25-12-04 Eine Formalie in Kiew

Zum Abschied noch einmal Hinterhof. Um 6:20h Uhr morgens hörten wir aus dem Schöneberger Schlafzimmer das Rumpeln der Müllabfuhr. Kurz danach ein eher lauter Wortwechsel auf dem Hof – einer der Stimme nach der Rüpel-Eumel-Hallodri von vor ein paar Tagen, der andere unbekannt. Stimmung: Unfroh.

Beim späteren Nachsehen: Container so voll wie ehedem. Vermutung: Der Eumel-Hallodri wollte, dass die BSR irgendwas tun soll, und die Müllwerker haben ihm erzählt, was sie von seiner Eumel-Hallodrihaftigen Herangehensweisen an Sachen halten.

Aber nicht mehr unser Problem, jetzt wieder aus der Ferne unser Entertainment.

Unser aktueller Post-Schöneberger Stand: Madame stolperte beim Verlassen des Gebäudes über die Handtücher des Flip-Flop tragenden Frühschwimmers, der vor dem Haupteingang darauf wartete, dass endlich das Schwimmbad öffnet. Vermutlich war er genauso verblüfft, Madame zu sehen, wie umgekehrt.

Niemand ist etwas passiert, nur allgemeine Verblüffung.

So lange ich inmitten eines Kisten- und Möbelbergs sitze, will ich nicht sagen, dass der Umzug vorbei ist – aber zumindest stehen sämtliche Kisten und Möbel jetzt in Wilmersdorf. Wir verbrachten die erste Nacht in der neuen Wohnung.

Es waren die beiden Tage des Umzugs.

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Aus Gründen von Prozess-Bruch-Vermeidung und Faulheit beauftragten wir das Umzugsunternehmen HeldinTrans auch die ganze in-Kisten-Packerei zu übernehmen.

Plan war auch: die Profis packen die Kisten an einem Tag, ersparen uns zumindest in der alten Wohnung, dass wir schon Wochen aus und in halb gepackten Kisten leben müssen. Das ging auf.

Sie kamen um acht Uhr, fünf Mann, ich glaube ein ukrainisches-türkisches Team und sie packten und wickelten in Seidenpapier, LuPo1 und eine Art Frischhaltefolie und sie packten und wickelten weiter. Sie demontierten, schraubten auseinander2 und packten weiter.

So weit wir sehen konnten, lief alles sehr sorgsam und bemüht, sorgsamer und definitiv mit sehr viel mehr LuPo und Frischhaltefolie und Klebebändern als wir sie benutzt hätten. „So viele Bücher!“ und so viel Seidenpapier-nötiges Geschirr.

Madame verblüffte, indem die bewunderten „antiken Vasen“ keine 10 Jahre alt und außerdem von ihr selbst getöpfert waren.

Wir lernten, dass Canapee offenbar das ukrainische und türkische Wort für Sofa ist.

Denn wie Eisbären in stetig schrumpfenden Eis hatten wir uns auf dieses Canapee zurückgezogen. Das ist das eigentümliche, an der wir-lassen-packen-Konstruktion: Wir mussten zwar anwesend sein um im Zweifel Sachen zu entscheiden – ansonsten war aber das Beste, was wir tun konnten: Nicht im Weg rumstehen.

So begannen wir am Küchentisch – bis sie Küche und Stühle einpacken wollten, und flüchteten weiter durch die Wohnung, bis uns nur noch das Sofa blieb. Eine schön-absurde-Situation: Wir beide auf dem Sofa, lesend, während um uns herum fleißig gearbeitet wird.

So kam ich dazu, endlich weitere größere Teile von Dmitrij Kapitelmans Eine Formalie in Kiew zu lesen, Madame setzte ihre Zweitumrundung des Elizabeth-George-Kosmos fort.

Um 13:40h waren sie fertig. (Wir „so schnell“, sie „so lange, so viel zu verpacken“), und wir beschlossen, dass die Wilmersdorfer Leere gemütlicher ist als das Schöneberger Kartonlabyrinth und begaben uns nach Wilmersdort. Immerhin gab es in Wilmersdorf schon Klapptisch und -stühle und Pflanzen und eine Möglichkeit, unbgegrenzte Mengen Kaffees zu machen.3

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Wenn das Umzugsunternehmen dreimal schreibt, dass sie um 9 Uhr kommen, dann kann mensch sich darauf verlassen, dass es um 8:15h klingelt und sieben Leute in Montur vor einem stehen.

Es war ja schon fast alles demontiert und gepackt und vorbereitet, so dass es „nur“ noch um das Tragen ging. Vier Stockwerke hinab durch ein Treppenhaus. Wir beide wieder mit der ehrenvollen Aufgabe „nicht herumstehen“, was aber schwieriger war – die Wege waren durch die ganzen Kisten schmal geworden und bald schon waren auch die letzten Stühle und das Canapee in Folie verpackt – ergo unbenutztbar.

Neben den existenziellen Schmerzen („Mein Leben! Was mache wir? Alles weg! War das eine gute Idee?) kamen irgendwann auch einfach Schmerzen durch stundenlanges Stehen hinzu. Lesen war im Stehen auch eher schwer geworden.

Um 12:10h war die Wohnung leer. (Fast) all unser Hab und Gut befand sich ein Bord eines vollen 7,5 Tonners und einen drittelgefüllten 3,5 Tonners. Das Auspacken ging schnell. Nur noch ein Dreiviertelstockwerk von 1961 statt vier Altbaustockwerke. Die neue Wohnung ist zwar kleiner als die alte, aber doch größer als der LKW. Also war mehr Platz. Sie trugen hinein und bauten auf.

Zwischendurch war es sehr gemütlich.

Dann kamen die Kisten. Und sie hinterließen das Problem, dass wir die Schränke haben, um Zeug einzuräumen, aber gar nicht erst an die Schränke kommen, weil sie komplett zugebaut sind mit dem Zeug, das eigentlich in die Schränke soll.

Die nächsten Tage wird wohl das Kistenumstapeln unser größtes Hobby.

Um 15:16h war alles vorbei. Alle Möbel, Kisten und sonstiger Gruscht waren in die neue Wohnung und den neuen Keller verbracht. Alles war ordnungsgemäß unterschrieben und dokumentiert und dann war nicht nur alles vorbei, sondern auch alles fing an.

Jetzt folgte die Wohnungsfreiligung. Aber das ist eine andere Geschichte. Die zumindest ich deutlich entspannter angehen werde, denn jetzt ist erstmal der Tunnel mit fester Deadline vorbei – erst einmal wird unser Leben derzeit stündlich wieder wohnlicher und angenehmer.

Bücher mit Käse überbacken

Im Dezember lernte ich: So ein kleiner Mittagsschlaf ist, als würde man den Tag mit Käse überbacken.

Herr Rau und die Bücher.

Krähen sind einfach cool. Hamburg-Korresponden Percy Puddletree bestätigt.

Und in eben diesem Möbelhaus wurde ein Theaterstück aufgeführt. In der Küchenabteilung. Stühle hatten die ja genug, war kein Problem.

Anmerkungen

  1. Offenbar der mehrsprachige Fachbegriff für Luftpolsterfolie ↩︎
  2. Selbst Sachen, wir wir gar nicht beauftragt hatten, sondern sagten, machen wir selber, wie zum Beispiel Wandregale abschrauben oder Billys von der Wand lösen. ↩︎
  3. Es war uns zwar gelungen, dem Umzugsteam die Kaffeemaschine wieder zu entreißen, aber auch mit nur einer Frühstücksportion vorgemahlenem Kaffee. ↩︎

5 Gedanken zu „25-12-04 Eine Formalie in Kiew“

  1. Atemlos drücke ich schon die ganze Zeit die Daumen für den Umzug. Ihr wohnt jetzt echt „im“ Schwimmbad? Großartig. Glückwunsch auch nachträglich zum bestandenen Studienabschluss. Und danke fürs Verlinken.

    1. Vielen Dank für beides. Und ja, echt im Schwimmbad. Laut Bauplan die „Wohnung des Maschinenmeisters.“ Der Eingang zu unserer Wohnung ist der Personaleingang des Schwimmbads, wenn wir die Wohnungstür öffnen, schauen wir direkt ins Badfoyer.

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