Madame betreut diese Woche Finanzjudoka.
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Eine Ladung Mehrfachstecker wanderte in den Keller. Nicht nur ist die neue Wohnung sehr viel heller als die alte, was zu einem überraschend großen Klemmlampenüberschuss führte, auch hat sie viel mehr Steckdosen an besseren Positionen, was den Bedarf an Mehrfachsteckern senkt.
Auch noch Umzugsnachbereitung: Die Vasen erblickten wieder das Tageslicht.
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Im Baz-Luhmann-Interview zu Elvis las ich den Satz: Even early on he had sideburns and was wearing makeup at school — it was coming out of his inventive mind. He was bullied a lot. Und spontan dachte ich an jemand Anderen, der immer zu anders und geschminkt und zu exzentrisch war, und dem Leute sagten, er könne nicht singen – Daniel Küblböck. Der Elvis seiner Generation?
Auch entdecke ich inzwischen, dass Bob Dylan ein rieser Elvis-Fan war. Das Hören von Heartbreak Hotel beschrieb Dylan als lebensverändernd. Wobei ich von Dylan noch weniger Ahnung habe als von Elvis. Aber ich lernte gleich mit: Es gibt ein Dylan-Album Highway 61, dass der Straße von Dylans Heimat Minnesota in den Süden nach Memphis und Mississippi gewidmet ist.
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Im Bus vor spielte jemand Stereotyp eines jungen Mannes von heute, indem er wechselnd einen Poker-Livestream auf seinem Handy betrachtete und eine Börsenseite öffnete.
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Im Südkreuz wurden die Rolltreppen natürlich nicht repariert. Dafür tauchte ein weiteres Schild mit einem Hinweis auf, dass die Rolltreppen wirklich, wirklich kaputt sind.
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Es waren drei Arbeitstage mit Kinointermezzo.
Nur ein klitzekleiner Dauerauftrag
Bevor die Wegelagerer zur Rettung flauschiger ausgebeuteter Babies vom Südkreuz abzogen, raffte ich mich doch noch zu einem Gespräch mit ihnen auf. Wozu habe ich im Leben eine fünfstellige Zahl an Telefonaten mit Menschen geführt, die dringend und aufgeregt etwas von mir wollten, wenn nicht für solche Momente? Ich setzte mich also innerlich gerade hin, ging in den Modus „Jedes Gespräch ein Tanz – und ich führe“ und ließ mich ansprechen.
Die Dame am Stand sagte ihre Sprüchlein auf, ich sagte meine Sprüchlein auf. Und je nach meiner Lust mal schneller oder langsamer lenke ich das Gespräch dahin, dass die Spendensammlerin meinen flauschigen ausgebeuteten Babies etwas wegnehmen müsste, um es ihren flauschigen ausgegebeuteten Babies zu geben.
Dann gibt es zwei Möglichkeiten: (1) Die Person erkennt, dass sie verloren hat. Sie verlässt den Verkaufsmodus und dann führte ich schon echt nette spannende Gespräche mit den Leuten an solchen Ständen. Viele sind ja happy, wenn überhaupt mal jemand freundlich zu ihnen ist. (2) Oder die Person erkennt es nicht und fängt an, gegen meine flauschigen ausgebeuteten Babies zu argumentieren. Dann muss ich leider kurz unhöflich werden und das Gespräch beenden.
Hallo Greenpeace, Eure Spendensammler gehörten leider zur zweiten Kategorie. Schlechter Stil.
Es ist die Kornellkirsche und nicht die Lärche
Der Strauch enttarnte sich.
Seitdem wir im Dezember einzogen, schauten wir auf einen Baumstrauch vor unserem Fenster. Flapsig als „Baum“ bezeichnet, auch weil er ein paar Meter hoch ist, war angesichts der Wuchsform schon früh wahrscheinlich, dass dort ein großer Strauch steht.
Aber welcher? An der leeren Pflanze, nur Rinde ohne Blätter oder Blüten konnten wir es nicht erkennen.
Bis Madame die Tage auffiel, dass die sehr hellgrünen Knospen bei näherer Betrachtung schon beginnende Blüten waren. Die wurden etwas größer und gelber und offenbarten ihre ganze Pracht.
Es ist eine Kornellkirsche: ein in Deutschland auch wild vorkommender Strauch, der im Vorfrühling blüht – wie wir sehen können – wichtige Insektenweide und später mit seinen „Kirschen“ Vogelfutterstrauch. Ein belebter Strauch, der einen Großteil des Jahres über Farbe, Insekten und Vögel direkt vor das Fenster bringt.
Sehr sympathisch.

entreiß dich seiner Hand wie eine Gazelle, / wie ein Vogel der Hand des Jägers!
Im Kino1. Mit mir zusammen waren lauter Menschen, die beim originalen Filmrelease 2003 von Oldboy noch weit jenseits der zulässigen Altersgrenze für diesen Film waren.
Einfach nur fühlen
Vor dem Film kam eine Werbung für einen anderen Film: Quentin Tarantinos Kill Bill kommt in einer ungeschnittenen Version zurück in die Kinos. Ich dachte beim Sehen gleichzeitig: „Kill Bill ist so unfassbar cool.“ und „Ich hab echt keine Lust mehr auf cool inszenierte Gewalt.“
Ein wenig befürchtete ich, auch in meiner aktuellen Vorstellung in genau so einem Film gelandet zu sein: Park Chan-wooks Oldboy ist ein von vorne bis hinten durchchereographierter Film mit einem Gewaltlevel am Anschlag.
Und doch ist er kein bißchen wie ein Quentin-Tarantino-Film.
Bei Park ist die Gewalt nie Form. Sie ist Ausdruck des Inneren Schmerzes. Und der ist in diesem Film hoch. Wo in der Oper eine Arie gesungen wird, um den Gefühlen Ausdruck zu verleihen, greift hier Protagonist Oh Dae-su zum Zimmermannshammer um seinem Gegenüber methodisch die Zähne zu ziehen.
Ein Stop in der Handlung; reine gestaltete Emotion. Keine schöne Emotion, aber innerer Ausdruck.
Der ganze Film ist überbordend wie eine Oper, surreal und phantastisch wie eine Mischung aus Kafka und griechischem Götterspel: Die dunkle Oper Lady Macbeth von Mzensk letzte Woche war eine gute Vorbereitung, ich verließ das Kant Kino ähnlich durchgemangelt wie letzte Woche das Schillertheater.
15 Jahre lang Teigtaschen
Der Film beginnt mit dem koreanischen Geschäftsmann Oh Dae-su (gespielt von Choi Min-sik), der am Geburtstag seiner kleinen Tochter stockbetrunken auf der Polizeiwache festgehalten wird. Nachdem er diese endlich verlassen kann, wird er entführt und findet sich in einer wohnungsartigen Gefängniszelle wieder.
In dieser Zelle verbringt er 15 Jahre ohne zu wissen warum. Von seinem besten und einzigem Freund in der Zelle, dem Fernseher, erfährt er zwischendurch, dass seine Frau ermordet wurde. Eines Tages findet er sich genauso unerklärlich in der Freiheit wieder wie er vorher aus dieser Verschwand.
Nach seiner Freilassung versucht Oh Dae-su Graf-von-Monte-Christo-artig Rache an seinen Peinigern zu nehmen. Ohne zu wissen, dass diese schon Graf-von-Monte-Christo-artig Rache an ihm nehmen.
Dabei ist in der Konstellation sein Peiniger Lee Woo-jin (Yoo Ji-tae) eine Art griechischer Gott, der zwar voll innerem Schmerz ist, aber in dieser Situation unangreifbar allesbeherrschend, während Oh Dae-su den kleinen Sterblichen darstellt, der all eine Kraft, Emotion, Schmerz, Wut aufbietet und doch nur durch das Labyrinth rennt, dass Lee Woo-jin für ihn gebaut hat.
Oh Dae-su ist jemand, der den Geburtstag seiner Tochter betrunken auf der Polizeiwache verbringt – nicht unbedingt sympathisch, sicher kein Übermensch, aber voller Drang und Gefühl. Er steht einem Gegner gegenüber, der 15 Jahre komplett durchgeplant hat.
„Du stellst die falschen Fragen: Die Frage ist nicht, warum jemand dich 15 Jahre eingesperrt hat, sondern warum du nach genau 15 Jahren freigelassen wurdest?“
So sehen wir Oh Dae-su, verzweifelt auf der Suche nach dem Grund und Lee Woo-jin verzweifelnd an dem Grund, wie sie sich in den Abgrund treiben.
No-brainer. Ein Lob der Bürokratie.
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Karen erst als Grenzgängerin auf Zypern, wenig später mit der Bunker-App.
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That one XKCD thing, now interactive
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KI für Fortgeschrittene: Support-Tickets durchsuchbar machen mit RAG-Search – eine Anleitung
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Den neuen Jim Jarmusch sehen oder nicht? Ich liebe Jarmusch-Filme, finde aber den Trailer sehr abtörnend. Christian hat offenbar ein komplett anderes Verständnis von Filmen als ich und findet ihn gut.
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Anmerkungen
- Yorck Unlimited No. 13 – 18,31€ pro Kinobesuch. ↩︎
Genau das selbe Zitat der estnischen Minsterin von mequito habe ich auch die Tage in den Netzfunden. Da warst Du schneller. 🙂
Dann muss es wohl eine gute Zitatwahl gewesen sein 😉
Kornelkirschenmarmelade schmeckt übrigens sehr gut.
Dann hoffe ich sehr, dass wir uns daran noch bis zur Erntezeit erinnern und testen werden.