre Held der Schule geworden, Stefanie hätte mich erhört. Wir wären mit drei Kindern nach Düsseldorf gezogen, hätten uns verkracht. Ich würde jetzt depressiv in einer Messie-Einraumwohnung sitzen und nur ja kein Geld verdienen, um nicht ausversehen unterhaltspflichtig zu werden.

    Vorhersagbarer fielen mir dann zu viele Weggabeln ein: Angefangen von „Wenn ich damals der Lehrerempfehlung gefolgt wäre und auf die Christophergymnasium Braunschweig gewechselt hätte“ über das Jahr USA (oder nicht), mehrfach andere Studienfach- und ortswahl, den Studienabbruch für die Stelle bei der taz, (Nicht-)Anmeldung bei der Wikipedia oder zuletzt eine mögliche Nicht-Bewerbung bei den Berliner Bädern. Letztendlich überfordert mich die Frage. Aber sie ist spannend.

    Jetzt koche ich mich erstmal weiter durch das Miss-South-Kochbuch.

  • 23-01-31 Blauer Umschlag in roten Umschlag

    23-01-31 Blauer Umschlag in roten Umschlag

    Ich wählte. Passend zur neuen Zopfmusterstrickjacke und Lesebrille entschied ich mich gegen sentimentales Mitleid (SPD) und auch gegen überbordende Verspieltheit (Volt, Bergpartei, Urbane) sondern wählte erwachsen-rational. Irgendwie schade. Aber ich hoffe, mir wird in Fahrradwegen gedankt werden.

    Madame las Vulture. Wenn uns Netflix schon keine Making-of-Audiospuren anbietet, können wir wenigstens kommentierende Recaps lesen. Passend dazu bekamen wir in den letzten Tage gleich drei Exemplare des eigentlich zweiwöchentlich erscheinenden New York Magazines. Auch mit der schönen jährlichen Jahresendausgabe „Reasons to love New York.“

    Reasons to love Posen, Polen gibt es einige. Da wäre zum Beispiel der Stary Rynek, der alte Marktplatz. Der wird gerade – wie ein Großteil der restlichen Innenstadt – von der Mutter aller Baustellen heimgesucht; und er ist immer noch schön.

    Posen entstand als Doppelstadt: die Kirchenstadt auf der Dominsel mit Dom, Kirchen und geistlichen Gebäuden. Und die Bürgerstadt entstand an einem Ufer der Warthe um den Alten Marktplatz herum.

    Entstanden 1253, an jeder Seite 141 Meter lang und erstaunlicherweise fast vollkommen ein Produkt des Nachkriegs-Wiederaufbaus. Die Häuser wurden ihren Renaissance- und Barockvorbildern nachempfunden, sind mittlerweile auch wieder einige Jahrzehnte alt. Und sie haben Ausmaß, Gliederung und originalähnliche Farbgestaltung. Es reicht alles sofort, um damit ein Bilderbuch über Europäische Städte zu illustrieren. Dominierendes Bauwerk ist – wenn nicht gerade Baustelle ist – das zentral gelegene Rathaus von Giovanni Battista di Quadro aus Lugano. Nur die beiden Zentralbauten erinnern an ihre Bauzeit in den 1950ern. Kann man als störend empfinden oder als reizvollen Kontrast sehen.

    Unsere wichtigste Anlaufstelle war die Touristinfo gegenüber dem Rathaus. Um den Marktplatz herum sind fast ausschließlich Restaurants und Clubs. Selbst im Januar inmitten der Mutter aller Baustellen waren viele junge Einheimische am Feiern als wir dort waren.

    (Für ein paar Nicht-Baustellen-Fotos) Und selbst die Autoren von Hidden Europe, Fans und Kenner aller Polnischen Marktplätze halten es für möglich, dass derjenige in Posen ihrer Liebster ist – nicht ganz bilderbuchperfekt, aber voller Leben. (Letter from Europe: Polish Town Squares und mit der Befürchtung, dass auch er dem Tourismus anfallen wird: Poznan Blues).

    Obwohl so ein Wochenende im Ganz-Woanders einen ja gerne aus dem Alltag herausreißt, und man etwas Mühe hat, wieder anzukommen, ging das bisher erstaunlich gut. Ich freue mich ja immer besonders, wenn ich noch unbekannte Badleitungen kennenlerne. Zusatzfreude, weil wir gerade einige länger andauernde Problemnervereien wegzubekommen scheinen.

    In Friedenau eröffnete eine israelische Bäckerei, schreibt der Tagesspiegel. Das Dschungelcamp hätte gar nicht erst stattfinden müssen – es war ja von Beginn an absehbar, wer gewinnen würde.

  • 23-01-29 Do zobaczenia w Poznaniu

    23-01-29 Do zobaczenia w Poznaniu

    Die kühle Schöneberger Wohnung hat uns wieder. Der Eurocity brachte uns zurück aus Posen und es wird sicher noch einige Zeit dauern, bis alle Eindrücke verarbeitet sind, der Ansturm von Neuem seinen Platz im Hirn gefunden hat.

    Bisher weiß ich nur: Krass, dass man zweieinhalb Stunden Zugfahrt in einer anderen Welt ankommen kann. Schön, wie lebendig, sympathisch, abwechslungsreich und einladend diese Welt war.

    Zuerst ein erstes Festhalten dessen, was war:

    Freitag

    Freitag um 17:52 ging es am Berlin-Hauptbahnhof in den EC 249 (Berlin-Warschau-Express). Das Fahrmaterial wurde gestellt von der Polskie Koleje Państwowe, das Personal war bis Frankfurt (Oder) deutsch, danach polnisch. Zug halbleer, um uns die beiden polnischen Familien (zwei Mütter mit insgesamt drei Kindern), die unerfindlich die Hälfte der Zeit englisch miteinander sprachen. Ankunft in Posen viertel vor neun. Wir nahmen ein Uber ins Hotel, warfen die Koffer ins Zimmer und zogen gleich weiter zum Stare Miasto, dem alten Markt, um im Wiejskie Jadło zu essen. Zum unkomplizierten Anfang unserer Reise gab es klassische polnischer Küche: Oscypek-Käse, Schmalzstullen, eine Auswahl an Pierogi, Käsekuchen und eine Art Topfenstrudel. Plus Bier für 170 Złoty.

    Danach: „Ich bin ein Star“ auf dem Hotelfernseher.

    Samstag – Dominsel

    Samstag, Hotelfrühstück, irgendwann gegen 10:00h Aufbruch zur Tourist-Info am Alten Markt, um uns einen einfachen Stadtplan zu besorgen. Die Jakdojade-App (die ist soo toll!) empfahl uns einen kurzen Fußweg und dann die 98er-Tram zur Haltestelle Katedra, um zur Dominsel zu gelangen. Wir besichtigten den Dom (speziell: Backsteingothik in Katholisch – wie halt zur Bauzeit alle Backsteingothik-Kirchen gedacht waren) und umrundeten die Dominsel. Schauten von der Brücke in den Fluss Cybina.

    Da wir per Jakdojade (die App ist so toll) gleich ein Wochenendticket gebucht hatten, nutzten wir das, fuhren mit der 98 im Kreis und wieder urück zum Ausgangspunkt. Zu Fuß weiter durch die Stadt zum Zamek, dem ehemals preußisch-wilhelmischen Kaiserpalast und vor allem zur Enigma-Ausstellung.

    Samstag – Enigma

    Die war sehr beeindruckend, dazu später mehr. Nur kurz: Enigma war die Maschine mit der die deustche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg ihre Kommunikation verschlüsselte. Dank Briten und Polen konnten diese Nachrichten schon früh entschlüsselt werden, was entscheidenden Einfluss auf den Kriegsverlauf hatte.

    Die Ausstellung ist aufgeteilt in zwei Teile: Der erste Teil empfindet den Kryptographie-Kursus nach den die drei polnischen Dechiffrierer Marian Rejewski, Jerzy Różycki und Henryk Zygalski als Mathematikstudenten im Posen der 1920er durchliefen – es wird dargestellt, in dem man selber einen Crash-Kurs zum Thema Ver- und Entschlüsselung durchläuft mit zahlreichen praktischen Übungen.

    Kärtchen mit einem wilden Farbmuster. Ein Teil ist bedeckt mit einem Rotfilter, der eine Ziege sichtbar macht.
    Eine der ersten Übungen im Kryptographie-Kurs: Steganographie. Die Nachricht ist nicht verschlüsselt, aber versteckt. Nur wer weiß, dass dort eine Nachricht ist, wird sie (wie hier mit Hilfe eines Farbfilters) sichtbar machen können. Die Ziehe ist das inoffizielle Wappentier Posens.

    Im zweiten Teil weiß man dann ja schon gut wie Verschlüsselung funktioniert, und kann den historischen Teil, was genau die drei machten, um Enigma zu entschlüsseln – und wie überhaupt die Enigma-Maschine funktionierte, viel besser würdigen. Wir hielten uns dort gut zwei Stunden auf, bevor es mal wieder zu Fuß durch weitere Teile der pittoresken Posener Innenstadt wieder zum Hotel ging.

    Samstag – Kommunales Bad Rataje

    Wir griffen Schwimmsachen, nahmen die 13er Tram bis zur Haltestelle Wioślarska und liefen zur Pływalnia kryta Rataje, dem „Städtischen Schwimmbad [im Stadtteil] Rataje.“ Wir zogen die ein oder andere Bahn und erfreuten uns danach kurz am ungewohnten Luxus eines 32 Grad warmen Nichtschwimmerbeckens. Zurück mit der Tram, auf zum Essen.

    Nach einem kurzen Abstecher durch die Haupteinkaufsstraße, der Pólwiejska, war uns experimenteller beim Essen zumute. Wir kehrten im Laboratorium Smaku ein. Die waren so wenig auf Touristen eingestellt, dass wir beim Bestellen dreiviertel geraten haben was wir bestellten. Wir wurden mit außergewöhnlicher Darreichung von schönem Essen belohnt. Als Vorspeise Grützwurstkroketten mit Cranberry-Apfel-Salzgurke und Pilzsalat, danach Pad Thai und Wiener Schnitzel. 180 Złoty für zwei Gänge plus Wein.

    Danach: „Ich bin ein Star“ auf dem Hotelfernseher.

    Sonntag

    Heute Hotelfrühstück. Ein Fußweg wieder über den Alten Markt (der es schafft trotz einer Riesenbaustelle immer noch echt schön auszusehen) zur „Neuen Synagoge“, die wir auch aus der Nähe sehen wollten. Die stammt aus dem 19. Jahrhundert, wurde von den Nazis in ein Schwimmbad umgebaut, die polnischen Kommunisten haben das Schwimmbad gleich weitergenutzt und mittlerweile steht das Gebäude leer. Beeindruckender Bau, traurige Geschichte.

    Zu Fuß noch mal ernsthaft Posener Geschäftsinnenstadt besichtigen/bebummeln. Dabei staunten wir über hunderte (tausende?) junger Menschen bester Laune in Teils aufwendigem Cosplay mit Spendendosen; sowie darüber, dass jeder zweite Mensch in der Stadt einen Herzaufkleber trug, den man bei den jungen Menschen gegen eine Spende erwerben konnte. Schließlich wurden wir aufgeklärt: Heute ist der Abschlusstag des Wielka Orkiestra Świątecznej Pomocy (des Großen Orchesters der Weihnachtshilfe), eines jährlichen Charity-Events, der polenweit durchgeführt wird und anscheinend eine heftige Resonanz in der Bevölkerung findet.

    Danach dann (mit der 9er- und der 6er-Tram) zum Bahnhof, noch Zeit im Shoppingzentrum Avenida vertreiben und die Sahnetörtchen-Auslage der Bäckerei dort bewundern. Um 15:26 stiegen wir in den pünktlichen Fahren EC 44 (Warschau-Berlin-Express), der uns kurz nach 18 Uhr wieder in Berlin Hauptbahnhof aussteigen ließ.

  • 23-01-26 niemieckiej wojskowej maszyny

    23-01-26 niemieckiej wojskowej maszyny

    Madame verwendete sämtliche Pappkartons, die sie verwenden wollte.

    Ich erfreute mich an Buchhaltungs-Lernunterlagen. Mir liegt die Art der Denke. Sie ist gar nicht soweit entfernt von meinem denkerischen Normalmodus. Andererseits wegen der großartigen Nebenbemerkungen im Text, die alle Entrüstung und Enttäuschung über Gesetzgeber, handelnde Unternehmen und unaufmerksame Student*innen kanalisieren.

    Spannendes über Posen (Wielkopolskie): Im Englischen gibt es die Bezeichnung „The Poznan“ für eine Fußballfan-Choreografie, bei der die Fans dem Spielfeld den Rücken zuwenden, sich unterhaken und Hüpfen. Es soll gleichzeitige Ablehnung (gegenüber dem Gegner, der Vereinsführung, der Regierung, irgendwas halt) bei Unterstützung des eigentlichen Clubs symbolisieren.

    Benannt wurde es nach den Fans von Lech Poznan. Dabei wird der Besuch eines Lech-Spiels auch Nicht-Fußballfans empfohlen, einfach weil die Stimmung so mitreißend ist. Nach Ansicht von „The Poznan“ halte ich das für glaubwürdig. Im Polnischen gibt es den Begriff nicht.

    (Wo ich bei Lech-Posen-Videos bin: weiblicher englischer Fußballfan fährt nach Posen als der Verein die Meisterschaft gewinnt. Sehr lehrreich zum Thema Alltagskultur.)

    In Posen steht das Zamek, das Schloss, das vermutlich das letzter Kaiserschloss der deutschen Hohenzollern ist, die dieses 1910 bis 1913 bauen ließen, aber quasi nie besuchten. Heute ist es ein Kulturzentrum.

    Vor dem Zamek ist ein Denkmal für die Codebreaker der deutschen Enigma-Maschine im Zweiten Weltkrieg: Marian Rejewski, Jerzy Różycki und Henryk Zygalski. Seit 2022 existiert in der Stadt auch eine interaktive Ausstellung zum Thema.

    Denkmal für die polnische Enigma-Entzifferer. Frontseite: Zahlen und der Name eines der drei.
    Bild: Polish cryptologists breaking Enigma ciphers monument von: Pnapora Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

    Nachdem der IT’ler in mir ja darauf bestand, die Briefwahlunterlagen per Papier zu bestellen und dann die Unterschrift vergaß, startete ich Versuch zwei mit dem QR-Code aus der Einladung. Was sich für Verwaltungsverhältnisse nach Science Fiction anfühlte und sogar funktionierte.

    Die Fahrt vom Einkaufszentrum Stary Browary in Posen zum Städtischen Schwimmbad Atlantis dauert mit dem ÖPNV 39 Minuten und erfordert eine Fahrt mit der Tram 10 und dem Bus T12. Die Fahrkarte kostet 6 Złoty.

    Wer nun mit wem was wegen der Leopard-Panzer verhandelt hat, wird mir immer rätselhafter. Wenn morgen in der Zeitung steht, dass Russland 200 Leopard-Panzer aus den USA bekommt und dafür die Krim räumt, wäre ich geneigt, selbst das zu glauben.

    Herr Rau bloggte über Tanzschulpädagogik. Und ich vermute er hat recht, mit „Tanzpädagogik“ als Suchbegriff wird er weiter kommen. Ballett, Hip Hop, Tanztherapie, ich vermute der klassische Paar-Tanzschultanz stellt heutzutage nur noch einen kleinen Teil des Tanzlehrprogramms dar.

    (Und ich möchte nebenbei erwähnen, dass unser Lindy-Hop-Lehrerpaar, das wir mal hatten, zwar sehr nett aber das pädagogisch unbedarfteste aller Tanzschullehrer:innen war, die ich in diesem Jahrtausend erlebte.)

  • 23-01-24 13 x 0- (14,3)

    23-01-24 13 x 0- (14,3)

    Es gibt wieder Stullen. Selten erlebte ich Menschen so glücklich wie die älteren Damen des Blutspendedienstes, die ihre Blutspender*innen mit Proviant-Brötchen vollstopfen durften.

    Dabei fiel mir auf: ich bin zwar inzwischen eine Art Stammkunde des Blutspendezentrums am Campus Benjamin Franklin der Charité; tatsächlich entwickelte sich unser fester Zweimonatsrhythmus, immer Dienstagabend, erst zu Coronazeiten. Ich kenne diese Lokalität nur mit Maske und originalverpacktem Imbiss zum Mitnehmen. 2019 fühlt sich weit weg an.

    Nicht so heute. Und es war so unglaublich herzerwärmend. Mich ließen sie nicht gehen, bevor ich nicht ein Häcksel(?)Hecker(?)-Brötchen mit Sardinentartar und Ei gegessen hatte.

    Foto von außen auf den beleuchtetenden Blutspendedienst. Im Inneren sind Stühle und wartende Menschen erkennbar.

    Was sich auch etabliert hat: immer Dienstagabend demonstriert die Querdenkerminidemo in der Schloßstraße. So kann ich mir alle paar Wochen im Vorbeifahren einen Kurzüberblick über die Szene geben. Die Anzahl der Plakatschwenkenden bleibt gleich. Aber inzwischen sind wie bei einem Drittel Corona-Plakate („Weg mit dem Impfzwang“), ein Drittel generische Verschwörung („Immer mehr Lügen durch die reGIERung“) und ein Drittel Unsere-Freunde-Russland („Grüne an die Ostfront“).

    Nicht an der Front, aber von Berlin aus gesehen im Osten liegt Polen. Und ich fand wieder die Schwimmbad-Infoseite über Polen: infobasen.pl . Die Haupttreffer für Posen in Großpolen beispielsweise sind die Termy Maltańskie und die Pływalnia Atlantis w Poznaniu. Während das städtische Bad Atlantis mehr oder weniger ein normales Bad zu sein scheint, hat die Termy am Maltasee einen Aquapark und ein Sportbad und einen Spa-Bereich und eine Sauna. Überhaupt scheint der Maltasee das Haupterholungsgebiet der Stadt zu sein – dort gibt es auch ein Skigelände.

    Madame unterhielt sich beim Lunch über Zeitreisen.

    Der Wahlamtsanruf klärte sich. Der Briefwahlwollende hat, hüstel. vergessen den Antrag zu unterschreiben. Ich finde es angenehm, dass mir das Amt wegen meiner Bröseligkeit hinterhertelefoniert und versucht, das Problem schnell und unkompliziert aus der Welt zu schaffen.

    Aber das kann warten. Jetzt mache ich, was man nach einem größeren Blutverlust unternehmen sollte: Steptanzen. Ausruhen.

  • 23-01-23 Lkáním, štkáním, naříkáním

    23-01-23 Lkáním, štkáním, naříkáním

    Mein Freund der Geldautomat ist weg. Er ging zum späten Jahresend. Du gingst ’22, ich kam zu spät. Und so stand ich dann da. Erst 500 Meter zu weit geradelt – denn das Gebäude war nicht mehr beleuchtet – und dann stand ich vor einer verschlossenen Tür mit einem unmotivierten Schild. „Diese Filiale ist geschlossen. Kuck halt im Internet wo du eine andere findest.“ Dabei hatte ich viele Einwände gegen diesen Santander-Automaten. Aber er war das letzte mir bekannte Cashpool-Exemplar in Schöneberg.

    Mein Freund, der DHL-Späti, nimmt keine Pakete mehr an. Praktisch an unserer Wohngegend ist, dass im Straßenblock etwa 10 Spätis wohnen. Verwirrend ist, dass die DHL-Annahmestelle im Ringelreihen durch die Spätis wandert. Anscheinend sucht sie einen neuen. Wir hoffen, der aktuelle und DHL finden sich wieder. Denn der aktuelle war ungewöhnlich gut.

    Wie ignorant kann man sein? Sein Wochen schreiben die Medien, dass eine neue Corona-Welle droht wegen des chinesischen Neujahrsfests. Social Media ist selbst im deutschen und erst recht im englischen Sprachraum voll von Neujahrswünschen und Erklärungen. Und doch saßen wir gestern im chinesischen Restraunt und staunten „Ach, ist Neujahr?“ Immerhin hatte ein sechster Sinn uns dazu bewogen, selbst an einem Sonntagnachmittag einen Tisch zu reservieren. Und so kamen wir nach Jahres des eigentlich-sollten-wir-mal in die Peking-Ente, hatten weit überdurchschnittliche Dim Sum, Seetangsalat, „Drei Köstlichen auf Reiscrackern“ und Sternanis-mariniertes Huhn.

    Ein gelungener Besuch. In der Gegend zwischen Brandenburger Tor, Potsdamer Platz und Regierungsviertel ist es schwierig, ein Restaurant zu finden, das primär weder auf dämliche Touristen noch auf spesengeldreiche Lobbyisten abzielt. Jede Lokalität, die wir finden, merken wir uns als Insel im Meer der gastronomischen Trostlosigkeit Berlin-Mitte.

    Danach ging es weiter, Geburtstagsgeschenke einlösen. „Rusalka“ in der Komischen Oper. Oper von Antonín Dvořák, musikalisch zwischen Spätromantik und Wagner, also voll auf die Fresse mit Vollgas und allen Registern gezogen. Bemerkenswert im ganzen Ensemble Tijl Faveyts (Bass) im Gesant und Kim-Lillian Strebel (Rusalka, insbesondere für Schauspielerei).

    Die Geschichte ist das klassische Meerjungfrauenmärchen. Meerjungfrau will an Land, verliebt sich in Mensch und schließt Pakt mit Hexe. (Erster Akt). Mensch ist zu schwach und unvollkommen für Meerjungfrau. Alles geht schief. (Zweiter Akt) Aufgrund des Pakts kann die Meerjungfrau auch nicht mehr zurück. (Dritter Akt)

    Barry Kosky misstraute offenbar so viel Kitsch-Möglichkeit mit Märchen und Spätromantik und Wagner und setzte eine im Beginn gewisse Ent-emotionalisiertes Inszenierung dagegen. Ein Bühnenbild, das einfach den Zuschauerraum aufnahm, reservierte Kostüme, keine Props, nur gelegentliche Albernheiten. Hatte sein Momente, wäre aber nichts wovon ich schwärmen würde.

    Bühnenbild von Rusalka. Es stellt einfach eine Verlängerung des Zuschauerraums dar, eine weiße Wand mit Stuck.
    Bühnenbild. Sieht aus als würde der Bühnenraum der Komischen Oper fortgesetzt.

    Wäre da nicht der dritte Akt. Rusalka hat in diesem das Wasser verlassen, bei den Menschen keine Heimat gefunden und muss ihr „Leben“ als Irrlicht fristen, das Menschen in den Sumpf lockt. Der Prinz, trauert, hadert mich sich ob seiner temporären Schwäche und sucht das Zaubermädchen. Der Wassermann gelobte Rache an den Menschen. Und dieser Akt, ist nun so verstörend inszeniert, irgendwo zwischen Rocky Horror Picture Show, Horrofilmen, großer Oper und Aktionskunst. Dort kommt alles zusammen und alles, was sich in den ersten zwei Akten schleppend anging, ergibt Sinn. Große Oper.

    Erinnert sich noch jemand an dctp.tv von Alexander Kluge: Es gibt eine Folge zur Komischen-Oper-Rusalka.

    Madame plante nach Hennigsdorf zu fahren.

    Heute lernte ich: In Posen (Polen) bekommt man als Blutspender eine kostenlose Jahreskarte für den ÖPNV.

    Wie viele andere Menschen versuche ich zu verstehen, was unsere Regierung und Olaf Scholz zum Thema Leopard-Panzer macht und warum? Der Spiegel bietet eine Erklärung: Das Kalkül des Kanzlers

  • 23-01-22 if ((n==0) || (n==1) return 1;

    23-01-22 if ((n==0) || (n==1) return 1;

    Der RBB parkte vor der Apostel-Paulus-Kirche in Schöneberg und übertrug einen Rundfunkgottesdienst. Madame war beteiligt, ich als Zuschauer anwesend. Während die Musik großartig war, waren die Wortbeiträge gut, die Gemeinde allerdings hat es versemmelt – schon allein weil kaum jemand anwesend war; auch deutlich weniger Menschen als an normalen Sonntagen.

    Ob es an der ungewohnten Anfangszeit lag (10 Uhr statt 11 Uhr), daran dass Menschen nicht „im Radio“ sein wollten oder an anderen Gründen, werden die zuständigen Gremien sicher noch zu ergründen versuchen. Wir mutmaßten, dass die Gemeinde die Gelegenheit nutzte, sich den Berliner Null-Grad-Regen zu ersparen und das ganze von zu Hause zu hören.

    (Leider wird der Gottesdient nicht in die Mediathek zum Verlinken aufgenommen).

    Der technische Aufwand wirkte überschaubar – zwei White Vans an Ausrüstung genügten, im Kirchenschiff stand ein hohes „Gemeindemikrofon“ (das nicht gebraucht wurde mangels Gemeinde), wie genau Redner, Sänger und Organiist verkabelt wurden, konnte ich nicht sehen.

    Aber der RBB wollte vorher einen sekundengenauen Ablaufplan. Und es war der erste Kirchenbesuch meines Lebens, bei dem ich vor dem Gottesdienst die Kirche betrat und gerade noch einmal die Fürbitten geübt wurden.

    Auf dem Heinweg diskutierten wir, ob wie lieber in der Akazienstraße oder der Belziger Straße ausgehen möchten.

    Zu Hause: Vorlesungsvideos. Bisher 2:10h netto (Also Videolaufzeit. Mit Ablenkungen, Anhalten (um z.B. eingeblendeten Code zu verstehen bevor er erklärt wird), Rückspulen in unkonzentrierten Momenten) bin ich bei einer Bruttosehzeit von 3:40h. Übrigen sind noch 2:40h Netto-Video.

    Madame realpomeranzierte. Erste Tests sind sehr erfolgsversprechend.

    Bitterorangen köcheln auf dem Herd. Ein Laserstrahl dient zur Temperaturmessung.
    Temperaturmessung der entstehenden Pomeranzenmarmelade.

    Ich entdeckte derzweil, dass ich auch gut aussehende Rezepte für Huhn mit Pomeranzenpaste gibt oder für das afghanische Reisgericht Norinj Palau.

    Madame empfiehlt ‘My little book sprouted legs’: Nigel Slater on how his memoir Toast became a phenomenon – Schönes Buch, großartiger Kochbuchautor.