26-08-03 Das letzte der Feste (Ostsee-Travemünde-Lübeck)

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Ein Containerschiff auf dem Meer in der Sonne sieht aus wie Lego.

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Ein deutsches Pärchen zerstritt sich über die Berechnung der deutsch-litauischen Zeitverschiebung. Mich machte schon fertig, dass sie dauernd von „lettischer Zeit“ sprachen.

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Aufgrund von Verzögerungen im Betriebsablauf hängt das Blog deutlich hinterher. Das Lebens-Ich ist 18 Tage und knapp 350 Kilometer voraus. Es ereignete sich am 25. Juli.

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Es war ein entschleunigter Seesamstag mit Treppenkofferspurt.

Kreide links, Kreide rechts

Beim Aufwachen der Fensterblick auf Rügen. An Deck der Relingblick nach Møns Klint.

Die Ostsee ließ uns Kreide sehen. Ich stellte mir vor, wie die ganze Entfernung von einem zum anderen einst eine durchgehende Kreide-Ebene war, die langsam vom Meer abgetragen wurde.

An Bord galt bereits deutsche Zeit. Das Frühstück, das um 9 begann, war für uns gefühlt um 10, dementsprechend entschleunigt konnten wir den Tag beginnen.

Kabine. Beide durften unten liegen.

Das Frühstück in unserer schwimmenden Jugendherberge übertraf qualitativ das abendliche Dinner: Die Auswahl umfasste den übliche Hotelfrühstücks-Trialog aus Brotartigem und Belag, Cornflakes und Müsli, sowie Warmem (Rühreier, Bratkartoffeln, Würstchen, Minifrikadellen). Es wäre allein kein Grund dieses Schiff zu buchen aber vollkommen okay.

Sobald wir uns auf der Ostsee der Kadetrinne näherten, nahm die Zahl der Schiffe back- und steuerbords deutlich zu. Erste Segler tauchten auf. Wir saßen auf dem Oberdeck, wir lasen. Nachlassender Wind ließ mich meine Mütze aufbehalten.

Wir pendelten zwischen Oberdeck und Pullmannsitzen. Wir lernten, dass neben uns only two foot passengers auch only one bike passenger an Bord war, der auf dem Liegesessel übernachtet hatte.

Ein wissbegieriges deutsch-pensioniertes Geographielehrerpaar versuchte aus den kasachischen LKW-Fahrern herauszubekommen, ob diese besser deutsch oder englisch reden (deutsch), lieber in Deutschland oder Litauen wohnen würden (Deutschland!) und wie das ist für neue kasachische LKW-Fahrer in einem Land zu fahren, in dem die Schilder nicht lesbar sind (uneindeutige Antwort).

Ebenso wie im Hotel in Klaipėda war auch an Bord der Fähre die Sprache der Gäste fast ausschließlich deutsch (bis auf die LKW-Fahrer und den Bike Passenger), überraschend oft mit Schweizerdeutschem Einschlag. Bei einem derer Paare sahen wir später noch ihren Camper-Van mit Vorarlberger Kennzeichen – das passte auch.

Der Anfang vor dem Anfang

Ich las in Walter Moers Roman Das Labyrinth der Träumenden Bücher. Zu näher ich dem Ende kam, desto klarer wurde die Entdeckung: Das 2011 erschienen Buch ist eigentlich nur Auftakt/Anfang einer längeren Erzählung, deren Fortsetzung allerdings seit 15 Jahren nicht erschienen ist. Wenn ein Buch mit dem Satz endet: „Jetzt fängt die Geschichte an“ ist es unterwältigend wenn sie genau dann aufhört.

Wobei das Buch um einen Schriftsteller (Hildegunst von Mythenmetz) geht, den die Kreativität verlassen hat und der sich nun an den Ort alter Erfolge (Die Stadt der Träumenden Bücher) begibt, um diese wiederzufinden. Da auch der Roman selber eine Rückkehr an Moers vermutlich erfolgreichsten Zamonien-Ort ist, kann ich beim Lesen gar nicht anders als die ein oder andere Meta-Ebene mitdenken. Und am Ende dann auch zu denken: „Okay, der Versuch, hier die Kreativität wieder zu finden, war wohl erfolglos.“

Die Marco Polo flaggt Zypern aber fährt für eine schwedische Reederei

Aber damit konnte ich mich nicht lange aufhalten. Wir übersprangen das Lunch an Bord (wir können ja nichtdie ganze Zeit essen), nahmen die „schwedische Fika“ ein (aufgewärmte Zimtschnecke und ein Kaffee) und ließen das Dinner wieder aus – das sah deutlich besser aus als am Vorabend.

Da wir Nachmittags im Hafen ankamen und das Schiff abends wieder wegfuhr, wurde es vermutlich den Deutschland-Litauen-Fahrenden noch einmal serviert. Vermutlich widerfuhr uns dasselbe am Vortag, wir aßen das was die Travemünde-Litauen-Gäste bereits einige Stunden vorher hatten.

Aber Essensgedanken blieben nebensächlich, wir und sputeten uns, denn wir wollten die Einfahrt in die Lübecker Bucht sehen.

Rechts vom Schiff sahen wir auf den holsteinischen Teil der Lübecker Bucht, links auf den mecklenburgischen Teil. Ich blieb rechts, in der Hoffnung, etwas von Grömitz, Ziel zahlreicher Kindheitsurlaube zu sehen. Naja, ich glaube mit Hilfe von Organic Maps und etwas raten habe ich am Strand vielleicht Gebäude erkannt, die zu Grömitz gehören könnten.

Baden unterm Riesenrad

Schon bald empfingen uns die ersten Segler, die zur Travemünder Woche gehörten. Kleine, schnelle Boote, auf dem Segel mit Nationsbezeichnung und Startnummer; vor Ort um Regatten zu fahren, auch wenn es jetzt eher nach Freizeit- oder Trainingssegeln aussah. Schon bald sahen wir das Travemünder Maritim-Hochhaus (irgendwann werde ich darin übernachten) und das Riesenrad der Travemünder Woche.

Wir begannen den Urlaub auf dem Bunten Heringsfest in Frankfurt, kamen jetzt vom Meeresfest Klaipėda und erreichten das Hafenfest Travemünde. Umso besonderigerer, weil wir vor zwei Jahren, als wir andersrum fuhren, während der Travemünder Woche aufgebrochen waren und noch einmal ausgiebig über diese schlenderten bevor wir an Bord gingen.

2024 hü, 2026 hott

Uns wurde erklärt: Eine Stunde vor der Ankunft kommt eine Durchsage. Eine halbe Stunde danach sind sie bitte im Restaurant/Aufenthaltsraum-bei-der-Rezeption. Wir waren folgsam, sahen wie die Rezeption schloss, wie ein kleiner Junge noch ganz dringend eine schwedische Fahne kaufen musste, und wie sie dann Geld zählten. Da wir immer noch „the only foot passengers“ waren, war die Gruppe komplett, als unser Betreuer kam.

Dieser hatte ein E-Trottinette dabei und es offensichtlich eilig. Wir hatten zwei große Köffer und durften diesmal auch nicht die Rampe benutzen, sondern mussten alle sieben Decks die typischen Schiffstreppen hinunterklimmen. Die Hoffnung, dass vielleicht diesmal der Shuttle Bus .. trog – auch dieser Shuttle-Bus wartete an Land auf uns, noch unterhalb von Deck 1.

Wir fuhren mit dem Betreuer zum Termina. Auf der Fahrt erfuhren, dass er noch kurz an Land wollte, Süßigkeiten für die Kinder kaufen. Bei der Ankunft erinnerten wir: Es war dasselbe Terminal in dem wir vor zwei Jahren viele Stunden auf die Finnlines-Fähre warteten – etwas modernisiert, etwas umgebaut, vor allem aber hatten wir es nach fünf Minuten wieder verlassen.

Terminal Skandinavienkai

Gegenüber vom Terminal zeigt sich unser Glücksgriff ein Hotel in Lübeck gebucht zu haben und nicht in Travemünde: der einzig regelmäßige Bus an diesem Ort, die Linie 50, startet am Terminal Skandinavienkai und fährt bis zur Endstation Lübeck Hauptbahnhof – genau dort wo wir hin sollten.

Tilsit ist jetzt Sowetsk

Wieder fuhren wir eine gute halbe Stunde. Konnten uns in Normaldeutschland wieder einsehen, indem wir durch die weniger schicken Gegenden Travemündes und die Vororte von Lübeck fuhren. Das übliche Neubaugebiet der 1950er mit den typischen Straßennamen (und Bushaltestellen) wirkte plötzlich anders: „Ostpreußenring“ – klar, Kaliningrad, am anderen Ende der Nehrung. Da waren wir fast. „Tilsiter Straße“ – klar jetzt Sowetsk, wäre unser einer Zug einmal anders abgebogen wären wir dort in einer halben Stunde gewesen. Fast bedeuterte ich, dass es keine Memelallee gab. Was bisher immer seltsame Vertriebennoastalgie war, hatte sich in den letzten zwei Wochen in konkrete Orte und konkrete Vorstellungen verwandelt – gemischt mit ein wenig Nachurlaubssehnsucht.

Zum Abschluss dann noch einmal die Prachtseite: der Bus passierte die Lübecker Innenstadtinsel bevor er am Bahnhof endete. Wir liefen die letzten 30 Meter vom Bus zum Premier Inn: Zuverlässiges Kettenhotel mit Fahrstuhl, – keine Experimente mehr an diesem letzten Abend.

Fruchtig, aber auch Pils

Wir blieben abenteuerunlustig und wählten das Restaurant neben den Hotel. Nachdem wir mit dem Gaisrinė (= Feuerwache) in Klaipėda schon recht erfolgreiche Erfahrungen gemacht hatten, gingen wir zur Alten Feuerwache Lübeck.

Die Karte verwirrte: Kurz genug, um wirklich echt und alles selbst zu kochen, aber sehr zersplittert: Schweinefleisch nur einmal auf der ganzen Karte als kleiner Teil einer „Feuerwachenpfanne“ (lohnt dafür die Vorratshaltung an dem Fleisch?), bei drei Fischgerichten eines Nicht-Fischlokals war eines eine ganze Scholle, quasi jedes Gericht hatte eine andere Beilage. Falls sie wirklich frisch kochen muss das der Albtraum einer jeden Lebensmittel- und Ablaufplanung sein.

Der Service blieb genauso verwirrend: Super freundlich und zuvorkommend, aber manchmal.. Auseinandersetzungen im Gastraum, wer was machen muss. Auch im Gastraum lautes Geschepper, wieder und wieder mit Besteck.

Auf die Frage welche Craft Beere sie haben und was die Sorten sind, bekamen wir eine sehr bemühte, ausführliche Auskunft, die sich aber im Wesentlichen auf den Kernsatz „Ich trinke kein Bier und kenne die nicht“ hätte zusammenstreichen lassen. Mein „fruchtiges besonderes Bier“ zum Beispiel war offenschmecklich ein sanftes Pils, und nicht fruchtig.

Dann kam das Essen und es war richtig gut. Sehr offensichtlich frisch vom Grunde auf gekocht, die Scholle quasi fangfrisch, das Fleisch nahezu perfekt. Später erfuhren wir auch, dass das Lokal zwar alt ist, die Betreiber aber neu sind.

Ich hoffe sehr für sie, dass sie sich zurechtruckeln bevor ihnen ihre eigene Vorratshaltung oder vor-den-Kopf-gestoßene-Gäste ernsthafte Probleme bereiten. Verdient hätten sie es.

Gelb und blau

Wir schliefen ein mit Blick auf die neuen Lübecker Fernbusbahnsteige, nicht ahnend, dass diese nachts ein Hot Spot des Nachtlebens werden.

Irgendwann wachten wir auf, wegen wildem Gebrüll. Bis wir wach genug waren, nachzusehen, standen die beiden Kontrahenten etwas 30 Meter auseinander, wirkten beide so als hätten sie deutlich mehr als zwei Bier getrunken und schrien sich an.

Er nuschelte, sie war ihm vor „Du hast mich grün und blau geschlagen“ – ob jetzt, vorhin oder irgendwann, blieb unklar. Wir überlegten schon, ob wir da jetzt eingreifen sollten oder müssen als die Polizei kam. Diese redete mit beiden, deeskalierte und insbesondere nahm sie eine Polizistin ausführlich der Frau an. Wir konnten wieder ins Bett.

Einige Stunden später wieder wach: Wilde Party. Zwei Typen hatten auf eine Art Sackkarre dabei, auf dieser ein großer Bluetooth-Lautsprecher, beschallten das komplette Hotel mit Uffta, uffta und tanzen dazu auf der Straße.

Die Reise

11. Juli Berlin -> Frankfurt(Oder)

12. Juli Frankfurt(Oder) -> Warschau

13. Juli Warschau

14. Juli Warschau -> Mockava -> Kaunas

15. Juli: Kaunas 1 (Art Deco, Stadtgebiet)

16. Juli: Kaunas 2 (Essen, Kloster)

17. Juli: Kaunas 3 (Kino, Altstadt, Parks)

18. Juli: Kaunas->Vilnius

19. Juli: Vilnius 1 (Jewish Vilnius, Užupis)

20. Juli: Vilnius 2 (Peterpaul, Litvak-Museum)

22. Juli: Vilnius 3 (Samuel Bak, Back to the 90s)

23. Juli: Vilnius 4 (Akropolis, Sowjettour)

25. Juli: Vilnius->Klaipėda

26. Juli: Klaipėda/ Kurische Nehrung

27. Juli: Klaipėda

2. August: Klaipėda-Ostsee

Verkehrsmittel

Stand Lübeck. 5 Fernzüge, 1 Regiozug, 1 Regioboot, 1 Fernfähre, 1 Hopserfähre, 2 S-Bahnen (Berlin), 2 Metros (Warschau) 5 Trams (2 Ffo, 3 Warschau), 1 Regiobus (Klaipėda), 7 O-Busse (5 Vilnius, 2 Kaunas), 1 Expressbus (Vilnius), 15 Busse (5 Vilnius, 3 Warschau, 3 Kaunas, 3 Klaipėda, 1 Lübeck), 1 Minibus (Klaipėda), 2 Shuttlebus (Kleipėda, Travemünde); hinzugekommen: 1 Fernfähre (Klaipėda-Travemünde), 1 Shuttlebus (Skandinavienkai), 1 Bus (Travemünde-Lübeck)

Passagiere sind Zubrot. Wichtig sind an Bord die LKW-Hänger.

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