Lord almighty the temperature was rising. Die Berliner Wetterachterbahn lief sich wieder heiß für die erwarteten 36 Grad am Samstag. Jeden Tag etwas mehr.
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Exclusive Coffee am Südkreuz versucht passiv-aggressiv die öffentlichen Bänke zu privatisieren, indem sie ihre Tische direkt davor stellen. Ich reagiere darauf, indem ich mich mit Fremd-Verzehrgut passiv-aggressiv auf die Bank direkt an ihrem Tisch setze.
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Der Blogzug rollt wieder. Veröffentlicht wird dieser Post am 20. August, geschrieben wurde er am 17. August und die Ereignisse ereigneten sich am 13/14. August. Das Blog-ich ist dem Lebens-ich 6 Tage hinterher.
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Im Bergmannkiez schloss nach knapp 50 Jahren „Hifi im Hinterhof“ – endstanden zu Zeiten als Stereoanlagen und LPs unfassbar wichtig waren. Dafür steht ein paar Häuser weiter ein „Tipico is coming.“ Kreuzberg mag in Teilen anders sein als Rest-Deutschland, immun ist es nicht.
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Es waren Leinwandtelefon-Stuckwartezimmer-Arbeitstage.

Dönerbox an Möckernbrücke
Arbeitssystemische Verwirrungen ließen mich meinen immobilen Donnerstag verschieben, so dass ich Donnerstag im Büro saß. Wir waren wenige und ich hoffe, ich habe auch gearbeitet. Mein Kalender vermerkt ein Gespräch über Parkplätze. Mit drei Tagen Abstand erinnere ich mich an nichts mehr.
Abends auf jeden Fall wartete der feste Donnerstagstermin Boulevard Noir im Yorck Kino. Ich setzte mich in die U-üc, stieg an der Möckernbrücke aus und ging wieder einmal entlang memory road.
Nachdem ich aus der Bahn gestiegen war, empfing mich eine Kreuzberger Sound-Mischung aus U-Bahn-Saxophonist („Summertime / Pink Panther / Kalinka“) und Martinhorn. Ich führ die Rolltreppen hinab zum Döner/Pizza-Laden.
Oft genug stieg ich dort an der Möckernbrücke aus der U7 ging am Döner vorbei und dann zum Büro des Freien Wissens. Oft streifte ich in den Pausen oder an Abenden durch die umliegenden Straßen, sah über den Landwerkkanal auf das ehemalige Postscheckamt.
Gerne wäre ich einfach mal wieder an einem der damaligen Lunchplätze eingekehrt. Aber entweder sind diese verschwunden, im Urlaub oder reine Mittagsplätze.
So blieb die U-Bahn-Döneria und deren Dönerbox.
Mit der neu erworbenen Dönerbox (Kräuter/scharf) wanderte ich am Kanal entlang, die Großbeerenstraße hinunter bis zur Yorckstraße. Weil Zeit blieb bestaunte ich die Partypeople Richtung Bergannkiez, die Tourischlange vor Curry 36 und ließ mich bestimmungsgemäß fast von jungerwachsenen E-Trottinett-Fahrern (kein Gendern nötig) überfahren.
Dann zurück zum Yorck, denn Fritz Lang wartete.

Sisters in Mink
Eigentlich gehe ich gar nicht mehr wegen der Filme zur Filmreihe Boulevard Noir, sondern weil ich mich so sehr auf Robins Einleitung und seine Auswahl der nächsten Trailer freue.
Zum Glück taugt der Film auch meistens. The Big Heat/Heißes Eisen1 ist – wie mir das Internet verriet – Fritz Langs (of Metropolis, Dr. Mabuse und M – eine Stadt sucht einen Mörder fame) berühmtester Hollywood-Film.
Spannenderweise ist es auch eine Art Spiegelfilm zu Altmans The Long Goodbye, der zwei Wochen vorher im Boulevard Noir lief.
Musste sich in Altmans Film ein Philipp Marlowe mit 1950er-Befindlichkeiten durch ein brutal-abgefucktes L.A. der 1970er finden, sieht der 1953 gedrehte The Big Heat halt genau aus wie 1950s Film – sie tragen 1950s Anzüge, die Bilder sind klassisches Hollywood, die Szenen klassische Hollywood-Räume – und ganze Drehbuch und die Charaktere wirken als wären sie aus einem brutalen Neo-Hollywood Noir der 1970er/1980er entstiegen.
So einen desillusionierten roughen Film hätte ich bei Hollywoodproduktion von 1953 sicher nicht erwartet.2
Der Film nimmt eine Handlung vorweg, die später häufig werden wollte: Normaler Cop-von-nebenan verliert Frau an Mord durch Gangst, wird durch die Korruption um ihn herum so desillusioniert, dass er immer mehr vom Gerechtigkeitsfreund zum Racheengel mutiert.
Telefone
Es ist ein Film über das Telefonieren. Lang stellt Verbrechen dar, er stellt Gewalt dar. Vor allem aber weiß er, dass am Ende nicht Pistolen entscheidend sind, sondern Informationen.
Der Film beginnt mit einem Schuss, dann folgt ein Telefonat. Danach folgen weitere Telefonate, mit vielen verschiedenen Telefonen. Gangsterbosse an Unterlinge, Informaten an die Polizei, Erpresserinnen an Gangsterbosse, Polizeioffiziere an Gangster. Immer wird telefoniert.
Und immer ist es, wie alles in dem Film, handwerklich perfekt in Szene gesetzt. Die Stimmung des Films mag rough sein, ihre filmische Umsetzung ist vom Feinsten. Von allen der klassischen Noirs, die ich sah: Was Bildführung, Kamera (Charles Lang), Sound (Henry Vars), Schnitt (Charles Nelson) oder Kostüme (Jean Louis) anging, was es nahezu perfekt.
Pelzmäntel
Noir-Filme spielen genregemäß in den moralischen Niederungen der Gesellschaft und diese sind wenig überraschend misogyn. Spannend wird es, wie die Filme damit umgehen: von affirmativ über abschwächend bis zu zeigend. The Big Heat geht in den letzten Weg – in einer so schmerzhaften Variante, dass es selbst dem letzten Incel auffallen sollte.
Bannion als Held, zum Beispiel, ist zwar ein ganz entschiedener Racheengel. Aber deutlich weniger motiviert und schlechter darin, die Frauen zu schützen, bevor sie ermordet werden. Tatsächlich folgt schon fast eine Regel: Sobald eine Frau mit ihm redet, stirbt sie kurz danach ziemlich unschön.
Einer der Kleingangster hält eine fast programmatisch verachtende Rede über Barflys, junge Frauen die in Bars „wohnen“ und warum man auf sie nicht achten sollte und es auch egal ist, wenn sie ermordet werden. Das ist vermutlich für die betrachtete Szene ebenso realistisch wie erschütternd.
Und auch wenn der Film bis zur Minute 79 (von 89) benötigt um den Bechdel-Test zu bestehen3 – die Szene in der dieser Dialog stattfindet, ist die beste des ganzen Films.
Überhaupt ist Debbie Marsh (Gloria Grahame) die zentrale Figur. Erst Gangsterbraut, die naiv wirkt, die emotionalen Problemer immer Männer durchschaut, es sich aber erträglich trinkt („I have been rich and I have been poor. Believe me rich is better“), dann spontanes Opfer, dann wichtigste aktive Protagnistin. Grahame spielt die Zerrissenheit meisterhaft und macht Debbie Marsh zur zentralen Figur des Films.

Kreuzberg-Edition
Am Südkreuz sah ich einen Grünen Wahlkampf-E-Bulli (bzw. technisch genauer einen VW ID Buzz) und seufzte mal wieder, mal wieder Gut gemeint ist nicht gut gemacht.
Ich sehe den Gedanken „VW Bulli war cool. E-Bulli ist cool und dazu Verkehrswende.“ Leider komplett verpassend, dass der Bulli nicht cool war, weil er der Bulli war, sondern weil das damalige Handwerker-Auto gebraucht preiswert war und vielen coolen Menschen (Surfer!) coole Sachen ermöglichte. Erreichbarkeit und improvisierte Nutzung war zentral.
Ein E-Auto, das es bisher quasi nur als 60.000 Euro teuren Neuwagen gibt, ist nicht erreichbar. Das ermöglicht coolen Menschen gar nichts.
Aber eigentlich wollte ich von Kreuzberg erzählen. Denn in Kreuzberg hängen andere Wahlplakate als anderswo.

Die Kreuzberger Grünen plakatieren anders. In allen anderen Bezirken gibt es ein grünes Einheitsdesign der Kandidat*innenplakate in grün-schwarz. In Kreuzberg ist es grün-pink-bunt mit anderem Slogan. Er ist hier schwer zu lesen. Aber links unten steht „Grün links solidarisch“. Ein Slogan, den ich mir bei Grünen in Wilmersdorf oder Reineckendorf nur schwer vorstellen könnte.

Die CDU plakatiert noch nicht „links.“ Aber hey, Wimmelbild. Das mich spontan an Seyfried oder andere widerständige Comics erinnert. In einer vielfältigen bunten Stadtlandschaft.
Auch das werde ich ChaWi kaum sehen. Wählen wird sie in Kreuzberg aber trotzdem niemand.

Und dann die Doppel“linke.“ „K.O. für Rentenfritze“ vom BSW hängt berlinweit, und wenn ich damit anfange, was mich am Plakat alles stört, werde ich nicht mehr fertig.
Spannender natürlich „Konzerne enteignen. Code befreien“ von MERA25. Der deutsche Ableger der Yanoufakis-Partei, der in seiner Vision deutlich über normale Stadtpiefigkeit hinausschaut.
Dummerweise schaut sie auch über Kleinigkeiten wie nötige Unterschriften hinaus und darf damit gar nicht antreten.
Und was Außenpolitik angeht, nehmen sich BSW und MERA25 wenig – damit ist der ganze Laternenpfahl indiskutabel.
Ich sah wie Patient*innen ihren Erstaufnahmebogen am Tablet ausfüllten und war positiv beeindruckt
Habt ihr in letzter Zeit versucht, klaren Apfelsaft zu kaufen? Es ist überraschend schwer. An unserem kleinen Eck-Edeka ist es unmöglich, im größeren 23-Uhr-Rewe an der Yorckstraße machte es längere Suchaktionen nötig.
Madame war beim Arzt gewesen. Vorbesprechung zur Darmspiegelung vermutlich mal irgendwann. Der Arzt sagt „wir haben morgen einen Termin frei, wollen sie?“
Dann nahm das Schicksal seinen Lauf. Die Anleitung zur Vorbereitung sagte, eine Woche vorher..
okay, den Teil übersprangen wir..
Es galt noch für sie: Einen Abend vorher nur noch Wasser und klaren Apfelsaft zu sich nehgmen und literweise ein widerwärtig schmeckendes Abführmittel. Ganz eventuell wenn es sein muss Tee oder Kaffee.
Apfelsaft als Geschmacksausgleich wäre gut gewesen. Wenn er denn vorhanden gewesen wäre. Immerhin, ich kann berichten, ganz hinten unten bei den Eigenmarken-Discount-Säften versteckte er sich noch. In normaler Blickhöhe sah es nur noch so aus:

Das „Frühstück“ verlief ähnlich freudvoll.
Madame machte sich auf. Ich folgte eine Stunde später nach, da sie alleine nicht mehr in den Verkehr durfte, und einen Aufpasser brauchte.
In der Praxis sah ich, wie Patient*innen den Erstanamnesebogen auf dem Tablet ausfüllten und dachte ein erfreutes „endlich mal“. Später stellte ich fest: Ein Grund doch noch zu promovieren, wäre es, wenn mensch überall im Wartezimmer als „Frau Dr. …“ aufgerufen würde.
Ich wartete im Wartezimmer. Sie schickte per Messenger Bilder der tollen Stuckdecke im Aufwachraum, und dann warteten wir sehr sehr lange auf Kurzbesprechung „Alles super. Kommen sie in 10 Jahren wieder.“

Abenderschöpfung
Wenn in Berlin der Stuttgarter Platz der „Stutti“ ist, der Görlitzer Park der „Görli“ und der Innsbrucker Platz der „Innsi“ ist dann der Fehrbelliner Platz der „Fehrbelli“?
Ich weiß es nicht.
Aber unabhängig davon stiegen wir auf dem Rückweg am Fehrbelli um. Madame zeigte mir auf der Zwischenetage den tollen Laden „Mediterrane Feinkost“, wo jeden Vormittag diverse Frauen mit türkischem Essenshintergrund viele, viele Schüsseln mit frisch zubereiteten Salaten und Pasten auspacken, diese am Mittagstisch verkaufen. Und wenn dann zwei, drei Stunden später alles verkauft ist, machen sie den Laden wieder zu.
Zum Glück war er noch auf, wir konnten Bulgur-Tsatsiki-Weiße-Bohnen-und noch was Salat mit Gemüseschnitzel mitnehmen und dann im Laufe des Tages verzehren.
Madame hing noch durch, ich rettete mich in den Feierabend. Danach sehr junger, sehr zarter Patisson (Gemüslichkeit), mit jedem Verarbeitungsschritt, bei dem ich ihn in der Hand hielt, reduzierte ich die innerliche Kochzeit weiter und Bolognese (Tiefkühler).
Wir beschlossen den letzten heißen Tag des Jahres am Samstag in der Wohnung auszuwarten und erst Samstagabend zur Abkühlung in die märkischen Hamptons zu fahren.

Anmerkungen
- Yorck Unlimited No. 41 – 5,80€ pro Besuch. ↩︎
- Unter anderem weil noch der Hays Code galt, eine Art Selbstzensur von Hollywood, die solche Filme eigentlich verhindern sollte. Es ist mir ein Wunder wie The Big Heat den überstand. ↩︎
- Zwei Frauen – mit Namen – unterhalten sich über etwas anderes als einen Mann; etwas was quasi jeder Film mit Männern in den ersten zwei Minuten Dialog schafft, gerade aber Hollywood-Produktionen oft nicht schaffen. ↩︎
Kommentare
5 Kommentare zu „26-08-17 Vom Verschwinden des klaren Apfelsafts aus den Supermärkten“
Ich will mal Apfelsaft in die Wunde kippen und berichten, dass dieses eklige Abführmittel unnötig ist: Es gibt auch Zeug zum Anrühren, dass nicht so widerlich schmeckt. Man muss davon auch nicht so viel trinken. Es ist nur geringfügig teurer als das in den Literflaschen.
Ich hatte keine Wahl, die Praxis hat mir das übergeben. Es handelte sich um Moviprep und schmeckte nach Orange, Süßstoff und Metall. Es war nicht super widerlich, aber abwechselnd mit Apfelsaft und Fencheltee deutlich besser als nur mit Wasser.
Zum Anrühren war das auch. Zweimal je ein Liter.
Immerhin!
Diese komischen Salzlösungen sollen ja wesentlich furchtbarer schmecken.
Was man da anrührt ist letztlich auch eine Salzlösung, aber sie geben sich schon Mühe, dass man das nicht so rausschmeckt.