Bild aus dem Stuttharter Schlossgarten. Im Hintegrund Park davor ein halbleeres gepflegtes Bild. Im Vordergrund Bilder "Straßburger Platz / Place des Strasbourg/ Strossburjer Platz" und "Vorsicht Skater. Skaten an Sitzungstagen untersagt"

26-03-14 Das Nötigste, einem rohen Menschen Gesittung beizubringen, ist Wasser und Seife (Berlin->Tübingen)

Auf dem Arbeitsweg: Kalt, Sonne und endlich passt das Wetter zur umgebenden Natur. Es riecht nach Frühling. Vielleicht war es aber auch nur der Duft des Waschmittels aus der naheliegenden Autowaschanlage.

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Vor Hanau standen die Störche.

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Einst las ich einen Politthriller des deutschen Ursula-K.-LeGuin-Übersetzers Gisbert Haefs1. Soweit ich den Plot aus meiner Erinnerung rekonstruieren kann, ging es um den kalten Krieg und einen Saboteur in Deutschland. Seine Sabotage bestand darin, ein hohes Amt anzustreben und dann das Vertrauen in den deutschen Staat zu untergraben, indem er unsinnige Projekte voranbringt. Im speziellen Fall des Buchs: Ein Autobahnkreuz mitten in Büsum.

Naja, wenn ich derzeit Politik mitbekomme, denke ich öfters an diesen Roman. Gerade bei Merz‘ Gruseltruppe weiß ich gar nicht wen ich herausgreifen soll. Aber ich bleibe beim Bundeskulturnarren. Der hat nicht nur etwas gegen Buchhandlungen sondern offenbar auch gegen Bücher. Er möchte den Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek stoppen, weil in Zukunft keine Bücher mehr gesammelt werden müssen:

Es sei nicht einzusehen, dass man so viel Geld in ein Lager für physische Medien investiere – und das in Zeiten der Digitalisierung! Im Übrigen wäre es im Sinne eines „Bürokratieabbaus“, wenn künftig nur noch ein Exemplar jeder Publikation gesammelt würde, und das, wo möglich, „ausschließlich in digitaler Form“.

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Die Endabrechnung für den Schöneberger Strom kam. Damit sind wir jetzt wirklich, wirklich mit allem aus der alten Wohnung durch.

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Die erste Wilmersdorfer Deckenlampe hängt. Farbton: Bernstein. Material: recycled.

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Es war ein Arbeitsfreitag und ein Reisesamstag.

Via Kopfbahnhof

Am Südkreuz vor uns: Der ICE direkt nach Paris Est. Aber nicht an diesem Wochende.

Steht – fährt

Die nichtrollenden Berliner Bahnhofsrolltreppen bekamen mittlerweile einen halbseitigen Artikel in der Dithmarscher Landeszeitung gewidmet.

Wir konnten es glücklicherweise so einrichten, dass sie S-Bahn uns zum höchsten Punkt des Bahnhofs brachte und wir Richtung ICE595 nur hinabsteigen mussten.

ICE595 – der Kopfbahnhof-ICE. Über Leipzig (Richtungswechsel) nach Frankfurt (Richtungswechsel) und Stuttgart (Richtungswechsel) nach München (wäre Richtungswechsel wenn nicht Fahrtende).

Vielleicht beflügelten ihn die Kopfbahnhöfe: Er war durchgehend pünktlich, mit allen angekündigten Wagen in der angekündigten Reihenfolge – und selbst das Bistro hatte durchgehend geöffnet. So einen Erfolg auf ganzer Linie hatten wir seit Jahren nicht mehr.

Zugchef mobiler Verkäufer

Schon länger fällt mir auf, dass die Deutsche Bahn ihre Zugchefs anscheinend durch ein Sprechtraining schickt. Seit einiger Zeit sind alle Ansagen auffallend klar ausgesprochen und erkennbar betont. DAfür haben sie mehr Freiheit im Wortlaut „Hello dear guests, my name is Brad Sneijeder“ allerdings war die Krönung. Offenbar lebt dort ein alter Traum weiter, mal eine Radio-Morningshow zu moderieren.

Auch die Kaffeeversorgung per Onlinebestellung am Platz funktionierte tadellos. Würde jede Zugfahrt so verlaufen wie diese, würde ich glänzende Augen bekommen, wenn ich Deutsche Bahn sagte.

Ich hätte einen weiteren Vorschlag für Personal: Erinnert sich noch jemand an die mobilen Brezel- ine Eisverkäufer*innen zwischen Göttingen und Kassel? Als wir zwischen Offenbach und Frankfurt die grünen Felder mit Grüne-Sauce-Kräutern passierten, dachte ich „Jetzt ein mobiler Grüne-Saucen-Verkauf, der die Kräuterbüschel im Zug verkauft. Das würde ich nehmen.“

Über den Berg auf die Autobahn

Spannend wurde der Rest der Fahrt nach Tübingen. Wir lesen seit Jahren das Fachblog für Bahnprobleme zwischen Stuttgart und Tübingen und waren gespannt. Es stellte sich heraus: Entgegen aller Planungen stießen wir auf das ultimate Bahnproblem bzw. das Ende aller Bahnprobleme: Schienenersatzverkehr.

Dieser fuhr ohne Zwischenstopps direkt nach Tübingen und das weitgehend nach Plan. Madame erwischte einen überfüllten Linienbus, ich später einen halbvollen Reisebus, die uns problemlos bis an den Tübinger Hauptbahnhof fuhren. Aber vor dem SEV kam die Metropole im Talkessel.

Stuttgart

Stuttgart gab sich Mühe das Klischee der schwierigen Innenstadt vorzuführen. Kaum hatte ich einen Drogeriemarkt betreten, wurden dort zwei Jugendliche von der Polizei hinausbegleitet.

Einst war ich als Kind/Jungjugendlicher in Stuttgart. Ich erinnere mich fast nur an den Bahnhof, der dank Baustelle kaum mehr wieder zu erkennen ist. Nur die Ecke gegenüber wirkt unverändert. Sogar mit historischem Crepes-Stand seit 1980.

Einmal durch weitere Baustellen ging es in den oberen Schlossgarten. Ein wirklich schönes Zentrum mit Kultur (Theatern), dem Schloss und dem modern gebauten Landtag. Und einer schwäbischen Pragmatik, die ich mir für Berlin wünschen würde.

Bild aus dem Stuttharter Schlossgarten. Im Hintegrund Park davor ein halbleeres gepflegtes Bild. Im Vordergrund Bilder "Straßburger Platz / Place des Strasbourg/ Strossburjer Platz" und "Vorsicht Skater. Skaten an Sitzungstagen untersagt"

Schwimmen schauen

Der Umsteigestopp in Stuttgart war praktisch. Bot er mir doch die Chance durch das Bahnhofslabyrinth Stuttgart 21 und den Schlossgarten zum Haus der Geschichte Baden-Württemberg zu laufen, „Frei Schwimmen“ anzusehen: eine Ausstellung zur Kulturgeschichte des Schwimmens (in Baden-Württemberg).

Bei dieser standen wir im Herbst schon vor verschlossenen Türen, freundlicherweise wurde sie aber wegen des großen Erfolges um ein paar Monate verlängert. Jetzt also:

Die Ausstellung findet im Untergeschosses statt, in einem großen Raum, ich würde schätze in etwa Schwimmhallenformat, in der mittels semitransparenter Wände in verschiedene Abschnitte geteilt ist.

Frauen! Männer!

Die Abschnitte sind chrono-thematisch geordnet: Eigentlich hat jeder Abschnitt ein Thema; zum Teil lassen sich diese aber direkt auf einem Zeitstrahl anordnen („Fürstenbäder“, „Schwimmen in der NS-Diktatur“), von oben geschaffene Arbeiterbäder („Das Nötigste, einem rohen Menschen Gesittung beizubringen, ist Wasser und Seife“). Die allgemeineren Abschnitte („Sport“, „Bekleidung“) wurden dann auf einen bestimmten Zeitabschnitt fokussiert (Sport auf die Weimarer Republik, Bekleidung auf das Kaiserreich) und fanden sich auch in der Chronologie weiter.

Die Betonung lag auf Kultur und Zusammenleben, bei denen im Bad Vieles verstärkt wird, dadurch dass Formalismen und Gebräuche (Kleidung! Abstand!) die Problemlagen in der Öffentlichkeit gestalten, wegfallen. Es ist vieles unmittelbarer.

Natürlich der Klassiker in vielen Varianten: Man(n) sieht Frau viertel- halb- ganz unbekleidet. Schön zusammengebracht in einem Doppelinterview mit einer Frau, die für Burkini-Erlaubnis in Bädern kämpft und einer Frau, die für Oben-ohne-Erlaubnis-für-Frauen in Bädern kämpft.

Aber auch allgemeiner die Frage: Wer kann zusammen schwimmen: Arbeiter und Fürsten? Männer und Frauen? Juden und andere Deutsche? Französische Zwangsarbeiter und russische Zwangsarbeiter?

Das Sein als Material

Schön und spannend fand ich, dass wirklich alle Themenblöcke an Beispielen und Fällen aus Baden und Württemberg dargestellt wurden. Vor allem wurden die dargestellt an vielen Bildern und Erklärungen. Die materiellen Ausstellungsstücke waren sorgfältig ausgewählt.

Mein Lieblingsstück war dabei optisch nur mittel beeindruckend, brachte aber fast alle Themen der Ausstellung gut zusammen: eine Tür des Lorettobades in Freiburg, des einzigen deutschen Bades mit reinem „Damenbereich“, die ebenjenen Badebereich vom allgemeinen Schwimmbad trennt.

Meine beiden anderen Lieblingsstücke hatten nur indirekt mit Schwimmen und den gesellschaftlichen Problemlagen zu tun: Dieser Vorläufer eines Solariums und etwas ähnliches als allumschwingende Dusche, bei der sich jemand in die Mitte stellt und dann von etwas 15 Duschköpfen aus allen Richtungen abgestrahl wird.

Hingehen?

Hingehen!

Allerdings läuft die Ausstellung nur noch bis zum 12. April.

Und weil ich noch nicht gemäkelt habe:

Der Welt fehlt weiterhin der Foucault des Schwimmbadwesens. Ein Thema, das gemeinschaftsbetont ist, dass eine ihm so innenwohnende Körperlichkeit hat, wie das Schwimmen, bietet sich nach einer Foucault-Behandlung an. Aber natürlich kann ich sowas nicht von einer solchen Ausstellung verlangen. Dafür in welchem Umfeld für welches Publikum diese Ausstellung stattfand, war sie richtig richtig schön.

Im Rahmen des Möglichen wäre m.E. ein Abschnitt über Technik (von Goldorfen zum chemischen Kampfstoff Chlor) , dem gigantischen Energieverbrauch eines Bades und neuen Lösungen gewesen. Aber es braucht ja auch noch Material für die Folgeausstellung.

Tübingen abend

In Tübingen: vom Bahnhof zum Hotel, zweimal durchatmen. Vom Hotel zum Neckarmüller, erste Verwandtschaft treffen und ordentlich schwäbisch essen, vom Neckarmüller in die Hotelbar: Rotwein und Hertha BSC auf dem Großbildschirm. (1:1 gegen Bochum, wir gingen allerdings schon als es noch 1:0 für Hertha stand).

Bücher Besen Kompostieren

Uwe bereitet das Bundeskulturnarr-Buchhandlungsdesaster noch einmal umfassend auf und kauft Bücher: In Berlin gewesen. Bücher gekauft.

Teures Papier erinnert sich an den DNB-Besuch: Geht es noch mehr daneben?

Wie ein Regenbogenbesen entsteht

Da werde ich nostalgisch: Musikkritik ist nicht tot, selbst wenn sie nach einem Shitstorm komisch riecht. Warum der Diskurs über Pop wichtig ist, wo er lebt und wo nicht.

Heiko wird nostalgisch. Über seinen erfolgreichsten Tweet: Internetreparatur an Donauwelle

Aus dem Maschinenraum der US-Justiz. Lego berichtet von einem Besuch der liberalen Supreme Court Judge Sonia Sotomayor an seiner Law School: Exclusive: Justice Sotomayor on AI, taxes and more

Poupous Post über „Kein Naturgarten“ führte zu einem spannenden Link via Kommentar zu Claudias Naturnah gärtnern – was meinen wir damit?

Anmerkungen

  1. Die aktuelle Überprüfung meiner Erinnerung sagt mir, dass Haefs zwar Übersetzer ist, die LeGuin-Übersetzung aber anscheinend nebenbei passierte. Stammübersetzer:innen für LeGuin sind andere. Andererseits habe ich mir die Haefs-Romane nur wegen des LeGuin-Kontextes besorgt. Positiv hereingelegt von mir selber. ↩︎

5 Gedanken zu „26-03-14 Das Nötigste, einem rohen Menschen Gesittung beizubringen, ist Wasser und Seife (Berlin->Tübingen)“

  1. Die Ausstellung hatte ich mir seinerzeit dank deines Hinweises angesehen, gute Ergänzung zu Dienstreise.
    Schönen Sonntag
    Ilka

  2. Ich wusste gar nicht, dass Gisbert Haefs auch selbst Politthriller schreibt, sondern kenne (und schätze) ihn vor allem als einen der Übersetzer des großartigen US-Politthriller Autors Ross Thomas. Und ein Autobahnkreuz in Büsum klingt hinreißend – weißt Du noch, wie das Buch heißt?

    1. Das ist eine sehr gute Frage, der ist jetzt länger hintersuche. Soweit ich sie finde, passen die Matzbach-Bücher von Haefs zwar prima zur Athmosphäre an die ich mich erinnere, aber nirgendwo scheint Büsum vorzukommen. Also entweder übersehe ich etwas oder darf für mich in Anspruch nehmen, die Geschichte selbst herbeihalluziniert zu haben 🙂

      1. So oder so: Ein Autobahnkreuz in Büsum ist eine großartige Idee! 🙂 Und dann werde ich mir die Matzbach-Romane von Haefs mal anschauen. Danke!

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