Blick in den Saal 2 des FaF mit Zauberflöten-Deko auf dem Screen

26-04-16 Der Pool ist gerichtet

„Ein endlos laufendes Programm ist von einem sehr, sehr lange laufendem Programm erst dann zu unterscheiden, wenn das sehr, sehr lange laufende Programm zum Ende gekommen ist.“

Ich beginne mich wieder mit der Fernuni zu beschäftigen.

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Madame informierte mich, dass zehn Kilo Orangen in der Packstation liegen.

Wir absolvierten gemeinsam eine Mini-Fortbildung zum Thema „Ein Paket im Auftrag einer anderen Person aber ohne Benachrichtigungskarte an der Packstation abholen“.

Ich informierte Madame, dass acht Kilo Orangen im Kühlschrank liegen.

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Die Zierkirsche ziert sich nicht mehr. Aus dem Fenster schaue ich direkt auf einen rosa Puschelfluffel.

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S-Bahn-Fahrt-Fragen: Warum gibt es keinen S-Bahnhof Wilmersdorf? Es gibt Neukölln->Tempelhof->Schöneberg->Halensee. Nur Wilmersdorf wird als Ortsteil verschwiegen. Selbst der Mini-Ortsteil Witzleben hatte über Jahrzehnte seinen eigenbenamsten Bahnhof, bevor dieser in Messe Nord umbenannt wurde.

Anlässlich des Bahnhofs-Umbenennungs-Gedanken erinnerte ich mich, dass das Südkreuz ja eigentlich auch der ehemalige Bahnhof Papestraße ist.

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Im Bahnhof Papestraße wurden Rolltreppenabsperrungen zurückgebaut. Die Rolltreppen sind genauso gesperrt wie zuvor, aber unauffälliger. Ein „im Auftrag von DB-Security“-Mitarbeiter wies seinen Kollegen darauf hin, dass auch die Worte „zeitweilig“ und „derzeit“ von den Störungs-Hinweisen verschwanden.“

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Es waren drei Arbeitstage mit Don-Giovanni-Intermezzo.

Weiss alter Kastenwagen mit Aufschrift "occo   ngano  liesen"

Im Juli dann in Staaken

So sehr der Subaru „ein Geschenk“ ist, er hat einen Nachteil. Er ist anders als die anderen. Bei diffizileren Problemen lohnt es sich, eine Subaru-Werkstatt aufzusuchen. Beziehunsgweise, DIE Subaru-Werkstatt. In ganz Berlin werden vier Millionen mögliche Subaru-Fahrer*innen von dieser einen Werkstatt betreut.

Die Werkstatt legte ihren Sitz bereits vorsichtshalber an den Rand des Stadtgebiets in die letzten Ausfransungen des ÖPNV-Netzes. Und dennoch ist sie dauer-überlaufen.

Was dann zuverlässig dazu führt, dass man sie mit viel Mühe davon überzeugen muss, überhaupt einen Termin in ferner Zukunft zu vergeben – nicht ohne wechselnde Seufzer und Verzweiflungslaute am Telefon gegenüber – und dann lange Zeit später zwei halbe Tagesreisen noch über Spandau hinaus zu unternehmen.

Ende Juli dann werden sie sich die Klimaanlage anschauen.

Front quadrant swimming zum Beispiel

Meine Schwimmbadbesuchsfrequenz ist schlecht. Noch scheinen sie mir im Bad aber zu verzeihen. Als ich mir mein obligatorisches Eintrittskärtchen geben ließ, breitete der Kassierer seine Arme aus und informierte mich: „Der Pool ist gerichtet.“

Im gerichteten Pool hatte ich erstmals den Eindruck im echten Schwimmen einige Total-Immersion-Änderungen gleichzeitig betreiben zu können, ohne so sehr aus dem Rhythmus zu geraten, dass ich wieder fast ertrinke. Sehr angenehm.

Ein telefonierender Mann erzählte am Telefon, dass er gern zum telefonieren in die Ringbahn geht, weil er das interessanter findet als zu Hause zu sitzen

DAISY blinkte anklagend. Das elektronische Info-System der BVG legte all‘ die Empörung, die es ausdrücken konnte in die Mitteilung „Tram fährt unregelmäßig/ Falschparker in der Langhansstraße!.“ Damit verblieb Berlin leider im Normalmodus. Von den vier benutzten Verkehrsmitteln auf dem Weg zum und vom Kino1 hatten drei Probleme.

Die Ringbahn hatte Baustelle und fuhr nur in eine Richtung. Die Tram hatte Falschparker. Der Bus hatte auch Baustelle und hat vor Schreck nicht mehr angezeigt, wo er gerade langfährt. Nur die Nord-Süd-S-Bahn lief wie ursprünglich geplant.

In der S-Bahn stellte ich mir kurz eine Version meiner selbst vor, die mit dem ungesicherten roten Battaglin-Rennrad, das direkt vor der Wagentür stand, durchbrennt. Allerdings müsste dieses alternativ-ich sportlicher sein als das echt-ich, um eine faire Fluchtchance aus dem Bahnhof heraus zu haben.

Vor allem hatte ich die Strecke gewählt, um mit dem 200er einmal die Touristenroute Leipziger Straße / Schloss / Rotes Rathaus zu fahren. Unterschätzt hatte ich, wie viele Tourist*innen den April für einen guten Monat für Städtereisen halten.

Während wir buskuschelten, erzählte eine resolute Ostberlinerin mit Mecki-Frisur im Ich-kann-Büro-aber-lieber-ernte-ich-Zucchini-Outfit ihrem Nachbarn von „Anzugschnöseln, die sich die Schuppen aus den Haaren pulen. Ich hätte fast gekotzt.“ Kurz zweifelte ich an meiner Verkehrsmittel-Wahl.

Faf!

Niemals allerdings zweifelte ich am Ziel: Das Filmtheater am Friedrichshain (FaF) und dessen Saal 2.

Für den Emotionsüberschwang zitiere ich das Kinokompendium:

Der Saal ist zweifellos einer der schönsten Säle Berlins und der gelungenste der fünf Säle, die alle unterschiedlich von der Bühnenbildnerin Vera Dobroschke gestaltet wurden. Wahrscheinlich hat sie hier den größten Teil ihres Etats verbraucht. Fans von Sälen mit herausragendem Ambiente sollten dem Saal 2 im ‚FaF‘ unbedingt einen Besuch abstatten.

Jenseits von Saal 2 ist das Kino nicht ganz so spektakulär – aber fast. Auf der Außenterrasse des Fafs liegt der kleine Biergarten. Auf der anderen Straßenseite der Volkspark am Friedrichshain und nebenan lauter Gebäude, die vermutlich Preisträger des Wettbewerbs „Stelle-Gentrifizierung-als-Mehrfamilienhaus-dar“ sind.

Thank God, dass das Kino nicht wie ursprünglich geplant an einem Bürobau weichen musste.

Noch eindrucksvoller als das Kino war der Film. Nachdem mir Yorck eine Mozartkugel geschenkt hatten, alle im Saal die Miniatur-Sitzplatznummerierungen gefunden und sich einsortiert hatten, begann ein Epos.

Blick in den Saal 2 des FaF mit Zauberflöten-Deko auf dem Screen

Wolferl!

Der Film, Amadeus, vertritt eine starke These: Mozart war die Stimme Gottes.

Tatsächlich fragte ich mich während des Schauens mehrfach, welch wundersame kosmische Konstellation dafür sorgte, dass dieser Film so entstehen konnte. Nur nach irdischen Verfahren ist seine Existenz kaum zu erklären.

Denn ich sah den Film, stellte nach drei Minuten fest, ihn zu lieben und dieses Gefühl hielt drei Stunden lang an.

  • Er ist gleichzeitig Camp/albern, fast möchte ich sagen John-Waters-beeinflusst, und nimmt sein Thema dennoch jede Sekunde ernst.
  • Er ist in seinem Befinden und seiner Ästhetik so un-Hollywood wie ein Publikumsfilm nur sein kann und gleichzeitig mit Blockbuster-Aufwand und -Erfolg in der Welt.
  • Die Musik ist von Neville Marriner und der Academy of St Martin in the Fields, die darauf bestanden, dass Mozart notengetreu im Film gespielt wird. Überhaupt lese ich, dass der ganze Film um die Musik gebaut ist, nicht anders herum.
  • Also: John Waters dreht mit Neville Marriner einen Hollywood-Blockbuster über klassische Musik und gewinnt acht Oscars.

Gran Partita aligned in every language

Letztens schrieb Dasnuf wie befremdlich sich der Besuch eines Klassik-Konzerts anfühlte und wie wenig sie mit dem Einführungstext anfangen konnte. Da musste ich doch während Amadeus denken, als Salieria die Gran Partita2 darlegt. Ein Film, der sich über eine Minute Zeit nimmt, ein Mozartstück zu erläutern. Großes Kino. Und wer den dritten Satz ganz hören will: Mozart – Serenade Nr. 10 B-Dur „Gran Partita“ | WDR Sinfonieorchester

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Was ich immer mal selber machen wollte: Eine Seite, die zu einem Thema alle Wikipedia-Titelbilder der verschiedenen Sprachversionen zeigt: In every language. (via)

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Manchmal fühlte ich mich aligned, dennoch war das Lesen nicht obsolet.

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Was hat sich in Armenien verändert in den letzten Jahren?

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Kohl! How an unappetizing shrub became dozens of different vegetables (via)

Anmerkungen

  1. Yorck Unlimited No. 20 – 11,90€/Besuch damit preiswerter pro Besuch als jede reguläre Abendkassenkarte. ↩︎
  2. Die ich nicht erkannt, sondern im Nachhinein recherchiert habe. ↩︎

Ein Gedanke zu „26-04-16 Der Pool ist gerichtet“

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