Wilmersdorf war einst ein Fischerdorf. Was um so erstaunlicher ist, weil heutzutage nicht einmal mehr der See existiert, in dem die Wilmersdorfer jahrhundertelang fischten.
Auch die neue Wohnumgegend steckt voller Geschichten.
Ich habe die Hoffnung, dass ich langsam dahin komme, diese Geschichten erkunden zu können.
Es gibt da beispielsweise das Stadtbad Wilmersdorf, über das der rbb einen Film anlässlich seiner Eröffnung 1961 wieder ausgrub: Hallenbad Wilmersdorf eröffnet
Am Samstag um 20:54h hatte ich das erste Mal seit dem Umzug das Gefühl: Jetzt schwimmen. Jetzt bin ich körperlich erledigt. geistig entspannt und habe vor allem nicht mehr das Gefühl unbedingt in der Wohnung räumen zu müssen, ich traue mir sogar zu mit nassen Badesachen das Chaoslevel zu vergrößern – ich würde jetzt gerne in ebenjenem Stadt WIlmersdorf baden gehen.
Allerdings war die zu diesem Zeitpunkt der Ende-der-Badezeit-Gong bereits vor vier Stunden und vierundzwanzig MInuten ertönt.
Es waren zwei Werktage des Nachumzugs. Einer mit Werken, einer mit Nachumziehen.
Am Ende des zweiten Werktags wünschte mir ein Weihnachtsmann auf einer weißen Vespa Merry Christmas. Er war der Teil der Weihnachtsbiker und das war sehr schön.1

An der Panke
Zum Ende des Jahres durfte ich mir etwas schenken: Eine Schwimmbadexkursion. Ausgestattet mit einer handvoll Fidokeys, einem Ersatzkabel und einem Ersatzlaptop galt es die Segnungen der Digitalisierung bis in den letzten Winkel Berlins zu evangelisieren: Dorthin, wo die Windräder stehen, nach Buch.
Wobei ich gleichzeitig ein sehr schlechter und ein sehr guter Digital-Evangelisator bin.
Einerseits bin ich vermutlich in der ganzen Abteilung derjenige, der am wenigsten sagen würde: Digital ist besser. Gemessen an Beruf und Bildung lebe ich ausgesprochen analog, überlebe einmal alle drei Monate, ob mein Alltag ohne Smartphone machbar wäre2 und verstehe jeden, der damit nichts zu tun haben will. Andererseits kann ich aber voll Überzeugung sagen „so wie wir das gerade machen, ergibt es tatsächlich Sinn.“
Na egal, eigentlich freue ich mich, mal in verschiedenen Bädern hinter die Kulissen zu schauen, zu sehen, wo Teamräume und Büros sind, am Rand die Diskussionen mitzuhören, wer den nächsten Saunaufguss macht und den Kaffee aus der Badmaschine angeboten zu bekommen.
Dafür fahre ich auch gerne zwei Stunden S-Bahn hin- und zurück und schleppe zwei Laptops anderthalb Kilometer die Panke entlang bis ich endlich im Bad bin.
Immer wieder lustig: in kompletter Straßenkleidung mit Jacke und Taschen (aber Überziehern an den Schuhen!) einmal quer durch die Schwimmhalle zu laufen, weil die relevanten Personen in der anderen Hälfte des Gebäudes sind.
Und irgendwann Hummer thermidor
Irgendwie verlief dieses Jahr unerwartet. Die letzten Wochen ganz besonders. Aber dass Madame beim Essen in der Wilmersdorfer Brasserie Pastis sagen würde „Klingt alles gut, aber hatte ich dieses Jahr schon so oft in Paris“ – auch das war unerwartet.
Wenn mein runder Geburtstag schon zwischen Bachelor, Tübingen-Konferenz und Wohnungs-Zusage etwas unterging (nicht böse drüber), so traf es Madame noch untergängiger. Sie ist eh schon mit dem Geburtstag inmitten der Adventszeit gestraft. Aber dieses Jahr fiel er auch noch in die zwei Wochen, die komplett der Umzugsbewältigung dienen.
Abends gewährten wir uns Ausgang: das Pastis. Eine franzöisches Restaurant am Rüdesheimer Platz, eine U-Bahn-Station von der neuen Wohnung entfernt. In Frankreich wäre es ein unspektakuläres gutes Restaurant, für deutsche Verhältnisse, wo im Schnitt dann doch ein anderes Gastronomieniveau gilt, war es also schon edel.
Wir hatten einen schönen Tisch neben einer unterhaltsamen bürgerlich-Westberliner-Familienrunde. Kellner und Kellnerin wirkten angemessen charmant französisch. Sie servierten uns Jakobsmuscheln bzw. Geflügelconsommé mit Maispoularde, dann Entenbrust bzw. Seeteufel und zum Ende eine doppelte Crème brûlée. Dazu Cremant rose, ein Bordeaux auf Empfehlung des Kellners und zum Dessert ein Sauternes.
Eigentlich dachten wir, das Schlimmste wäre überstanden und dann suchten wir zwei Stunden lang nach der großen, sperrigen, unübersehbaren Bodendüse des Staubsaugers
Am Samstag um 14:00h holte ein freundlicher Mann mit osteuropäischem Akzent 170 leere Umzugskartons ab. Seitdem können wir einen Haken machen: Erste Etappe geschafft.
In 10 Tagen (davon die allermeisten mit in diesem Fall sehr lästiger Erwerbsarbeit) von „Eigentlich kann man sich in dieser Wohnung nicht mehr bewegen und wir sind begeistert, wenn wir es schaffen in jedem Zimmer durch die Tür zu kommen und noch begeisterter, wenn wir beide gleichzeitig auf je einem freigeräuten Stuhl sitzen“ zu „wir kommen an jede Wand, jeden Schrank, jedes Fenster, und das war noch nicht verräumt ist, war auch schon in Schöneberg ein wenig heimatlos.“
Noch ist alles provisorisch. Noch sind 30 Kisten nicht ausgeräumt, noch hängen eine ganze Menge Regale nicht (von Bildern, Vorhängen und Lampen will ich nicht anfangen..) aber die grundlegende Zivilisation innerhalb der Wohnung ist wieder hergestellt.
What a ride.
Zum Abschluss noch mal nach Schöneberg, Seidenpapier im dortigen Papiercontainer entsorgen (noch zahlen wir dort Miete und Nebenkosten!) und mal nach der Wohnung schauen. Immer wieder staunen, wie sich zwei Wohnlagen, gerade mal zwei Kilometer voneinander entfernt, beide in nahezu identischer Entfernung zum S-Bahn-Ring so voneinander unterscheiden können.
Wir zogen nicht nur nach Wilmersdorf, sondern auch auf ein Dorf.3
Warum Digitalisierung so kalt ist
Digitalisierung im Arbeitsleben ist Schlimm, Beweisstück 1 (Foto Nr. 4) und Beweisstück 2.
So gleich und doch so anders: Kurz vorm Erfrieren: Warum unser japanisches Haus so kalt ist
Kalt war es auch bei Christiane in den französischen Bergen: Same same but different – der Weihnachtsmarkt im Bergdorf
Nico erinnert sich an Norddeich Radio.
Außerhalb des Kinos findet in meinem Leben Bewegtbildwerbung nicht mehr wirklich statt. Umso netter von Thomas mich an die Weihnachtsspots zu erinnern und der niedlichste kommt aus Frankreich.
Vielen Dank für’s Verlinken meines hausgemachten Käses und alles Gute für die Umzugs-Nachbereitung 🙂
Verleser: „ Am Ende des zweiten Weltkriegs wünschte mir ein Weihnachtsmann auf einer weißen Vespa Merry Christmas.“