Madame erlangte ein frisches Frühstücks-Spiegelei. Es war der letzte Tag des Hotelfrühstücks-Paradieses. Denn die Bio-Olympiade hatte entweder Stunden vor uns oder gar nicht gefrühstück, wir kamen immer an ein leer(Raum)volles(Speisen)Buffet. Das sollte ich ändern.
Dafür kam Intrepid ins Hotel. Anscheinend ein Edel-Reisegruppen-Veranstalter, der relativ individuelle, eng betraute Touren mit Selbstanreise anbietet. Am nächsten Morgen war das Hotel von lauter Wanderengländerinnen und Outdooramerikanern besetzt.
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Wir stellten fest, wie haben zu viele Ideen für zu wenig Tage.
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Noch nie sah ich so oft und so stolz das NATO-Symbol in einer Stadt wie in Vilnius.
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Ich recherchierte, welche Städte die größten Städte Europas ohne Metro/U-Bahn/Tram/Light Railway sind, und es zeichneten sich zwei Gruppen ab: (1) Ex-Sowjetunion, wie Woronesch, Tojatti, Vilnius, Chișinău – diese haben ein Trolleybusnetz. Oder Städte in Nordengland (Leeds, Liverpool) – diese haben, ähm..
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Es war ein malerischer Problemviertelsonntag.
Das Reise-ich hat heute den ganzen Tag auf die Ostsee und das kurische Haff geblickt, während das Blog-ich sich noch an die Großstadt er erinnern versucht. Es liegt 300 Kilometer und 72 Stunden zurück.

BAK
Das Jewish Gaon Museum Vilnius hatte weitere Außenstellen. Und nachdem die Betreuung am Identity-Litvak-Museum so derart gut gewesen war, nutzten wir das erworbene Kombiticket, um ins Samuel-Bak-Museum zu gehen. Uns wurde ein Kunstmuseum versprochen, das war bestenfalls ein Drittel des Ganzen.
Wir fanden: Eine eher seltsame Ausstellung zum ersten Besuch eines litauischen Präsidenten in Israel nach der Unabhängigkeit. Schwieriges Thema, weil die Litauer, im Gegensatz zu den Österreichern, ganz zweifellos Opfer des Zweiten Weltkriegs waren, aber auch deutlich mehr als die Nachbarländer Täter des Holocausts. Die Ausstellung selbst war strange, aber interessant zu sehen, in welche Richtung sie argumentiert und was die (damaligen) Gegenargumente gegen eine Entschuldigung an Israel sind (waren).
Versteckt in einer Ecke: Die Geschichte von Kindern, die den Holocaust überlebten, indem sie aus dem Ghetto geschmuggelt wurden und deren Rettern. Eindrucksvoll, aber viel zu viel, viel zu gedrängt für den kleinen Museumsflügel. Eigentlich hätte allein das genug Stoff für ein eigenes Museum gegeben.
Eine Sonderausstellung zum Bildhauer Jacques Lipchitz (geboren als Chaim Jakoff Lipschitz, der in Vilnius Kunst studierte und dabei auch alle Kirchen vielfach besuchte. Bei mir blieb hängen, dass ich mit seinen kleineren Skulpturen (vor Ort) wenig anfangen kann, mit den großen (im Foto zu sehen) vermutlich mehr. Und dass er in seiner Jugend dachte, alle Skulpturen sollten weiß sein – kein Wunder, er kannte Peterpaul in Vilnius.
Es gab Skizzen von Gerardas Bogdanovičius, der Anfang des 20. Jahrhunderts große Teile Litauens bereiste, unter anderem Zeichnungen zahlreicher Synagogen anfertigte – inzwischen zerstört.
Und es gab die Bilder von Samuel Bak, geboren in Vilnius, als Kind aus dem Ghetto geschmuggelt und später Maler geworden, der sich seit Jahrzehnten mit dem Untergang des jiddischen Wilne auseinandersetzt. Das Museum hat zahlreiche Originale von Bak – angefangen von der Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, noch relativ eng am Aussehen des Ghettos gehalten und den damaligen modernen Kunstströmungen entsprechend, bis zu fast aktuellen Werken – abstrakter, aber thematisch weiter unverkennbar und auch deutlicher in Baks eigenem farbkräftigen Stil, der einerseits konkret scheint – in den Figuren und Motiven auf den Bildern – die gesamte Zusammensetzung und erzählte Geschichte aber hochabstrakt ist.
Nichts, was ich immer sehen wollte, dafür sind sie auch thematisch zu anstrengend, aber Bilder, die ich mit großem Gewinn gesehen habe.

Reuben
Danach ging es Richtung Markthalle. Dort würden wie Šarūnas treffen würde. Madame wollte die Tage ausnutzen, ich wollte endlich mal die Gegend um unser Hotel näher in Augenschein nehmen – die Tour „Vilnius 1990er bis heute“ schien beides zu ermöglichen. Diese traf sich vor der Markthalle. Wie schon 2024 hatten wir mit ihr kein Glück. Die spannenden Sachen sahen spannend aus, aber wir hatten keine Zeit – wir konnten gerade noch sehen was uns interessieren würde (u.a. der großartige Pastrami/Reuben-Sandwich-Laden, der sich aus die ausgewanderten Litvaken berief, die dieses in New York erfunden hatten), aber die Zeit war aus. Und an unserem letzten Tag, Montag, war die Markthalle geschlossen.
Back to the 1990s
Madame wollte die Zeit ausnutzen. Ich wollte endlich einmal die Gegend um das Hotel sehen. Die Führung „Vilnius since the 1990s“ schien beides zu versprechen. Auch diese kam von „Vilnius with Locals“, war als „Free Walking Tour“ angekündigt (man gibt soviel wie man will am Ende) und der Lokal der uns entgegenwinkte war schon wieder Šarūnas – das war in dem Fall unerwartet, aber nicht unerfreut.
Ich war schon vorher von seinen Qualitäten überzeugt. Aber als er die Führung in der ramschigen Ecke der Markthalle begann, dort wo die seltsamen Klamotten verkauft werden, hatte er mein Herz gewonnen. Er erläuterte, dass es diese Märkte in allen Staaten des Ex-Ostblocks gab (außer der DDR), weil ein Großteil des Staates plötzlich vor dem Nichts stand, und einige versuchten, billig in der Türkei Kleidung einzukaufen, und wieder zu verkaufen. Und wir sahen nicht nur einen komischen Markt sondern eine historische Schicht der Stadt.
Nächster Stop: das Migrantion-Graffitti zwischen Markthalle und Bahnhof; gefertigt von zwei Brasilianern mit litauischen Vorfahren – denn nicht nur stand ein ganzer Staat vor dem Nichts, auch verlor er seit 1990 knapp ein Drittel seiner Bewohner*innen.
Er arbeitete sich so über passende Orte zu den entsprechenden Jahren vor.

Oslonaimas
Und nicht nur sah ich die Gegend um das Hotel, denn das Viertel Naujamiestis, das Ex-Industrieviertel beim Bahnhof, galt einst als das verrufenste der Stadt, hier lässt sich auch viel zeitgemäße Umgestaltung, Aufbau und Getrifizierung sehen. Hier stehen alte Wohnblocks fragwürdiger Substanz neben Neubauten, ist das Straßenbild heterogener als in vielen anderen Stadtvierteln.
Ich lernte: unser Hotel gehört zu einem ganzen Großprojekt Oslonaimas, das in den 2010ern einen kompletten Block überbaute, dabei an skandinavisches Design (Oslo) erinnern sollte. Hier wohnen Litauer, die Erfolg hatten.
Den Umbruch sehen konnten wir nebenan: die Open Gallery, eine ehemalige sowjetische Radiofabrik, einerseits immer noch für Büros und Gewerbeflächen aller Art genutzt, andererseits mit einem Parkplatz/Innenhof, der uns sofort verständlich machte, warum halb Litauen Subaru fährt, und vor allem mit vielen Graffiti der Open Yard Gallery – die natürlich auch alle etwas über die Geschichte der Stadt erzählen – von der Bedeutung des Basketballs über die Stimmung der Jugend in den 1990ern bis zur Kritik an den ewig ausfallenden alten Trolleybussen.
Es endete bei den erfolgreichen. Wir lernten, dass Litauen einerseits eine heftige soziale Spaltung hat, andererseits dank relativ großer wirtschaftlcher Differenzierung (etwas Industrie, etwas Optik, etwas IT) seit den 2010ern einen großen Aufschwung erlebt, wirtschaftlich Estland überholt und vom Ende aller Eurostat-Vergleiche („The only thing we were good at was suicides“) mittlerweile solide im europäischen Mittelfeld liegt.
Manchmal werden sowjetische Radiofabriken zu Streetart-Gallerien, manchmal werden Sockenfabriken komplett abgerissen und das Sockenmuster soll ich dann nur in der Fassade des Neubaus finden:

Pellkartoffel-Erleuchtung
Wer auf Reisen geht, steht beim Essen ja oft vor einer Grundsatzentscheidung. In diesem Fall: „Litauische Klassiker essen“ oder „Essen wie die Litauer jetzt gerade vor Ort“, die halt auch oft lieber Pommes und Steak haben als Pilz-Kartoffelgerichte. Nachdem wir beiden Tage vorher „Essen wie die Litauer“ praktizierten und das so Schaschlik im London Grill führte, entschieden wir uns mal wieder für „Litauisch essen.“
Das Žemaičių Ąsotis war uns aus mehreren Richtungen empfohlen worden (Šarūnas, Websuche, Haselant), lag zudem in der Nähe vom Hotel – also hin. Von außen sah es gut aus – wie ich mir ein gepflegtes litauisches Wirthaus auf dem Dorf vorstelle, von drinnen sogar wie ein sehr gepflegtes. Also eher nicht wie Bahnhofsviertel Vilnius 2026 – aber das war auch nicht das Ziel.
Handwerklich-Kulinarisch war es nach dem Fine-Dining-Nüman das beste Essen der Reise. Unser Tischnachbarn war aber die aus dem Hotel schon bekannte Intrepid-Reisegruppe, die ihr Kennenlernabendessen mit ihrer lettischen Individualbetreuerin für zehn Tage Balktikum hatte. Andererseits: Selbes Hotel, selbes Restaurant – der Anbieter hat Geschmack.
Das Restaurant. Wir hatten eine Pellkartoffeln-mit-Quark-Erleuchtung. Wobei es eher Quark-mit-Pellkartoffeln war. Und auch nicht wirklich Quark.
Auf der Karte stand Kastinys mit Beilage Kartoffeln – meine Güte war der gut. Wie ich inzwischen nachlas eine gewürzte Mischung aus Butter und Sauerrahm, welch Cremetraum mit Geschmack.
Danach Kartoffeln, Pilze, und weil es ja mal sein musste: Cepelinai. Nur Kugelis fehlt mir noch bei den großen litauischen Klassikern.

Doch wie die Einheimischen
Danach durch das übliche Vilniuser Hinterhoflabyringt – so faszinierend diese Stadt – schafften wir noch einen Supermarktbesuch bei Iki.
Wir lernten, warum Iki so viele Artikel der österreichischen Billa-Märkte im Angebot hat (Billa und Iki gehöre beide zu REWE) und wir fanden das Regal mit sūreliai – Quarkriegel, die mit Schokolade überzogen sind. In Berliner Supermärkten gibt es davon auch immer einen oder zwei – aber Regalweise nur hier. Wir kauften eine Auswahl und aßen dann doch noch litauisch wie die Litauer 2026.

Die Reise
- 11. Juli Berlin -> Frankfurt(Oder)
- 12. Juli Frankfurt(Oder) -> Warschau
- 13. Juli Warschau
- 14. Juli Warschau -> Mockava -> Kaunas
- 15. Juli: Kaunas 1 (Art Deco, Stadtgebiet)
- 16. Juli: Kaunas 2 (Essen, Kloster)
- 17. Juli: Kaunas 3 (Kino, Altstadt, Parks)
- 18. Juli: Kaunas->Vilnius
- 19. Juli: Vilnius 1 (Jewish Vilnius, Užupis)
- 20. Juli: Vilnius 2 (Peterpaul, Litvak-Museum)

Verkehrsmittel
Stand Vilnius Sonntagabend: 4 Fernzüge, 1 Regio, 2 S-Bahnen (Berlin), 2 Metros (Warschau) 5 Trams (2, Ffo, 3 Warschau), 5 O-Busse (3 Vilnius, 2 Kaunas), 9 Busse (3 Warschau, 3 Kaunas, 3 Vilnius); hinzugekommen: Nix. Alles zu Fuß gelaufen.
