27-07-20 Stuck/Engel/Dämon/Film (Vilnius)

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Im Wald nicht allzuweit entfernt von Klaipėda lässt sich ein ehemaliges sowjetisches Atomraketensilo besichtigen.

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Ich errang den 5. Platz beim internen WM-Tippspiel. Ich tippte nach System, fast konsequent. Das gute und schlechte an einem solchen System ist: Ich wüsste jetzt auch was wäre wenn, wenn ich das System konsequent durchgehalten hätte: Ich hätte gewonnen.

Das System war gut, der Tippende nicht so sehr,

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Der Kaptain erlebte das erste Mal seit Jahren einen Arzt, der die Hand schüttelt.

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NordVPN lives here in our neighborhood. Vinted auch.

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Es war ein stuckiger Museumssamstag mit Parkintermezzo. Das Reise-ich ist dem Blog-ich weiterhin 48 Stunden voraus.

Vilnius – Vilniaus – Vilniui – Vilnių – Vilniumi – Vilniuje – Vilniau

„Unsere“ Bushaltestelle Islandos steht tatsächlich für Island. Denn Island war 1991 das erste Land weltweit, das die litauische Unabhängigkeit von der Sowjetunion anerkannte, weswegen sich Stadt und Land bis heute mit Island verbunden fühlen, dem Land neben einer Straße mit zentraler Haltestelle auch ein eigenes Fest widmet.

An sich ist das nicht überraschend. Allerdings, so verschlossen wie mir die Sprache ist, hätte Islandos auch für „Die 7 Mohnblüten verdorren im Sonnenschein“ heißen können und hätten es nicht gemerkt.

Litauisch ist anders und irgendwo doch nicht. Beim Vokabular helfen weder germanische noch romanische Sprachkenntnisse weiter. Einige Buchstabend sind zwar identisch zu denen westslawischer Sprachen, die Wörter sind komplett verschieden.

Zudem werden alle Fremdwörter konsequent in litauischer Lautung geschrieben (selbst Eigennamen: der Papst Franziskus ist hier Pranciškus, die Figur Jane aus Disclosure Day hieß in den Untertiteln Džeinė.

Soweit so fremd. Richtig spannend wird es dann aber, weil fröglich dekliniert wird: Pranciškus – Pranciškaus – Pranciškui.. insgesamt sieben Fälle.

Und naja, wer bei -us, -aus, -ui, -u, -umi nicht „Latein“ denkt oder „Altgriechisch“ hatte wohl die falschen Fremdsprachen in der Schule. Die ganze Grammatik, scheint beim Litauischen, das eine alte Sprache ist und eventuell am meisten aller lebenden europäischen Sprachen an der indo-europäischen Ursprungssprache Sanskrit liegt, noch deutlich näher an den Antiken Sprachen zu liegen als an die vor-sich-hin-erodierten Sprachen Resteuropas.

Alle Busse fahren zum Bahnhof. Nebenbemerkung: Man beachte die Anzeige, ob die Busse Wlan, Klima, Barrierefreiheit und Fahrradmitnahme besitzen

Zwischen uns und dem Bus: die Käsefabrik

Aber eigentlich wollten wir nicht über litauische Grammatik nachdenken, zumindest nicht allzu sehr, sondern los. Die Abfahrt war holprig. Der vorherige Tag hatte uns noch mitgenommen, am Ende nutzten wir die wochenendliche Hotel-Frühstückszeit bis 11 fast voll aus und waren auch sonst eher langsam.

Madame entdeckte, dass es andere Menschen beim Frühstück Spiegeleier herbeizaubern konnten, wo sie nur das leicht fragwürdige Rührei aus der Warmhaltebox gesehen hatte. Ich war auf dem Weg zur Bushaltestelle leicht unglücklich, weil ich, je öfter ich sie sah, die Gegend um das Hotel immer spannender fand, und mich fragte, warum wir immer gleich hinweg streben, wenn es doch auch um die Ecke soviel zu entdecken gilt.

Zum Glück konnte dieser mein Wunsch am nächsten Tag durch unseren Stammguide Šarūnas erfüllt werden. Der hatte sogar zufällig unseren Hotel-Häuserblock mit in seine Vilnius 1990-heute-Tour gepackt.

Aber das war ein Thema für Sonntag. Samstag wollten wir endlich Trolleybus fahren, und eine Kirche besichtigen: Das Barockwunderwerk Peter und Paul bzw. Šventų apaštalų Petro ir Povilo bažnyčia.

Fast wären wir vor der Kirche sitzen geblieben und hätten Dress-Code-Formulierungen geraten

Wir kamen an, und stellten fest: Samstag – Sommer – Kirche – da war doch was. Und wenn die Kirche so aussieht als wäre ein Weddingplanner über seinen Beruf wahnsinnig geworden, und hätte danach eine Kirche ausgestattet, dann erst recht.

Als wir ankamen wartete vor dem Tor eine Taufgesellschaft, im Innern lief eine Hochzeit. Kaum hatte die Hochzeit die Kirche verlassen, strömte die Taufe hinein. Während die Taufe ließ setze sich der Beginn der nächsten Hochzeit auf die hinteren Bänke, als diese gestartet hatte, brachte sich die nächste (die dritte) Hochzeit in Startposition.

Zu recht.

3D-Kunst

Die Kirche ist ein barockes Wunderwerk in weißem Stuck. Gestiftet von Michał Kazimierz Pac (derselbe Pac, der auch schon Monte Pacis/ Kloster Pažaislis in Leben gerufen hatte) steht sie auf einem Hügel am Stadtrand der Vilniusser Innenstadt und ist, wie soll ich sagen, ein Wunderwerk in Weiß, lebendiggewordener Stuck, ein Stück Hochzeitstorte, das Kirche wurde.. mir fehlen die Worte.

Insgesamt 2000 Stuckfiguren sollen die Kirche zieren, und vielleicht ist sie damit auch das größte Wimmelbuch der Welt. So viele Geschichten an den Wänden, Charaktere, Stories, die heiligen, der komprimierte Totentanz, die Ungläubigen im Höllenkessel, die musizierenden Engel, die Soldaten.. wir müssten uns sehr bremsen nicht immer zwischen Taufen und Hochzeiten zu laufen, weil es so soviel zu sehen gab.

Das auffallendse Einzelstücke, die auffallen, weil sie weder weiß noch Stuck sind, sind die original erbauteten osmanischen Kriegspauken aus dem 18. Jahrhundert im Seitenschiff und das Kronleuchterschiff von 1905.

(zur weiteren Lektüre empfehle ich den englischen Wikipedia-Artikel, der sehr viel ausfürlicher ist als der deutsche)

Eichhörnchenwald

Mühsam lösten wir uns von den Hochzeiten, die nacheinander, mal mit Band, mal ohne, durch den immerwährneden Sektempfang im Kirchengarten geschleust wurden und liefen ein Stück aus der Innenstadt weg, Richtung schicker Vororte des 18. Jahrhunderts nach Antakalnis.

Wir ignorierten weitgehend den Friedhof Antakalnis (in diesem Moment nicht wissend, dass dort die Toten der Januarereignisse 1991 begraben sind) und gingen dorthin, was im 18. Jahrhundert ein reiches Vorstadtanwesen war: zum Sapiega-Palast (Sapiegų rūmai) bzw. dessen Park. Er begann Richtung Innenstadt mit einer Armenküche und endete Richtung Vororte mit der most unassuming Google-Niederlassung, die ich je sah.

Wir tranken unsere Regenerationskaffee in einem tech-worker-friendly Café im Park bevor uns der nächste Trolleybus wieder in die Innenstadt führte.

Chwoles – Rockmore – Spielberg

Unsere Tour des jüdischen Wilne, die ja auch davon abhing was überhaupt an Zeugnissen jüdischen Lebens übrig blieb, sollte durch das Museum of Culture and Identity of Lithuanian Jews ergänzt werden. Es ist die neuste Bereich des Vilnius Gaon Musuem of Jewish History und soll sich der reichhaltigen jüdischen Kultur der Stadt und der Litvaks widmen.

Außerdem war es so neu, dass es eine Klimaanlage versprach.

Auch dieses Museum hängt natürlich davon ab, was an Originalstücken überhaupt noch vorhanden ist – und das ist nicht viel.

Es mag am Sommerwochenende gelegen haben, es verteilten sich ungefähr sechs Besucher*innen auf die drei Stockwerke, die wirklich liebe- und hingebungsvoll von sechs Museumsangestellten betreut wurden.

Ein Stockwerk widmete sich dem Maler Rafael Chwoles, Litvak aus Vilnius, der bei der Eroberung Vilnius durch die Wehrmacht bereits eine russische Kunstschule leitete und so dem Holocaust entkam. Er widmete sich zeit seines Lebens dem Vilnius seiner Kindheit und Jugend.

Ein Geschoss widmete sich Kunst- und Kultur der Litwaken im weiteren Sinne. Bekannte litauische Sänger und Komponisten tauchten auch, vor allem welche, die nach dem Zweiten Weltkrieg aktiv waren, und damit materialle Zeugnisse hinterließen. Uns beeindruckten die Gesangsdarbietungen des Tenors Rafailas Karpis, ich staunte, dass auch die Theremin-Göttin Clara Rockmore (geb. Reisenberg) aus dieser Gruppe kam.

Lange blieb ich an einem Klassiker hängen: die Verfilmung des Dybbuk von 1937 ist ein Klassiker des jiddischen Films (vielleicht der einzige jiddische Spielfilm in voller Länge?) und lief, dank Restaurierung unter anderem von der Steven Spielberg Foundation – in Dauerschleife in einem kleinen Kinosaal.

(Übrigens auch in voller Länge auf Youtube)

Leider war ich davon so gefangen, dass wir Museumsschluss nicht mehr wirklich Zeit für das letzte Stockwerk blieb. Aber wir kommen wieder.

Koreanischer Karotten-Kohl-Salat

Zurück ins 21. Jahrhundert. Essen wie Vilniusser im Jahr 2026 auswärts essen: London Grill. Eine kleine Ketter litauischer Restaurants, spezialisiert auf gutes Fleisch. Wir begannen mit geröstetem Brot, setzten mit Spießen fort (Schwein und Huhn) und endeten mit Eis mit Lebkuchen und der hüttenkäsigen litauischen Variante des Käsekuchens.

Erstaunlich war, dass wir mit Hilfe eines QR-Codes am Tisch mit Apple Pay bezahlen konnten und keinerlei Kellner*in dafür benötigt wurde. Noch erstaunlicher, dass wir wirklich danach gehen konnten, ohne dass jemand wegen Zechprellerei uns verolgte.

Dann rollten wir, natürlich über Islandos, nach Hause.

Die Reise

Verkehrsmittel

Stand Vilnius Samstagabend: 4 Fernzüge, 1 Regio, 2 S-Bahnen (Berlin), 2 Metros (Warschau) 5 Trams (2, Ffo, 3 Warschau), 5 O-Busse (3 Vilnius, 2 Kaunas), 9 Busse (3 Warschau, 3 Kaunas, 3 Vilnius); hinzugekommen: 3 O-Busse (Hotel->St Peterpaul; Park->Museum; Grill->Bahnhof), 1 Bus (Bahnhof->Hotel)