Nach dem Sellerieauflauf zum Abendplantschen; Vorteile der Schwimmbadwohnung.
*
Mir träumte von BIOS-Passwörtern und blühenden Bergwiesen am Hang. Der Teil mit den Bergwiesen war besser.
*
Ich bewahrte zwei einfache Werbegeschenks-Fahrradklingeln auf. Es hatte einen Grund. Aber welchen?
*
WP:AI steht für die Wikipedia-internen Regeln zur Artikel-Illustration. Selige Zeiten aus denen diese Abkürzung stammt.
*
Im Briefkasten eine Kreuz 7. Ohne Erklärung. Wir warfen sie hinfort.
*
Es war ein Wochenbeginn zwischen Geworfen-sein-in-den-Abgrund und Kartoffelabholung.

Das vier-Kilometer-hin-und-her
Willkommen in der dunklen Jahreshälfte. Mittwochmorgen fragte ich mich erstmals seit Monaten, wo die Fahrradhandschuhe hingekommen sind. Mal stürmt es, mal spielt der kalte Morgen goldener Herbst. Summer is over.
Bald werde ich die Fahrradstrecken wieder fast für mich alleine haben.
Außer es gibt noch Abendpläne ab Büro, die mich schon zum Tagesstart in den ÖPNV treiben. Dann werden die Fahrradstrecken leer sein, denn ich fahre Ringbahn.
Wenn in der Ringbahn jemand aussieht wie eine Erkältung auf zwei Beinen – wie viele Meter Sicherheitsabstand sind zu empfehlen?
Nach der Ankunft am Südkreuz bohrte die Rolltreppe der Zukunft (Ost). Die neue Rolltreppe der Gegenwart (West) fiel aus Solidarität auch zur Hälfte aus.

In den Durchschnitt gezogen
Der Bierpinsel fällt. Vom Steglitzer Wahrzeichen lösten sich Fassadenteile und fielen aus 30 Metern Höhe auf die Straße. Es fällt mir schwer, das am Wahlwochenede nicht symbolisch zu sehen. Denn auch hier kann mensch natürlich einerseits das Ergebnis von Jahrzehnten des Desinteresses am öffentlichen Raum sehen.
Andererseits zeigt es die Schwierigkeit, nach vorne zu denken und zu sagen „die komische autobahnartige Hochbrücke und der komische Bierpinsel hatten ihre Zeit. Wir reißen das Alles ab, und bauen was Schöneres dahin, was absehbar niemand auf den Kopf fällt.“ Stattdessen wird es weiter hinbröseln bis es ganz auseinanderfällt.
Was die Frage bringt: Können Wahlen daran etwas ändern?
Es ist ein Doppelelend. Wie die gesamte europäische Linke derzeit hat Die Linke (Partei) ein Antisemtismusproblem. Das wiederum nutzt gerade die gesamte deutsche Rechte bis weit ins Zentrum hinein als Kampagnenanlass, um nur ja Grüne und SPD zu einer Koalition mit der abgewählten CDU in eine Koalition des Klammerns und Erstarrens zu drängen. Auf jeden Fall bleibt es spannend.1
Wahlen sind ja auch eine gute Gelegenheit um etwas über die Nachbarn zu lernen. Ich lernte: Wir wohnen an einer Grenzlinie: Wer sich die Berliner Wahlkarte anschaut wird ganz links (Osten) etwas blau mit Afd-Mehrheiten sehen, im gesamten äußeren Westen viel CDU-Schwarz und alles dazwischen ist Die-Linke-Rosa. Wir wohnen noch in Rosa, aber genau an der Grenze zu Schwarz: Dort wo das starke Linke Milieu aus Kreuzberg/Neukölln/Mitte ausfranst und ins bürgerliche Einfamlienhausschwarz übergeht.
Im Ergebnis kommt dabei ein Stimmbezirk2 zustande, der in Richtung bürgerliches Wählen drifted, insgesamt aber erstaunlich nah am Berliner Durchschnitt wählt. Das Ergebnis für den Stimmbezirk 704/725/7D:
- Die Linke 22,5% (Berlin 25,7%)
- Grün 17,9% (B 14,3%)
- CDU 19,5% (B 18,8%)
- SPD 17,2% (B 12,1%)
- AfD 10,1% (B 16,3%)
- BSW 5,2% (B 4,7%)
- Volt 2,1% (B 2,1%)
- Tierschutz 1,5% (B 0,7%)
Zum Vergleich: Im unserem alten Schöneberger Stimmbezirk 212/214/2G, etwa zwei Kilometer weiter im Osten, erreichte Die Linke 37% und die Grünen 23%.
Direktkandidatin in „unserem“ Wahlkreis ChaWi 7, der ein gutes Stück in die parkartigen Außenbezirke Wilmersdorfs hineinragt wurde wie vorhergesagt die noch-Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU).

Best of starters
Nach dem Nachwikicondurchatmen des Montags hatte ich uns für den Dienstag Programm aufgedrückt. Irgendwann im März hatte ich beschlossen, dass Kosky-Shakespeare-Tempelhof im September eine gute Mischung wäre.
Etwas mühselig schleppte ich mich nach der Arbeit auf den Weg. Der Bus wollte nicht fahren, also nahm ich Ring und U6, um zum Platz der Luftbrücke zu gelangen, das letzte Stück mit Madame zusammen.
Dort suchten wir nach nett und schnell und fanden den Sushi-Vietnamesen Jayden3. Madame hatte eine sehr spannende aussehende Vorspeisenplatte, die sich sowohl beim Vietnamesischen wie auch auf dem Sushi-Teil der Karte bediente, ich hatte Tofu mit Tamarindensauce, auch überraschend ungewöhnlich und empfehlenswert. Jayden kommt auf die innere Karte für Wiederholung bei Gelegenheit.
Dann aber liefen wir noch ein Stück den Columbiadamm entlang, an den Flüchtlingscontainern vorbei zur Oper.

Menschlich allzumenschlich
Shakespear – Kosky – Musik des 20. Jahrhunderts – Tempelhof Hangar 4 – was soll ich sagen nach einem Abend, an dem mir innerlich immer noch der Mund offen steht.
Vielleicht fange ich klein an. Es war vor einiger Zeit am Insulaner.. nein, noch kleiner:
Die Stühle im Hangar 4 sind echt unbequem. Merken: nicht einfach Karten kaufen, der Schmerz auf den Stühlen muss sich auch durch das Stück lohnen.
Ich frage mich, wie die Komische Oper Karten kontrolliert. Nachdem wir uns letztes Jahr mit Eumeln herumärgern mussten, die am falschen Tag gekommen waren und deshalb „unsere“ Plätze haben wollten, und überraschenderweise mit den falschen Tickets durch die Ticketkontrolle kamen, haben wir dieses Jahr selber geeumelt.
Wir waren zwar am richtigen Tag gekommen und hätten auch gültige Tickets gehabt. Aber diejenigen Tickets, die wir vorzeigten waren für einen anderen Tag und auch komplett ungültig, weil wir sie schon vor Monaten umgetauscht. Nur das ursprüngliche PDF hatten wir natürlich noch, ich druckte aus Versehen davon aus – und niemand störte es.
Etwas größer: Lear, Shakespeare Company 2024, ein kleines Sommertheater, sechs Schauspieler zum Greifen nah, die auch Kartenkontrolle machen. Selbst das düstere Drama Shakespeares mit etwas Humor und einer menschlichen Wärme, die das Scheitern der Figuren an sich selber nachfühlbar macht.
Ein alternder närrischer König vermacht sein Königreich den falschen Töchtern, merkt es und verfällt darüber dem Wahnsinn. Ein alternder, närrischer Fürst vermacht sein Erbe dem falschen Sohn, im werden die Augen ausgestochen und er irrt durch England. Am Ende bringen sie sich alle Gegenseitig um, Eltern wie brave Kinder wie machtgierige Kinder.
Wie anders hier: die Menschlein verloren im Sturm der Machtbessessenheit. Urgewalten gehen über sie hinweg. Entweder sie versuchen sich zu widersetzen und werden zermahlen oder sie geben sich hin und zerstören sich selber. Die Konstellation in Aribert Reimanns Oper Lear (1978) ist so tragisch wie in der kleinen Theaterproduktion. Aber wo ich im Theater immer dachte „die Lösung ist so nah, wenn du nur über dich hinauskönntest“ ist das hier ein Sprung in den Abgrund.
Dieses Gefühl des Ausgeliefertseins
Wie sie sehen, sehen sie nichts. Die Bühne war vor dem Stück leer: Eine ebene Fläche. Madame war es zu leer, sie fühlte sich an ungute Zeiten im Theater Basel um 1990 erinnert.

Wie sie sehen sehen sie alles: Einen gigantischen Raum, große technische Aufbauten, im Gefühl zwischen Innerem eines Schiffs, Maschinenhalle, den Ansatz einer Brücke auf der Bühne, Raum für Überraschungen unter der Bühne, Orchester von Links, Schlagwerk (Pauken, Schlagzeug (5 Bongos, 5 Tomtoms, 5 Tempelblocks, 3 Schlitztrommeln, 1 Rührtrommel, 1 Kleine Trommel, 1 Große Trommel, Becken, 4 hohe und 3 tiefe Gongs, 4 Tamtams, hängende Bronzeplatten, Metallfolie, Metallblock, Holzfass) von rechts.
Die Bühne lebte, sie spielte mit. Ein Laufsteg wechselte die Position, verlängerte sich ins Publikum. Aus dem Boden stiegen gestalten. Unter einzelnen Panelen der Schlamm. Allein das Licht verwandelte den unerträglich glänzenden Festsaal in ein nächtliches Schlachtfeld. Dazu die infernalisch-menschliche Musik von der Seite. Was für ein Erlebnis. Was für eine Geworfenheit.
Oder mit der Bühnenbilderin Rebecca Ringst: „Uns war wichtig, dass das Publikum dieses Gefühl des Ausgeliefertseins körperlich nachvollzieht – so, als säße es mit ihm gemeinsam an Bord eines Tankers, dessen Kapitän nach und nach dem Wahnsinn verfällt, ohne dass ein Entrinnen möglich wäre.“
Ja.
Herausfordernd
Dazu die Musik. Eine Oper von 1978. „Schön“ hat mensch damals nicht mehr geschrieben. Dissonant, fordern. Aber hier immer nah genug am klassisch-schönen um es noch zu bemerken – um zu spüren, wie sehr die Welt vor uns ver-rückt ist, wie sie menschlich ist und doch unmenschlich.
Gerade in den Gesangspartien der „gutherzigen“ (Cordelia, Edgar/Tom) klingt es fast sanft-lyrisch, meist gewinnt der Abgrund und manchmal lässt sich nachvollziehen, was Reimann meinte, als er sagte, seine Erinnerungen an die Bombardierung Berlins im Zweiten Weltkrieg haben ihn beeinflusst.
Es war unter Nicholas Carter großartig gespielt, trotz infernalischer Lautstärke und Klangüberwältigung war es nie ein Teppich, sondern klar erhörbar und großartig gesungen/dargestellt: Countertenor Aryeh Nussbaum Cohen als zerstörter Edgar/Tom, Rosie Aldridge als Goneril, Nicole Chevalier als Regan, und natürlich die wenig singende und vor allem redende Dagmar Manzel als Narr.

Auffallendster Unterschied zwischen englischem und deutschem Tastaturlayout ist die gewechselte Position von Y und Z.
Am Montag um kurz nach acht sah ich den Kalender und dachte „Oha, das wird eine Woche intensiver Priorisierung.“ In den darauffolgenden Tagen lernte ich, dass das nicht stimmte, denn ich wurde von Themen priorisiert, die sich aus „es brennt und es ist wichtig“ von ganz alleine ergaben. Immerhin: Dafür, dass ich das nun ein paar Jahre machte, lernte ich erstaunlich viel Neues in dieser ersten Wochenhälfte.
Immerhin ein spannendes Gespräch am Mittwoch gehabt, immerhin nähert sich das Team wieder der Vollständigkeit an.

Geil Kartoffeln!
Nach soviel Input ließ ich Kino am Mittwoch ausfallen. Einmal zwischendurch ausatmen.
Das aufregendste war das Lesen des Gemüslichkeitzettels (2 Kilo Kartoffen, noch 800 Gramm Tomaten und 2 kleine Paprika, aber auch schon ein Wirsing und Rettich). Ich begrüßte das Pärchen, das nach mit kam mit „Ich hoffe ihr mögt Kartoffeln“ und bekam ein „Geil! Kartoffeln!“ zurück.
Abends zu müde zum Schwimmen. Aber mit Genuß am Berittenen Bogenschützen weiter gelesen und eine Zeitreise in die Bundesrepublik der 1980er gemacht.

Links
##
Ein paar Lear-ania.
Der Trailer der Komischen Oper selber gibt schon einen ganz guten Eindruck.
Ein musikalisches Intermezzo für die Untergangsmusik.
Und lyrischer das Ende. Alle tot. Lear besingt das Elend. (andere Inszenierung)
Concerti inspiriert das Bühnengewitter der Oper zu einem wahren Adjektivgewitter: Machtgier, Morde, Mafia
Als Merker für mich selber: Die Kostüme waren von Klaus Bruns. Und eigentlich verstehe ich es zu wenig, um das wirklich beurteilen zu können. Aber ich vermute der eigentliche Meister des Abends war Holger Schwark am Sounddesign. So ein Klang in so einer eigentlich halligen Halle.
##
Herr Kaltmamsell fand eine sinnvolle Verwendung für den Spaghettikürbis. Das sollten wir uns merken.
##
Christian war auf dem Kommunikationskongress in Berlin und hörte interessante Vorträge.
##
Bahnfahren in Finnland im Unterschied zu Bahnfahren in Deutschland. ##
loosy zählte im Innenstadt-Plattenbauviertel Stimmen bei der Berlinwahl.
Anmerkungen
- Und ich fürchte in nicht allzuferner Zukunft wird „antisemitisch“ ein genauso abgenutzter inhaltsleerer Positionsmarker wie „gesichert rechtsextremistisch“, im öffentlichen Diskurs weitgehend inhaltsentleert und dementsprechend wirkunsfrei. Aber das ist ein anderer Diskurs und gehört bei Gelegenheit an andere Stelle. ↩︎
- Zur Erinnerung: Stimmbezirk. Gleich Nachbarschaft. Hier 2.444 Wahlberechtigte. Wahlkreis: Größere Einheit. Hier sind es 32.000 Wahlberechtigte. Was verwirrenderweise der deutschen Verwaltungsnomenklature widerspricht. Im Normalfall sind Bezirke immer die größeren Einheiten, Kreise die eher kleineren. Außer halt wenn gewählt wird. ↩︎
- Leider ohne brauchbare Homepage. Nur mit Facebook. ↩︎
Schreibe einen Kommentar