Madame ist immer noch stunnend, dass ein Land gleichzeitig tief römisch-katholisch sein kann, und, wie Šarūnas sagte „Lithuanians don’t join clubs. We hate small talk. At family gatherings there is always a lot of awkward silence. We are individualists“
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Auch kämpft Madame weiterhin mit der Deutschlandfunk-App. Die App scheint von der einen Stunde Zeitverschiebung zwischen Handy (in der Litauen-Zeitzone) und Deutschlandfunk-Programm komplett überfordert.
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Das beruhigende Gefühl am Tag vor der Weiterreise, wenn morgiges Datum, Datum auf dem Schiffsticket und Daten der Hotelbuchungen alle übereinstimmen.
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Es war ein Überraschungsmontag zwischen Rote-Bete-Parkplatz und WC. Das Reise-ich ist dem Blog-ich weiterhin 300 Kilometer und 72 Stunden voraus.
Da das Reise-ich morgen Abend inmitten der Ostsee sein wird, und das Blog-ich vermutlich kein sinnvolles Internet haben wird, wird sich der Rückstand vergrößern.
Torwarttraining
Wir dachten wir gehen Montagvormittag einfach noch mal in die Altstadt, ein wenig bummeln, Kaffee trinken, Eindrücke vertiefen. Als wir das Hotel verließen, dachten wir, ach, Eindrücke vertiefen können wir auch im Stuckwahnsinn Peter-und-Paul. Montags wird da sicher weniger geheiratet und vielleicht sehen wir mehr.
Als wir an der Haltestelle standen, fiel uns auf, dass dort auch die Busse zum Akropolis fuhren. Wir entschieden auf Gottesurteil: der nächste Bus gewinnt. Es kam eine 2G (?) – auf zum Akropolis.
Das Akropolis ist vier Einkaufszentren in allen litauischen Großstädten. In allen Städten sind sie die größten und besten (manchmal auch die einzigen) und maßgeblich dafür verantwortlich, dass litauischen Innenstädte weitgehend frei von internationalen Kettengeschäften sind. Überraschenderweise gehören sie fast alle Litauern, bzw. dem Unternehmen Vilniaus prekyba („Vilniusser Handel“) bzw. dessen Gründer und Haupteigentümer Nerijus Numavičius. Eine echte Litauer Nachwendegeschichte, die im Vergleich zu den üblichen postsowjetischen Oligarchenimperien sogar vergleichsweise ehrlich abgelaufen sein soll.
Auf jeden Fall: Akropolis ist Litauen heute und so waren wir neugierig. Litauen heute ist auch „Auto fahren“ (in keinem anderen Land Europas so viel..), deshalb nahmen wir den Bus. Und kraxelten wir relativ lange über Baustellen und autogerechte Kreuzungen und Parkplätzen, die mit Zahlen und Bildern-von-Gemüsen gekennzeichnet waren (du merkst, dass du in Litauen bist, wenn das das stilisierte Bild einer Roten Bete für allgemeinverständlich gehalten wird) bis vor zum Einkaufszentrum vorgestoßen waren.
Es war riesig (ich bin mir relativ sicher mal in Hongkong in größeren Gewesen zu sein – aber in Europa? Ich glaube nicht. Was aber auch daran liegen kann, wie oft ich an solchen Orten bin, andererseits hat es wirklich mehr Verkaufsfläche als jedes Berliner Einlaufszenrtrum..) Naja, wir staunten, wir sahen Null Leerstand und sehr viele Litauer*innen.
Und wir sahen einen Eisring in der Mitte: Nicht so eine Kindereisbahn, sondern einen Eisring auf dem Erwachsene Eishockeyspiele durchführen können – es vermutlich sogar machen: Er hatte eine dementsprechende Anzeigetafel. Während wir einen Kaffee tranken und im Food Court saßen, schauten wir einem fortgeschrittenen jugendlichen Eishockeyteam beim Training zu.
Ende Juli im Einkaufszentrum. Aber so it goes.
Vor lauter Begeisterung kaufte ich mir noch ein paar Sportschuhe, weil das mitgenommene die ganze Herumlauferei langsam übel nahm.

Vom kommunistischen Alltag
In der Sowjetunion gingen Menschen zur Toilette und kamen danach nicht wieder. Sie waren dem KGB in die Hände gefallen. In Litauen gingen Menschen zur Toilette und kamen nicht wieder. Sie waren der Toilettentechnik zum Opfer gefallen. Aber das passierte erst auf dem zweiten Teil der „Vilnius in Soviet Times“-Tour, die harmlos begann.
Wir mussten vom Einhockeytrainingschauen aufbrechen und wieder in die Innenstadt.
Wir waren am gänzlich unsowjetischen, 1996 errichteten, Gedimis-Denkmal verabredet, um die Vilnius-unter-sowjetischer-Okkupation-Tour mitzumachen.
Bei den „Vilnius with Locals“-Touren wird zwar nicht erwähnt, wer genau der Guide sein wird. Aber da Šarūnas schon erwähnt hatte, dass diese eigentlich seine Herzenstour sein würde, hatten wir einen Verdacht.
Er winkte uns. Uns begleiteten jede Menge Australier*innen, zwei Niederländer (die wir zwei Tage später noch einmal treffen sollten..), zwei Französinnen und ein wissbegieriger italienischer Student, der nahe der Grenze zu Ex-Jugoslawien aufgewachsen war. Persönliche Erfarungen mit dem Ex-Ostblock hatten vor allem wir beide und der Italiener.
Auf dieser Tour erhärtete sich der Verdacht, dass Šarūnas seinen Führungen einen Erzählbogen gibt. Bei der Jüdischen Tour relativ chronologisch, vom Gaon bis zur jüdischen Gemeinde heute; bei der „modernes Litauen“ von Gang-Kriegen, Armut und Zusammenbruch der 1990er bis zum aufstrebenden Litauen, und bei der Sowjettour begann es nett:
Mit dem ehemaligen Kultur- und Sportzentrum, an das viele Vilniuser positive Erinnerungen haben, weil hier Konzerte stattfanden, oder die großen Basketball-Teams aus Litauen spielten (oder auch die sowjetische Nationalmannschaft, die zu einem Großteil aus Litauern bestand). Die Halle war einer der wenigen Orte, an dem sich immer und ohne Probleme „Litauen! Litauen!“ rufen ließ.
Seit 2003 steht diese verlassen. Und selbst hier ist das alles nicht so einfach. Neben den üblichen Problemen, Kosten, Denkmal etc.“ gibt es hier noch ein Sonderproblem. Denn auch hier folgte die Sowjetunion dem Motto „Wir haben die Juden zwar nicht umgebracht, aber gut, dass sie weg sind und hoffentlich kommen sie nicht wieder“; Sie errichteten die Halle mitten auf dem jüdischen Friedhof der Stadt.
Das heißt, jede Renovierung, jeder Neubau, würde auf dem jüdischen Friedhof stehen.Und ob die Halle abgerissen werden sollte, weil sie die Totenruhe stört, oder ob ein Abriss selbst nicht eine viel stärkere Störung wäre, darüber ist sich die kleine jüdische Gemeinde der Stadt uneins. Und so steht sie da und wartet.

Russland
Er setzte einerseits mit dem Alltag im Sowjetsystem fort, andererseits mit dem heutigen Verhältnis zu Russland. Das war historisch immer schwierig, immerhin hat Russland Litauen dreimal erobert und versucht zu kolonisieren, war aber bis 2014 von einem gewissen Pragmatismus geprägt – Russland ist groß, nah, Handelspartner und wir werden sie eh nicht los.
Seit dem Überfall auf die Krim hat sich das radikal gewandelt. Litauen führte wieder eine Wehrpflicht ein, verfünffachte das Verteidigungsbudget und vollzog schon 2014 die polische Kehrtwende für die Deutschland neun Jahre länger benötigte. Prägende sowjetischen Statuen („Der Arbeiter“, „Der Soldat“..) verschwanden aus dem öffentlichen Raum. Von hier konnten wir auch das Rathaus-Hochhaus sehen. Das „Putin, the Hague is waitung for you“-Transparent befindet sich an der Spitze des örtliches Rathauses.
Kann ich mir für Deutschland nicht vorstellen.

Vom Verschwinden
Und bevor wir zur letzten Phase der Tour kommen sollten, am ehemaligen Gestapo- und danach KGB-Hauptquartier, gingen wir kurz zur Toilette. Einer kam nicht wieder.
Soweit ich verstand war der italienische Student, Opfer einer Toilettenelektronik geworden, die die Tür nicht wieder freigab. Šarūnas telefonierte mit ihn, redete mit ihm durch die Tour. Die Anwesenden Toilettenbetreuungsarbeiter*innen sagten auch nur, dass das noch nie passiert ist und sie nicht helfen konnten. Eine Fachkraft sollte kommen, dann noch eine Fachkraft. Wir warteten, der Kiosk nebenan machte ein unerwartetes Zusatzgeschäft – und nach einer halben Stunde war ein zweiter Guide organisiert.
Sie würde auf die Befreiung des Italieners warten, aufpassen und dann die Führung allein mit ihm zu Ende bringen, während Šarūnas uns zum KGB-Hauptquartier brachte.
Nachdem die Sowjet-Tour mit Basketball begann, über Alltag, Knappheiten und den Einfluss der Politik auf das Leben fortsetzte, kam jetzt der ganz dunkle Teil.
In der Zeit der Sowjetunion verschwand etwa 10% der kompletten litauischen Bevölkerung im Gulag, die meisten davon, um gar nicht mehr, oder als gebrochene Menschen wiederzukommen. Er hatte viele Schilderungen einzelner Leben, einzelner Episoden, die Unterschiede in den Lagern und das ganze System. Es war zu merken, wie sehr wir bei seinem inneren Anliegen angekommen waren.
Wie sehr das Ende dazu passte. Einerseits die Unabhängigkeit des Staates 1991. Andererseits: Erkämpft durch tausende von Zivilisten, die 1991 zum Fernsehturm kamen, dort von der sowjetischen Armee teilweise beschossen und mit Panzern überrollt wurden. Erst als Hunderttausende vor das Parlament kamen, sah die Führung der UdSSR unter Gorbatschow keine Möglichkeit mehr, das ohne Gesichtsverlust weiter zu eskalieren.
Einen Monat später erkannte Island als erster Staat der Welt Litauen an. Woraus aus Dankbarkeit Straße und Bushaltestelle Islandijos hervorgingen.

Vanülle-eis auch
Am Abend, dem letzten in Vilnius, waren nicht mehr experimentierbereit, und wollten Wiederholung. Die Entscheidung fiel zwischen dem besseren Essen (Žemaičių Ąsotis) und dem besseren Sitzplatz.
Wir entschieden für gutes Essen und sehr angenehmen Sitzplatz, draußen, in der Nähe von Islandijos, nahe der Ausgehstraße, aber nicht dieser, sondern in einem Innenhof, wo man ganz wunderbar Literauer*innen beim Ausgehen sehen konnte.
Und für eine Kette fertigte Grill London wirklich ordentliches Essen. Wir aßen wieder die offenbare litauische Leib- und Magen-Vorspeise getoastetes Brot mit Knoblauchkäse (die gibt es selbst fertig im Supermarkt), danach Steak, Hühnerschenkelteriyaki und Brownies.
Zum Glück fuhr uns der Bus den Berg wieder hoch.

Die Reise
- 11. Juli Berlin -> Frankfurt(Oder)
- 12. Juli Frankfurt(Oder) -> Warschau
- 13. Juli Warschau
- 14. Juli Warschau -> Mockava -> Kaunas
- 15. Juli: Kaunas 1 (Art Deco, Stadtgebiet)
- 16. Juli: Kaunas 2 (Essen, Kloster)
- 17. Juli: Kaunas 3 (Kino, Altstadt, Parks)
- 18. Juli: Kaunas->Vilnius
- 19. Juli: Vilnius 1 (Jewish Vilnius, Užupis)
- 20. Juli: Vilnius 2 (Peterpaul, Litvak-Museum)
- 22. Juli: Vilnius 3 (Samuel Bak, Back to the 90s)

Verkehrsmittel
Stand Vilnius Montagabend, vor der Abreise: 4 Fernzüge, 1 Regio, 2 S-Bahnen (Berlin), 2 Metros (Warschau) 5 Trams (2 Ffo, 3 Warschau), 6 O-Busse (4 Vilnius, 2 Kaunas), 1 Expressbus (Vilnius), 11 Busse (5 Vilnius, 3 Warschau, 3 Kaunas); hinzugekommen: 1 Expressbus (Hotel-Akropolis), 1 Trolleybus (Führung-Bahnhof) 2 Bus (Akropolis-Führung, Bahnhof-Hotel)
