26-09-01 Der Geruch von frisch gemähter Katzenminze

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Mir träumte, dass ein weiß bejackter Kellner die Topfenknödel der Nussbaumerin zubereitet und mir ans Bett bringt.

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Wir feiern Jubiläen: Ein Jahr Gemüslichkeit, zwei Jahre Tiden-Armband-Uhr.

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Der Oranienburger Generalanzeiger hat das Wort femizid in seinen aktiven Wortschatz aufgenommen.

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Ein Vogel kackte auf Madames aufgeschlagenes Buch.

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Es war Wasserwesengartenwochenende der wehrhaften Natur.

Die Asternsuche

Die Kohlweisslinge flatterten und balgten sich. Die Grashüpfer sprangen rechts und links davon wenn ich kam. Im Landschilf flog eine Hornisse, im Sandarium suchte eine Riesen-Mordfliege ihr Glück. Die Buchsbaumzünslerfalle ist gut gefüllt. Die Spätsommerbelegschaft genießt den Garten, nur Libellen und Heupferde fehlen noch.

Die Trockenheit zog auch hier ein. Nachdem wir dieses Jahr das absurde Schauspiel betrachten dürfen, dass ganz Deutschland ausdürrt, nur das traditionell trockene Brandenburg bekommt ausgerechnet dieses Jahr Regen ab, normalisieren sich die Verhältnisse zum Herbst hin.

Wie Madame sagte: „Die Beete sehen jämmerlich aus.“ Also griffen wir ausnahmsweise zum Schlauch, auch die stets durstigen Birnen bekamen etwas, und so ein wenig richtete es alles wieder auf.

Dann köpfte sie mit der Heckenschere die Lavendel und darunter tauchten auch die Spätsommertreibenden auf.

Nur die Königskerzen, die uns ehrlich gesagt zuflogen und von denen vermutlich schon die allermeisten im jungen Stadium dem Benzinreh zum Opfer fielen, laufen keine Gefahr vom Lavendel verdeckt zu werden.

Die Zahl der Runden ist gezählt

Die große Große Brennessel (Urtica dioica) überragt mich mittlerweile. Die kleineren Großen Brennesseln rupfte ich größtenteils heraus, teilweise unter Inkaufnahme von Blutwunden, wenn diese sich zu sehr mit den Rosen ineinandergewachsen hatten. Aber bei dieser kann ich mich nicht überwinden, zu sehr staune ich sie an.

Noch ist Sommer genug, um die üblichen Gartenbeschäftigungen aufzunehmen. Neben dem Brennesselzupfen kam auch das Rasenmähen hinzu.

Vielleicht das Abmähen? Das Gras wächst kaum mehr. Der Sauerampfer hat das Wachstum eingestellt. Die Wiese muss noch weg. Aber die Wege?

Was noch wächst, kommt von der Seite.

Die Rosen und Schlehen vom Nachbargrundstück versperren inzwischen fast komplett den Weg zum Kompost. Madame heckenscherte Kubikmeter nachbarlichen Liguster. Der Weg am Zaun entlang hinter der Forsythie ist inzwischen der Weg am Zaun entlang durch die Forsythie und entsprechend schmerzhaft.

Die Platterbsen wollen die freigemähten Wege komplett übernehmen. Vielleicht ist das Rasenmäher mittlerweile das falsche Werkzeug und wir bedürfen der Elektromachete.

SABO mit Platterbse

Schweinenackenabendsonne

Das Wintergrillen naht. Das ist wie Sommergrillen, aber mit weniger Sicht und mehr Wahrscheinlichkeit auf Niederschlag. Weil wir absehbar Zeit hatten, um neben dem Grill zu chillen auf den Grill aufzupassen, hatte Madame bei Herrn Rinderstolz einen Schweinenacken mitgenommen. Diesen gab es fast nature, nur mit etwas Salz eingerieben und dann geräuchert, etwa 150 Minuten bei etwa 140 Grad glaube ich.

Dazu Gemüslichkeits-Bohnen (Samstag) beziehungsweise kaltes Fleisch zu Gemüslichkeits-Mais (Sonntag). Es wäre ein perfektes Setting gewesen, um dazu College Football auf einer großen Leinwand laufen zu lassen. Aber soweit bin ich emotional in meiner persönlichen Getroffenheit durch USA-Irrsinn noch nicht, als dass ich mir das anschauen könnte.

Das Personal ist streng angewiesen jeden Gast zufriedenzustellen

Während ich mir die Socken anzog, unterhielt ich mich mit Madame über Marx‘ Klasse an sich und die Klasse für sich.

Sie lernt gerade für ihre Sozialstrukturklausur.

Das schöne am Dienstleistungsmanagement ist ja, dass mensch quasi andauernd Anknüpfungspunkte hat. Selbst wenn es ein lernfreies Wochenende ist, weil ich die gedruckten Lehrbriefe weiterhin nicht finde, denke ich doch oft an sie: Beim Busfahren, beim Einkaufen im Supermarkt, beim Cafébesuch, in vielen Bereichen des Internets. Immer wieder lassen sich theoretische Konzepte – so ich sie denn erinnere – anwenden.

Überraschend: Selbst die Siegfried-Kracauer-Lektüre von Straßen in Berlin und anderswo geht auf das Thema ein. Denn dieser beobachtet den Alltag des frühen 20. Jahrhunderts. Mit dem Luftblasenkünstler im Kaufhaus oder mit der gedruckten Karte im Café: „Das Personal ist streng angewiesen jeden Gast zufriedenzustellen“

Kracauer reflektiert über die Zeiten, die es erforderlich machen, das Personal nicht nur streng anzuweisen, sondern dies vor allem dem Gast per Kärtchen mitzuteilen.

Undine an der Schuppenwand

Auch wenn ich College Football noch nicht über mich bringe. Die große Leinwand hing wieder an der Schuppenwand. Die Mischung aus später Wärme und früher Dunkelheit ist ideal für das Gartenkino.

Fünfzig Kinobesuche dieses Jahr, und nicht ein Berlinfilm war dabei. Everytime, der mir weiter mit jedem Tag Abstand besser gefällt, war ein In-Berlin-Film aber kein Berlinfilm. Anders Undine, präsentiert von der arte Mediathek im Gartenkino.

Ein Spielfilm in dem viele Minuten lang die Berliner Stadtmodelle im Lichthof von Am Kölnischen Park 3 vorgestellt und erläutert werden, kann bei mir nur gewinnen.

Aber natürlich ist das nur ein Aspekt des Films. Christian Petzolds Film von 2020 erzählt die Geschichte der Undine neu zwischen prekärem Stadtmodell-Erläuterungs-Job in einer Stadt, die alle Sümpfe und fast alle Seen zugeschüttet hat, Regionalbahnen und einer industriellen Talsperre.

Undine kann nur menschlich werden, wenn sie liebt und wer sie nicht mehr zurückliebt muss sterben. So die grausige Märchenlogik, der sich Undine Wibeau (Paula Beer) entziehen will.1

Ihr erster Mann, Johannes, ein Berliner Schnösel wie aus dem Film, entgeht dem Tod, weil der zweite auftaucht: Christoph (Franz Rogowski), Industrietaucher, der Undine so schöne Komplimente macht wie „Du erzählst andauernd so schlaue Sachen. Und so viele!“

Unter dem möbliert gemieteten Zimmer am Hackenschen Markt, unter den Abschieden am Bahnhof Lüdenscheid-Brügge, unter dem geplatzten Aquarium wogt das Gefühl. Wie kommen sie zusammen, die Logik allesverschlingender Romantik und die Logik befristeter Freelance-Verträge bei der Senats-Modell-Vorführungs-Abteilung?

Schwerlich.

Die Konstellation der Beiden gibt uns traumhafte Bilder vom Industrietaucher der schweißt, vom Wels der vorbeischwimmt, von Undine, die läuft oder schwimmt. Aber die Tragik der Konstellation ist absehbar. Sie bricht sich mit aller Macht, die einem Märchen innewohnt, ihre Bahn.

Der Film schafft es beide Ebenen ernst zu nehmen. Die Umgebung ist nicht nur Ausstattung, sondern transportiert ein genaues Bild des Hiers und Jetzt. Die beiden und ihre Gefühle dienen nicht nur dazu, eine Aussage über das Hier und Jetzt zu machen, sondern werden intensiv dargestellt und gelebt. Eindrucksvoll.2

Low hanging fruits

Madame erntete die letzten uns noch übrig gebliebenen James Grieve. Sie füllten eine großen Holzkorb, in dem sonst zum Beispiel Pfifferlinge verkauft werden. Dieses Jahr war die Quote von verfaulten Falläpfeln zu Essäpfeln mäßig.

Obwohl sie zu früh sind, entschieden wir uns, Alkmene weiter zu ernten. Abpflücken so lange sie noch wohlbehalten hängen. Ich ging auf die Low Hanging Fruits, diejenigen Äpfel, die ich ohne technische Hilfsmittel erreichte.

Bei allen anderen gehen wir all in und lassen uns beim nächsten Latifundientrip überraschen.

Low hangig Alkmene.

Nur die Tankstellen leuchteten noch

Die Heimfahrt im Stockdunklen. Die Straßen auf dem Weg zur Autobahn blieben leer. Wir hatten uns an den Garten geklammert, aber der Montag war unwiderruflich auf dem Weg.

Irgendwo in Höhe der Rudolf-Wissel-Brücke erzählte der Deutschlandfunk, dass Deutschland die Hockey WM gewonnen hat. Dass es um Männer geht war keiner Erwähnung wert, denn wenn gar nichts gesagt wird, dann sprechen Nachrichten selbstverständlich von Männern. Bei einer Randsportart, bei der deutsche Frauen und Männer zur Weltspitze gehören, zählt auch kaum die Ausrede, dass die Hörerin das ja eh mitbekommen hat/weiß. Ich dachte der DLF wäre weiter.3

Madame rollte die gelbe Tonne an die Straße.

Links

Ich sah niemals die Rocky Horror Picture Show von Anfang bis Ende.

Wenn Dolly Parton vor einem Spiel der Tennessee Volunteers singt, kann ich mich vielleicht diese Saison mit College Football wieder innerlich versöhnen. Und weil man in dem Video eigentlich viel Atmosphäre mitbekommt, aber nichts versteht4, hier andere U of T-Version, bei der Parton das Lied auf der Verleihung ihrer Ehrendoktorwürde singt. Und ehrlich, bester Einlauf einer Ehrendoktorperson aller Zeiten.

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Der Tisch, an dem wir sitzen, gehörte einst Martha Krüger. Ihre Enkelin, Annette Flade, hatte die Idee zu Marthas Tisch. Aus dieser Idee ist im letzten ein Begegnungsort für alle Menschen in Wittenberge geworden. Marthas Tisch steht prominent im Eingangsbereich. Es gibt Kaffee und Kekse, einen Platz zum Sitzen, Austausch oder Ruhe – was man eben gerade sucht.

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Ich bin vor allem verwundert darüber, dass die Bücher alle gleich hoch sind. Back to Front

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Die erste der Saison. Ach was sag ich, die erste des Jahres, des Jahrzehnts. Die erste Schwimmbadpommes des Jahrtausends.

Anmerkungen

  1. Wibeau wie der Held aus Ulrich Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“ wie Madame entdeckte nachdem wir das Stück einst 2024 im Theater in Chemnitz gesehen hatten. ↩︎
  2. Wie ich inzwischen erfuhr arbeitet Petzold an vier Filmen zu den Elementen. Wasser sahen wir, Feuer (Roter Himmel) und Luft (Mirroirs No. 3) werden wir noch sehen. Der Erdfilm ist noch nicht gedreht. ↩︎
  3. Montagmorgen war der DLF auch wieder im Jahr 2026 angekommen. Da hatte die Redaktion die Formulierung der Meldung so abgeändert, dass eindeutig wurde, wer gemeint ist. ↩︎
  4. Immerhin gibt es eine Ahnung davon, wie laut so ein 110.000-Personen-Stadion voller Student*innen werden kann. ↩︎

Kommentare

4 Kommentare zu „26-09-01 Der Geruch von frisch gemähter Katzenminze“

  1. Avatar von Ilka

    Warum nicht Collegefootball? Das ist das optische Äquivalent zu weißem Rauschen bei Geräuschen.

    1. Avatar von southpark

      College Football ist bei mir emotional stark besetzt. Es gab schon immer leichtes Unbehagen, weil die Szene, gerade die Herzenliga SEC schon arg MAGA war. Solang sie nur die Macht hatten dumm rumzutönen, konnte ich das ertragen. Seitdem sie an der Macht sind, weniger. Da ist schon ein wenig gebrochenes Herz bei mir dabei, dass das Verhältnis schwierig macht.

  2. Avatar von Katja

    Vielen Dank für die Verlinkung zu Marthas Tisch. Das hat einige Gäste zum Artikel gebracht. 🙂

    1. Avatar von southpark

      Das freut mich. Inzwischen ist mir übrigens auch wieder eingefallen, dass unsere Solidarische Landwirtschaft bei Marthas Tisch seine Versammlungen abhält. Irgendwo im Unbewussten war mit der Name damit sicher ein Begriff.