Madame und die evangelische Musiklehrerin saunierten zu Limone-Eis.
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Wir nutzten die eisfreien Wege und den Besuch aus Hamburg-Einbeck zu einem Spaziergang durch unseren neuen Kiez: Alt-Wilmersdorf.
Es ist immer noch faszinierend zu sehen, dass ganze historische Struktur Alt-Wilmersdorfs mit Straßen, Grundstücksgrenzen und Gebäuden auf einen See ausgerichtet ist – der nicht mehr existiert. Alt-Wilmersdorf schmiegt sich an einen Fußballplatz. der auf dem zugeschütteten See errichtet wurde. Kirche, Herrenhaus und ehemalige Bürgerhäuser haben großzügige Gartengrundstücke, die auf den Fußballplatz zulaufen.
Dabei entdeckt: Der Schölerpark, ein ehemaliger Barockpark, der sich im Laufe der Jahrhunderte in eine naturnahe ruhige Grünoase am See Fußballplatz verwandelte.
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Zum Abschied gab es ein Strandkorbfoto, denn in unserem Schwimmbadfoyer haben wir jetzt Zugriff auf einen Haus-Strandkorb.
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Schwerer Fehler: Im Fire 1973 bestellte ich einen Ananassalat1, der relativ großzügig mit Chilis versehen war. Und vielleicht muss ich mich jetzt den Rest meines Lebens nur noch von diesem Ananassalat ernähren. Vielleicht im Wechsel mit den Marillenknödeln der Nussbaumerin.
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Der Kaptain experimentiert mit Smoothies. Ich finde das sehr spannend.
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Im Café in Zehlendorf hörte ich den ausdauernden Vortrag einer (semi)professionellen Zahnarztfunktionärin am Nachbartisch. Ich hoffte auf Details zum Versorgungswerk-Skandal, leider aber war es im Wesentlichen eine exorbitante Bejammerung ihrer mangelnden Anerkennung. („Ich dachte das ist wie in der Wirtschaft – wer gut ist, kommt nach oben. Dem ist aber in der Politik nicht so!“)
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Es war ein Freitag und Samstag mit Besuch und Aktivitäten.
Mid-century Noir
Kreuzberg, 2026
Plottwist: Ich war auf dem Weg zu einem Kinofilm, bei dem ein zentraler Plotpunkt ist, dass die Hauptperson im Fahrstuhl feststeckt. Und was passiert: Ich stecke in der U-Bahn fest. Gut 20 Minuten standen wir im Bahnhof Yorckstraße, betreut von einer zunehmend genervten U-Bahnfahrerin und einem rustikaler Mann mit Warnweste. Wir, an den Scheiben kratzend in den Waggons wie im Zoo, auf dem Bahnsteig die stets zunehmende Menschenmenge, die gerne fahren würde aber nicht konnte.
Am Ende „wir müssen evakuieren!“ Sie öffneten eine Tür per Notöffnung, und unter dem Warnpiepen der Tür ergoss sich die ganze U-Bahn in den Bahnhof. Angesichts des zu erwartbaren folgenden Aufräumchaos beschloss ich, den Rest der Strecke in der Nacht durch den Dauerregen zu laufen: Southpark auf der Yorckstraße statt Jeanne Moreau auf dem Champs Elysee.
Paris, 1958
Um einen Schritt zurück zu treten:
Ich hatte die Jeanne-Moreau-auf-dem-Champs-Elysee-Szene gesehen2: Jeanne Moreau in „Lift to the Scaffold“ (Miles Davis Theme). Mein Gedanke war klar: Und wenn sie die restlichen 86 Minuten des Filmes nur schreiende Teletubbies zeigen sollte: Ich muss diesen Film sehen.
Welch glückliche Fügung, dass auch er es in das Boulevard-Noir-Programm von Yorck geschafft hatte.3
Fahrstuhl zum Schafott/ Ascenseur pour l’échafaud von 1958 ist ein Noir/Nouvelle-Vague-Klassiker. Zwei Paare begehen je einen Mord: ein „älteres“ (Julien Travernier und Florence Cavala – so 30/40 Jahre alt) und ein jüngeres (Lois und Veronique – unter 20).
Die Älteren haben nicht nur Nachnamen sondern auch einen Plan. Sie haben eine Lebensgeschichte (Ehefrau eines Waffenhändlers bzw- Exfallschirmjäger), die Jüngeren haben Energie und romantische Ideen. Die älteren haben einen sorgsam ausgearbeiteten Plan, die jüngeren überschießende Emotionen. Aber durch einen stecken gebliebenen Fahrstuhl und viele Zufälle verheddern sich beide Geschichten untrennbar ineinander.
Die Geschichte spielt in weniger als 24 Stunden an einem Tag und vor allem in einer Nacht in Paris.
Nie wurde Paris so amerikanisch inszeniert4. Selten war es so cool. Es waren noch Zeiten als Paris nicht europäisch-altertümlich-romantisch insiziniert wurde, sondern das stylishte der Moderne aufbot: Das brandneue stylische Bürogebäude in bester Nachkriegsmoderne Rue de Courcelles 29, im Innern mit der modernsten Büroausstattung der Zeit, die beiden Autos, ein 1952 Chevrolet Styline de Luxe Cabrio und ein Mercedes 300SL (der mit den Flügeltüren.) und jede Menge Gadgets, die „klassische Moderne“ schreien.
Und natürlich die Nachtszene am Champe Elysee, die Filmgeschichte schrieb: Jeanne Moreau, für damalige Filmstandards kaum geschmickt, natürliches Licht (bei Nacht!) und der Score, den Miles Davis an einem Abend über die Szene improvisierte.
Von der Galliarde her gedacht
Von Eiche bis Welle
Normalerweise komme ich vielleicht einmal im Jahr ins alte Zehlendorfer Ortszentrum nach Zehlendorf/Eiche. Aber 2026 verläuft unser Leben eh anders, und so war dies schon der zweite Besuch dort im Februar.
Dabei entdeckt: Es gibt eine Bus-Direttissima von unserer neuen Wohnung nach Zehlendorf/Eiche.
Dabei entdeckt: In einem Schaufenster an der Clayallee steht eine Auslage mit Maulkörben, effektvoller inszeniert als jede Boutique des Stadtteils.
In Zehlendorf recherchierte ich: Berlins skurrilstes öffentliches Schwimmbad ist weiterhin geöffnet. Dort. wo einst das Stadtbad Zehlendorf stand, befindet sich seit 2008 ein Einkaufszentrum, die Zehlendorfer Welle. Das Stadtbad wurde abgerissen und verkauft in jenen Jahren, in denen Berlin sich als „arm aber sexy“ verkaufte. Im Gegensatz zum SEZ wurde aber offensichtlich gelernt: Anscheinend musste der Investor sich verpflichten weiterhin ein Schwimmbad am Leben zu halten.
Ein alter Stelle in neuem Gebäude besteht ein öffentlichers Schwimmbad innerhalb eines Fitnessclubs innerhalb des Einkaufszentrums.
Der einzige Hinweis, dass dieses Bad zur besucherärmsten Zeit werktags von 12 bis 16 Uhr öffentlich ist, findet sich direkt vor Ort, unterhalb der normalen Öffnungszeiten – nichts im Internet, nichts irgendwo, der Besuch dort verläuft erst über den Fitnessclub-Tresen durch den Spezialeingang für die Öffentlichkeit.
Das Bad sieht auf Fotos eindrucksvoll aus. Vor Ort dann nicht mehr so sehr: die großen Fensterfronten haben dahinter alle in ein paar Metern Abstand eine Wand, das Becken ist 1,35m (oder so) tief und mit Folie verkleidet. Aber natürlich sortiert die Schwierigkeit des Zugangs Menschen aus: Es ist ruhig, zu öffentlichkeitszeiten relativ leer und alle sind mehr oder weniger sportlich, auf jeden Fall aber in sportlichen Absichten, unterwegs.
Double – Simple – Simple – Double- Simple – Double – Simple
Wir aber wollten nicht schwimmen. Denn es war Samstagabend, die öffentliche Schwimmbad-Zeit war schon lange vorbei. Wir wollten tanzen: historisch5 tanzen. Das Motto war Ü300 und nach dem Programm des Maison Voltaire e.V. – Verein zur Förderung von historischen Theatertechniken und Alter Musik stehen nur Tänze auf dem Programm, die älter als 300 Jahre alt sind.
Wir kamen das erste Mal seit Corona und fanden es unverändert vor. Eine feste Gruppe aus Amateuren geleitet von einer Musikwissenschaftlerein im Orchester und einem Choreographen als Tanzmeister findet sich zusammen. Manche kommen seit Jahren zu jedem Treffen und sind entsprechend geübt, manche, wie wir, kommen alle paar Jahre mal und stolpern dementsprechend durch die Gegend.
Aber das macht nichts. Das ist Konzept. Wir bei echten historischen Bällen auch treffen Bewegungswunder auf Stolperstiesel und alle haben einen schönen Abend. Anders als bei echten Bällen allerdings geht es hier wirklich nur ums Tanzen: keinerlei „gesellschaftliche Interaktion“ findet statt, der Dresscode „as you like it“ von T-Shirt und abgelaufenen Ballettschläppchen bis zum echten Kostüm.
Madame hatte Bass- und Tenoflöte dabei, die evangelische Musiklehrerin ihre Geige und ich nur mich selbst. Erfreulich überraschend: auch nach Jahren der Abwesenheit wurden wir wiedererkannt und anscheinend erfreut und herzlich begrüßt.
Das Programm dieses Mal überraschend neuzeitlich: Es begann mit Country Dances, gefolgt von Branles d’ecosse bis Hinauf zum Ländler („Ein deutscher Tanz im 3/8-Takt, von mäßig geschwinder Bewegung und heiterem hüpfendem Charakter„) und als ewiger Abschluss, der Ü300-Dauerbrenner: Hole on the Wall.
As always: Tanzen setzt Glückshormone frei. So krass.

Überall gediegene, freundliche Hemdsärmeligkeit
Vom Eise bedeckt ist Ostsee und Bodden.
Ahlen ist wirklich Westfalen pur. Neben dem Bahnhof gibt es sogar eine öffentliche Toilette: Kostenfrei und aus beschussfestem Edelstahl. Überall gediegene, freundliche Hemdsärmeligkeit. Mit schickem Foto. (Vom Blogger in Ahlen, nicht von der Toilette)
Der Teppich und die Motten. Ich fühle mit: Was für ein Tag {12von12 Februar 26}
Eine Schriftstellerin, die selber alle erwähnten Songs ihres Buchs auflistet. So lobenswert. Judith Holofernes: Hummelhirn, alle Songs!
Ich begeistere mich über jeden Beitrag zu KI/neuronalem Lernen, der über „ich habe einen Chatbot benutzt und eine Meinung“ hinausgeht. Der Samenkorn einer Sternstunde dazu mal wieder bei Herrn Rau: Maschinelles Lernen im Informatikunterricht.
Ausgearbeitetes Rumnerden: Warum Straßen(-netzwerke) in Computerspielen anders funktionieren als in der Realität: Then I stopped stumbling around and started asking why? I tried to understand how engineers design roads and how game developers code them. That’s when I ran straight into the fundamental issue – right at the base of it. And it comes to something every developer knows about and loves: The Bezier Spline (via onli blogging)
Anmerkungen
- mit Rucola mit einer hausgemachten Ingwer-Honig-Sauce, verfeinert mit Erdnüssen und Röstzwiebeln und Entenfleisch. ↩︎
- Nicht genau dieses Video, aber halt die Filmszene ↩︎
- Also Yorck-Unlimited-Besuch No. 10 – 23,80€ pro Besuch. ↩︎
- Sagte Robin der vermutliche Filmwissenschaftler, der die Einleitung sprach. In all meiner Ahnungslosigkeit neige ich dazu, ihm zuzusprechen. ↩︎
- Oder auch nicht: Es gab eine längere Pausendiskussion ob man überhaupt von „historischen Tänzen“ reden kann, wenn diese von modernen Menschen des Jahres 2026 getanzt werden, oder ob es nicht „frühe Tänze“ sein sollten. ↩︎