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  • 25-08-17 Prüfungsanmeldung nachts um 02:34h (28 Grad Celsius)

    25-08-17 Prüfungsanmeldung nachts um 02:34h (28 Grad Celsius)

    Madame schickte Aufnahmen vom Basler Rheinschwimmen und vom em Bebby sy Jazz in Basel. Später bastelte sie in R.

    Nachbar little swingin‘ K hatte Damenbesuch.

    Mensch kennt es: Kolleg*innen gehen in Rente, es gibt eine kleine Abschiedsfeier mit Kuchen und (alkoholfreiem) Sekt, jemensch spricht ein paar salbungsvolle Worte und vielleicht gibt es sogar ein Abschiedsgeschenk. Das hatte ich auch: Nur geht die Kollegin nicht in Rente, sondern zur Rente. Um genau zu sein: Zur Deutschen Rentenversicherung. Ihr wurden bereits zahlreiche Fragen zu Vorruhestandsregelungen angedroht.

    Es war ein Tag der halbzeitigen Arbeit in Berlin und ein Tag auf den Latifundien. Die Außentemperaturen lagen Donnerstag Abend und Freitag bei 36 Grad, Samstag wurde es besser.

    In der Nacht von Donnerstag auf Freitag, 2:34h. Ich weiß nicht mehr ob ich noch nicht schlafen konnte, weil es so elendig heiß war oder aufwachte, weil sich ein erster leicht kühler Luftzug abzeichnete. Auf jeden Fall lag ich da, dachte, ich kann ja nicht immer nur denken „es ist ganz schön heiß“ und denke mal was anderes_

    Zum Beispiel: Habe ich mich für die Fernuni-Klausuren dieses Semester schon angemeldet? Wann ist überhaupt der Anmeldezeitraum? Die sind ja schon bald? Habe ich den vielleicht verpasst. Es stellte sich heraus: die Anmeldefrist begann Freitag um 0:00h und so schnell nach Fristbeginn war ich noch nie angemeldet.

    Nebenbei übrigens bei Buddenbohm & Kaltmamsell zum Thema: Ruhig sein und denken und die Eigenheit der Menschheit, diese Fähigkeit zu verlieren. Ich beobachte das Phänomen auch, finde aber persönlich: Was gibt es besseres als einfach zu sitzen und zu denken? So entertaining! Mein Problem dabei ist eher, dass ich beim Sitzen&Denken alle 30 Sekunden auf blöde Ideen komme, die aber schlecht alle sofort umsetzen kann.

    La Chimera II

    Manchmal brauche ich länger. Obwohl ich in meinen Worten zu La Chimera ja schon Monteverdis Orfeo erwähnt hatte, brauchte ich doch noch ein paar Tage, um zu bemerken: „Moment! Mann geht in die Unterwelt, um verschwundene Frau wiederzufinden? Das ist schon sehr direkt die Geschichte aus Orpheus und Eurydike!“ Zu meiner Ehrenrettung: Arthur, der Held aus La Chimera, singt nicht.

    Weiterhin habe ich sehr viele Fragen, zum Film La Chimera. Und ich dachte, vielleicht kann ja die Youtube-University ein paar beantworten.

    Naja, ich suche nach einem Film, der vielschichtig ist, und in einer semirealen Traumwelt verfangen, die einem dauernd den Boden unter den Füßen wacklig werden lässt.

    Dann mache ich Youtube an, dann kommt so ein Erklär-Bro mit „Ich erzähl euch mal genau wie das ist..“ und dann denke ich „Falscher Stil. Wir finden nicht zusammen.“

    Immerhin fand ich ein kurzes Gespräch mit Regisseurin Alice Rohrwacher herself, die Filme aufzählt, die La Chimera beeinflusst haben:

    Skandalöserweise ist keiner der Filme auf Filmfriend. Dabei hatte ich gerade dort auf Europäisches gehofft.

    Vermiglio II

    Spannend auch, dass ich mit Vermiglio und La Chimera gerade zwei sehr ähnliche und doch verschiedene Filme gesehen habe.

    Beides sind aktuelle Filme einer italienischen Regisseurin (Vermiglio: Maura Delpero, La Chimera: Alice Rohrwacher). Beide spielen im ländlichen Italien (V: Trentino, C: Südliche Toskana), im 20. Jahrhundert (V: 1940er: C: 1980er). Die Handlung setzt ein weil ein Fremder (V: Sizilianer, C: Engländer) am Beginn des Winters im Dorf/der Kleinstadt ankommt. Ein um-Weihnachten-herum-Fest (V: Santa Lucia, C: Epiphanias) spielt eine wichtige Rolle. Aber wo Vermiglio karg und spröde ist, ist La Chimera ausufernd und phantasievoll.

    Vom Dual zur Sensitivität

    Vierundrölfzig Millionen Grad Außentemperatur helfen nicht beim Denken.

    Die Bachelorarbeit bewegt sich im Kriechtempo. Ich schrieb einfach Donnerstag dieselbe halbe Seite nochmal, die ich Mittwoch schon geschrieben hatte und ging Freitag zurück an die Quellen. Sie kriecht, aber in die richtige Richtung. Und ich weiß, dass hier ein entscheidender Punkt der Arbeit liegt, und dass jede Stunden, die dort hineingeht sinnvoll investiert ist.

    Nach Diskussionen über die Arbeit und Erinnerungen an meine ehemalige Magisterarbeit, bin ich wieder froh, in LaTeX zu schreiben. Da habe ich zwar am Anfang ein paar Monate geflucht. Aber ich erinnere mich, und werde bestätigt, dass man in Word dann halt am Ende vor der Abgabe flucht. Und: Lieber ein Jahr vor der Abgabe über die Software die Haare raufen als eine Woche vor der Abgabe.

    Während ich jetzt denke: Ganz unabhängig von der Qualität des Inhalts: Die Arbeit wird auf jeden Fall toll aussehen.

    Noch sinnvoller: Kopf freibekommen, mit den Händen arbeiten, ab auf die Latifundien – dabei weder Bachelorbücher noch das Spielzeug mitnehmend.

    Alkmenes verstecken sich im Gras

    Abfahrt in Berlin Freitag Abend um 21 Uhr bei 29 Grad. Ankunft auf den Latifundien eine halbe Stunde später bei 23 Grad. Liebe Berliner Stadtplanung, mache bitte etwas gegen die Hitzefalle, die diese Stadt im Sommer wird.

    Am Morgen begrüßten mich zwei Störche kreisend über der Schlehe. Später: Dann die kleine Nachbarskatze, die ihre Leine ausgedehnt hatte, um ein halbes Meter auf unser Grundstück zu kommen.

    Der ganze Regen im Juli war ja schon sehr nass: Aber meine Güte ist das alles grün! Erstaunlich wie spektakulär der Garten aussehen kann. Selbst alle Pflegehortensien rafften sich zur Blüte auf, die ganzen normalen Blühstauden zu dieser Zeit sowieso.

    Zeichen des Spätsommers: Ich musste erste einen 10-LIter-Eimer Falläpfel aufsammeln bevor ich unter dem Baum rasenmähen konnte. Zeichen des ungewöhnlichen Spätsommers: ich musste überhaupt rasenmähen zu einer Jahreszeit, da die gemähten Wege sich sonst immer in brau-gelbe-Stoppel verwandelt haben und nichts nirgends wächst.

    Ich las Falläpfel auf, richtete sie in der Küche her, und der ganze Bungalow roch intensiv nach Apfelaroma. Welch ein Traum. Alkmene-Äpfel sind wahrlich Nachfahren von Cox Orange. Um mich selbst aus Wikipedia zu zitieren:

    Alkmene ist eine Sorte des Kulturapfels.[1] Sie wurde für den Anbau in trockenerem Klima als Ersatz-Sorte für den Cox Orange gezüchtet. Die Kreuzung aus Cox Orange und Geheimrat Dr. Oldenburg ist in Europa im Frühherbst Anfang/Mitte September pflückreif.[1] Im Erwerbsanbau wird Alkmene vor allem wegen seines Geschmacks und des damit erzielbaren Preises gepflanzt, obwohl die Erträge nicht an andere Sorten heranreichen.[2

    (Auch Entdeckung: Die Äpfel noch am Baum waren recht säuerlich. Die können noch ein wenig).

    Geerntet: Alle drei Mirabellen. Der Baum ist mittlerweile ziemlich groß, investiert seine Energie aber lieber in Äste und Blätter als in Früchte.

    Die Pergola begrünt sich langsam.

    Blick von unten aus der Pergola. Zu sehen: ein oranges Schattiernetz. Durchscheinend Schatten der Pergolabalken und der ersten Kletterrosen über den Balken. Sonne und am Rande blauer Himmel.

    Lucy in Prague with Selam

    Where it was filmed ‚La chimera‘

    Lucy kommt aus Äthiopien das erste Mal nach Europa. Zusammen mit Selam wird sie ab vom 25. August bis 23. Oktober in der Ausstellung „People and their Ancestors“ in Prag zu sehen sein. Das ist erste der zweite Aufenthalt des Lucy-Skeletts überhaupt außerhalb Äthiopiens.

    Ich habe jetzt jeden Tag einen Song in meiner Inbox: Ein Song reicht (via Andre Pitz). Seitdem ich den Newsletter abonnierte kommen natürlich nur noch Songs, die mich nicht abholen. Aber das wird noch.

    Beim Stöbern durch’s dortige Archiv entdeckt: Die aufgrund ihres Friseursalonesken Namens hier schön bespöttelten Versengold performen den Song, den Heidi Reichinnek empfiehlt: Sie spielen Braune Pfeifen.

    Thomas Gigold mit einer überraschend frankophilen Liste der besten Car Chases im Kino.

    Frau Brüllen und die Jagd nach den Fledermäusen.

    Nic auf Island.

    High-School-Baseball. Bester Sport zum Sitzen und Denken. In Japan ein nationaler Event: Sommer, Sonne, Highschool Baseball!

    1962 gelang ihr zusammen mit ihrem Mann die Flucht in den Westen. Sie waren beide ausgebildete Ingenieure, so fand er bald Arbeit.

  • 25-07-02 Eisraum. Ein Dach brennt.

    25-07-02 Eisraum. Ein Dach brennt.

    Eine erste Ziegelreihe liegt auf dem Dach.

    Madame kämpft sich durch den Jahresendspurt. Sie sammelt Plusstunden, die vermutlich bis Dezember reichen.

    Es gelang ihr, zwischendurch eine Gluckerkanne zu töpfern, die auch ordnungsgemäß gluckert.

    Warum besitze ich eigentlich keinen Fächer?

    Es waren drei Arbeitstage – ein Teamtag, ein Bürotag, ein Mobiles-Arbeiten-Tag. Mittwoch kam die Hitzekeule.

    Im Keller des Lido

    Pack die Badekleidung ein, denn wir fahren auf zum Teamtag.

    Wir blieben im Betrieb. Es ging zum Strandbad Wannsee. Manchmal darf man auch feiern, wo man arbeitet. Manchmal muss man auch das Timing haben, den 33-Grad-Tag im Auftrag der Arbeit am See zu verbringen.

    Ich war früh. So konnte ich noch ein wenig durchs Wasser plantschen, bevor Teil 1 – Strategiebesprechung – begann. Die Umgebung beflügelte. Es war eine der besten Großbesprechungen, die ich im Team erlebt habe.

    Danach eine kleine Führung durch das Bad. Wie anders so ein Strandbad funktioniert: Es gibt natürlich keinerlei Schwimmbadtechnik: Kein Pumpsystem, keine Filter, keine Wassertanks. Denn das Wasser ist in der Havel.

    Dafür gibt es Strandtechnik: den Unimog, den Traktor, die Quads, die Boote. Und bei diesem Strandbad gibt es ein gigantisches Gelände auf dem mehrere Häuser stehen.

    Dort stehen die eigentlichen Gebäude des Strandbades: Sanitärbereiche, Umkleiden, Imbiss.

    Dazu kommen die Anlagen des ehemaligen Kriegsversehrtenbades – heute Berlinzentrale der DRK Wasserwacht. Es gibt unter anderem die ehemaligen Wohnhäuser der im Strandbad Arbeitenden. Es gibt diverse genutzte und vor allem ungenutzt-baufällige Funktionsgebäude wie eine ehemalige eigene kleine Müllverbrennungsanlage.

    Die größte Entdeckung waren allerdings die Sportfreunde von Sonne 08. Die existieren so lange wie das erste Strandbad, seit 1908, damals noch als „Club der fidelen Sonnenbrüder“. Sonne 08 wohnt mit seinem Vereinsplatz auf dessen Gelände. Am nördlichen Ende des Geländes befinden sich ihre kleinen Holzhäuschen mit großen Fenstern – dicht an dicht direkt am Wasser mit eigenem kleinen Strandabschnitt. Ein wenig wie eine Kleingartenkolonie ohne Garten mit Strand.

    Dort halten sich die Mitglieder von Sonne 08 auf. Ehemals eine Mitgliedschaft, die über Generationen vererbt wurde – heute wurde mir erzählt, sind Hütten frei.

    Am anderen Ende: Das ehemalige Lido. Ein Speiselokal, das bis 1996 in Betrieb war und seitdem spektakulär zusammenfällt. Wir hatten eine schicke Tour durch die Katakomben mit dem „Eisraum“ und dem Pumpenraum, in den die Pumpen nicht mehr funktionieren „Im Winter kann man im Keller nicht mehr stehen, dann steht der Unterwasser.“ Wenn man sieht was war, wenn man sich vorstellt, was sein könnte – und dann sieht, dass nichts passiert. Es ist doch zum Haareraufen.

    Überall Absperrungen, Flatterbänder und ehemalige Herrlichkeit. Immer mit der Trias „Kein Geld, zumindest nicht genug um den Denkmalschutz zufrieden zu stellen. Und im Zweifel sagt dann der Naturschutz nein.“ Berlin und seine öffentlichen Gebäude.

    Wobei am Wannsee die Diskrepanz zwischen dem was ist und dem was an Sommerherrlichkeit sein könnte besonders frappierend auffällt.

    Aber wir hatten ja Teamtag. Das Kino auf dem Gelände ist in einem vergleichsweise guten Zustand. Und noch besser: Das Gebäude ist so im Schatten des Hangs gebaut, dass es selbst bei 33 Grad Außentemperatur innen angenehm kühl ist.

    Die kleidungsdemokratisierende Wirkung von über 35 Grad im öffentlichen Nahverkehr

    Dienstag 33 Grad am Wannsee, Mittwoch 37 Grad im Büro.

    Es stellte sich heraus: Dienstag 33 Grad, die Rückfahrt von Wannsee über den Edeka nach Hause war sehr viel anstrengender als Mittwoch die 37 Grad mit Kurzbusfahrt von den Südkreuz Offices nach Hause.

    Stehen im engen Bus mit Einkaufstaschen war kein Gewinn an Lebensqualität.

    Immerhin war die Fahrt nicht so episch wie Madame, die ihr defektes Fahrrad durch eine ganze Reihe S-Bahn-Treppenhäuser tragen musste, weil alle Aufzüge hitzebedingt die Funktion einstellten: Von der Hafenstadt zur Swapfietszentrale am Alexanderplatz nach Schöneberg.

    Mittwoch stellte sich die Frage: Früh zur Arbeit gehen, um den Weg noch in der Morgenkühle zu bestreiten? Oder möglichst spät losgehen, um Peak Tageshitze im klimatisierten Büro zu überdauern und möglichst lange zu bleiben?

    Die Vorhersage sagte 36 Grad noch für 19 Uhr und 29 Grad für Mitternacht voraus. Damit war der Plan Peak Tageshitze tot. So lange wollte ich dann doch nicht bleiben.

    Aber: Es gab die andere Idee: Morgen möglichst lange lüften, um die Wohnung so weit wie geht herunterzukühlen. Also blieb ich bis zur letzten Minute und nahm dann den leeren Bus.

    Die 24 Grad kühle Wohnung am Abend dankte es.

    Raucharoma, unschön

    Anruf beim Kollegen in den Offices: „Schaut mal raus. Bei Euch in der Nähe brennt es. Hab ich von der Stadtautobahn aus gesehen.“ Wenig später Anruf Madame: Bei uns in der Straße steht alles voller Feuerwehr und die Rauchwolke sieht so aus als würde es im hinteren Teil des Grundstückes brennen.

    Oha.

    Später stellte sich heraus: Nebenstraße. Eine Dachbaustelle war in Brand geraten, 400 Quadratmeter Dachstuhl und Dachfolie brannten; Teile des brennenden Dachs fielen auf die Straße.

    Die Feuerwehrautos waren so zahlreich, dass sie bis in unsere Straße hinein standen.

    Ich nahm etwas später den Bus von den Offices nach Hause, wollte den Rest der Strecke zu Fuß gehen und scheiterte: Der Weg war auch für Fußgänger gesperrt.

    Was angesichts des intensiven Raucharomas nachvollziehbar war. Also lief ich bei 37 Grad außen herum, versuchte, mit dem Wind im Rücken von der anderen Seite des Blocks aus zur Wohnung vorzudringen.

    Und hatte Glück: Gerade noch durfte ich ins Haus, Nachbarn von fünf Häusern weiter wurde der Durchlass verwehrt: zu ungesund das Raucharoma, zu stark die Gefahr der Gasflaschen auf dem brennenden Dach. Das Treppenhaus, in dem ein kleines Fensterchen geöffnet war, stank ordentlich nach Rauch.

    Und dann einschließen: Weder wollten wir heiße Luft noch Rauchgas in der Wohnung haben.

    Unerwartete Wikipedia-Referenzen

    Im queerfeministischen Rap

    Pretty pretty mit den mini titties
    Sweeter als ein Cini Mini
    Kill ich, Kill ich, Kill ich
    Kill ich deine fucking City
    Frag die City
    Oder ließ in meiner fucking Wiki

    (Ebow: Schmeck mein Blut)

    Im Experimentalfilm

    Wikiriders ist ein mexikanisch-deutscher Experimentalfilm unter Regie von Clarer Winter und Miiel Ferráez. Der Film in der Tradition des Roadmovies feierte seine internationale Premiere bei der Woche der Kritik 2024 in Berlin. Seine nicht-lineare Erzählung entwickelt sich um den Wikipedia-Artikel einer seit der Kolonialzeit politisch und wirtschaftlich einflussreichen Familie in Mexiko.

    Elektro-Dreirad-Mangoeis

    If you ever want feel-good tears, go read the reviews of electric tricycles.

    Bettina Schmidt-Czaia geht als Direkttorin des Stadtarchiv Kölns in den Ruhestand. Raymond nutzt dies um seine und Elyas Geschichte um/mit/bei dem Archiv zu erzählen: Unsere Archivstory 2008–2025

    Gelernt: Es gibt ein Computerspiel zu/über/mit zusammenbrechender Infrastruktur: Du bist ein Ingenieur, der zuschaut wie eine Stadt zusammenbricht und versuchst, das nötigste zu tun: Infragame.

    Poupou bereite Mango-Eis in der Creami zu.

    Ich werde es noch öfter schreiben: Das was aktuell umgangssprachlich als KI bezeichnet wird, denkt nicht. Es reiht Worte aneinander – ohne irgendeine Ahnung was diese Worte bedeuten. Es kann überzeugend plausibel klingenden Text produzieren und sonst wenig. Belegstück drölfzigtausend: KI durfte Verkaufsautomat betreiben und scheiterte spektakulär:

    Während des Monatswechsels machte die KI außerdem etwas durch, was die Forscher bei Anthropic als „Identitätskrise“ bezeichnen. Am 31. März halluzinierte sie eine Konversation über die Wiederauffüllung der Lagerbestände mit einer Person namens „Sarah“ von Andon Labs. Dort gibt es allerdings keine „Sarah“, und auch ein solches Gespräch hat nie stattgefunden. Darauf hingewiesen zeigte sich die KI verärgert und drohte, „alternative Optionen für Lagerverwaltung“ zu finden. Claudius behauptete weiters, persönlich die Adresse Evergreen Terrace 742 aufgesucht zu haben, um dort den Vertrag mit Andon Labs zu unterzeichnen. Die Adresse ist bekannt, denn an jenem Ort wohnen die Simpsons im fiktiven Springfield.

    Die KI setzte ihr Rollenspiel als „echter Mensch“ am nächsten Tag fort und kündigte an, angezogen mit einem blauen Blazer und roter Krawatte persönlich zuzustellen.

  • 25-06-21 Bannstrahl für Waschbären

    25-06-21 Bannstrahl für Waschbären

    Zum Donnerstagnachmittag: Wüste Taubenrandale auf dem Gerüst. Madame diagnostizierte Junghähne.

    Zum Donnerstagnachmittag: Eine Fahrkartenkontrolleurin in der S-Bahn lobte Madames Bluse.

    Zum Donnerstagabend: Ein brennendes Wohnmobil auf der Stadtautobahn. Zum Glück in der anderen Richtung, und zum Glück war die Feuerwehr schon da als wir kamen.

    Danach: Tagelange Sonnenuntergänge in Pastell, begleitet von Fledermausinvasionen.

    Es war ein arbeitender Freitag in Berlin und ein freiseiender Samstag. Der Hochsommer drückte sich breit in die Stadt und auf das Land.

    Stand der Bachelorarbeit: 15 Seiten schlechter Text. Bis zum Ende des Monats die 30 Seiten schlechten Text hinzubekommen, ist noch möglich.

    Der Kaptain durchlief alle menschendenkbaren Untersuchungen, bis auf die eine, die auf Montag angesetzt wurde. Immerhin fand sie jemand, der ihr auf dem E-Book-Reader das Krankenhaus-Wlan einrichtete. Wir wünschen Kopf hoch.

    Freitag früh ein Reh zum Frühstück. Ich kam um 5:40h an das Bungalowfenster, und sah wie es sich grad erhob und zum Frühstück ein paar Knopsen einer Ramblerrose snackte, die wir außerhalb des Zauns auf die Ausgleichsfläche gesetzt hatten. Ein Gefühl zwischen „Oh wow!“ und „Verschwinde, du Mistviehl!“

    Fahrräder und ChatGPT

    Kurz danach: Der Prignitz-Express von den Latifundien zu den Südkreuz Offices und zum Freitagabend ein überfüllter RE mit Pendlern, Wochenendausflüglern mit Fahrrad und Kegel und einem halbierten Zug. Rudelkuscheln im Regio.

    Während der diversen Bahnfahrten, sah ich jemanden eine Dreiviertelstunde offensichtlich einer Erwerbsarbeit nachgehen, die nahezu ausschließlich in der Bedienung von ChatGPT auf dem Tablet bestand. Und ich fragte mich, ob das ein Zeichen dafür ist, dass sein eigentlicher Job bald überflüssig ist und ChatGPT den middle man ersetzen wird?

    Endlich einmal gelang es mir, etwas zur Graugießeren Velten zu recherchieren, deren imposante Industrieruine ich regelmäßig vom Prignitz-Express aus sehe und die ich doch immer wieder vergesse bis ich mein Ziel erreichte. Offenbar ein Teil des ehemaligen Stahlwerks in Hennigsdorf, aber doch älter als dieses.

    Echsenmenschen

    Madame traf sich Freitagabend auf den Latifundien mit der Selbsthilfegruppe Ex und ich durfte freundlicherweise dabei sein.

    Der Brandenburger Waldgänger erzählte, wie er erst im Wald seinen alten Job fand – Anzugjob am Potsdamer Platz, der Chef war Jäger und jetzt seine neue Beschäftigung: „Da steht halt so ein Sägewerk neben meinen Wald und die sind alle ganz gemütlich da.“

    Nebenbei schaffte er es, einen Stapel an Würsten, Schweinefleisch, Geflügel und Käse gleichzeitig auf dem Grill für eine Neunergruppe gar zu bekommen – Respekt.

    Es gab Aperol und alte Geschichte, neue Entwicklungen und immer wieder staunen, was man alles durchmachen kann. Gesprächsthema: Schlechter Job oder Rente? Was ist schlimmer?

    Sommerfestzeltaufbau

    „Bringt zur Versammlung Stühle und Eure eigenen Becher mit.“ Die Versammlungen des Gartenvereins sind nicht wie andere Versammlungen.

    Spannend der Unterschied zum letzten Wochenende: Letzte Woche: Wikimedia Deutschland, 113.000 Mitglieder, 180 Angestellte – 210 Minuten Versammlung, Samstag der Gartenverein, 90 Mitglieder alles ehrenamtlich – 120 Minuten Versammlung.

    Bei WMDE alles minutiös durchgeplant, mit Hybridteilnahme, einer professionellen Online-Regie, Rechtsanwalt und Moderation, die am Tag vorher einen mehrstündigen Generaldurchlauf gemacht hatte.

    Hier ein Ereignis, bei dem die Wahl so informell war wie möglich („Muss ich wirklich jedes mal fragen, ob sich noch jemand bewirbt? – Ja, musst du.“), und inklusive mehrminütiger Diskussion weil zwar zwei Personen zweite*r Gartenwart*in werden wollte, aber niemand Erste. Dafür konnte es halt passieren, dass das Festkomittee noch ein paar ausgiebige Schwänke vom Kuchenbuffet erzählte und sich in Details zum Sommerfestzeltaufbau verlor.

    Letztlich war es entspannt. Alle großen Spannungspunkte der letzten Jahre haben sich in Wohlgefallen aufgelöst oder sind andernweits befriedet. So war Zeit, neben dem Sommerfest und dessen Kuchenbuffet auch noch über die Waschbären zu reden. Der Vereinsvorstand belegte sie mit einem Bannstrahl.

    Der Einsatz des Jägers wurde letztes Jahr noch abgeblasen, nachdem sich herausgestellt hatte, dass die Waschbären zwar lebend gefangen werden, aber danach trotzdem umgebracht.

    Was kein Wunder ist. Welche*r Jäger*in würde sich beliebt machen mit dem Satz „Ich hab hier noch ein Dutzend Waschbären, darf ich die bei Ihnen aussetzen?“

    Nun aber scheint zumindest bei einer Partei der Leidensdruck so hoch, dass sie auch der Waschbärtötung zustimmen würde.

    Früher trugen Studenten Kokarden, vermutlich deshalb heißt die Kokardenblume auch Studentenblume

    Nach der Vereinsversammlung kamen Miss Bilanz und die Hamburger Washingtonerin oder auch die Seattler Hamburgerin. Aber das ist eine andere Geschichte für einen anderen Blogpost. Erst einmal will ich nur vom Garten erzählen.

    Denn quasi von März bis Oktober denke ich „Wir haben ganz schön viele Insekten im Garten.“ An einigen ausgewählten Tagen an „Ich bin Franz von Assissi der Schmetterlinge und Wildbienen. Ich mache einen Schritt und überall schweben sie um mich herum.“

    Ein solcher Tag war es, die Schmetterlinge finden Temperaturen jenseits der 30 Grad offenbar besser als ich. Neben den üblichen – Kohlweißling, Zitronenfalter, Hauhechelbläuling – gesellten sich Mengen an Distelfalter, kleinen braun-orangen Tierchen (noch unbestimmt) und Schachbrettern. Sie balgten und sie liebte sich.

    (Und ich freute mich, dass der Halluzinator den Schachbrettfalter als Indikator für gesunde Wiesen betrachtete – da ließ ich mal alle Skepsis ob seiner Kompetenz sein). Ein Wesen, eine Mischung aus Mücke, Heuschrecke und Taube, versuchte ihren Legerüssel in meinem Arm zu platzieren. Ich hoffe ohne Erfolg.

    Die Rosen blühen wie blöde, und auch das Reh war mehrfach da. Vor allem aber konnten wir im milden Lüftlein sitzen, die Tageshitze unter dem Sonnenschirm auswarten, und Abends dann in Bewegung übergehen.

    Some Science

    Willkommen im Museum of All Things

    Küchenlatein wird 20 und da gratuliere ich natürlich!

    Zur Geschichte des Harzens in der DDR. (mit dem tollen. tollen Harzmobil)

    Herr Rau recherchiert Schreibmaschinen-Kunst.

    ChatGPT macht dumm.

    Warum google meint, dass am 11. eines Monats weniger passiert als an anderen Tagen.

  • 25-06-19 Zehntausend Wörter; das entspricht ca. 30 bis 35 Seiten

    25-06-19 Zehntausend Wörter; das entspricht ca. 30 bis 35 Seiten

    Im Auto liegen 10 Kilo Kaffee, Ich bin nur mittelmotiviert, diese jetzt bis ganz nach oben in die Wohnung zu tragen.

    Freuden der Prozessdigitalisierung: Nachdem man allen Beteiligten mal wirklich einen Prozessablauf entlockt- und den in ein Schaubild gebracht hat, sagen dann auch alle „Oh Gott!“. Der erste Schritt, um den Prozess schöner und besser zu machen.

    Es waren drei Arbeitstage knapp unter 30 Grad. Zwei davon in den Südkreuz Offices, einer in der Schöneberger Wohnung.

    Ein Verkäufer rief mich mit meiner persönlichen Arbeitsmail an. Er strahlte so abschreckende Verkäufervibes aus, dass ich erst nach einiger Gesprächszeit merkte, dass er gar nicht meinem Arbeitgeber Unfug verkaufen wollte, sondern mich als IT-Admin für die Charité ködern wollte. Kein Interesse.

    Im Nachhinein wurde ich aber neugierig genug, um mich zu fragen, wo er meine Arbeitsdurchwahl her hat. Ich würde behaupten, die ist schwerer zu finden als diverse private Kontaktmöglichkeiten. Auch wollte ich nun wissen, um welchen Job es geht. Allerdings steht auf der Charité-Website gar nichts Dementsprechendes. Dasisallesseltsam.

    Mein neuer Arbeitsweg entlang des Cheruskerparks entpuppt sich als geeignete Flaniermeile für Freund*innen halbnackter sportlicher Männer. Ich hatte offenbar die Anziehungskraft von vier Turngeräten an einer Stelle unterschätzt. Da ist immer was los, und die Beteiligten sehen auch nicht so aus als würde sie da nur einmal die Woche hingehen.

    Madame brachte frische Bohnen und Kohlrabi vom hafenstädtischen Wochenmarkt. Zusammen mit dem weißen Johannisbeeren aus den Latifundien lebt es sich wie Gott in Frankreich.

    Das Bestattungshaus an der Ecke hat einen neuen E-Auto-Leichenwagen. Selten ist das lautlose Schweben, das mit E-Autos leicht einhergeht, so passend wie in diesem Fall.

    Nach Steglitz

    Ich schwamm die ersten Freibadmeter dieses Jahres. Wie es sich gehört: im Insulanerbad. Wie es sich nicht gehört: Noch immer ohne Saisonkabine, denn diese sind immer noch im Baustellenstadium.

    Ich bin untypisch spät dran. Aber nachdem das Bad im Mai weder beheiztes Wasser noch funktionierende Duschen und auch weder Saisonkabinen oder normale Umkleidekabinen im Programm hatte, wurde ich störrisch und mied das Bad. Inzwischen gibt es Duschen und Umkleiden. Das Wasser erreicht auch ohne Zusatzheizung Temperaturen jenseits der 20 Grad – jetzt fehlt nur noch die Saisonkabine.

    Ich liebe es ja, durch die Stadt zu fahren, während diese noch schläft. Und mit der frühen Junisonne um Sieben ins Freibad: Es gibt fast nichts besseres. (wenn es nur alles nicht so früh wäre..).

    Aber ich überwand mich. Ich erfuhr, dass die Saisonkabinen fast beinah wieder fertig sind – wie schon seit längerem, schleppte mein Zeug für Wiese und bewegte mich ins Becken. Die tiefstehende kräftige Sonne sorgte für lange Schatten und schon fast heiße Bereiche im Bad. Die Mitschwimmerschaft war älter, Gewohnheits*schwimmerinnen, aber noch entspannt. Der Schmetterlingsschwimmer blieb erfreulich auf der Nachbarbahn.

    Sonne, Wasser, Schweben, Untertauchen, der Blick halb unter Wasser halb über Wasser. Eigentlich sollte ich das 24/7 machen.

    Austernfond Mocro-Mafia

    Entdeckungen über die Normandie: Nicht nur ist das Departement Calvados die Heimat von Calvados (dem Branntwein), Cidre und Camembert, sondern aus der Normandie stammt auch die Sauce normande mit Mehlschwitze, Cidre, Austernwasser (in dem Austern gekocht wurden), Fischfond, Eidotter, Sahne und Butter.

    Auch entdeckt: Das Departement Calvados mit immerhin 700.000 Einwohnern hat eine Zweitwohnungsquote von fast 20%. In den entsprechenden Küsten- und Touristenorten vermutlich weit höher.

    Ein unbekannteres aber wichtiges Mahnmal: das Mémorial des reporters de Bayeux, ein Mahnmal für im Einsatz getötete Journalisten. Errichtet 2007 in Bayeux in Zusammenarbeit mit Reporter ohne Grenzen und bedauerlicherweise jedes Jahr mit Aktualsierungen. 58 waren es im Jahr 2023.

    Es fehlt nur der deutsche Wikipedia-Artikel zum Mahnmal.

    Spätestens am 2. November

    Nachdem ich großspurig verkündet hatte, bis Ende dieses Monats eine formal vollständige Bachelorarbeit geschrieben haben zu wollen, fiel mir auf, dass ich gar nicht so genau weiß, was die Formalien sind, die ich erfüllen möchte.

    Um Schriftgröße, Literaturfomratierung et cetera mache ich mir weniger Sorgen; immerhin habe ich am betreuenden Lehrstuhl gerade eine Seminararbeit geschrieben. Ich unterstelle, dass die formalen Anforderungen sich in der Hinsicht wenig unterscheiden. Außerdem stellt der Lehrstuhl bwlquam freundlicherweise eine Vorlage in LaTeX zur Verfügung, in der das Wichtigste schon festgesetzt ist.

    Aber eine Frage blieb mir: Wie lang muss die Arbeit sein? Mein aus verschwommener Erinnerung gespeistes Bauchgefühl sagte 30 Seiten. Und es hatte ungefähr recht: Prüfungsordnung und Lehrstul sagen: Zehntausend Wörter; das entspricht ca. 30 bis 35 Seiten, plusminus 10%. Also 9.000 bis 11.000 Wörter.

    Zusatzentdeckungen:

    • Innerhalb von zwei Monaten muss die Arbeit korrigiert sein. Das heißt: spätestens am 2. November sollte ich das Ergebnis wissen.
    • Laut Prüfungsordnung müssen die Bachelorarbeiten für den B.Sc. Wirtschaftsinformatik einen wirtschaftsinformatischen Bezug haben. Also vermutlich wäre ich weder mit einer Geschichte des Steuerrechts durchgekommen, noch mit einer reinen Programmieraufgabe.
    • Auch entdeckt: ich muss die Mikroökonomik-Klausur dieses Semester gar nicht bestehen. Bei den fünf Pflichtmodulen Wiwi reicht es, wenn man die vier halbwegs gut besteht und im fünften dann 25% (statt 50%) der Punkte einsammelt. Die vier anderen habe ich schon bestanden. Das senkt die Hürde deutlich.
    • Während ich allerdings Klausuren immer zweimal wiederholen darf, darf die Arbeit nur einmal wiederholt werden. Im Moment halte ich das aber für ziemlich ausgeschlossen – außer ich verschätze mich brutal in meinem aktuellen Kenntnisstand, oder mich holt zwischendurch ein wochenlanger Zustand geistiger Umnachtung ein.

    In Cannes

    Irgendwann haben die Möwenkinder genug gefiept, die Eltern genug geschimpft und ermuntert. Dann heben die grauen, rundlichen Möwenbabys endlich ab. Noch ziemlich ungelenk fliegen sie mit ausgebreiteten Flügeln schnurstracks geradeaus. Man ahnt ihren panischen Blick und möchte nicht in ihrem Weg stehen.

  • 25-06-17 JuMP HiGHS

    25-06-17 JuMP HiGHS

    Der Mädchen-Späti überreichte mir eine rosa Teekanne und die Theory of Linear and Integer Programming.

    Es war ein heißer schwüler Sonntag in den märkischen Hamptons und ein überraschend kühl-schwüler Montag in den Südkreuz Offices. Heiß, schwül, heiß schwül, gerade der Sonntag war nahe der Grenze der Erträglichkeit.

    Deshalb zu angenehmeren Themen:

    Ein Nachtrag zum letzten Post: Madame denkt bei der Wiener Straße in Kreuzberg an den Song Görli Görli von P.R. Kantate und dessen Textzeilen:

    Weil ick wohne inne Wiena, bin een Balina
    Und och een Schlawina
    Sing üba’n Hintahof meene eegnen Lieda
    Wohne inne Wiena, bin een Balina
    Und och een Schlawina
    Doch dit is Dir ejal

    An der Grunewaldstraße/ Ecke Goltzstraße eröffnet eine neue Cambio-Carsharing-Station. Diese Nachricht begrüße ich.

    Gelesen: Die Anfängte von Carlo Levi: Die Doppelte Nacht – diese Lektüre wird nicht einfach sein.

    Gelesen: Eine Granta-Geschichte von Sarah Bernstein. Ein Ausschnitt aus Study for Obedience. Auch wenn die Kulturkritikreferenzen natürlich literarischer sind, musste ich vor allem an Stephen King denken. Diese Mischung aus banaler Alltäglichkeit in der Geschichte, in der Nichts passiert, und dem alltäglichen kleinen Ort im Nichts, in dem sich einfach alles bedrohlich anführt. Das ist King at his best.

    Dem Gemüseangebot nach gehen zur Zeit vor allem Zucchini und Kohlrabi. Das ist nicht das Schlechteste. Aus der Experimentalküche: Kalte Joghurt-Zucchinisuppe und danach – weniger Experimental – Nürnberger Würstchen und Fenchen-Orangensalat. Noch haben wir letzte Crowdfarming-Orangen.

    Unter der Gartendusche geschrieben

    Dieses Wochenende flog kein nächtlicher Rettungshubschrauber über den Bungalow. Dafür heulte die Feuerwehrsirene Nachts um vier. An sich finde ich Sirenen als Ausbund von Low-Tech-Resilienz-und-Redundanz super. Aber wenn sie quasi neben dem Bett mitten in der Nacht losgeht, trübt sich diese generelle Freude am Objekt kurz ein.

    Immerhin, um vier war das Wetter noch in Ordnung. Später dann: Hochsommer. Der Sonnenschirm verließ sein Lager ebenso wie die Gartendusche. Madame wagte sich in die Hitzefalle Schlafboden, um dort Ordnung zu schaffen.

    Mohn ist aus. Noch nicht ganz. Aber die Blühfreude der Mohnblumen lässt deutlich nach, die Kräfte der Pflanzen scheinen langsam zu erlahmen. Jetzt können wir nur darauf hoffen, dass die Samen sich weit und erfolgreich verteilen.

    Dafür blühen die Rosen. Die Robustas mit einem leuchtenen roten Band in zwei Meter Höhe, wie wir es noch nie sahen. Die Rosarium Uetersen schlängelt sich mit ihrem dunklen Rosa an den leuchten roten Robustas vorbei. Selbst die Alten Rosen blühen, offensichtlich konnte Madame sie vor der Totalentblütung durch den Rosentriebbohrer bewahren.

    Und so haben Mme. Hardy, Alba und Tuscany je eine Blüte in weit, weiß und violett. Die älteren und größeren Pink Moss (in Pink) und Gallica versicolor (rot-weiß) haben nachgeradezu viele Büten.

    In der Wiese aus Fußhöhe: die rosa-violett leuchtenden Nelken, auf Brusthöhe die Knautien, die eine nie gesehene Pracht aufbieten. Umso schöner, weil beide ein Geschenk sind, nie bewusst von uns in die Wiese gesetzt wurden.

    Julia, oh Julia

    Ich habe Zeit, mich näher mit Julia zu befassen; der Programmiersprache. Und quasi alles was ich sehe gefällt mir.

    Zuerst: ich glaube sie kann (fast nativ) alles was ich benötige. Lineare Algebra ist quasi ihre eingebaute Superkraft. Mit Hilfe der JuMP-Erweiterung kann Lineare Programme lösen, die ihr in fast normaler mathematischer Notation gereicht werden. Sie unterstützt 54 Solver, von denen mir derzeit HiGHS der beste zu sein scheint. Und mit Hilfe von ParametricOptInterface.jl kann sie sogar Parametrisierung, ohne dass ich mich dreifach durchs Fenster verbiegen muss.

    Was mir aber fast wichtiger ist. Der Spirit stimmt.

    Die Julia-Community hat Chancen auf den albernsten Buchtitel ever: Romeo and Julia, where Romeo is Basic Statistics. Aber auch andere Bücher, die mehr vielleicht mehr nutzen, haben einen angenehmen Vibe. Da wäre zum Beispiel Julia Programming for Operations Research 2/e oder auch die allgemeine Einführung, die ich schon wieder nicht mehr finde.

    Ihr „gentle“ Youtube-Tutorial hatte mich, als sie drei Voraussetzungen erwähnten, die man erfüllen muss, um Julia zu lernen. Eine, und am wichtigsten: The ability to create folders and subfolders. Immer nötig, oft unterschätzt, diese Fähigkeit.

    Und so verschwand ich vor allem um Juliaversum. Immerhin nicht auch ein bißchen ganz normalen Text für die Bachelorarbeit zu produzieren; hocherfreut wie gut das gerade funktioniert.

    Labskau

    In meiner Schulzeit hatte Niedersachsen in der 5./6. Klasse die Orientierungsstufe erfunden; ein klarer politischer Kompromiss zwischen den Menschen, die lange eine Gesamtschule wollten und denjenigen, die klassisch nach der fünften Klasse die Schüler*innen separieren wollten. Innerhalb der Orientierungsstufe wurden bestimmte Fächer zusammen unterrichtet, andere wie zB Mathe in A-, B-, und C-Kurs unterteilt. AUsgehend von dieser Erfahrung las ich gespannt den differenzierten Bericht zur Binnendifferenzierung innerhalb einer Schulform: Differenzierung: Gut für die Kinder oder die Lehrer?

    Mein Opa war Seemann (entlang der Levante, von der ich als Kind immer nicht wusste, wo die liegt). Und als Seemann wusste er, wie man Labskaus macht. Lustigerweise hat er immer Labskau‘ gesagt, aber das nur nebenbei.

    Endlich einmal ein bißchen Glamour für/über/bei/mit Wikipedia: wikipedia-x-armedangels

  • 25-06-15 Julia, die Himbeerlimonade und ich

    25-06-15 Julia, die Himbeerlimonade und ich

    Madame brachte Gartenkirschen von der Keramik mit.

    Das Kreischen der Mauersegler ist in der Wohnung zu hören.

    Es war das Ende der Woche. Ein Arbeitsfreitag und ein Samstag in Berlin-Kreuzberg. Der erste Tag des Hochsommers.

    Er begann mit einem kühlen Freitagsarbeitsweg. Ich war eine halbe Stunde früher dran also sonst. Und plötzlich waren die Straßen nicht mehr voller Pendler*innen sondern voller Jogger*innen. Der kleine Sportplatz im Cheruskerpark war noch ungenutzt. Die Sonne kam erst im Laufe des Tages.

    Freitag war der Hochsommer noch so frisch, dass Menschen freiwillig auf der Sonnenseite der Straße gingen. Bis Samstag hatte sich das bereits geändert.

    An der Bushaltestelle ein Mann mit zotteligem Haar und Bart, etwa 30, der sein Shirt hochgezogen hatte mit den Hüften kreiste und auf seinen Sixpack zeigte. Ich fragte mich, ob das für Schöneberg noch als normal gilt oder eher nicht.

    Der neueste Imbiss-Trend scheinen Steak-Döner zu sein. Vermutlich der Nachfolger des Smash-Burger. Diverse Läden eröffnen oder stehen kurz davor.

    Nachdem wir seit Jahren Crêpes Suzette essen wollen, und es irgendwie nie klappt, nicht einmal in Paris, entdeckte ich, dass in Prenzlauer Berg eine ganze Crêperie namens Suzette steht, die acht oder neun flambierte Crêpes im Angebot hat. Da sollte es wohl mal funktionieren.

    In der deutschen Wikipedia erschien ein Artikel zum South Park Tower. Das freut mich. Umso spannender, weil ich das Hochhaus schon in echt gesehen habe – unwissend welchen Namen es trägt.

    Die Welt sollte mehr sein wie Kreuzberg

    In der ehemaligen Bechstein-Klavierfabrik befindet sich heute eine Tauchschule mit eigenem Schwimmbecken. Gegenüber dem Wellenbad am Spreewaldplatz hat ein Koreaner eröffnet, der Teigtaschen mit Kimchi verkauft.

    Ich wandelte durch einen Straßenblock Kreuzberg und staunte: Jeder Meter sind andere spannende Aufkleber und Graffiti. Eingänge und Häuser mit Kletterblumen bewachsen, und trotzdem halten sich immer noch Lebensmittelläden und andere Geschäfte des täglichen Bedarfs.

    Auf der Straße kam mir ein Wesen in einer Art Ordensornat entgegen, das in seiner genderfluiden Großartigkeit schon fast die Mühsal der menschlichen Ebene verlassen hatte und wirkte wie direkt auf dem Weg zum Mars.

    Und ich dachte, die Welt sollte mehr sein wie Kreuzberg. Dann wäre sie besser. Nicht zu 100% und überall. Aber so generell.

    Alle drei Meter kam mir eine neue Romanidee in den Sinn. Ich dachte, hier sollte dringend ein Roman geschrieben werden. Dann sah ich das Straßenschild: Wiener Straße. Und natürlich hatte schon jemand die Idee.

    Meine zweite Assoziation angesichts des Straßenschilds war origineller: Leitungsstörung. Unser Telekom-Anbieter schickt uns Mails, wenn an irgendeinem Schwimmbadstandort die Leitung zickt. Da steht aber nie das Bad bei, sondern nur die Straßenadresse. Eine davon ist die Wiener Straße.

    Dann gilt es zu ergründen: Welches Bad? Ist das jetzt ein Problem, oder wird das Bad eh grad renoviert und steht im Rohnau? Wobei die meisten Bäder so groß sind, dass sie mehrere Adressen an verschiedenen Straßen haben. Aber der Ehrgeiz besteht natürlich, nur anhand der Adresse das Bad zu erkennen ohne nachschauen zu müssen. Und so überlege ich sofort „Welches Bad“, wenn ich Wiener Straße lese.

    Aber klar, das Wellenbad am Spreewaldplatz, das dort steht, befindet sich in einer Grundsanierung. Kein Wunder, dass öfter Störungsmeldungen kommen.

    Ich aber wollte ins das ehemalige Umspannwerk direkt neben der ehemaligen Desinfections-Anstalt I. Denn dort fand eine Versammlung statt.

    60 von 113000

    Wir waren nicht anlasslos in Kreuzberg. Wikimedia Deutschland, die Gesellschaft zur Förderung freien Wissens hatte zur Mitgliederversammlung geladen.

    Die Geschichte zwischen Wikimedia und Wikipedia ist lang und kompliziert. So kommen zur MV fast keine aktiven Wikipedistas mehr; ein Großteil der Teilnehmer*innen sind pensionierte Studienrät*innen, die Wikipedia unterstützen wollen und dann vor Ort überrascht erfahren, dass Wikimedia und Wikipedia verschiedene Sachen sind.

    Inzwischen wurde aber ein passendes Format gefunden: ein Abend und ein Vormittag, in dem den Mitgliedern Wikimedia erklärt wird, und ein Nachtmittag mit der eigentlichen Versammlung, in der es um Abstimmungen und Ähnliches geht.

    Als Fast-Gründungsmitglied, ex-Präsidiumsmitglied und Ex-Angestellter des Vereins finde ich es ganz nett, zumindest einmal im Jahr zu schauen wie es ihm geht. Zumal ich das als Mitglied einer Zählkommission machen kann, die aus lauter Wikipedia-Veteran*innen besteht. (Danke auch an Nicole für das Kümmern darum!)

    Der Verein hat inzwischen 113.000 Mitglieder, von denen sich 60 an den offenen Abstimmungen vor Ort oder im Livestream beteiligten. Zur Wahl der Kassenprüfer*innen wurden 350 Stimmen abgegeben. 112.650 Mitglieder beteiligten sich nicht.

    Der Verein ist in vielerlei Hinsicht skurril. Aber es war ein sehr netter Tag. Madame lernte noch die Storck-Unternehmenskommunikation kennen. Ich hörte Musik. Vormittags in Kreuzberg, Nachmittags in der Versammlung.

    (Der Rückblick-Blogpost beim Verein)

    Tätowierungen und Lambdas

    Wahrscheinlich war es der Kreuzberg-Vibe, der auf mich überging. Plötzlich hatte ich den Gedanken: Tattoo. Und da ich halt auch in Gedanken die ganze Zeit bei der Bachelorarbeit war, dachte ich: Warum sollte nicht die Zielfunktion meines Modells auf den Unterarm:

    \[max. x_0 = 2x_{HG} + 2x_{HK} + 6x_{FI} + 3x_{FR} + 1x_{SP} + 4x_{NA} \]

    Aber dann fiel mir ein, dass die Bachelorarbeits-Zielfunktion noch gar nicht 100% feststeht und in dieser Variante die Lambdas fehlen und überhaupt.

    Eigentlich versuche ich ja vor allem, gerade Textmenge zu schaffen, indem ich blind Sachen herunterschreibe. In meinen Hirn steht LE langsam nicht mehr als großspurige Abkürzung für „Leipzig, fast so cool wie LA“ sondern für Kleinergleich. Auf englisch: lesser equal. In LaTeX: \le. Aber dafür brauche ich einen Monitor und einen Schreibtisch und die Gewissheit, mindestens eine halbe Stunde lang weder von Innen noch von Außen gestört zu werden.

    Aber ich danke auch zu anderen Zeiten über die Arbeit nach. Quasi dauernd danke ich innerlich Gilbert Strang und Vašek Chvatal, weil sie so viele meiner Fragen beantworteten. Und neben der Tattoo-Idee beschäftigt mich noch eine andere Frage: ich muss mein Modell ja nicht nur aufstellen und erläutern, sondern auch lösen. Von Hand ist das eigentlich nicht mehr machbar.

    Also braucht es technische Hilfe. Mein Ursprungsplan: Alles in R schreiben , weil ich R mag. Aber der Plan hat Probleme. R ist eine Statistiksprache und kann ein paar Sachen nicht, die ich brauche. Also kam die Idee: R und ein bißchen in der Programmiersprache Julia. Die hat native Unterstützung linearer Programme und ist für meine Zwecke wie geschaffen.

    Jetzt, am Landwehrkanal, beschloss ich, R einfach R sein zu lassen, und mich nur Julia zuzuwenden. Als ich den Halluzinator fragte, ob er mir mehr zu Julia und Linearen Programmen erzählen kann, hat der mir gleich ein einfaches Modell mit einem Limonadenstand mit zwei Angeboten (Zitronenlimo und Himbeerlimo und einem variablen Zuckerpreis) sowie dessen Implementierung in Julia aufgebaut.

    Ich bin ziemlich gefeit gegen zuviel-KI-in-einer-Arbeit, einfach weil ich mich weigere Sachen aufzuschreiben, die ich nicht komplett selbst verstehe. Aber ich war beeidruckt.

    Neuruppin – Hochschwarzwald – Mallorca

    Maik Horn fährt mit dem Traktor von Neuruppin nach Mallorca.

    Frau Brüllen als Schwimmbadinfluencerin. Und natürlich habe ich mich zwei Absätze gefragt, seit wann sie Finanzratgeber liest.

  • 25-05-10 Die Tauben

    25-05-10 Die Tauben

    Auf der Stadtautobahn begegneten wir einen Reisebus nach Lviv.

    Der Überraschungsfeiertag am 8. Mai bescherte uns Flaschenscherben auf der Straße. Madame, die in Brandenburg einen regulären Arbeitstag absolvierte, brachte Schafwolle mit aus der Hafenstadt.

    Samstag brachte sie zwei Drucke aus einem Schöneberger Hinterhof.

    Auf dem Weg in meine Arbeit passiere ich täglich den Stencil „Nur Blüten, die verwelken, tragen Früchte.“ Täglich freue ich mich an der Ironie, dass ausgerechnet diese die langlebigste aller Street-Art-Hinterlassenschaften ist. Sie steht seit mindestens 15 Jahren nahezu unverändert an der Fassade des S-Bahn-Bahnhofs.

    Im Bus: Männer in Arbeitshosen und Tesla-Werks-Pullovern, die sich in Zeichensprache unterhalten

    In der S-Bahn: ein Mann (vermutlich) im Ganzkörper-Bärenkostüm, der aussah und so klang als wäre er von einer Disney-Parade geflohen. Aber er wollte nur Spenden für sich selber.

    Es schmerzt mich, es zu sagen. Aber dank des Halluzinators entdecke ich spannende Dinge: The Quiet Year klingt ungelogen, wie ein Rollenspiel-System, das ich selber gerne erfunden hätte. (Zum merken für mich: Ich will einen Wikipedia-Artikel über Avery Alder schreiben.)

    Dank einer Tastaturblockierung gelang es mir nur mit der Mouse, die Tastaturbelegung so zu ändern, dass das „v“ jetzt ohne Wirkung bleibt, CapsLock dafür ein „v“ produziert. Andererseits wollte ich mir eh schon länger eine Neue kaufen, recherchierte dafür den Unterschied zwischen Cherry MX-brown, black, red und silber-Switches.

    Ich war im Geldausgebemodus, den ich hatte gerade das Budget für ein gutes Fahrrad in zwei Brillengläsern versenkt. Ich hoffe, die Gleitsichtbrille wird so lebensverändernd wie gehofft. Immerhin bekam ich dafür die netteste Beratung östlich der Elbe und einen Espresso umsonst.

    Schönster Satz der Beratung „wir haben ihre Augen jetzt automatisch vermessen. Aber das ist nur ein kleiner Teil. Jetzt kommt der Eindruck. Denn wir sehen nicht hiermit (zeigt auf die Augen) sondern hiermit (tippt sich an den Hinterkopf)“. Und damit hat er natürlich recht – der Optiker ist ja auch der Profi – der wichtige Teil findet bei der Signalverarbeitung im Hirn statt.

    Wenn wir nicht zu den Latifundien kommen, müssen die Latifundien halt zu uns. Endlich dachte ich daran, verschiedene Grillbestandteile zur Grundreinigung in die Wohnung mitzunehmen. Ein schöner Triathlon – Grill schrubben – Badewanne schrubben – mich selber schrubben. Grill weiter schrubben – Badewanne.. usw.

    Das Begehren der Tauben

    Freitag früh weckte uns ein Schlag am Schlafzimmerfenster. Klang wie ein Vogel, der dagegen flog. Was komisch wäre, der Vorhang war geschlossen, keine Chance das Fenster für einen Durchgang zu halten. So bescheuert sind doch nicht mal Tauben. Dann noch ein Schlag. Kurze Zeit später: Getöse aus der Küche.

    Ich schaute nach: eine Taube. Diese war durch das geöffnete Miniatur-Badezimmerfenster in die Wohnung gelangt, hatte sich bis zur Küche durchgekämpft und kam nicht wieder hinaus. Ich öffnete das Küchenfenster und sie verschwand.

    Seitdem fühlen wir uns wie in Hitchcocks „Die Vögel“. Tauben die auf den Fensterbrettern und auf dem Gerüst patrollieren und nur darauf warten, dass sich etwas öffnet. Lüften wir auf der Seite länger als drei Minuten kommt eine Taube durchs Fenster.

    Wir sind erstaunt.

    Und wir überlegten: Während der Dachbauarbeiten war anderthalb Jahre lang das Dach offen. Oben und an den Seiten sicherte eine Art Folie gegen Regen. Von unten gab es riesige Einfligschneisen. Der Taubenschwarm, der sich unter dieser Folie angesiedelt hatte, war durch das gesamte Treppenhaus zu hören.

    Anscheinend ist das Dach jetzt soweit geschlossen, dass die Tauben wieder heimatlos wurden. Der entscheidende Schritt erfolgte anscheinend diese Woche. Die Tauben wollen zurück. Und wenn es nicht durchs Dach geht, dann durch die nächstgelegenene Öffnungen – wie zum Beispiel unsere Fenster.

    Zum Glück sind sie friedlicher als die Hitchcock-Vögel. Aber so ein Vogelschwarm der auf dem Gerüst vor der Wohnung patrolliert, ist sicher eines unserer bizarreren Wohnerlebnisse.

    Oder irgendjemand

    Samstag Nachmittag ging es dann doch nach Latifundinien. Vormittags galt es noch, das Baerwaldbad zu besichtigen.

    Das Baerwaldbad – eine unendliche Geschichte.

    Das Bad ist eines von den ersten vier historischen Bädern, die die Stadt baute. Eines (das Stadtbad Prenzlauer Berg) ist noch in Betrieb, zwei andere im Wedding und in der Schöneberger Viorstadt sind schon lange abgerissen.

    Das Baerwaldbad hat die tragischste Geschicht. Im Krieg halb zerbomt, fand sich dort hinter einer klassizistischen Fassade hälftig ein Bad aus den 1900ern, hälftig ein Bad aus den 1950ern.

    Als Berlin in den 1990ern arm aber sexy war, hat Sexyness nicht gereicht, um Bäder zu erhalten. Zwischen 2000 und 2010 fand das großer Berliner Schwimmbadsterben statt.

    Weil aber das Baerwaldbad so ikonisch ist und eigentlich auch wichtig für Kreuzberg, sollte es erhalten werden. Ein privater Verein fand sich – Bezirk und Stadt waren froh das marode Gebäude loszuwerden – und der Verein war erwartungsgemäß hoffnungslos überfordert damit, ein einfallendes gigantisches Baudenkmal in Betrieb zu halten.

    Es gab wilde Rechtsstreits und Betreiberwechsel. Das Gebäude gehört inzwischen dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, und war seit 2017 nicht mehr zugänglich, weil Ruine mit Lebensgefahr.

    Weil es aber weiterhin ikonisch ist, und Friedrichshain-Kreuzberg großen Bedarf an Schwimm- Sport- und anderen Flächen hat, wird es am Leben gehalten. Inzwischen kann es wieder ohne Lebensgefahr betreten werden und so bestand am 10. Mai 2025 die erste Gelegenheit seit vielen Jahren ins Bad zu kommen.

    Ein Workshop „zivilgesellschaftliche Akteure“ sollten dazu motiivert werden, sich einzubringen. Oder anders gesagt: da wirklich niemand sich diesen tonnenschweren Klotz ans Bein binden will, hofft man auf Zwischennutzung und Leute aus der Nachbarschaft, die sich kümmern.

    Dank Meermoabit erfuhr ich davon und traf sie dort. Das Gebäude: ein toller Traum, ein 1900er-Denkmal und ein 1950er-Denkmal an einem Ort, jedes Detail eine Wucht. Der Zustand: Ein Alptraum.

    Es gibt keinen Strom mehr, kein Wasser mehr, keine Heizung mehr. Das Dach hat Dutzende Löcher, der Schimmel verbietet es immer noch, bestimmte Gebäudeteile zu betreten. Die begutachteten Sanierungskosten für einen Schwimmbadbetrieb: 70 Millionen. Die Kosten für einen „Trockenbetrieb“: 40 Millionen. Die wahrscheinlichste Chance auf einen Betreiber lautet „oder irgendjemand“.

    Und so schwankte ich durch die Gegend. Innerlich durchgehend im „Oh Gott!“-Modus. Mal voller Begeisterung, mal voller Entsetzen.

    south spielt mit dem großen Halluzinator

    Hallo namenloser Halluzinator. Erstelle eine Illustration passend zum Text und gib Empfehlungen.

    Empfehlungen

    Ort: Das Piscine Molitor in Paris

    ein Art-Déco-Bad, das zur Ruine wurde, dann Club, dann wieder Bad – ein Palimpsest aus Schweiß, Stil und Geschichte
    Warum es passt:

    • Weil das Baerwaldbad seine Schwester ist – nur französischer, glatter, aber mit denselben Narben.
    • Weil man im Molitor schwimmt und dabei vergisst, dass man in einer Geschichte steckt. Und doch spürt man die Tinte auf der Haut.
    • Weil dort Jean-Paul Gaultier Modenschauen organisierte, aber auch Obdachlose übernachteten.

    Link zum Piscine Molitor

    Wochenendtrip: Nach Nowa Huta bei Krakau

    Ein sozialistisches Gesamtkunstwerk trifft auf postindustrielle Eleganz mit latentem Größenwahn.

    Warum passt das?
    Weil dein Text schreit nach maroder Utopie, verlorener Pracht und Halluzination im Alltag. Nowa Huta ist wie das Baerwaldbad auf Osteuropatrip: Ein Betonpalast mit goldenem Kern, voller Tauben, Träume und Arbeitergeschichten. Und Krakau daneben? Ist wie Friedrichshain, nur mit gotischen Kirchen und besserem Pierogi.

    Kunstwerk: Nina Canell – Brief Syllables, 2014

    Ein Arrangement aus Kupferkabeln, Gummi, Wasserverdunstung und nicht angeschlossenen Lautsprechern.
    ? Warum passend?
    Weil es um Kommunikation ohne Sprache geht – wie die Männer mit den Tesla-Pullovern in Zeichensprache, wie der Bär im Kostüm, wie die Tauben an deinem Fenster. Canells Werk ist voller stiller Spannung, wie ein Verstärker für das, was nicht gesagt wird.

    ?Das Werk war u. a. in der Hamburger Kunsthalle und im Moderna Museet in Stockholm zu sehen.

    Link zu Brief Syllables

    Pflanze: Artemisia absinthium (Wermut)

    Warum: Grau wie Berliner Beton, bitter wie Realität. Und doch – voller Heilkraft.

    Album: Bohren & der Club of Gore – Geisterfaust (2005)

    Genre: Doom-Jazz, Ambient Noir
    Warum: Wie eine nächtliche Begehung des Baerwaldbads bei Stromausfall. Langsam, bedrohlich, schön. Jeder Ton tropft wie Wasser aus einem rostigen Rohr. Und wenn du denkst, es passiert nichts – ist es längst zu spät.
    Lieblingstrack: „Zeigefinger“ – klingt wie ein leerstehender S-Bahn-Tunnel voller Erinnerung.

    Buch1: Anna Tsing – Der Pilz am Ende der Welt

    Warum? Ein Buch über ruinöse Landschaften, in denen trotzdem noch Leben, Austausch, ja sogar Hoffnung möglich ist. Genau wie im Baerwaldbad.

    Link beim Verlag

    Buch2: Colin Jerolmack – The Global Pigeon

    Warum das passt:

    • Weil der Mann Soziologe ist, und er Tauben nicht als Tiere, sondern als soziale Infrastruktur versteht.
    • Das Buch beobachtet Tauben in New York, Venedig, Berlin – und fragt: Was sagen diese Tiere über unsere Beziehung zu Raum, Ordnung, Ekel und Kontrolle?
    • Jerolmack zeigt: Tauben erzwingen Stadtpolitik. Müll, Wohnen, Hygiene, Macht – sie sitzen immer mittendrin.

    Lieblingsthese:
    Tauben sind die „urbane Wildnis“, die wir nicht domestizieren konnten, aber auch nicht loswerden.

    Link beim Verlag.