Kategorie: Alltag

  • 23-03-09 Die Verbeigung der Welt

    23-03-09 Die Verbeigung der Welt

    Ich fürchte, ich muss kündigen. Heute wurde ich „ein Geschenk Gottes“ genannt. Besser wird es nicht mehr werden.

    Madame kam gestern Nacht mit dem Ersatzzug des Ersatzzugs vom Ersatzzug in Berlin an. Angesichts der Umstände der Fahrt waren weniger als zwei Stunden Verspätung erstaunlich.

    • Zug 1 (der eigentliche Zug) wurde bereits von der Polizei beschlagnahmt bevor er auch nur Madame aufnehmen konnte. Als Ersatz gab es
    • Zug 2 (der Ersatzzug). Dieser hielt genau eine Station durch, bevor eine lockere Scheibe einen langen Reparaturaufenthalt verursachte. Die Bahn riet, doch lieber eine Alternativverbindung zu nehmen. Nämlich:
    • Zug 3 (der Ersatzzug vom Ersatzzug). Der war auch irgendwo auf der Strecke verschollen. Zum Glück war die DB koordiert und schickte als Ersatz
    • Zug 4 (den Ersatzzug des Ersatzzugs vom Ersatzzugs). Dieser fuhr erfreulicherweise die komplette Strecke von Süddeutschland nach Berlin. Nur in Spandau musste er länger pausieren, weil die Polizei einen randalierenden Fahrgast aus dem Zug geleiten musste. Was IST mit den Leuten?

    Madames Abenteuer verschafften mir einen langen Abende, den ich nutzte, um mich weiter mit Kovarianzen von stetigen Zufallsvariablen zu beschäftigen. Leider sollte ich mich gerade auf die Klausur fokussieren. Sonst fiele mir ein, dass ich vor eins, zwei Jahren in R (Programmiersprache für statistische Berechnungen und Grafiken) herumgetöckelt habe. Mir kommen viele Ideen, wie ich R und mein neu wieder-erworbenes Statistikwissen zusammenbringen kann. Aber erstmal die Klausur bestehen, ganz ohne R.

    Spannend, dass der WiWi-Teil meines Studiums die Klausuren online schreiben lässt, während der Informatik-Teil auf körperliche Anwesenheit besteht. Wobei ich heilfroh bin, dass es die Unterlagen noch ausgedruckt auf Papier gibt. Ich glaube wenn ich diese 600 Seiten pro Kurs und Semester online lesen müsste, würde ich im Studium scheitern.

    Bereits erfolgreich fertig studiert hat Herr Rau. Er schreibt eine Serie: „Wie ich einer KI Breakout-Spielen beibrachte, mit weiteren Ausführungen.“ Da artet das Lesen in Arbeit aus, aber die Teile die ich durch habe, waren spannend. KI: Reinforcement Learning: Teil 1, und Teil 2, und Teil 3. More to come wahrscheinlich mit Autorennen.

    Bei den Berliner Bädern darf hochoffiziell auch mit weiblich gelesener Brust oben ohne gebadet werden. Ich beiße mir auf die Zunge und verlinke nur die Pressemitteilung des Senats.

    Lesetipp: Wie es 2013 war im Silicon Valley. Mich hatte der Artikel spätestens als der erste Investor ein persischer Teppichhandel war: One Startup’s Struggle to Survive Silicon Valley’s Gold Rush. (Für den Artikel spricht, dass das portraitierte Startup 2017 genau so einen Exit machte wie im Artikel 2013 vorhergesagt.)

    Zahlreiche Influencer:innen versuchen, alle Farbe aus der Welt zu verdrängen, indem sie die Welt verbeigen. Solange sich das Thema Beige auf Instagramm, instagrammable Orte und Zeit-Artikel zum Thema Kinderzimmereinrichtung beschränkte, war es nicht mein Thema. Aber jetzt schaffen die Oscars den Roten Teppich ab und ersetzen ihn durch ein Exemplar in beige. (Offiziell: Champagne) Oh Zeiten. Da poste ich lieber erneut den Link zur Oscars-Eröffnung 1989.

    Inneneinrichtung von Huis Sonneveld. Beiger Designerstuhl neben beiger Couch auf beidem Teppich vor beiger Wand.

    Bild: WLANL – Adfoto – Huis Sonneveld, stoel Gispen von: Ad from The Netherlands Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic

  • 23-03-07 Psychemeet

    23-03-07 Psychemeet

    Heute nahm ich kurzfristig an einem psychedelischen Hybrid-Meeting teil. Dann hatte der Kollege auch schon das locker sitzende Kabel im Konferenzraum wieder korrekt befestigt. Die Farben bewegten sich zurück ins Alltägliche.

    Durch den Berliner Feiertag, der dieses Jahr mitten in der Woche liegt, fühlt sich die komplette Woche allerdings nicht so ganz richtig an. Viele Menschen sind urlausbedingt nicht da, welches der Brückentag sein soll ist aber auch nicht klar. Alle größeren Aktionen laufen auf dieses Loch in der Mitte zu. Dass ich nächste und übernächste Woche auch noch Klausuren schreibe, verstärkt den Effekt des Nicht-Ganz-in-dieser-Welt-seins diese Woche.

    Den Feiertag nehme ich da gern als zusätzlichen Lerntag an.

    Passend dazu: Unruhig geschlafen. Mit dem Klassikertraum: Geträumt, verschlafen zu haben und zu spät zur Arbeit zu kommen, gehetzt aufwachen. Dann muss ich den Versuch unternehmen, nicht aufzuspringen, sondern mich ganz schnell abzuregen. Sonst bleibe ich zu lange wach und verschlafe tatsächlich.

    Aber alles lief am Ende gut und alltäglich. Unser Meeting verlief in geordneten Farben. Der Alltag lief dann doch. Beim Kaptain kam Post von der Grundsteuer an, bei des Kaptains Nachbarn Post vom Arbeitsamt, welche unser Einwirken nötig macht.

    Während Berlin sich in die übliche ungemütliche Berliner März-Gräulichkeit samt Pseudoschneefall flüchtet, besucht Madame einen süddeutschen Rosengarten. So soll es sein.

    Hinten im Garten im Hamburg.

    Zufllig lernte ich von der Oscar-Eröffnung 1989, die die Karriere des Machers Allan Carr (Grease, Ein Käfig voller Narren) ruinierte. Und obwohl ich nachvollziehen kann, warum Menschen das problematisch fanden.. mein Gott, ist die großartig! The 11 minutes that ruined Hollywood producer Allan Carr’s career forever.

    (Es half nicht, dass Snow White nicht mit Disney geklärt war und die Disney-Rechtsabteilung danach eine Menge zu dem Thema zu Schreiben hatte).

    Ich bekam das Ergebnis meiner „Einführung in die objektorientierte Orientierung“-Klausur. Während ich mir sicher war, es inhaltlich zu können, war ich nie ganz sicher, was der Dozent von mir wollte. Aber locker bestanden. Damit die Klausur, die mir dieses Semester am meisten bevorstand, überwunden. Und zur Feier dessen gönne ich mir einen freien Abend und werde irgendwas Dödeliges machen.

    Bild, urspriünglich ein oder zwei Menschen - in psychedelischen Farben und zerfließenden Konturen.
    Bild: Psychedelic Art 2022 Inner Dimensions von:
    David S. Soriano Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

  • 23-03-04 Rammstein on estrogen

    23-03-04 Rammstein on estrogen

    Madame brach gen langes Wochenende auf. Das brachte mich in eine ungeahnte Situation: Die übliche Samstagroutine fiel aus, aber ein ungeahntes Reich der Freiheit eröffnete sich. Ich hätte wieder schlafen gehen können – der gestrige Freitag war ja überraschend anstrengend geworden. Oder gleich in den Mathebüchern verschwinden. Ich konnte einfach so auf das Rad steigen, denken „ich komme irgendwann wieder“ und dann verschwinden. Oder den ganzen Tag eine explosions-und-blutreiche Serien per Beamer im Wohnzimmer sehen.

    Die vielen Möglichkeiten überforderten mich. Immer wenn ich dabei war, etwas anzufangen, viel mir auf, wie viele andere Möglichkeiten ich mir damit verschließen – und so lief ich wie ein sehr müdes und langsames aufgeschrecktes Huhn durch die Wohnung. Bis ich mich dann irgendwann auf „Privatmails aufräumen, Papierstapel auf dem Schreibtisch wegkriegen“ geeinigt hatte – das musste auf jeden Fall mal sein.

    Bei der Gelegenheit konnte ich die neue gebührenfreie Kreditkarte in Betrieb nehmen. Test erfolgreich: Sie erfüllt den einen Zweck für den sie angeschafft wurde und lässt mich gebührenfrei von den Geldautomaten der Umgebung Bargeld abgeben. Wichtiger: Im neu eingerichteten Onlinebanking wechselte ich vom „bösen“ Revolving Credit (ich zahle pro Monat nur einen kleinen Teil der Ausgaben zurück, der Rest bleibt als Schulden auf dem Kreditkartenkonto und wird teuer verzinst) zum „guten“ Charge-Verfahren (ich zahle am Ende des Monats Alles; kein Kredit, keine Zinsen).

    Das ganze Verfahren lässt mich traurig zurück: der aus Banksicht einzige Sinn der Karte scheint darin zu bestehen, Leute zum Schuldenmachen zu bringen, die sie vorerst nicht zurückzahlen zu können und daraus mit Phantasiezinsen Geld zu verdienen. Aber um so weniger Hemmungen habe ich, mir aus der Karte eine kostenlose Dienstleistung zu basteln.

    Screenshot der Onlinebanking-Website. Tilgungsrate: 100%

    Irgendwann schwang ich mich doch noch auf’s Rad. Aber weil ich weiterhin etwas unkoordiniert war, fuhr ich einfach mal wieder den alten Arbeitsweg ab – dort habe ich noch jede kleine Erhebung, jede Kurve und jede Bodenwelle in den Beinen und landete noch im alten Supermarkt.

    Vor mir an der Kasse: Ein Einkauf von zwei Packungen Salat, drei Flaschen Wein. In meinem Kopf formte sich der Gedanke „Desolat leben, aber gesund – ein passendes Motto der gesellschaftlichen Entwicklung.“ Da nahm die Dame auch noch zwei Packungen Zigaretten und das Motto zerstob in meinem Kopf.

    Inspiriert von der Kaltmamsell schaute ich bei VG Wort vorbei (wie zu erwarten war, nix Gutes in 2022 für mich), schrieb eine verspätete Geburtstagskarte und sortierte alte Schwimmbadkarten in die Schwimmbadkartensammelportmonnaietasche.

    Überraschend gut gefiel mir der deutsche ESC-Beitrag. „Rammstein on estrogen“ wie ein Youtube-Kommentator schrieb. Und da deutsche Welterfolge die Scorpions, Rammstein und Scooter sind, hat die Band vielleicht sogar Chancen.

    Auf Tröt las ich die Geschichte des russischen 1439. Regiments. Ein Staat, der so mit ihren eigenen Leuten umgeht, ist weit davon entfernt friedensbereit oder auch nur -fähig zu sein.

    Sonst ist heute dann doch vor allem ein Italopop-Fernuni-Statistik-Tag.

    Urlaubstip: Es gibt Rabatt auf die Interrail-Tickets.

  • 23-03-02 Autostraßen

    23-03-02 Autostraßen

    Madame ent-wickelte sich.

    Des Kaptains Versicherung bezahlt für den Unfallschaden, den ihr ein unbekannter Gegner auf dem Supermarkt-Parkplatz hinzugefügt hat. Das ist eine beruhigende Nachricht. In des Kaptains Nachbarschaft rufen Menschen die Polizei, weil bei anderen Menschen, beziehungsweise ihren Autos, der TÜV abgelaufen ist.

    Uns begegneten gleich drei Polizeiwagen. Als wir harmlos vom Kurzbaden im Stadtbad Schöneberg nach Hause schlenderten, ereignete sich vor unseren Augen ein Auffahrunfall. Zwei Autos, beide deutlich zu schnell unterwegs, fuhren Slalom. Einer setzte sich vor den anderen. Der andere fuhr mit Karacho hintendrauf. Fast hätten sich die Beteiligten danach geprügelt. Fast möchte man froh sein, dass sie sich nur gegenseitig die Autos demolierten.

    Sahnehäubchen: Eines der beiden Autos entsprach dem Klischee, war offensichtlich getunt und mit extra großem Auspuff versehen. Das andere allerdings war ein Fahrschulwagen. Der hochemotional aus dem Auto springende Mensch ein Fahrlehrer. Die arg eingeschüchtere Fahrschülerin saß noch auf dem Fahrersitz.

    Schwarz-Weiß Bild von 1959. Mehrere Autos stehen nach einem Unfall auf einer Landstraße.
    Bild: Five-car road accident in Caernarfon von: Geoff Charles (1909-2002), Geoff Charles‘ photographs also form part of the Europeana Libraries Project Lizenz: Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

    Auch wenn ich schon bei diversen Unfällen anbei war, war dies der erste den ich wirklich sah. Beide Autos ließen vorher den Motor aufheulen und fuhren so auffallend, dass ich sie schon vorher betrachtete. Wir machten brav unsere Aussage, hinterließen die Personalien und wandelten der Wege.

    Am alten Arbeitsplatz vermisse ich überhaupt nicht das häufige Aufstehen zwischen 3:30h und 4:30h. Aber ich vermisse sehr die halbe Stunde auf dem Rad durch das nächtlich-frühmorgendliche Berlin, mit Sonnenaufgang und ohne Menschen. Dringend muss ich mir eine regelmäßige Radstrecke suchen, die länger als der derzeitige Mini-Arbeitsweg ist. Aber es sollte halt auch eine Strecke sein, in der ich nicht in Feierabendverkehr und irre Autofahrer gerate und trotzdem etwas von der Stadt sehe.

    Dienstagabend konnte ich zumindest nach Kreuzberg radeln zur Buchhandlung des Vertrauens. Alleine die paar Meter durch das Tempelhofer Fliegerviertel, hinaus zum Platz der Luftbrücke, dann wieder hinab bis zum Kreuzberger Bergmannkiez: Es war einfach schön.

    Ich holte Klausurlektüre ab (Kracher wie: Aktiengesetz 49. Auflage mit Corona-Sonderrecht und Wichtige Steuerrichtlinien 39. Auflage, aber auch ein wenig was schönes wie Gioacchino Criaco: Die Söhne der Winde. Des Hammett-Buchhändlers Augen leuchteten als er mir das Buch übergab – und das ist immer ein gutes Zeichen.

    Wenn ich das Fenster aufmache, höre ich ein Rauschen. Das sind die fallenden Umfragewerte der Berliner SPD. Die Partei, die bei der Wahl mehr abgestraft wurde als alle anderen; die Partei, die seit 32 Jahren in der Regierung sitzt, sagt jetzt „Wir haben verstanden, die Leute wollen Änderung. Deshalb bleiben wir – ohne einen Tick an Personal oder Programm zu ändern – an der Regierung“. Und damit die Leute überhaupt nicht verstehen, warum sie uns je wieder wählen sollten, nehmen wir dieselbe Muff-Koalition, die schon in den 1990ern das ganze Elend anrichtete, unter dem die Verwaltung bis heute leidet.

    Madame empfiehlt das Blog National Trust Scones.

    In der Wikipedia findet zum dritten Mal der Ukraine’s Cultural Diplomacy Month 2023 statt. Er dient dazu, ukrainische Kultur in den weltweiten Wikipedien besser darzustellen. Der zweite Cultural Diplomacy Month fiel direkt in den Kriegsausbruch.

    Passionierte Blogleser interessiert sicher auch „Diaries of Note“ – jeden Tag ein anderer Tagebucheintrag. Mal von Kafka, mal von komplett Unbekannten.

    Montag streikt der öffentliche Dienst in Berlin. Mein erster Streik! Ich bin so aufgeregt.

    Die Wikipedia:Auskunft ist eine Unterseite der Wikipedia, auf der allgemeine Wissensfragen gestellt werden können. Ich bin dahingeschmolzen bei dieser Frage:

    Guten Morgen,

    (Sie werden meine Sprachfehler entschuldigen, ich benutze einen Übersetzer).

    Als Kind habe ich die Geschichten der „Menschen aus Fulda“ gelesen. Nach dieser Erzählung, zunächst intelligent und gebildet, waren sie überfordert und beschlossen, sich als dumm auszugeben. Nur dass sie durch Glauben wirklich geworden sind. Daher eine ganze Reihe lustiger Missgeschicke. Meine Fragen : Ist es ein klassisches Märchen aus der deutschen Folklore oder eine Erfindung eines neueren Autors? Wo würde ich ein deutsches Buch finden, das darüber spricht? Und warum wird es nicht im „Kultur“-Teil des Artikels Fulda erwähnt?

    Danke

  • 23-02-28 Flammet um mich her!

    23-02-28 Flammet um mich her!

    Madame ließ sich von acht Azubis (m/w/d) umgarnen.

    Die Freundin von MMB hat ein neues parfümiertes Waschmittel. Sie arbeitet sich an die perfekte Dosierung heran. Heute hatte der gesamte Nordflügel etwas davon. Die Reaktionen reichten von „Bitte arbeite auf dem Platz neben mir“ bis zu „Junge, hier ist ein Zehner. Kauf Dir in der Mittagspause bitte einen Knoblauchdöner.“

    Der Vor-der-Haustür-Weihnachtsbaum verschwand.

    Nachdem ich mehr oder weniger zwangsweise im letzten Spätherbst unseren Stromanbieter wechselte bekam ich nun vom neuen – etwa vier Monate nach Vertragsabschluss – eine Mailankündigung mit dem „Willkommensbonus.“ Das warf mich so aus der Bahn, dass ich haaresbreite diesen Vertrag gleich wieder gekündigt hätte.

    Vor einigen Jahren sahen Madame und ich in der Komische Oper eine Aufführung, die großartig war. Relativ neue (20. Jahrhundert) Opern, inszeniert als eine Art Stummfilm/1920er-Comic/Experimentalfernsehen – eine große Videoprojektion, in der Menschen sich bewegten. Großes Kino im wahrsten Sinne des Wortes. Der Versuch, dies später nachzusuchen, scheiterte. „Französische/russische Oper, Künstlergruppe der Namen irgendwie kurz war und aus Ziffern bestand“ war nicht findbar.

    Beleuchteter Eingang zur Komischen Oper zur Blauen Stunde.

    Bis jetzt, ha!. Im Rahmen unserer privaten Barrie-Kosky-Komische-Oper-Festspiele hatten wir auch Karten für „Die Zauberflöte“; eine Inszenierung, die inzwischen weltweit gespielt wird und zum Beispiel der New York Times als Referenzwerk für andere Inszenierungen gilt. Diese ist besonders. Wir fanden heraus: Denn sie wurde zusammen mit demselben Künstlerkollektiv entworfen und hat eine ähnliche Stummfilm-Comic-Ästhetik. Und ist großes Kino.

    Das Kollektiv ist 1927 (theatre company) aus Margate, UK und die damalige Inszenierung war PETRUSCHKA / L’ENFANT ET LES SORTILÈGES. Ihr neuestes Werk spielt in Wien. Es fühlte sich damals mehr nach Spätprogramm im Fernsehen, Nischenprogramm für Nischenpublikum an. Wenig ahnten wir, dass aus derselben Quelle die erfolgreichste Inszenierung der gesamten Kosky-Zeit kam.

    Das Publikum: Jünger und vielfältiger als in anderen Opern, selbst für Komische-Opern-Verhältnisse. Sehr begeisterte uns die Gruppe französischer Student*innen in unseren Reihen, die einfach die ganze Oper und ihre Inszenierung mit Lachen und Spontanapplaus feierten. Es war aber auch schön.

    Hintergrund zur Inszenierung gibt es an anderen Orten: Kosky and 1927’s Magic Flute: A complete reinvention celebrates the opera’s roots

    Nebenentdeckungen: Meine Güte, ist das Libretto gaga. Selbst gemessen an den niedrigen Ansprüchen, die Opernlibretti in Hinsicht Sinn und Logik im Allgemeinen erreichen, ist dieses Libretto ganz besonders absurd. Was ganz gut ist: Dann fällt es nicht auf, wie schlimm das Libretto inhaltlich ist. Wie Kosky sehr diplomatisch sagt: „It’s one of those pieces that’s a minefield of problems“

    Dafür dass die Königin der Nacht eine der berühmtesten Opernrollen überhaupt ist, bekommt sie überraschend wenig Bühnenzeit. Aber okay, die Rachearie. Die ich überraschenderweise auf einer Karaokesite fand. Okay, Karaoke und Alkohol gehen manchmal seltsame Verbindungen ein: Aber die Rachearie?

    Neben-Nebenentdeckung: Es gibt einen Rosa-von-Praunheim-Film mit Edda Moser: „Operndiven und Operntunten“ und den muss ich unbedingt sehen.

    Zurück nach Berlin: An der Autobahnauffahrt steht keine Polizei mehr und trotzdem wird sie nicht beklebt. Im Internet las ich, dass die Letzte Generation anbietet, die Proteste gegen politische vergleisweise läppische Konzessionen einzustellen. Und ich dachte: „Leute, offensichtlich habt ihr ein Mobilisierungsproblem, Euch gehen die Freiwilligen aus und ihr versucht den ehrenvollen Abgang.“ Das Problem mit der apokalyptischen Alles-oder-Nichts-Politik: Wenn das Ergebnis nach mehreren Monaten nicht „Alles“ ist, interpretieren es die eigenen Leute als „Nichts“, sind frustriert und gehen wieder.

  • 23-02-26 Exzess = Wölbung minus drei

    23-02-26 Exzess = Wölbung minus drei

    Alice Schwarzer und Sarah Wagenknecht setzen ein wichtiges Zeichen für die Gleichberechtigung. Auch alternde Frauen dürfen sich bei drohendem Bedeutungsverlust in wirren Wahn flüchten. Das ist kein rein männliches Privileg. Ich finde es wichtig, dass jede:r in einer Gesellschaft das Recht darauf hat, sich daneben zu benehmen, unabhängig von egal-was. Das ist wichtiger, als das unproblematische Sachen für alle erlaubt sind.

    (Wobei ich, bei allem was ich inzwischen über das Funktionieren des Kremls weiß, nicht ausschließe, dass bei Sarah Wagenknecht der Wahn durch ein auskömmliches russisches Nebeneinkommen ergänzt wird.)

    Ich setze weiter darauf, 2024 in Odesa urlauben zu können – und das ganz sicher nicht unter russischer Flagge.

    Vorerst aber erfüllte ich meine Bürgerpflicht, indem ich beim Klimavolksbegehren Berlin 2030 abstimmte. Mein Bauchgefühl „Klima, find ich gut“ habe ich vorher noch durch etwas Recherche ergänzt. Fazit:

    • die Initiatoren bleiben beim Thema „Was bedeutet ein ‚Ja‘ nun genau“ absichtlich vage und sehr unbestimmt. Das finde ich schlechten Stil. Es erklärt, warum es vielen Menschen so wie mir geht: Sie schwimmen inhaltlich, wenn sie sich entscheiden sollen.
    • Die Maßnahmen, die aus einer erfolgreichen Abstimmung folgten, wären einschneidend und würden Berliner innerhalb und außerhalb des Rings schmerzhaft im Alltag treffen – wenn sie engagiert von einer kompetenten Verwaltung umgesetzt würden.
    • Aber: Die Verwaltung ist eine Berliner Verwaltung, die von einer Regierung mit SPD- und/oder CDU-Beteiligung geführt werden wird. Das spricht weder für Engagement noch Kompetenz.
    • Wir können froh sein, wenn überhaupt etwas passiert.
    • Und damit etwas passiert, damit die einschlägigen Organisationen und Personen Mittel haben, um widerwillige Verwaltung und Regierung in die richtige Richtung zu treiben, ist das Volksbegehren hilfreich.
    • Ich briefwählte guten Gewissens mit Ja.

    Madame richtete den neuen alten Rechner ein. Nachdem wir gute Erfahrungen damit gemacht hatten, refurbished Gebraucht-Mobiltelefone zu kaufen, versuchten wir es nun auch mit Laptops. Der Rechner musste zweimal zurück zum Händler.

    Beim ersten Versuch, weigerte der Laptop sich, das Windows 11 22H2-Update zu installieren. Ein Blick in die Update-Historie erbrachte, dass auch beim Händler schon fehlgeschlagene Updateversuche stattgefunden hatten.

    Beim zweiten Versuch (selbe Modellreihe, aber wir bekamen ein anderes physisches Gerät), wurde ein Akku gar nicht erkannt und der andere auch eher schlecht befüllt. Also wieder zurück. Der dritte Anlauf immerhin lässt sich gut an. Und sowohl aus Umwelt- wie auch aus Geldgründen werde ich dauerhaft zum Gebrauchtrechnerkauf wechseln.

    „Die Umwelt“ in Gestalt eines Weihnachtsbaums liegt weiterhin vor der Haustür. Allerdings bekam er eine selbst für dieses Haus ungewöhnliche Partnerin: Auf dem Treppenabsatz zum ersten Stock stand eine Spingform. In einer Hälfte der Form befand sich eine Art Spinattarte, in der anderen Hälfte ein Tarteboden mit ausgekratzter Füllung. Was wohl die Geschichte dieser Form war und ihrer halben Tarte war? Nachdem sich über Nacht kein:e Besitzer:in fand, warf Madame Form und Tarte in den Müll.

    Alter Weihnachtsbaum vor Hauseingang,

    Währenddessen bereitete Madame Freitag einen Fisherman’s Pie (der aber gar nicht so geschmacklos war wie es sich für Freitag-Abend-essen-wir-English gehörte) und Samstag Linsen Stroganoff nach Frau Küchenlatein.

    Inspiriert durch die desaströse Riester-Abrechung dieses Jahr (angesichts der Veränderungsrichtung schon fast gut, dass es schon mit kaum-Geld-im-Vertrag begann), forschte ich, ob ich wenigstens gegen das 0%-Sparbuch etwas unternehmen kann.

    Irgendwann kam ich bei der Recherche vom Weg ab und jetzt ist eine Null-Gebühren-Kreditkarte auf dem Weg zu mir, mit der ich hoffentlich gebührenfrei Geld vom Sparkassen-Geldautomaten abheben kann.

    Lange suchte ich den Haken bei der GenialCard der HanseaticBank. Der einzige Haken, den ich fand, war das „Revolving Credit„-Prinzip der Karte: Die Besitzerin zahlt zum Monatsende immer nur einen Teil der in der Kreditkarte aufgelaufenen Schulden. Der Rest wird verzinst. Dies lässt sich aber einfach ausschalten.

    (Disclaimer: in diesem Blog gibt es keine bezahlte Werbung und wird es auch keine geben. Nur weil ich Experimentalkreditkarten erwerbe, ist das keine Aufforderung dass ihr das auch machen sollt.)

    Mich wundert, dass die HanseaticBank mit diesem Konzept Geld verdienen will. Aber letztlich ist das nicht mein Problem. Die HanseaticBank ist eine Tochter von Société Générale und Otto-Versand – wird also nicht den Fintech-StartUp-Move machen und unter „Move fast and destroy things“ plötzlich verschwinden.

    Jobs des 21. Jahrhunderts, deren Inhaber:innen ich bewundere. Samstagabend im Business Dress vor einer Webcam sitzen und solche Dödel wie mich Personalausweise schräg halten lassen für die Sicherheitsmerkmale bei der Personenidentifikation. Mein tiefsten Respekt gegenüber jeder/jedem, der das länger als vier Wochen durchhält.

    Ach ja, ich lernte. Statistik und Wahrscheinlickeitsrechnung. Und stellte fest: meine mathematische Achillesferse ist das Summenzeichen Σ.

    Über Kaltmamsell und Boddenbohm kam Mikka in Markdown zu mir: PLEASE blog.

  • 23-02-23 Zwei Augen hängen an der Wand

    23-02-23 Zwei Augen hängen an der Wand

    Der erste Weihnachtsbaumzyklus ist vollendet. Der Baum tauchte vor einigen Tagen vor der Haustür auf. Dann wanderte auf den Radweg, dann in die Baustelle. Von dort beförderte jemand den Baum vor die Baustelle, dann zog er auf den Hinterhof. Jetzt hat ihn wieder jemand vom Hinterhof vor die Haustür getragen. Dafür, dass Ende Februar ist, ist der Baum erstaunlich nadelstabil.

    Madame diskutierte über die Bedeutung von Axiomen für Definitionen.

    Ich holte meinen längst überfälligem Schwimmbesuch im Stadtbad Lankwitz nach. Auf dem ehemaligen Arbeitsweg von Mariendorf nach Schöneberg bedeutete es nur einen kleinen Umweg auf dem Heimweg. Auf dem jetzigen Berliner-Bäder-Arbeitsweg von Schöneberg nach Schöneberg, liegt das Bad gefühlt weiter weg. Meine Wege führten nicht mehr nach Lankwitz. Ich bewunderte in Lankwitz die mir unbekannte Schneemannskulptur vor der Sauna. Jefraund fragte Madame, wo sie ihren schicken Badeanzug erworben hat.

    Da die Erbsensuppen-SlowCooker-Aktion von vor ein paar Tagen aktuell noch das Kochen erspart, habe ich Zeit zum lesen und folge „Three Men in a Boat“ auf ihrer touristischen Bootsfahrt entlang der Themse. Für ein Buch, das 1889 erschienen ist, wirkt der Humor überraschend lebendig. Drei Männer, eine Dose Ananas und der nicht vorhandene Öffner – die Szene würde in jedem Loriot-Film zu den Besseren gehören.

    Spannend zu lesen: die immer wieder vorkommenden Reflexionen im Buch, was „modern“ und „alt“ ist und wie altehrwürdig auch der neumodischste Unsinn der Jetztzeit wirken wird. Da die „Jetztzeit“ des Erzählers aus meiner Sicht als Leser 130 Jahre her ist, stimme ich zu. Alles was von 1889 überlebt hat, wirkt altehrwürdig.

    Ich beantragte die Briefwahlunterlagen für den Klimavolksentscheid. Und beschloss, dass ich mich doch mal kundig machen sollte. Bisher lautet mein Fachmeinung als informierter Bürger „Klima, find ich gut.“ Aber Augen auf beim Volksentscheid. Wir haben es beim Brexit erlebt: Leute entschieden kurz aus einer emotionalen Laune heraus und drei Jahre später werden die Gurken knapp.

    Wobei die drei Jahre nicht stimmen. Es sind ja im Jahr 2023 schon Menschen volljährig, die damals bei der Abstimmung noch gar nicht geboren waren.

    Meine erste Recherche spricht auf jeden Fall stark für ein Klima-Ja beim Volksentscheid.

    Klima-Volksentscheid-Wahlplakat. Im Hintergrund ein halbes Höffner-Möbelhaus.

    Madame fuhr nach Steglitz und kaufte Bilderrahmen. Wir hängten Bilder auf.

    Fasziniert folge ich dem bizarren Schicksal von Frau Maultaschen-Ravioli als unfreiwilliger deutscher Rhythmischer-Sportgymnastik-Mutter.

    Auch wenn ich dachte, dass ich über E-Mail an sich schon ziemlich viel weiß: E-Mail explained from first principles war eine unterhaltsame Lektüre und brachte einige neue Erkenntnisse.

    Ich löschte meinen Facebook-Account. And it feels good.