Im Südkreuz ein Schwarm Spatzen.
Im Netto Rollbergviertel stehen die ersten Paletten mit Milka-Osterhasen.
Im Kino lernte ich von einem neuen Beruf. Yorck-Kinos suchen eine „Fachkraft Fein- und Sonderreinigung“. Wie ich mir zusammenrecherchierte scheint das eine besondere Spezialisierung für die Erstreinigung nach Neu- oder Umbauten zu sein.
Es waren drei Tage der Arbeit zwischen Eis, Erkältung und Kino.
Wie es sich gehört, sind wir beide mit latenter Erkältung unterwegs. Nie schlimm genug, um wirklich zu sagen „ich bin krank“. Aber doch nervig genug für verstopfte Nasen, gelegentliche Glieder- oder Kopfschmerzen und ein Schlafbedürfnis jenseits des Normalen.
Um Madames Schwimmhallenbesuchsvorsprung nicht zu groß werden zu lassen, verlegte ich die Mobile-Arbeits-Tags-Mittagspause wieder in die Schwimmhalle. Entweder ich werde jetzt gesund oder wenigstens richtig krank.
Wahrscheinlich trägt auch die Stallhaltung unsererseits zum Ansatz einer Unpässlichkeit bei. Aber auf den Eiswegen da draußen möchte mensch keinen Schritt mehr laufen als unbedingt nötig.
Aktueller Stand:
- Auf wenig genutzten Wegen liegt eine Art zu Eis gefrorener Schnee
- Auf sehr stark genutzten Wegen (zB die ersten drei Meter vor dem U-Bahn-Zugang): das Eis wurde durch zuviel Reibung aufgelöst, auf den nächsten drei Metern bilden sich Löcher im Eispanzer, bevor wieder etwas weiter Weg die Eisplatte beginnt.
- Denn auf stark genutzte Wegen wurde das Schnee-Eis durch den Druck der vorbei laufenden Menschen zu blanken Eisplatten komprimiert. Befördert wird das durch die 21. Jahrhundert-Variante des ausgelagerten Winterdienstes, der gerne in Eiltempo mit einem Autolein den Schnee vom Eis fegt und – ohne zu streuen – die Eisflächen übrig lässt.

Die Mall der tropfenden Eimer
Ich war erst auf dem Weg ins Kino und lief durch ein Gebäude, dass mich geradezu anschrie: „Dreh einen Film in mir! Oder fünf! Hole Jim Jarmusch, Aki Kaurismäki und Marion Ade!“
Das Einkaufszentrum Kindl Boulevard im Rollbergviertel hat alles was einen Unort auszeichnet: Eine Mall voll leerstehender Geschäfte, 1990er-billig-Investoren-Architektur, Behörden- und Jobcenterflure in den höheren Stockwerken und eine tiefe Aura der Hoffnungslosigkeit, die seit mindestens 2007 andauert. Ein Mann der durch die Gänge wankte und „Deutschland! Deutschland!“ sang.
Aber wie geballt! Wie ausdrucksstark! Wie geschickt wird die Lost Mall akzentuiert durch den Laden für afghanische Festkleidung (türkische Hochzeitsläden sind nichts dagegen) und das Arthouse Kino.
Noch aber fehlt der Film zum Boulevard. Noch ist der stärkste Anspruch auf Ruhm des Boulvards seine Eimersammlung. Regelmäßig bei Starkregen stehen die ganze Länge des Durchgangs entlang Putzeimer, die den Regen auffangen.
Gleich möchte ich das Drehbuch beginnen: Die einsame Arbeiterin im Asia Imbiss des Marktes, eigentlich Filipina muss sie sich als Vietnamesin ausgeben „um ins Konzept zu passen.“ Ein Cast aus Stammgästen aus Bürgeramt und Jobcenter-Mitarbeitern. Dazu Gelegenheitsbesucher*innen: Jobcenter-„Kunden“, die Wärme brauchen, verirrte Gäste des Arthouse-Kinos und Gäste des Business-Hotels, die ausversehen den falschen Ausgang nahmen. Eine zärtliche Liebesgeschichte zwischen der Asia-Imbiss-Mitarbeiterin und einem Jobcenter-Sachbearbeiter bahnt sich an. Dann entdeckt er, dass sie keinen Aufenthaltsstatus besitzt. Er setzt dadurch eine Lawine von Ereignissen in Gang und muss sich am Ende in die Berliner Halbwelt begeben, um sie wieder zu finden.
一一
Dabei war ich nicht gekommen, um einen Film zu schreiben, sondern um einen Film zu sehen1. Und was für ein Film: 一一 , in lateinischer Umschrift Yī yī. englischer Titel Yi Yi – A one and a two2, ein Klassiker derTaiwan New Wave und Stammgast in „Die besten Filme des 21. Jahrhunderts“-Listen3.
Was für ein spannender Film! Nicht im Sinne von Plot, Spannung, Suspense. Eher im Gegenteil. Der Film vermeidet alles, was mensch in Storytelling-Seminare lernt: Kein Spannungsbogen, keine Emotionalisierung, kein Charakter, der einen als Zuschauer emotional an die Hand nimmt und zur Identifikation auffordert. Aber:
Jede Einstellung ein Gemälde. Jedes Autogeräusch ein Sound. Jede Sekunde voll menschlichem Leben. Der Film vermeidet Konventionen, löst sie geradezu auf, und schafft dadurch eine besondere Atmosphäre. Fast fühlte ich mich wie im Zauberberg – die Zeit aufgelöst, ich fragte mich kurz, gibt es überhaupt eine Handlung?
Dann fiel mir auf: Eine Geburt, eine erste Liebe, eine Hochzeit, ein vielleicht-Suizidversuch, mehrere Ehedramen, ein Mutter-Tochter-Drama, ein Schlaganfall, ein Mord, eine Beerdingung – das ganze volle Leben war in allen Facetten präsent.
Und weil der Film so voll war, mich auch mit einigen Tagen Abstand immer noch dezent überfordert, versuche ich mich auf einige wenige Aspekte konzentrieren4.
Der Plot: Von Hochzeit und Beerdigung
Zentrale Charaktere sind NJ (Vater), Min-Min (Mutter), Ting-Ting (Tochter, 13) und Yang-Yang (Sohn, 8). Der Film beginnt mit der Hochzeit von Min-Mins-Bruder, einem rechten Hallodri, die von des Bruders Ex-Freundin erfolgreich gesprengt wird. Am selben Tag erleidet Min-Mins Mutter einen Schlaganfall und fällt ins Koma.
Wie es sich für eine Familie gehört, löst sich die Handlung in zahlreiche Subplots auf (Min-Min im Kloster, NJ trifft seine Jugendliebe wieder, Ting-Ting (sie und ihre beste Freundin Lili haben nacheinander denselben Freund, der auch mit Lilis Mutter zusammen ist, die wiederum eine Affäre mit Lilis Englischlehrer hat, mit dem auch Lili eine Affäre beginnt), der drohende Untergang mit NJs Unternehmen) und bei der Beerdigung der Großmutter wieder zusammenzufinden.
Straßengrundrauschen
Irgendwann fiel mir auf: Ich höre im Film nur Musik, wenn auch die Charaktere selber Musik hören. Sei es Hintergrund in einer Bar, jemand spielt Klavier, jemand singt.
Dann fiel mir auf: Eigentlich höre ich immer das, was die Charaktere auch hören. Vielleicht Musik, vielleicht eine röhrende Küchenmaschine, vielleicht einen Streit aus der Nachbarwohnung, sehr oft höre ich Autos, denn die Geschichte spielt in der Großstadt. Es schafft eine ungahnte Unmittelbarkeit.
Noch später fiel mir auf: Ich höre nicht „einfach“ das, was jetzt realistisch wäre. Alles hat Rhythmus, alles rahmt die Handlung, setzte Akzente. Fußböden quietschen als würden sie sagen „Hotel mit Vergangenheit für Menschen mit Vergangenheit“, Straßen erzeugen ein prägnantes Hintergrundrauschen. Alles im Fluss.
Filme vom Leben
Irgendwo in der Zeitlosigkeit des Film gehen Ying-Ying und ihr Freund ins Kino und unterhalten sich. Sie bevorzugt RomComs, er realistisches Drama. Sie: „Warum Filme ansehen, die einfach vom normalen Leben handeln. Wäre es nicht sinnvoller, einfach rauszugehen und zu Leben.“ Er: „Mein Onkel sagt, seitdem das Kino erfunden wurde, leben wir dreimal so lang wie zuvor.“
Später: Yang-Yang macht mit seiner neuen Kameras Fotos von Hinterköpfen und schenkt sie den fotografierten. „Damit du das sehen kannst, was du sonst nicht siehst.“
Belgrad- A Coruna – Malcom F.
Auf Geschäftsreise in Belgrad.
Auf Privatreise. Einfach mal in den Bus steigen.
How Browsers work – in interaktiv. (via Stefan)
Haselantische Zugabe
Vorscht! Bitte nicht scheten. (Prompt: Erstelle mir eine Illustration zum vorhergehenden Text)

Anmerkungen
- Yorck-Unlimited-Besuch No. 7 – ergo 34€ pro Besuch. ↩︎
- 一 ist das Zeichen für eins. 一一 als eins, eins bezeihungsweise normalerweise gemeint als „eins nach dem anderen.“ Schreibt man die Striche nicht nach- sondern übereinander, ist es das Zeichen für zwei. ↩︎
- Was meine Banausigkeit unterstreicht mit der ich von diesem Film das erste Mal in meinem Leben vor etwa zwei Wochen erfuhr. ↩︎
- Nur als kleine Anmerkung was noch alles ginge: Ein langer Text, der sich mit dem Einsatz von Hokkien, der indigenen Sprache Taiwans, im Unterschied zum chinesischen Mandarin befasst: Feeling Seen: Edward Yang’s Yi Yi ↩︎