26-07-09 Samedi 29 juillet: Ich bin die Tochter des Korsaren

Madame lud Ms. Bilanz zum Pistazieneis a la casa in la casa ein.

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Der Kaptain erzählte vom Bad-Bramstedt-Besuch. Alles nicht so einfach dort. Vor allem weil es nicht Dithmarschen ist. Aber der Kaptain konnte helfen.

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Post und vor allem PIN haben auch nach Monaten der Gewöhnung noch Probleme, unseren Briefkasten zu finden. Wir bekamen am Ende doch mehrere Briefe mit Aufklebern „unbekannt“ oder Stempeln „unbekannt verzogen“ übergeben.

Ich überzeugte meine Arbeitgeberin, meiner Postadresse noch eine Wegbeschreibung hinzuzufügen.

Madame war im Bürgeramt am Hohenzollernplatz, ausprobieren, inwieweit auch behördliche Prozesse Anmerkungen bei der Postadresse zulassen. Wir hatten Glück: Die Wegbeschreibung steht so auch im Mietvertrag und ist somit offiziell genug für ein Berliner Bürgeramt.

Jetzt müssen wir noch auf die Lesefähigkeiten des Briefbot*in vertrauen. Immerhin weiß das Bürgeramt auch schon, dass PIN-Bot*innen anscheinend jede Woche ihr „Revier“ ändern und pro Brief genau drei Sekunden Suchzeit haben oder so.

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Kaum fahre ich mal eine Woche lang nicht mehr mit Ringbahn, schon ist die Rolltreppe der Gegenwart ganz verschwunden. An ihrer Stelle klafft ein Loch.

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Es war radelnde Arbeitstage inmitten eines well behaved summers.

Nicht vergessen: Beim Funkhaus einmal grüßend an den Helm tippen

Den Fahrradhelm vergaß ich schon wieder.

Aber langsam groovt es sich ein. Langsam beginne ich auch auf der neuen Strecke ein Kurven- Hubbel- und Bremsgedächtnis zu etablieren. Auch der optimale Fotoschlenker auf die Stadtparkbrücke entsteht. Es wird nicht mehr lange dauern, dann läuft die eigentliche Strecke im Blindflug. Dann kann ich mich ausschließlich auf den Verkehr konzentrieren, den Wind im offenen Haar spüren und Glasscherben ausweichen. Denn vorausschauend fährt es sich am besten, wenn ich im Vorhinein weiß was kommt

Südkreuz-Office-Tiefgarage. Mensch beachte das inzwischen durchgehende Anti-Tauben-Netz unter der Decke.

Der Rückweg führte am KaDeWe vorbei hin zum Schuhdiscount. Ich brauchte noch gute lauffähige Schuhe für touristisches Stadtlaufen, die nicht schon vorher halb am auseinanderfallen sind. Endlich wieder einmal der nette Weg durch’s Bayerische Viertel Richtung Wittenbergplatz.

Verregneter Blick den Tauentzien hinunter Richtung Europacenter, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Shoe City Outlet und Hochhäuser am Zoo.
West! West! Westberlin!

Getrieben vom eigenen Schwung die letzten Meter bis zum Beckenrand gleiten lassen

Anscheinend gehen die Eichenprozessionsspinnerabsperrbänder zur Neige. Am Hans-Baluschek-Park war ein Großteil der betroffenen Bäume nurmehr durch ein aufgespraytes „E“ in rosa gekennzeichnet. Denn, gute Nachricht, ich radelte wieder einmal durch den Hans-Baluschek-Park, der Südkreuz und Insulaner miteinander verbindet.

Langsam kommt zusammen, was zusammen gehört: Freibad und Fahrrad, der kleine After-Work-Ausritt zum Insulaner, ein Abendplantsch und dann weiter in die Wohnung. Ich hatte ihn vermisst, den Fahrradhain: vom Format einer Halle, fast durchgehend beschattet, und doch angenehm luftdurchzogen und soweit ich sah ohne Eichenprozessionsspinner.

Vielleicht, wenn das nächste mal 35 Grad plus sind, und ich nicht mehr in das Freibad gehen mag, stelle ich mich einfach dort hin, genieße Schatten und Lufthauch.

Noch aber muss ich mir die Gedanken nicht machen: noch herrschten 23 Grad bei strahlendem Sonnenschein. Ich konnte hinein, die Kabane genießen1 und noch mehr konnte ich das leidlich leere Becken genießen: ein bißchen Kraul-Total-Immersion üben, ein bißchen mehr rumwabern und ein bißchen auf der Beckenterrasse das Wetter genießen.

Danach übte ich den neuen Rückweg nach Wilmersdorf. Ich stellte fest, ich radle direkt am Rüdi vorbei. Die ganzen schicken Fachgeschäfte für das verwöhnte Bürgertum haben zu dieser Zeit zwar schon geschlossen, aber die BioCompany und vor allem der Rüdesheimer Weinbrunnen sind noch geöffnet.

Gerne wieder.

Leichtigkeit Vielleichtigkeit

Tja, Sommer. Dieses Jahr übt er noch. Ich liebe Sturm bei 22 Grad, glaube aber ich bin damit eher allein. Dennoch besser als 41 Grad. Solange der vor-der-Haustür-Sommer noch seine Gestalt sucht, gehen wir ins Kino, schauen Sommer von vor 30 Jahren prä-Klimaerwärmung. Eric Rohmers Conte d’été / Sommer von 1996 lief im Ciné Club, der Reihe mit französischen Klassikern im Cinema Paris.2

Der Mathematik-Absolvent und unentdeckte Shanty-Komponist Gaspard (Melvil Poupaud) verbringt einige Sommerwochen zwischen Uni-Abschluss und Berufseinstieg, zwischen Mittjuli und Augustanfang am Strand der Bretagne. Die Tage werden einzeln mit einer Art Kalendereinblendung aufgezählt, was dem Film einen leicht dokumentarischen Hauch verleiht.

Dort, im Badeort Dinard, wartet er auf seine vielleicht-Freundin Lena (Aurélia Nolin), die er vielleicht liebt. Während er wartet, lernt er Margot (Amanda Langlet) kennen, die ihn vielleicht liebt und er vielleicht sie. Margot, macht ihn mit Solène (Gwenaëlle Simon) bekannt.

Gaspard liebt vielleicht Solène, diese allerdings verlangt von ihm eine klare Entscheidung. Gaspard trifft eine Entscheidung – allerdings jeden halben Tag eine neue Andere Entscheidung.

Am Ende hat Gaspard drei Frauen versprochen, dass er jeweils mit ihnen zusammen ein paar Tage auf der Insel Ouessant verbringen wird; jeweils allein und jeweils in der letzten Woche bevor er arbeiten muss. Er macht, was wohl fast jeder Mann in dieser Situation angesichts dieser Entscheidung machen würde. Er nuschelt „muss ein Mischpult kaufen“ und macht sich aus dem Staub.

Die äußere Handlung ist spärlich. Gaspard läuft allein durch Dinard an der bretonischen Smaragdküste. Gaspard sitzt allein im Zimmer und schreibt an seinem Shanty Fille de Corsaire. Margot und Gaspard laufen am Strand von Dinard und reden miteinander. Lena und Gaspard laufen am Stand von Saint-Lunaire und reden miteinander. Solène und Gaspard sind zusammen am Strand von Saint Malo und reden miteinander.

Menschen am Übergang zwischen Studium und echtem Beruf treffen sich in der Jahreszeit in der normalen Regeln des Alltags ausgesetzt sind, alles in den speziellen Sommermodus fällt. Nur Solène ist entschiedener, will Klarheit. Vor allem mit Solène passiert Handlung jenseits des „sie laufen zu zweit am Meer entlang und reden“. Mit Solène findet der emotionale Höhepunkt statt: Die Ausfahrt auf dem Boot in den Ärmelkanal mit Familie, Akkordion und sie singt Fille de Corsaire.

Ein Film unentschiedener Leichtigkeit. Wie ein guter Sommer selbst, wunderbar um sich hineinzulegen, aber mit einem natürlichen Ende versehen wenn der erwachsene Alltag kommt und Entscheidungen möchte.

Ein Seemannslied über die Ebenen Mexikos

In Sommer werden zwei Shanties gesungen. Neben der Tochter des Korsaren, extra geschrieben für den Film, kommt auch Santiano vor.

Von Santiano dachte ich, ich kenne den Song, gesungen von der gleichnamigen deutschen Band, die vermutlich einen Song schrieben, um sich selbst zu feiern. Um so verwunderter war ich den Song, hier zu hören, viele Jahre bevor Santiano (Band) sich gründete und vor allem mit einem Text über Saint Malo an der Küste der Bretagne.

Ist das vielleicht gar kein Santiano-eigener Song? Aber auch kein englischer Shanty, den Santiano (Band) einfach eingedeutscht haben? Ist es eventuell französisch? Hat sich hier ein Stück französische Kultur in den deutschen Mittelaltermarkt-Kanon geschlichen?

Jein.

Soweit ich weiß: Santiano (deutsch) und ist eine rockige Überarbeitung von Santiano (französisch)3. Der Text blieb dabei weitgehend unverändert, allerdings wurde bei der deutschen Übersetzung Saint-Malo in der Bretagne durch Hamburg ersetzt. Der eigentliche Ausdruck Santiano hat dabei keine Bedeutung, ist eher Marker von Exotik und Ferne.

Santiano hat im franzöischen Text auch keine echte Bedeutung, Santiano und Saint-Malo sind aber klanglich so nahe, dass ich als Hörer davon ausgehe, das irgendeine Verbindung besteht.

Das französische Lied hat Hugues Aufray – bekannt vor allem als Interpret französischer Bob Dylan-Coversversionen – einem älteren englischen Shanty Santiana entnommen4. Es erwarteten mich zwei Überraschungen: Santiana ist ein echter Shanty, wirklich aus dem 19. Jahrhundert5 und wohl wirklich auf Schiffen als Arbeitslied gesungen.6

Und der Text handelt von den Ebenen Mexikos und General/Präsident Antonio López de Santa Anna und dem mexikanischen Unabhängigkeitskrieg. Entgegen den Lyriks des Songs allerdings ging der Krieg nicht gut aus für Santa Anna – und das trotz der Unterstützung durch private britische Soldaten – also Soldaten die nicht im Auftrag von UK kämpften, aber eigentlich normalerweise schon britische Soldaten waren.

Santiano ist Santiana ist Santa Anna ist ein Name. Und der hat nur höchst indirekt etwas mit Seefahrt zu tun. Das kam überraschend.

Links

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Der Tagesspiegel hat sich den Südkreuz-Rolltreppen auch mal wieder angenommen (leider mittlerweile mit Paywall): „Fürs Eigenheim oder dergleichen“: Berliner Student bietet defekte Rolltreppen vom Südkreuz in einer Kleinanzeige an

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hotel mama sah linie 1: linie 1 war wirklich lustig und kam so frisch und gutgelaunt rüber wie am ersten tag, dabei lief es zum 2343. mal oder so. theater voll bis auf den letzten platz, publikum singt mit. 5 vorhänge.

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Ein Hotel sollte ein wirtlicher Ort sein. Unser aktuelles Hotel für drei Tage ist kein wirtlicher Ort.

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Wann sind eigentlich Internet-Cafés und öffentliche Internet-Terminals ausgestorben? (via kaltmamsell). Ich kann zwei Datenpunkte liefern: 2011 als wir in Yorkshire noch eine Überfahrt von Felixstowe(?) auf den Kontinent zurückbuchen mussten, fest davon ausgegangen waren, es Internet-Café zu erledigen – und es gab keins. Nada. Nichts. Nicht einmal in York. Am Ende fuhren wir direkt in den Hafen zum Fährbüro. 2011 waren Internet-Cafés in Deutschland noch total üblich, im nicht-großstädtischen UK aber komplett ausgestroben. Der zweite Datenpunkt ist 2020 als unser damaliger Nachbarspäte/Internetcafé per Schild verkündete: „Interweg wegen Corona geschlossen.“ Ich glaube das war am Ende des Ende der dortigen Terminals. Mittlerweile wurden sie durch einen Billardtisch ersetzt.

Anmerkungen

  1. Kabanenbesuch No 5/2026 – damit 16 Euro pro Besuch. ↩︎
  2. Yorck Unlimited No. 37 – damit 6,43€ pro Besuch ↩︎
  3. Tolles Video auch. Ehrlich. ↩︎
  4. Für eine lange Liste traditioneller Einspielungen: Mainy Norfolk: Santy Anna / The Plains of Mexico ↩︎
  5. Laut dem Shanty-Blog Wild Chants with Doggerel Words war der erster Druck 1868: #30-32 Santiana/ The Plains of Mexico ↩︎
  6. Roud-Index No. 207! Das allerdings öffnete gleich das nächste Kaninchenloch „Was ist der Roud Index und wie funktioniert seine Nummerierung? Ein andernmal.“ ↩︎

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